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HERBSTFÄDEN Roman einer Dissoziation Astrid ist noch jung und versucht doch schon einen Neuanfang zu leben. In ihrer Neugier verfängt sie sich in einem Gewirr von Geschichten verwirrender Begegnungen, die wie Spinnweben im Herbst, halb sichtbar und veränderlich, ein Muster zu ergeben scheinen. Wer ist verantwortlich für die vielen Todesfälle in ihrer Umgebung? Doch ihre detektivischen Bemühungen scheinen stets zu ihr selbst zu führen und zeigen die Vergänglichkeit einer Lebensbemühung.
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2018
In den Phasen des Nichttuns, die sie hinter sich bringen musste, begann ihr Denken so widerstandsfrei in die erschreckendsten Szenarien abzugleiten, um so offenbar die Illusion von Geschehen und Emotion wie in einem Film abzurufen. Es begann in Albträumen. Wenn die Schlaflosigkeit diesen Weg unterband, wurde die Realität des Tages eingefärbt und so nachhaltig verändert, dass auch sie selbst, die diesen Prozess schon als ihren lebenslangen Begleiter kannte, seiner immer noch zu spät gewahr wurde.
Zitternd blieb sie im Bett liegen und erdachte sich die Realität.
Der Regen tat sein Übriges.
Nun ja.
Der Regen floss die Fensterscheiben entlang wie in einem Bachbett.
Die Feuchtigkeit fing sich in der Wärme der Luft und bildete einen Dunstschleier in den Lungen. Das sorgfältig gesammelte Moos auf der Fensterbank hatte sich schon vollgesogen; die ganze kleine Welt begann sich bereits in Richtung Hauswand zu bewegen. Unaufhaltsam.
Es stürzte das Herz des faltigen alten Mannes in Verzweiflung.
Die Zimmertür begann sich zu öffnen, gespiegelt im Fenster und merkwürdig langsam. Überhaupt schien sich seit kurzem die Zeit in anderen Dimensionen zu bewegen und er verbrachte lange wache Phasen in dem Bemühen, die Änderung zu begreifen.
Der weiße Stoffberg (weiche Falten!...Er hätte gern sein Gesicht darin vergraben), der sich so plötzlich vor ihm befand, enthüllte sein grinsendes Gesicht schräg gelegt. Warum so schief? Würde er sich so leichter daran gewöhnen, dem Lächeln zu folgen?
„Kommen Sie mal bitte mit...es ist Zeit zum Mittagessen!“
Mittag? Es war ihm immer wichtig gewesen, alles zu begreifen.
Aber seine begreifbare Welt schien immer kleiner zu werden. Er hatte sich stets mit Händen und Füßen gewehrt, seine eigenen Grenzen ohne Erklärung des Neuen zu verlassen, aber mittlerweile verschwammen die Grenzen und zogen sich zusammen, so dass die gesamte äußere Welt zu erwarten schien, ein freundliches Gesicht (schräg gelegt!) solle ihm Anlass genug sein in das unbekannte Draußen zu folgen. Er aber fühlte sich nur wohl in den Resten des ihm Bekannten.
Es war ihm egal ob er ein Bett hatte, ob es warm war, oder ob er ausreichend zu essen bekam (es sei denn, es roch so gut, dass seine Finger ihm etwas stibitzten von den Tellern der Freiluftgäste auf dem warmen Pflaster der Stadt - wie zum Teufel kam er dahin?).
Wichtig aber war ihm, dass er mit den Bruchstücken der Natur, die ihm ertastbar waren, in Ruhe beisammen sein konnte. Sie tankten gemeinsam mit ihm die Reste der Sonne am Abend und er musste sich oft genug bei ihrer Präsenz entschuldigen, wenn es wieder Ärger gab und „das Gebrösel“ entsorgt wurde.
„Kommen Sie jetzt? Ich bringe Sie noch zur Toilette...“ Er zeigte vage in Richtung des Holzstuhles (eine erfreuliche Sache, konturiert, mit Maserung, gut zu tasten) „Ihren Beutel wollen Sie wieder mitnehmen?“ Er würde den Teufel tun und mit dieser Frau sprechen - überhaupt wusste er gar nicht, warum er den Beutel wollte, also musste er der zwangsläufig folgenden Frage nach dem Zweck seiner Mitnahme ausweichen, indem er unauffällig die Decke betrachtete. Die Frau nahm den Beutel trotzdem. „Den wollten Sie doch, Herr Landsberg? Oi, ist der schwer - was ist denn da drin?“ und klappte schon die beiden Jutegriffe auseinander. Er riss ihn ihr aus der Hand. „Nuscht!“ Neugieriges Luder! Er riskierte hinter ihrem Rücken trotzdem einen Blick hinein. Er wusste, der Inhalt musste wichtig sein, wenn er jeden interessierte.
„Sie melden sich, wenn Sie fertig sind!“ Warum? Stand da ein Versprechen dahinter? Er platzierte vorsichtig das Moospölsterchen aus seinem Beutel in die Toilette. Er liebte es, auf Moos zu pinkeln. So geräuscharm und still; das sich vollsaugende Moos änderte beständig dort die Farbe, wo der Harnstrahl es traf. Man konnte so wunderschöne Muster erzeugen. Leider blieb er im Drehen an der Klingelschnur hängen.
„Oh nein, Herr Landsberg, doch nicht schon wieder! Ich habe ihnen doch gesagt, das Klo verstopft...“ und zog sich mit einem Schnappen einen Handschuh über „wir müssen das immer mit der Hand raus fischen und das ist nicht sehr angenehm!“. Das blöde Grinsen hatte sich endlich verzogen. „Wo haben Sie das überhaupt her?“ und griff nach dem wichtigen Beutel, in dem sich kein Moos mehr, aber noch andere wertvolle Dinge fanden. Er riss ihn ihr weg und nahm sich selbst mit dem Schwung fast das Gleichgewicht, weil ein Henkel des Beutels noch am Griff der Krücke hing.
„Darf ich da nicht hineinschauen?“ Die Vehemenz seiner Abwehr hatte ihr den Schwung genommen, sie war froh, ihn noch auf beiden Beinen zu sehen und brachte ihn endlich in den Speisesaal. Misstrauisch beäugt von alten Augen, so vielen, dass er sofort am Tisch anfing, seinen Schutzwall aufzubauen. Dass die Schwestern ihre Köpfe schüttelten, war ihm egal. Er wollte in Ruhe essen.
Er streichelte versonnen die Reihe von runden Kieseln um seinen Teller.
*
Die junge Frau hatte den Mann schon öfter beobachtet. Sie sah durch die feuchten, widerspiegelnden Scheiben den Halbkreis von Steinen um seinen Teller und musste schmunzeln. Er hatte sich einen Schutzwall errichtet. Er verteidigte seine eng gewordene Welt gegen Eindringlinge.
Im Grund war ihr unverständlich, wie man einen so naturnahen Geist wie seinen in einem so sterilen Rahmen verwahren konnte. Sicher stand im Endeffekt neben dem Bemühen, dem Alter ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, ganz profan auch der Zwang diese vielen Individuen gemeinschaftlich aufzubewahren und zu verwalten. Eigentümlichkeiten mussten auf einen mittleren Schnitt zurückgestutzt werden, um diese Aufgabe überhaupt bewältigen zu können und letztendlich auch jedem der Verwahrten eine gleichmäßige Aufmerksamkeit zukommen lassen zu können.
Sie sah ihn noch in einer Ecke des Gartens umrahmt von Erden, Moosen und Rinden, abwechselnd mit angeschmutzten Fingern seinen nachwachsenden Bart betastend und neue Eindrücke in seiner Umgebung mit diesen wässrigen blauen Augen sammelnd. Dann war eine dieser properen Schwestern gekommen und hatte ihn hochgerissen, seine Hose abgeklopft wie einem Kind und ihn mit sanfter Gewalt in Richtung Haupthaus geschoben. Sein Beutel, klein und weiß wie er selbst, blieb. Blieb liegen und wurde später von einer Frau im weißen Kittel, die aussah wie ein Mäuschen, abgeholt.
