Verlag: Dressler Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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E-Book-Beschreibung Herr der Diebe - Cornelia Funke

"Du bist also wirklich der Herr der Diebe", sagte der Fremde leise. "Nun gut, behalte deine Maske auf, wenn du dein Gesicht nicht zeigen möchtest. Ich sehe auch so, dass du sehr jung bist." Der Herr der Diebe - das ist der geheimnisvolle Anführer einer Kinderbande in Venedig, die er mit dem Verkauf der Beute aus seinen Raubzügen über Wasser hält. Keiner kennt seinen Namen, seine Herkunft. Auch nicht Prosper und Bo - zwei Ausreißer, die auf der Flucht vor ihrer Tante und dem Detektiv Victor Unterschlupf bei der Bande gefunden haben. Als Victor den Kindern tatsächlich auf die Spur kommt, bringt er dadurch alle in Gefahr. Aber endgültig scheint die Gemeinschaft der Bande aufzubrechen, als ein rätselhafter Auftrag, erteilt von dem mysteriösen "Conte", die Kinder auf eine Laguneninsel führt. Diese Insel, von außen unbewohnt und einsam scheinend, birgt ein Geheimnis, das alles verändert. Cornelia Funke, die schon mit ihrem zum Bestseller gewordenen Titel DRACHENREITER zeigte, welch weiten Atem ihr Erzähltalent hat, hält ihre Leser - gleich welchen Alters - auch mit diesem Buch von der ersten Zeile an gefangen. Sie führt uns durch ein winterliches Venedig, verstrickt uns in verwirrende Rätsel und erfüllt ihren Helden am Schluss einen alten Menschheitstraum.

Meinungen über das E-Book Herr der Diebe - Cornelia Funke

E-Book-Leseprobe Herr der Diebe - Cornelia Funke

Für Rolf –

und Bob Hoskins,

der genau wie Victor aussieht.

Erwachsene erinnern sich nicht daran, wie es war,

ein Kind zu sein.

Auch wenn sie es behaupten.

Sie wissen es nicht mehr. Glaub mir.

Sie haben alles vergessen.

Wie viel größer die Welt ihnen damals erschien.

Dass es mühsam sein konnte, auf einen Stuhl zu klettern.

Wie fühlte es sich an, immer hochzublicken?

Vergessen.

Sie wissen es nicht mehr.

Du wirst es auch vergessen.

Manchmal reden die Erwachsenen davon, wie schön es war,

ein Kind zu sein.

Sie träumen sogar davon, wieder eins zu sein.

Aber wovon haben sie geträumt, als sie Kinder waren?

Weißt du es?

Ich glaube, sie träumten davon, endlich erwachsen zu sein.

Es war Herbst in der Stadt des Mondes, als Victor zum ersten Mal von Prosper und Bo hörte. Die Sonne spiegelte sich in den Kanälen und überzog die alten Mauern mit Gold, aber der Wind blies eisig vom Meer herüber, als wollte er die Menschen daran erinnern, dass der Winter kam. In den Gassen schmeckte die Luft plötzlich nach Schnee, und die Herbstsonne wärmte nur den Engeln und Drachen hoch oben auf den Dächern die steinernen Flügel.

Das Haus, in dem Victor wohnte und arbeitete, stand dicht an einem Kanal, so dicht, dass das Wasser unten gegen die Mauern schwappte. Manchmal träumte Victor nachts, dass das Haus in den Wellen versank, mitsamt der ganzen Stadt. Dass das Meer den Damm fortspülte, mit dem Venedig am Festland hing wie eine Kiste Gold an einem dünnen Faden, und alles verschluckte: die Häuser und Brücken, Kirchen und Paläste, die die Menschen dem Wasser so frech aufs Gesicht gebaut hatten.

Aber noch stand alles fest auf seinen hölzernen Beinen, und Victor lehnte an seinem Fenster und blickte durch die staubige Scheibe nach draußen. Kein anderer Ort auf der Welt konnte so unverschämt mit seiner Schönheit prahlen wie die Stadt des Mondes. Das Sonnenlicht ließ die Spitzen und Bögen, Kuppeln und Türme um die Wette leuchten. Pfeifend kehrte Victor dem Fenster den Rücken zu und trat vor den Spiegel. Genau das richtige Wetter, um den neuen Bart auszuprobieren, dachte er, während die Sonne ihm den stämmigen Nacken wärmte. Erst gestern hatte er sich das Schmuckstück gekauft: einen gewaltigen Schnurrbart, so dunkel und buschig, dass ein Walross ihn darum beneidet hätte. Vorsichtig klebte er ihn unter seine Nase, stellte sich auf die Zehenspitzen, um etwas größer zu erscheinen, wandte sich nach links, dann nach rechts … und war so versunken in sein Spiegelbild, dass er die Schritte auf der Treppe erst hörte, als sie vor seiner Tür haltmachten. Kundschaft. Verdammt. Musste ihn ausgerechnet jetzt jemand stören?

Mit einem Seufzer setzte er sich hinter seinen Schreibtisch. Vor der Tür flüsterte jemand. Wahrscheinlich bewundern sie mein Schild, dachte Victor. Es war schwarz und glänzend, sein Name stand in goldenen Buchstaben darauf: Victor Getz, Detektiv. Ermittlungen aller Art. In drei Sprachen hatte er das prägen lassen, schließlich kamen oft Kunden aus anderen Ländern zu ihm. Den Türklopfer neben dem Schild, einen Löwenkopf mit einem Messingring im Maul, hatte Victor gerade heute Morgen poliert.

Worauf warten die da draußen?, dachte er und trommelte mit den Fingern auf die Stuhllehne. »Avanti!«, rief er ungeduldig.

Die Tür ging auf und ein Mann und eine Frau betraten Victors Büro, das gleichzeitig sein Wohnzimmer war. Argwöhnisch sahen sie sich um, musterten seine Kakteen, die Bärtesammlung, den Garderobenständer mit den Mützen, Hüten und Perücken, den riesigen Stadtplan an der Wand und den geflügelten Löwen, der als Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch stand. »Sprechen Sie Englisch?«, fragte die Frau, obwohl ihr Italienisch nicht schlecht klang.

