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Der Killer Bill leidet an inoperablem Lungenkrebs und möchte sich seinen Lebensabend ein wenig versüßen. Deshalb erpresst er die wohlhabenden Eheleute Grace und Samuel Shoemaker, für die er vor fünf Jahren einen Auftragsmord begangen hat. Als die 17-jährige Anna bei ihm auftaucht und behauptet, seine Tochter zu sein, werden schmerzliche Erinnerungen wach. Nach und nach muss er sich mit seiner Rolle als „Herr über Leben und Tod“ auseinandersetzen. Die vielschichtige Persönlichkeit des Auftragskillers Bill und seine ungewöhnliche Lebensgeschichte ziehen den Leser schnell in ihren Bann. Auf spannende Weise wird die Frage nach Schuld, Recht und Gerechtigkeit aufgeworfen, während auch Täter und Opfer nicht immer eindeutig zu unterscheiden sind. Am Ende muss Bill eine Entscheidung treffen, auf welche Seite er sich stellt.
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Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
EPILOG
»Das Ganze war ein Fehler. Wir hätten das niemals tun dürfen. Mein Gott, Sam, wir könnten dafür immer noch ins Gefängnis gehen!« Grace fuhr sich durch die halblangen, blond gesträhnten Haare. Sie war aufgewühlt. Samuel sah es an ihren flackernden Augen. So schaute sie immer, wenn sie mit den Nerven am Ende war. Er kannte diese Seite an ihr, auch wenn er sie schon lange nicht mehr so erlebt hatte. Ihre flackernden Augen waren ein Bild aus der überwunden geglaubten Vergangenheit.
Samuel spürte, dass sich alles in ihm gegen dieses Gespräch wehrte. Es war ihm in letzter Zeit immer besser gelungen, die ganze Geschichte hinter sich zu lassen. Die Tage oder manchmal Wochen der Verdrängung waren die glücklichen Zeiten ihrer Ehe gewesen. Aber jetzt hatte sie die Vergangenheit wieder eingeholt. Die Ängste von damals waren zurück, so als wäre es gestern erst geschehen. Irgendwie mussten sie auch dieses Kapitel überstehen. Samuel blickte sich im Café um. Niemand schien das Paar zu beachten. Dennoch war es ihm unangenehm, dieses Thema hier zu besprechen. Er atmete tief durch und ergriff ihre Hand.
»Das bringt doch jetzt nichts, Grace. Wir können nicht mehr ändern, was geschehen ist. Wir müssen uns auf die Gegenwart konzentrieren. Wir müssen einen klaren Kopf bewahren und ganz genau überlegen, was jetzt zu tun ist.«
»Ich kann das nicht mehr, Sam. Mein Kopf ist einfach nicht mehr klar, wenn ich an diese ganze Sache denke. Ich hatte gehofft, es wäre endgültig vorbei.«
Ja, das hatten sie beide gehofft. Samuel versank für einen kurzen Moment in seinen Gedanken. Damals vor fünf Jahren schien alles zunächst so einfach zu sein. Sie hatten gemeinsam den perfekten Mord geplant. Es gab nichts, woran sie nicht gedacht hatten. Mit der Durchführung selbst hatten sie gar nichts zu tun gehabt. Es war ein einfacher, klarer Auftrag gewesen. Rein geschäftsmäßig, wie Samuel es auch von seiner Arbeit bei der Severing Corporation kannte. Ein Auftrag wurde gegen Geld an jemanden vergeben, zu dem man keinerlei weitere Beziehungen hatte. Damals hatten sie nicht mal gewusst, wie der Mann hieß, der die Sache erledigt hatte. Und das war ihnen auch gänzlich egal gewesen. Er und Grace hatten nicht geahnt, wie sehr die Schuld auf ihnen lasten würde und wie schwierig es war, nach dieser Tat unbeschwert weiterzuleben. Überhaupt weiterzuleben. Und jetzt hatte sich der Killer plötzlich bei Grace gemeldet, und damit war alles wieder ganz nah. Diese ganze Sache würde sie immer begleiten, das war ihm jetzt völlig klar. Nie würden sie frei davon sein.
