Hering, Herz und Friesennerz - Anne Stevens - E-Book

Hering, Herz und Friesennerz E-Book

Anne Stevens

0,0

Beschreibung

Es gibt nur einen Platz, an dem du zu Hause sein kannst. Dort, wo dein Herz schneller schlägt! Thies Thomsens tiefe Stimme beschert Alice Lanski eine Gänsehaut - die Nachricht, die der hinreißend attraktive Anwalt überbringt, leider auch. Ihre Mutter ist gestorben und hinterlässt Alice einen heruntergekommenen Hof an der Ostsee. Eine skurrile Rentner-WG, ein verwaister Welpe, ein Haufen Probleme und ihr verschollen geglaubter Bruder inklusive. Alice beschließt, das nicht zu nah an sich heranzulassen. Weder den nordisch kühlen Anwalt, der ihr mit nur einem Blick ein himmlisches Prickeln beschert, noch die seltsamen Marotten ihrer diskutierfreudigen Mieter. Hätte ihr Herz nicht längst entschieden, wovon ihr Kopf dringend abrät. Eine turbulent-amüsante Romanze um die große Liebe - zum Leben, zum Meer und dem einen, der nicht so leicht zu haben ist.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 490

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Anne Stevens

Hering, Herz und Friesennerz

Ein Ostsee-Roman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Titelseite

Anne Stevens

Hering, Herz und Friesennerz

Liebesroman

Verlag Bookrix

Implerstraße 24

81371 München

_________________________

 

ISBN

_________________________

 

Korrektorat: Ruth Pöß – Das kleine Korrektorat

 

Covergestaltung: Rebecca Russ – www.sturmmöwen.at unter Verwendung von Motiven von Shutterstock

_________________________

 

Copyright © Anne Stevens 2021

 

Internet: http://www.annestevens.info

_________________________

 

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung des Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung des Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Weitere Informationen unter www.annestevens.info.

Auf meiner Webseite können Sie den kostenlosen Newsletter abonnieren. Neben allen Terminen erhalten Sie Bonusmaterial und die Möglichkeit zur Teilnahme an Gewinnspielen.

 

 

Hering, Herz & Friesennerz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prolog

Mit fliegenden Fingern drapiere ich Salatblätter auf einem wagenradgroßen Teller, wobei unser oberster Küchenchef Rolf Manning mich keine Sekunde aus den Augen lässt.

»Nur noch den einen Teller, dann sind alle Bestellungen raus«, sage ich, um Zeit zu schinden.

Er holt tief Luft. »Ich sagte: In mein Büro, Alice. Jetzt!«

Der Mann steht wie eine Mensch gewordene Panzersperre in der Tür zur Kombüse und brüllt in einer Lautstärke, für die jeder andere einen Waffenschein bräuchte.

Bei einem Mann, der an die zwei Meter misst und in etwa so breit wie hoch ist, würde mich das beeindrucken - wäre es nicht sein normaler Umgangston.

Bemerkenswert an seinem Auftritt ist also allein die Tatsache, dass er sich überhaupt in meine Küche verirrt. Ich meine, der Mann verantwortet auf unserem Kreuzfahrtschiff MS Harmony den reibungslosen Betrieb von fünf Buffet- und drei À la carte-Restaurants. Er hat Besseres zu tun, als mich in sein Büro zu zitieren. Und wenn er es doch einmal tut, dann nicht persönlich, sondern er schickt seinen pockennarbigen, chronisch-übellaunigen Assistenten Klaus, um es mir auszurichten.

Die Indizien zusammengenommen ergibt sich ein ziemlich klares Bild: Ich stecke in Schwierigkeiten. Ernsten Schwierigkeiten? Wahrscheinlich! Aber welchen Mist habe ich gebaut? Oder hat – was weit wahrscheinlicher ist – mein Azubi Kevin sich wieder zu Schwachheiten hinreißen lassen? Herrje, wie soll ich mich ohne sachdienliche Hinweise verteidigen?

Nervös schinde ich weiter Zeit, lege unter Rolfs strengem Blick exakt vier Safranfäden auf meine neueste Kreation und tupfe mit der Portionierflasche ein paar bunte Dressingkleckse um das Lachs-Tartar.

»Alice, du strapazierst meine Geduld. Ich habe nicht ewig Zeit. Schick den Teller endlich raus und komm. Jetzt!« Wieder der Kommandoton. Vor meinem Team.

Ich würde Rolf dazu gern ein paar Takte sagen, doch er gibt mir keine Gelegenheit zu reagieren, sondern wendet sich ab und geht.

Ebenso beunruhigt wie genervt wische ich mir die Hände ab und folge ihm durch die elend langen Versorgungsgänge. Dabei rutscht mir das Herz langsam, aber sicher in die karierten Kochhosen. Immer noch überlege ich fieberhaft, was zum Kuckuck ich falsch gemacht habe - bis meine Wut in Ärger umschlägt.

Verdammt, ich hasse es, wenn Rolf mich strammstehen lässt. Das verdiene ich nicht. Immerhin habe ich mir hier an Bord drei Jahre lang den Hintern aufgerissen, um Küchenchefin in einem der À la carte-Restaurants zu werden. Da sollte ein bisschen Respekt wohl drin sein. Haha.

Was mir vor der Beförderung nicht klar war: Wenn man sein Ziel erreicht hat, darf man sich nicht ausruhen, denn es wird keinesfalls ruhiger, nur einsamer. Seit ich im ›Petit Cuisine‹ den Hut aufhabe, bin ich Rolfs Prellbock für alles. Außerdem belauern mich seither die Kollegen, weil ich nicht mehr das nette Mädel aus Kabine 3009 bin, sondern ernst zu nehmende Konkurrenz.

Gott, ich bin so müde, über die Weltmeere zu schippern, ständig dem Sommer hinterher, weil die Passagiere nun mal nicht an Bord der Harmony kommen, um im Ostfriesennerz zu bibbern, sondern eine große Portion Karibik-Sonne wollen.

Als wir endlich Rolfs Büro erreichen, bin ich fast erleichtert. Gleich habe ich es hinter mir. Ich muss nur noch ein bisschen die Zähne zusammenbeißen, mir harsche Erwiderungen verkneifen und tüchtig nicken. Letzteres wird nicht leicht. Ich bin zum Ja-Sagen nicht geschaffen.

Schweigend sehe ich zu, wie Rolf die Tür hinter uns schließt. Mit verschränkten Armen lehne ich mich dagegen und warte, während er sich setzt und seine überlangen Beine unter dem brechend vollen Schreibtisch faltet.

Noch ehe er mit seinem Gliedmaßen-Tetris fertig ist, halte ich die Spannung nicht mehr aus. »Jetzt sag schon, was habe ich diesmal verbrochen?« Ich bin mir wirklich keiner Schuld bewusst.

»Setz dich, Alice.«

»Was soll das? Ist das deine Art, mir zu sagen, dass es wirklich ernst ist?«

Rolf verdreht die Augen, nur guckt er dabei nicht genervt, sondern ziemlich beklommen, was alarmierend ist.

Widerwillig räume ich einen turmhohen Stapel Lieferscheine beiseite und lasse mich auf den zerschlissenen Sessel – ein ausgemustertes Stück aus der Pianobar auf Deck sieben – plumpsen. »Besser?«

»Alice, ich ... ich bin nicht gut im Überbringen schlechter Nachrichten.«

Oha, das klingt tatsächlich ernst. »Du willst mir jetzt aber nicht sagen, dass ich gekündigt bin?«

Ein Wunder wäre es nicht. Dank Corona steckt die Kreuzfahrtbranche in der Krise. Erst haben wir wochenlang in Quarantäne festgesessen, dann ein paar Monate vor einer Insel vor Anker gelegen. Nun schippern wir wieder durch die Karibik, dürfen aber nur einen Bruchteil der üblichen Passagierzahl an Bord nehmen, was eine drastische Reduzierung des Personals zur Folge hatte. Die Leute mit den befristeten Verträgen sind längst weg. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch bei den Festangestellten Kündigungen hagelt.

»Gekündigt? Blödsinn. Du machst doch einen ganz annehmbaren Job.«

Aus dem Mund von Rolf, dem brüllenden Brummbären, kommt das lauwarme Lob einem Ritterschlag gleich.

»Was ist es dann? Hat es Beschwerden gegeben? An der Inventur kann es jedenfalls nicht liegen. Die war tipptopp und meine Januar-Karte kommt auch gut an ... Zumindest wüsste ich nicht, dass sich ein Gast beklagt hat.«

»Wenn du zur Abwechslung mal dein Plappermaul hältst, sage ich es dir«, erklärt Rolf und legt die Hände zu einer Merkel-Raute zusammen.

Langsam wird mir wirklich übel. Normalerweise brüllt Rolf seine Anschisse kurz und schmerzhaft in die Welt. Da nimmt er kein Blatt vor den Mund. Wenn er jetzt nervös ist, bin ich es auch.

»Also es ist so, Alice. Vorhin kam eine Mail von Suffex.«

Unserer Reederei? »Ah« tue ich, als ginge mir ein Licht auf. Was Quatsch ist, denn natürlich habe ich keine Ahnung, was die Oberbosse von ihm wollen.