»Selbstverständlich!«, antwortete Victor und wies auf die Stühle vor seinem Schreibtisch. »Englisch ist meine Muttersprache. Was kann ich für Sie tun?«

Zögernd nahmen die beiden Platz. Der Mann verschränkte mit mürrischem Gesicht die Arme und die Frau starrte auf Victors Walrossbart.

»Oh. Das. Das ist nur eine neue Tarnung!«, erklärte er und zog sich den Bart von der Oberlippe. »In meinem Beruf ist so etwas unerlässlich. Was kann ich für Sie tun? Irgendetwas verloren, gestohlen, entlaufen?«

Wortlos griff die Frau in ihre Handtasche. Sie hatte aschblondes Haar und eine spitze Nase, und ihr Mund sah nicht so aus, als ob sie ihn allzu oft zum Lächeln benutzte. Der Mann war ein Riese, mindestens zwei Köpfe größer als Victor. Auf seiner Nase schälte sich ein Sonnenbrand und seine Augen waren klein und farblos. Versteht wahrscheinlich keinen Spaß, dachte Victor und legte die Gesichter der beiden in seinem Gedächtnis ab. Telefonnummern konnte er sich schwer merken, aber ein Gesicht vergaß er nie.

»Uns ist etwas verloren gegangen«, sagte die Frau und schob ihm ein Foto über den Schreibtisch. Ihr Englisch war besser als ihr Italienisch.

Zwei Jungen blickten Victor an, der eine blond und klein, mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht, der andere älter, ernst, mit dunklem Haar. Der Größere hatte den Arm um die Schultern des Kleinen gelegt, als wollte er ihn beschützen – vor allem Bösen in der Welt.

»Kinder?« Erstaunt hob Victor den Kopf. »Ich habe ja schon so einiges aufspüren müssen: Koffer, Ehemänner, Hunde, entlaufene Eidechsen, aber Sie sind die Ersten, die zu mir kommen, weil Sie Ihre Kinder verloren haben, Herr und Frau …« Fragend sah er die beiden an.

»Hartlieb«, antwortete die Frau. »Esther und Max Hartlieb.«

»Und es sind nicht unsere Kinder«, stellte ihr Mann fest.

Seine spitznasige Frau warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. »Prosper und Bonifazius sind die Söhne meiner verstorbenen Schwester«, erklärte sie. »Sie hat die Jungen allein großgezogen. Prosper ist gerade zwölf geworden, Bo ist fünf.«

»Prosper und Bonifazius«, murmelte Victor. »Ungewöhnliche Namen. Bedeutet Prosper nicht ›der Glückliche‹?«

Esther Hartlieb hob irritiert die Augenbrauen. »Tatsächlich? Nun, ich finde, es sind seltsame Namen, um es nett auszudrücken. Meine Schwester hatte eine Vorliebe für alles Seltsame. Als sie vor drei Monaten überraschend starb, haben mein Mann und ich sofort das Sorgerecht für Bo beantragt, da wir selbst leider keine Kinder haben. Seinen größeren Bruder konnten wir unmöglich auch noch zu uns nehmen. Jeder vernünftige Mensch versteht das, aber Prosper hat sich furchtbar aufgeregt. Wie ein Verrückter hat er sich gebärdet! Wir würden ihm seinen Bruder stehlen! Dabei hätte er Bo einmal im Monat besuchen können!« Ihr Gesicht wurde noch blasser, als es ohnehin schon war.

»Vor etwas mehr als acht Wochen sind sie weggelaufen«, fuhr Max Hartlieb fort. »Aus dem Haus ihres Großvaters in Hamburg, wo sie vorübergehend untergebracht waren. Prosper kann seinen kleinen Bruder zu jeder Dummheit überreden, und alles weist darauf hin, dass er Bo hierher geschleppt hat, nach Venedig.«

Victor hob ungläubig die Augenbrauen. »Von Hamburg nach Venedig? Das ist ein langer Weg für zwei Kinder. Haben Sie sich schon an die hiesige Polizei gewandt?«

»Natürlich.« Esther Hartlieb schnappte aufgebracht nach Luft. »Dort war man alles andere als hilfsbereit. Nichts haben sie herausgefunden, dabei kann es doch nicht so schwer sein, zwei Kinder zu finden, die mutterseelenallein …«

»… ich muss leider aus beruflichen Gründen dringend zurück nach Hause«, unterbrach sie ihr Mann. »Deshalb möchten wir Sie, Herr Getz, mit der weiteren Suche nach den Jungen beauftragen. Der Portier unseres Hotels hat Ihre Dienste empfohlen.«

»Nett von ihm«, brummte Victor und spielte mit dem falschen Bart. Das Ding sah aus wie eine tote Maus, wie es da so neben dem Telefon lag. »Aber wieso sind Sie so sicher, dass die beiden nach Venedig gekommen sind? Doch wohl kaum zum Gondelfahren …«

»Ihre Mutter ist schuld.« Esther Hartlieb kniff die Lippen zusammen und warf einen Blick aus Victors staubigem Fenster. Eine Taube hockte aufgeplustert draußen auf dem Balkongitter, die Federn zerzaust vom Wind. »Meine Schwester hat den Jungen ständig von dieser Stadt erzählt. Dass es hier Löwen mit Flügeln gibt und eine Kirche aus Gold, dass auf den Dächern Engel und Drachen stehen und die Treppen an den Kanälen aussehen, als würden nachts Wassermänner hinaufsteigen, um einen Landspaziergang zu machen.« Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. »Meine Schwester konnte so etwas auf eine Art erzählen, dass selbst ich ihr fast geglaubt hätte. Venedig, Venedig, Venedig! Bo hat pausenlos Löwen mit Flügeln gemalt und Prosper hat seiner Mutter sowieso jedes Wort von den Lippen gesogen. Wahrscheinlich hat er gedacht, dass er und Bo geradewegs im Märchenland landen, wenn sie hierherkommen! Mein Gott.« Sie rümpfte die Nase und blickte verächtlich hinaus zu den alten Häusern, von denen der Putz bröckelte.

Ihr Mann rückte sich die Krawatte zurecht. »Es hat uns viel Geld gekostet, die Spur der Jungen bis hierher zu verfolgen, Herr Getz«, sagte er. »Und die beiden sind hier, das versichere ich Ihnen. Irgendwo …«

»… in diesem Durcheinander«, beendete Esther Hartlieb den Satz.

