6,49 €
Wiederbelebt in einer neuen Welt will Tieph diese zweite Chance nutzen, um in seinem Beruf erfolgreich zu sein. Als Archäologe sollte er in dieser Abenteurerwelt dazu auch gute Chancen haben. Leider kommen die Dinge ganz anders, als erwartet, denn er wird als Baby wiedergeboren und muss somit zuerst eine Ausbildung abschließen. Fest im Glauben, als Abenteurer die Welt und ihre Geheimnisse erkunden zu können, macht er sich gemeinsam mit seinem Freund Yunu auf, die besten in ihrem Beruf zu werden. Dieser Vorsatz wird schneller als den beiden lieb ist, auf die Probe gestellt und plötzlich finden sie sich in einem Krieg wieder. Magier Fio braucht ebenfalls Hilfe, um zu einem mysteriösen "Heiligen Berg" zu gelangen. Auf ihrer Reise merken die drei Abenteurer, dass das Schicksal der Welt mit ihren Entscheidungen eng verbunden ist. Kann Tieph gemeinsam mit seinen Freunden die Gefahren überwinden und den drohenden Weltuntergang aufhalten?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Heroes‘ Story
Hochmut Kommt Vor dem Fall
Vielen Dank, dass du dich für diese Welt entschieden hast.
Für Ute und Thomas.
Impressum
Jasmin Söll
Brühlweg 24
88457 Kirchdorf
Prolog
Tieph:
Mythen, Legenden, sagenhafte Heldengeschichten. Allein die Idee, eine unbekannte Insel zu erkunden, lässt mein Herz höherschlagen. Aus diesem Grund habe ich Archäologie studiert. Die Vorstellung, einmal durch schmale Höhlen zu klettern oder alte Gräber zu entdecken, war einfach zu verlockend. Selbst mit einer geringen Wahrscheinlichkeit später einmal tatsächlich Feldarbeit betreiben zu können, wollte ich etwas tun, um diese Geschichten und Geheimnisse alter Kulturen zu bewahren und weiterzugeben. Natürlich auch, weil ich mir diese Ausgrabungen immer wie ein großes Abenteuer vorgestellt habe. Und nun bin ich vor Antritt in die Berufswelt hier aufgewacht. Wobei ich nicht genau sagen kann, wo hier ist. Ich bin in Dunkelheit gehüllt. Mit einem maschinellen Klicken erhellt sich plötzlich etwas hinter mir. Vor Schreck mache ich einen Satz in die Luft. Ich drehe mich um und sehe eine große blaue, leicht durchsichtige Fläche. Es erinnert mich an Hologramm-Bildschirme aus Science-Fiction Filmen. Ich glaube, ich kann vorerst vernachlässigen, warum ich hier bin. Wenn dies ein Raum von einer alten Zivilisation ist, vielleicht bin ich dann alle meine Sorgen los. Genau genommen habe ich nämlich noch keinen Job als Archäologe in Aussicht. Aber eine solche Entdeckung könnte Wunder für meine Karriere bewirken. Vorsichtig nähere ich mich dem mysteriösen Bildschirm.
Tatsächlich erscheint eine Schrift darauf:
„Willkommen. Worüber soll informiert werden?“
Unter dem Text tauchen zwei Buttons auf: „Ankunft“ und „Fortfahren“. Interessant. Woher vor allem, kann dieses Gerät meine Sprache? Ich habe Jahre diverse Hieroglyphen und Keilschriften gelernt. Und jetzt kann diese Konsole einfach meine Schrift und Sprache? Ich glaube, irgendjemand nimmt mich hier auf den Arm. Ist dies ein Escape Room oder so etwas? Misstrauisch sehe ich mich kurz im Raum um. Da ich keine Kameras oder Ähnliches erkennen kann, tippe ich auf „Ankunft“.
„Sie können sich also nicht erinnern, wie Sie hier gelandet sind? Dann kann ich entweder das Protokoll oder die Videoaufzeichnung anbieten.“
Drogen. Eindeutig. Ich wurde irgendwie mit Drogen abgefüllt und dann hierhergeschleppt und jetzt muss ich bei diesem Escape Spiel mitmachen. Was ist das Letzte woran ich mich erinnere? Ich habe mich, glaube ich, über eine der japanischen Zeichentrickserien auf Nelix lustig gemacht, in denen Leute in einer anderen Welt einfach wiederbelebt werden. Spontan fällt mir nichts ein, was auf mein Aufwachen hier hindeuten könnte. Ich kann auch einfach das Video schauen. Mit Entschlossenheit tippe ich also auf den Button „Video“ und staune nicht schlecht. Die Kamera scheint an meiner Zimmerdecke positioniert. Sie zeigt mich, wie ich zum Abendessen gehe und folgt mir gruseliger Weise dabei. Ich sehe mich mit meiner Oma und meinem Opa schweigend am Tisch sitzen. Genauer gesagt, beenden wir gerade das Essen und ich verschwinde wieder in mein Zimmer. Ich öffne am PC das Open World Sci-Fi Spiel, das ich seit einiger Zeit spiele. Ich liebe es, in dieser Spielewelt alte Kulturen zu untersuchen und daraus neue Technologien zu entwickeln. Ich stelle mir dann immer vor, wie unsere Welt in der Zukunft aussehen wird. Welche krassen Fortschritte noch gemacht werden können. Eine Weile zeigt mich die Kamera einfach nur beim Zocken. Doch dann erklingt plötzlich ein schepperndes Geräusch. So, als würde Metall über den Boden rutschen. In der Videoaufzeichnung reagiere ich jedoch nicht darauf (das ist öfter so, wenn ich in etwas vertieft bin). Aber hier kommt mir das Geräusch fast unangenehm laut vor. Gab es draußen etwa einen Unfall? Plötzlich kracht ein Lastwagen durch die Wand. Er nimmt mich mitsamt PC, Schreibtisch und Stuhl mit. Der Lastwagen bremst erst, als er noch durch die Wand zur Besenkammer bricht. Ich sehe ungläubig zu, wie es mein ich aus dem Video gerade zwischen einem Lastwagen, meinem PC und der Mauer zerquetscht. Das ist doch wohl ein Scherz? Ich bin doch nicht wirklich…tot? Wie kann das denn nur sein? Wie um das eben Gesehene zu bewahrheiten, erscheint ein Text auf dem Bildschirm:
„Sie sind gerade gestorben.“
Fehlt nur, dass „Herzlichen Glückwunsch“ angehängt wird. Von einem Lastwagen getötet, ohne überhaupt in meinem Beruf jemals gearbeitet zu haben? Ohne je etwas bedeutsames erreicht zu haben? Wie bescheuert ist das denn bitte? Ich muss schlucken. Bestimmt ist das alles nur ein schlechter Traum. Selbst wenn ich tot wäre, was ist das hier dann für ein merkwürdiger Ort? Auf mein Stichwort ändert die Konsole erneut ihren Text:
„Sie sind hier, um wiederbelebt zu werden. Als Archäologe haben Sie die richtigen Qualifikationen. Nach meinen Berechnungen können Sie helfen.“
Ich soll wiederbelebt werden? Wie in dieser japanischen Serie über die ich mich vor ein paar Stunden noch lustig gemacht habe? Das wird ja immer schlimmer! Andererseits klingt das so, als würde ein Archäologe gebraucht. Das bedeutet, mich erwarten Hieroglyphen, alte, unbekannte Hochkulturen und viele weitere Geheimnisse! Gewissermaßen könnte ich es als Einstellung ansehen… Also tippe ich auf den mir angebotenen Button „Weiter“.
„Bitte wählen Sie 2 der folgenden Fähigkeiten aus.“ Eine Liste mit allen möglichen Namen – Fähigkeiten vermutlich – öffnet sich. Neben jeder steht eine kurze Beschreibung. Was soll das denn? Verwirrt betrachte ich die diversen Namen.
„Manaspeicher – Magienutzung ist weniger anstrengend“.
Magie… Es gibt dort, wo auch immer ich hinkomme, Magie?
„Ich frage mich, wie die 2 Fähigkeiten überhaupt zustande kommen? Liegt es daran, dass ich wiedergeboren werde? Kann jeder 2 Fähigkeiten in dieser Welt haben? Sind diese dann genetisch bedingt?“, murmele ich leise vor mich hin, während ich die Liste überfliege.
Plötzlich taucht eine weitere Anzeigefläche auf und ein Text erscheint:
„Einleitung über Fähigkeiten lesen?“.
Ich entscheide mich für „Lesen“, denn es klingt sehr sinnvoll so viel Wissen wie möglich im Vorfeld zu erlangen.
Ihre neue Welt setzt sich zusammen aus verschiedenen Kontinenten. Es gibt verschiedene Völker, die sehr unterschiedliche Physis besitzen. Alle Völker verbindet jedoch ein Organ, welches sich auf die Physis auswirkt. Durch Mutation und Genetische Vererbung variieren diese Auswirkungen stark. Sie werden allgemein als „Fähigkeiten“ bezeichnet. In der gegebenen Liste befinden sich alle bislang entdeckten Fähigkeiten. Da Sie mit ihrem alten Wissen wiedergeboren werden, dürfen Sie sich 2 Fähigkeiten aussuchen. Das Organ aller Völker kann maximal 2 Fähigkeiten ausprägen und der Durchschnitt der Bevölkerung hat genau diese 2 Ausprägungen. Die einzelnen Völker haben selbst noch eine Reihe an Fähigkeiten die von speziellen Körperteilen abhängen. So können Völker mit Flügeln diese auch zum Fliegen benutzen.
