Herbsttod - Gudrun Schneider - E-Book

Herbsttod E-Book

Gudrun Schneider

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Beschreibung

In der beschaulichen französichen Universitätsstadt Poitiers wird ein Professorenehepaar tot aufgefunden. War es Mord oder Selbstmord? Akim Farak, ein junger Hauptkommissar und sein Kollege Franck Leclerc beginnen in dem Fall zu ermitteln. Der oberste Polizeichef warnt jedoch, dass der Fall absolut diskret behandelt werden muss, da es sich bei den Toten um Honoratioren der Stadt handelt. Mit ihrem Chef im Nacken, beginnen die beiden Kommissare ihre Arbeit. Sie finden schnell heraus, dass das tote Ehepaar nicht besonders beliebt war. Innerhalb dieser Familie gab es scheinbar viel Abneigung und es tauchen unerklärliche Fragen auf. Welche Rolle spielt der vor Jahren verstorbene Sohn der Toten? Ausgerechnet auf einem Foto von ihm, befindet sich ein Fingerabdruck, der niemandem aus dem Familienumfeld zuzuordnen ist. Gerüchte von Missbrauch, Ehebruch und Rassismus werden zunehmend Gegenstand der Ermittlungen und der Kreis der Verdächtigen ist groß. Im Zuge der Ermittlungen verfärbt sich das Bild des emeritierten Biologieprofessors und seiner Frau und wird dunkler und dunkler, je mehr Einblicke die beiden Kommissare in die Familiengeschichte und das soziale Umfeld bekommen ...

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Gudrun Schneider

Herbsttod - Der erste Fall für Akim Farak

Krimi

Inhalt

29. Oktober

30. Oktober

31. Oktober

1. November

2. November

3. November

4. November

5. November

6. November

29. Oktober

Pierre Renard wird immer unsicherer. Er sieht aus dem Küchenfenster. Coco rennt wie ein Tiger in engem Käfig den Gartenzaun entlang. Immer wieder und wieder. Er kennt den Hund schon, seit er ein flauschiger Welpe gewesen ist. So komisch ist er noch nie gewesen. Seine kurze Rute liegt eng an seinem schmalen Körper, und sein Kopf … als hätte der ausgebildete Jagdhund Wild gewittert.

Haben sie den Hund vergessen?

Sind sie verreist ohne ihn?

Unmöglich, denn er ist für sie ein wie ein eigenes Kind. Sie nehmen ihn überall mit und lassen ihn fast nie allein.

Dieses Verhalten. Es geht jetzt schon seit geraumer Zeit so.

Natürlich verbringt Pierre nicht die ganze Zeit am Fenster, aber jedes Mal, wenn er wieder hinaussieht, läuft der Hund immer noch genauso seltsam durch den Garten. Überlegungen, bei seiner Schwester anzurufen oder vorbeizusehen, verwirft er ziemlich schnell, denn er hat sich vorgenommen, den Kontakt zu seinen Nachbarn auf das Allernötigste zu reduzieren. Jahrelange Manipulationen und Demütigungen liegen wie eine unsichtbare Mauer für ihn zwischen den beiden Grundstücken, Familiengeheimnisse und Lügen, die er jahrzehntelang ignorieren konnte – mithilfe immer größerer Mengen Alkohol.

Doch nachdem er dem Wein endgültig abgeschworen hatte, fing er langsam an sich zu erinnern und bekam mehr Mut, der Wahrheit ins Gesicht blicken zu können.

Diese diversen Erkenntnisse blieben natürlich nicht ohne Konsequenzen, und Pierre begann, sich langsam aus dem Spinnennetz, das in den vielen Jahren immer enger geworden war, zu befreien. Hatte er früher mit dem Geist im Wein langweilige Tiraden und Gespräche mit der lieben Schwester und dem geistreichen Schwager ganz gut überstanden, empfindet er sie jetzt so, wie sie sind: langweilig. Diese Tatsache macht ihn nicht gerade heiß darauf, das seltsame Verhalten von Coco näher zu betrachten.

Er sieht noch einmal aus dem Fenster, Coco läuft noch genauso witternd und komisch durch den Garten.

Pierre nimmt die Hundeleine von der Garderobe und pfeift seiner bretonischen Spanielhündin Princess, die begeistert angesprungen kommt, um einen ausgiebigen Spaziergang zu machen.

Zwei Stunden fängt es an zu dämmern. Als Pierre die beiden Autos seiner Frau Anne und seiner Tochter Julie sieht, bekommt er ein schlechtes Gewissen, denn er hat versprochen, das Essen zu kochen.

Anne ist nach einem langen Tag in der Klinik, in der sie als Ärztin arbeitet, immer viel zu ausgelaugt, um noch Energie zum Kochen aufzubringen, und Julie hat den Anspruch der jungen Leute, dass im Hotel Eltern das Essen auf Knopfdruck auf dem Tisch steht.