Grace hatte Samuel nach dem Gespräch mit dem Killer sofort angerufen. Sie konnte sich nicht sicher sein, ob der Mann am Telefon wirklich derjenige war, der vor fünf Jahren den Auftrag erhalten hatte, ihren Ehemann umzubringen. Aber wer sollte es sonst gewesen sein? Grace hatte damals nie direkt mit ihm gesprochen. Alle Absprachen waren über einen Verbindungsmann gelaufen, der stets aus einer Telefonzelle angerufen hatte. Aber heute Morgen, als sie plötzlich die Stimme des Killers hörte, hatten ihre Hände zu zittern begonnen.
»Noch ist nichts verloren, Grace. Lass uns heute Abend weiterreden …«, Samuel sah unauffällig auf die Uhr. In einer halben Stunde hatte er einen wichtigen Termin. Er wollte auch nicht länger in diesem Café darüber sprechen. Was, wenn jemand hier zufällig etwas mitbekäme? Damals waren sie immer so vorsichtig gewesen. Keine Telefonate, keine E-Mails. Und jetzt hatte dieser Mensch einfach so zu Hause angerufen! Woher hatte er überhaupt die Nummer?
»Sam, ich denke, wir haben keine Wahl«, unterbrach Grace seine Gedanken. »Wir müssen auf seine Forderung eingehen. Wir müssen zahlen. Ich fürchte nur, er wird damit nicht zufrieden sein. Er wird uns immer wieder belästigen.«
»Hast du nicht gesagt, er wäre krank?«, Samuel senkte seine Stimme, damit ihn die Gäste an den Nachbartischen nicht hören konnten. Er schaute nervös nach links und rechts, fast jeder Tisch war besetzt. Gerade nahmen zwei junge Frauen an dem Tisch neben ihnen Platz.
»Vielleicht hat sich das Problem dann ja bald von selbst erledigt«, sagte er leise.
»Ja, das hat er behauptet. Aber vielleicht stimmt es ja gar nicht.«
»Warum sollte er es dann sagen? Lass uns bitte rational bleiben, Grace. Wir sollten von der wahrscheinlichsten Variante ausgehen.«
»Und du findest es wahrscheinlich, dass ein Auftragskiller uns die Wahrheit sagt? Das ist ein Verbrecher, Sam! Der erpresst uns jetzt, weil er denkt, dass wir ihm damals nicht genug Geld gezahlt haben. Und wenn es einmal funktioniert, wird er es immer wieder tun. Er weiß ja, dass wir nicht zur Polizei gehen können.«
»Moment mal, hast du nicht gerade selbst gesagt, dass wir keine Wahl haben und ihm das Geld zahlen müssen?«, flüsterte Samuel.
Grace strich sich nervös durch die Haare. Sie schaute ihn mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung an. »Was erwartest du von mir? Ich habe doch schon gesagt, dass ich nicht mehr weiß, was richtig ist. Es gelingt mir nicht mehr, klar zu denken.«
Beide schwiegen einen Moment. Samuel wollte seine Frau irgendwie beruhigen. Er musste außerdem zu seinem Termin.
»Wir haben unsere Liebe auf einem Verbrechen aufgebaut«, hatte Grace einmal zu ihm gesagt, als sie wenige Wochen nach der Tat nachts wach lag und von Albträumen geplagt war. »Nein, nicht unsere Liebe«, hatte er geantwortet, »die bestand vorher schon. Nur unser Vermögen.«
»Weißt du, Grace, wenn es stimmt, dass er sterbenskrank ist, dann wird die geforderte Summe reichen, um ihm einen angenehmen Lebensabend zu bescheren. Dann wird er uns vielleicht nie wieder belästigen. Und uns kann das Geld nun wirklich egal sein. Das, was er haben will, ist weniger als unser Zinsertrag vom letzten Jahr.«
Wieder hatte er ganz leise gesprochen. Den letzten Satz hatte er nur geflüstert. Das sollte nun wirklich niemand hören. Grace schaute ihn an, als hätte sie ihm gar nicht zugehört.