Interessant. Somit gibt es für die Fähigkeiten eine genetische Erklärung. In dem Fall kann ich davon ausgehen, dass es dort keine Menschen wie in meiner alten Welt gibt, sondern Wesen mit gänzlich anderen Körperfunktionen (also ein bisschen wie Aliens oder Zwerge, Elfen und andere bekannte Vertreter des Fantasy-Genres). Damit kann ich mich anfreunden. Ich brauche auf jeden Fall Fähigkeiten für den Kampf mit Waffen (falls ich denn kämpfen muss) und eine Fähigkeit für den Fernkampf (falls es denn dort Schusswaffen gibt).
Mein Blick in der Liste fällt auf die Fähigkeit:
„Waffenexperte – Ein erlangter Wissenstand über eine Waffe (Herstellung, Benutzung, etc.) kann auf andere Waffen übertragen werden.“
Wenn ich das richtig verstanden habe, könnte ich mit einem Schwert trainieren und selbst wenn kein Schwert zur Verfügung steht, einfach auf eine Axt umsteigen. Das sollte definitiv von Vorteil sein. Was den Fernkampf betrifft…
„Analyse – Kann Fähigkeiten und körperliche Beschaffenheit einer Person erkennen.“ oder „Weitsicht – Gute Sicht in 500m Distanz und sicheres Zielen auf diese Entfernung.“ klingen beide sehr praktisch.
Weitsicht sollte sich allerdings besser mit „Waffenexperte“ kombinieren lassen. Schließlich kann ich mein Training mit einem Schwert auch auf Schusswaffen übertragen. Meine Entscheidung fällt also auf „Waffenexperte“ und auf „Weitsicht“. Sobald ich diese ausgewählt habe, öffnet sich eine weitere Liste.
„Wählen Sie ihr Volk aus.“
In der Einleitung stand, dass in dieser anderen Welt viele Völker leben. In der Liste stehen sehr viele Namen, die mir rein gar nichts sagen. Die einzigen zwei Begriffe, mit denen ich etwas anfangen kann, sind „Menschen“ und „Helden“. Dabei frage ich mich, wo der Unterschied zwischen den beiden ist. Persönlich würde ich zu „Menschen“ tendieren, da ich schließlich selbst einer bin. Aber „Helden“ klingt natürlich sehr interessant. Und schon allein aus Prinzip ziemlich reizvoll. Ich könnte mich nicht nur mit den Heldengeschichten anderer befassen, sondern selbst meine eigene Heldenreise erleben. Ich frage einfach laut in den Raum:
„Was ist der Unterschied zwischen Menschen und Helden?“
„Menschen können keine Magie nutzen; dieses Konzept sollte Ihnen aus Ihrem vorherigen Leben vertraut sein. Helden sind Menschen mit der potentiellen Möglichkeit, Magie nutzen zu können. Sie sind zudem robuster und stärker. In Ihrer neuen Welt sind Menschen meist Erfinder und Entwickler, aber keine Kämpfer. Helden hingegen haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Welt zu bereisen und Wesen in Not zu helfen. Umgekehrt erhalten sie dafür viele Vorteile, wie zum Beispiel Rabatte bei Händlern.“
Bei „die Welt bereisen“ hatte mich die Konsole schon. Archäologie ruft ja förmlich nach „Reisen“ und Abenteuer. Einen robusteren Körper zu haben klingt auch von Vorteil. Und selbst wenn ich als Held potentiell Magie nutzen könnte, klingt es nicht so, als ob ich Magie nutzen muss. Meine Fähigkeiten sind also nicht schlecht gewählt. Wer weiß, wie gefährlich diese neue Welt wird? Ohne weiter darüber nachzudenken, wähle ich „Helden“ als Volk aus. Plötzlich erstrahlt der Raum in einem hellen Licht und in meinem Magen macht sich ein Gefühl breit, als würde ich im freien Fall auf die Erde stürzen. Dann wird alles dunkel.
Kapitel 1 – Eine neue Welt
Tieph:
„Dieses Mal gewinne ich!“ Schon während ich das rufe, stürme ich auf meinen Gegenüber zu. Dieser ist mit einem kleinen runden Holzschild bewaffnet und hat eine lockere Haltung eingenommen. Finn – mein Vater in dieser neuen Welt – steht am Gartenzaun und beobachtet das Spektakel. Ab und zu gibt er ein paar Hinweise und Tipps. Wie jetzt:
„Tieph, nichts überstürzen. Yunu, du stehst ein bisschen zu hoch. Geh etwas mehr in die Knie.“ Tieph ist mein Name in dieser neuen Welt. Yunu, oder Yu, wie ich ihn nenne, ist unser Nachbar. Ein Junge mit blonden zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren. Mit seinem hübschen Gesicht und den strahlend blauen Augen könnte man ihn fast für ein Mädchen halten. Eines, das mit Käfern im Matsch spielt. Wie ich teilt Yu eine Begeisterung für Abenteuer. Und deshalb trainieren wir fast täglich in unserem Garten.
„Mit diesem Angriff wirst du nie der beste Abenteurer, Ti!“, ruft er, als ich mit meinem Holzschwert an seinem Schild abpralle.
Sechs Jahre lebe ich nun schon in dieser neuen Welt. Inzwischen habe ich die Sprache in Wort und Schrift einigermaßen gelernt.
„Das liegt an deiner Fähigkeit! Damit schummelst du ja!“ Mit einem speziellen Fähigkeitenamulett, das Yu von seinen Eltern geschenkt bekommen hat, haben wir herausgefunden, welche Fähigkeiten wir haben (auch wenn ich bereits von meinen wusste).
Yu kann Schilde unabhängig ihrer Größe und Gewichts verwenden. Das war auch der Punkt, an dem er sich dazu entschied, diese zu seiner Waffe zu machen.
„„Man muss mit dem leben, was einem das Leben so gibt“, sagt Mama immer.“, hat er mit einem Schulterzucken erwidert, als ich wissen wollte, ob er nicht lieber Magier werden wollte.
Seine andere Fähigkeit ist Fernkampfschutz. Distanzangriffe können ihm kaum etwas anhaben. Ausgenommen davon ist allerdings Magie.
„Du musst gerade reden! Du kannst alle Waffen gleich gut nutzen!“ Er holt mit seinem Schild aus.
Gerade noch rechtzeitig kann ich mich unter dem Schlag hindurchducken:
„Deine Persönlichkeitsfähigkeit habe ich noch gar nicht erwähnt! Wenn das nicht schummeln ist, was dann?“ In dieser Welt hat jedes Individuum noch eine Persönlichkeitsfähigkeit.
In meinem Fall ist es Überlebenskünstler (ich vermute, dass diese Fähigkeit von meiner Widergeburt kommt): Das Amulett hat, ich hätte ein Talent für Waffen. Yu hingegen wird stärker, wenn er stumpfe Gegenstände als Waffen verwendet. Je schwerer, desto besser, wie es scheint. Alles scheint an ihn darauf angelegt, dass er sich auf riesige Schilde spezialisiert. Andererseits ergänzen wir uns dadurch gut. Ich, der keine spezielle Waffe priorisiert und mit allem umgehen kann und Yu, der mich mit schweren, riesigen Trümmern beschützen kann. Ich mag den Gedanken. Was Magie betrifft, haben wir beide allerdings kein Glück. Finn meinte zwar, in der Abenteurerschule werden wir schon noch lernen, damit umzugehen, aber ich bezweifle es. Andere Kinder in unserem kleinen Dorf können schon ganze Bäume wachsen lassen. Oder ein Lagerfeuer anzünden, ohne stundenlang zwei Feuersteine aneinander schlagen zu müssen. Also war unser ursprünglicher Plan, einen Magier für unsere zukünftige Abenteurergruppe zu rekrutieren. Die anderen Kinder haben uns aber nur ausgelacht. Irgendwie sind Yu und ich Außenseiter. Warum genau kann ich nicht einmal sagen. Ich finde, mit meinen braunen Haaren und grauen Augen sehe ich eigentlich ziemlich normal aus. Vielleicht liegt es aber daran, dass weder Yus noch meine Eltern viel in der Dorfgemeinschaft verankert sind. Beide Familien sind erst kurz vor unserer Geburt hierhergezogen. Vielleicht dauert es einfach noch ein bisschen, bis wir Anschluss finden...
„Hah! Du hast nicht aufgepasst!“, jubelt Yu und kurz darauf trifft mich der Schild in der Brust.
„Buwah!“ Ich fliege ein Stück durch die Luft und lande unsanft auf dem Boden.
„Es ist noch kein Held vom Himmel gefallen.“ Finn schüttelt enttäuscht den Kopf.
Das war auch so eine Sache, die ich lange nicht verstanden habe. Helden und Abenteurer, was ist der Unterschied? Gerade Finn benutzt gerne Analogien zu beiden. Inzwischen habe ich den Bogen aber raus: Helden sind ein Volk, von dem ein Großteil als Abenteurer arbeitet. Allerdings nicht alle. Es gibt auch viele Bauern, wie es in unserem Dorf der Fall ist. Abenteurer hingegen sind ein weltweit agierender Verbund, die anderen in Not helfen, Monster bezwingen und geheimnisvolle Orte erkunden. Jeder, aus jedem Volk, kann Abenteurer werden. Die Helden haben jedoch eine starke Bindung zu diesem Beruf und wenn ich den Geschichten von Hilda – so heißt die Frau, die sich in dieser Welt meine Mutter nennt – glauben kann, dann war der Gründer der Abenteurer ein Held.