Als Pierre das Haus betritt, begrüßt ihn eine etwas angesäuerte Anne und eine Julie, die ihm klarmacht, dass Essensentzug eine Form von Folter sei und sie sich bei Amnesty International melden werde. In seiner Verzweiflung, die sich, bar dieser geballten weiblichen Energien, breitmacht, packt er diese beim Schopf und verfrachtet sie zusammen mit sich und den beiden Frauen ohne große Worte ins Auto.

Angesichts der Speisekarte, voll französischer Delikatessen, die eine Haute Cuisine verspricht, sind die Damen schnell versöhnt.

Nachdem sie ihre Bestellung bei dem ungewöhnlich freundlichen Kellner, ihm gefiel offensichtlich Julie, aufgegeben haben, zündet sich Pierre eine Zigarette an, zieht genüsslich an ihr und lehnt sich gemütlich zurück. Diese Geste gilt für Mutter und Tochter als Aufforderung, von ihrem Tag zu erzählen.

Anne gibt den neuesten Klatsch der Klinik zum Besten und erzählt, von welchen neuesten Intrigen sie Wind bekommen hat.

Julie erzählt von den Pferden, bei denen sie ihren Nachmittag verbracht hat, was wesentlich interessanter als die Klausur gewesen ist, die am Morgen an der Uni stattgefunden hat.

Nichts desto trotz will ihr Vater wissen, wie es ihr dabei so ergangen sei.

Sie studiert Jura, etwas halbherzig, da die Pferde ihre Leidenschaft sind, aber sie lernt trotzdem fleißig ,und es gibt keine Befürchtungen, die ihr Jurastudium betreffen.

Während des Essens fällt Pierre Coco wieder ein.

Julie lenkt ihn aber gleich wieder ab: „Was hältst du davon, wenn ich die Pferde zu dem Hallenturnier in Rennes in vier Wochen anmelde?“

„Keine schlechte Idee, aber sind sie denn schon so weit? Schließlich ist es ein überregionales Turnier.“

„Ich habe mit ihnen so viel trainiert, und sie sind wirklich fit.“

Anne wendet ein, dass alles vielleicht ein bisschen viel sei, Studium und alle vierzehn Tage ein Turnier.

Julie reagiert fast wütend: „Ich will mein Leben nicht nur mit Studieren verbringen und im Beruf später versauern, oder dann das Handtuch schmeißen, weil mich meine Arbeit depressiv macht, so wie Papa. Schließlich hat er seine Apotheke ja deshalb verkauft, und jetzt hängt er rum und versucht es mit Beschäftigungstherapie und macht hier mal was und da mal was. Jetzt mit Anfang fünfzig fängt er erst an, sich seine Wünsche und Träume zu erfüllen. Ich will jetzt mein Leben genießen, und da ist mir nichts zu viel, was mit den Pferden zusammenhängt.“

Anne schaut ihren Mann an und bekommt einen traurigen Gesichtsausdruck. Julie hat recht.

Pierre fiel nach dem Verkauf der Apotheke in ein tiefes Loch. Sie wusste und weiß nicht, wie sie ihm helfen kann und steht der Situation hilflos gegenüber. Sie konnte die Depression erkennen und auch, dass ihr Mann immer öfter zur Flasche griff. Sie war zu der Zeit verzweifelt, aber auch müde. Sie hatte keine Kraft mehr und entwickelte sich immer mehr zur Co-Alkoholikerin. Augen zu und hoffen, dass niemand es bemerkt. Vertuschen war die Devise. Eine heile Welt nach außen, es wird irgendwie vorübergehen.

„War das Essen in Ordnung? Darf ich noch etwas bringen? Ein Dessert vielleicht oder Kaffee?“ Der Kellner steht neben dem Tisch und wartet auf eine Order.

Anne wird aus den Gedanken gerissen und lehnt dankend ab. Julie und Pierre wollen noch einen Kaffee und Pierre dann die Rechnung.

Auf dem Nachhauseweg sind alle drei mit ihren Gedanken beschäftigt und sprechen kein Wort miteinander.

Julie überlegt sich, ob sie zu weit gegangen sei und ihre Eltern verletzt habe.

Anne denkt an die letzten Monate, in denen so viel passiert ist. Ihr Mann hat eines Tages erkannt, dass es nur noch eine Notbremse gibt. Er hat seit dieser Entscheidung keinen Tropfen mehr angerührt und geht zu einer Therapeutin, die versucht, ihn wieder aufzubauen, Lebensmut zu geben. Er lernt, sich mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren.

Er hat sich von seiner Schwester und seinem Schwager zurückgezogen und wieder Pläne. Ja, es geht ihnen und ihrer Beziehung besser.

Auch Pierre lässt die letzten Monate Revue passieren und weiß, dass dies alles erst der Anfang eines langen, steinigen und anstrengenden Weges sein würde. Aber er weiß auch, er hat zwei wunderbare Frauen, die trotz aller Kritik und Nörgelei zu ihm stehen, und er hat viele Freunde, die ihm nahe sind und denen er wichtig ist.

Zu Hause angekommen, werden sie von einer überglücklichen Princesse begrüßt, die den Eindruck macht, als seien sie Wochen weg gewesen.