»Es geht mir ja gar nicht um das Geld. Ich hätte ihm damals auch das Doppelte gezahlt, wenn er danach gefragt hätte. Wer weiß schon, welcher Preis für so etwas angemessen ist? Trotzdem …«
»Ich weiß, mein Schatz. Ich hätte das auch gerne endlich vergessen.«
»Weißt du, was mich am meisten schockiert hat?«
»Was denn?«
»Dass er genau wusste, wie viel Geld uns die Versicherung damals gezahlt hat. Er wusste es auf den Cent genau. Woher hatte er diese Information?«
»Dein Mann war in ganz Lansing und darüber hinaus bekannt. Die Presse hat ausführlich über sein Verschwinden berichtet. Es kann sein, dass die Versicherungssumme damals in der Zeitung stand.«
»Das kann ich mir nicht vorstellen. Und selbst wenn, der Mord ist jetzt fünf Jahre her. Warum sollte er das jetzt noch so genau wissen? Er hat doch sicher ganz viele Menschen auf dem Gewissen. Töten ist doch schließlich sein Beruf!«
William Russel White, genannt Bill, kauerte hinter dem großen Forsythienbusch, der außerhalb des abgezäunten Geländes lag, aber unmittelbar an den Gartenzaun grenzte. Es war ein kalter Februarabend, er würde hier nicht lange ausharren können. Dafür aber wurde es früh dunkel, daher mochte er diese Jahreszeit. Von seiner Position aus hatte er einen direkten Blick auf das Wohnzimmer von Grace und Samuel Shoemaker. Die komplette Front war verglast. Das Paar musste einen wunderbaren Blick in den parkähnlichen Garten haben. Er konnte das teure Ledersofa und die Kunstwerke an den Wänden erkennen. Wie so oft wunderte er sich, dass die beiden noch nicht bemerkt haben, dass man sie von dieser Stelle aus wunderbar beobachten konnte. Ein Scharfschütze könnte wahrscheinlich sogar gezielt auf einen der beiden schießen. Bill musste lächeln. Trotz ihres Reichtums und der Alarmanlage am Haus war das Traumpaar verwundbar, und sie merkten es nicht einmal. Und dabei hielten sich die beiden wahrscheinlich noch für besonders klug.
Bill konnte erkennen, dass Grace und Samuel sich jetzt auf ihrer Couchlandschaft gegenübersaßen. Beide hielten ein Glas in der Hand. Heute sah es nicht so aus, als würden sie den Abend gemütlich mit Champagner einleiten, um sich dann von ihrem Koch ein Drei-Gänge-Menü servieren zu lassen, wie er es bereits viele Male beobachtet hatte. Zum Essen gab es meist Wein. Nach dem Dessert nahmen die beiden gewöhnlich ihre Gläser mit auf die Couch und häufig schalteten sie dann den Fernseher ein oder sie griffen beide zu einer Zeitschrift. Bill litt darunter, das Paar zu beobachten, und gleichzeitig konnte er sich nicht davon losreißen. Es war wie eine Sucht. Er hasste diese Selbstgefälligkeit, die sie ausstrahlten. Am schlimmsten war es beim Fernsehen. Beide saßen dann auf der langen Couch, die im 90-Grad-Winkel zum Plasmabildschirm stand. Samuel legte eines der Seidenkissen auf seinen Schoß und Grace bettete ihren Kopf darauf. Ihre Füße reichten bis zum anderen Ende der Couch. Beide schauten dann genau in seine Richtung. Aber natürlich hatten sie ihn noch nie bemerkt. Wie sollten sie auch wahrnehmen, dass da jemand draußen in der Kälte saß? Dieser Platz hier hinter dem Busch war ihre Achillesferse.
Er wusste gar nicht mehr genau, seit wann er die beiden bereits beobachtete. Letzten Winter war er jedenfalls auch schon hier gewesen. Zuerst war ihm die Prachtvilla nur deswegen aufgefallen, weil sie genau auf seinem Weg von der Arbeit nach Hause lag. In dem Städtchen Lansing in Michigan war eine solche Villa schon etwas Besonderes. Die Shoemakers wohnten am Stadtrand, wenige Meilen von Bills Wohnung im Nachbarort entfernt. Erst einige Zeit später war ihm klar geworden, wer in dieser Villa lebte. Er war Grace Shoemaker nur ein einziges Mal zufällig in der Drogerie am Ende der Straße begegnet. Natürlich waren sie sich nie vorgestellt worden, aber er kannte ihr Gesicht aus der Zeitung. Schon das Bild von ihr hatte er nicht gemocht. Als er sie in der Drogerie an der Kasse stehen sah, wusste er, dass er diese Frau hasste. Er war geradezu besessen davon, ihr und ihrem jetzigen Ehemann Schaden zuzufügen. Er fand alles an den beiden unerträglich: den Reichtum, die Unbeschwertheit, den Erfolg, das Glück. Grace hatte nach dem Tod ihres ersten Mannes Timothy Severing ihren Namen und ihre Adresse geändert. Aber er wusste Bescheid, sie hatte keine Chance mehr, sich zu verstecken.