Die Arkaden rund um den öffentlich zugänglichen Innenhof mit der großen Kastanie bibberten noch lange nach von seiner versteckten Wut.
Sie sollte den alten Mann noch oft beobachten.
Sie hockte sich auf ein Mäuerchen und überlegte. Sie überlegte sich, dass, wenn einer keine Antworten mehr bekam, er einen Ort finden musste, an dem er sich keine Fragen mehr stellen musste.
Spätestens im Alter sollte man zu sich finden dürfen, damit das Leben sich erfüllen kann. Sie räusperte sich und stand auf. Klopfte sich die Hose ab.
Es gibt einen Punkt, an dem das Gemüt überfordert ist mit der Suche nach einem Weg, während der Horizont sich fortwährend einengt. Letztendlich ist der Weg egal, es ist nur wichtig, in seinem ureigensten Rahmen fortwährend Eindrücke aufnehmen und Erfahrungen sammeln zu können. Der Wille hemmt oft die Magie des klaren Erfassens und schnellen Entschlusses.
Später war ihr nicht mehr bewusst, ob sie alle diese verschränkten Überlegungen in einem Gespräch gefasst hatte. Sie sollte den alten Mann wieder und wieder beobachten. Stets bereicherte sie ein neuer Gedanke.
*
Warten - an einem stillen Ort. Aufgeben. Aufgeben, bis ein Stück von einem abfällt, das hart geworden war. Krank. Dann Neuerung.
Die vier Ebenen
Fläche
Begrenzung
Raum
Motivation
Der Morgen begann mit einem faden Geschmack im Mund. Der Kaffee spülte nur Teile davon weg, die Zahnbürste mühte sich vergebens.
Sie ärgerte sich, dass sie das Auto nehmen musste, denn vor dem Laden würde sie keinen Parkplatz finden; und wieder mit der Bahn ab der Endhaltestelle fahren? Sie hatte heute eine Scheu davor. Es war auch eigentlich zu teuer, ein kleiner Luxus für die Nerven. Aber es regnete wieder. Und das Fahrrad würde auch wieder die Luft verlieren.
Sie parkte in der Seitenstraße, rutsche beinahe auf dem Kopfsteinpflaster aus und verlor dabei die letzte Lust.
Astrid befand sich auf dem Weg zur Arbeit. Keine Arbeit war für sie zu banal, dass sie ihr nicht eine weltumspannend wichtige Bedeutung zuordnen konnte. Wenigstens zeitweise. Meistens scheiterten diese Projekte auf Dauer an ihrer Erweiterbarkeit oder an der herben Realität menschlichen Umgangs. Es konnten scheinbar nur begrenzte Erfolge in der Einübung höflicher Umgangsformen erzielt werden - jeder schätzt sich selbst schließlich auch wegen seiner unverwechselbaren Andersartigkeit - und seltsame Blüten treibt der Widerstand gegen die Freundlichkeit.
Dennoch tat es gut, sich vorübergehend einer weitgehend von Planung freien, sich selbst aufzwingend notwendigen Tätigkeit zu widmen und in ihrer Dringlichkeit zu versinken.
Astrid ging vorbei an diesen dekorierten Fenstern: Fensterbilder, gewellte Plastiktöpfe; in alten dunklen Eckkneipen, in Wohnungen, in Treppenhäusern. Die Bildchen verfolgten sie bedrohlich und vermittelten wie zum Trotz eine heimelige Atmosphäre. Die schien ihr darin begründet zu sein, dass soviel Pusselkram die Ruhe des Besitzers ausdrückte, anzuordnen und zu pflegen. Sie wünschte sich oft, diese Ruhe in sich zu tragen. Sie war ihr im Laufe des Lebens abhanden gekommen.
Die Gasse, in der sich die Werkstatt befand, schlief noch, wie abgetrennt vom Rest der Stadt. Astrid erreichte sie zwischen zwei Häusern vom Hinterhof her hervortretend. Das war die Abkürzung die sie gerne wählte. Verstohlen, denn sie war schon aus den Fenstern heraus angepöbelt worden. Vor aggressiven Hausfrauen hatte sie mehr Respekt als vor so manch anderer realer Gefahr. Die Gasse war viel zu schmal, um einer ernsthaften Möbeltischlerei Raum bieten zu können, denn jeder neuzeitliche Lieferwagen akzeptabler Größe hätte sich an den dicht stehenden grauen Fassaden die Stoßstange ausgebissen. Zudem erschwerten große graue Halbkugeln als steinerne Poller die Navigation, als gelte es, den ruhenden Raum noch weiter zu beruhigen. Das fahlrote Pflaster changierte im Morgenlicht zu grau-gelber Tönung und gab der Szenerie etwas unwirklich bildhaftes unter dem strömenden Regen.
Astrid sah auf die Uhr. Sie schlenderte nur noch, denn sie war ohnehin durchnässt und hatte die Zeit gut eingeholt, die sie morgens stets bis an die Grenze der Panik hin ausdehnte.
Sie mochte die Gasse: sie war einer der wenigen Orte der sich erneuernden Stadt, der etwas staubig Verlassenes bewahrt hatte, ein Zustand, der ihr stets verheißungsvoll erschien. Die Erneuerung war hier noch nicht eingetreten, verhieß noch Hoffnung und konnte noch keine negativen Spuren hinterlassen haben. Die Realität ließ die Vorstellung stets in einem Kranz unschöner Notwendigkeiten ersticken. Daran waren viele ihrer Entwürfe gescheitert. Sie hatte nicht gelernt, die Freuden einer erledigten Arbeit nachzuempfinden, sie nahm das perfekte Ergebnis gedanklich vorweg und konnte es dann nicht erreichen. So bestand ihr Entwurf meist aus einem Anforderungskatalog und einem Bild, das sie im Kopf versuchte, zu perfektionieren, anstatt einen Punkt nach dem anderen abzuarbeiten.
Hier in der Gasse war nichts zu tun, denn es wäre zu viel gewesen.
Über dem Schaufenster, dessen Jalousie sich nicht mehr bewegte - glücklicherweise war sie oben hängen geblieben - prangte in verblichenen Goldlettern der Name „Holzmann“. Nomen est Omen. Ein abgeschmackter Scherz. Geschnitzte Holzsäulen rahmten es und gaben der Sache den urbanen Anstrich: große Städte konnten sich nicht leisten, ihre überkommenen, dreckigen und verarmten Ecken zu entfernen. So blieb die übersatte deutsche Identität unbemerkt.
Das Holz platzte auf. Ein Riss lenkte den Blick direkt auf die Toreinfahrt die, ebenfalls mit einem Jalousie-Tor versehen, den firmeneigenen Rapid barg, verbeult und dreckig-weiß. Alles in allem ein harmonisch antikes Bild, wenn da nicht im Schaufenster die dickwandigen, abgerundeten, grün-getupft-gepolsterten Möbel der Werkstatt angepriesen würden. Sie hatte vergebens versucht, durch Dekoration dem Ganzen zaghaft einen etwas zeitgemäßeren Anstrich zu geben. Ihre großartigen Ideen dagegen fanden keinen Anklang, noch nicht einmal Gehör.
Am anderen Ende der Gasse erschien gebeugt und in eine speckige Lederjacke gezwängt ein Mann, jünger als er aussah, die versteinerten Gedanken in sein Gesicht geprägt.
Der Holzmann war wütend. Er war wütend, weil er sie vor der Tür im Regen stehend vorgefunden hatte und ihm bewusst wurde, dass er sich verspätet hatte. Er kläffte aus faltigem Gesicht: „Frau Hedron, was versprechen Sie sich davon? Bei dem Regen kauft doch sowieso keiner ein.“
Es war einfach nur lächerlich. Selbst sein schiefes Grinsen brachte sie nicht dazu, die dumme Bemerkung als Scherz abzukaufen. Sie nahm den ihr galant überlassenen Vortritt und tropfte den Laden als erste voll. Die Werkstatt war noch verwaist. „Kommen Sie, heute haben wir mal Zeit. Sie könnten uns ein Käffchen kochen und dann reden wir über ihre großen Ideen.“
Die Kaffeemaschine fauchte den dunklen Haarschopf an, der hinter der mehrfach geteilten Glaswand erschien, die den Verkaufsraum altmodisch und urig von der Werkstatt trennte. Diese Besonderheit war es gewesen, die sie damals magisch in den Bann zog und sie zwang, ihre Dienste bei dem absonderlichen hageren Mann anzubiedern, der gerade eine Verkäuferin suchte. Natürlich war sie überqualifiziert und doch förmlich prädestiniert für diese Nische, in der sie sich vor zu hohen Ansprüchen verstecken konnte.