»Nun, wenigstens gibt es hier keine Autos, die sie überfahren könnten«, murmelte Victor, wandte sich seinem Stadtplan zu und musterte das Gewirr der Gassen und Kanäle. Dann drehte er sich wieder um und kratzte mit seinem Brieföffner gedankenversunken Strichmännchen in die Schreibtischplatte. Bis Max Hartlieb sich räusperte.

»Herr Getz, nehmen Sie den Auftrag an?«

Victor betrachtete noch einmal das Foto, die beiden so verschiedenen Gesichter, die ernste Miene des Älteren und das unbeschwerte Lächeln des Jüngeren – und nickte. »Ja, ich übernehme ihn«, sagte er. »Ich werde die beiden schon finden. Sie sehen wirklich noch etwas zu jung aus, um allein zurechtzukommen. Sind Sie als Kinder auch mal weggelaufen?«

»Du meine Güte, nein!« Esther Hartlieb blickte ihn entgeistert an. Ihr Mann schüttelte nur spöttisch den Kopf.

»Ich schon.« Victor klemmte das Foto der beiden Jungen unter den geflügelten Löwen. »Aber allein. Ich hatte leider keinen Bruder. Weder einen kleinen noch einen großen. Lassen Sie mir Anschrift und Telefonnummer hier und kommen wir zu meinem Honorar.«

 

Während die Hartliebs sich wieder die enge Treppe hinunterquälten, trat Victor auf seinen Balkon hinaus. Der Wind fuhr ihm kalt ins Gesicht, er schmeckte nach Salz vom nahen Meer, und Victor stützte sich fröstelnd auf das rostige Geländer und beobachtete, wie die Hartliebs die Brücke betraten, die zwei Häuser weiter den Kanal überspannte. Es war eine schöne Brücke, aber das bemerkten sie nicht. Mit mürrischen Gesichtern hasteten sie hinüber, ohne einen Blick für den struppigen Hund, der sie von einem vorbeifahrenden Boot ankläffte. Natürlich spuckten sie auch nicht über die Brüstung, wie Victor es immer tat.

»Na ja, wer sagt, dass man seine Auftraggeber mögen muss!«, brummte er und beugte sich über seine zwei Schildkröten, die die faltigen Hälse aus ihrem Pappkarton reckten. »Solche Eltern sind immer noch besser als gar keine Eltern. Oder? Was meint ihr? Haben Schildkröten überhaupt Eltern?« Gedankenversunken blickte Victor den Kanal hinunter, an all den Häusern entlang, deren steinerne Füße Tag und Nacht das Wasser umspülte. Mehr als fünfzehn Jahre lebte er nun schon in Venedig, aber er kannte immer noch nicht alle verborgenen Winkel der Stadt. Niemand tat das. Es würde nicht leicht sein, die zwei Jungen zu finden, wenn sie nicht gefunden werden wollten. So viele Gassen, so viele Schlupfwinkel, enge Straßen mit Namen, die keiner sich merken konnte. Manche hatten nicht einmal einen Namen. Vernagelte Kirchen, leer stehende Häuser. Das lud ja geradezu zum Versteckspielen ein.

Was soll’s, Verstecken habe ich auch immer gern gespielt, dachte Victor, und bisher habe ich noch jeden gefunden. Acht Wochen kamen die beiden schon allein zurecht. Du meine Güte. Als er von zu Hause weggelaufen war, hatte er die Freiheit gerade mal einen Nachmittag ausgehalten. Bei Anbruch der Dunkelheit war er reumütig und mit klopfendem Herzen wieder nach Hause geschlichen.

Die Schildkröten zupften an dem Salatblatt, das er ihnen hinhielt.

»Ich glaube, ich muss euch heute Nacht hereinholen«, sagte Victor. »Dieser Wind riecht nach Winter.«

Lando und Paula schauten ihn mit ihren wimpernlosen Augen an. Manchmal verwechselte er sie, aber das schien ihnen nichts auszumachen. Auf dem Fischmarkt hatte er die beiden entdeckt, als er Ausschau nach einer Perserkatze gehalten hatte. Victor hatte die vornehme Katzendame aus einem Fass stinkender Sardinen gefischt, und als er es endlich geschafft hatte, sie kratzsicher in einem Pappkarton zu verstauen, hatte er die zwei Schildkröten gesehen – wie sie ungerührt zwischen all den Menschenfüßen herumstapften. Erst als Victor sie aufsammelte, hatten sie sich erschrocken in ihren Panzern versteckt.

Wo fange ich mit der Suche nach den Jungen an?, dachte Victor. In den Kinderheimen? Den Krankenhäusern? Traurige Orte. Aber die Besuche dort kann ich mir wahrscheinlich sparen. Das haben die Hartliebs bestimmt längst erledigt. Er lehnte sich weit übers Balkongitter und spuckte hinunter in den dunklen Kanal.

Bo und Prosper. Schöne Namen, dachte er, auch wenn sie seltsam sind.

Die Hartliebs hatten recht. Prosper und Bo hatten es wirklich geschafft, bis nach Venedig zu kommen. Weit, weit waren sie gefahren, Tage, Nächte, hatten in ratternden Zügen gehockt und sich versteckt vor Schaffnern und neugierigen alten Damen. Hatten sich in stinkenden Klos eingeschlossen und in dunklen Ecken geschlafen, eng aneinandergepresst, hungrig, müde und durchgefroren. Aber sie hatten es geschafft und sie waren immer noch zusammen.

Als ihre Tante Esther auf dem Stuhl vor Victors Schreibtisch Platz nahm, lehnten die beiden in einem Hauseingang, nur wenige Schritte entfernt von der Rialtobrücke. Der kalte Wind blies auch ihnen um die Ohren und flüsterte ihnen zu, dass es vorbei war mit den warmen Tagen. Doch in einem irrte Esther sich. Prosper und Bo waren nicht allein. Ein Mädchen stand bei ihnen, schmal, mit braunem Haar, das sie zu einem Zopf geflochten trug, der ihr dünn wie ein Stachel bis zur Taille hing. Dem Zopf verdankte sie ihren Namen: Wespe. Einen anderen wollte sie nicht.