Es ist nicht verwunderlich, dass die Zentrale der Abenteuer in der Hauptstadt der Helden, Dioa, liegt. Wann immer dieses Wort fällt, höre ich gespannt zu. Ich liebe die Abenteuergeschichten der Erwachsenen hier so sehr, dass mir meine Eltern ein kleines Notizbuch geschenkt haben. So dass ich alle meine Abenteuer aufschreiben kann. Bisher habe ich noch nicht viel hineingeschrieben, aber sobald Yu und ich das Dorf verlassen dürfen, werde ich alles notieren, was wichtig sein könnte! Ruinen habe ich bisher im Übrigen keine gefunden. Obwohl ich mehrmals Ärger mit Hilda riskiert habe, um in unserem Garten zu graben. Die Steine sehen hier etwas anders aus: sie sind nicht so grau, wie ich sie aus meiner alten Welt kenne, sondern fast schwarz. Gleichzeitig reflektieren sie das Sonnenlicht, so dass manche von ihnen wie tausend kleine Kristalle funkeln. Yu kann meine Begeisterung für Steine nicht ganz teilen, aber dafür hat er ja seine Käfer, mit denen er gerne spielt. Und mich regelmäßig zwingt, mitzuspielen.
„So, genug Übungen für heute. Morgen machen wir wieder weiter.“ Finn klatscht in die Hände und verschwindet im Haus.
„Es ist noch gar nicht dunkel.“, murrt Yu. Er grinst und fragt verschmitzt: „Ti, willst du mit zu mir kommen?“
Ich weiß bereits, was mich erwartet und seufze innerlich. Es geht um Yus Weltkarte. Er hat sie vor Kurzem von seinen Eltern zugeschickt bekommen, die momentan einem fernen Kontinent erkunden. Die Karte war mit Zeichnungen ausgestattet und hat in uns beiden direkt Begeisterung geweckt. Mein Problem liegt also nicht direkt an der Karte.
Sie trägt schließlich keine Schuld daran, dass Yu überall stolz davon erzählt hat. Oder andere Kinder sie sehen wollten. Und dann ein Streit um die Karte ausbrach. Weil ein Kind sie nicht mehr zurückgeben wollte. Man könnte der Karte höchstens vorwerfen, nicht reißfest gewesen zu sein. Da ein Streit um die zwei Hälften entstand und ich dem Idioten, der den einen Teil der Karte noch immer nicht zurückgeben wollte, eine Lektion erteilen musste, liegen nun insgesamt rund 20 Schnipsel der Karte in Yus Zimmer auf dem Boden verteilt. Seit ein paar Tagen verbringen wir unsere Nachmittage also mit dem zusammenpuzzeln besagter Schnipsel.
Yus Zimmer ist eigentlich aufgeräumt, vor allem verglichen in meinem, in dem sich Bücher, Zeichnungen und diverse Steine, die ich am Wegrand gefunden und für interessant befunden habe, stapeln. Momentan darf man in Yus Zimmer jedoch unter keinen Umständen schwungvoll die Tür öffnen. Vorsichtig steige ich über die Schnipsel bis zu meinem Platz unter dem Fenster. Während Yu sich von unten vorarbeitet, habe ich den Nordteil der Karte übernommen. Inzwischen habe ich den Kontinent „Cristasil“ fast vollständig zusammensetzen können. Ein länglicher, aus Inseln bestehender Kontinent, der es mir dadurch erleichtert hat, ihn zusammenzusetzen. Yu hat mit dem südlichen „Monere“ mehr Probleme. Die zusammenhängende Masse sorgt für viele einfarbige, fast identische Teile.
„Zum Glück habe ich eine Postkarte meiner Eltern zum Vergleich.“, murmelt er gerade und hält besagte Karte vor über sein Werk.
Unsere Entscheidung, die Teile erst dann zusammenzunähen, wenn alles wirklich passt, war jedenfalls genau richtig, denn gerade baut er eine Landzunge nochmals vollständig um. In Momenten wie diesen vermisse ich das Internet sehr. Andersherum könnte man auch sagen, dass ich mir die Karte genauer hätte ansehen sollen, als ich die Möglichkeit dazu noch hatte. Leider war ich so fixiert darauf, unser kleines Dorf zu finden, dass ich mir die anderen Orte und Kontinente kaum eingeprägt habe.
„Ich glaube, wir brauchen Expertenhilfe.“, murmele ich, als ich am letzten Winkel Cristasils angelangt bin.
Mehrere Schnipsel ohne Grenzmarkierungen oder andere Hinweise in einer dunklen Farbe sind alles, was ich als Anhaltspunkt habe.
„Ex-per-ten-Hilfe?“, Yu sieht mich fragend an.
Manchmal vergesse ich, dass ich wirklich mit einem Kind zusammenarbeite. Yu besticht durch seine besonnene Art und wirkt älter als seine sechs Jahre vermuten lassen.
„Naja, jemand, der schonmal dort war, oder eine eigene Weltkarte besitzt.“, verbessere ich mich.
„Ah! Warum sind wir da nicht direkt darauf gekommen?! Der Dorfälteste hat angeblich das Dorf zwar nie verlassen, aber alles gesammelt, was mit der Außenwelt zu tun hat! Bestimmt können wir ihn fragen!“ Yu springt auf.
„Eine Weltkarte? Bestimmt habe ich hier irgendwo eine. Aber es ist schon so lange her, als ich sie das letzte Mal in der Hand gehalten habe. Wo könnte sie nur sein?“ Der Dorfälteste ist ein Mann an die siebzig, mit weißem, kurzem Haar, einem Schnauzer und einer Brille, die größer als sein Gesicht zu sein scheint.
Wir haben uns direkt zu seinem Haus aufgemacht. Es ist das größte im Dorf und liegt direkt im Zentrum des kleinen Brunnenplatzes. Inzwischen weiß ich auch, warum es das größte Gebäude ist. Durch viele Anbauten und Erweiterungen, mal als Türmchen, mal in Form eines Holzschuppens, wirkt es wie ein Abenteuerhaus, in dem allerlei Geheimnisse auf einen warten. Kurzum, am liebsten würde ich hier einziehen. Das Gefühl wird noch verstärkt, dass sich die Regale und Tische unter allem möglichen Krimskrams fast schon biegen. Und jedes einzelne Teil interessiert mich brennend, von den alten Masken bis hin zu Steinstücken mit altertümlichen Verzierungen. Seine Frau kramt in einem der Regale und brummt dabei:
„Ständig müssen wir anbauen, weil der ganze Kram nicht mehr ins Haus passt und dann weiß er nicht mal mehr, wo er seine guten Stücke verstaut hat…“
„Immerhin weiß ich, was ich besitze und was nicht.“ An uns gewandt fügt er verschwörerisch hinzu: „Alles Originale und ich habe nichts doppelt.“ Er tippt sich gegen den Kopf: „Da ist alles gespeichert, was ich je in Händen gehalten habe. Aber manchmal verlegt man halt etwas. Sowas kommt schon vor…“
Während die Dorfälteste weiterhin nach der Karte sucht, betrachte ich eine Holzmaske, die wie schreckliches Monster aussieht. Sie erinnert mich ein bisschen an einen Gargoyle, nur mit fünf Hörnern auf der Stirn.
„Ah, dieses gute Stück stellt einen Häuptling der Daemo dar. Ein Reisender hatte sie nach einem Häuptling im Düsterwald angefertigt. Dieser habe sein Leben vor Monstern gerettet und ich kann mich noch gut erinnern, wie er mir erzählte, was für gastfreundliche Leute die Daemo sind. Auch wenn sie es bevorzugen, unter sich zu leben, helfen sie denen in Not. Wahrlich ein interessantes Volk.“ Der Dorfälteste streichelt behutsam über die Maske.
„Düsterwald?“, frage ich nach.
Das klingt wie in einem Roleplay-Spiel. Gehe durch den Düsterwald, dann findest du das legendäre Schwert. Oder so.
„Ja, ja. Wir leben hier auf Algarons Halbinsel Fimor. Wenn man nach Süden geht, kommt man an Fioa – der Bergbaustadt – vorbei. Noch ein Stück weiter und ihr landet in Dioa – der Hauptstadt Algarons – und kurz bevor ihr Dioa erreicht müsst ihr nach Osten gehen. Irgendwann gelangt ihr dann zu den Düsterwäldern. Wenn ich nur die Karte hätte…“ Er wirft einen Blick auf seine Frau.
„Was? Du könntest auch beim Suchen helfen, statt hier Geschichten zu erzählen.“, keift sie, halb in einem Schrank vergraben.
„Leben dort gefährliche Monster?“, fragt Yu mit Unschuldsmiene.
„Nicht unbedingt. Angeblich heißen die Wälder so, weil die Bäume dort ein so dichtes Blätterdach bilden, dass selbst am hellen Tage kaum Licht hindurchdringt.“ Unbeirrt greift der Dorfälteste zu einem Stift und kramt ein leeres Blatt Papier hervor.
Er beginnt, grob die Umrisse der Kontinente aufzuzeichnen: Algaron in der Mitte, südlich davon Monere – ich erkenne die Landzunge, die Yu vorhin noch berichtigt hat – nördlich davon meine Baustelle: Cristasil. Westlich von Cristasil zeichnet er einen weiteren Kontinent, der mich an einen feuerspuckenden Drachen erinnert und südlich davon einen Kontinent mit ein paar Inseln. Dann tippt er mit dem Stift auf Algarons nördliche Landzunge:
„Hier liegt die Halbinsel Fimor, in etwa hier sollte unser Dorf sein.“ Er fährt mit dem Stift gen Süden, sodass eine Linie sich abzeichnet: „Hier in etwa liegen Fioa und dort befindet sich Dioa, fast in der Mitte. So, und dann nach Osten…“ Der Stift bewegt sich sehr weit Richtung Osten, fast bis zum Ende Algarons. „Ab da ungefähr beginnen die Düsterwälder. Sie ziehen sich bis zu den Klippenküsten Algarons.“
„Und was ist mit diesem Kontinent?“, Yu und ich stellen unsere Frage zwar gleichzeitig, zeigen aber auf zwei unterschiedliche Kontinente.
