Herbstlicht über Huntington Town - Imelda Arran - E-Book

Herbstlicht über Huntington Town E-Book

Imelda Arran

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Beschreibung

Die beiden Freundinnen Laura und Anne schuften als Dienstmädchen in einem noblen New Yorker Hotel; ihre Arbeitstage sind lang und hart, der Lohn karg. Gerade, als sich ihre Situation dramatisch zuspitzt, erscheint ihnen der englische Anwalt Mr. Archibald Fairbanks als rettender Engel: Er teilt Laura mit, dass sie in England ein Hotel geerbt hat, in dem sogar der Adel verkehrt. Plötzlich ist Laura reich und alle Probleme der beiden Freundinnen scheinen gelöst. Allerdings bräuchte Laura, um ihr Erbe antreten zu können, einen männlichen Vormund. Mr. Fairbanks rät dringend, einen Ehemann zu suchen und versichert Laura, dass sie als reiche Erbin keine Probleme hätte, einen solchen zu finden. Doch Laura ist nicht gewillt, sich allein wegen ihres Reichtums heiraten zu lassen und beschließt, sich ihr Hotel "von unten" anzuschauen. Gerade, als sich Laura Hals über Kopf verliebt, überschlagen sich die Ereignisse und Laura ahnt nicht, wie skrupellos und mächtig ihre Gegner sind.

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Die beiden Freundinnen Laura und Anne schuften als Dienstmädchen in einem noblen New Yorker Hotel; ihre Arbeitstage sind lang und hart, der Lohn karg. Gerade, als sich ihre Situation dramatisch zuspitzt, erscheint ihnen der englische Anwalt Mr. Archibald Fairbanks als rettender Engel: Er teilt Laura mit, dass sie in England ein Hotel geerbt hat, in dem sogar der Adel verkehrt. Plötzlich ist Laura reich und alle Probleme der beiden Freundinnen scheinen gelöst. Allerdings bräuchte Laura, um ihr Erbe antreten zu können, einen männlichen Vormund. Mr. Fairbanks rät dringend, einen Ehemann zu suchen und versichert Laura, dass sie als reiche Erbin keine Probleme hätte, einen solchen zu finden. Doch Laura ist nicht gewillt, sich allein wegen ihres Reichtums heiraten zu lassen und beschließt, sich ihr Hotel „von unten“ anzuschauen. Gerade, als sich Laura Hals über Kopf verliebt, überschlagen sich die Ereignisse und Laura ahnt nicht, wie skrupellos und mächtig ihre Gegner sind.

Imelda Arran: Herbstlicht über Huntington Town

Copyright© by Frauenzimmer Verlag

Ringweg 19

35321 Laubach

www.Frauenzimmer-Verlag.de

Covergestaltung, Satz und

Layout Innenteil: Anja Zimmer

© Fotonachweis: depositphotos.com

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung jeder Art, Verwertung in anderen Medien und anderen Sprachen, elektronische Speicherung, Bearbeitung oder Aufbereitung - auch in Auszügen - nur mit schriftlicher Genehmigung des Frauenzimmer Verlags.

ISBN 978 - 3 - 937013 - 55 - 8

eISBN 978 - 3 - 937013 - 56 - 5

Auch als eBook erhältlich.

Anja Zimmer studierte Germanistik und Theologie in Gießen. Heute lebt sie bei Köln und ist auf Lesungen in ganz Deutschland unterwegs. Unter dem Pseudonym „Imelda Arran“ hat sie mit „Schnee über Devon“ ihren ersten Liebesroman vorgelegt, auf den „Frühling auf Huntington Castle“, „Ein Sommer für Jane Dawson“, „Herbstlicht über Huntington Town“ und „Weihnachten auf Huntington Castle“ folgten.

Das gesamte Verlagsprogramm finden Sie unter:

WWW.FRAUENZIMMER-VERLAG.DE

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Für Frank

1. Kapitel

Hotel Savoy, New York im Juli 1792

Nichts, rein gar nichts deutete an diesem Morgen darauf hin, dass die gediegene Ruhe des Hotels gestört werden könnte. Durch die frisch geputzten Fenster floss das Morgenlicht milde auf den dunkelroten Teppich, ließ die Messingeinfassung der Kuchentheke aufblitzen, in der sich kleine, bunte Köstlichkeiten auf mehreren Etagen aneinanderreihten. Die Schürze und das Häubchen der Büffetdame waren weiß und frisch gestärkt, ihr Lächeln lud ein, bereits zum Frühstück den legendären New Yorker Cheesecake zu essen. Der Oberkellner Mr. Gordon schritt durch den Raum, die eine Hand auf dem Rücken, in der anderen ein Silbertablett mit Teegeschirr, aus dem es nicht nur nach Darjeeling duftete. Seine weißen Handschuhe saßen ebenso tadellos wie seine graue Weste, selbst als er sich vorneigte, um dem Sohn des Bürgermeisters von New York den Tee zu servieren. Dieser schaute von seiner Zeitung auf, dankte dem Oberkellner mit einem kurzen Nicken, las noch ein paar Zeilen, bevor er seine Lektüre zur Seite legte und die Tasse in die Hand nahm. Der Duft befremdete ihn. Trotzdem nahm er einen tiefen Schluck, stutzte, riss die Augen auf und spuckte den Tee zurück in die Tasse, was allerdings nur teilweise gelang. Eine beträchtliche Menge landete auf dem Mahagonitisch. Dies geschah leider nicht geräuschlos, was die Gäste am Nebentisch die Brauen und Lorgnons heben ließ, um die eigenen Tassen skeptisch zu begutachten. Noch während er sich angewidert schüttelte, wischte er sich den Mund mit einer Serviette ab und schaute sich um. Der Oberkellner war am Büffet bereits mit der nächsten Bestellung beschäftigt, hatte nichts gehört und wandte ihm den Rücken zu.