Mit gerunzelter Stirn musterte sie einen zerknitterten Zettel, während die Leute vorbeidrängten und ihr Taschen und vollgestopfte Einkaufstüten in den Rücken stießen. »Ich glaube, wir haben alles«, sagte sie mit ihrer leisen rauen Stimme, die Prosper sofort gemocht hatte, selbst als er noch kein Wort von der fremden Sprache verstanden hatte, die ihr so schnell und leicht über die Lippen kam. »Nur die Batterien für Mosca fehlen noch. Wo könnten wir die kriegen?«

Prosper strich sich das dunkle Haar aus der Stirn. »Dahinten in der Seitengasse hab ich ein Elektrogeschäft gesehen«, sagte er und schlug seinem kleinen Bruder den Jackenkragen hoch, als er sah, wie Bo frierend den Kopf zwischen die Schultern zog. Dann schoben sie sich wieder zwischen die Menschen, die vorbeidrängten. Es war Markt am Rialto und in den engen Gassen herrschte noch mehr Betrieb als an anderen Tagen. Alte und Junge, Männer, Frauen und Kinder schoben sich zwischen den Ständen hindurch, zwängten sich aneinander vorbei, bepackt mit Taschen und Tüten. Alte Frauen, die die Stadt noch nie verlassen hatten, und Reisende, die nur für einen Tag kamen, um sie zu bestaunen. Es roch nach Fisch, nach Herbstblumen und getrockneten Pilzen.

»Wespe?« Bo griff nach ihrer Hand und schenkte ihr sein wunderbarstes Lächeln. »Kaufst du mir einen von den kleinen Kuchen da?«

Wespe kniff ihm zärtlich in die Backe, aber sie schüttelte den Kopf. »Nein!«, sagte sie entschieden und schob ihn weiter.

Das Elektrogeschäft, das Prosper entdeckt hatte, war winzig. Im Fenster stand zwischen Kaffeemaschinen und Toastern auch etwas Spielzeug, vor dem Bo fasziniert stehen blieb. »Ich hab aber Hunger!«, murrte er und presste die Hände gegen das Glas.

»Du hast immer Hunger«, stellte Prosper fest, öffnete die Tür und blieb mit Bo neben dem Eingang stehen, während Wespe an den Ladentisch trat.

»Scusi«, sagte sie zu der alten Frau, die ihr den Rücken zuwandte und Radios abstaubte. »Ich brauche Batterien. Zwei Stück, für ein kleines Radio.«

Die Frau packte sie ihr in eine Tüte und schob Wespe eine Handvoll Bonbons über die Theke. »Was für ein süßer kleiner Junge«, sagte sie und zwinkerte Bo zu. »Blond wie ein Engel. Ist das dein Bruder?«

»Nein«, Wespe schüttelte den Kopf, »das sind meine Vettern. Sie sind nur zu Besuch hier.«

Prosper schob Bo hinter seinen Rücken, aber Bo schlüpfte unter seinem Arm durch und holte sich die Bonbons vom Ladentisch. »Grazie!«, sagte er, lächelte der alten Frau zu und hüpfte zu Prosper zurück.

»Un vero angelo!«, sagte die Verkäuferin, während sie Wespes Geld in die Kasse legte. »Aber seine Mutter sollte ihm mal die Hosen stopfen, und wärmer anziehen müsste sie ihn auch langsam. Der Winter kommt. Habt ihr heute nicht den Wind in den Schornsteinen gehört?«

»Wir richten es aus«, sagte Wespe und zwängte die Batterien in ihre vollgestopfte Einkaufstüte. »Einen schönen Tag noch, Signora.«

»Angelo!« Prosper schüttelte spöttisch den Kopf, als sie sich draußen wieder durchs Gedränge schoben. »Warum fallen bloß alle auf deine blonden Haare und dein rundes Gesicht herein, Bo?«

Doch sein kleiner Bruder streckte ihm nur die Zunge heraus, stopfte sich ein Bonbon in den Mund und hüpfte voraus. So schnell, dass die beiden Großen Mühe hatten, ihm zu folgen. Flink wie ein Fisch schlüpfte er zwischen all den Bäuchen und Beinen hindurch.

»Bo, nicht so schnell!«, rief Prosper ihm ärgerlich nach, aber Wespe lachte nur.

»Lass ihn doch!«, sagte sie. »Wir verlieren ihn schon nicht. Siehst du, da vorn ist er.«

Bo schnitt ihnen eine Grimasse und versuchte auf einem Bein um eine heruntergerollte Orange herumzuhüpfen, aber dabei stolperte er und landete in einer Gruppe japanischer Touristen. Erschrocken rappelte er sich wieder auf – und lächelte breit, als zwei Frauen die Fotoapparate zückten. Bevor sie auf den Auslöser drücken konnten, hatte Prosper seinen kleinen Bruder schon unsanft am Kragen gepackt und weitergezerrt.

»Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du dich nicht fotografieren lassen sollst?«, zischte er ihm zu.

»Ja, ja.« Bo riss sich von seiner Hand los und hüpfte über eine leere Zigarettenschachtel. »Das waren doch Chinesen. Tante Esther guckt sich doch wohl keine Fotos von Chinesen an, oder? Außerdem hat sie doch längst ein anderes Kind. Hast du selbst gesagt.«

Prosper nickte. »Ja, ja, das stimmt auch«, murmelte er. Aber er sah sich um, als hätte er den Verdacht, dass ihre Tante sich irgendwo in dem Menschengewühl verbarg und nur darauf wartete, Bo zu packen.

Wespe hatte Prospers Blick bemerkt. »Du denkst schon wieder an eure Tante, was?«, sagte sie mit gesenkter Stimme, obwohl Bo längst außer Hörweite war. »Vergiss sie, sie sucht nicht mehr nach euch. Und wenn, dann nicht hier.«

Prosper zuckte die Achseln und musterte unbehaglich ein paar Frauen, die vorbeigingen. »Wahrscheinlich nicht«, murmelte er.

»Bestimmt nicht«, beharrte Wespe leise. »Hör endlich auf, dir Sorgen zu machen.«

Prosper nickte. Obwohl er wusste, dass er nicht damit aufhören konnte. Bo schlief friedlich wie ein Kätzchen, aber Prosper träumte fast jede Nacht von Esther. Mürrische, ewig hektische, haarsprayverklebte Esther.