Mich beschäftigt Cristasil, bei welchem die dunkle Stelle, die ich noch zusammensetzen muss, fehlt. Yu hingegen ist mit Monere beschäftigt, dort fehlt ihm noch der ganze westliche Teil.
„Haha, ich sehe schon, ihr seid zwei neugierige Heldlinge. Nun gut, nun gut. Warum bleibt ihr nicht noch ein bisschen und hört euch an, was ich aus dem Gedächtnis weiß?“
„Liebend gern!“ Yus Augen leuchten bestimmt so stark wie meine und wir machen es uns auf zwei Hockern bequem.
„Die Karte bekommen wir jetzt bestimmt im Schwerthieb repariert.“ Wie einen wichtigen Preis trägt Yu die handgezeichnete Karte des Dorfältesten zu sich nach Hause.
Inzwischen ist es dämmrig, viel Zeit bleibt uns heute nicht mehr. Dennoch sind wir fest entschlossen, zumindest unsere momentanen Baustellen zu beenden. Die alte Karte hat die Dorfälteste gerade gefunden, als wir uns verabschiedeten. Der Dorfälteste hat uns dafür seine Zeichnung mitgegeben. Als Andenken sozusagen.
„Ich kann nicht glauben, dass es ein verfluchtes Land gibt.“, murmele ich. Der Alte hat uns folgende Geschichte erzählt: Ein Teil Cristasils gilt als verflucht und unbetretbar! Es sei der Zorn der Götter gewesen.
Je unbetretbarer, desto reizvoller, würde ich sagen. Die genaueren Umstände wusste er nicht, weshalb es mich umso mehr interessiert, was es damit auf sich hat. Vielleicht von den Göttern als Strafe? Böse Geister, die dort leben und nicht wollen, dass andere ihre neugierigen Nasen in ihre Angelegenheiten stecken? Die Möglichkeiten sind unendlich und ich grinse vor mich hin.
„Sobald ich mit Monere fertig bin, will ich Dragoria übernehmen.“, sagt Yu.
Der Kontinent, der mich an einen Drachen erinnert, ist ebenso mysteriös wie Cristasils verfluchter Teil. Der Dorfälteste wusste nur, dass Dragoria von einem Volk namens „Ygdras“ bewohnt wird, und diese verwehren allen anderen Völkern den Zutritt. Die Hintergründe sind ebenfalls unbekannt.
„Lass uns eines Tages all diese mysteriösen Orte besuchen!“, beschließe ich.
„Auf jeden Fall! Wie könnten wir sonst die besten Abenteurer werden?“ Yu nickt und klatscht begeistert in die Hände.
Die Düsterwälder haben sich nach den Erzählungen des Dorfältesten als zunehmend langweilig entpuppt. Da es dort kaum Nahrung gibt, bleiben Tiere und Monster diesen Wäldern sogar fern, sodass sie beliebte Handelsrouten im Osten Algarons sind.
„Bald dürfen wir auf die Abenteurerschule und dann werden wir zu den besten Abenteurern, die es gibt!“ Yu öffnet die Türe zu seinem Haus schwungvoll, ruft kurz etwas in die Küche, in der seine Tante gerade etwas zu kochen scheint und zieht mich die Holztreppe zu seinem Zimmer im ersten Stock hoch.
Immer wenn Yus Eltern auf Reisen sind, passt seine Tante auf ihn auf. Da er noch zu jung ist, um mit seinen Eltern mitzureisen, muss er hier im Dorf bleiben. Seine Tante ist eine strenge, ruhige Frau, die mir immer ein bisschen unheimlich ist. Meistens verbringt sie Zeit in ihrem eigenen Haus, das in der Mitte des Dorfes liegt. Sie schaut allerdings regelmäßig vorbei und kocht für Yu.
„Ich rufe dann zum Abendessen.“ Ich kann ihre Antwort gerade noch hören.
„Endlich geschafft! Das war anstrengend.“ Yu lässt sich auf den Rücken fallen.
Ich betrachte unser Werk: Die zusammengenähte Weltkarte weist deutliche Spuren unserer Nähversuche auf, aber immerhin kann man alle Schriftzüge erkennen. Obwohl wir die Unterstützung des Dorfältesten hatten, haben wir immer noch fast zwei Wochen gebraucht, um sie komplett zusammen zu puzzeln.
„Sobald wir unsere Abenteurer Zulassung haben, will ich unbedingt nach Dioa.
Meine Eltern sagen immer, man muss mindestens einmal einen Auftrag dort erledigt haben, um als vollwertiger Abenteurer zu gelten.“ Ich tippe auf den roten Punkt in der Mitte der Karte.
„Oh ja, da können wir auch viel verdienen und dann machen wir uns auf, wohin es uns zieht!“ Yu setzt sich wieder auf und strahlt: „Danke, dass du mir mit der Karte geholfen hast.“
„Naja, ich war ja auch ein bisschen schuld daran, dass sie erst in diesem Zustand war.“
Yu schüttelt jedoch heftig den Kopf.
„Daran waren nur diese Idioten schuld! Mit denen unternehme ich nie wieder was!“
Mein Blick fällt auf die schöne Zeichnung der „Fliegenden Felsen“, wie der Dorfälteste uns aufgeklärt hat. Von unserem Dorf aus sind sie nur sehr selten zu sehen. Aber laut den Geschichten, zu denen ich den Alten sofort gedrängt habe, lebt dort ein Volk, dass mächtiger als alle anderen Völker sein soll. Ramika heißen sie. Sie verwenden „Göttermagie“ und erlassen Gesetze, die ein harmonisches Gleichgewicht zwischen allen Völkern auf der Erde garantieren sollen. Auf ihren Felsen fliegen sie alle Kontinente ab und es gibt sogar Gerüchte, dass der Anführer des Heldenvolks mit ihnen in Kontakt steht, um ihren Willen auf Erden durchzusetzen. Das Ganze klingt für mich fast nach einer Sekte, aber in der Praxis bekommt man kaum etwas von der Existenz dieses Volkes mit.
„Die Ramika besitzen noch das Wissen der Götter, müsst ihr beiden wissen. Sie sind ein Volk, das unabhängig sein muss, um sämtliche Konflikte neutral betrachten zu können. Angeblich sind sie sogar die Nachfahren der Götter und leben deshalb auf diesen Inseln, deren Flugbahn sie nach Belieben steuern können.“
„Hast du je einen von ihnen getroffen?“, fragte Yu den Dorfältesten an diesem Abend; das Stück seiner Karte mit der Zeichnung darauf in den Händen.
„Oh nein, sie steigen niemals auf die Erde herab. Aber ihre fliegenden Felsen habe ich bereits vom Rande des Dorfes ausgesehen. Wenn das Wetter klar ist, kann man sie am Jahresanfang sehen, wenn die Schüler der Abenteurerschule in Mioa ihren Abschluss machen.“
„Das klingt so toll! Ich möchte einen der Ramika mal treffen!“ Yus Augen leuchteten begeistert.
Meine vermutlich genauso. Ein Volk, das alle Geheimnisse dieser Welt kennt? Das klingt ja geradezu nach einem Pflichtbesuch für mich. Die Frage ist nur, wie kommen wir da hoch?
Kapitel 2 - Briefe
Fiore:
„Mama! Ich will mitlesen!“ Aufgeregt renne ich mit einem Stapel Briefen in den Händen in das Büro meiner Mutter.
Sie sitzt wie gewohnt an ihrem Platz am Schreibtisch. Dieser ist vor einem großen, deckenhohen Fenster aufgebaut, sodass viel Licht auf die Dokumente fällt. Meine Mutter legt ihre Schreibfeder ab und lächelt sanft:
„Aber natürlich, Fiore, mein Schatz.“
Sie bedeutet mir, dass ich auf dem kleinen Hocker neben ihr Platz nehmen darf. Als ich es mir bequem gemacht habe, lese ich die Absender laut vor, um zu beweisen, dass wir inzwischen die gesamten Buchstaben im Unterricht behandelt haben. Die letzten haben wir zwar erst heute gelernt, aber ich kann mich noch gut an sie erinnern. Ich werde die Beste sein, und niemand wird sagen, ich würde nur Königin werden, weil ich Prinzessin bin.
„Dieser Brief hat gar keinen Absender!“ Empört drehe ich den Umschlag hin und her, aber das Einzige, was darauf zu sehen ist, ist ein Stempel in Form eines Vogels, dessen Flügel einen Kreis zu bilden scheinen.
„Zeig mir den einmal.“ Ohne weitere Worte pflückt ihn meine Mutter mir aus der Hand. Sie runzelt die Stirn, als sie den Brief liest. Dann schüttelt sie nur den Kopf und wedelt mit der Hand: „Da hat sich wohl jemand einen Streich erlaubt.“
„Was steht denn drin?“, will ich wissen und beuge mich neugierig vor.