Coco ist aber nicht mehr zu sehen. Er hört auch nichts. Er geht wieder hinein und ans Küchenfenster, dort kann er den Garten besser sehen. Aber auch da ist kein Hund mehr zu entdecken.

Licht brennt auch keines.

Vielleicht sind sie in ihr Sommerhaus bei Bordeaux gefahren?

Aber doch nicht einfach so!

Die Schwester lässt es ihn immer genau wissen, wann und wie lange sie wegfahren.

Vielleicht sind sie auch bloß zum Essen gegangen?

Auch ziemlich unmöglich, denn erstens, einfach unter der Woche ohne größeren Anlass auszugehen, und zweitens gibt es nur sehr wenige Restaurants, die es den beiden recht machen können. Schließlich ist Micheline davon überzeugt, dass sie der Welt beste Köchin sei, was sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zum Besten gibt.

Anne kommt zu ihm ans Küchenfenster: „Vermisst du sie schon, oder warum schaust du so intensiv hinüber? Apropos … was ist mit den Bauplänen für unser neues Haus? Ich will hier so schnell wie möglich weg!“

Pierre erzählt ihr von seinen Beobachtungen mit Coco und dass er sich fragt, ob alles da drüben in Ordnung sei.

„Ach komm, du weißt, jeder Hund spinnt mal ein bisschen, und bei den Besitzern wundert es mich, dass Coco nicht schon viel früher ausgerastet ist. Vielleicht sind sie schon im Bett. Der Schwager geht doch mit den Hühnern schlafen und steht noch vor Sonnenaufgang auf. Mach dir keine Sorgen. Du kannst ja morgen mal rübergehen oder anrufen.“

Er macht noch alle Lichter aus und ruft Julie einen Gutenachtgruß ins obere Stockwerk zu. Offensichtlich hat sie wieder Kopfhörer auf und hört nichts in ihrem Reich. Ihr Vater hat ihr eine richtig kleine Wohnung eingerichtet, in der sie schalten und walten kann, wie sie will. Selbst die Reinemachefrau darf dort nicht eintreten.

Am nächsten Morgen ist Pierre vor den beiden Frauen wach. Nach einer ausgiebigen heißen Dusche macht er Kaffee und weckt Anne.

Anne hätte gut noch einige Stunden schlafen können, aber sie hat um acht Uhr Visite, und Pünktlichkeit ist eine ihrer Ansprüche an sich selbst. Schnell den Kaffee runterstürzen und ein flüchtiger Kuss für den Mann.

Julie ist auch schon auf der Treppe und verlässt das Haus nicht, bevor sie ihrem Vater einen Kuss gibt und ihn ermahnt, heute den Tag zu seinem Tag zu machen.

Als er alleine ist, räumt er die Küche wieder auf und versorgt Princesse. Langsam beginnt es auch draußen Tag zu werden, und sein Blick fällt wieder durch das Küchenfenster in den anderen Garten. Jetzt ist Coco wieder da.

Der Spaniel sitzt kerzengerade vor der Treppe, die zur Eingangstür führt, völlig regungslos.

Gestern ist er ruhelos gewesen, heute ist er regungslos. Was ist nur mit dem Tier los?

Pierre beginnt sich Sorgen um den Hund zu machen. Er zieht sich seine Jacke an und geht nach draußen. Er ruft den Hund bei seinem Namen, jedoch ohne Reaktion. Coco bleibt wie angewurzelt sitzen und bewegt nicht einmal die Ohren.

Also, entweder der Hund ist völlig übergeschnappt, oder er steht unter Schock.

Er kann sich jedoch immer noch nicht überwinden, in den Garten einzutreten. Er findet auch viele Argumente dafür. Mittagessenkochen für die Damen. Pferde. Princesse. Alles solle ihm wichtiger sein als der Hund von Schwester und Schwager.

Er geht wieder ins Haus hinein, läuft dann aber ruhelos durchs Wohnzimmer. Das Küchenfenster vermeidet er tunlichst.

Nach einer Viertelstunde gibt er auf.

Er geht ans Telefon und wählt die Nummer im Haus nebenan.

Keiner nimmt ab. Er lässt es endlos klingeln, der Anrufbeantworter ist nicht eingeschaltet, niemand nimmt den Hörer ab.

Er wird unruhig. Was soll er tun? Er hat den Schlüssel von dem Haus. Aber soll er einfach so hineinspazieren? Schließlich hat er sich zurückgezogen von diesem Teil seiner Familie. In seiner Unsicherheit ruft er seine Frau an. Sie ist die Objektivere. Er schildert ihr kurz die nachbarliche Situation und bittet sie um Rat.

Pierre hält den Hörer immer noch fest, dann nimmt er allen Mut zusammen und sucht den Schlüssel des Hauses. Mit festen Schritten geht er auf das Haus zu, an dem noch immer zur Salzsäule erstarrten Hund vorbei, die Treppe hinauf und öffnet die Tür. Sie ist nicht doppelt abgeschlossen, also sind sie im Haus. Die beiden sind viel zu ängstlich, um das Haus zu verlassen, ohne es zehnmal zu sichern. Der Schwager sieht hinter jedem Busch einen Einbrecher lauern.