»Und was hat das mit mir zu tun?«

»Es geht um deine Mutter.«

Erst begreife ich nicht, wovon Rolf redet. Dann setzt mein Herz ein paar Schläge lang aus, mitten in der Karibik wird mir eisig kalt. »Meine ... Mutter?«

Rolf sieht von seiner Merkel-Raute auf. »Ja, deine Mutter.« Er guckt, als wäre er ernsthaft versucht, mir zu erklären, was eine Mutter ist, ehe er sich auf seinen offenbar zurechtgelegten Text besinnt. »Alice, es fällt mir nicht leicht, dir das zu sagen. Du darfst mir glauben, dass du mein volles Mitgefühl hast ... Es ist auch für mich ... Also nicht leicht, dir zu sagen, dass sie ..., dass sie gestorben ist ..., wenn du verstehst.«

Ich würde gern nicken, doch das käme einer pantomimischen Lüge gleich, denn tatsächlich verstehe ich nur Bahnhof.

Ich habe meine Mutter seit acht Jahren nicht gesehen. Drei Tage nach meinem achtzehnten Geburtstag ist sie sang- und klanglos aus unserer heruntergekommenen Sozialwohnung verschwunden und hat mir nichts als einen Zettel mit den lapidaren Worten ›Es tut mir leid, Mäuschen!!!‹ hinterlassen. Nur der Gnade des Gerichtsvollziehers verdanke ich, dass er den Termin für die Zwangsräumung der Wohnung auf den Tag nach meiner letzten Abiturprüfung gelegt hat. Sonst hätte ich in einem Schlafsack unter der Brücke lernen müssen.

»Rolf, ich weiß ja nicht, wer da in der Verwaltung gepennt hat, aber ich habe ... keinen Kontakt. Sie weiß gar nicht, dass ich hier bin.«

Es auszusprechen tut unendlich weh. Jahrelang habe ich mich selbst belogen und mir eingeredet, dass sie einen Entzug machen, klarkommen und einfach wieder auftauchen würde, sobald sie ihr Leben im Griff hat. Bis mein Verdrängungsmechanismus kollabiert ist und ich mir eingestanden habe, dass sie wahrscheinlich froh ist, ohne mich eine Last weniger durch ihr trauriges Dasein zu schleppen.

»Red keinen Unsinn, Alice. Ich habe extra angerufen und nachgefragt. Karin Lanski ist doch deine Mutter?«

Als Rolf ihren Namen ausspricht, fährt mir ein spitzer Stich ins Herz. So ist das also, wenn Leute sagen, dass sie sich wie betäubt fühlen. Ein hohes Sirren in meinen Ohren, die Fingerspitzen prickeln, während die feinen Härchen in meinem Nacken wie Stacheln abstehen und ich einfach wegrennen möchte, ohne zu wissen, wohin.

»Alice, alles okay? Möchtest du ein Glas Wasser?« Rolf ringt hilflos die Hände. »Jetzt sag doch was.«

»Ja, sie ist ... sie ...« Ich breche ab, denn das Wörtchen ›war‹ will mir einfach nicht über die Lippen. Dazu ist die Nachricht zu frisch.

Stattdessen liegen mir tausend Fragen auf der Zunge. Wie? Wann? Und wieso tut es nach all der Zeit so entsetzlich weh? Acht Jahre. Sie ist seit acht Jahren weg. Ich dachte, dass ich alle Trauerphasen durchlebt hätte.

»Alice? Hörst du mir überhaupt zu?«

»Nein, ja, ich ... Wenn ich ehrlich bin, begreife ich das nicht. Sie ist damals einfach verschwunden. Nie hat sie sich gemeldet. Weshalb jetzt? Wieso weiß sie, wo ich bin?«

Rolf seufzt. »Ach, Mädchen, ich weiß es doch auch nicht. Alles, was ich dir sagen kann, ist, dass eine Anwaltskanzlei sich bei Suffex gemeldet hat.« Er schaut auf eine ausgedruckte Mail. »Thies Thomsen heißt der Mann und er lädt dich ein. Hier, das hat er geschickt.« Rolf gibt mir den Ausdruck, wobei seine Hände zittern.

Ich habe mir diesen schreienden, cholerischen Bullen nie als Vater vorstellen können, doch plötzlich sehe ich vor mir, wie sanft Rolf mit seinen drei Kindern umgeht. Unbeholfen beugt er sich vor und greift nach meiner Hand.

»Du wirst zur Testamentseröffnung erwartet. Die Leute in der Personalabteilung haben direkt nachgesehen. Du hast noch drei Wochen Resturlaub aus dem letzten Jahr. Den kannst du sofort nehmen.«

Es gefällt mir nicht, dass Rolf und die Verwaltungsfuzzis das besprochen haben, ohne mit mir zu reden. Was, wenn ich gar nicht nach Hause möchte? Was, wenn ich mir lieber weiter einrede, dass Mama irgendwo da draußen ist und mich findet, wenn sie bereit dazu ist? Was, wenn Arbeit gerade genau das Richtige ist, um mich abzulenken? Was, wenn ich nicht allein um die halbe Erdkugel ins kalte Deutschland reisen, sondern hier an Bord bleiben will, wo ich Freunde habe? Mein eigenes, hart erarbeitetes, kleines Sicherheitsnetz aus treuen Seelen.

»Ist ja nett, dass die Personal-Leute und du euch so einig seid.« Ich will bissig klingen, aber die Tränen, die hinter meinen Lidern brennen, sind gut herauszuhören.

Entsetzt sehe ich, wie Rolf sich erhebt und zu mir kommt. »Tu das nicht«, bringe ich gerade noch hervor, da reißt er mich auch schon vom Sitz hoch an seine breite Bärenbrust. So heftig, dass der Stuhl hinter mir umfällt und den Stapel Lieferscheine mitreißt.

Wie üblich zieht mir die Nettigkeit den Boden unter den Füßen weg. Nähe und Mitgefühl sind der Tod für meine Selbstbeherrschung. Meinetwegen, dann sollen sie halt kullern, die blöden Tränen. Geräuschvoll ziehe ich die Nase hoch, während Rolf mich unbeholfen in seinen Armen wiegt.

»Natürlich sind wir uns einig, Alice. Wir tun alles, um dir den Rücken freizuhalten. Flieg du ruhig nach Hamburg und kümmere dich. Morgen legen wir in Miami an. Da dir für das letzte Jahr noch zwei Rückflüge zustehen, hat die Verwaltung gleich einen Flug nach Deutschland gebucht. Die Route geht über New York und Kreta. Tut mir leid, das war wohl die billigste Verbindung.«

Rolfs Erklärungen prallen an mir ab. Dafür ditscht das Wörtchen Hamburg in Endlosschleife durch meinen Kopf. Da stimmt was nicht. Die letzte Station unserer Sozialbau-Odyssee war Frankfurt. Wie soll es Mama vom Main zurück an die Elbe verschlagen haben?

»Mach eine kurze Übergabe mit Paul und nimm dir den Rest des Abends frei. Morgen fährst du dann mit dem Passagier-Shuttle zum Flughafen.« In seiner Überforderung schiebt Rolf mich so hektisch zur Tür, dass ich fast über die Schwelle stolpere. Offenbar hat er für heute genug von Tränen und Trauer.

Draußen atme ich tief durch, was nichts nützt. Ich will mich verkriechen. Stattdessen marschiere ich wie in Trance zurück und regele die Übergabe mit meinem Sous-Chef Paul.

Kevin, mein von Hiob gesandter Azubi, kriegt im Vorbeigehen mit, dass ich drei Wochen Urlaub nehme, und schickt mir wütende Blicke. Kaum bin ich aus der Küche raus, fängt er mich ab, kreuzt die Arme vor seinem schmächtigen Körper und sieht mich zornig an.

»Nicht dein Ernst, Ally. Du weißt doch, dass Paul mich hasst. Der kriegt es fertig und brummt mir ’nen fetten Haufen Sonderschichten auf, sobald er in der Küche das Sagen hat.«

Kevin macht ein derartiges Drama daraus, dass ich meinen Kummer für einen Moment vergesse. »Ist dir je in den Sinn gekommen, dass der Mist, den du baust, und seine Strafarbeiten in irgendeinem Zusammenhang stehen? Ich meine, es könnte doch sein, dass seine sadistische Veranlagung nicht halb so ausgeprägt ist, wie du denkst.«

»Pf, bei dir baue ich auch Mist. Deshalb machst du noch lange nicht so’n Affen.« Kevin reckt das Kinn so angriffslustig vor, dass ich am liebsten sein störrisches, rotes Haar zerzausen würde.

Ich kann mir nicht helfen. Seit der Junge vor eineinhalb Jahren an Bord gekommen ist, ist er eine nervige, zeitfressende Plage. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – mag ich ihn. Wir sind uns ähnlich. Immer mit dem Kopf durch die Wand. Nie den leichten Weg nehmen. Für ihn funktioniert es. Immerhin hat er es auf die Weise geschafft, das Jugendamt zu bequatschen, damit er mit gerade mal sechzehn die Kochlehre auf dem Schiff beginnen und über die Weltmeere schippern durfte.

Ich hole tief Luft und straffe die Schultern, um mich für das, was ich sagen will, zu wappnen. Es fehlt noch, dass ich vor Kevin in Tränen ausbreche.

»Hör mal, ich muss da ein paar familiäre Dinge regeln. Das lässt sich nicht verschieben.«

Seine Augen werden vor Misstrauen schmal. »Ich denke, du hast keine Familie.«

»Kevin, ich weiß, das mag überraschend kommen, aber jeder Mensch hat eine Familie – sofern er nicht aus einem Ei geschlüpft ist«, versuche ich es mit einem lahmen Witz.

Wie nicht anders zu erwarten, geht Kevin nicht darauf ein. Wie sollte er? Man kann nicht siebzehn Jahre lang Mist erleben und plötzlich uneingeschränktes Vertrauen entwickeln. Dass er mich überhaupt zu einer Art großer Schwester erkoren hat, ehrt mich. Nur deshalb suche ich nach Worten, um ihm eine halbwegs plausible Erklärung zu liefern, auf die er streng genommen kein Anrecht hat.