Eigentlich hat sie mir alle Briefe laut vorgelesen, aber diesen legt sie schnell beiseite – außerhalb meiner Reichweite. Meine Mutter lächelt sanft:
„Wie gesagt, der Brief ist nur ein dummer Streich, nichts von Bedeutung. Von wem stammt der nächste?“
„Das war der letzte. Wenn es nur ein Streich ist, ist es doch kein Problem, wenn ich ihn lese, oder?“ Ich will unbedingt wissen, was in dem merkwürdigen Brief stand. Ohne weiter darauf einzugehen, steht sie auf und streckt ihren Rücken:
„Dann sind wir heute fertig, wie schön. Wollen wir mal schauen, ob Papa ein bisschen Zeit hat? Dann kannst du ihm vom Unterricht berichten.“
Obwohl sie mir den Brief nicht zeigen will – und es dafür sicherlich einen Grund gibt – merke ich, dass meine Mutter nicht lügt. Schon immer konnte ich erkennen, wenn jemand mich anlügt. Das ist meine Persönlichkeitsfähigkeit. Aber da sie nicht lügt, wird es vielleicht einfach wirklich nicht wichtig sein. Bestimmt ist Mutter auch müde. Sie kümmert sich viel um die Organisation der Flugbahnen der Fliegenden Felsen und ist als Königin der Ramika auch sonst viel beschäftigt. Ein bisschen Zeit mit ihr und Vater klingt deshalb sehr verlockend. In letzter Zeit haben beide immer weniger Zeit. Also gebe ich den mysteriösen Brief vorerst auf und folge meiner Mutter brav.
„Wir werden uns diesen Brief besorgen. Da wäre schließlich gelacht, wenn wir drei nicht irgendwie an diesen Brief kommen.“ Am nächsten Morgen habe ich meine beiden Freundinnen Aemi und Kima versammelt.
Wir werden uns den Brief holen, schließlich bin ich Prinzessin Fiore. In der Nacht musste ich dauernd an den Brief denken, also habe ich beschlossen, ihn doch zu lesen.
„Oh ja! Führen wir wieder den Ablenkungsplan vom letzten Mal durch?“ Aemi klatscht direkt begeistert in die Hände.
Ihre kurzen, roten Strubbelhaare wippen dabei lustig auf und ab. Kima stemmt die Hände in die Hüften:
„Auf keinen Fall! Dieser Plan war dumm! Da mache ich nicht mehr mit!“ Sie wendet energisch den Kopf ab, sodass ihre langen braunen Locken mitwirbeln.
Wenn man uns drei miteinander vergleicht, könnten wir kaum unterschiedlicher sein, zu den auffallend kräftigen Haarfarben der beiden sind meine merkwürdig grau-braunen Haare hässlich und blass. Egal, wie oft mir die Erwachsenen sagen, was für tolle Haare ich doch hätte und wie speziell sie wären, ich würde gerne tauschen. Das ist der einzige Makel, mit dem ich leben muss, solange ich meine Haarfarbe nicht mit Magie ändern kann.
„Keine Sorge, es wird nicht wie beim letzten Mal ablaufen“, beruhige ich Kima. Sie wirft mir einen misstrauischen Blick zu. Mir ist bewusst, dass ich sie nur mit einem besseren Angebot locken kann: „Na gut, wenn du mir hilfst, dann verschaffe ich dir Zutritt zur Königsbibliothek…“
„Du meinst, da, wo all die seltenen Bücher aufbewahrt werden? Zutritt ist eigentlich nur für die Königsfamilie gestattet… Was ich da wohl alles an interessanten Büchern finden könnte.“ Sie betrachtet ihre Hände.
Kima liebt Bücher und je seltener diese sind, desto besser. Nichts bereitet ihr mehr Freude, als wertvolle Bücher in Händen zu halten. Ein Blick auf Aemi, die mit leuchtenden Augen gespannt lauscht, bestätigt mir, dass ich für sie keinen extra Nachtisch brauche, um ihre Motivation zu steigern. Alles, was mit „V“ anfängt und mit „Erbot“ endet, ist für sie unwiderstehlich. Außerdem ist sie für die verrücktesten Einfälle und Ideen immer zu haben.
„Also gut, ich helfe euch.“ Kima hat sich endlich entschieden und ich lächele breit.
Ohne sie hätte nämlich jemand gefehlt, der Explosionen erschaffen kann. Und diese sind für meinen Plan unabdingbar. Während ich zwar alle möglichen Zauber erlerne und diese mit Leichtigkeit verwenden kann, so beherrscht Kima nur eine einzige Magie: Explosionen zu erschaffen. Diese sind dafür ungeheuer mächtig. Nicht einmal ich kann ihr auf diesem Gebiet das Wasser reichen. Wobei das natürlich nur noch eine Frage der Zeit sein wird, schließlich werde ich die beste Magierin aller Zeiten! Ich strahle und reibe mir die Hände:
„Na dann, los!“
„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“ Kima hat wohl doch noch Gewissensbisse. Nervös spielt sie mit der Schleife, die ihr ihre Mutter jeden Morgen ins Haar bindet.
„Natürlich. Vertrau mir. Niemand wird zwei siebenjährige verdächtigen…“ Wir haben uns an der Außenterrasse vor dem Schloss hinter Blumenkübeln versteckt.
Seit meine Mutter den Brief erhalten hat, sind ein paar Tage vergangen. Ich habe gut aufgepasst und immer drei Tage nach Erhalt werden sämtliche Briefe ins Archiv gebracht. Welches zwar bewacht wird, aber nicht so weit oben im Schlossturm wie das Büro meiner Mutter liegt. Zudem sind nur zwei Wachen am Eingang platziert und im Schloss würde jede Wache von einem Einbruch mitbekommen. Das automatische Alarmsystem der Ramika funktioniert mit Göttertechnologie und lässt sich nicht abstellen. Sämtliche unerwünschten Aktivitäten werden dort gemeldet. Aber dieses beschränkt sich eben nur auf das Schloss. Zu dumm für das Archiv, dass es ein kleines, abseitsstehendes Gebäude ist.
„Also, was ist? Denk an die vielen seltenen Bücher…“, motiviere ich sie, nachdem sie noch immer zu zögern scheint. Kima seufzt:
„Also gut. Du kannst dich auf mich verlassen.“
Ich nicke entschlossen und wirke meinen Zauber. Einen Lichtzauber, der zwar am Tage noch nicht so gut funktioniert, aber im Dunkeln sollte es reichen, um ungesehen an den Wachen vorbeischleichen zu können. Kima brauche ich in erster Linie, falls etwas schief gehen sollte. Was so oder so unglaublich unwahrscheinlich ist, aber es ist immer gut, einen Notfallplan zu haben. Aemi ist schon in Position. Ich schleiche auf das Archiv zu. Ein paar Meter von den Wachen am Eingang entfernt kauere ich mich auf den Boden.
„Hast du schon das Neueste gehört?“ Eine der Wachen steckt sich ein Mondgrasröllchen zwischen die Lippen und zündet es mit einem Fingerschnippen an.
„Ne, was denn? Und kannst du dich bitte mal zusammenreißen? Du weißt doch, dass wir im Dienst nichts rauchen dürfen.“ Der missbilligende Unterton der anderen Wache ist deutlich zu vernehmen.
„Es ist Nachtschicht. Hier kommt eh niemand vorbei.“ Er winkt ab und fährt fort: „Jedenfalls habe ich gehört, dass sie ein neues Gesetz erlassen wollen. Es gibt wohl so ein verkümmertes Volk, das nicht mal richtig schreiben kann. Hahahaha, ist das zu glauben? Zu der heutigen Zeit? Also wirklich, was treiben die da unten nur?“
„Unglaublich. Also wollen sie ein Gesetz erlassen, dass jetzt jeder eine grundlegende Schulbildung erfahren soll? Finde ich ganz gut, wenn du mich fragst.“
Ungeduldig wippe ich mit den Füßen, wo bleibt Aemi nur? Hat sie ihren Einsatz verschlafen? Doch in diesem Moment tritt jemand mit kurzen roten Haaren vor die beiden Wachen. Der eine lässt sein Mondgrasröllchen vor Schreck fallen:
„W-was machen Sie denn hier zu so später Stunde, junge Dame?“
„Ich weiß, ich bin viel zu spät dran. Aber ich habe mich im Dunkeln verlaufen. Können Sie mir zeigen, wie ich nach Hause komme?“ Aemi macht den unschuldigen Augenaufschlag, den wir den ganzen Mittag mit ihr geübt haben.
Ich kann von meiner Position gut ihr Gesicht sehen und hoffe, dass sie sich das Lachen weiterhin verkneifen kann. Die beiden Wachen sehen sich kurz an, der eine zuckt mit den Schultern und geht auf Aemi zu:
„Also gut, ich begleite dich dahin. Es ist hier zwar sicher, aber ich könnte es nicht verzeihen, wenn eine junge Dame von gutem Haus nachts nicht nach Hause kommt.“
Das ist die Gelegenheit, auf die ich gewartet habe. Schnell schleiche ich zu der vorherigen Position der Wache und lege meine Hand an das schmale Fenster, neben der massiven Archivtüre. Die letzten Tage habe ich diesen Zauber bis zur Perfektion geübt. Dementsprechend gelingt er mir mit Leichtigkeit: Das Glas löst sich aus der Verankerung, ich fange es schnell und klettere in das Archiv.
Im Inneren ist es still. Um keinen Verdacht zu wecken ziehe ich das kleine Fläschchen mit Kleber aus der Tasche in meinem Rock und klebe die Scheibe von Innen wieder fest. Den Kleber musste Kima aus der Werkstatt ihres Onkels beschaffen. Wenn wir ihn morgen zurückbringen, wird er aber nicht merken, dass der Kleber je weg war. Manchmal erschrecke ich selbst über meine perfekten Pläne… Als ich mich vergewissert habe, dass die Glasplatte wirklich hält, drehe ich mich zu den hohen Steinregalen des Archivs um. Die neuesten Briefe sind immer ganz am Eingang, wenn ich Glück habe, sogar noch auf dem „Zu-sortieren-Stapel“.
„Guten Morgen. Und, gab es irgendwelche Vorkommnisse?“ Die Morgenschicht wechselt sich mit den Wachen der Nachtschicht.