Die Kaffeekanne klemmte unter dem Filter als Astrid auffiel, dass der Haarschopf zu einem jungen Mann gehörte. Nicht grau, dunkel. Nicht gebeugt, nicht schlecht gelaunt. Sie hatte ihn in den letzten Wochen, seit der Werkstattmeister kränker wurde, schon öfter gesehen. Jedoch hatte sie nie realisiert, dass er zur Werkstatt gehörte. Hätte sie nicht davon wissen sollen? Sollte er hierbleiben, war er schon hier? War er der Grund, warum der Chef das Gespräch mit ihr suchte? Jemand, der der ihre Ideen umsetzen sollte? War endlich die Zeit gekommen, mit ihren Konzepten der Absonderlichkeit dieser kleinen Möbelschreinerei einen Kultstatus zu verleihen, die sie über trockene Modewellen hinweg tragen würde? Eine vermessene Hoffnung breitete sich in ihr aus. Milch. Zucker. An alles denken.
Der Holzmann hockte wie ein dürrer knorriger Baumgeist auf einem überkommenen Kniestuhl. Sein graues Gesicht leuchtete aus allen Falten heraus, so sehr bewegte ihn seine eigene gute Laune. Die Fratze des Baumgeistes wurde kurz von Jalas blondem länglichen Gesicht überlagert. Die noch ausstehende Trennung von Jala machte Astrid doch zu schaffen. Entliebt. Was für ein blödes Wort. Sie würde ihrem Leben einen komplett neuen Abschnitt verordnen. Hier. Jetzt.
„Sie wissen ja, dass ich Innenarchitektin bin. Viel mit Holz gearbeitet habe...“
„Ja ja, Innenarchitektin. Haben sie den jungen Mann in der Werkstatt schon begutachtet?“
„Die Haare nur...“ Ihr Satz klang fragend aus.
Der Holzmann strich sich im Reflex über den grauen struppigen Schopf, sah sie verwundert an, fast zornig. „Nun ja, prima Ideen, nah am Genie“, seine zottigen Augenbrauen sprangen sie an, „finde ich! Unser Neuer.“
Der alte Meister war also tatsächlich weg. Sie entschloss sich, jetzt den Vorstoß zu wagen. „Vielleicht hätte er ja Interesse mit mir - und Ihnen - ein völlig neues Konzept zu Raumgestaltungen zu erstellen.“
“Hmmm... Innenarchitektin, wie? Ich erinnere mich. Hatten Sie zu Anfang erwähnt. Dekoration und so. Wir könnten sicher überlegen, auch Kleinigkeiten zur Verschönerung anzubieten. Bin immer an netten Ideen interessiert. Er ist auch Innenarchitekt übrigens. Hat das aber richtig gelernt. Schon mal eine Säge angefasst. Und prima Ideen!“
„Bitte schön, Sie hören nicht richtig zu!“, die Zornesröte überflutete sie, „Auch ich habe schon eine Säge angefasst. Aber darum geht es nicht. Immer mehr Halböffentliche wie Arztpraxen richten sich mit Kunst ein. Schlecht gewählt und nicht zum Mobiliar passend. Denken Sie nicht, da wäre ein Markt zu schaffen? Kunst ist teuer, Kunstgewerbe dagegen und skulpturale Elemente,kann sich jeder leisten. Wäre das nicht was für uns? Spielecken für Kinder, haptisch und optisch ansprechend, unverwüstbar aus Holz...“
Er unterbrach sie: „Es gibt genügend Hersteller von Holzspielzeug. Mit solchem Krempel geben wir uns nicht ab!“
Hatte sie es verkehrt angefangen? Wollte er nicht wissen, wie wunderbar seine urige Werkstatt bei diesen naturverbundenen Intellektuellen ankommen würde, wie sich alles zu einem lukrativen Ganzen und vor allem zu einer Beständigkeit in der Auftragslage entwickeln würde. Eine Nische füllen mit einem Gesamtkonzept, individuell variiert und doch unverkennbar eins.
Der Holzmann reagierte brüskiert. „Ja hören Sie mal! Wo denken Sie denn hin! Sie wollen doch nix neues entwickeln; Sie wollten doch den Verkaufsraum ein bisschen hübsch gestalten.“
So leicht wollte Astrid jetzt nicht aufgeben. „Das haben Sie verkehrt verstanden. Nach meiner Meinung brauchen Sie ein neues Konzept für den Verkauf, nicht für den Verkaufsraum. Ich hatte gehofft, der Neue...“
„Das ist einer, der bringt bewährte Strategien mit neuer Technik zusammen. Schwere Holzbohlen, die wie magisch im Raum hängen an nur ganz zarten Drahtseilen. So was ist momentan gefragt. Natürlich müssen wir nochmal schauen wie das so richtig funktioniert. Aber: wir gehen mit der Zeit: hübsche Frauen im Verkauf, hübsche Möbel beim Kunden. Hähä.“. Er gab ihr einen freundschaftlichen Knuff. „Ich sehe Sie doch so gern hier vorne bei mir.“
Astrid fing an, zu kochen. Beim Thema bleiben! „Fragt sich nur, wem ich auf lange Sicht noch etwas verkaufen soll.“
Der Holzmann hob eine Augenbraue und sah sie dümmlich lächelnd an. Der Kaffee dampfte still.
„Ich gehe auch mit der Zeit.“
Will er nicht einlenken? Nicht zuhören? Nicht wenigstens seinen eigenen Gesprächsfaden wieder aufnehmen? Er hob die zweite Augenbraue auch noch. Also dann..
Sie konnte nicht widerstehen: „Die Zeit ist gekommen.“
Das war platt. Aber der Holzmann reagierte: er runzelte die Brauen. Jetzt musste sie nur noch gehen, um dem Kalauer die Würze zu geben. Sie war also dabei sich um ihren Hals zu reden. Wenigstens um ihren Verdienst. Aber: in vielen Jobs hatte sie davon geträumt, ein passendes Schlusswort zu finden. Und nie hatte man ihr so dick den Machismo aufs Brot geschmiert. Gut so. Sie drehte sich um und ging. Morgen würde sie wieder hier erscheinen müssen für die letzten drei Monate der Kündigungsfrist.
Erst als sie die Tür erreichte, fing der Holzmann an, zu lamentieren. „Geben Sie uns Jungs doch eine Chance. Sie kennen den jungen Mann doch gar nicht!“ Die letzten Worte wurden durch die zufallende Tür gedämpft. Sie würde ihn nicht kennenlernen. Sie würde ihn übersehen.
Auf der Straße merkte sie, dass sie einen klebrigen Kaffeelöffel in die Manteltasche stopfte.
*
Was würde nun geschehen? Sie war unentschuldigt der Arbeit ferngeblieben. Sie musste formell kündigen. Sie musste dringend nach Hause und ein Kündigungsschreiben verfassen. Sie musste sich schnellstens um eine neue Arbeit bemühen. Einen Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte sie noch nicht, selbst wenn sie den wunderlichen Alten überzeugen konnte, dass eine weitere Zusammenarbeit unter diesen Umständen nicht wünschenswert wäre und er besser ihr kündigen sollte. Wie zum Teufel sollte sie jetzt ihr Geld verdienen? Wer engagierte eine, deren Studium schon so lange zurücklag. Eine, die in der Zwischenzeit den Lückenbüßer gespielt hatte. Ab in eine Kneipe? Zum Arbeiten? Vielleicht. Ab in eine Kneipe. Zur Besinnung. Auf jeden Fall. Sie setzte sich dicht an die große Scheibe, starrte nach draußen in die diesige Vormittagsluft nach dem Regen. Ihre linke Hand ließ den Kaffeelöffel in der Manteltasche zwillen, während die Rechte den Zucker auf dem Tisch aufreihte. Der Typ vom Nebentisch lachte. Der Tresen nahm eine gelb-goldene Färbung an, als die Sonne endlich durchbrach. Der Typ vom Nebentisch saß auf einmal neben ihr. Sie spürte seine Anwesenheit im Rücken. Als sie sich umdrehte hatte auch er Jalas Gesicht.