Just in diesem Moment war Mrs. Wynona Featherwick in den Salon getreten und hatte bemerkt, dass ihrem Gast das servierte Getränk nicht behagte. Sie trat zu Mr. Gordon, der am Büffet das nächste Tablett zusammenstellte. »Gordon, was haben Sie soeben an Tisch Nummer 24 serviert?«, fragte sie mit einer Strenge, die den Mann aufhorchen ließ. Dieser harte Ton wurde normalerweise nicht ihm zuteil, sondern Angestellten, die weit unter ihm standen. Nicht einmal das Morgenlicht konnte das bösartige Aufblitzen des Granatschmuckes auf der hochgeschnürten Brust der Hotelchefin abmildern.

»Ma’am, ich habe dort Darjeeling serviert, wie jeden Morgen.«

»Aber nicht jeden Morgen spuckt Mr. Richard Varick junior unseren Darjeeling aus«, entgegnete sie scharf, worauf Gordon sich erschrocken nach besagtem Gast umwandte. Dieser warf ihm einen Blick zu, als habe er ihn vergiften wollen, und Mr. Gordon beeilte sich, seiner Herrin zu dem Gast zu folgen.

»Mr. Varick, es tut mir außerordentlich leid, dass Ihnen ausgerechnet in meinem Hause etwas nicht schmeckt«, raunte sie ihm untertänigst zu.

Mr. Gordon verneigte sich so tief, dass er an der Teetasse schnuppern konnte, und verzog ebenso angewidert das Gesicht. Der feine Duft des Darjeelings konnte bei so genauem Riechen nicht den Geruch überdecken, der Mr. Gordon an etwas erinnerte… Vor seinem geistigen Auge tauchte Miss Laura auf, die in der Küche mit einer leeren Wärmflasche auf den Knien gesessen hatte.

»Ein grässliches Versehen, mein Herr. Ich bitte Sie untertänigst, dies zu entschuldigen.« Mit spitzen Fingern räumte er ab. Und während Mrs. Featherwick sich mit ausgesuchtester Höflichkeit bemühte, den Schaden wieder gutzumachen, indem sie Mr. Richard Varick junior sofort einen neuen Tee, dazu eine Auswahl an Gebäck anbot, stürmte Mr. Gordon in die Küche. Dort war aber nicht die Urheberin seiner Blamage. Obwohl es männlichen Angestellten streng verboten war, in die Zimmer der Dienstmädchen zu gehen, drang er dort ein ohne anzuklopfen und fand Anne Bowler im Bett mit der fatalen Wärmflasche.

»Wo! Wo ist Laura!«, herrschte er sie an. Anne hatte sich erschrocken die Bettdecke vor die Brust gezogen und starrte ihn nur mit schreckensweiten Augen an, kaum eines Wortes fähig. »Im Dienst!«, stammelte sie schließlich. Gordon lief davon, die Tür ließ er offen stehen, doch dann besann er sich und ging zurück. »Du kommst ins Büro der Herrin! Und wehe, du sagst auch nur ein Sterbenswörtchen. Wehe!«, knurrte er. »Du bist ohnehin erledigt. Du und deine saubere Freundin Laura!«

Auch als Gordon schon längst gegangen, seine zornigen Schritte auf den Dielen verhallt waren, starrte Anne noch immer zur Tür, schluchzend und zitternd. Der Moment, vor dem sie sich seit Wochen gefürchtet hatte, stand wohl unmittelbar bevor.

Zur selben Zeit näherte sich der Rechtsgelehrte Mr. Archibald Fairbanks dem Hotel, in der Hoffnung, seinen Auftrag, den er in diesem so überaus unenglischen Land zu erfüllen hatte, heute zu Ende zu bringen. Drei ganze Wochen suchte er bereits nach den Nachkommen von Mr. Daniel Branwick - es war die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Im Hafen von New York hatte er glaubhaft versichert, dass er auf keinen Fall beabsichtige, hier zu bleiben. Die Glaubwürdigkeit gelang auch deshalb so vollkommen, weil er von einem früheren Besuch längst wusste, was ihn in Amerika erwartete. Er war nicht erpicht darauf gewesen, den letzten Willen seines Mandanten zu erfüllen, aber immerhin hatte Daniel Branwick Schifftickets für die erste Klasse spendiert und in seinem Testament großzügige Spesen einkalkuliert, was Mr. Fairbanks ein wenig tröstete. Trotzdem fand er, dass derartige Anstrengungen seinem altersschwachen Herz nicht zuträglich waren. Er nahm seinen Zylinder ab, tupfte sich mit seinem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn und strich sein weißes Haar hinter die Ohren.