Und ich sitze immer noch hier und suche verzweifelt nach einem unauffindbaren Brief. Kann es sein, dass meine Mutter den Brief behalten hat? Wenn ja, gibt es auf jeden Fall einen wichtigen Grund dafür. Umso dringender möchte ich wissen, was in besagtem Brief steht. Schlimmer wäre, wenn sie ihn direkt als Müll aussortiert hat… Was aber gerade nicht mein größtes Problem ist. Prinzessin hin oder her, wenn die Morgenschicht das Archiv kontrolliert, habe ich definitiv ein Problem. Schnell lege ich den Stapel Briefe sauber zurück ins Regal und schleiche zu dem Fenster, durch das ich das Gebäude betreten habe. Sobald die Wachen die Türen öffnen, werde ich hinaushuschen. Also wirke ich meinen Lichtzauber, denn ein bisschen Sichtschutz ist immer noch besser als gar kein Schutz.
Meine Flucht verläuft wie geplant: Die beiden Wachen der Morgenschicht betreten das Archiv ziemlich verschlafen, die Wachen der Nachtschicht sind schon weg, beim Verlassen des Gebäudes sehe ich sie jedenfalls nicht. Die Sonne geht auf und erhellt die Wolken und goldenen Dächer in einem rötlichen Licht. Ich bin noch früh genug unterwegs. Niemand begegnet mir auf dem großen leeren Platz vor dem Schloss. Lautlos klettere ich über die niedrige Mauer des überdachten Gehwegs, der an der Seitenwand des Schlosses entlangführt. Die Türe dort wird nicht bewacht. Gestern beim Verlassen habe ich dort einen kleinen Stein in den Türrahmen gelegt und kann somit unbemerkt das Schloss betreten. Auf leisen Sohlen schleiche ich zu meinem Zimmer.
„Na, wer schleicht denn da in aller Früh herum?“ Erschrocken zucke ich zusammen, atme aber sofort erleichtert auf, als ich Kima entdecke.
Sie lehnt an der Wand neben meinem Zimmer. Schnell winke ich ihr, mir in mein Zimmer zu folgen.
„Was stand nun in dem Brief?“ Kima scheint vor Neugier fast zu platzen.
Da sie sich nach außen gerne als erwachsen und mich und Aemi als kindisch bezeichnet, wollte sie vermutlich nur unter uns besprechen, was ich herausgefunden habe.
„Ich dachte, du wolltest gar nicht mitmachen?“, frage ich grinsend. Lange kann ich ihrem leicht beleidigten Blick aber nicht standhalten und außerdem kann ich Geheimnisse eh schlecht für mich behalten. Vor allem so ein mysteriöses: „Ich konnte den Brief gar nicht finden. Mit Sicherheit hat ihn meine Mutter noch.“
Daran, dass er schon vernichtet worden sein könnte, denke ich lieber nicht.
„Wir brechen nicht in ihrem Büro ein, klar?“ Kima verschränkt die Arme vor der Brust. Ich seufze:
„Klar. Aber ich habe gehört, dass es neue Gesetze geben soll, weil es wohl einige Völker gibt, die nicht gutschreiben können. Ich dachte mir, dass es mit dem Brief zusammenhängen könnte.“ Kima legt ihren Kopf leicht schief, nickt dann aber:
„Es würde Sinn machen, dass sie den Brief dann behalten hat.“
„Aber warum schickt jemand, der nicht schreiben kann diesen Brief überhaupt?“, stelle ich die Frage, die mich die ganze Zeit daran umtreibt.
Kima zuckt jedoch nur die Achseln:
„Die Ramika bekommen so viele Briefe, weil man sie nicht einfach mal zufällig antrifft. Du hast selbst gesagt wie viele davon auch Lob und Bewunderung ausdrücken. Vielleicht ist es da ähnlich?“
Ich habe zwar das Gefühl, dass es das nicht ist, streite ihre Vermutung aber auch nicht ab. Dazu bin ich nach einer Nacht Briefsuche einfach zu müde:
„Lass uns später mit Aemi darüber diskutieren.“
„Bestimmt wollte nur jemand sagen, wie gut wir unsere Aufgabe machen, oder so.“ Aemi zögert nicht. Da ist kein bisschen Zweifel in ihren Augen. Damit ist das Thema dann für sie auch wieder erledigt: „Lasst und lieber heute mit den Teleportationsplatten spielen.“
Vorerst kann ich wohl eh nichts bewirken, was den Brief angeht. Ich schiebe weitere Gedanken daran beiseite:
„Also gut, was genau schwebt dir vor?“
Aemi strahlt, Kima macht ein Gesicht, als wolle sie lieber hier in der Königlichen Bibliothek bleiben. Sie hat direkt einige Bücher zusammengesammelt, diese liegen in Form eines hohen Stapels neben ihr auf der Fenstersitzbank. Da es ein ruhiger, ungestörter Ort ist, fühlt sie sich bestimmt wohl. Aemi habe ich dazu geholt, weil es keine Möglichkeit gab, Kima von hier wegzubewegen. Aemi hüpft vor Aufregung von einem Bein auf das andere:
„Ich habe erst gestern – als mich die Wache heimgebracht hat – eine weitere Teleportationsplatte gesehen. Die wollte ich genauer untersuchen!“
„Geht ruhig ohne mich.“ Kima winkt uns wie zum Abschied zu, die ersten Seiten eines dicken Buchs bereits geöffnet.
Ein Teil von mir würde gerne mit ihr lesen, aber andererseits finde ich die Teleportationsplatten spannend. Sie sind Relikte alter Zeiten, die uns noch von den Göttern geblieben sind. Wie genau sie funktionieren, wird uns „Kindern“ gemeinerweise vorenthalten.
Aber da der Mond allgemein bekannt ist für seine Raumkontrolle, vermute ich, dass Mondgestein in der einen oder anderen Form zum Einsatz kam. Da die Fliegenden Inseln mehrere Inselgruppen sind, sind für uns Ramika die Teleportationsplatten unglaublich wichtig. Zum einen können wir uns innerhalb einer Inselgruppe von Insel zu Insel teleportieren, aber andererseits gibt es auch spezielle Platten, die die Teleportation zwischen Inselgruppen erlauben. Die meisten Platten erlauben es nur, sich auf eine beliebige Platte innerhalb einer Inselgruppe zu teleportieren.
Es wäre wirklich toll, wenn Aemis Fund uns zum Beispiel auf die Inselgruppe von Monere teleportieren könnte. Dort war ich noch nie, aber die Erzählungen darüber, dass dort Göttertechnologie-Spezialisten sein sollen, machen mich neugierig. Ich folge Aemi also, die bereits in der Türe steht und wünsche Kima noch einen schönen Tag. Mal sehen, wo uns diese Platte so hinbringen kann.
„Wie langweilig!“ Aemi verschränkt beleidigt die Arme vor der Brust.
„Was hast du denn erwartet? Spezielle Teleportationsplatten stehen nicht einfach mitten in der Straße herum.“, kommentiere ich mit hochgezogener Augenbraue.
Die Steinplatte mit den kunstvollen Kurven sieht wie eine simple, schöne Bodenplatte aus. Aber diejenigen, die es besser wissen, verstehen, dass sie sich damit auf andere Teleportationsplatten teleportieren können. Sehr mächtige Ramika können sich in einem bestimmten Umkreis sogar frei teleportieren.
„Eines Tages werde ich sie schon noch ausfindig machen und dann erkunde ich alle anderen Fliegenden Inseln!“, verkündet Aemi.
Die Ramika der anderen Inseln kommen nur in seltenen Fällen, Festlichkeiten und Anlässen zusammen. Jede Inselgruppe hat einen eigenen Kontinent, über dem sie schweben.
„Jedenfalls wissen wir jetzt Bescheid.“ Ich schlage einen besänftigenden Unterton an, um Aemi von verrückten Gedanken abzubringen.
Sie ist jemand, der schnell auf die Idee kommen kann, sämtliche Gebäude zu durchsuchen, nur weil ich gesagt habe, dass die besagte Teleportationsplatten nicht so offen herumliegen werden. Und darauf habe ich gerade keine Lust.
„Lass uns lieber diese Platte nutzen, um zurück zum Schloss zu gelangen.“ Aemi zieht noch immer einen Schmollmund, also füge ich hinzu: „Ich habe gehört, dass es heute Mittag Funkelpudding geben soll. Den lasse ich mir nicht entgehen, klar?“
„Funkelpudding?“ Sofort beginnen die Augen meiner Freundin zu leuchten: „Worauf warten wir dann?! Nichts wie los!“
Grinsend folge ich ihr. Man muss nur wissen, wie man seine Ziele anderen auch schmackhaft macht…
Kapitel 3 – Neue Ufer
Tieph:
Seit ein paar Wochen schneit es immer wieder. Es ist kalt geworden, aber immer noch nicht so kalt, dass wir unsere Trainingseinheiten in unser großes Wohnzimmer verlagern müssen. Gerade bin ich gemeinsam mit Yu auf dem Weg zu seinem Haus. Der Schnee knirscht unter meinen Füßen. Ich hatte nie eine Abneigung gegen Schnee, aber so richtig leiden konnte ich ihn auch nicht. Der Schnee in dieser Welt ist genau wie in meiner kalt, aber der Anblick von funkelnden Bäumen und Straßen gleicht die Kälte aus. Alles sieht aus, als würde ich träumen und jeden Augenblick aufwachen. Kleine Sträucher sind komplett von funkelnden blauen Eiszapfen überzogen und auf dem kurzen Weg zu Yus Haus müssen wir immer wieder anhalten, weil ich mir dieses Bild einprägen möchte. Ich habe lange bereut, dass es hier keine Handys gibt, mit denen ich schnell ein Bild von solchen Szenerien machen könnte. Inzwischen verstehe ich den Reiz davon, sich diese durch genaues Betrachten einzuprägen. Zumal kein Fotoapparat meiner Welt diese funkelnde Szenerie wirklich gut einfangen könnte. Es würde immer anders wirken, als hier im Schnee zu stehen, ein bisschen zu frieren, aber begeistert eine Schneeschicht auf einem Zaun zu betrachten. Irgendwann wird Yu jedoch ungeduldig:
„Ti, jetzt komm schon.“ Er hüpft auf und ab und sagt in quengelndem Ton: „Ich will drinnen spielen. Mir ist viel zu kalt!“
Also löse ich mich von dem magischen Anblick und folge meinem besten Freund.