Sie haben ihn offensichtlich noch nicht gehört. Vielleicht sind sie in irgendwelche Arbeit vertieft. Unentschlossen steht er in der geöffneten Tür und überlegt, ob er weiter hinein gehen soll, oder besser auf dem Absatz kehrtmachen und so tun, als wäre er gar nicht da gewesen.

Lächerlich, denkt er, jetzt kann ich auch reingehen und ihnen gleich sagen, dass mit dem Hund etwas nicht stimmt.

Entschlossen ruft er den Namen seiner Schwester. Nichts. Er ruft den Namen seines Schwagers. Auch nichts. Jetzt erst realisiert er, dass das Haus etwas Eigenartiges ausstrahlt. Es ist die Ruhe, die ihn irritiert. Weder seine Schwester Micheline noch sein Schwager Jean-Marie sind besonders leise Menschen. Wieder und wieder ruft er ihre Namen, während er langsam durch das Haus geht und in jedes Zimmer sieht.

Von Zimmer zu Zimmer wird es ihm mulmiger.

Er kann sich selbst nicht erklären warum, es ist die Atmosphäre. Plötzlich empfindet er die Luft im Haus als stickig, dick, fast undurchdringlich. Er ringt nach Luft und öffnet im Wohnzimmer ein Fenster, und atmet erst mal tief durch.

In einem Zimmer ist er noch nicht gewesen, dem Schlafzimmer.

Doch jetzt – erst mal atmen.

Pierre leidet unter Depressionen mit Angstanfällen, die in richtige Attacken ausarten können. Er nimmt Psychopharmaka dagegen, aber in manchen Momenten sind sie fast wirkungslos.

Die Angst macht sich im Solarplexus langsam breit und steigt langsam nach oben, sie nimmt Besitz von seinem ganzen Körper und gibt ihm das Gefühl, kurz vor dem Herztod zu stehen.

Früher genügte ein kräftiger Schluck, um diese höllischen Schmerzen zu lindern. Er musste aber erkennen, dass der Alkohol die Abstände zwischen den einzelnen Attacken verkürzte, und nach dem warmen, wohligen Gefühl, das die alkoholischen Getränke in seinem Magen ausgelöst hatte, war die Angst noch größer als vorher.

Ohne Alkohol hat er zwar das angenehme Gefühl nicht mehr, aber er schafft es peu à peu, sich mit sich auseinandersetzen und andere Hilfsmittel in Anspruch zu nehmen wie telefonieren mit Freunden oder seine Gefühle aufschreiben. Spaziergänge mit den Hunden ist auch eine therapeutische Stütze. Er wird es schaffen. Endgültig.

Er ruft noch mal die Namen und öffnet dann die Tür zum Schlafzimmer. Er glaubt seinen Augen nicht zu trauen und stößt mit dem Fuß die Tür ganz auf. Er nimmt seine Brille ab und reibt sich die Augen. Er kann nicht glauben, was er da sieht. Pierre will etwas sagen, aber er kann nur stöhnen, seine Knie beginnen zu zittern, und er fürchtet, den Halt zu verlieren. Er hält sich am Türstock fest und beginnt wieder tief zu atmen, doch diesmal bringt es keine Erleichterung.

Da liegen sie.

Micheline und Jean-Marie. Tot. Ihre Münder stehen weit offen, ihre Gesichter sind eingefallen und haben eine wächserne Gesichtsfarbe. Mit viel Fantasie könnte man glauben, sie schliefen und fingen jeden Moment an zu schnarchen. Die herbstliche Sonne, die durch die zugezogenen gelb-orangen Vorhänge scheint, täuscht eine warme, friedliche Stimmung vor. Er wagt einen Schritt weiter in das Schlafzimmer hinein und glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Er hält sich die Hand vor den Mund, um den aufkommenden Brechreiz zu unterdrücken, denn aus den offenen Mündern sieht er Kellerasseln rein- und herauskrabbeln. Als ob sie sich vergewissern wollen, dass es immer noch hell ist und sie noch eine Weile in den feuchten, dunklen Mundhöhle verweilen müssen, um nicht zu vertrocknen.

Pierre ist fassungslos. Er setzt sich auf den Boden in der Tür und lehnt sich an den Türstock.

Was tun? Er weiß, dass er etwas tun muss. Die Gedanken wirbeln durch seinen Kopf. „Wie kommen diese ekelerregenden Viecher dahin?“ Er lässt seinen Blick über den Fußboden streifen, aber dort ist keine einzige Assel zu sehen. Es wird ihm schwindlig und schlecht. Plötzlich wird er durch das Klingeln des Telefons aus dieser Starre gerissen. Zuerst will er nicht rangehen, aber es könnte Anne sein, und sie weiß sicher Rat.

Es ist Anne.

„Anne, kannst du heimkommen, sofort? Bitte! Ich weiß nicht was ich tun soll?“

Etwas abgehetzt betritt Anne das Wohnzimmer und erschrickt sofort, als sie ihren Mann so versteinert auf der Couch vorfindet.