»Kevin, meine Mutter hat mich verlassen, da war ich gerade volljährig. Seither habe ich nichts von ihr gehört. Nun ist sie ... Sie ist ...« Weiter komme ich nicht, denn wieder lauern diese fiesen Tränen darauf, mir über die Wangen zu kullern. »Wie gesagt, ich muss in Deutschland einiges regeln.«

Kevin macht große Augen. »Oh!«

Ja, oh! Besser hätte ich es nicht sagen können.

»Okay, du bist also für ein paar Wochen weg.« Verlegen tritt er von einem Fuß auf den anderen.

Dieses Gespräch stellt eine Vertrautheit her, die auszuhalten Kevin nie gelernt hat. Nicht im Heim, nicht in einer der vielen Pflegefamilien, die er verschlissen hat.

Wenigstens in diesem Punkt bin ich im Vorteil. Meine Mama mag eine tablettenabhängige Trinkerin gewesen sein, aber bevor sie mit den Jahren zu einem Schatten ihrer selbst geschrumpft ist, hat sie mich mit zärtlicher Inbrunst geliebt. Mich und meinen kleinen Bruder Tom, der uns bei unserer Sozialwohnungsodyssee quer durch Deutschland abhandengekommen ist.

»Aber du könntest Paul vorher noch sagen, dass er diesen Scheiß mit den Strafarbeiten lassen soll, während du weg bist. Ich bin schließlich kein Kind mehr. Der Typ kriegt es fertig und halst mir Stubenarrest auf oder lässt mich wie im Mittelalter das Deck schrubben.«

»Ganz ehrlich, Kevin?«

»Jep!«

»Bau keinen Mist, dann lässt Paul dich auch in Ruhe. Der ist in den nächsten Wochen mit so viel Arbeit eingedeckt, wenn du mitziehst, merkt er gar nicht, dass du an Bord bist.«

»Witzig!«

»Nein, das ist ausnahmsweise mein Ernst.« Plötzlich kann ich doch nicht widerstehen und fahre mit der Hand durch Kevins störrischen Haarschopf.

Er rümpft die sommersprossige Nase. »Echt jetzt, Ally, wenn das eins von den Mädels mitkriegt. Ich habe hier an Bord einen Ruf zu verlieren.«

»Hast du nicht«, sage ich augenzwinkernd.

»Du hast ja keine Ahnung. Also dann, wir sehen uns.«

Ich nicke, erleichtert, mich endlich in die Kabine verkriechen und meine Wunden lecken zu können. Mit ein bisschen Glück ist meine Kabinengenossin Andrea noch im Dienst und ich bin wirklich allein. Ich komme exakt drei Schritte weit, ehe Kevin mich noch einmal ruft.

»Ally?«

»Hm?«, brumme ich, ohne dabei über meine Schulter zu sehen.

»Du kommst aber schon zurück?«

In seiner Stimme liegt eine Dringlichkeit, die mich ins Herz trifft und nun doch zurückschauen lässt. »Wenn ihr in drei Wochen wieder in Miami anlegt, stehe ich am Kai und winke dir.«

»Versprochen?«

Kapitel 1

Zwei Tage später.

»Und es macht Ihnen wirklich nichts aus, wenn ich erst gegen halb zwölf am Bahnhof bin? Ich meine, ursprünglich wollte ich ja gegen acht ankommen.« Es war heute schon das dritte Mal, dass ich den netten Anwalt Thies Thomsen anrief und meine Ankunft in Kiel nach hinten verschob.

Mittlerweile war es draußen stockduster. Der Zug bummelte über die platte Landschaft in einem Tempo, bei dem ein Wartungstrupp locker nebenherlaufen und nötige Reparaturen vornehmen konnte. Ein Umstand, der meine Laune nach der zweitägigen, katastrophenreichen Reise vom sonnigen Miami ins deutsche Schmuddelwetter nicht wirklich aufhellte.

»Solange sie vor ein Uhr hier sind, bin ich dabei. Danach werden Sie mit einem Taxi vorliebnehmen müssen, Frau Lanski.« Thies Thomsens leises, dunkles Lachen schwappte aus dem Handy und verlieh dem grell ausgeleuchteten Zug einen Hauch Heimeligkeit. Gleich fühlte ich mich nicht mehr ganz so allein.

Neben allem, was ich über den Anwalt, der morgen Mamas Testament verlesen würde, nicht sagen konnte, wusste ich drei Dinge genau. Er war geduldig, hatte ein angenehm warmes, einnehmendes Lachen und eine Stimme, mit der er aus dem Stand als Synchronsprecher für die Rolle eines heißen Helden anheuern konnte. Das Bild von einem kühl lächelnden Daniel Craig tauchte vor meinem geistigen Auge auf und verblasste gleich wieder, weil mir eine Urin-Brise um die Nase wehte.

Zwecklos zu leugnen, dass die auf mein Konto ging. Nicht, dass ich untenrum vorzeitige Dichtigkeitsprobleme hätte, dafür aber der verängstigte Hundewelpe, für den ich heute Morgen in Kreta die Flugpatenschaft übernommen hatte. Seither steckte er in einer Transporttasche, die zum Himmel stank, und fiepte zum Herzerweichen, wenn ich ihn herausnehmen wollte.

»Ich bin neugierig. Verraten Sie mir, wie die Sache auf dem Flughafen ausgegangen ist?«, hakte Thies Thomsen nach.

Klar, ich hatte ihm bei den vorherigen Telefonaten ja wortreich die Ohren von meinem Missgeschick vollgejammert.

»Gar nicht«, brummte ich resigniert. »Ich habe den Empfänger des Hundes endlich erreicht – im Krankenhaus. Der arme Mann war schon auf dem Weg zum Flughafen, um den Welpen abzuholen, als er an der Bordsteinkante fies umgeknickt ist. Dabei hat er sich das Sprunggelenk gebrochen, alle Bänder sind gerissen. Gerade liegt er auf dem OP-Tisch und darf sich in den nächsten Wochen nur mit Krücken vorwärts bewegen.« Ich tätschelte dem herrenlosen Welpen, den ich eigentlich am Hamburger Flughafen an sein neues Herrchen hatte übergeben sollen, den Kopf.

»Und wie werden Sie den Hund wieder los? Schließlich können Sie ihn nach Ihrem Urlaub nicht mit aufs Schiff nehmen.«

»Ha, das ist eine gute Frage. Der Besitzer will sich etwas einfallen lassen und meldet sich. Er hat mir versprochen, dass Hund in ein paar Tagen abgeholt wird.«

»Puh, das klingt reichlich vage.«

»Jetzt, wo Sie es sagen, Sherlock.« Meine flapsige Bemerkung war kaum heraus, da tat sie mir schon leid. Schließlich gab sich der Anwalt wirklich Mühe mit mir. »Sorry, ich wollte meinen Unmut nicht an Ihnen auslassen. Ich bin nur leicht angeschlagen von der langen Reise.«

»Kein Problem.« Wieder dieses dunkle, einnehmende Lachen.

Ich kuschelte mich tiefer in meine abgeschabte Fleece-Jacke und überlegte, wie der Mann wohl aussehen mochte. Der Stimme nach zu urteilen war er Anfang dreißig und sehr selbstbewusst.

»Als Ihre Reederei mir den Flugplan geschickt hat, dachte ich erst, das sei ein Versehen.«

Na, der hatte Humor. »Die einen nennen es Versehen. Die anderen sagen dazu Spartarif. Mir stehen pro Jahr drei Heimflüge zu und damit sind keine Nonstop-Tickets gemeint. Man gewöhnt sich daran. Außerdem ist es eine echte Bereicherung, vorausgesetzt man hat ein Faible für ausgiebige Bummel durch die Duty-free-Shops im Transitbereich, was mir leider völlig abgeht.«

»Ihr Pech – aber Glück für den Hund. Nicht jeder ist bereit, sich spontan als Flugpatin anheuern zu lassen und die Verantwortung für ein unbekanntes Tier zu übernehmen.«

»Ähm ... ja, das klingt jetzt heldenhafter, als es war. Diese Tierschützer haben mich moralisch schon ziemlich unter Druck gesetzt, damit ich ihn mit in den Flieger nehme.« Eins der Argumente war – wie so oft in diesen Tagen – die Corona-Krise gewesen. Immer weniger Menschen flogen, weswegen den Aktivisten in Athen die Urlauber ausgingen, die bereit waren, ein gerettetes Tier mit nach Deutschland zu nehmen.

»Jedenfalls ist Ihnen auf dieser Reise nicht langweilig geworden.«

Ich lachte kurz auf. »Nein, wirklich nicht. Erst habe ich im Flieger von Miami nach New York neben einer Frau gesessen, deren Übellaunigkeit raumfüllend war und bei meiner Flucht aus der Kabine meinen einzig warmen Pulli vergessen. Nach sieben öden Stunden Wartezeit auf dem Flughafen JFK hatte ich beim Weiterflug nach Athen das zweifelhafte Vergnügen mit einem fies müffelnden Mann, der das Konzept der Körperhygiene noch nicht für sich entdeckt hat. Und zum krönenden Abschluss gab‘s für den Weg von Kreta nach Hamburg den fiependen Welpen, der Panikattacken kriegt, sobald ich ihn zum Bäumewässern aus seiner Tasche heben will.«

Mittlerweile stank das flauschige Fellknäuel in der Tasche wie ein Urinal. Da fiel mir etwas ein.