Als ich das nächste Mal aus dem Fenster schaue, ist es schon längst dunkel geworden. Die Dunkelheit hat sonst für mich immer etwas Beruhigendes und Entspannendes. Das Dorf verfällt in vollkommene Stille und man hat einen fantastischen Blick in den Sternenhimmel. Nur habe ich heute das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Ich werfe nochmal einen Blick aus dem Fenster in Yus Zimmer. Irgendwie kommt es mir heller als sonst vor. Rötliches Licht erhellt die Dächer und macht es schwer, Sterne am Himmel zu erkennen. Wo kommt dieses Licht nur her? Mein Gehirn braucht ein bisschen, um zu verarbeiten, was passiert sein muss, doch dann schnappe ich nach Luft:
„Feuer! Yu, ich glaube, es brennt irgendwo im Dorf!“
Entsetzt lässt Yu sein Holzspielzeug fallen und rennt zum Fenster. Wir können zwar keine Flammen sehen, aber aus der Dorfmitte dringt definitiv rötliches Licht bis zu uns durch.
„Finn hat heute noch davon gesprochen, dass Banditen gesichtet wurden!“ Meine Stimme hört sich rau an.
Das Atmen fällt mir plötzlich schwer und ich muss mich am Fensterbrett festhalten.
„Ich hole meinen Schild und du kannst ein Messer aus unserer Küche haben. Wir verstecken uns, aber falls Banditen hier eindringen wollen, kämpfen wir. Tantchen ist doch heute Abend bei einer Freundin!“ Yu ist schneller im Pläne schmieden als ich.
Auf Zehenspitzen schleichen wir die Holztreppe hinunter. Noch ist alles still, aber das heißt ja nichts. Yu hat seinen Schild bereits gefunden. Während ich noch nach einem geeigneten Messer suche, wird die Tür mit einem hässlichen Knirschen aufgetreten. Ein großer Mann steht mit einem Kurzschwert und einer Fackel im Raum. Hinter ihm steht noch ein Mann, aber der hält sich zurück. Obwohl mir ein kleines Küchenmesser kaum als gute Waffe dient, schnappe ich nun das Erstbeste, das zu fassen bekomme.
Der Mann hat Yu scheinbar gar nicht gesehen, denn er dreht sich direkt zu mir um und grinst böse. Langsam kommt er auf mich zu. Ich nehme eine Kampfhaltung ein und bin sehr dankbar für meine Fähigkeit. Sie schärft meine Sinne. Der Mann schwingt sein Schwert sehr vorhersehbar und ich kann mich problemlos unter seinem Arm hindurch ducken. Mit meinem Messer steche ich ihm gezielt in den Oberschenkel. Der Angreifer brüllt vor Schmerzen und ich nutze die Zeit, um Distanz zu gewinnen. Allerdings versperrt er mir den Weg zu Yu.
Möglicherweise ist das sogar besser so, denn wir haben mit Finn Zangenangriffe besprochen. Genau das setzt Yu um. Er holt mit dem Schild aus und schlägt die schmale Unterkante dem Mann in den Rücken. Ein hässliches „Knack“ lässt einen gebrochenen oder zumindest angebrochenen Wirbel vermuten. Der Mann klappt einfach in sich zusammen. Ich grinse Yu an und will etwas sagen, doch ein plötzlicher Knall lässt mich erschrocken herumwirbeln. Der zweite Bandit hat etwas getan, aber ich habe nicht gesehen, was es war. Vor meinen Augen verschwimmt alles. Das letzte, was ich sehe, sind Yus weit aufgerissene Augen.
Als ich wieder die Augen öffne und klarsehen kann, sehe ich erstmal viel Blau. Dann dreht sich plötzlich alles. Nur braune Flecken erscheinen immer wieder in meinem Blickfeld. Was zum…?
„AAAAAAAAAAAAAAH!“ irgendwer – Yu? – stößt einen markerschütternden Schrei aus.
Ich würde vermuten, irgendwo oberhalb von mir. Erst langsam bemerke ich, wo das Problem ist. Ich stehe und liege nicht. Vielmehr bin ich in Bewegung, aber ohne, dass mein Körper sich durch meinen Willen bewegt? Ah, ich glaube, so fühlt sich ein freier Fall an. Ein Blick nach unten bestätigt das. Die braunen Flecken sind eher riesige Felsen. Ein starker Wind bläst in mein Gesicht und zerzaust meine Haare. Mein Herz fühlt sich an, als würde es in meinen Magen rutschen. Ich recke den Kopf und sehe tatsächlich Yu ein paar Meter entfernt von mir durch die Luft wirbeln. Sterbe ich? 5 Jahre nachdem ich schon einmal gestorben bin? Ich weiß nicht einmal, warum ich hier durch die Luft falle. Jetzt ist es an mir zu schreien, aber kaum ein Ton kommt heraus.
„HIIIIILFEEEE!“ Ein weiterer Schrei von Yu.
Wie gut, dass wenigstens einer von uns schreien kann. Vielleicht hört uns ja jemand, auch wenn der Boden unter uns sehr karg aussieht und nicht gerade so, als würden dort viele Menschen vorbeikommen.
Mir wird schlecht. Ich will so nicht sterben. Warum nur habe ich nicht doch versucht, Magie zu erlernen!? Gerade würde ich viel darum geben, auf einem Besen fliegen zu können. Egal wie dumm man dabei vielleicht aussieht… Ich kneife die Augen zu und habe das Gefühl, dass mir meine Gedanken entgleiten. Ein plötzlicher Ruck geht durch mich. Ah, fühlt sich so der Aufprall an? Aber ich lebe noch und spüre auch meinen Körper. Ich habe nur leichte Schmerzen am Rücken, aber sonst geht es mir gut…? Ist man als Held so robust, dass man einen Sturz aus einer solchen Höhe überleben kann?
„GYAAAAAAAAAAH!“, Yu schreit dicht an meinem Ohr und ich reiße erschrocken die Augen auf.
Der Boden ist noch weit unter uns, aber wir fallen nicht mehr. Yu baumelt neben mir in der Luft. Habe ich Magie gewirkt?! Kann ich doch Magie nutzen?! Er sieht aber gar nicht mich an, sondern nach oben. Hm, an seinem Nacken sind so komische Teile. Fast wie Krallen würde ich sagen. Ich folge seinem Blick. Ja, an den Krallen ist definitiv so etwas wie ein riesiger Vogelfuß befestigt. Und daran wiederrum riesige Schuppen…Es ist auch sehr viel dunkler plötzlich.
Ich muss meinen Kopf richtig in den Nacken legen, um einen gigantischen Bauch zu sehen. Riesige silberne Schuppen beschützen ihn. Was um alles in der Welt ist das?! Plötzlich bewegt sich der riesige Körper und ein langer schmaler Hals kommt in mein Blickfeld. Dann ein enormer Kopf und endlich, endlich verstehe ich, an wessen Krallen wir hängen: ein Drache. Ein richtiger, echter, riesiger Drache.
„Bwahahaha!“ Der riesige Drache vibriert vor…Lachen? „Pfff, was seid ihr zwei denn für Winzlinge?! Hahahaha! Ihr solltet keine Flugübungen machen, wenn ihr nicht so lange durchhaltet!“
Er (es könnte auch eine sie sein…) richtet seinen Kopf wieder nach vorn und langsam segeln wir auf ein Felsplateau zu. Yu ist kreidebleich geworden und gibt keinen Mucks mehr von sich. Ich hingegen überlege, ob ich Geschichten kenne, in denen Begegnungen mit Drachen nicht im Tod enden. In den meisten Videospielen sind sie eher ziemlich üble Bossgegner… Und auch in vielen Filmen wollen die Helden einem Drachen lieber nicht zu nahe treten… Gerade wirkt es zwar nicht so, als stünden wir auf dem Speiseplan, aber ich bin nicht sicher, wie lange das noch so bleibt?
Die Stimme des Drachen ist dröhnend und ich würde nicht mal mit Sicherheit sagen, dass es sich um ein männliches Exemplar handelt. Ab und zu habe ich früher japanische Serien gesehen, in denen der Held einen Haufen netter Mädchen um sich gesammelt hat und davon waren manchmal auch Drachen dabei.
Vielleicht ist also doch noch nicht alles verloren? Yu sieht gut aus, vielleicht verliebt sie/er sich in ihn? Ich werfe noch schnell einen Blick auf ihn, aber alles, was sich verändert hat, ist das nun Tränen aus seinen Augen tropfen und in der Luft herumwirbeln. Eher unwahrscheinlich, dass sich jemand in ihn auf den ersten Blick verliebt… Vielleicht hat der Drache einfach Mitleid mit ihm (und mit mir dann hoffentlich auch…)?