Sein Lächeln umschmolz sie. „Was ist Dir denn widerfahren? Ich hab gleich gesagt, dass Du die Arbeit in der Schreinerbude nicht lange aushalten würdest. Oder was verschlägt Dich sonst um die Zeit hierher?“ Oh bitte nicht auch er. Es war Jala. Auch er hatte sich im Laufe der Zeit in ein echt männliches Individuum verwandelt. Der Mann am Tresen grinste blöd, während er sich neben dem Billardtisch neue Kippen zog.
Es versetzte ihr einen Stich. Sie wollte aufspringen und weglaufen; im gleichen Moment sie wollte ihn lieben. Egal. Es blieb ihr keine Wahl. Sie würde ihm alles erzählen, würde ihn wieder um Rat fragen. Einfach, weil das so war. „Schon mal dran gedacht, dass ich Urlaub haben könnte?“
Er verzog den Mund. „In der Probezeit? Hö?“
„Die ist um. Ich habe drei Monate Kündigungsfrist.“
„Das ist aber schade. Da wirst du ja noch ganz schön lange hingehen müssen!“ Sein Gesichtsausdruck wurde höhnisch. Merkwürdigerweise zog sie das an. „Dann hast du ja noch lange feines Geld und wirst dir nicht zu schade sein, mir ein paar Croissants auszugeben.“ Sie kramte den klebrigen Löffel aus der Tasche und ließ das Portemonnaie folgen. Als sie das Kleingeldfach öffnete - Scheine wollte sie nicht herausrücken - entwand er ihr den Löffel.
„Diebin.“ Er grinste.
„Einen Kaffee noch, mehr nicht. Hab kein Geld mehr.“ Der Löffel verschwand in seiner Arschtasche. Das ärgerte sie. Es war besser, ihn nicht anzusehen. Besser noch, als weit weg zu wohnen. Das hatte sie ja nun schon geschafft. Nicht mehr in sein Revier zu gelangen jedoch sollte ihr Ziel sein. Aber wie sollte das schon funktionieren in einer Stadt, in einem Viertel, in dem auch sie noch viele Freunde hatte. Die blonden Zotteln hingen in sein ovales Gesicht, der Iro betonte seinen schmalen Kopf. Dort, wo andere Lachfalten hatten, an den Augen und rechts und links des Mundes, waren bei ihm schon tiefe Furchen. Er war frech, er war attraktiv. Er stellte sich allem entgegen, das auch sie verachtete.
Aber sie konnte ihm irgendwie nicht trauen.
*
Das Bett schwankte bedrohlich, als sich die Fremde kichernd hinaufschwang. Ihr Po war niedlich und fest, die Fesseln schmal. Trotzdem irritierte die Frau ihn so sehr, dass er sich wünschte, sie würde ausrutschen und jammernd auf einem Bein in ihre Wohnung zurück hinken. Beinahe hätte er an ihrem noch herausragenden Bein gezogen. Man suchte sich seine Nachbarn nicht aus. Genauso wenig wie seine Arbeit. Er hätte lieber in einem großen Büro gearbeitet, mit jungen Kollegen, zwischen denen ein gleichwertiger Austausch möglich war. Teamarbeit.
„Hören Sie, es wäre mir lieber... schauen Sie, Sie haben doch noch Schuhe an!“ Er war total hilflos. Wie kam ein erwachsener Mensch dazu, mit Schuhen auf seinem Kopfkissen herum zu hopsen, dabei einen völlig lächerlichen Buckel machend, da die Decke im Verhältnis zu niedrig war.
Ein Kaffee. Cognac, ein Wein? Es schien ihr egal zu sein. Er war froh, sie in die viel zu enge Küche locken zu können, in der er ständig mit ihr zusammenprallte, bis er sie endlich auf das Podest und auf einen Stuhl schieben konnte.
„Eine Stapelwohnung, wie toll!“ Er schaute verblüfft in ihre Richtung und stieß ein Glas von einem noch nicht vollständig geleerten Karton. Ihre Fußfessel war schon wieder in Blickhöhe. Er fing das Glas geschickt mit der Linken. Seine Gedanken wanderten ab. Es war wohl doch nicht so günstig, die Empore so hoch und als Sitzplatz zu gestalten. Es würde ständig Dreck in Geschirr rieseln. Seine künftigen Besucher würden die Schuhe ausziehen müssen. Vorsichtshalber.
Ein Blutstropfen lief ihr schwarz-bestrumpftes Schienbein entlang. Er suchte sich in den Mustern geschickt seinen Weg. Kurz bevor der sich im Knöchelband des linken Schuhs verkroch (oder war es der rechte? sie hatte die Beine übergeschlagen), schreckte er hoch, als sie sein Handgelenk umfasste.
„Das Glas ist kaputt. Du hast es mit der Weinflasche zerschlagen!“ Während sie ihn hielt, tat sie etwas Unfassbares. Sie bog sich geschickt und schlank mit einer Wendung über ihr Bein und leckte das Blut ab.
„Merz. Sagt Ihnen das etwas?“ Er versuchte abzulenken. „Der Merzbau. Eine so enge Küche verdient es nicht anders.“ Er ließ Wasser laufen und hielt seine Hand darunter. Das kalte Wasser rann über seinen pochenden Finger und in die Spüle.
„Im Märzen der Bauer...“ Sie wandte ihm ihr lächelndes Gesicht zu. „Ich finde, es sieht aus..“, sie grübelte kurz demonstrativ mit auf die Unterlippe gelegtem Zeigefinger, „wie ein Fuchsbau. Irgendwie schichtweise.“ Aua. Reimt sich auch auf Bauer, dachte Hendrick irritiert. Wie konnte ein so niedliches Mädchen so blöd sein? So penetrant, aufdringlich und reizvoll. Sie schaut noch nicht einmal verwundert, wenn ihr etwas aus dem Kontext gerissen erscheinen musste. Sie plauschte und plapperte und gab allem Gesagten etwas Unwichtiges. Gleichförmiges. Immer noch, als sie sich wieder auf dem Bett räkelte.
Das Bett hing an vier riesigen Schäkeln zwischen den Wänden und schwankte daher wie ein Schiff. Etwas zu geschmäcklerisch. Aussicht auf die Backsteine eines Hinterhofes.
Er hörte vorläufig auf, zu denken.
*
Zwischen Astrids Schenkeln war noch Jalas Wärme. Verdammt. Dann wieder diese ewige Misslaune. Sie ertrug ihn einfach nicht mehr. Das winzige Hinterhaus bestand praktisch nur aus einem Treppenhaus, das sich qualvoll eng nach oben wand zu einer Wohnung, die bar war jeglicher herkömmlicher Einrichtung oder Ordnung. Das, was sie wirklich abstieß, war die blätternde und ergrauende schwarze Farbe des Eingangsraumes, der als Schlafzimmer und Kleiderablage diente, und die sich bis auf die Verglasung der Fenster hin dehnte, wo sie sich gleichsam auflöste und in Fransen über dem Staub hing. Vorhänge waren unnötig, die Fenster waren sämtlich außer Sichtbereich des Vorderhauses und zudem vom Dreck schattiert. Eine Matratze, lila Laken. Ansonsten gefiel ihr die Wohnung, denn sie bestand aus mehreren zum Teil sonnendurchfluteten und doch versteckten Etagen, die jede einen eigenen Raum bildeten. Vom schwarzen Zimmer gelangte man eine Stufe abwärts in einen dunklen Flur rückseitig des Häuschens, schon fast zu dem kleinen Park gelegen. Inhalt des Raumes: eine Waschmaschine. Dann kam leicht erhöht die Küche - links eine alte weiße Schrank-mit-Herd Kombination, ein Tisch, zwei Stühle. Neben dem Fenster auf der rechten Seite der Kühlschrank, daneben Bierkästen. Irre stressig, sie die enge Treppe hoch und herunter zu tragen. Darum daneben noch ein Seil. An den Bierkästen waren Putzspuren vom Transport entlang der Hauswand. Aus der Küche am anderen Ende heraus zwei Stufen abwärts, ein Flur: ein Fenster, eine Duschkabine. Drei Stufen wieder herauf ein niedriger Raum mit einer Anlage, mehreren Kissen und dem Computer. Bücher und Comics am Boden. Ende. Ne, doch nicht. Hinter der zweiten Tür wieder zwei Stufen herunter stand man auf einer Art Balustrade, von der aus die Wendeltreppe nach unten abging. Noch mehr Flaschen. Leergut. Gegenüber der Wendeltreppe wieder über einen Absatz in die Wohnung. Kleine Stufe nach unten.