»Die Pension, in der Sie mich eingemietet haben, ... sind Tiere dort erlaubt? Bitte sagen Sie ja. Bei meinem Glück sind die Besitzer millitante Tierhaarallergiker und haben die halbe Einfahrt mit diesen widerlichen Schildern gepflastert, auf denen die Silhouetten Häufchen machender Hunde mit dicken roten Balken durchgestrichen sind.«

Diesmal fiel Thies Thomsens Lachen etwas lauter aus. »Keine Schilder. Dafür eine entzückende alte Dame, die früher selbst einen Hund hatte. Ich schätze, sie wird über Ihren Einsatz für das arme Tier hin und weg sein.«

»Ihre Zuversicht möchte ich haben.«

»Kommen Sie einfach her, dann gebe ich Ihnen etwas davon ab. Bis dahin schaue ich bei Frau Peters vorbei und organisiere den Hausschlüssel, damit Sie später nicht vor verschlossener Tür stehen. Ihre Daten habe ich ja, das reicht zum Einchecken.«

Ich mochte, dass er nett war, ohne viel Aufhebens darum zu machen. »Wie gesagt, es wird halb zwölf.« Irgendetwas würde ich mir vor meiner Abreise einfallen lassen, um mich für seine Freundlichkeit zu bedanken.

Wir legten auf und ich war wieder allein mit dem lecken Welpen und dem schnarchenden Kerl, der drei Sitzreihen weiter seinen Rausch ausschlief.

Am liebsten hätte ich selbst für ein halbes Stündchen die Augen zugemacht. Aber wenn ich mir jetzt ein Nickerchen gönnte, würde ich den Bahnhof Kiel mit tödlicher Sicherheit verschlafen, in der Pampa landen und dann konnte ich zusehen, wie ich von da weg und nach Prahmsiel kam.

Keine Ahnung, warum Thies Thomsen mir ausgerechnet da ein Pensionszimmer gemietet hatte. Das Dorf war so winzig, dass ich nie davon gehört und es erst hatte googeln müssen. Laut Wikipedia lag es weit nördlich direkt an der Einmündung zur Kieler Förde und verfügte über exakt 1201 Einwohner, die vorwiegend vom Tourismus lebten. Ob die jetzt Winterschlaf hielten? Ich meine, um die Jahreszeit verirrten sich doch keine Touristen an den Ostseestrand, sondern nur Selbstmörder, die in malerischer Umgebung den Tod durch Erfrieren sterben wollten. Und die brauchten ja wohl weder ein Restaurant noch eine Übernachtungsmöglichkeit oder Souvenirs.

Grr, ich tat es schon wieder. Wie so oft, seit ich vor zwei Tagen in Miami aufgebrochen war, malte ich mir die unmöglichsten Dinge aus. Alles, um nicht daran denken zu müssen, dass Mama sich schon wieder fortgestohlen hatte. Diesmal für immer.

Allein dieser Gedanke reichte, um mir die Tränen in die Augen zu treiben. Das Bild unserer letzten Begegnung, das sich tief in meine Erinnerung gebrannt hatte, kam an die Oberfläche. Meine Mutter, wie sie in unserer heruntergekommenen Wohnung auf dem Sofa lag und ihren Rausch ausschlief, weil sie es wieder nicht ins Bett geschafft hatte. Ausgemergelt, vom Leben geschlagen, jeder Illusion beraubt.

Ich schluckte schwer. Was nicht half, das Herz klopfte mir bis in den Hals.

Hund hob den Kopf aus der Tasche und gähnte mich herzlich an. Als hätte das lecke Fellknäuel meine Trauer gewittert, stupste er mit der Nase an meine Hand.

»Du bist ziemlich klug, weißt du das?«

Er legte den Kopf schief, was mich schmunzeln ließ. Mief hin oder her, ich kraulte ihn ausgiebig unter dem Kinn, ehe ich die Stirn an die kühle Scheibe lehnte und versuchte, einen Blick auf die vorbeifliegende Düster-Landschaft zu erhaschen.

Was hatte sie hier gewollt? In meiner Erinnerung hatten wir nie am Meer gelebt. Überhaupt hingen alle Erinnerungen meiner frühen Kindheit mit meinem kleinen Bruder Tom zusammen. Wie ich ihn gefüttert, gebadet, gewickelt und wenn er weinte, zu mir ins Bett geholt hatte, ehe wir im Kinderheim gelandet waren. Doch das waren nur bruchstückhafte Bilder, in denen Mama kaum vorkam.

Meine erste zusammenhängende Kindheitserinnerung spielte in einer Hochhaussiedlung vor Köln. Damals war ich gerade sieben. Oder schon acht? Egal, jedenfalls hatte es ständig Ärger mit dem Rektor der Grundschule gegeben, weil ich selten da gewesen war und wenn doch, dann nicht pünktlich, meist hungrig, oft müffelnd, im Winter mit T-Shirts und sommertags im Parka. Keine rosarote Picknick-mit-Nudelsalat-Erinnerung, aber lange nicht so dramatisch, wie es klingt. Mama und ich hatten vielleicht nicht das, was man ein emotional stabiles Verhältnis oder Tagesstruktur nennt, dafür jedoch viel Spaß. Gut, das verklärte ich jetzt ein bisschen, aber was solls?

Seit ich neun war, wusste ich nämlich, dass Spaß zu haben kein Wert in sich war. Die Erkenntnis war mir am Tag meiner Erstkommunion gekommen, bei der Mama eine ebenso unpassende wie laute und lustige Szene hingelegt hatte. Vor all meinen Mitschülern. Danach war ich in der Schule ein paar Wochen Spießruten gelaufen. Bis passiert war, was immer passierte, wenn wir länger als ein Jahr in einer Stadt blieben. Der Gerichtsvollzieher hatte an unsere Tür geklopft, Mietschulden angemahnt und wir waren weitergezogen.

Damals hatte ich viel begriffen. Dass das Glück immer woanders wartet. Mindestens eine Autobahnausfahrt weit weg. Dass es nicht reicht, sich wie Mama irgendwie durchzuschlagen und Spaß zu machen. Nicht, wenn man seine Tochter in einem roten Trainingsanzug zur Erstkommunion schickt, dem predigenden Pfarrer ins Wort fällt und ihn angetrunken in eine Diskussion über das öde Liedgut deutscher Chöre verwickelt, wo Gospelchöre ja viel mitreißender seien.

Wenn man im Leben ohne Blessuren bleiben wollte, zählen allein die zwei an’s: anstrengen und anpassen.

So hatte ich es durchs Abitur geschafft, eine Ausbildung mit der Abschlussnote eins hingelegt und war Küchenchefin geworden. Immer die Angst im Nacken, jemand könnte merken, dass ich nicht in dieses gutbürgerliche Leben gehörte, weil der Sozial-Getto-Mief an mir klebte.

Ich schüttelte den Kopf, doch das trübe Gedankenkreisen ließ sich nicht vertreiben. Noch nicht einmal Hund, der jetzt ausgiebig über meine Finger schleckte, schaffte es, mich abzulenken.

»Weißt du, wie jämmerlich es ist, dass ich mir leidtue, obwohl du es viel schlechter getroffen hast?«

Die Tierretter hatten mir erzählt, dass zwei seiner sechs Geschwister tot gewesen waren, ehe man Hund und die anderen halb verhungerten, dehydrierten Welpen in einer Mülltonne gefunden hatte. Mit dieser dramatischen Geschichte hatten sie mich schließlich dazu gekriegt, einzuwilligen, Hund mit nach Deutschland zu nehmen. Niemand konnte zu so einer Erzählung in ein Paar karamellfarbener Knopfaugen sehen und Nein sagen.

Für ein Weilchen waren wir uns selbst genug. Hund träumte in seiner Tasche und schmatzte dazu. Ich starrte blicklos ins Leere. Dann endlich rief der Zugführer den Bahnhof Kiel aus und ich rappelte mich vom Sitz hoch, womit mein Magengrummeln zunahm. Angekommen. Es war zu spät, um der Wirklichkeit auszuweichen.

»Das war‘s, Freundchen, du kommst jetzt aus dieser stinkenden Tasche und zeigst den Kerlen, wie ein richtiger Mann einen Pfeiler wässert«, ließ ich Hund wissen, nachdem ich frierend und zitternd auf den Bahnsteig gestolpert war.

Hund jaulte.

»Komm schon, Kleiner, so schwer ist das nicht. Wenn du magst, male ich dir mit dem Kuli eine Zielscheibe. Triff die zehn und ich besorge dir auf der Stelle ein schönes, blutiges Steak. Auf so was stehen alle echten Kerle.

Aus dem Jaulen wurde ein unterdrücktes Knurren, weil er seine spitzen, blitzweißen Beißerchen in das Kunstleder der Tasche vergrub.

Ich ließ das kleine Kerlchen los. »Ist ja schon gut. Siehst du? Hier sind meine Hände.« Ich fuchtelte vor seinen Augen in der Luft herum. »Ich zwinge dich zu nichts. Aber bitte, bitte, hör auf, dir auf die eigenen Füße zu pieseln. Sei ein Mann. Markier die Welt mit deinem unverwechselbaren Duft«, rief ich und war mir schwach bewusst, dass ich wie einer dieser geisteskranken, koffeinbeschwipsten Motivationstrainer aus dem Fernsehen klang. »Fang einfach mit diesem Bahnhof an. Du musst ihn nur zu deiner Sache machen. Markiere ihn gut, markiere ihn gründlich. Zeig der Welt, dass du den Größten hast.«

»Sie versuchen da aber nicht, dem armen Tier Ihr allgemeines Männerbild zu vermitteln?«

Ich zuckte zusammen. Dieses Lachen. Und sogar live. Hinter mir stand unverkennbar der nette Herr Anwalt.