„Mon chérie, jetzt erzähl mal, was passiert ist!“

Pierre sieht sie an, als sei sie eine Fremde ,und es braucht zwei Sekunden, bis er realisiert, dass sie da ist. Rettung.

„Ach je der Hund, der sitzt immer noch vor der Tür und bewegt sich nicht.“ „Ja, aber warum? Hast du Micheline oder Jean-Marie gefragt, was mit ihm los ist?“

„Ich konnte sie nicht fragen.“

„Warum denn nicht, sind sie nicht da? Sie sind doch nicht etwa verreist und haben den Hund da gelassen?“

„So ähnlich“

„Und für den irregewordenen Hund hast du mich so dringend herbestellt?!“

„Nicht wirklich.“

„Ja, weswegen dann? Lass dir doch bitte nicht alles aus der Nase ziehen?“

„Sie sind tot!“, platzt es jetzt aus Pierre heraus. „Tot, tot, tot!!!“

„Wo denn?“ Annes Stimme klingt hysterisch. Die Ärztin erkennt nicht einmal die eigene Amnesie. „Nom de Dieu, sprich mit mir. Wo sind sie? Rede endlich!“

Pierre kommt langsam aus seiner Lethargie „Sie liegen in ihrem Schlafzimmer, man hat das Gefühl sie riechen schon. Tun sie aber nicht.“

„Hast du die Polizei gerufen oder den Notarzt?“

„Nein, ich wusste nicht was ich tun soll!“

„Bon, dann rufen wir jetzt die Polizei und Victor!“ Sie nimmt das Telefon und beginnt zu wählen.

„Möchtest du dich nicht erst davon überzeugen, dass es stimmt, was ich sage, vielleicht habe ich Halluzinationen, und sie sind putzmunter und haben mit mir ein böses Spiel gespielt.“

„Du spinnst, so böse sind selbst sie nicht, dass sie dir das antun würden. Aber wenn du willst, gehe ich hinüber und rufe von dort die Polizei.“

„Ja, das ist eine gute Idee, dann stellen sie auch keine dummen Fragen, warum wir jetzt erst anrufen.“

Gemeinsam gehen sie ins Nachbarhaus. Vorbei an Coco, die Treppe hinauf und diesmal direkt ins Schlafzimmer. Es hat sich noch nichts verändert. Die beiden liegen noch genauso in ihren Betten, wie Pierre sie gesehen hat, und obwohl die beiden recht friedlich aussehen und keinen gequälten Gesichtsausdruck haben, erschrickt Anne, denn auch sie sieht sofort die Kellerasseln, die sich in den offenen Mündern tummeln. Es sind nicht die ersten Leichen, die sie sieht, aber angesichts der Asseln in den Mündern, spürt sie einen starken Würgereiz.Trotzdem geht sie zu den Leichen und befühlt sie, hebt die Bettdecke hoch und betrachtet sie, in dem Moment ist sie ganz Ärztin, keine Angehörige.

„Ich versteh das nicht“ murmelt sie.

„Bitte, mach zu, ich will hier wieder weg“, flüsterte Pierre. „Ich ertrag das alles nicht.“

„Gut, dann ruf ich jetzt Victor an.“

Akim Mustafa Farak sitzt in seinem Büro und spitzt Bleistifte. Seit er in der Kriminalabteilung des Kommissariats von Poitiers ist, hat er das Gefühl, alle Verbrecher lebten außerhalb seiner Stadt. Für ihn gibt es fast nichts zu tun, nur kleine Delikte, Einbruch und Diebstahl. Nicht mal die Mafia findet Gefallen an dem alten Universitätsstädtchen. Anscheinend haben die 78.000 Einwohner nichts anderes zu tun, als gut zu sein.

Vielleicht liegt es an ihm? Er ist schließlich nicht ein ganz gewöhnlicher Kommissar. Für Poitiers ein Novum, er, Sohn von Immigranten aus Algerien. Es ist schon immer sein Traum gewesen, für die Polizei zu arbeiten, und dafür hat Akim sehr hart gearbeitet. Erst hat er ein Jurastudium absolviert, um danach auf der Polizeiakademie zum Kommissar ausgebildet zu werden. Er hat sämtliche Prüfungen mit Auszeichnung abgeschlossen.

Für seine Bewerbungen hatte er allerdings den falschen familiären Hintergrund. Er war Franzose, aber erst in der zweiten Generation und deshalb nicht der Traumkandidat für eine gehobene Position. Bürgermeister Louis Cardeault, ein Sozialist durch und durch, war das jedoch egal. Akim Mustafa Farak hatte mit Abstand das beste Zeugnis und ihm wurde auch eine sehr hohe soziale Intelligenz bescheinigt, dies zählte für Louis Cardeault. Es war nicht leicht für Akim, seinen Platz in der Kriminalabteilung zu finden, denn erst erfuhr er nur Ablehnung. Irgendwann haben seine Kollegen eingesehen, dass er wirklich einer von ihnen war und sich in nichts, außer vielleicht einer etwas dunkleren Hautfarbe, unterschied. Jetzt gingen sie nach der Arbeit zusammen noch für ein canon in die Bar an der Ecke.