Die Behörden hatten ihm nur demonstrativ widerwillig Auskünfte erteilt; ausschließlich Dollars hatten sie dazu bewegen können, in ihren Akten zu blättern und ihm mitzuteilen, dass die Menschen, die er suchte, bereits verstorben waren. Die Auskunft, dass es eine Nachfahrin gab, hatte extra gekostet, ebenso das Original der Geburtsurkunde. Die Suche nach dem Mädchen führte ihn in ein Waisenhaus, eine Wollspinnerei, diverse Herrenhäuser, wo das Mädchen gearbeitet hatte, und schließlich hatte ihm jemand die Adresse des Hotels Savoy auf einen Zettel gekritzelt, vor dem er nun stand, und an der prächtigen Fassade hinaufschaute.

Hinter der Fassade, genauer gesagt im Büro der Mrs. Wynona Featherwick, saß ebendiese an ihrem Schreibtisch, dessen Marmorplatte, gestützt von geschnitzten Adlern, kaum sichtbar war unter all den Dokumenten, Papieren, leeren Kaffeetassen und Gin-Gläsern. Gordon wagte nicht, sich direkt neben seine Herrin zu stellen, hatte sich aber so am Schreibtisch platziert, dass auch er die beiden Übeltäterinnen mit der gebotenen Verachtung fixieren konnte: Anne Bowler und Laura Branwick. Anne war ganz in sich zusammengesunken und wünschte sich sehr weit weg. Laura war in Kampfstimmung: »Ich konnte nicht wissen, dass er das Wasser für den Tee für den Sohn des Bürgermeisters von New York haben wollte. Ich habe ihm gesagt, dass ich das Wasser für Annes Wärmflasche brauche. Er meinte nur, er bräuchte es dringender. Wer bin ich, dass ich ihm widersprechen dürfte?«

»Du hättest mir sagen müssen, dass du dieses verdammte Wasser schon zum wievielten Male für die Wärmflasche für diese Flittchen benutzt.« »Natürlich benutze ich dasselbe Wasser immer wieder«, entgegnete Laura kühl. Und zu ihrer Herrin gewandt fügte sie hinzu: »Wir gehen sehr gewissenhaft und sparsam mit allem um.«

Leider konnte dies die Herrin nicht beeindrucken. Ihre Augen wurden schmal, als sie nach dem Grund für die Wärmflasche fragte, doch bevor Anne oder Laura etwas erwidern konnten, winkte sie verächtlich ab. »Ich weiß schon, das kleine Flittchen ist schwanger.«

»Anne ist kein Flittchen; Mr. Gordon ist ein Flittcher! Anne ist schwanger von ihm. SEHR unfreiwillig, das kann ich Ihnen sagen. Auf dem Wäscheboden hat er ihr aufgelauert und sie vergewaltigt. So! Jetzt wissen Sie’s!« Laura stand da mit verschränkten Armen und schaute Mr. Gordon herausfordernd an.

»Ich dulde solche Reden nicht in meinem Haus!« Mrs. Featherwick war aufgesprungen, ihre Stimme schrillte durch den Raum und konnte Mr. Gordons unbeteiligtem Gesicht noch immer keine Regung entlocken.

»Aber solche Taten!«, fauchte Laura, denn sie wusste, dass sie ohnehin nur noch wenige Augenblicke in diesem Hause hatten; da lohnte sich ein Abgang mit Fanfarenschall.

In diesem Moment klopfte jemand an die Tür. »Jetzt nicht!«, rief Mrs. Featherwick, worauf sogleich ein zweites Klopfen ertönte. Mrs. Featherwick stöhnte enerviert auf. War das am Ende doch ein Gast? Sie sammelte sich, strich kurz über ihre schwarze Seidenbluse und den dunklen Rock, schaltete auf ihre »Gästestimme« um und rief: »Herein!«

In der Tür sah sie einen älteren Herrn, dessen eindeutig englisches Aussehen ihr wenig angenehm war.

»Verzeihen Sie bitte die Störung«, sagte er im besten britischen Akzent, »mir wurde gesagt, dass ich hier Miss Laura Branwick finde.«

»Worum geht es?«, fragte Mrs. Featherwick.

»Sind Sie Miss Laura Branwick?«, fragte der Mann im Näherkommen zurück, wobei er seinen Spazierstock in ihre Richtung schwenkte. Dies wies die Dame des Hauses weit von sich. Laura räusperte sich ein wenig und hob schuldbewußt die Hand. »Ich. Ich bin Laura Branwick.« »Miss Branwick, es freut mich sehr, Sie zu sehen«, sagte er und schüttelte ihre Hand. »Wenn ich mich kurz vorstellen darf, mein Name ist Archibald Fairbanks, Notar. Ich möchte Sie gerne in einer dringenden privaten Angelegenheit sprechen. Wenn möglich unter vier Augen.«

»Natürlich, Mr. Fairbanks. Allerdings gehe ich nicht ohne meine Freundin Anne.« Laura legte ihren Arm um Annes Schultern.

»Ganz wie Sie wünschen, Miss«, erwiderte er mit einer Verbeugung.