Er hatte zu große Ansprüche an das Leben. Das vergällte ihm die Freude an den einfachen Dingen und verbaute jegliche Neugier. Vielleicht war es einfach nur eine Form von Angst und Hilflosigkeit, die ihn sich so verlassen vorkommen ließ, dass er auf jeden in seiner Umgebung böse wurde, der ihn nicht umgarnte. Er hatte einfach einen Willen... Wollte Sicherheit, wollte Liebe, wollte Freiheit für sich selbst. Doch wie jeder Mann? Wie jedermann? Aber das ganze Wollen fraß sie auf.
„Bevor du dein beschissenes Häuschen hattest, haben wir uns häufiger gesehen. Irgendwie war es sogar besser zu wissen, dass du deine spießigen Freundinnen besuchst.“ Seine Hand strich über ihre Flanke.
Sie schob sie weg. „Ich habe dir schon damals gesagt, dass ich das Haus als Freiraum brauche. Es ist vorbei. Ich will Skulpturen bauen, mich bewegen können...“
Er grinste scheel: „...und arbeiten, um den Mist bezahlen zu können!“
„Ich arbeite, weil ich neue Perspektiven will; wir haben nur ein Leben um alles zu sehen,...“ Seine Wange schrappte über das Laken. „Watt´n Scheiß! Du wirst anders, du siehst die alten Leute nicht mehr. Wenn man dich durch die Stadt stolzieren sieht, machst du ne Eingebildete und erkennst keinen. Is schon irgendwie Kack.“
Warum sagte er nicht: Ich will dich für mich. Er hätte sie breit geschlagen. Sie hätte es gewollt. Jetzt. Aber es hätte eh nichts gebracht. Die Zeit war gekommen, weiterzuziehen. Neues zu sehen.
„Du wolltest mein Geliebter bleiben. Nicht mehr.“ Das war ihr Wesen. Un-eingelassen. Darum war sie auch anpassungsfähig. Ohne sich zu verstellen. Aber nur zeitlich begrenzt.
“Geliebter - was heißt das? Es heißt du liebst mich, und wir können nicht zusammen sein. Literarischer Scheiß.“
Sie sah seine Haut im halben Licht und bedauerte ihn. Bewunderte ihn weil er so eigen war. Er stand zu sich. Er war begrenzt. Sie bewunderte ihn, bedauerte ihn, liebte ihn. Das Band musste getrennt werden. Später. Licht auf seiner Wange.
„Mit so Halbheiten kannst Du alte Leute bedienen. Die sind glücklich, wenn ihnen das Denken abgenommen wird. Und ja nicht zu viel Hirnfutter. Mach so was! Da kenne ich noch andere Verrückte, die keinen eigenen Weg gehen können.“ Er drehte sich zur Seite. Vielleicht gar keine so schlechte Idee.
*
Diese Frau war wirklich verrückt. Er dachte daran, wie sie sich herein gedrängt hatte. Wie sie ihn in sich hineingedrängt hatte. Es war ihm unwohl bei dem Gedanken, mit ihr unter einem Dach zu wohnen, auch wenn das Haus relativ viele Wohnungen beheimatete.
Das Handy vibrierte in seiner Gesäßtasche und bestätigte seine unangenehmen Gefühle. „Wissen Sie eigentlich, wie teuer so ein Telefonat mit Ihnen kommt?“ schnarrte die alte Stimme in sein Ohr und verband sich mit dem Bild von diesem runzeligen Kerl. „Sie möchten bitte morgen etwas früher kommen. Wir haben noch etwas zu besprechen.“ Sein neuer Chef seufzte „Es ist ja alles so unangenehm.“
Kann ich mir denken, Alter, dass Du Neuerungen unangenehm findest, dachte Hendrick. Dass Du an Deiner Tippse mehr hängst, als an sicherem Geld. Wer weiß, vielleicht war es seine Nichte. Wenn Du wüsstest, wie unangenehm mir das alles ist. Der Job, die Leute, die Stadt. Wie zum Trotz hatte er in seiner Wohnung alles noch enger gebaut, als die düstere Hinterhofbude ohnehin schon war. Warum hatte er bloß immer seine Pläne durchsetzen wollen, warum hatte er nicht breit gelächelt und alle Ideen aller Chefs dieser Welt innovativ gefunden? Er versprach zu kommen. Ihm Händchen zu halten. „Und, Kai, wir wollen gleich mit dem Umbau beginnen.“ Vielleicht kam jetzt seine Chance.
*
Der Holzmann mühte sich ab. Er wand die Beine in einem gordischen Knoten um den Kniehocker und zwängte schließlich noch die Hände dazwischen.
„Frau Hedron.“ Er räusperte sich. Da er seine Hände nicht rechtzeitig wieder freibekommen konnte, bedeckte er seinen Mund mit einer knorrigen Schulter. Der gestreifte Pulli hinterließ kleine Fusseln in der schlechten Rasur.
„Sie waren ja gestern so unvermutet verschwunden. Da konnten Sie unserer kleinen Besprechung nicht beiwohnen.“
Weiter keine Schelte? Sie hatte sich den neuen Tagesbeginn komplizierter vorgestellt. Ihr Chef betrachtete seine Fußspitzen. „Mein neuer Mitarbeiter hat da so ein paar spezielle Ideen. Sie kennen ihn doch schon? Schon gesehen?“ Seine Nasenspitze schnellte in ihre Richtung. „Hab ich Sie vorgestellt?“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Wird wohl nicht mehr nötig sein.“ Er schaute wieder auf den Boden. „Hm... nun, na ja. Wie gesagt. Spezielle Ideen. Er denkt, dass es nicht nötig sein wird, Möbel von hier zu verkaufen. Wir sollten uns auf Aufträge von Geschäftseinrichtungen spezialisieren. Arztpraxen.“
„Hab ich doch gesagt!“, platzte sie heraus. „Kein Klinkerkram in einem Verkaufsraum. Höchstens einen Ausstellungsraum, damit Kunden sich die Wirkung der geplanten Gestaltung ausmalen können“. Ihre Stimme war heller geworden vor Begeisterung. Es war ihrem Chef peinlich, dass sie Recht gehabt hatte. Zeitgeist.
„Haben Sie gesagt?“ Er war verwundert. Warum? „Nun ja. Kein Verkaufsraum. Keine Verkäuferin!“ Er starrte sie beinahe trotzig an. Kalte Perlen liefen ihr den Rücken hinab. Natürlich. Sie wollte weg. Unter diesen Umständen sowieso. Aber er war tatsächlich dabei, sie zu kündigen. Sie!
Sie wusste nicht, was zu tun war. Ihre linke Hand drehte den Ring an ihrem rechten Daumen. Im Hintergrund rannte der dunkle Haarschopf gutgelaunt vor der Glaswand entlang, rief sein guten Morgen und verschwand durch die Verbindungstür in die Werkstatt. Ein Knall und kurzes Scheppern waren zu hören. Er wollte ihr wohl nicht begegnen. Recht so. Er sollte ihr auch nicht unter die Augen kommen.
