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Examensarbeit aus dem Jahr 2004 im Fachbereich Kunst - Malerei, Note: 2, Universität der Künste Berlin, Sprache: Deutsch, Abstract: Einleitung In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit dem Gemälde „Der Traum“ von Henri Rousseau aus dem Jahr 1910. Vor der Betrachtung des Gemäldes gebe ich einen kurzen Überblick über zeitgeschichtliche Aspekte in Frankreich um 1900. Nach einer Bildanalyse zeige ich auf, warum diesem Gemälde in der Kunstgeschichte solch ein wichtiger Stellenwert zugeschrieben wird. Im ersten Teil der Arbeit lege ich dar, an welchem Punkt sich Rousseau und die Französische Malerei um 1900 befanden und welcher kunsttheoretische Diskurs mit und von der Avantgarde1 in Paris geführt wurde. Nach einer kurzen Darstellung der Biografie Rousseaus und einem Überblick über die französische Malerei um 1900, werde ich dann im zweiten Teil der Arbeit Rousseaus Gemälde „Der Traum“ betrachten, analysieren und interpretieren. Die kunstwissenschaftliche Einordnung von Rousseaus Gemälde und welche Wirkung es auf die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ausübt, bildet den dritten und abschließenden Teil dieser Arbeit. Anhand der Bildanalyse wird Rousseaus Arbeitsweise und künstlerische Haltung exemplarisch dargestellt. Weiterhin soll durch die erhaltenen Briefe und überlieferten Aussagen von Rousseau zu seiner Malerei ein ungefährer Eindruck seiner Persönlichkeit und seiner künstlerischen Haltung entstehen. Bei dem Gemälde handelt es sich um eines der wahrscheinlich letzten und größten Gemälde Rousseaus, welches zu der Reihe seiner „Urwaldbilder“ gezählt wird. Seine anderen „Urwaldbilder“ habe ich ausgeklammert, da deren Untersuchung den Umfang dieser Arbeit sprengen würde. So gehört das Gemälde „Der Traum“ zu einem der Werke Rousseaus, das durch zahlreiche Reproduktionen als Poster und Postkarten allgemein bekannt ist. Meinerseits kannte ich Rousseaus Gemälde schon seit meiner frühen Kindheit von einer Abbildung aus einem Kinderbuch.2 Ohne darauf geachtet zu haben, wer eigentlich der Maler war, fand ich das Bild schon damals interessant zu betrachten und es hinterließ bei mir immer wieder einen merkwürdigen Eindruck. Anlässlich der Ausstellung „Das MoMA in Berlin“, in der Neuen Nationalgalerie 2004, hatte ich nun die Möglichkeit, Rousseaus Gemälde „Der Traum“ zum ersten Mal im Original zu sehen. So konnte ich meine vage Erinnerung an das Gemälde in der Ausstellung auffrischen und das Original betrachten, um es nun im Folgenden wissenschaftlich analysieren zu können.
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Veröffentlichungsjahr: 2005
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Anlässlich der Ausstellung „Das MoMA in Berlin“, in der Neuen Nationalgalerie 2004, hatte ich nun die Möglichkeit, Rousseaus Gemälde „Der Traum“ zum ersten Mal im Original zu sehen. So konnte ich meine vage Erinnerung an das Gemälde in der Ausstellung auffrischen und das Original betrachten, um es nun im Folgenden wissenschaftlich analysieren zu können. Methodisch gesehen enthält die vorliegende Arbeit zwei Herangehensweisen: Nach einer historischen Einordnung von Henri Rousseau im ersten Teil werde ich im zweiten Teil das Gemälde als ein autonomes und nur auf die Situation des Dargestellten bezogenes Werk im Sinne eines inhaltlichen und formalen Gefüges betrachten.
Im dritten Teil der Arbeit steht das Gemälde beispielhaft im Zusammenhang mit einer über den unmittelbaren Entstehungsanlass hinausreichenden Beziehung zur naiven Malerei und stellt deren Relevanz für das Bild in Form einer grundsätzlichen Fragestellung dar.
Abschließend werde ich klären, ob es überhaupt gerechtfertigt ist, das Gemälde dem Stilbegriff der „Naiven Malerei“ zuzuordnen.
Am 21. Mai 1844 wurde Henri-Julien Félix Rousseau in Laval im Département Mayenne in Frankreich geboren. Als drittes Kind des Klempners und Eisenwarenhändlers Julien Rousseau und dessen Frau Eléonore Rousseau, geb. Guyard wuchs er in einer finanziell schwierigen Situation bei seinen Eltern auf. Bei seinem Schulabschluss erhält Rousseau 1860 eine Auszeichnung im Singen und Zeichnen.
1861 zieht er mit der Familie nach Angers um. Dort beginnt er bei einem Anwalt zu arbeiten. Bei seiner Arbeit stiehlt er zwanzig Francs, einen Teil davon in Briefmarken; er wird erwischt und kommt vor Gericht. Wohl um seine Strafe zu mildern, verpflichtet er sich freiwillig für sieben Jahre zum Militär. Dennoch wird Rousseau im Februar 1864 zu einem Monat Gefängnis verurteilt.