»Darf die Herrin dieses Hauses fragen, welcher Art diese ›private Angelegenheit‹ ist?«, ließ sich Mrs. Featherwick vernehmen, denn sie spürte, dass die Situation ihr entglitt. Mr. Fairbanks wandte ihr seine volle Aufmerksamkeit zu, schenkte ihr sogar ein verbindliches Lächeln. »Mylady, die privaten Angelegenheiten von Miss Branwick sind… ähem, privater Art. Wenn Sie uns jetzt bitte entschuldigen wollen.« Er wandte sich an Laura und Anne: »Ich konnte nicht umhin, mit anzuhören, dass Sie in diesem… Etablissement gewisse Schwierigkeiten haben«, sagte er mit einem Seitenblick auf Mr. Gordon. »Daher schlage ich vor, sie packen Ihre Sachen und kommen mit mir. Ich erwarte Sie unten in der Eingangshalle.«

Und noch ehe Mrs. Featherwick und Mr. Gordon ihre Fassung wiedererlangt hatten, um einzuschreiten, hatte Mr. Fairbanks den jungen Damen die Tür mit einer Verbeugung geöffnet und hinter sich wieder geschlossen. Bei seinem letzten Blick auf die Herrschaften hatte er sich ein sehr britisches Lächeln nicht nehmen lassen.

Es dauerte nicht lange und die beiden Frauen standen in ihren Sonntagsmänteln, Hüten und Sommerhandschuhen, jede einen Koffer in der Hand, vor Mr. Fairbanks.

»Ich würde Sie gerne zu einem Essen einladen. Nicht hier, sondern in einem Restaurant, in dem ich in den letzten Tagen gut und gerne gespeist habe.« Die beiden Frauen schauten einander an. Ihre Blicke sagten deutlich, dass sie sich in der Zwischenzeit über ihn unterhalten hatten. »Wer genau sind Sie und was wollen Sie von mir?«, fragte Laura.

»Verzeihen Sie mir. Ich kann verstehen, dass eine wohlerzogene junge Dame (hier sah Mr. Faribanks eine Augenbraue undamenhaft nach oben schnellen) wissen muss, mit wem sie es zu tun hat. Ich bin der Notar Ihres Onkels Daniel Branwick. Er ist im März verstorben - mein Beileid! - und hat Ihnen sein gesamtes Vermögen vermacht, wozu ich Ihnen gratuliere. Dass ich erst jetzt vor Ihnen stehe, hängt damit zusammen, dass ich die schlimmsten Frühjahrsstürme abwarten wollte, um nach Amerika zu reisen. Außerdem hat sich die Suche nach Ihnen als sehr schwierig und langwierig erwiesen. Ich bitte Sie, mir zu verzeihen, dass Sie nicht schon vor Monaten in den Genuss dieses Vermögens gekommen sind.«

Laura und Anne schauten einander mit großen Augen an und holten tief Luft; Laura hatte sich als Erste wieder gefangen: »Da gibt’s doch sicher einen Haken!«

»Den Haken würde ich gerne in Ruhe besprechen. Wenn Sie mir bitte folgen möchten?«

Obwohl es ein einfaches Restaurant war, das Mr. Fairbanks gewählt hatte, waren seine Schützlinge - denn als solche betrachtete er nunmehr die beiden jungen Frauen - sehr unsicher. Auf ihren Gesichtern malte sich deutlicher Schrecken ab, als sie in die Karte schauten und die Preise sahen.

»Seien Sie bitte unbesorgt, Ihr Onkel hat Ihnen reichlich Geld vermacht. Sie werden in weitaus feineren Häusern speisen können. Bestellen Sie, worauf Sie Lust haben, Ihr Onkel lädt Sie ein.«

»Das klingt jetzt erst mal so, als seien alle unsere Probleme gelöst, Mister«, begann Laura. »Was genau hat mein Onkel, den ich übrigens niemals gesehen habe, mir vermacht und wo ist der Haken?« Das Misstrauen in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

»Ihr Onkel hat Ihnen ein Hotel vermacht.«

»Ein großes?« Laura schaute ihn über die Speisekarte hinweg an.

»Es ist deutlich kleiner als das Hotel, in dem Sie bisher gearbeitet haben, aber auch sehr fein. Außerdem ist dieses Hotel in England.« Dies erwähnte er in einem Tonfall, mit einer Mimik, als sei diese Tatsache der größte Vorteil, den ein Hotel nur haben könne. »Selbst der Earl of Huntington ist dort mit seiner Familie gerne zu Gast. Die Adligen, die auf der Durchreise von London nach Edinburgh sind, machen dort Halt. Das Hotel verfügt über zwanzig Zimmer, einen Garten, eine Wäscherei, Stallungen, eine Remise… Was eben benötigt wird. Außerdem hat er Ihnen eine Summe von fünfhunderttausend Pfund vermacht, dazu Ländereien, ein Jagdhaus, ein Sommerhaus.«

Annes Unterkiefer fiel immer weiter nach unten.

»Verstehe. Was eben benötigt wird«, fasste Laura knapp zusammen. »Wo ist der Haken?« Sie neigte sich vor, lehnte sich aber gleich wieder zurück, denn der Ober kam, um die Bestellung aufzunehmen. Mr. Fairbanks sah erfreut, dass die beiden ihm vertrauten und Steaks bestellten, die sie sich mit Sicherheit von ihrem Lohn nicht leisten könnten.

»Also, Mr. Fairbanks, kommen Sie zum Punkt. Wo ist der Haken?« Mit einem Schmunzeln bemerkte Mr. Fairbanks, dass Laura sich mit Geld nicht so schnell beeindrucken ließ, denn ihr Tonfall blieb kühl und sachlich.