»He, Prop!« Bo stand plötzlich wieder vor ihnen und hielt Prosper ein prall gefülltes Portemonnaie unter die Nase. »Guck mal, hab ich gefunden.«

Erschrocken nahm Prosper es ihm aus der Hand und zog ihn aus dem Gedränge in einen dunklen Arkadengang. Erst hinter einem Stapel von leeren Obstkisten, zwischen denen die Tauben herumpickten, blieb er stehen. »Wo hast du das her, Bo?«

Trotzig schob Bo die Unterlippe vor und lehnte den Kopf gegen Wespes Arm. »Gefunden! Hab ich doch gesagt. Es ist so einem Glatzkopf aus der Hosentasche gefallen. Der hat gar nichts gemerkt und da hab ich es eben gefunden.«

Prosper stöhnte auf.

Seit sie auf sich gestellt waren, hatte er lernen müssen zu stehlen, erst etwas zu essen, dann auch Geld. Er hasste es. Er hatte so viel Angst dabei, dass ihm die Finger zitterten. Bo dagegen hatte Spaß daran, wie an einem aufregenden Spiel. Aber Prosper hatte ihm das Stehlen verboten und schimpfte ihn jedes Mal fürchterlich aus, wenn er ihn dabei erwischte. Schließlich wollte er nicht, dass Esther behaupten konnte, er, Prosper, habe seinen kleinen Bruder zum Dieb gemacht.

»Komm, reg dich nicht auf, Prop«, sagte Wespe und drückte Bo an sich. »Er sagt doch, er hat es nicht gestohlen. Und der Besitzer ist längst weg. Sieh wenigstens mal nach, wie viel drin ist.«

Zögernd öffnete Prosper das Portemonnaie. Die vielen Fremden, die in die Stadt des Mondes kamen, um die Paläste und Kirchen zu bestaunen, verloren ständig etwas. Meist waren es nur Plastikfächer oder billige Karnevalsmasken, die man an jeder Ecke kaufen konnte. Aber ab und zu riss auch der Riemen eines Fotoapparats, ein Bündel Wechselgeld rutschte jemandem aus der Jacke oder so ein vollgestopftes Portemonnaie. Mit ungeduldigen Fingern durchsuchte Prosper die Fächer, doch zwischen verknitterten Kassenbelegen, Restaurantrechnungen und Vaporettokarten steckten gerade mal ein paar Tausend-Lire-Scheine.

»Tja, wäre schön gewesen.« Wespe konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen, als Prosper das Portemonnaie in eine leere Kiste warf. »Unsere Kasse ist fast leer, hoffentlich kann der Herr der Diebe sie heute Abend wieder füllen.«

»Natürlich kann er das!« Bo blickte Wespe an, als hätte sie bestritten, dass die Erde rund ist. »Und irgendwann helf ich ihm dabei! Irgendwann werde ich auch ein großer Dieb! Scipio wird es mir schon beibringen!«

»Nur über meine Leiche!«, knurrte Prosper und zog Bo unsanft zurück auf die Gasse.

»Ach, lass ihn doch reden!«, flüsterte Wespe Prosper zu, während Bo mit beleidigter Miene vor ihnen hertrottete. »Oder hast du etwa wirklich Angst, dass Scipio ihn mitnehmen könnte?«

Prosper schüttelte den Kopf, aber seine sorgenvolle Miene hellte sich nicht auf. Es war so schwer, auf Bo aufzupassen. Seitdem sie sich aus dem Haus ihres Großvaters geschlichen hatten, fragte Prosper sich mindestens dreimal am Tag, ob es richtig gewesen war, seinen kleinen Bruder mitzunehmen. Wie müde Bo in jener Nacht neben ihm hergetrottet war! Nicht ein einziges Mal hatte er Prospers Hand losgelassen, den ganzen langen Weg zum Bahnhof. Nach Venedig zu kommen war leichter gewesen, als Prosper erwartet hatte. Aber als sie in der Stadt ankamen, wurde es schon Herbst und die Luft war nicht warm und weich, wie er sie sich vorgestellt hatte. Ein feuchter Wind strich ihnen entgegen, als sie die Stufen am Bahnhof hinabstiegen, Seite an Seite, in viel zu dünnen Sachen, mit nichts als einem Rucksack und einer kleinen Tasche. Prospers Taschengeld war schnell aufgebraucht, und schon nach der zweiten Nacht auf den feuchten Gassen begann Bo zu husten – so furchtbar, dass Prosper ihn bei der Hand nahm und sich auf die Suche nach dem nächsten Polizisten machte. »Scusi«, wollte er sagen, mit den paar Brocken Italienisch, die er damals konnte, »wir sind weggelaufen, aber mein Bruder ist krank. Würden Sie meine Tante anrufen, damit sie ihn abholt?«

So verzweifelt war er gewesen. Aber dann tauchte Wespe auf.

Sie nahm Bo und Prosper mit ins Versteck zu Riccio und Mosca, wo sie trockene Sachen und etwas Warmes zu essen bekamen. Und sie erklärte Prosper, dass es mit dem Hunger und dem Stehlen erst mal ein Ende hatte, weil Scipio, der Herr der Diebe, für sie sorgen würde. So wie er es für Wespe und ihre Freunde tat, für Riccio und Mosca.

»Die anderen warten bestimmt schon auf uns.« Wespes Stimme schreckte Prosper so abrupt aus seinen Gedanken, dass er für einen Moment nicht wusste, wo er war. Zwischen den Häusern roch es nach Kaffee, nach süßem Gebäck und Mäusedreck. Zu Hause hatte es ganz anders gerochen.

»Genau. Wir müssen auch noch aufräumen«, meinte Bo. »Scipio mag es nicht, wenn alles so dreckig ist.«

»Na, du hast es gerade nötig!«, spottete Prosper. »Wer hat gestern den Eimer Kanalwasser im Versteck umgekippt?«

»Und den Mäusen legt er heimlich Käse hin.« Wespe kicherte, als Bo ihr ärgerlich den Ellbogen in die Seite stieß. »Dabei hasst der Herr der Diebe nichts so sehr wie Mäusekötel. Leider ist das wunderbare Versteck, das er uns besorgt hat, voll davon, und schwer zu heizen ist es auch. Vielleicht wäre ein weniger herrschaftliches Versteck praktischer gewesen, aber davon will Scipio ja nichts hören.«

»Sternenversteck«, verbesserte Bo und lief den beiden Größeren nach, als sie in eine Gasse einbogen, die nicht von Menschen wimmelte. »Scipio sagt, es heißt ›Sternenversteck‹.«

Wespe verdrehte die Augen. »Pass auf, bald hört Bo nicht mehr auf dich, sondern nur noch auf das, was Scipio sagt«, flüsterte sie Prosper zu.