„Sie sind ja schon aus der Probezeit heraus. Und ich war auch stets zufrieden mit ihnen.“ Die Tonlage des Gesagten änderte sich beständig, weil der alte Holzmann seine Falten ums Kinn hin und her strich. Eine leise Wehmut ergriff sie. Diese düsteren holzigen Räume verlassen? Dann am besten gleich. „Trotzdem. Sie wissen, dass ich nicht übermäßig flüssig bin. Natürlich zahle ich, wenn Sie weiterhin bei mir arbeiten. Aber wir müssen auch vieles umgestalten. Das kostet natürlich. Wenn Sie also etwas anderes finden sollten...“ Er schaute sie verlegen an „...vielleicht könnten sie auch schon während der Arbeitszeit auf Suche gehen. Ich könnte Sie hier vorne solange vertreten.“
Astrid musste unwillkürlich grinsen. Sein Hundeblick rührte sie. Vielleicht war es auch das Beste. Für alle Beteiligten. Es war die Chance für sie, aus der Stadt herauszukommen. Und der knorrige alte Kerl brauchte jemanden, der ihn an der Hand hielt.
Ihr Blick fiel auf das mehrfach geteilte Trennfenster. Staubschlieren hatten sich auf dem alten Glas abgelagert. Der untere Teil aus dicken Paneelen war vergraut. Sie schlenderte langsam hinüber und ließ den Blick in die momentan verwaiste Werkstatt wandern. Die Werkbänke versanken im Chaos, auf der Dickte standen Leimtöpfe, lagen Feinsägen. Sie trat durch die Tür, die hinter ihr klappte, ohne ins Schloss zu fallen. Sie schaute sich kurz um und streckte halbherzig einen Arm aus, da sie befürchtete, das Glas könne aus dem vertrockneten Kitt fallen. Sie fing den Blick vom Holzmann auf. Er hinderte sie nicht am Wandern. Er hatte keine Verwendung mehr für sie.
Ihr Blick glitt weiter über die vergilbten Wände voller Sägeblätter. Unter der Presse lagen kleine Klötze, sie war wohl gereinigt worden. Das Licht kam mangelhaft aus alten Deckenlampen, die wie umgekehrte schwarze Blechschalen unter der Decke hingen. Die Leuchtstofflampen über den Arbeitsplätzen waren nicht eingeschaltet. Sie wischte den Staub mit der linken Hand von dem kleinen Absatz unter dem großen Fenster, das die beiden Räume trennte. Es war kein Arbeitsprojekt zu erkennen. War alles nur eine Ausrede? Oder war der alte Raum so verwahrlost, weil eine wirklich große Änderung bevorstand? Ihre Finger glitten weiter und wischten kleine Schräubchen, letztlich einen bräunlichen Beschlag herunter. Ihr Blick folgte dem Stück Metall. Jeder Antiquitätenhändler hätte sich die Finger danach abgeleckt, dachte sie, als es klingelnd Kreise drehend seine ornamentale Schönheit offenbarte.
Auf der Brüstung blieb ein lang gefaltetes Butterbrotpapier liegen, das mit einer eckigen Schrift bedeckt war.
Gut. So sollte es sein. Sie zog ihre Jacke wieder über.
*
Das breite Gurtband durchschnitt das weiche helle Fleisch. Melanie schaute an sich herunter und kicherte. Ihr gefiel, wie ihre Brüste durch den Sicherheitsgurt wieder in die zwei Rundungen zerteilt wurden, die ihr Busen natürlich bildete. Immer, wenn sie einen Neuen hatte, liebte sie sich in der Aufmachung einer Nutte.
Sie fuhr nicht oft, denn sie musste sich das Auto mit ihrem Bruder teilen. Und da in ihren beiden Wohnvierteln kaum Parkraum war, würde der jeweils andere das Vehikel schlecht finden können, wenn sie sich nicht auf einen Parkplatz am Stadtrand geeinigt hätten. Verständigen konnten die zwei sich noch nie so recht, zudem waren sie selten erreichbar; dennoch war ihr Bruder von einer aggressiven Eifersucht befallen, sobald sie seine Reichweite verließ. Sie war wirklich keine sichere Fahrerin.
Melanie legte den Mittelfinger in den Schritt, schnüffelte daran. Der Typ aus ihrem Haus war wirklich etwas Besonderes. Sie hatte es gleich geahnt, als er mit einem Haufen Einzelteile einzog. Platten, Bretter, irgendwelches Material, Maschinen, aber keine Möbel. Sie legte den Kopf schief, als die Erinnerung Bilder in ihr schuf, hielt mit der Rechten den Gurt und ließ mit dem linken Zeigefinger das Lenkrad tanzen. Ein rotes Auto überholte sie hupend. Halb Coupé, halb Familienkutsche. „Blöde Karre!“, dachte sie und drückte das Gaspedal herunter. Sie hatte einmal einen Unfall erlebt. Blechschaden. Unschuldig. Das Knirschen des Bleches hatte ihr gefallen.
Gerade noch rechtzeitig fiel ihr auf, dass sie den Parkplatz schon umfuhr und bremste abrupt ab, um in weitem Bogen in die Einfahrt zu zielen.
Die Natur der Farbe
Gelb zu Blau. Blau zu Gelb. Es bleibt Rot, das sie nicht sehen. Und doch kann Grün nicht die einzige Farbe sein, noch Blau, noch Gelb. Es ist schon vermischt. Ist das Wahr? Das kann nicht die einzige Wahrheit sein.
Zieh Ränder um die Flecke und sie verfließen darunter. Es entstehen leere Formen, Schatten.
Der Rest ist weiß. Günstigstenfalls.
Astrid hatte die Straßenbahn abgestreift, die Türen hatten sie im Gehen unsanft an den Schultern gestoßen. Das gelbe Licht der Innenbeleuchtung hatte den Abendhimmel geschluckt, der diesen grauen Tag versöhnlich ausklingen lassen wollte. Die letzte Wärme des Tages, die draußen unter dem Himmel wartete, hatte sich im Inneren der Bahn zu einer schalen stickigen Luft geballt, sorgsam gehütet von den Frauen mittleren Alters, die ihre Geschmacklosigkeit in jeder Bahn dieser Welt am Fenster trotzig zur Schau stellten. Dauerwellen. Die Lichtpunkte der Außenwelt waren auf die teilnahmslosen Fratzen gefallen, hatten den Dunst der vielen Menschen gestreift und waren auf dem Schoß ihres Gegenübers gelandet, der die Füße weit auseinander stellte und sich im Schritt kratzte. Er lachte glücklich.
Das Licht war zu schön, die Stadt ihr zu lieb, als dass sie sich über die Widrigkeiten spät-viktorianischen Männerverhaltens aufregen wollte, wie sie es in einer anderen Situation getan hätte.
Schweizer Hof.
Die Haltestelle war stets Astrids Fluchtpunkt gewesen, wenn sie vor der Heimkehr noch ein paar Minuten zum Denken brauchte. Der Park-and-Ride - Parkplatz lag noch weiter außerhalb.
Astrid wanderte ziellos durch die vielen engen schattigen Straßen im Inneren der Stadt und doch schon fast mitten im Nichts. Die Straßen erfreuten sie, doch sagten ihr nichts. Die Fassaden der Häuser lenkten ihre Blicke ab, so dass die Gedanken schweifen konnten. Das gelegentliche Grün der kümmernden Bäumchen inmitten von Hundehaufen am Gehsteig, jetzt bald rötlich gefärbt, ließ die letzten klaren Anhaltspunkte ihrer Gedanken zerbröckeln. So war sie nur sie selbst.
Und doch. Astrid war auch gekommen,den alten Mann zu besuchen, der nichts davon wusste. Sie erkannte die Frau wieder, die an der gegenüberliegenden Straßenecke in ihrer Tasche kramte.
*
Sie war ihr begegnet in dieser unseligen peinlichen Situation im Sommer, als sie sich das erste Mal im Leben freigekauft hatte. Nichts Bedeutsames. Und doch...
Sie war, wie heute, aus der Straßenbahn gestiegen und hatte den Blick von den Stufen direkt nach oben gewendet. Zum Himmel. Dieses Licht machte den Reiz der großen Ebene aus. Stadt hin oder her..