»Der Haken ist, dass Ihr Onkel davon ausging, dass er seinen Besitz seinem jüngeren Bruder - Ihrem Vater - überlassen könne. Er konnte nicht ahnen, dass sein kleiner Bruder schon vor ihm gestorben war und keine männlichen Nachkommen hatte. Ihr Onkel und Ihr Vater hatten in den letzten Jahren wohl keinen Kontakt?«

»Mein Vater hatte England hinter sich gelassen, wie er immer sagte. Zu viele Adlige, die den kleinen Leuten das Geld aus der Tasche ziehen, um sich ihr eigenes Leben zu vergolden. Allerdings muss ich sagen, dass es hier in Amerika zwar keine Adligen in dem Sinne gibt, aber auch reiche, mächtige Menschen, die sich ihr eigenes Leben vergolden auf Kosten der kleinen Leute wie mir und Anne. - Um auf die Erbschaft zurückzukommen: Soll das heißen, ich kriege das alles nicht? Nur weil ich eine Frau bin?« Lauras Stirn legte sich in ungemütliche Falten, worauf Mr. Fairbanks sich beeilte zu versichern, dass sie sehr wohl das Erbe antreten könne. »Allerdings bräuchten Sie entweder einen Vormund oder einen Ehemann.« Laura rollte aufstöhnend die Augen. »Und ich dachte, eine große Erbschaft könnte unsere Probleme lösen. Mir scheint, sie fangen jetzt erst richtig an. Ich weiß nicht, was ich scheußlicher finden soll: einen Vormund oder einen Ehemann!« Ihre Gabel machte dabei einen Bogen durch die Luft, als wolle sie sich beides vom Leibe halten. »Geht es denn wirklich nicht anders?«

»Ich fürchte, nein. Die englischen Gesetze sind da sehr streng. Ich nehme an, dass Sie hier in der neuen Welt andere Gesetze haben«, vermutete Mr. Fairbanks, doch Laura winkte ab. »Wenn es darum geht, Frauen in Abhängigkeit und Sklaverei zu halten, ist die neue Welt gar nicht so neu. Da wird gewissenhaft das gute alte Brauchtum gepflegt, das man aus Europa mitgebracht hat.«

»Stimmt!«, bestätigte Anne. »Die alte Köchin im Hotel hat mal erzählt, wie schwer es Mrs. Featherwick nach dem Tod ihres Mannes hatte. Sie musste ganz schön kämpfen, bis man ihr die Leitung des Hotels überlassen hat. Ihr Bruder musste für alles mit unterschreiben. Es sollte uns nicht wundern, wenn es auch in England nicht fortschrittlicher zugeht.«

»Aber wie Sie sehen, Mr. Fairbanks, hat unsere Chefin nichts daraus gelernt. Zumindest hat sie nicht gelernt, dass Frauen zusammenhalten sollten.«

Auf Mr. Fairbanks Gesicht lag ein anerkennendes Lächeln. Diese beiden Frauen hatten offene Augen und ihre Herzen am rechten Fleck. Huntington Town sollte sich glücklich schätzen, zwei solche Mitbürgerinnen zu gewinnen. Laut sagte er: »Leider habe ich schon immer geahnt, dass die Menschen, die nach Amerika auswandern, wieder eine Gesellschaft kreieren, die genau so ist, wie die, die sie gerade verlassen haben. Aber sei’s drum. Sie sind klug und kritisch, Miss Branwick. Ich bin sicher, Sie werden Ihren Angestellten eine gute Chefin sein.«

Der Ober brachte die Getränke; die beiden Frauen schauten fasziniert zu, wie der Ober Wein eingoss, dann hoben sie alle ihre Gläser.

»Auf die neue Leiterin des Hotels The Rose and Crown!«

»The Rose and Crown? So heißt mein Hotel?«, fragte Laura und hatte Mühe, ihr Lachen zu verbergen. Der Wein in ihrem Glas schwappte deutlich hin und her.

»The Rose and Crown«, bestätigte Mr. Fairbanks. »Also, auf die neue Leiterin des Rose and Crown.«

Genüsslich tranken sie alle.

»Das ist ein so sonderbarer Gedanke. Ich! Hotelerbin und bald Chefin. Daran muss ich mich erst gewöhnen. Das macht mir ein wenig Angst, muss ich sagen. Ich weiß nicht, ob ich dem allen gewachsen sein werde.«

»Laura, du könntest endlich alles anders machen. Denk doch nur daran, wie oft wir uns über Mrs. Featherwick geärgert haben, ihre Ungerechtigkeit, ihre Launen! Wir haben so sehr unter ihr gelitten. Und wir haben oft gedacht, dass es viel besser für alle wäre, wenn sie ein klein wenig Freundlichkeit für uns hätte. Wie oft sind Dinge schiefgegangen, weil alle gegen alle, anstatt miteinander und füreinander gearbeitet haben.«

»Du hast recht, Anne.« Laura schaute ihre Freundin an, dann Mr. Fairbanks. »Sie scheinen ziemlich viel Ahnung von allem zu haben. Was schlagen Sie also vor?«

»Sie beide kommen mit mir nach England. In Huntington Town übernehmen Sie das Hotel, wobei es sicher eine Weile der Eingewöhnung und Einarbeitung bräuchte. Sie, Miss Bowler, sollten als Witwe auftreten, in Huntington Town eine Wohnung nehmen und die Ereignisse in Ruhe auf sich zukommen lassen.«

Anne errötete zutiefst bei diesen Worten. Er hatte offenbar gehört, in welchem Zustand sie war. Unverheiratet schwanger zu sein, war in Amerika schon schlimm. Wie sollte das erst in England sein?