Die Severing Corporation war der größte Arbeitgeber im Ort. Soweit er wusste, wurden dort Medikamente produziert und in alle Welt verkauft. Jetzt, wo Timothy Severing tot war, machte jemand anders die Arbeit, aber die feine Grace kassierte weiterhin ab. Die Firma war für sie eine Geldmaschine. Ihren neuen Mann Samuel hatte sie auch in der Firma kennen gelernt. In der Firma ihres Mannes! Aber das war ganz typisch für sie. Erst den Mann aus dem Weg räumen, sich einen der Mitarbeiter schnappen und immer weiter abkassieren! Zusätzlich 1,3 Millionen Dollar von der Lebensversicherung. Bill wusste alles über diese Frau und ihre Machenschaften, er hatte bis ins kleinste Detail recherchiert. Dabei hatte sie gar nichts getan für ihre Protzvilla und ihre Autos, die in einer ordentlichen Reihe in der Garage standen.
Er hatte die Arbeit gemacht und dafür hatte diese Frau ihn mit einem lächerlichen Betrag abgespeist. Absolut lächerlich! Dabei hatte er gute Arbeit geleistet. Sogar auf den Tag zu warten, an dem der lange angekündigte Sturm losbrach, war seine Idee gewesen. Alleine für diese geniale Idee hatte er eine deutlich bessere Entlohnung nun wirklich verdient! Unter anderen Umständen hätte die Polizei die Ermittlungen sicher nicht so schnell eingestellt. So aber haben sie den Eisregen für seinen Tod verantwortlich gemacht. Das war für alle ein einfacher und plausibler Grund, auch wenn Herr Severing bereits in seinem feuchten Grab lag, als der Sturm so richtig losbrach. Er hätte die Hälfte von der Versicherungssumme verlangen sollen. Mindestens. Aber die ganzen Zusammenhänge hatte er erst später erfahren. Und jetzt wollte er sich nur holen, was ihm zustand.
Die Idee mit der Erpressung war ihm erst gekommen,als er von seinem Lungenkrebs erfahren hatte. Nun hatte er nichts mehr zu verlieren. Wenn er schon sterben musste, wollte er in seinen letzten Lebensmonaten wenigstens nicht jeden Dollar zweimal umdrehen müssen. Und seinen Job als Schreiner würde er auch aufgeben. Seinen lukrativen Zweitjob natürlich sowieso, denn dafür musste man körperlich topfit sein. 100.000 Dollar fand er eine angemessene Summe, um ein Jahr lang in Saus und Braus zu leben. Anschließend würde er ohnehin tot sein. Auch wenn sich der Arzt nicht eindeutig festlegen wollte, ging er davon aus, dass er maximal noch ein Jahr vor sich hatte. Sobald er das Geld hatte, konnte er auch aufhören, dieser verhassten Frau beim Leben zuzuschauen. Doch diese Ungerechtigkeit musste er noch klären. Das war alles, was jetzt noch zählte.
Während Bill von seinem Versteck aus jede Bewegung der beiden beobachtete, fragte er sich, ob sie wohl gerade über ihn sprachen. Sein Telefonat mit Grace war heute Morgen gewesen. Es schien ihm so, als wäre das Paar nun etwas unruhig. Es sah gar nicht so aus, als wolle Grace an diesem Abend ihren Kopf in Samuels Schoß legen und mit ihren Zehen die Sofakante am anderen Ende berühren. Stattdessen stand sie ständig auf, lief umher und setzte sich dann wieder. Nur, um dann wieder aufzustehen und umherzulaufen. So eine Frau musste einen normalen Menschen doch total verrückt machen! Und es sollte noch besser kommen! Sicher wird sie noch unruhiger, wenn ich sie gleich mal anrufe, dachte Bill und grinste in sich hinein. Bei alten Geschäftspartnern sollte man sich doch hin und wieder melden, oder? Sicher vermisst die gute Grace mich jetzt schon. Unser Telefonat ist ja bereits ein paar Stunden her. Er griff zum Handy und wählte ihre Nummer.