Mehr brauchte es nicht, um ein Lächeln auf mein müdes Gesicht zu zaubern. »Herr Thomsen?«

Er breitete die Arme zu einer Geste aus, die den ganzen Bahnsteig einschloss. »Wie haben Sie mich in dem Gedränge nur erkannt?«

Ich sah mich um. Dank Corona und der eisigen Januar-Temperaturen war um diese Zeit kaum noch etwas los. »Das liegt an meiner unvergleichlichen Kombinationsgabe«, frotzelte ich zurück. »Man hat mich gelegentlich für die legitime Nachfahrin von Miss Marple gehalten.«

»Rümpfen Sie mal die Nase wie Margret Rutherford und dann tun sie, als würden sie sich den Schal über die Schulter werfen«, verlangte Thies Thomsen, wobei er mich gespielt streng musterte.

»Ach, im Nase hochtragen und rümpfen, bin ich nicht gut. Einen Schal habe ich leider nicht. Außerdem muss ich den Hund langsam wirklich aus der vollgepieselten Tasche befreien, sonst ertrinkt er mir noch.«

»Geben Sie mir mal die Leine.«

Ich zuckte die Achseln. »Tut mir leid, aber diese stammbaumfreie Rasse wird serienmäßig in einer praktischen Transporttasche geliefert. Gratis gibt es dazu nur einen praktischen Trinkwasserspender und eine Portion Welpenfutter.«

Der Anwalt ging neben mir in die Knie und besah sich Hund genauer. »Ein hübscher Kerl. Ich sage Ihnen, wie wir es machen: Sie lassen ihn einfach noch ein Weilchen da drin. Offenbar hält er die Tasche ja für eine Art sichere Höhle. Dann fahren wir zu mir nach Hause und spendieren ihm ein Bad. Danach riecht er wie neu und kann in Frau Peters Pension einziehen. Als Leinenersatz muss es halt ein Stück Segeltau tun.«

Ich lachte erleichtert auf. »So fangen große Freundschaften an. Ich liebe Männer, die für alles eine Lösung haben.« Kaum waren die überschwänglichen Worte heraus, spürte ich Blitzröte in meine Wangen sprudeln. »Okay, das war jetzt vielleicht ein bisschen drüber. Muss am Jetlag und der langen Reise liegen.«

Der Anwalt seufzte in Bühnenlautstärke, ehe er übertrieben dramatisch proklamierte: »Da dachte ich, endlich ist die Eine da, die mir auf den ersten Blick in bedingungsloser Liebe verfällt und es ehrlich mit mir meint. Aber kaum ist der erste Liebesschwur raus, nimmt sie ihn schon wieder zurück.« Er lachte so unbeschwert, dass ich einstimmte.

»Wollen wir los?«, drängte ich.

Thies Thomsen sah mir fest in die Augen, was mich zu meinem eigenen Erstaunen befangen machte.

»Mein Gott, Sie zittern ja.«

»Jep, ich kreuze seit drei Jahren mit dem ewigen Sommer über die Weltmeere. Mützen und Daunenjacken gibt mein Kleiderschrank nicht her.«

Er erhob sich und zog mich mit sich auf die Beine. »Dann mal los. Mein Wagen steht direkt vor dem Eingang.«

Herr Thomsen nahm meinen Bord-Trolley und die Tasche mit Hund und dirigierte mich durch die Empfangshalle des roten Backsteingebäudes. Dank der Kälte waren meine Beine so steif, dass ich ungelenk wie eine Hundertjährige hinter ihm her schlurfte. Wir hatten es fast geschafft, als ich über die eigenen Füße stolperte und mich gerade noch abfangen konnte, ehe ich mit der Stirn auf seinen reichlich eingesauten Geländewagen krachte.

Ich erntete einen mitfühlenden Blick. Rasch verstaute Thies Thomsen mein Gepäck, schob den schon wieder schlafenden Taschen-Hund in den Fußraum vor meinem Sitz und legte mir – kaum, dass ich saß – seine Jacke wie eine Decke über.

Wieso Anwälte so einen schlechten Ruf hatten, war mir schleierhaft. Diesen hier fand ich ausgesprochen nett. »Danke!«

»Gern geschehen. Dauert ein paar Minuten, bis der Wagen warm ist.«

Schweigend lenkte er den SUV in Richtung Landstraße, wobei mir ein angenehmer Duft um die Nase waberte. Seine Jacke roch nach einer wunderbaren Mischung aus holzigem Aftershave, Kaffee und etwas Frischem, das ich mal für ein Duschgel hielt. Gierig nahm ich die Körperwärme des Anwalts in mich auf.

»Wie ist meine Mutter eigentlich ausgerechnet hier gelandet?«, wurde ich die erste meiner vielen Fragen los.

Thies Thomsen räusperte sich. »Ich weiß es nicht, denn ich habe sie nie getroffen. Sie war eine Mandantin meines Vaters. Ich kümmere mich nur um die Testamentseröffnung, weil ich seine Kanzlei in Kiel abwickele.«

Erschrocken sah ich zu ihm rüber. Es war zu düster, um in seinem Gesicht zu lesen. »Ist Ihr Vater etwa auch ...?«

Zögerlich schüttelte er den Kopf. »Nein, ist er nicht. Er lebt, aber es geht ihm nicht besonders gut.«

Es war nicht, was Thies sagte, sondern die Art, wie er sich dabei verschloss. Dahinter steckte mehr als die Geschichte einer schweren Krankheit. Einen Moment war ich versucht nachzuhaken, aber für so ein intimes Thema war unsere Bekanntschaft zu flüchtig. Und das musste sie auch bleiben.

Morgen würde er das Testament verlesen. Damit war sein Job erledigt. Wir würden uns nie wiedersehen.

Schade eigentlich. Er war groß und breitschultrig. Dank der abgetretenen Jacke hatte seine Silhouette an athletischer Kontur gewonnen. Das markante Kinn hatte er am Morgen bestimmt glatt rasiert, jetzt war es überzogen von einem dunklen Flaum. Ich stellte mir vor, wie zu seinem vollen, leicht gewellten Haar, das er lässig zurückgestrichen trug, ein Bart passen würde. Sicher interessant. Doch noch viel spannender fand ich das leuchtende Grün seiner Augen. Sie funkelten wie ein Waldsee, wenn Sonnenstrahlen durch Blätterkronen brachen. Okay, da ging es jetzt ein klein wenig mit mir durch, aber dafür konnte ich nichts. Unterkühlt und mit einem handfesten Jetlag war es kein Wunder, dass mein Hirn sich in blubbernden Brei verwandelte.

»Stimmt etwas nicht?«

»Äh ... wieso?«

»Weil Sie mich so skeptisch von der Seite ansehen.« Herrn Thomsens Blick wanderte zurück auf die Straße.

»Alles okay. Keine Skepsis. Ich freue mich nur wie blöd über die Sitzheizung.« Das tat ich wirklich. Würde in diesem Moment jemand fragen, welche ich für die segensreichste Erfindung des letzten Jahrhunderts hielt, mein Handzeichen würde ohne Zögern der Sitzheizung gelten.

»Genießen sie es. Ich wohne zurzeit nämlich in einem Ferienhaus. Sehr nett, leider läuft die Heizung auf Sparflamme. Bis der Kanonenofen an ist, dauert es ein Weilchen.«

Ich nickte, war mit den Gedanken aber schon wieder bei Mama. »Ich bleibe gut zwei Wochen in Prahmsiel. Glauben Sie, dass es möglich ist, mit Ihrem Vater über meine Mutter zu reden?«

Der nette Anwalt seufzte schwer.

Also beeilte ich mich, hinzuzufügen. »Nur ein kurzes Gespräch. Ich hatte seit acht Jahren keinen Kontakt zu ihr und bin völlig ratlos.«

»Ratlos? Inwiefern?« Als er diesmal zu mir rüber sah, geriet der Wagen auf der mit einem Hauch Schnee berieselten Straße leicht ins Schlittern. Fluchend fing er ihn ab.

»Nehmen wir die Testamentseröffnung. Solange ich denken kann, hat meine Mutter uns mit Sozialhilfe über Wasser gehalten. Also was, außer ein bisschen Garderobe und ein paar abgewohnten Möbeln solle sie mir vererben? Dafür macht man doch kein Testament.«

Ich erntete ungläubiges Schnauben. »Nicht Ihr Ernst! Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie den ganzen weiten Weg hierher auf sich genommen haben, um ein paar Klamotten abzuholen. Kommen Sie, es tut nicht weh, ehrlich zu sein. Sie hoffen auf ein anständiges Erbe. Was ist dabei?«

Falls ich je naiv genug gewesen wäre, zu glauben, dass sich zwischen Thies Thomsen und mir mehr entwickeln könnte als nettes Geplänkel, wäre meine Hoffnung an dieser Stelle verpufft. Wir hatten genau null gemein. Für Leute wie ihn, Leute, deren Eltern Anwälte waren, gab es natürlich gute Gründe, zu einer Testamentseröffnung zu gehen. Solche Leute erbten hübsche Häuser in schicken Vorstädten mit diskret in die Wände eingelassenen Geldkassetten und wenn das Schicksal es richtig, richtig gut mit ihnen meinte, zusätzlich ein kleines Ferienapartment in einem malerischen Dorf weit im Süden.

»Ich soll ehrlich sein? Ich war ehrlich. Meine Mutter hat mich verlassen, als ich achtzehn war. Seither habe ich kein Lebenszeichen von ihr. Wenn ich hierher gekommen bin, dann, um zu erfahren, wie sie die letzten Jahre verbracht hat. Nennen wir es eine Spurensuche. Ich muss wissen, wieso sie mich aufgegeben hat.«

Das hörte sich jetzt möglicherweise ein klein wenig wehleidig und bitter an, doch es verfehlte seine Wirkung nicht.