»Ich soll dort also gleich als Hotelerbin erscheinen?«, fragte Laura ohne Begeisterung.

»Als solche hätten Sie keinerlei Schwierigkeiten, einen Ehemann zu finden.« Mr. Fairbanks wollte aufmunternd klingen. Er konnte sich kaum vorstellen, dass die Suche nach einem Ehemann für eine junge Frau etwas Unerfreuliches sein könnte, wurde aber von Laura eines Besseren belehrt: »Doch! Erst recht!«, erwiderte Laura mit deutlicher Empörung. »Ich will nicht, dass mein Mann mein Hotel liebt, sondern mich. Solange ich noch ledig bin, will ich nicht, dass man erfährt, dass ich eine reiche Erbin bin. Wissen Sie, ich habe im Hotel so viel Leid erlebt. Ja, vor allem in den reichen Familien. Da wird oft nur des Geldes wegen geheiratet. Als Zimmermädchen bekommt man so einiges mit, denn die feinen Herrschaften nehmen Bedienstete nicht als Mensch, sondern als Möbelstück wahr, ohne Geist und Gefühle. Sie stritten ganz ungeniert vor mir, warfen sich Gemeinheiten an den Kopf, und meist ging es dabei um Geld. Es war manchmal richtig widerlich. Es gibt doch nichts Quälenderes als eine Ehe, die nur vom Geld zusammengehalten wird. Nein, das will ich auf keinen Fall.« Alle drei verfielen in Schweigen. Annes Blick schweifte durch das Restaurant, blieb an einer Familie hängen, deren Kinder in Sonntagskleidchen brav ihre Teller leeraßen. Der Vater unterhielt sich mit seinen Töchtern, die Mutter wischte dem Jüngsten den Mund ab. Ihr Blick senkte sich auf ihren Leib, der sich schon zu wölben begann, in dem ein Leben heranwuchs, das sie nicht wollte. Vor der Engelmacherin hatte sie Angst gehabt, denn zu groß war die Gefahr, selbst dabei zu sterben. Wie sollte das alles weitergehen?

Mr. Fairbanks hatte ihre Blicke bemerkt und ihre Gedanken erraten. Durch Mrs. Featherwicks Bürotür hatte er gehört, wie Anne in diesen Zustand gekommen war. Er hoffte inständig, dass sie in England ein neues Zuhause für sich und ihr Kind fand.

Laura starrte hinaus auf die Straße. Menschen hasteten, flanierten, waren arm oder reich, bunt oder schmutzig gekleidet. Die meisten von ihnen hatten offenbar ein Ziel, manche nicht.

»Ich will in meinem Hotel als Dienstmädchen arbeiten«, sagte Laura plötzlich.

»Wie bitte?« Anne und Mr. Fairbanks trauten beide ihren Ohren nicht. »Ja, ich will dort arbeiten, ohne dass jemand weiß, dass mir das Hotel gehört. Ich will so herausfinden, wer von diesen Menschen gut ist und wer nicht. Dann kann ich mir schon mal einen Überblick verschaffen, wer wirklich ehrlich ist und wer nur rumschleimt.« Sie grinste breit und freute sich diebisch über ihren Einfall.

»Miss Branwick, sind Sie sicher, dass Sie sich das antun wollen?«

»Ich habe so lange als Dienstmädchen gearbeitet, da werde ich es in meinem eigenen Hotel wohl auch eine Weile aushalten. Außerdem werde ich alles mit Leichtigkeit ertragen, weil ich weiß, dass es nicht für lange ist. Ich kann mir dann schon im Geiste die Gesichter vorstellen, wenn ich die Katze aus dem Sack lasse.«

»Miss Branwick, hatte ich denn nicht mein altersschwaches Herz erwähnt?«, fragte Mr. Fairbanks mit einem resignierten Seufzen.

»Hatten Sie nicht, aber Sie müssen ja nicht dort arbeiten, sondern ich.« »Und wenn mir etwas zustößt? Es würde mich sehr beruhigen, wenn ich Ihren Fall einfach abschließen und mich danach zur Ruhe setzen könnte.«

»Machen Sie denn alles alleine, Mr. Fairbanks?«, wollte Anne nun wissen.

»Am liebsten. Dann weiß ich, dass es ordentlich gemacht ist. Ich habe zwar einen Gehilfen, aber…« Er blickte stirnrunzelnd aus dem Fenster, ohne den Satz zu beenden. Dieser Gehilfe war wohl ziemlich schauderhaft, denn Mr. Fairbanks musste sich ein wenig sammeln, bevor er weitersprach: »Auf unserer Rückreise werden wir in Oxford Halt machen. Da werde ich ein paar Dinge zu regeln haben. Sie verstehen sicher, dass ich das miteinander verbinden möchte. Und Sie könnten sich in der Zeit Oxford anschauen.«

»Das klingt gut«, bestätigte Anne.