Akim ist erfreut über jede Abwechslung, und ist es auch nur das Telefon, das klingelt. Er antwortet mit einem kurzen „Allô“ und beendet das Telefonat mit einem „à tout de suit“. Schwungvoll nimmt er seine Jacke von der Stuhllehne, klopft an die nächste Bürotür und öffnet sie gleichzeitig. „Kommst du, Franck? Es gibt zwei Tote, mehr davon beim Chef.“

Franck Leclérc schaut ihn erstaunt an und reagiert etwas langsam. Franck ist noch ein Frischling im Morddezernat und dementsprechend aufgeregt. Er hat noch nicht so viele Leichen gesehen und auch ein bisschen Angst, dass ihm schlecht werde. Franck ist eher unscheinbar. Nicht sehr groß, und auch seine Figur lässt keinen Waschbrettbauch erwarten. Er hat ein rundes, freundliches Gesicht mit großen blauen Augen, und schon in seinem Alter lichtet sich sein Haar merklich. Er ist ein bisschen schüchtern, und in seiner Freizeit liebt er es eher beschaulich. Er trinkt lieber zu Hause ein Glas Bordeaux und liest dabei einen Roman mit geschichtlichem Hintergrund, oder einen Science-Fiction. Manchmal untermalt seine Leseidylle noch ein klassisches Konzert. Nein, er ist nicht der typische Franzose, der Geselligkeit und soziales Leben als Lebensinhalt nennt. Böse Zungen behaupten, dass er dies alles nur tut, damit er selber nicht merkt, dass er nicht so angesagt ist bei den Leuten seiner Generation, besonders bei den weiblichen. Wie sein Kollege und leitender Ermittler Akim.

Akim Farak ist ein sehr gut aussehender junger Mann Anfang dreißig, ziemlich groß, schlank und sehr sportlich. Diese Figur kommt nicht von ungefähr. Er musste nicht nur intellektuell beweisen, dass er eine Führungsposition übernehmen könnte. Auch beim Sport galt, er musste grundsätzlich einer der Ersten sein, anders hatte er keine Chance, überhaupt als Kommissar in Erwägung gezogen zu werden.

Natürlich waren dies keine offiziellen Zulassungskriterien. Es waren sozusagen interne Spielregeln für nicht unbedingt bevorzugt ausgewählte Kandidaten. Akim waren diese Spielregeln bekannt und ließ sich darauf auch ein. Er nutzte jede freie Minute, um sich auch sportlich fit zu halten.

Akim wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und verband sein Training mit sozialem Engagement. Er sprach Kinder, die offensichtlich aus einem problematisch sozialen Umfeld kamen, an und stellte mit ihnen ein Sportgruppe zusammen, um sie wenigstens für eine gewisse Zeit von der Straße zu holen. Mal spielten sie Basketball, Fußball oder Volleyball.

Nach seiner Anstellung hat Akim sein sportliches Engagement beibehalten und ist inzwischen fast ein Idol für die Jugendlichen. Sie kommen schon mal gerne mit ihren

Problemen zu ihm. Schließlich ist er einer von ihnen, und er hat es geschafft. Ein Ziel, das für die meisten Jugendlichen unerreichbar erscheint. Es ist doch möglich, auch als Ausländer hier in Frankreich etwas zu erreichen.

„Alors, mach schon, du weißt doch, der Chef wartet nicht gerne.“

Jetzt kommt Bewegung in den Kollegen von Akim Farak, und auch er greift sich seine Jacke.

Fünf Minuten später stehen die beiden im Vorzimmer des Polizeichefs Francois Souffré. Chefsekretärin Leslie Bayon zeigt mit einem kurzen Kopfnicken, dass die beiden erwartet werden.

Akim muss jedes Mal lächeln, wenn er seinen Chef hinter dem viel zu großen Schreibtisch sieht. Ihm ist es ein Rätsel, wie dieser, in seinen Augen, lächerliche, unsympathische Nichtskönner es bis in diese Position geschafft hat.

Mit Kasernenhofstimme bellt Souffré die beiden an. „Farak, Leclérc! Wir haben eine besonders heikle Geschichte!“ Pathetisch fährt er fort. „Äußerst wichtige Persönlichkeiten unserer Stadt wurden tot aufgefunden. Ein Ehepaar, das ich persönlich kannte, und der Oberbürgermeister auch. Sie sehen also, was das für eine Brisanz hat.“

„Um welche Persönlichkeiten handelt es sich denn?“, fragt Akim.

Auch beim Antworten bellt sein Chef. „Sie waren beide Professoren an der Universität von Poitiers für Biologie. Er war am Ende seiner Dienstzeit der Kanzler des Fachbereichs. Beide haben sich um die Uni sehr verdient gemacht.“

Franck möchte wissen, wie die Honoratioren denn heißen.

„Jean-Marie und Micheline Gallous.“

„Und gibt es noch mehr Informationen, über die Umstände und wer sie gefunden hat?“, fragt Akim.