Die Zigeunerin hatte unvermutet ihre Hand ergriffen, sie grob aus dem Ärmel gezerrt und die Handfläche nach ober gedreht. Was für eine Groteske!
Sie war erschrocken und heftig zurückgewichen und über den kleinen Jungen gestolpert, der hinter ihr stehend sie hoffnungsfroh ansah.. Sie hob den Fuß nicht. Den Fuß, auf dem ihr ganzes Gewicht lastete. Den Fuß, der auf dem Bein des kleinen Jungen stand, dessen kleines Gesicht sich zu einer schmerzhaften Grimasse verzog, noch während sie ihn aus den Augenwinkeln entsetzt ansah. Das Geschrei war fürchterlich. Zeterndes Schreien von vorne, greinendes Schreien von unten. Es tat ihr ehrlich leid. Aber sie wollte auch, dass das Geschrei aufhörte. Sofort.
Sie trat zur Seite und beugte sich über den Jungen, um den Schaden zu besehen und ihn zu beruhigen. Der Junge hatte aufgehört zu brüllen, sobald sie nicht mehr auf ihm stand. Es war keine äußere Verletzung zu sehen, der Knochen schien intakt. Eine Hand rüttelte an ihrer Schulter. Sie wollte fragen, ob der Junge versichert sei. Ihre Adresse geben. Der spitze Finger stach ihr fortwährend in den Oberarm. Der Junge grinste still. Das Geschrei des stechenden Fingers aber wurde lauter. Astrid wandte sich um „Musst zahlen!“. Der Finger tanzte mit dem Mittelfinger um den Daumen, der sich begeistert an beiden rieb. Der Junge stand auf und grinste breiter. Ihr Portemonnaie hatte sich verhakt. Als es endlich zum Vorschein kam, hörte das Geschrei auf. Finger grabbelten über das abgewetzte Leder, als Astrid es aufklappte. 20 Euro, sonst nur Kleingeld. Sie hielt das offene Portemonnaie in Richtung der gierigen Finger und zuckte mit den Schultern. Für eine Behandlung oder einen Arztbesuch würde das wohl kaum langen.
Zwei Finger wanden sich schlangenartig und entführten die Scheine, rollten sie zusammen und verstauten sie in der Handfläche, so dass die Finger wieder frei waren. „Dort!“ Sie klappte das Kleingeldfach auf. Die Finger wiesen auf die größeren Münzen. „Das!“ Sie gab die Münzen heraus. Keine Ahnung, wie viel das war, dachte sie. „Ist gut!“ Der Junge war schon lange weg. Der Rock mit dem Faschingsambiente wehte in der warmen Luft um eine Häuserecke. Sie hatte den Eindruck, einem Spuk aufgesessen zu sein. Die dunkelhaarige Frau mit den Kulleraugen starrte herüber. Astrid hielt beide Handflächen nach oben. Die dunkelhaarige Frau kicherte. War ein Kind so wenig wert? Was für eine Inszenierung.
*
Jetzt stand sie wieder dort.
Sie schien sich von dem warmen Licht im Altenheim genauso angezogen zu fühlen wie Astrid.
Behütet wie ein Kind. War das ein schönes Ende? Oder war man nach so viel Leben gar nicht mehr bereit, sich selbst aufzugeben...Eine ehrliche gute Hausfrau der alten Zeit hatte es da sicher leichter.
Die Motive der anderen gingen Astrid nichts an. Sie lächelte ihr zu, als sie dicht an ihr vorüber gehend ihren Weg durch die Gassen antreten wollte. Die Sonne behielt den Himmel noch, zwischen den Häusern wurde es dunkel.
„Ich habe dort einmal gearbeitet, wissen Sie?“
Die blaue Stunde. Astrid dachte, auf dem Land würde man es sehen können. Die Frau roch recht angenehm. „Stört sie ihre Uhr nicht? Sie ist zu groß.“ Bitte? „Übertrieben. Alle übertreiben. Ich war nicht schlecht. Auch nicht grob. Es war übertrieben, das zu behaupten. Alle sind so. Außer diesen Heiligen. Immer freundlich. Das ist doch unnatürlich, oder? Ich mag sie nicht. Sie machen mir Angst. Gut, vieles macht mir Angst...“ Die Frau blieb stehen. Schulter an Schulter mit ihr. Astrid spürte den Stoff der anderen Jacke durch ihre eigene reiben. Das große Fenster des kleinen Cafés war mittlerweile heller als der dunkelnde Himmel. „Kommen Sie mit?“ Warum sie ihr folgte? Warum nicht.
Die Wände des Cafés waren alt-weiß, das Holz war dunkel. Die klassische Farbkombination einer beruhigend sauberen Atmosphäre, die Raum ließ für Menschen und ihre Geschichten. Eine Empore führte zum Tresen mit einem kleinen Kuchenschauglas – und doch kein traditionelles Café, Gott-sei-dank nicht. Die gab es auch hier nicht mehr. Sie hatte nicht einmal bemerkt, wo sie hinging. Wartete sie auf eine interessante Geschichte?
Die dunkelhaarige Frau schwenkte ihren kleinen Hintern aus, um sich hinzusetzen und lächelte. „Bin ich zu dick?“
Astrid runzelte die Stirn. Die Frau hatte ihren Blick aufgefangen... was ging sie das an? Nein, nicht zu dick, eher im Gegenteil. Aber die Geschmäcker sind verschieden. Die Frau reichte ihr über den Tisch hinweg die Hand und riss dabei den Zuckerstreuer um.. Astrid stand immer noch.
„Ich bin Mali. Hallo.“
Astrid knallte den Zuckerstreuer auf den Tisch und zog dabei noch eine weitere Fontäne Zuckers durch die Luft. Sie war entnervt. Sie hatte sich hingesetzt und wusste nicht, warum. Der Zucker war überall. Was für eine Schweinerei.
„Wenn wir was trinken wollen, hole ich was. Hier kommt immer keiner. Oder willst Du was essen?“
Astrid war noch konsterniert, während das Mädchen schon zum Du wechselte. Sie entschloss sich zu antworten. „Nein nein, einen Milchkaffee, das wäre o.k.“ Ihr Mund war taub. Warum hatte sie sich erst hingesetzt? Astrid schlug die leichte Jacke etwas zurück, um an den Tabak zu kommen. Nur drei Zigaretten am Tag. Oder etwas mehr. Ein Grund fand sich immer.
Mali balancierte zwei große Tassen zum Tisch, während der schmale Mann mit der kleinen weißen Schürze um den Bauch interessiert zusah. Warum nur hatte sie ihn seine Arbeit nicht erledigen lassen? Zu guter Letzt würde sie ihm für seinen Mangel an Einsatzbereitschaft noch ein Trinkgeld verpassen. Als ob der Schmale ihre Gedanken hätte lesen können, sah er Astrid stirnrunzelnd an, trat dann einen demonstrativen Schritt ins schattige Abseits, faltete die Hände hinter dem Rücken und beschränkte sich auf dekoratives Aussehen.
Der Kaffee ertränkte die kleinen altmodischen Papierkreise in den Untertassen.
„Mali hieß mal Melanie“ Melanie-Mali kicherte. „Meine Nichte hat das immer zu mir gesagt. Klingt irgendwie schicker oder so. Oder nicht?“
Oder was - dachte Astrid. Hier saß jemand, der sich bei der Durchsetzung seiner Vorstellungen von einem Kleinkind helfen lassen musste. Und sie war immer noch gespannt auf die Geschichte. Mali klimperte aufgeregt mit ihrem kleinen goldenen Armband mit den winzigen Anhängern daran, die bestimmt auch irgendwie schicker waren. Sie versuchte dabei unschuldig zu gucken, entschied sich dann aber für fleißiges Rühren in ihrer Tasse, bis sie den Inhalt stark dezimiert hatte. „Ich trinke ja lieber Tee, aber der ist ja noch viel wärmer. Und Du?“
„Na, Milchkaffee, man sieht´s...“
„Schön hier mit Dir zu sitzen und zu reden.“
Redeten sie denn? Astrid wartete noch.