»Sie hat sich einfach aus dem Staub gemacht?«

Thies klang dermaßen entsetzt, dass mein Beschützerinstinkt ansprang. Ich wusste, dass Mama eine labile, durchgeknallte Trinkerin gewesen war, – trotzdem stand es niemandem zu, schlecht von ihr zu reden. Jeder hatte sein Päckchen und seine Strategie, um damit durchs Leben zu kommen.

»Einfach war es für sie bestimmt nicht. Sie hat ... hatte viele Probleme. Erst war es nur Alkohol, später kamen Tabletten hinzu. Um ruhig zu werden und runterzukommen, um sich den Kick für den Tag zu holen, um zu vergessen und einschlafen zu können. Glauben Sie mir, seit mein Vater sie verlassen hat und uns mein Bruder weggenommen wurde, war das Leben für meine Mutter nie mehr einfach.«

Nach zwei Tagen auf den Beinen, mit durchlässigen Selbstschutzmechanismen auf dieser Straße mitten im Nirgendwo, war es leicht, dem mitfühlenden Anwalt davon zu erzählen. Ich weiß nicht, ob ich es bei Tageslicht Auge in Auge gewagt hätte, denn das Gefühl, von der eigenen Mutter verlassen worden zu sein, hatte mir einen Makel geschlagen, der mich seit Jahren zutiefst beschämte.

»Darf ich weiter fragen, oder geht dir das zu nahe?«

Mir entging nicht, dass er zum Du wechselte, aber bei dem Thema schien es mir nur natürlich. »Ich weiß es nicht. Kommt ganz auf die Frage an.«

»Du sagst, dein Bruder wurde euch weggenommen ...?«

»Kein Kommentar.« Besser gesagt hatte ich null Ahnung, obwohl ich mir natürlich das Hirn zermartert hatte. Man konnte keine normal denkende Sechsjährige sein und nicht kapieren, dass kleine Brüder nicht einfach verloren gingen. Doch immer, wenn ich Mama nach Tom gefragt hatte, war sie auf eine ihre Kneipentouren verschwunden und manchmal erst Tage später wieder ansprechbar gewesen. Also hatte ich es aufgegeben.

Thies schien über mein Schweigen nicht verstimmt, sagte aber nichts mehr und sah stur auf die Straße.

Kaum kehrte Stille ein, fielen mir die Augen zu. Deshalb bekam ich den Anfang seiner nächsten Frage nicht mit.

»... sicher klar, dass ich auch deinen Bruder eingeladen habe?«

Plötzlich hellwach fuhr ich im Sitz hoch. »Du hast Tom gefunden?«, rief ich so aufgeregt, dass Hund in der Tasche zu fiepen begann. »Wo ist er? Wie geht es ihm? Mein Gott, ich habe ihn seit zwanzig Jahren nicht gesehen.«

Genaugenommen war er zwei gewesen und ich sechs, als das Jugendamt uns von zu Hause weggeholt und nur mich zu Mama zurückgebracht hatte.

»Du hast mir nicht richtig zugehört: Er möchte keinen Kontakt zu dir, das hat mich seine Adoptivfamilie vorher ausdrücklich wissen lassen. Und da ist noch etwas ...«

Thies, der plötzlich sehr sachlich geklungen hatte, schwieg. Was mich stutzig machte. Bisher war er doch auch nicht um Worte verlegen.

»Was ist da noch?«

»Streng genommen befinde ich mich in einem Interessenskonflikt.«

»Na, da bin ich gespannt.« Tatsächlich war ich stocksauer.

Nachdem ich zwanzig Jahre auf ein Lebenszeichen von Tom gefiebert hatte, würde ich mich nicht mit lapidaren Ausreden abspeisen lassen.

Thies Finger trommelten einen unregelmäßigen Rhythmus aufs Lenkrad.

Nicht mit mir. Wenn er hoffte, dass ich die Stille nicht mehr aushielt und sie mit Worten füllte, damit er vom Haken war, war er an der falschen Adresse. Schließlich war ich mit meinem Azubi Kevin durch die ganz harte Schule gegangen. Jedes Informationsbröckchen hatte ich mühsam aus dem Jungen herausgekitzelt, ihm gut zu- und ihn zum Sprechen überredet. Bis ich gemerkt hatte, dass es eigentlich ganz einfach war: Man musste nur warten! Da funktionierten die meisten Menschen sehr ähnlich. Irgendwann drückte sie die Stille nieder wie ein Schultergeschirr mit Wassereimern seinen Träger und es sprudelte aus ihnen hervor.

Das Trommeln riss ab, dafür biss der sympathische Anwalt die Kiefer aufeinander, dass es einem Nussknacker zur Ehre gereicht hätte. »Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Du weißt, dass deine Mutter aus Prahmsiel stammt?«

Verwundert schüttelte ich den Kopf. »Jetzt weiß ich es.«

»Okay. Sie war also hier und hat allein mit euch gelebt, bis die Nachbarn das Jugendamt eingeschaltet haben, weil es bei euch ... Nun ja, es muss recht chaotisch gewesen sein.«

Das war noch gestrunzt. Davon hätte ich Thies ein Lied singen können, doch ich blieb bei meiner Strategie des sturen Schweigens und erlaubte mir nicht mehr als ein zustimmendes Brummen.

»Sie haben euch in ein Heim bei Kiel gesteckt. Heute würde man das vermutlich anders handhaben. Das Jugendamt würde Hausbesuche ansetzen und ihr einen Sozialarbeiter zur Seite stellen, damit sie Zeit hat, in die Situation als alleinerziehende Mutter hineinzuwachsen. Damals war man noch wesentlich rigoroser und hat nicht mit den Eltern zusammengearbeitet. Der Sachbearbeiter hat sie vor die Wahl gestellt. Entweder ihr kommt dauerhaft in Pflegefamilien und sie kann gottfroh sein, wenn sie euch alle zwei Wochen zu Gesicht bekommt, oder sie willigt ein Tom zur Adoption freizugeben und bekommt zumindest dich zurück.«

»Woher weißt du das?«, fragte ich und starrte auf die Chromleisten des Armaturenbretts, in denen sich das Licht der neonblauen Leuchtanzeigen spiegelte. Irgendetwas tief in mir kam an die Oberfläche. Erinnerungen an ihre Verzweiflung, ihren Schmerz, als man uns weggeholt hatte. Zu der Zeit hatte sie mit den Tabletten angefangen.

Thies biss die Zähne aufeinander

Ich schluckte schwer. »Ich verstehe leider immer noch nicht, warum du einen Interessenskonflikt hast.«

Wieder seufzte Thies. »Toms Adoptivvater Gernot Wagner hat es ebenso wie mich beruflich nach Hamburg verschlagen. Da habe ich zusammen mit einem Partner eine Kanzlei, die auf Wirtschafts- und Immobilienrecht spezialisiert ist. Und weil Gernot und ich uns aus Prahmsiel kannten, lag es nahe, dass er mich mit der Vertretung der Interessen seiner Projektentwicklungsfirma beauftragt hat. Er ist seit Jahren mein Klient. Ihm bin ich zu Stillschweigen verpflichtet über alles, was er mir über Tom erzählt hat. Dazu gehört auch das, was ich von ihm über die Adoption weiß. Ich würde dich also bitten, nicht weiter nachzuhaken. Wenn ich antworte, begehe ich Parteiverrat an meinem Mandanten. Das ist für einen Anwalt ein ernstes Vergehen, das zum Berufsverbot führen kann. Aber wer weiß, wenn mein Vater einen guten Tag hat ... Er hat damals deine Mutter vertreten und kann dir erzählen, an was er sich erinnert.«

Das war es? In diesem kleinen Dörfchen, das selbst Wikipedia nur ein paar magere Absätze wert war, hatte man die Adoption und das Unglück meiner Mutter besiegelt. Hier liefen alle Fäden zusammen.

»Das muss ich erst mal sacken lassen«, brachte ich hervor, als Thies die Spannung nicht mehr aushielt und erneut auf das Lenkrad eintrommelte.

Kapitel 2

Vor einer Viertelstunde war Thies mit Hund im Bad verschwunden. Seiner Stimme nach zu urteilen wuchs seine Verzweiflung wuchs minütlich. Erst hatte er es mit gutem Zureden probiert, dann mit Strenge und Ermahnungen. Mittlerweile klang er offen gereizt. Ich lauschte mit diebischer Freude.

»Hör sofort damit auf, du saust hier alles ... Nein! Nein, verdammt, bleiiib ...«

Durch den Türspalt schoss ein dunkler, winselnder Blitz, jagte einmal quer durch das Miniatur-Haus und legte dabei eine hübsche Schaumspur, ehe er sich unter einem Sideboard verkroch.

Thies hetzte hinterher und fluchte inbrünstig. Für mich hatte er nur ein geknurrtes »hör auf zu lachen« im Vorbeirennen.

»Hast du mir nicht gesagt, es sei kein Ding mal eben den Welpen zu baden? Dann verstehe ich das Problem nicht.«

»Dein Hund ist erstens wasserscheu, hat zweitens eine Allergie gegen Shampoo und drittens mag er kein Frottee. Das macht aus dieser Badesache sehr wohl ein Ding«, gab Thies genervt zurück. Offenbar hatte er sich etwas mehr Solidarität von mir erhofft.

»Vielleicht liegt es daran, dass er Beauty-Behandlungen nicht kennt. Ich glaube kaum, dass sie in Griechenland Salons für Straßenhunde haben.« Ich giggelte albern und genoss die Wärme, die allmählich von dem bullernden Kanonenofen ausging.