„Nicht viel, die Schwägerin hat angerufen. Mehr weiß ich nicht. Deshalb machen Sie sich sofort auf den Weg. Und, meine Herren, höchste Vertraulichkeit.“

Akim nickt, und die zwei Kommissare verlassen das Büro. Sie bitten die Sekretärin um die Adresse und fahren dann sofort in die Boulevard Chasseigne.

Vor der Haustüre wartet ein älterer weißhaariger Mann auf Akim und Franck. Er stellt sich als Victor Ange, Hausarzt des Ehepaares, vor. Akim Farak fragt ihn, warum er denn hier sei.

„Ich wurde von Anne Renard, der Schwägerin, gerufen.“

Akim hebt die Augenbrauen. „Ach ja? Und warum hat sie nicht uns zuerst gerufen?“

„Keine Ahnung, das müssen Sie sie schon selbst fragen.“

Franck fragt: „Können Sie schon etwas sagen, ich nehme doch an, dass Sie die beiden Toten schon gesehen haben?“

„Nein, nicht wirklich“, antwortet Victor. „Es sieht nach einem natürlichen Tod aus, aber beide hatten keine akute Krankheit und natürlich ist es seltsam, dass beide tot im Bett liegen. Es gibt äußerlich keine Hinweise auf die Todesursache. Aber die Kellerasseln?!“

Akim nimmt jetzt erst einen bretonischen Spaniel wahr, der sich an Victor Ange drückt.

„Ist das Ihrer?“, fragt er den Arzt.

„Nein, das ist Coco, der Hund vom Ehepaar Gallous.“

„Gut, dann zeigen Sie uns jetzt bitte die Leichen.“

Die drei Männer gehen ins Haus und Coco rennt voraus und zeigt ihnen den Weg. Vor dem Schlafzimmer bleibt die Hündin stehen und scheint wie erstarrt zu sein. Akim und Franck gehen vorsichtig in das Schlafzimmer, in dem die beiden Toten im Bett liegen. Akim findet, dass ihre offenen Münder etwas Gespenstisches haben, verstärkt durch die gelblich fahle Gesichtsfarbe der Leichen. Dann sieht auch er die Tiere in den Mündern, so etwas hat er noch nie gesehen. Der Ekel ist ihm ins Gesicht geschrieben.

Franck flüstert: „Gruselig, findest du nicht?“

„Ja“, pflichtet ihm Akim bei. „Aber darüber müssen wir uns keinen Kopf machen. Vielmehr brauchen wir Antworten. Denn das Szenario ist seltsam. Aber vielleicht ist es doch Selbstmord, ich würde sagen, wir rufen die KTU und unseren Pathologen. Der kann uns vielleicht weiterhelfen.“

Akim wendet sich an den Hausarzt. „Wer hat denn die beiden gefunden? War es die Schwägerin?“

„Nein, soviel ich weiß, war es der Bruder von Micheline Gallous.“

„Und wo finden wir diesen Herrn?“

„Gleich im Nachbarhaus. Sie werden schon erwartet.“

„Ich geh schon mal rüber“, sagt Akim zu Franck. „Du wartest bitte, bis unsere Kollegen von der Spurensicherung hier sind, dann kommst du nach.“

Franck nickt zustimmend und Akim geht ins Nachbarhaus, nachdem er Victor Ange noch nach dem Namen des Mannes gefragt hat. Der zeigt ihm das Verbindungstor im Garten und fragt, ob er damit entlassen sei. Franck bittet ihn, noch zu warten, bis die Kollegen von der Pathologie da sind. Er könne sicher sinnvolle Hinweise geben.

Der Arzt geht mit dem Hund in den Garten. „Wie wär‘s mit einem Spielchen, hmm, Coco? Sieh mal, das ist auch deine Freundin Princesse.“

Auf dem Weg zu den Familienangehörigen denkt Akim: Gerade noch beim Bleistiftspitzen und jetzt ein seltsamer Todesfall. So weit gingen meine Wünsche für etwas mehr Abwechslung dann doch nicht.

Er klingelt und hört gleich darauf einen Hund bellen. Vorsichtig öffnet ein Mann die Haustür, an seiner Seite steht ein Spaniel, der dem anderen aus dem Nachbarhaus sehr ähnlich sieht.

„Monsieur Pierre Renard?“

Der Mann nickt und öffnet die Tür weiter, um den Kommissar reinzulassen.

Beim Eintreten stellt sich der vor. „Guten Tag, ich bin Akim Farak, Hauptkommissar der Polizei von Poitiers. Monsieur Ange hat mir gesagt, dass ich Sie hier finden würde.“

Pierre Renard bittet ihn, im Wohnzimmer Platz zu nehmen, und fragt, ob er ihm etwas anbieten könne.

Akim lehnt dankend ab und kommt gleich auf den Punkt. „Monsieur Renard, Sie haben die Toten gefunden?“

„Ja.“

„Und?“, fragt Akim herausfordernd.

„Was – und?“ Die Stimme von Pierre Renard klingt unsicher.

„Wie kommt es, dass Sie die Toten gefunden haben?“, fragt Akim. „Und wie haben Sie sie vorgefunden – und – und – und!“, fügt er provozierend hinzu.