„Sonst spricht man doch mit den Kollegen, das ist nicht gut, ich kann mich nicht zurückhalten, ich rede zu viel...“ Und das auch noch alles in einem Satz, dachte Astrid! „...und dann wird alles gegen einen ausgelegt und keiner fragt mal nach...“ Wie auch? „...und hinterher hat man das Gefühl, alles wird nur schlechter dadurch, denn wenn alle reden, macht man immer mehr Fehler und keiner glaubt einem mehr...“ ?? Nun mal langsam, Mädchen, dachte Astrid. Es würde mühsam werden, das alles zu einer brauchbaren Geschichte zu ordnen. „...und alle erzählen die Geschichten von früher und wissen sowieso immer mehr als man selbst.“ Jetzt kommt die Geschichte! dachte Astrid und entspannte sich. „... wissen wo mein Bruder ist und was er macht. Mit meinem Freund wohne ich ja nicht zusammen. Nicht so richtig.“ Sie kicherte. „Bei ihm kann nicht wissen was er so macht, bei meinem Bruder auch nicht, der wohnt woanders, ist ja auch nicht gut, er könnte sich beaufsichtigt fühlen, ich will ihn nicht einengen, er ist ja auch noch jung.“ Das glaube ich, dachte Astrid, was macht er denn nun? „Und was macht Dein Freund?“
Bitte? dachte Astrid zum zweiten Mal. Wäre sie gezwungen, es ein drittes Mal zu denken, würde sie gehen. Aber die Kleine hatte wirklich Talent, sie aus der Bahn zu werfen. Also gut: zuerst sie selbst. Ein bisschen Futter für eine Geschichte. Sie wollte wirklich etwas hören. „Ich weiß es nicht. Wir sind lange in einer viel zu engen Wohnung im Türrahmen aufeinandergeprallt. Ich habe ein kleines Häuschen auf dem Land gefunden, und er wollte eigentlich in eine Wohngemeinschaft ziehen. Ich sage mal, wir sind beide beschäftigt.“
„Warum war denn die Wohnung zu eng? So was kenne ich auch.“
Astrid antwortete nicht. Ihr Blick glitt versonnen zum Fenster. Wer hören will, muss auch ein paar Brosamen Gesagtes ausstreuen. Aber sie war jetzt auf der Hut. Das Fremde Leben, diese unfreiwillig zu genießen erwartete Geschichte sollte ihrem Leben seine Gleichform wiedergeben. Nicht anders herum.
„Das ist ja schick!“
Ja natürlich. Schick. Astrid ersparte sich weiterhin einen Kommentar.
„Da würde ich Dich ja gerne einmal besuchen.“
„Na ja. Ist alles noch nicht fertig. Später vielleicht mal.“ Versprich nicht immer soviel, Astrid. Die Leute nehmen Dich beim Wort, nehmen Dich viel zu ernst.
„Du hast bestimmt Tiere...“
„Hab ich.“ Astrid blieb kurz angebunden.
„Was denn?“
„Hund, Hühner, Schafe. Milchschafe.“
„Das ist ja...“ Mali suchte nach einem Wort. Lass es nicht schick sein, dachte Astrid. „...toll! Da hast Du gar keine Zeit für einen Mann. Das ist einfach.“ Wenn sie meint. „Ich will das ja auch immer...“ Ihre Stimme erstarb. Was wollte sie? Ein kurzes Schweigen zerplatzte zwischen den Frauen. „Mal nur Zeit für mich... Ich hatte mal einen Hamster, aber mein Vater ist drauf getreten. Er hatte zwischen die Fußballpokale gepinkelt, weil ich ihn raus gelassen hatte.“ Mali drehte den Kopf zur Seite, so dass Astrid nur noch ihr kindliches Profil sah. „Er hat mir einen Arm ausgekugelt und Haare herausgerissen.“ Sie schaute Astrid wieder an und lächelte neckisch und irgendwie triumphierend. „Sind alle wieder nachgewachsen!“ Sie kicherte und hob ihre Lockenpracht seitlich hoch.
Das konnte doch nicht wahr sein! Auf so eine Verletzung und Demütigung so zu reagieren! War das ihre Art von Stolz? Was war das für eine Umgebung? Wollte sie es wissen? „Bist Du bei ihm geblieben?“
„Er wohnte nicht zu Hause, er war nur manchmal dort.“ Mali kratzte den Milchschaum aus der Tasse.
„Hast du ihn wiedergesehen?“
„Noch manchmal. Jetzt kann ich ihn nicht mehr so gut ansehen.“
„Das kann ich mir vorstellen.“
*
„Nein.“ Mali schwieg und starrte auf den Boden. Kam da noch mehr? Astrid hatte auf einmal das Gefühl aufstehen zu müssen. Warum nur war sie immer so geil auf fremde Geschichten? Warum nur trugen Hinz und Kunz sie ihr zu?
Sie sah die Tränen im Gesicht von Mali. Noch verwandelten sie die Augen in einen See. Bald schon würden sie an den Wimpern hängen. Musste sie sich das immer wieder antun? Hatte sie die Kraft, das Schlechte anderer Menschen immer und immer wieder zu absorbieren? Was war nur an ihr, dass sie faule Eier anzog, wie ein Kadaver die Fliegen? Der Verdacht keimte in ihr, dass Mali sich die Szene mit der Zigeunerin gemerkt hatte. Sie hatte sie als weich erkannt und doch so fest, dass sie alles ertragen konnte, was andere ihr aufbürdeten. Ein Lastesel.
Mali hatte auf sie gewartet. Sie hatte auf ein Zeichen gewartet, um ihren Zuhörer zu finden. Astrid hätte nicht lächeln sollen, dort an der Ecke.
Jetzt bremsen! „Warst Du schon einmal bei einem Psychologen?“ Ein kläglicher Versuch, abzuwimmeln. „Ich meine, es scheint wirklich arg zu sein, da müsste jemand helfen...“
„Ich war doch schon jahrelang in Therapie. Sie haben mir gesagt, ich wüsste schon, warum ich so komisch bin...“, na das doch bestimmt nicht! „und ich müsste nur darüber reden, mich nicht verschließen.“
Aha. Eigentümliche Auslegungsweise. Jetzt weiß ich, wofür ich gut bin. Astrid lehnte sich mit einem Seufzen zurück. Der Raum hatte sich gefüllt. Auf der Empore hing ein Pärchen über das Geländer. Sie hatte das Gefühl beobachtet zu werden. Vielleicht war ihr auch nur ihr Gegenüber unangenehm.
*
Die Pokale standen ordentlich aufgereiht auf dem schmalen Regalbrett über dem Sofa.
Er hatte darauf bestanden, dass sie dort untergebracht wurden, obwohl er dort nicht immer wohnte. Er suchte sich seine Begleiterinnen aus und er fand, dass Erika einfach zu viele Kinder hatte, alle von verschiedenen Männern. Er war sich nicht einmal mehr ganz sicher, welche seine Tochter war. Seine Nerven ertrugen keines der Kinder.
Die Küche ertrank in Rauch, der unerledigte Abwasch klebte an der Spüle. Sie war mal wieder arbeiten, weiß der Himmel wo, irgendein Aushilfsjob. Sollte sie doch die Kinder arbeiten schicken. Stundenweise. Es waren doch genug von ihnen. Wenn er doch schon mal da war. Er wollte sie, statt dessen saß er mit zwei Kumpels in der Küche und versuchte lustlos Karten zu spielen, worauf sich keiner konzentrieren konnte.
Das schmale halbwüchsige Mädchen linste verstohlen um die Ecke, weil es hoffte, ungesehen an den Kühlschrank zu gelangen. Aber das Licht der stoffbezogenen Küchenlampe fing sich in seinen blonden Haaren.
„Schau mal, was Du hier noch alles hast“, tönte der Hagere mit dem fusseligen Oberlippenbart sofort los „ist das eine von Deinen eigenen oder ist das nur so ein Wechselbalg?“ Er fing an zu kichern, verschluckte sich und hustete weiter, bis er sich beruhigt hatte.