Thies hauste in einem bemerkenswerten Nurdachhäuschen, das auf Stelzen stand. Zum Meer hin war es komplett verglast, was tagsüber bestimmt einen spektakulären Ausblick bot. Nur war es jetzt leider zu duster, um etwas zu erkennen.

Dafür durfte ich mich an der seltsamen Einrichtung sattsehen. Es gab eine top-ausgestattete Küche mit allen Schikanen. Zwei Backöfen, Kücheninsel mit Gasherd, amerikanischer Kühlschrank. Allerdings hatte man am Wohnzimmer gespart, das lediglich über besagten Ofen, drei Sessel und ein Sideboard verfügte. Das Schlafzimmer, sofern man großzügig war und es so nennen wollte, bestand aus einem Brett mit einer Matratze, das auf offenliegenden Balken ruhte. Es war mit einer Hühnerleiter zu erreichen und lag direkt über dem Herd. Verrückt. So was war doch nur praktisch, wenn man gründlich sein und beim Flambieren gleich noch das Bett mit abfackeln wollte.

»Unk nicht rum. Hilf mir lieber, ihn da rauszuholen. Immerhin ist es dein Hund.«

»Streng genommen ist es der Hund von Andreas John, derzeit wohnhaft im Klinikum Eppendorf, Abteilung für Chirurgie«, klugscheißerte ich grinsend.

»Nicht witzig, Alice.« Thies kniete sich vor die Kommode, wo er die Strategie wechselte und sanftere Töne anschlug. »Komm schon, Hund. Du willst doch gar nicht im Dunkeln sitzen und den Boden volltropfen.« Kaum reckte Thies den Arm unter das Möbel, fiepte der Kleine herzerweichend.

Ich stand auf. »So wird das nichts. Gib mir bitte mal den Autoschlüssel.«

»Was denn jetzt? Willst du mich allein mit ihm hier sitzenlassen?«

»Nein, Herr Schlauberger, ich will den Rest Welpenfutter aus meinem Trolley holen. Sonst sitzen wir morgen noch hier und reden auf ihn ein.«

Kaum hatte ich die Bröckchen vor der Kommode verteilt, tauchte Hunds Spürnase auf. Ein Griff und ich hatte das wild strampelnde Tier gepackt. Leise sprach ich auf ihn ein, während ich zu meinem Platz vor dem warmen Ofen zurückging, mir ein Handtuch auf den Schoß legte und das zitternde Hündchen darauf bettete.

Thies lauschte schweigend und sank in den Sessel gegenüber. »Ernsthaft? Du erklärst dem Hund, wie man eine provenzalische Lammkeule zubereitet?«

»Jep. Erstens mögen Hunde Knochen, an denen noch Fleisch hängt. Und dann beherrsche ich das Rezept aus dem Effeff. Für improvisierte Geschichten bin ich zu müde. Aber wie du siehst, funktioniert es. Ist wie mit Babys. Denen kannst du auch eine Bauanleitung von Ikea vorlesen, solange du einen beruhigenden Ton anschlägst. Wichtig ist nur, dass sie hören, dass du es gut mit ihnen meinst.«

»Offensichtlich.« Thies breitete die Arme über die Lehnen und streckte die Beine von sich. Er wirkte nicht wirklich entspannt. Eher fertig und als würde ihm etwas auf der Zunge brennen.

»Hör mal«, begann er zögernd, »das mit deinem Bruder tut mir ehrlich leid. Ich begreife selbst nicht, warum er eurem Kennenlernen keine Chance gibt.«

Da hatten wir ja etwas gemein. »Erzähl mir von ihm«, bat ich leise.

Wieder verschloss sich Thies‘ Miene, deshalb fügte ich eilig hinzu. »Nichts Geheimes, was du als Anwalt seiner Familie erfahren hast. Ich habe das mit deinem Interessenskonflikt schon kapiert. Erzähl mir nur das Offensichtliche. Das, was ich finden würde, wenn ich ihn in den sozialen Medien suche.«

Er kämpfte sichtlich mit sich. »Also gut. Tom hat ein gutes Abitur auf einer internationalen Schule gebaut, Studium mit Auslandssemestern in den USA und in England, zurzeit macht er seinen Master in Betriebswirtschaft, er spielt Tennis und Golf und reist gern.«

Begannen so nicht alle Erfolgsgeschichten wohlhabender Söhne? »Er ist also richtig angekommen in der neuen Familie. Keine großen Dramen, ein gerader, behüteter Weg.« Ich wusste, dass ich mich für Tom freuen sollte. Doch die bittere Wahrheit war, dass ich mich um meinen kleinen Bruder betrogen fühlte.

»Was stört dich daran?«

Nicht zum ersten Mal an diesem Abend merkte ich, dass ich wachsam sein sollte. Thies‘ Antennen waren verdammt gut und fingen auch sachte Schwingungen auf.

»Es stört mich nicht, ich ... Gott, ich habe ihn so vermisst.« Ich rang die Hände zur Decke. Augenblicklich jammerte Hund los, also beeilte ich mich, ihn wieder zu kraulen. »Als wir noch klein waren, hatte ich das Gefühl, für meine Familie verantwortlich zu sein und alles zusammenhalten zu müssen. Meine Mutter hat, ... na ja, du kannst dir sicher denken, dass sie Hilfe gebraucht hat, weil sie mit allem überfordert war, wenn sie getrunken hat. Das war anstrengend. So ... so ... ja, irgendwie launisch und bösartig. Als würde sie mich dafür hassen, dass sie mich brauchte. Mit Tom war es dagegen ganz leicht. Ich wusste instinktiv, was ich zu tun hatte, habe ihn ins Bett gebracht, ihn gewickelt und gefüttert. Das war wichtig, weil ...« Es fiel mir nicht leicht, die richtigen Worte zu finden. »Weil er mir das Gefühl gegeben hat, dass alles gut ist, solange ich nur da bin. Dass ich etwas kann und gebraucht werde. Er hat die Hilfe angenommen, die Mama nicht wollte.«

Thies mied meinen Blick und sah wieder ins Feuer, das munter hinter der Glastür prasselte.

Ich biss mir auf die Lippe. Plötzlich schämte ich mich für mein Gejammer. »Tut mir leid, ich sollte nicht so trübsinnig daherreden und mich freuen, dass Tom es gut getroffen hat.«

»Nein, so viel Altruismus kann, weiß Gott, niemand von dir erwarten.«

Ich rechnete nicht damit, dass Thies mehr sagen würde, doch da holte er tief Luft. »Mach dich darauf gefasst, dass Gernot Wagner kein angenehmer Mensch ist und versuchen wird, dich zu überrennen. Genaugenommen ... für seine Frau gilt das Gleiche. Alles, was mit eurer Mutter zu tun hat, lehnen sie ab.«

»Kannten sie Mama denn überhaupt?«

»Natürlich. Du wirst feststellen, dass man sich in Prahmsiel kaum aus dem Weg gehen kann. Erst im Sommer, wenn die Touristen einfallen, wird es unübersichtlicher.«

Als hätte Thies zu viel gesagt und sich den Mund verbrannt, wurde er unruhig, zog die Beine an und rutschte an die Sesselkante. »Wenn wir noch ein bisschen Schlaf bekommen wollen, sollte ich dich langsam mal zur Pension bringen.« Damit erhob er sich und reichte mir meine Fleece-Jacke.

* * *

Missmutig starrte ich nach einer viel zu kurzen Nacht aus dem Küchenfenster der hübschen, kleinen Pension von Frau Peters. Im Haus war noch alles still. Draußen jagten Wolkenfetzen in tausend Farben Grau über den Himmel. Unten drückte der Sturm das Dünengras eng an die Sandberge, während der Regen gegen das Fenster trommelte.

Als ich früh am Morgen von Hunds Fiepen wach geworden war und mich zum Pipimachen mit ihm aus dem Haus gequält hatte, war ich fast erfroren. Wenn ich es drei Wochen hier aushalten wollte, brauchte ich polartaugliche Kleidung. Dringend. Sonst würde ich den Rückflug mit Frostbeulen antreten.

Ich überlegte gerade, ob es wohl unhöflich wäre, in den Schränken einer Wildfremden nach Kaffeepulver zu suchen, als Frau Peters auf einen Stock gestützt die Küche betrat und mich strahlend begrüßte. »Moin! Na, Sie müssen dann wohl die Deern aus der Karibik sein.«

Zu schade, dass ich keine plüschigen Zierkissen bestickte, denn ›die Deern aus der Karibik‹ hätte ich bestimmt verewigt.

Ich stand auf und gab ihr die Hand. »Vielen Dank, dass Sie uns die Schlüssel überlassen und den Hund mit aufgenommen haben. Sonst wäre ich obdachlos gewesen. Ich bin Alice. Alice Lanski. «

»Ja, ich weiß. Thies hat das Anmeldeformular ausgefüllt. Ich hätte nur nicht gedacht, dass Ihr Name englisch ausgesprochen wird.«

Wie oft ich das schon gehört hatte. »Meine Mutter war ein großer Howard Carpendale-Fan«, erklärte ich.

Ihr Lächeln wurde breiter. »Wenigstens haben Sie ein Lied. Das können nicht viele von sich behaupten.«

Auch meine Mundwinkel hoben sich. »Sie meinen, außer Conny Kramer und dem Holz-Michel?«

»Ganz genau.« Leise kichernd wandte Frau Peters sich ab, wobei sie sich umständlich auf den Stock stützte. »Jetzt wird erst mal anständig gefrühstückt, Kindchen. Tee oder Kaffee?«

»Kaffee bitte, aber soll ich das nicht lieber machen?« Mir war nicht wohl dabei, mich von ihr bedienen zu lassen. Gestern hatte Thies mich vorgewarnt, dass die alte Dame sich mit den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs plagte und womöglich Hilfe brauchte.