Während ich noch meine Optionen abwäge, kommt der Boden langsam näher und als er vielleicht noch ein halber Meter weg ist, lässt uns der Drache fallen. Der Schwung, den wir noch haben, haut mich um und ich mache mehrere Purzelbäume, bevor ich japsend auf dem Rücken liegen bleibe. Als ich mich aufrichte, bebt der Boden. Ich vermute mal, dass unser Lebensretter-Drache gelandet ist. Yu stöhnt irgendwo neben mir auf. Mein Rücken schmerzt zwar, aber ansonsten scheine ich ganz zu sein. Ein Blick zu Yu verrät mir, dass es ihm auch gut geht. Er untersucht zwar besorgt eine Schürfwunde am Arm, aber da kein Blut fließt, sollte es nicht so schlimm sein. Ein Schatten erhebt sich über uns. Der Drache hat sich uns zugewandt und erst jetzt kann ich richtig erfassen, wie groß er ist. Ich reiche ihm nicht einmal bis zum Knöchel.
Wie war das? Lass Tiere nie deine Angst spüren? Gilt das auch für Drachen? Seine Schuppen sind schwarz und mit einer rötlichen Spitze. Die Bauchschuppen sind silbern. Gelbe Augen kommen immer näher, als der Drache seinen Kopf senkt:
„Was ist? Noch nie eine Ygdras der Erde gesehen?“ Nun da ich die Stimme ohne rauschenden Wind in meinen Ohren höre, würde ich eher auf einen weiblichen Drachen tippen.
Yu ist noch ein bisschen blasser geworden und könnte vor einer weißen Wand einfach verschwinden… Was dann bedeutet, dass ich mit dem Drachen reden muss.
„W-wir haben wirklich noch keinen Drachen gesehen… Ich weiß nicht einmal, warum wir hier sind…“, meine Stimme wird mit jedem Wort ein wenig lauter und sicherer.
Dieser Drache kann kommunizieren, und zwar in der Menschensprache. Das bedeutet, dass wir möglicherweise friedlich zu einer Lösung kommen können. Ich muss mich an dieser Hoffnung festklammern und Yu und mich sicher nach Hause bringen! Mit diesem Entschluss verbeuge ich mich tief und rufe:
„Zuallererst möchten wir dir danken, dass du uns gerettet hast! Vielen, vielen Dank!“
„Buwah?!“, der Drache macht ein sehr überraschtes Geräusch. Und beginnt dann schallend zu lachen: „Bwahahahaha, ihr zwei seid ja lustig. Ich könnte euch ganz einfach fressen! Und da du mir in Menschensprache geantwortet hast, bedeutet dies, dass ihr keine Ygdras seid! Also wie sieht’s aus? Wo kommt ihr her?“ Der letzte Satz ist so tief geknurrt, dass ich unwillkürlich zwei Schritte rückwärts mache.
Dabei stoße ich fast mit Yu zusammen, der sich hinter mir versteckt. Hey, wer von uns ist bitte der unaufhaltsame Schild?! Jedenfalls muss ich mir jetzt etwas Sinnvolles einfallen lassen. Sonst enden wir tatsächlich als Snack für diesen Drachen. Ich richte mich wieder zögerlich auf:
„A-also wir wurden angegriffen und sind plötzlich hier in der Luft gelandet. Du hast recht, dass wir keine Drachen sind, aber-“
„Hast du Steine in den Ohren? Von welchem Volk ihr seid will ich wissen!“, ich werde schroff unterbrochen.
Der Drache reckt bedrohlich seinen Kopf. Bitte spuck kein Feuer!
„W-wir sind vom Heldenvolk…“, ich muss meine Stimme wirklich besser in den Griff bekommen. Dieses hohe Quietschen am Ende war jetzt nicht sonderlich heldenhaft.
„Ihr zwei Wichte seid Helden?! Hmmmm, ich hatte mir die Helden zumindest ein bisschen größer vorgestellt. Ihr zwei würdet nicht mal als Snack reichen…Gerade mal so als Appetitanreger vielleicht.“ Der Drache gluckst in sich hinein.
Super, ich wollte schon immer mal von einem Drachen ausgelacht werden…
„Wir sind ja auch noch Kinder…“, brummt Yu von hinten.
Das war ziemlich leise, aber der Drache reagiert dennoch darauf:
„Kinder?! Was soll das heißen? Wo sind eure Eltern?“
Yu versteckt sich vollständig hinter meinem Rücken und überlässt mir erneut das Reden:
„Wie gesagt, wir sind einfach plötzlich hier in der Luft aufgetaucht. Ich weiß nicht genau, was passiert ist…“
Der Drache wendet mir nun seine ganze Aufmerksamkeit zu. Die gelben Augen scheinen sich tief in meine Seele zu bohren. Dann seufzt er (oder sie):
„Sieht so aus, als hätte ich keine Wahl. Also gut, ich höre mir eure Geschichte an. Danach kann ich immer noch entscheiden, ob ihr als Snack endet oder was ich sonst so mit euch anstelle.“
Plötzlich beginnt der Drache zu schimmern. Die silbernen Schuppen scheinen sich auszudehnen und gleichzeitig scheint er (oder sie) zu schrumpfen. Ab einer gewissen Größe erhebt er/sie sich auf die Hinterbeine und die Gestalt wird langsam immer menschenähnlicher. Und plötzlich steht eine junge Frau (ich würde sie so auf 18 Jahre schätzen) vor uns. Sie hat rotes zu einem wirren Pferdeschwanz zusammengebundenes Haar, das im Wind wie züngelnde Flammen aussieht. Ihre Augen sind nach wie vor Gelb und wie die eines Drachen.
Als sie breit und herausfordernd grinst, kann ich auch noch sehr scharfkantige Eckzähne erkennen. Die Haut an ihren Wangen hat noch leichte Anzeichen eines Schuppenmusters. Ihre Hautfarbe ist sehr blass und im Licht schimmert sie an manchen Stellen rötlich, an anderen fast silbern. Sie trägt eine kurze weite Hose und ihr Oberteil ist knapp unterhalb ihrer Brust abgeschnitten und lässt einen durchtrainierten Bauch erblicken. Ihre Fingernägel sind ein bisschen länger und scharfkantiger als die von Menschen, aber andernfalls hat sie nun den Körper einer durchtrainierten, jungen Frau.
Als sie den Blick auf mich richtet, setzt mein Herz kurz aus. Direkt danach beschleunigt sich mein Puls und ich kann kurz nur noch Rauschen in meinen Ohren hören. Ich glaube, ich bin verliebt! Sie sieht viel zu gut aus. Ihre leicht burschikose Art ist ein weiterer Pluspunkt in meinen Augen; ich hatte schon immer eine Schwäche für starke Frauen.
„Also dann erzählt mal!“, sie lässt sich fast schon gelangweilt auf den Boden fallen und bedeutet uns mit einem Zucken ihrer Hand, es ihr gleichzutun.
Somit erzähle ich ihr unsere Geschichte.
„Ich kann nicht fassen, dass ich zwei Heldenkinder aufgelesen habe…“, murmelt sie, doch dann schüttelt sie den Kopf und steht auf. Sie dehnt sich ein bisschen, so als habe sie sehr lange gesessen (auch wenn ich die Geschichte wirklich zusammengefasst habe…). „Leider kann ich euch nicht weiterhelfen!“
„W-warte! Wir wissen nicht mal, wo wir hier sind!“ Ich bin aufgesprungen. Wenn sie uns hier allein lässt, sind wir so gut wie tot!
„Ihr seid hier auf Dragoria. Genauer gesagt in den Südschluchten. Ihr kommt aus Algaron, richtig? Ihr müsst fliegen können, wenn ihr von hier wegwollt. Aber ich bin nicht so verrückt, nach Algaron mit euch zu fliegen. Also sucht euch eine andere Mitfahrgelegenheit.“
Sie wirkt unbekümmert, aber da sie noch in ihrer Menschengestalt ist, hat sie uns auch noch nicht aufgegeben. Es muss also einen Grund geben, warum uns ein Drache nicht einfach über den Ozean bringen kann.
„Wenn du uns hierlässt, sterben wir!“ Ich muss irgendwie Zeit schinden und mir etwas einfallen lassen.
„Jupp, höchstwahrscheinlich.“
„Bist du etwa zu schwach, um uns über den Ozean zu fliegen?“ Komm schon, lass dich provozieren. Um uns das Gegenteil zu beweisen, fliegst du uns bis vor die Haustür.
„Ah? Das ist es nicht. Aber wir Ygdras hassen Helden. Ihr könnt froh sein, dass ich euch am Leben lasse. Wenn andere von uns mitbekommen, dass hier auf unserem Kontinent Helden sind, würden sie euch jagen und töten.“ Sie zuckt mit den Achseln, als ob dies Allgemeinwissen ist.
Zähneklappern hinter mir bedeutet, dass Yu sich tiefer hinter meinen Rücken duckt.
„Warum hasst ihr Helden? Außerdem sind wir zwei Kinder, wir sind komplett harmlos!“
Naja, wir sind zwar nicht untrainiert, aber ich bezweifle stark, dass wir für Drachen eine Bedrohung darstellen.
„Ihr wisst nicht, warum wir euch Helden hassen?!“ Vor Schreck über ihre plötzlich erhobene Stimme mache ich einen Schritt zurück.
Sie schnauft. Doch dann setzt sie sich erneut und bedeutet uns, es ebenfalls zu tun.
„Das wird eine Weile dauern, aber die Zeit haben wir auch noch. Ihr müsst also nicht unwissend sterben. Ist das nicht toll?“
Ganz toll…
„Wir Ygdras sind eines der ältesten Völker dieser Welt. Da wir die meiste Zeit in unserer Fluggestalt unterwegs sind, werden wir oft mit ihnen verwechselt.“