»Außerdem müssen Sie an Ihrem Akzent arbeiten. Wenn Sie wirklich incognito auftreten möchten, sollte man Sie nicht sofort als New Yorkerin erkennen. Außerdem werden wir die Zeit nutzen müssen, um Sie, Miss Bowler, neu einzukleiden, denn Sie werden als reiche Witwe auftreten. Das ist in Ihrem Zustand deutlich ratsamer denn als unverheiratete Frau zu erscheinen. Sie werden am besten Logis im Hotel beziehen, dann können wir sicher sein, dass Sie, Miss Branwick, dort all die Erfahrungen machen werden, die Sie möchten. Ein Arzt, mit dem ich befreundet bin, wird sich um Sie kümmern, damit es Ihnen an nichts fehlt.

Aber Sie, Miss Branwick, brauchen für die Zeit, in der Sie in England ohne Ehemann sind, einen Vormund.«

Laura ließ die Luft durch ihre Lippen zischen und verdrehte die Augen. »Aber wo kriege ich so schnell einen Vormund her? Einen, auf den ich mich verlassen kann?«

»Wenn Sie mit mir vorlieb nehmen möchten? Ich bin auf Ihrer Seite, mehr als Sie ahnen«, erwiderte Mr. Fairbanks mit einem hintergründigen Lächeln.

»Und was gäbe es bei Ihnen noch zu ahnen?«, fragte Laura spöttisch, worauf Mr. Fairbanks tief Luft holte. Es war offenbar, dass er sich überwinden musste, dieses Geheimnis preiszugeben: »Ich bin der uneheliche Sohn einer Wäscherin. Mein Erzeuger - Vater möchte ich ihn nicht nennen - war der Dienstherr meiner Mutter. Sie hat alles getan, um mich zu einem anständigen Menschen zu erziehen. Glücklicherweise fand sie einen liebevollen Ehemann, der mir ein wirklicher Vater war. Dieser Mann ermöglichte mir meine Ausbildung. Ich sehe es als meine Pflicht an, Menschen wie Ihnen zu helfen, in aller Aufrichtigkeit.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit, Mr. Fairbanks.«

Alle verstummten, denn der Ober brachte das Essen.

»Lassen Sie es sich schmecken, meine Damen.« Und das taten sie. Eine Weile hörten sie an ihrem Tisch nichts weiter als die Geräusche des Bestecks auf ihren Tellern, das Schneiden der Steaks, das Zerteilen der Kartoffeln und das Aufspießen der Kohlröschen.

»Ich möchte aber doch zu bedenken geben«, begann Mr. Fairbanks, nachdem er sein Besteck auf den leeren Teller gelegt hatte, »dass wir gewisse Vorkehrungen treffen müssen. In Oxford wohnt ein junger Mann, der bald meine Kanzlei übernehmen wird. Für den Fall, dass mir etwas zustößt, während Sie noch als Dienstmädchen unterwegs sind, werden Sie diesen Mann kontaktieren. Bei ihm werde ich das Original ihrer Geburtsurkunde hinterlegen. Er ist Ihr doppelter Boden, Ihr Netz, das Sie auffangen wird. Falls mir auf der Heimreise etwas geschieht - und glauben Sie mir, eine Fahrt über den Atlantik ist nicht lustig - nehmen Sie bitte meine Aktentasche an sich, denn dort sind alle nötigen Papiere.«

»Mir scheinen Sie sehr kräftig und gesund«, entgegnete Laura, fügte dann jedoch hinzu: »Aber sicher haben Sie recht. Es ist immer besser, noch jemanden zu haben, auf den man sich berufen kann.«

»Nachtisch, die Damen?«

»Und ob!«, sagten beide wie aus einem Munde.

2. Kapitel

Auf dem Weg nach England

Mr. Fairbanks bestand darauf, dass sie sich schon in New York standesgemäß einkleideten, um in der ersten Klasse des Schiffes kein Aufsehen zu erregen. Ihre alten Sachen musste Laura allerdings gut aufbewahren, denn die würde sie in Huntington noch brauchen. Doch auch Anne behielt viele ihrer Kleidungsstücke, als könne sie dem neuen Leben noch nicht ganz trauen.

Auf dem Segelschiff, das sie über den Atlantik brachte, hatte Mr. Fairbanks genügend Zeit, seinen beiden Schützlingen alles beizubringen, was sie wissen mussten, wenn Laura endlich ihren Platz als Hotelerbin eingenommen haben würde. Sie wohnten in komfortablen Kabinen, wo sich sogar Personal um ihre Belange kümmerte, woran Laura und Anne sich nicht gewöhnen konnten. Die Drei blieben für sich, speisten in Mr. Fairbanks Kabine, wobei der alte Mann immer wieder auf Anstandsregeln und Etikette hinwies. Die beiden Frauen waren mit Ernst bei der Sache, mussten sich aber immer wieder anschauen und lachen oder ihre Köpfe schütteln, denn zu plötzlich war diese sonderbare Wendung in ihr Leben getreten.