Nach einem tiefen Seufzer antwortet Renard: „Ich fand Coco so komisch, den Hund von meiner Schwester und meinem Schwager. Und deshalb bin ich nach einer Zeit rübergegangen. Und da lagen sie in ihrem Bett und … ja, sie waren tot. Ich habe nichts angefasst.“

Akim schaut etwas verwundert. „Der Hund war komisch, und dann finden Sie gleich zwei Tote? Wissen Sie, ich verstehe nicht viel von Hunden. Wie kommt man darauf, aus dem Verhalten eines Hundes diesen Rückschluss zu ziehen?“

„Ich habe aus dem Küchenfenster gesehen“, erwidert Renard. „Da war der Hund, Coco. Sie ist immer auf und ab gelaufen. Am Haus entlang, unruhig. Wie so ein Tiger im Käfig. Und ich kenne Coco, seit sie bei Micheline und Jean-Marie ist, und so hat sie sich noch nie aufgeführt. Vor allen Dingen nicht so lange.“

„Was heißt so lange?“

„Gestern Mittag wollte ich meine Kaffeetasse abspülen, und die Spüle befindet sich unter dem Küchenfenster. Von dort habe ich einen direkten Blick auf Haus und Eingangsbereich – und da sah ich eben den Hund.“

„Bon, aber Sie wissen nicht, wie lange der Hund schon so herumlief.“

„Natürlich nicht“, antwortet Renard. „Ich sehe nicht permanent in den Garten von meinem Schwager, aber bevor wir am Abend ins Restaurant gegangen sind, haben meine Frau und meine Tochter bestätigt, dass der Hund sich seltsam benimmt.“

„Wann haben Sie dann entschieden, dem seltsamen Verhalten nachzugehen?“

„Heute Vormittag“, sagt Renard. Ich habe mit meiner Frau Anne telefoniert, nachdem Coco immer noch da war, und sie hat dann gemeint, dass ich mal rüberschauen soll. Und da habe ich sie dann gefunden.“

„Da waren Sie sicher schockiert“, meint Akim. „Ich möchte Ihnen mein Beileid ausdrücken.“

Akim möchte wissen, was Pierre beruflich macht, wird aber, während er die Frage stellt, von Anne Renard unterbrochen, die gerade das Wohnzimmer betritt. Er stellt sich ihr vor und zeigt sich erfreut, dass er sie auch gleich befragen kann. „Madame Renard, erst einmal möchte ich auch Ihnen mein Beileid aussprechen. Aber leider muss ich Sie auch unter diesen Umständen befragen. Wir haben hier zwei ungeklärte Todesfälle und brauchen Antworten.“

Anne reagiert etwas empört: „Sie glauben doch nicht, dass wir etwas mit dem Tod der beiden zu tun haben?“

„Hören Sie“, redet Akim besänftigend auf sie ein. „Im Moment glaube ich noch gar nichts. Mir stellt sich allerdings schon die Frage, warum haben Sie uns so spät gerufen. Ihr Mann hat die Toten im Laufe des Vormittags gefunden, und wir haben von unserem Chef erst um dreizehn Uhr Bescheid bekommen. Können Sie das erklären?“

Akims Bemühungen sind erfolgreich. Anne geht auf seine Frage ein, ohne sie zu beanstanden. „Als mein Mann seine Schwester und ihren Mann tot gefunden hat, war er erst einmal so schockiert, dass er gar nicht reagieren konnte. Dann rief er mich in der Klinik an und ich kam sofort. Ich rief dann Docteur Ange an, erst er machte mich darauf aufmerksam, dass ich die Polizei anrufen soll. Was ich dann auch gemacht habe. Wissen Sie immer genau in dem Moment einer Extremsituation, was man tun muss?“

Akim fährt sich durchs Haar und antwortet: „Ja, eigentlich schon, denn ich bin dafür ausgebildet. Aber was machen Sie eigentlich beruflich? Ihr Mann ist mir auch noch eine Antwort schuldig geblieben.“

„Ich bin Ärztin, hier im Klinikum, und mein Mann ist Apotheker, er hat aber seine Apotheke vor einem Jahr verkauft.“

Akim denkt: Seltsam, von einer Ärztin hätte ich eine andere Reaktion erwartet! Es klingelt an der Tür, und Akim vermutet, dass sein Kollege Franck Leclérc jetzt da sei. Damit liegt er richtig. Franck berichtet ihm kurz, dass die beiden Toten im Beisein von Victor Ange und ihm abgeholt worden und auf dem Weg in die Pathologie seien.

Franck stellt sich dem Ehepaar Renard vor und meint dann, dass es nicht viel Neues von der Spurensicherung gebe und dass sich der Pathologe sich vor einer Obduktion auch nicht äußern wolle. „Das Haus bleibt bis auf Weiteres versiegelt, bis man weiß, wie das Ehepaar Gallous zu Tode gekommen ist. Den Hund hat Docteur Ange mitgenommen, er meinte, dass Sie im Moment überfordert wären. Natürlich können Sie den Hund jederzeit abholen, wenn Sie ihn wollen. Sie ist übrigens nicht allein. Princesse leistet Coco eine Weile Gesellschaft.“