»Na und? Was soll ich dagegen machen?«, entgegnete Prosper.

Bo wusste genau, dass sie es nur Scipio zu verdanken hatten, dass sie nicht mehr auf der Straße schlafen mussten, jetzt, wo abends der Nebel über den Kanälen hing und feucht und grau durch die Gassen zog. Scipio hatte mit seinen Raubzügen den Geldbeutel gefüllt, mit dem sie heute die Nudeln und das Obst bezahlt hatten. Scipio hatte die Schuhe besorgt, die Bo die kalten Füße wärmten – auch wenn sie ihm etwas zu groß waren. Scipio sorgte dafür, dass sie essen konnten, ohne dafür stehlen zu müssen, und nur durch ihn hatten sie plötzlich wieder ein Zuhause, ohne Esther. Aber Scipio war ein Dieb.

Die Gassen, durch die sie kamen, wurden enger. Still wurde es zwischen den Häusern, und bald waren sie im verborgenen Herzen der Stadt, wo man nur selten auf Fremde stieß. Katzen huschten davon, als sie die Schritte der Kinder hörten. Tauben gurrten von den Dächern, und unter hundert Brücken schwappte das Wasser, leckte an Booten und hölzernen Pfählen und zeigte den Häusern ihre alten Gesichter in seinem schwarzen Spiegel. Tiefer und tiefer hinein in das Gewirr der Gassen liefen die Kinder, an Häusern vorbei, die so dicht standen, als beugten sie sich über sie wie Wesen aus Stein, die sie um ihre Füße beneideten.

Das Haus, in dem ihr Versteck war, stand zwischen den anderen wie ein Kind zwischen Erwachsenen, flach und schmucklos zwischen all den höheren Giebeln. Mit vernagelten Fenstern blickte es auf die Gasse hinaus. An den Mauern klebten verblichene Filmplakate und ein Rollladen, breit und rostig, verschloss die Eingangstür. Große Leuchtbuchstaben hingen schief darüber. STELLA. Leuchten tat er längst nicht mehr, der Name des verlassenen Kinos, das so gar nicht in die alte Stadt zu passen schien. Aber das war denen, die es jetzt beherbergte, nur recht.

Wespe warf einen wachsamen Blick nach links und rechts, Prosper vergewisserte sich, dass auch niemand aus den Fenstern auf sie herabsah, dann verschwanden sie einer nach dem anderen in dem schmalen Durchgang, der nur wenige Schritte entfernt vom Haupteingang des Kinos zwischen den Häusern klaffte.

Sie waren wieder zu Hause.

Eine Wasserratte huschte erschrocken davon, als die Kinder sich den engen Gang hinuntertasteten. Der Weg führte zu einem Kanal, wie so viele Gassen und Gänge der Stadt, aber Wespe, Prosper und Bo folgten ihm nur bis zu einer Metalltür, die auf der rechten Seite in der fensterlosen Mauer war. Mit ungelenken Buchstaben hatte jemand vietato l’ingresso darauf gepinselt, Betreten verboten. Früher war dies einer der Notausgänge des Kinos gewesen, jetzt verbarg sich hinter der Tür ein Versteck, von dem nur sechs Kinder etwas wussten.

Prosper zog zweimal kräftig an der Schnur, die neben der Tür baumelte, wartete einen Moment und zog dann noch einmal. Das war ihr Zeichen, aber es dauerte eine ganze Weile, bis jemand öffnete. Bo trat schon ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, als sie endlich hörten, wie der Riegel zurückgeschoben wurde. Nur einen schmalen Spaltbreit öffnete sich die Tür. »Parole?«, fragte eine misstrauische Stimme.

»Komm, Riccio, du weißt doch, dass wir uns die nie merken können!«, raunte Prosper ärgerlich.

Und Wespe trat auf den Spalt zu und zischte hinein: »Siehst du die Tüten in meiner Hand, Igelchen? Die habe ich vom Rialtomarkt bis hierher geschleppt. Meine Arme sind bald lang wie Affenarme, also mach endlich auf!«

»Ja, ja, schon gut. Aber wehe, Bo verpetzt mich wieder bei Scipio, wie letztes Mal!« Mit besorgtem Gesicht öffnete Riccio die Tür. Mager war er und einen ganzen Kopf kleiner als Prosper, obwohl er nicht viel jünger war. Zumindest behauptete Riccio das. Sein braunes Haar stand ihm so struppig vom Kopf ab, dass es ihm seinen Spitznamen eingebracht hatte: Riccio – der Igel.

»Keiner von uns kann sich Scipios Parolen merken!«, schimpfte Wespe, während sie sich an ihm vorbeischob. »Das Klingelzeichen reicht doch.«

»Da ist Scipio anderer Meinung.« Sorgfältig schob Riccio wieder den Riegel vor.

»Dann soll er sich Parolen ausdenken, die man sich leichter merken kann. Weißt du etwa noch die vom letzten Mal?«

Riccio kratzte sich den struppigen Kopf. »Warte mal – Katago dideldum est. Oder so.«

Bo kicherte und Wespe verdrehte die Augen.