»Papperlapapp. Sie sind auf Urlaub hier. Mir tut es nur gut, wenn ich mich endlich wieder bewege. Sonst roste ich noch ein und dann wird das nichts mehr mit dem Tanztee im Gemeindesaal.«

Als sie einmal einen Rhythmus gefunden hatte, bewegte sie sich überraschend flink, trug Teller mit Aufschnitt und Marmeladen herbei und stellte gleich zwei dampfende Kaffeebecher vor mir ab.

»Der weckt Tote«, erklärte sie in verschwörerischem Ton. »Und jetzt Butter bei die Fische«, verlangte sie, nachdem sie mir gegenüber Platz genommen hatte. »Wieso sind Sie so früh auf? Ist die Matratze zu hart? War Ihnen kalt? Soll ich die Heizung höher drehen?«

So viel mütterliche Sorge war ich nicht gewohnt und schaute weg, bevor sie die Wehmut in meinem Blick las. »Alles bestens, der Hund musste raus.«

»Wollen Sie sich vielleicht noch einmal hinlegen? Sie können den kleinen Kerl gern bei mir lassen. Ich kümmere mich schon.«

Gott, die Aussicht war verlockend, doch ich winkte ab. »Ich habe gleich einen Termin mit Thies. Wenn ich mich jetzt wieder hinlege, bringen mich vor dem Abend keine zehn Pferde aus dem Bett.«

Wie aufs Stichwort klopfte es an die Tür der kleinen Fischerkate.

Frau Peters rief »herein«, kurz darauf erschien Thies in der Küche. Ich konnte nichts dagegen tun, bei seinem Anblick breitete sich ein Strahlen über mein Gesicht.

Den Kopf leicht eingezogen, weil er sonst die Decke touchiert hätte, begrüßte er die alte Dame und sah dann zu mir. »Moin, Alice. Bist du fertig?«

Irritiert blinzelte ich ihn an. »Jetzt schon? Es ist doch gerade halb neun. Ich dachte, der Termin ist um zehn.«

»Richtig. Allerdings haben du und ich vorher etwas zu erledigen.«

Ich stöhnte. »Muss das sein? Ich will nicht raus in die fiese Kälte.«

»Oh doch, und wie du willst. Ich habe nämlich eine Lösung für dein Problem.«

»Habe ich denn eins?«

Nun wirkte Thies kurz verdutzt. »Du meinst ein Problem? Klar. Seit gestern sammelst du Frostbeulen. Damit ist jetzt Schluss. Eine Bekannte von mir betreibt in Kiel eine Boutique, und da sie gleich darüber wohnt, hat sie zugestimmt, früher aufzusperren, damit du dich mit ein paar warmen Sachen eindecken kannst.«

»Redest du von Wiebke? Fietes Wiebke?«, hakte Frau Peters nach.

Thies nickte.

»Dachte ich mir. Die ist ein nettes Mädel und sie war ja schon immer hilfsbereit.« Mit ihrem akkurat aufgesteckten Dutt und den vielen Lachfältchen schwärmte sie wie eine stolze Großmutter.

Unschlüssig sah ich rüber zu Hund, der auf einer Decke zu meinen Füßen schlummerte.

»Den lassen Sie man ruhig hier, Kindchen. Ich freue mich über ein bisschen Gesellschaft.«

Dankend nahm ich Frau Peters‘ Angebot an, kippte den letzten Rest Kaffee herunter, zog die Fleecejacke über und folgte Thies. Doch kaum war die Küchentür zu, begann Hund herzzerreißend zu jaulen.

Thies schob mich weiter und zog die Haustür hinter sich zu. »Frau Peters wird gut auf ihn achten. Das tut ihm zur Abwechslung sowieso ganz gut.«

Na, das war doch ... »Thies Thomsen, soll das heißen, dass ich mich nicht gut um ihn kümmere?«

»Mehr als gut. Ich fürchte nur, dass der Kleine sich zu sehr an dich gewöhnt. Wenn der neue Besitzer kommt, um ihn abzuholen, wird es sein Hundeherz brechen.« Er hatte den Wagen geöffnet und schob mich auf den Beifahrersitz. »Und, wenn du ehrlich bist, wird es dir nicht anders gehen. Für ein Tier, das du wieder hergeben musst, schließt du ihn gerade ein bisschen zu tief ins Herz.«

Ja, das war mir auch schon aufgefallen. Nur sah ich keine andere Lösung. Ich konnte den Kleinen schließlich nicht behalten. Mürrisch verfolgte ich, wie Thies den Wagen umrundete.

Kaum touchierte sein Hintern den Sitz, schoss er mit der nächsten Wahrheit um sich. »Du siehst übrigens aus, wie ich mich fühle.«

»Wohoo, Prince Charming, darf ich also davon ausgehen, dass du dich prächtig fühlst?«

Thies verdrehte die Augen. »Derart eitel hätte ich dich nicht eingeschätzt. Aber wenn es dich tröstet, war es natürlich genau so gemeint.«

»Dann bin ich ja beruhigt. Und auf die Gefahr, dass du mir böse bist und mich für eine undankbare Ziege hältst, die diese Aktion nicht zu würdigen weiß – ich habe ein begrenztes Budget und bin nicht der Typ für piekfeine Klamotten.«

Egal, was ich trug, mir fehlte das Talent der Frauen, die morgens in ein frisch gebügeltes Kleid stiegen und es abends ohne die geringste Knitterfalte wieder ablegten. Außerdem sparte ich seit vier Jahren eisern auf ein eigenes Restaurant. Nichts Dolles. Klein, aber mein. Ich musste nur noch einen Ort finden, an dem ich mich zu Hause fühlte und an dem mich jemand kreditwürdig genug fand, um das gigantische Loch in meinem Finanzplan auszugleichen.

»Keine Sorge, Wiebke hat wirklich hübsche Sachen und mit dem Preis kommt sie dir bestimmt entgegen.«

Gestern Abend war der Weg von Kiel nach Prahmsiel mir endlos erschienen. Heute verging die Fahrt wie im Flug. Vielleicht, weil ich die sanfte Schönheit der Landschaft gierig in mich aufsog. Die zarte Schneedecke war geschmolzen, doch ich mochte die kältestarren Bäume und reifüberzogenen Wiesen. Nicht ein Hochhaus säumte die Schnellstraße und es gab weit und breit keine überkandidelten Touristen wie bei meinen seltenen Landgängen von der MS Harmony. Zum ersten Mal seit langer Zeit reiste ich durch eine Landschaft, die nicht dem perfekten Postkarten-Klischee von türkisblauem Wasser und Endlosstränden entsprach, und das fühlte sich überraschend gut und wahrhaftig an.

Ich war beinahe enttäuscht, als Thies den Wagen von der Landstraße lenkte und zielstrebig in Richtung Kieler Altstadt steuerte, wo er vor einem Tor hielt, das sich auf Knopfdruck öffnete. Dann ging es hinab in eine Tiefgarage.

»Anwälte und Notare Holm Thomsen« las ich das an der Wand befestigte Schild.

»Richtig. Mein Vater hat in diesem Haus seine Kanzlei. Wiebkes Boutique liegt keine hundert Meter weit weg.«

Bibbernd folgte ich Thies. Der Wind war hier nicht ganz so frisch wie bei meinem kurzen Morgenspaziergang mit Hund am Meer, aber nach drei Jahren in wärmeren Gefilden reichte es mir auch so. Hinzu kamen der Schlafmangel, das Jetlag und das unwirkliche Gefühl, das mich seit Mamas Tod nicht losließ. Rational wusste ich, dass sie nicht wiederkommen würde, nur mein störrisches Herz wollte es nicht einsehen.

Thies musterte mich von der Seite. »Alles okay bei dir? Du guckst so grimmig.«

Ich jammerte los wie ein kleines Mädchen: »Ja, weil ich mir von Herzen leidtue.«

»Nicht mehr lange. Wir sind da.« Er deutete auf ein schick dekoriertes Schaufenster, über das in großen, eleganten Lettern der Name Wiebke Sörensen gepinselt war.

Thies hatte kaum an die Scheibe geklopft, da erschien eine nordische Schönheit, bei deren Anblick mir der Mund aufschnappte.

Wiebke war platinblond bis zur makellosen Taille, langbeinig und obenrum üppig. Strahlend kam sie aus dem Laden gestürzt und umarmte Thies überschwänglich. Sie war tatsächlich zu schön, um wahr zu sein und dabei kein bisschen affektiert, sondern nett. Mädelsabend-Serienmarathon-nett.

»Thies, du bist da. Wie schön!« Sie hauchte ihm Küsschen links und rechts auf die Wangen, ehe sie mich gut gelaunt musterte, unterhakte und in ihren schön eingerichteten Laden zog.

»Als Thies erzählt hat, dass du Köchin bist, habe ich schon befürchtet, dass es eng wird mit den reduzierten Sachen. Die großen Größen sind immer schnell weg. Aber klein und zart wie du bist, finden wir ein paar Hammerteile für dich.«

Wiebke wuselte durch ihr Modereich wie ein Duracell-Häschen. Dabei war sie so anmutig, dass ich mir wie der reinste Trampel vorkam.

»Hier, der Pulli, der könnte funktionieren und dazu hab ich dir eine sexy Jeans und eine Stoffhose rausgesucht.« Sie schob mich in eine Kabine, reichte mir ein Glas Sekt und drehte dann völlig auf. Ich hatte noch nie so viele Klamotten in so kurzer Zeit probiert. Dabei riet sie mir von mehr Sachen ab, als schließlich auf dem Stapel landeten, der in die engere Wahl kam.