Kaum war Samuel nach Hause gekommen, hatten er und Grace ihre Unterhaltung vom Mittag fortgesetzt. Sie drehten sich immer wieder im Kreis, ohne eine Lösung für ihr Problem zu finden.
»Was genau hat er heute Morgen noch mal zu dir gesagt?«, Samuel wurde etwas ungeduldig. Grace schien sich nicht wirklich an den Wortlaut des Gesprächs erinnern zu können.
»Es war so was wie: ›Ich werde ohnehin nicht mehr lange hier sein, ich habe nichts zu verlieren‹, oder so ähnlich.«
»Ich werde nicht mehr lange hier sein? Er hat also gar nicht gesagt, dass er krank ist?«
»Nein, so ganz deutlich, glaube ich, hat er das vielleicht nicht gesagt. Ganz sicher bin ich mir nicht. Aber ich habe es so verstanden, dass er bald sterben würde. Was könnte er auch sonst gemeint haben?«
»Keine Ahnung, vielleicht will er auswandern. Irgendwohin, wo ihn niemand findet.«
Grace stand auf und ging im Wohnzimmer hin und her. »Wie auch immer, wir werden das jetzt nicht herausfinden. Wir können ihn ja schlecht danach fragen.«
»Was habt ihr denn vereinbart? Ich meine, wann wird er sich wieder melden? Bisher hat er ja nur die Summe genannt, aber nicht die Modalitäten der Übergabe.«
»Er hat gesagt, er wird sich wieder melden, mehr nicht.«
»An diesem Telefon?« Samuel deutete mit der Hand auf den Apparat, der auf einem kleinen Beistelltisch im Wohnzimmer stand.
»Ja, natürlich an diesem Telefon, wo denn sonst?«, Grace setzte sich auf das Sofa. Sie saß am äußersten Rand, so als wolle sie gleich wieder aufstehen.
»Aber wann er noch mal anruft, hat er nicht gesagt?«
»Nein, er hat gleich wieder aufgelegt. Das Gespräch war sehr kurz.
Sam, ich habe dir das doch alles schon erzählt. Es wird nicht besser, wenn du mich immer wieder fragst.«
Samuel war nach einem Schnaps zumute, aber er wollte einen klaren Kopf behalten. Sie mussten nachdenken. Grace war wieder aufgestanden und stellte sich nun hinter den großen Sessel.
»Also Grace, ich denke, du hast es heute Mittag schon richtig gesagt: Wir zahlen ihm die Summe und hoffen, dass er sich dann nicht mehr meldet. Sollte das nicht aufhören, können wir immer noch die Polizei einschalten und sagen, dass er uns wegen etwas anderem erpresst hat.«
»Wegen was denn?«
»Irgendwas Privates. Ein Seitensprung oder so was. Da fällt uns schon was ein. Die Polizei würde ohnehin eher uns als ihm glauben. Da kann er erzählen was er will. Immerhin ist er ein Mörder!«
»Und wenn sie das ganze Verfahren noch mal aufrollen? Wenn er ihnen die Wahrheit sagt? Wenn er Beweise hat?«
»Er wird keine Beweise haben. Damit hätte er sich ja selbst in Gefahr gebracht.«
»Aber das …«
In dem Moment klingelte das Telefon. Der Ton war so laut, dass beide erschreckt zusammenfuhren.
»Vielleicht ist er das?«, fragte Grace ängstlich. Sie sah Samuel hilfesuchend an, nahm dann aber selbst den Hörer ab.
»Shoemaker.«
»Wie schön, Frau Shoemaker, Ihre Stimme wieder zu hören!«
Graces’ Knie wurden weich. Es war der Killer. Sie atmete tief durch, während er weitersprach.
»Das Treffen ist morgen um 20 Uhr. Den Ort erfahren Sie noch.«
»Morgen? Bis dahin können wir das Geld niemals besorgen … Hallo? Hören Sie …«
Aber der Killer hatte schon aufgelegt.
»Mist«, sagte Samuel und nahm Grace den Hörer ab, um ihn wieder auf die Gabel zu legen. »Morgen schon. Wie sollen wir bis dahin so viel Bargeld auftreiben?«
»Wie viel können wir denn abheben? Weißt du das?«, fragte Grace.