»Wir haben schon mit dem Aufräumen angefangen«, erzählte Riccio, als er ihnen mit der Taschenlampe den dunklen Flur entlangleuchtete. »Aber sehr weit sind wir noch nicht gekommen. Mosca will immer nur an seinem Radio rumbasteln. Und bis vor einer Stunde haben wir vor dem Palazzo Pisani herumgestanden. Warum Scipio sich ausgerechnet den Palast für seinen nächsten Raubzug ausgesucht hat, ist mir ein Rätsel. Fast jeden Abend ist dort irgendetwas los, Feste, Empfänge, ich glaub, alle vornehmen Familien der Stadt geben sich da die Klinke in die Hand. Wie will Scipio da jemals unbeobachtet reinkommen?«

Prosper zuckte nur die Achseln. Ihn und Bo hatte der Herr der Diebe bisher noch nicht zum Kundschaften geschickt, obwohl Bo Scipio ständig darum anbettelte. Meistens zogen Riccio und Mosca los, wenn es um das Beobachten der Paläste ging, denen Scipio einen nächtlichen Besuch abstatten wollte. Seine Augen nannte er die zwei, während Wespe dafür zuständig war, dass das Geld vom Verkauf seiner Beute nicht zu schnell ausgegeben wurde. Prosper und Bo, als neueste Schützlinge des Herrn der Diebe, hatten bisher höchstens mitkommen dürfen, wenn die Beute verkauft wurde oder Einkäufe erledigt werden mussten, so wie heute. Prosper war das nur recht. Aber Bo wäre zu gern mit Scipio in die vornehmen Häuser der Stadt geschlichen, um all die wunderbaren Dinge zu stehlen, die der Herr der Diebe von seinen Beutezügen mitbrachte.

»Scipio kommt überall rein«, verkündete Bo, während er neben Riccio herhüpfte. Zwei Sprünge auf dem linken Fuß, zwei Hüpfer auf dem rechten – Bo bewegte sich selten vorwärts, ohne zu hüpfen oder zu rennen. »Er hat was aus dem Dogenpalast gestohlen, und keiner hat ihn erwischt. Weil er eben der Herr der Diebe ist.«

»Ja, der Einbruch in den Dogenpalast. Wie könnten wir den vergessen!« Wespe warf Prosper einen spöttischen Blick zu. »Selbst ihr habt die Geschichte doch bestimmt schon hundertmal zu hören bekommen, oder?«

Prosper grinste nur.

»Also, ich könnte sie mir tausendmal anhören«, meinte Riccio und schob einen dunklen, muffig riechenden Vorhang zurück. Der Kinosaal, der dahinter lag, war noch nicht sehr alt und trotzdem in schlechterem Zustand als so manches Haus der Stadt, das schon viele Hundert Jahre stand. Dort, wo einmal große Kristallleuchten gehangen hatten, ragten nur noch verstaubte Kabel aus der Wand. Die Kinder hatten ein paar Baulampen aufgestellt, die den Saal notdürftig erleuchteten, aber selbst in ihrem spärlichen Licht konnte man sehen, dass von der Decke an vielen Stellen der Putz bröckelte. Die Sitzreihen waren irgendwann abgebaut und fortgeschafft worden, nur die vordersten drei Reihen standen noch, und in jeder fehlten ein paar Klappsessel. In die weichen roten Polster hatten Mäuse ihre Nester gebaut und an dem sternenbestickten Vorhang, hinter dem sich die Leinwand verbarg, fraßen die Motten. Trotzdem hatte er sich seine alte Pracht erhalten. Das Goldgarn auf dem mattblauen Stoff glitzerte immer noch so verheißungsvoll, dass Bo mindestens einmal am Tag mit der Hand über die gestickten Sterne strich.

Auf dem blanken Boden vor dem Vorhang hockte ein Junge und schraubte an einem alten Radio herum. Er war so versunken in die Arbeit, dass er nicht bemerkte, wie Bo sich an ihn heranschlich. Erst als Bo ihm auf den Rücken sprang, fuhr Mosca erschrocken herum. »Verdammt noch mal, Bo!«, rief er. »Ich hätte mir fast den Schraubenzieher in die Hand gerammt.«

Aber Bo hüpfte schon kichernd davon. Geschickt wie ein Eichhörnchen kletterte er über die Klappsitze.

»Na warte, du kleine Wasserratte!«, brüllte Mosca, während er versuchte, ihm den Weg abzuschneiden. »Diesmal kitzle ich dich durch, bis du platzt, wenn ich dich erwische!«

»Prop, hilf mir!«, rief Bo, aber Prosper stand nur grinsend da und rührte keinen Finger, als Mosca sich seinen kleinen Bruder wie ein Paket unter den Arm klemmte. Mosca war der Größte und Kräftigste von ihnen allen, und sosehr Bo auch strampelte und um sich schlug, Mosca ließ nicht los. Seelenruhig trug er ihn zu den anderen zurück.

»Was meint ihr, soll ich ihn kitzeln oder unter meinem Arm verhungern lassen?«, fragte er.

»Lass los, du Kohlenstaubgesicht!«, schrie Bo. Moscas Haut war so dunkel, dass Riccio immer behauptete, er müsse sich nur in den Schatten stellen und keiner würde ihn je wieder finden.

»Na gut, einmal begnadige ich dich noch, Zwerg!«, sagte Mosca, als Bo immer verzweifelter zappelte, um sich aus seinem Griff zu befreien. »Habt ihr die Farbe für mein Boot mitgebracht?«

»Nein. Wir kaufen sie, wenn Scipio neue Beute bringt«, antwortete Wespe und lud ihre Tüten auf einem der Sessel ab. »Im Moment ist sie zu teuer.«

»Aber wir haben doch noch genug in der Notkasse!« Mosca stellte Bo wieder auf seine eigenen Füße und verschränkte ärgerlich die Arme. »Was willst du mit all dem Geld?«

»Wie oft soll ich euch das noch erklären? Das Geld ist für schlechte Zeiten.« Wespe zog Bo an ihre Seite. »Wie sieht es aus, schaffst du es, die Vorräte vorn in die Truhe zu bringen?«

Bo nickte und schoss so schnell davon, dass er sich fast auf die Nase legte. Eine Tüte nach der anderen schleppte er zu der großen Doppeltür, durch die früher die Zuschauer ins Kino gedrängt waren. Im Eingangsraum dahinter stand immer noch die Truhe für Eis und Getränke. Funktionieren tat sie schon lange nicht mehr, aber als Vorratstruhe war sie noch zu gebrauchen.