Abends, wenn nur noch wenige Männer an Deck waren, gingen sie ein wenig spazieren, schauten auf die Weite des Meeres und hielten sich dabei fest an den Händen. Sie hatten einen Sprung gewagt, indem sie sich auf Mr. Fairbanks eingelassen hatten. Sie waren aus ihrem alten Leben abgesprungen, fielen durch die unendliche Weite des Ozeans und fragten sich, wie sie wohl in England landen würden. Waren ihre Erlebnisse der letzten Tage nicht viel zu großartig und märchenhaft, um wahr zu sein? Mr. Fairbanks war so freundlich, aber gab es das tatsächlich, dass jemand solche Mühen auf sich nahm, nur um den Willen eines Verstorbenen zu erfüllen? Alle Menschen auf dem Schiff begegneten ihnen mit Höflichkeit; selbst die Matrosen, hoben ihren rechten abgeknickten Zeigefinger an die Schläfe, wie es Seemansbrauch war. Als Anne und Laura den Gruß in gleicher Weise erwidern wollten, gebot Mr. Fairbanks ihnen Einhalt: »Nein, nein! Vor den Matrosen nicken Sie nur höflich. Vor dem Captain und den Offizieren knicksen Sie.«

Ja, auch der Captain und seine Offiziere waren überaus freundlich, verneigten sich vor ihnen, wie Gentlemen es vor Ladys tun, wobei Laura und Anne sich immer wieder ein Kichern verkneifen mussten. Denn wie anders wären diese Männer ihnen begegnet, hätten sie sie eine Woche früher angetroffen! In ihrer grauen Arbeitskleidung hätten sie sie gar nicht wahrgenommen, geschweige denn mit einem warmen Lächeln bedacht. Frauen an Bord waren offensichtlich eine willkommene Abwechslung für die gesamte Besatzung.

Außer Laura, Anne und Mr. Fairbanks waren noch ein paar Kaufleute und ein älteres Ehepaar an Bord, was Laura und Anne zu der Überzeugung brachte, dass wohl alles seine Richtigkeit hatte und man sie tatsächlich nach England bringen und nicht auf einem orientalischen Sklavenmarkt feilbieten würde.

Nach vierzig Tagen hatten sie Southampton erreicht und machten sich auf den Weg nach Oxford. Auch hier waren sie unterwegs wie Prinzessinnen: Personal kümmerte sich um ihr Gepäck, Mr. Fairbanks nahm eine Mietkutsche, damit sie es so bequem wie möglich hatten, denn die Postkutsche teilte man sich üblicherweise mit einer breiten Auswahl an Menschen.

An einem sonnigen Abend im August hielten sie vor einem großartigen Haus in einer belebten Straße. Ehrfürchtig schauten Laura und Anne hinauf zu der mit Figuren verzierten Fassade, ließen ihre Blicke über den hellen Sandstein wandern, staunten über das blank polierte Messingschild, auf dem ›Dr. jur. Jonathan Hayworth‹ stand, und gelangten schließlich zu dem schmiedeeisernen Gitter, das links und rechts der Freitreppe den Bürgersteig von den Treppen trennte, die in den Keller des Hauses führten. In all ihren Anstellungen waren sie immer hinter den Eisengittern verschwunden, hatten vielleicht noch einen letzten Blick auf den Gehweg geworfen, wo sie auf Augenhöhe mit dem Pflaster waren, um dann im Dienstbotentrakt ihre Arbeit zu verrichten.

Zum ersten Mal stiegen sie die Haupttreppe eines solchen Hauses empor, betraten die prächtige Eingangshalle durch die Haustür und ließen sich von dem Butler ihre Mäntel und Handschuhe abnehmen.

Noch während die Frauen den Kristallleuchter bewunderten und sich unwillkürlich fragten, wie viele Jahre sie als Dienstmädchen wohl arbeiten müssten, um ein solches Stück zu erwerben, erschien der Hausherr.

»Archibald! Wie ich mich freue, dich zu sehen! Und du warst erfolgreich! Vor zwei Tagen habe ich deinen Eilbrief aus Southampton bekommen.« Die beiden Männer schüttelten einander die Hände.

»Die Freude ist ganz meinerseits, Jonathan«, erwiderte Mr. Fairbanks strahlend.

»Nicht nur Freude, wie mir scheint. Du bist sicher auch erleichtert, die lange Überfahrt überstanden zu haben.«

»Das waren die längsten vierzig Tage meines Lebens. Noch einmal werde ich das ganz sicher nicht mehr durchmachen. - Aber hier stehen wir alten Männer und reden, während hier zwei hübsche junge Frauen sind, die ich dir noch gar nicht vorgestellt habe. Das ist Miss Laura Branwick, meine Mandantin.« Er wies mit einer freundlichen Geste auf Laura.

»Enchanté Madame. Es freut mich außerordentlich, dass mein alter Freund Sie gefunden hat. Es war ihm eine Herzensangelegenheit.« Er verneigte sich tief, worauf Laura knickste und ihm für seinen freundlichen Empfang dankte.

»Und das ist ihre Freundin, Mrs. Anne Bowler.«

»Mein aufrichtiges Beileid, Gnädigste. Ich hoffe sehr, unser schönes Land wird Ihnen helfen, über Ihren Schmerz hinwegzukommen.«

»Ich danke Ihnen, Sir«, antwortete Anne leise und wagte nicht, ihn anzuschauen, denn sie fühlte sich nicht wohl dabei, diesen freundlichen Mann zu belügen. Andererseits war dies ein Zeichen, dass Diskretion zu Mr. Fairbanks’ Prinzipien gehörte.

»Meine Frau, Mrs. Hayworth, ist noch in der Stadt. Sie wird zum Dinner zu uns stoßen.« Und zu den beiden Frauen gewandt fügte er jovial hinzu: »Sie wird sich morgen Ihrer annehmen, Ihnen die Stadt zeigen, einkaufen und mit Ihnen einen richtig guten englischen Tee trinken.«

»Das freut uns sehr. Vielen Dank für Ihre Einladung«, sagte Laura und knickste noch einmal.