»So genau nicht, ehrlich gesagt. Grundsätzlich hätten wir natürlich genug Festgeld, das wir abheben könnten, aber ich kann doch nicht zur Bank gehen und sagen: Bitte zahlen Sie mir 100.000 Dollar aus. Damit macht man sich heutzutage doch verdächtig!«
»Aber meinen Saab haben wir doch auch in bar bezahlt. Kannst du nicht sagen, dass du das Geld für ein Auto brauchst?« Grace war nun wesentlich ruhiger geworden. Jetzt gab es ein konkretes Problem zu lösen und sie konzentrierte sich ganz darauf.
»100.000 für einen Autokauf in bar? Meinst du, die glauben mir das?«
»Und was ist mit den Kreditkarten? Wie viel Geld kann man denn vom Automaten abheben?«
»Das kommt darauf an. Meistens ist das ganz wenig. Warte, ich hole mal die Unterlagen.«
Fast bis Mitternacht saßen die beiden über ihren Akten und studierten Kreditkartenbedingungen, Konten und Geldanlagen. Samuel hatte eine Platin-Kreditkarte mit einem täglichen Limit für Bargeldauszahlungen von 2.500 Dollar und eine weitere Kreditkarte mit einem Limit von 500 Dollar. Graces’ Karte hatte dagegen nur ein tägliches Limit von 400 Dollar. Würden sie sich das Geld am Automaten holen wollen, müssten sie einen ganzen Monat lang jeden Tag dieses Limit ausschöpfen. Das ergab keinen Sinn, zumal sie sich damit wahrscheinlich verdächtig machten oder die Auszahlung irgendwann gesperrt wurde. Es blieb also nur der Weg über die Filialen. Jeder von ihnen hatte ein eigenes Konto, jedoch bei unterschiedlichen Banken. Auf einem Konto gingen die Gehälter von Samuel ein, auf dem anderen Konto die Dividenden und sonstigen Erträge aus dem Kapitalvermögen von Grace. Nach einigen Stunden hatten sie einen Plan gefasst. Beide würden morgen zu ihrer Bank gehen und eine Auszahlung von 50.000 Dollar für einen Autokauf beantragen. Das war der einzige Weg. Und das war ja auch eigentlich ganz einfach. Mit diesem Gedanken gingen sie schlafen.
»Sam«, sagte Grace, als beide nebeneinander im Bett lagen.
»Ja?«
»Gehen wir morgen gemeinsam zur Übergabe?«
Samuel richtete sich auf.
»Nein, Grace. Lass mich das alleine machen. Es ist zu gefährlich, wenn wir zusammen hingehen.«
»Warum sollte das gefährlicher sein, als wenn du alleine bist?«
»Wenn etwas schiefgeht, dann wäre es gut, wenn einer von uns in Sicherheit ist und im Notfall Hilfe holen kann.«
»Glaubst du denn, dass was schiefgehen könnte?«, in Graces’ Stimme war leichte Panik zu hören. Sie hatte sich jetzt auch aufgesetzt.
»Nein, ich denke nicht, Grace. Aber nur für den Fall, dass es eben nicht so läuft wie gedacht.«
»Du meinst, wenn du am Abend nicht wiederkommst?«, Grace sprach ganz leise.
Samuel musste sich eingestehen, dass es genau das war, woran er gedacht hatte. Was wäre, wenn der Killer ihn kidnappen würde? Oder töten?
»Ja, dann solltest du zur Polizei gehen«, sagte er ruhig.
»Ich weiß wirklich nicht, wie ich das alles aushalten soll.«
»Du wirst es aushalten. Es bleibt uns ja nichts anderes übrig.«
Bill war beschwingt, als er die Tür zu seiner Wohnung aufschloss. Er hatte den Shoemakers einen ordentlichen Schrecken eingejagt, das konnte man deutlich spüren! Alleine deswegen hat sich die Aktion schon gelohnt. Und die 100.000 Dollar würde er noch zusätzlich bekommen. Er legte die Post auf den Küchentisch und ging zum Kühlschrank, um sich ein Bier zu holen. Seine Wohnung war geräumig und modern. Nicht vergleichbar mit der Villa von Shoemakers, aber durch harte Arbeit hatte er es doch zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Er trank das Bier direkt aus der Flasche. Nach dem ersten Schluck fühlte er sich noch besser und öffnete mit der Hand die beiden Umschläge, die er in seinem Briefkasten gefunden hatte. Im ersten steckte eine Rechnung. Eine Mahnung, genauer gesagt. Er legte sie zur Seite und fragte sich, wann er wohl aufhören würde, solche Briefe zu beachten. Noch würde er die Rechnungen wohl zahlen müssen, da ja niemand so genau sagen konnte, wie lange er noch leben würde. Der zweite Brief war handgeschrieben. So etwas hatte er seit vielen Jahren nicht mehr bekommen. Er nahm einen weiteren großen Schluck von seinem Bier und fing an zu lesen.