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1867 scheitert der Versuch Frankreichs, in Mexiko Fuß zu fassen und der dort eingesetzte französische Kaiser Maximilian wird hingerichtet. Zwei Bataillone von Rousseaus Regiment gehen nach Mexiko. Er selbst jedoch nicht. Später behauptete er, dass er in Mexiko diente.31868 stirbt sein Vater und Rousseau scheidet vorzeitig aus der Armee aus. 1869 heiratet Rousseau die
achtzehnjährige Schneiderin Clémence Boitard, mit der er sieben Kinder bekommt, wovon nur zwei das Erwachsenenalter erreichen. Am 19.Juli 1870 erklärt Napoléon III. Preußen den Krieg, wodurch Rousseau am 20. Juli zum Kriegsdienst eingezogen wird. Im Dezember 1871 bekommt Rousseau eine Stelle beim französischen Zoll in Paris. Seine Aufgabe bestand darin, an einer Zollstation am Rande von Paris Abgaben von den örtlichen Bauern, die ihre Waren auf die Pariser Märkte brachten, zu erheben. Daher stammt sein späterer Spitzname „Der Zöllner“. Diese Arbeit, laut einer erhaltenen Personalliste als Verwaltungsangestellter zweiter Klasse, ließ ihm vermutlich genug Zeit, um nebenher zu malen.4Im Jahr 1884 erhielt Henri Rousseau eine Erlaubnis, Kopien und Skizzen von Gemälden in den staatlichen Museen von Paris anzufertigen.5„Erst 1885, nach vielen Enttäuschungen, begann ich zu malen, allein, ohne einen anderen Lehrmeister als die Natur und einige Ratschläge von Gérôme und Clément.“6
Von 1886 an stellte er jedes Jahr, ausgenommen 1899 und 1900, im „Salon des Indépendants“ aus. Dieser Ausstellungsort in Paris war die Plattform der Avantgarde Künstler im Gegensatz zu dem „Salon des Artists Francais“ in Paris, der die offiziell anerkannte und etablierte Kunst repräsentierte. Für den „Salon des Indépendants“ gab es keine Jury und gegen eine gewisse Gebühr konnte jeder „unabhängige“ Künstler dort ausstellen. Seine erste Frau Clémence stirbt 1888 mit 37 Jahren an Tuberkulose. 1889 findet die Weltausstellung in Paris statt. 1891 zeigt Rousseau sein erstes Urwaldbild im „Salon des Indépendants“ und wird in einem Artikel des Kritikers Félix Valloton gelobt. Im Jahr 1893 geht Rousseau im Alter von 49 Jahren mit einer kleinen Rente vorzeitig in Pension. „Um sein kärgliches Budget ein wenig aufzubessern, gab er Unterricht im Aquarellieren oder Musizieren,
3Kunsthistoriker und Rousseau-Forscher wie z.B. Dora Vallier und Götz Adriani sehen das heute als
Fantasie an.
4Rousseau war Autodidakt, d.h. er hatte sich das Malen selbst beigebracht und hatte nie an einer
Kunsthochschule studiert.
5Es ist anzunehmen, dass er die Urwaldlandschaften nach Studien aus dem Botanischen Garten in Paris
zeichnete
6Flemming, S.21, Auszug aus einem Brief Rousseaus vom 10.07.1895 zu seinem Lebenslauf
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beteiligte sich an Straßenkonzerten und geigte in Hinterhöfen,“7schrieb der zeitgenössische Kunstkritiker Guillaume Apollinaire. Seine zweite Frau Josephine eröffnet 1901 einen kleinen Schreibwarenladen, in dem sie wohl auch Rousseaus Bilder zum Verkauf anbietet. Am 14. März 1903 stirbt Josephine mit 51 Jahren.
Von 1902 bis 1909 unterrichtet er bei der Association Philotechnique, einer Art Volkshochschule, Kurse in Fayence-, Porzellan-, Aquarell- und Pastellmalerei. Im Januar 1909 wird Rousseau wegen eines Bankbetrugs zu einer Geldstrafe und zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Beim „26. Salon des Indépendants“ 1910 stellte Rousseau erstmalig das Gemälde „Der Traum“ aus. Am 2. September 1910 stirbt Rousseau an einer Blutvergiftung in Paris im Alter von 66 Jahren. Rousseau wird am 4. September auf dem Friedhof Bagneux beerdigt. 1911 wird beim „Salon des Indépendants“ eine erste Retrospektive mit 44 Werken und zwei Photographien gezeigt. Der deutsche Kunsthistoriker Wilhelm Uhde veröffentlicht die erste Monographie. Bei der kurz darauf folgenden Ausstellung „Der Blaue Reiter“ in München sind Rousseaus Gemälde mit vertreten. Durch den Verkauf zweier Gemälde Rousseaus finanzieren Delaunay, Picasso und Rousseaus ehemaliger Hauswirt Armand Queval 1912 eine Grabkonzession für 30 Jahre. Apollinaire verfasst die Grabinschrift8, die von Brancusi auf den Grabstein übertragen wird.