Während Bo die schweren Tüten hinausbrachte, kniete Mosca sich enttäuscht wieder vor sein Radio. »Zu teuer!«, schimpfte er. »Wenn wir noch lange mit dem Anstrich warten, ist mein Boot verfault. Aber das ist euch egal, weil ihr alle wasserscheue Landratten seid. Für Wespes Bücher ist immer Geld da.«

Darauf antwortete Wespe nicht. Schweigend begann sie Papier und anderen Müll vom Boden aufzusammeln, während Prosper die Mäusekötel zusammenfegte. Wespe hatte wirklich viele Bücher. Und ab und zu kaufte sie eins, das stimmte, aber die meisten, die sie besaß, waren billige Taschenbücher, die Touristen weggeworfen hatten. Wespe fischte sie aus Mülleimern und Papierkörben, fand sie unter den Sitzen der Vaporetto-Boote oder am Bahnhof. Ihre Matratze war kaum zu sehen, so hoch stapelten sich die Bücher davor.

Sie alle hatten ihren Schlafplatz im hinteren Teil des Kinos, dicht beieinander, denn nachts, wenn sie die Lichter gelöscht und die letzte Kerze ausgeblasen hatten, füllte sich der große, fensterlose Saal mit solcher Schwärze, dass sie sich alle käferklein und verloren fühlten. Gegen das Gefühl half nur die Wärme der anderen.

Riccios Matratze war bedeckt mit zerfledderten Comicheften und in seinem Schlafsack steckten so viele Stofftiere, dass er gerade noch selbst hineinpasste. Moscas Bett erkannte man an der Werkzeugkiste und den Angelruten, zwischen denen er schlief. Außerdem lag unter seinem Kissen sein größter Schatz, sein Glücksbringer: ein kupfernes Seepferd, das genauso aussah wie die Seepferde, die die meisten Gondeln schmückten. Mosca schwor, dass er es keineswegs von einer Gondel gestohlen, sondern aus dem Kanal hinter dem Kino gefischt habe. »Glücksbringer, die man gestohlen hat«, sagte er, »bringen nur Unglück. Das weiß doch jeder.«

Bo und Prosper teilten sich eine Matratze. Dicht aneinandergedrängt schliefen sie darauf. Neben dem Kopfende lag, sorgfältig aufgereiht, Bos Plastikfächersammlung: sechs Stück, alle noch gut erhalten. Am schönsten fand Bo immer noch den, den Prosper am Tag ihrer Ankunft am Bahnhof gefunden hatte.

Der Herr der Diebe schlief nie bei seinen Schützlingen im Sternenversteck. Keiner von ihnen wusste, wo Scipio die Nächte verbrachte, und er redete nicht darüber. Ab und zu machte er geheimnisvolle Andeutungen über eine verlassene Kirche, aber als Riccio ihm einmal nachgeschlichen war, hatte Scipio ihn dabei erwischt und war so wütend geworden, dass niemand seither gewagt hatte, ihm auch nur nachzusehen, wenn er sie verließ. Sie hatten sich daran gewöhnt: Ihr Anführer kam und ging, wie er wollte. Manchmal tauchte er drei Tage hintereinander auf, dann wieder sahen sie ihn fast eine Woche nicht.

Doch heute wollte er kommen. Fest versprochen hatte er es. Und wenn Scipio ankündigte, dass er kam, dann kam er auch. Wann, wusste man allerdings nie. Als Bo schon fast auf Prospers Schoß einschlief und die Zeiger von Riccios Wecker bald elf Uhr zeigten, krochen sie alle unter ihre Decken, und Wespe begann vorzulesen. Sonst tat sie das, damit sie einschliefen, um die Angst vor den Träumen zu verscheuchen, die in der Dunkelheit auf sie warteten. Aber an diesem Abend las Wespe, um sie wach zu halten, bis Scipio endlich kam. Die spannendste Geschichte suchte sie aus ihren Bücherbergen, während die anderen die Kerzen anzündeten, die in leeren Flaschen und Aschenbechern zwischen den Matratzen standen. In den einzigen Leuchter, den sie besaßen, steckte Riccio fünf ganz neue Kerzen, lang und schlank, aus bleichem Wachs.

»Riccio?«, fragte Wespe, als alle schon gespannt um sie herumlagen und auf die Geschichte warteten. »Wo hast du denn die Kerzen her?«

Verlegen vergrub Riccio das Gesicht zwischen seinen Stofftieren. »Aus der Salute-Kirche«, murmelte er. »Da liegen mindestens hundert oder tausend von den Dingern rum, da macht es doch wirklich nichts, wenn ich ab und zu ein paar mitnehme. Was sollen wir dafür unser schönes Geld ausgeben? Ehrenwort …«, er grinste Wespe an, »ich werf der Jungfrau Maria auch immer für jede Kerze eine Kusshand zu.«

Wespe verbarg seufzend das Gesicht in ihren Händen.

»Ach, komm, fang an zu lesen!«, sagte Mosca ungeduldig. »Kein Carabiniere wird Riccio dafür verhaften, dass er ein paar Kerzen klaut, oder?«

»Vielleicht aber doch!«, murmelte Bo und schmiegte sich gähnend an Prosper, der sich abmühte, die Löcher in den Hosen seines kleinen Bruders zu stopfen. »Riccios Schutzengel darf ihn nämlich dabei nicht beschützen. Beim Kirchenkerzenklauen, mein ich. Nee, das darf er ganz bestimmt nicht.«

»Ach, was! Blödsinn. Schutzengel!« Riccio verzog verächtlich das Gesicht, aber etwas beunruhigt klang seine Stimme doch.

Fast eine Stunde las Wespe vor, während draußen die Nacht immer schwärzer wurde und all die, die die Stadt am Tag mit Lärm erfüllt hatten, längst in ihren Betten lagen. Aber irgendwann rutschte ihr das Buch aus den Fingern und es fielen auch ihr die Augen zu. So schliefen sie alle tief und fest, als Scipio kam.

Prosper wusste nicht, was ihn geweckt hatte, Riccios Gemurmel im Schlaf oder Scipios leise Schritte. Als er hochfuhr, löste sich die schmale Gestalt aus der Dunkelheit, als träte sie aus einem bösen Traum. Kinn und Mund leuchteten hell unter der schwarzen Maske, die Scipios Augen verbarg. Die lange, gekrümmte Nase gab ihm das Aussehen eines gespenstischen Vogels. Ähnliche Masken hatten die Ärzte Venedigs getragen, als vor mehr als dreihundert Jahren die Pest in der Stadt wütete. Totenvögel. Lächelnd zog der Herr der Diebe sich das unheimliche Ding vom Gesicht.

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