»Lieber Herr White,
wir sind uns noch nicht begegnet, aber ich habe gestern Ihre Adresse vom Jugendamt erhalten. Mein Name ist Anna Nolan und ich bin Ihre leibliche Tochter, die Sie vor 17 Jahren zur Adoption freigegeben haben. Bitte machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe keinerlei Forderungen an Sie und möchte Ihnen auch keine Vorwürfe machen. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass es mir gut gegangen ist bei meiner Pflegefamilie. Ich habe alles gehabt, was man sich wünschen kann. Ich werde dieses Jahr die High School abschließen und habe dann vor, Jura zu studieren. Wenn Sie – so wie ich – auch neugierig sind und mir einen Brief zurückschreiben oder ein Treffenmit mir vereinbaren wollen, würde ich mich sehr freuen. Wie gesagt, Sie haben nichts zu befürchten. Es würde mir nur darum gehen, Sie einmal kennenzulernen. Anbei meine Adresse, E-Mail und Telefonnummer.«
Aus dem Briefumschlag fiel ein Passfoto, das ein hübsches junges Mädchen zeigte. Hellbraune, lange Haare. Ein rundes, sehr zartes, fast transparentes Gesicht. Bill starrte das Bild an. Hatte sich hier jemand einen Scherz erlaubt? Konnte das wirklich seine Tochter sein? Aber warum hieß sie Anna? Sie hatten das Baby doch anders genannt. Er dachte nach. Wie war der Name noch? War das wirklich 17 Jahre her? Er hatte die Existenz dieses Mädchens vollkommen aus seinem Gedächtnis verbannt. Aber in der Tat, das Alter konnte ungefähr stimmen. Er hatte nie Kinder gewollt und das schreiende Knäuel war ihm auch irgendwie fremd geblieben. Aber Jo hatte es abgöttisch geliebt. Aber dann hatte sie diesen Unfall und Jo war einfach so von einem auf den anderen Moment tot. Er hätte das Knäuel nicht behalten können. Auf keinen Fall. Auch das Jugendamt war gar nicht überrascht, dass er das Baby zur Adoption freigab. In den Monaten danach hatte er manchmal an sie gedacht. Hatte sich gefragt, was aus dem Baby geworden war. Aber es war noch so klein, es hatte für ihn kein Gesicht und keine Eigenschaften. Außer an das ständige Schreien konnte er sich an nichts erinnern.
Er konnte nicht glauben, dass der Brief wirklich von diesem schreienden Bündel gekommen war. Er wollte auch nicht an diese Zeit zurückdenken. An Jos Tod und die Betäubung, die er im Alkohol und später auch in LSD gesucht hatte. Sie waren gerade dabei gewesen, sich ein gemeinsames Leben aufzubauen.
Kurze Zeit nach Jos Tod hatte er seinen ersten Auftrag angenommen. Damit war er zum Herren über Leben und Tod geworden. Aber auch das konnte ihm Jo nicht zurückbringen. Nach der ersten Tat hatte er sich nur noch einsamer und trauriger gefühlt. Und dennoch war das Töten so einfach gewesen. So erschreckend einfach. Immerhin war das Baby dann bald weg. Er war erleichtert gewesen, als er es abgeben konnte. Er hatte nicht wissen wollen, wer die Pflegeeltern waren und wo sie wohnten. Aber er konnte sich vage erinnern, dass das Jugendamt ihn informiert hatte, dass das Mädchen ab einem bestimmten Alter das Recht hätte, seinen Namen zu erfahren, sofern sie das wünschte. Damals schien das noch so ewig lange hin zu sein. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es jemals passieren würde.
