Beschreibung

Ein mitreißendes historisches Epos aus dem Ende der Wikingerzeit.

Handelsstadt Haithabu 1047: Die junge Ingunn schwärmt leidenschaftlich für den wenig älteren Torge, der aus England nach Dänemark gekommen ist. Hier beansprucht Torge eine Erbschaft, und hier bereitet er sich auf eine Zukunft als Krieger in Diensten des englischen Königs vor. Torges älterer Bruder Jon hingegen schätzt Verhandlungsgeschick mehr als Kriegslust. Um Torge zu beschützen, und obwohl er sich mittlerweile selbst in Ingunn verliebt hat, kehrt Jon jedoch mit seinem Bruder nach England zurück. Ingunn bleibt in ihrer geliebten Heimat. Und dann überfallen die Norweger Haithabu ...

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Seitenzahl: 1058

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1044: Die Handelsstadt Haithabu ist ein Schmelzofen der Kulturen und Religionen. Dort wächst die vierzehnjährige Ingunn behütet in der Familie eines Fernhändlers auf. Leidenschaftlich schwärmt sie für den wenig älteren Torge, der aus England nach Dänemark gekommen ist, um eine Erbschaft zu beanspruchen. Doch Torge bereitet sich begeistert auf eine Zukunft als Krieger in Diensten des englischen Königs vor. Torges älterer Bruder Jon, der Verhandlungsgeschick höher schätzt als Kriegslust, verliebt sich seinerseits in Ingunn. Um Torge zu beschützen, kehrt er dennoch mit ihm nach England zurück. Ingunn bleibt in der geliebten Heimat, doch schon wenig später verwickelt ein Überfall der Norweger sie in blutiges Kampfgeschehen. Ein Teil von Haithabu wird niedergebrannt, Ingunns Mutter getötet. Doch Ingunn lässt sich nicht unterkriegen. Gemeinsam mit ihrem erblindeten Vater rettet sie das eigene Handelsgeschäft und wird selbst zu einer angesehenen Händlerin. Dann begegnet sie Jon wieder, und obwohl sie sich noch immer an Torge gebunden fühlt, kann sie die zunehmende Anziehung nicht leugnen, die Jon auf sie ausübt. Die Umwälzungen im Land reißen die beiden jedoch bald wieder auseinander. Und dann wird Haithabu erneut überfallen. Alles deutet auf Verrat hin, und Ingunns Freunde und Familie schweben in großer Gefahr …

Informationen zu Martha Sophie Marcus

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

MARTHASOPHIEMARCUS

Herrin des Nordens

Historischer Roman

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1. Auflage

Originalausgabe Februar 2016

Copyright © 2015 by Martha Sophie Marcus

Copyright © dieser Ausgabe 2016

by Wilhelm GoldmannVerlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der

Autoren- und Verlagsagentur Peter Molden, Köln.

Gestaltung des Umschlags: UNO Werbeagentur München

Umschlagfoto: © FinePic®, München

Redaktion: Eva Wagner

Karte: Peter Palm, Berlin

BH · Herstellung: Str.

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-17386-9V001

www.goldmann-verlag.de

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Haithabu!

Mein Herz füllt sich mit Wehmut, wenn ich an dich denke. In dir pulste der Menschheit Begehren, ihr Lieben und Leiden.

Du warst ganz unser: eine Stadt der alten Götter.

Ich sehe dich noch vor mir: wie du strahltest, in den Tagen, in denen Odin mich zu dir schickte, damit ich meinen ewigen Auftrag erfüllte.

Bitter schmeckte mir mein Werk. Erst heute fühle ich den Trost, der darin lag.

Mein Name ist Munin– Erinnerung.

Im Anhang dieses Buches finden Sie eine Liste der fiktiven und historischen Personen und ein Glossar der im Roman verwendeten ungewöhnlichen Begriffe und Ortsnamen.

Prolog: 1026

Wenn man aus großer Höhe auf die Stadt hinabblickte, wirkte Haithabu unbedeutend. Wie in einer flachen Schale aus Sand und Gras lag der Handelsplatz mit seinem Schutzwall in einer Gegend, die auf den ersten Blick keine Reichtümer versprach. Allenfalls die Fischer holten hier reiche Beute aus dem angrenzenden Noor und der Schlei – dem langen, schlanken Arm der Ostsee, der zum Hafen von Haithabu führte. Kaum siebenhundert Schritte musste man gehen, um die Siedlung auf dem Hauptweg zwischen ihren beiden Toren von Nord nach Süd zu durchqueren.

Munin hatte die Siedlungen der Griechen und Römer mit ihren prächtigen Bauten aus Stein in der vollen Blüte ihrer Macht gesehen. Die Erbauer dieser Städte hatten sie für eine Zeitspanne errichtet, die sie mit dem begrenzten Vorstellungsvermögen der Sterblichen für die Ewigkeit hielten.

Haithabu hingegen war von Menschen erbaut worden, die sich damit abfanden, dass alles vergänglich war.

Was nicht hieß, dass sie keine Sorgfalt walten ließen. Die Lage der Stadt, ihr durch Palisaden geschützter Hafen, die Wege aus Holzbohlen, die Brunnen, Werkstätten und Lagerhäuser waren wohldurchdacht.

Zwischen den Meeren lag der Ort: wie ein starkes Herz, das beiden diente– der Ostsee und der Nordsee. Der größte Teil aller Güter und Reisenden, die auf dem Seeweg von Ost nach West und von West nach Ost unterwegs waren, verweilte in Haithabu. Von der Ostsee her führte die Schlei als gut schiffbarer Wasserweg hierher, von der Nordsee aus die Flüsse Eider und Treene bis nach Hollingstedt. Auf dem unbequemen Landweg galt es nur das kurze Stück zwischen Hollingstedt und Haithabu zu überwinden, dann hatte man sich den langen, gefährlichen Seeweg um Dänemark herum erspart.

Doch auch der alte Ochsenweg, der die südlich gelegenen Länder der Franken, Sachsen und Slawen mit dem dänischen Norden verband, verlief unweit des Handelsplatzes und machte ihn damit zu einer Kreuzung für Warenströme aus allen Richtungen. Pelze und Seehundhäute, Walfett und Schleifsteine, geraubte Menschen, Wein, Töpferwaren, Goldschmuck und Silber… Es gab wenig, was nicht in Haithabu gehandelt wurde.

Jedermann wusste also, wie wichtig die Stadt war. Dennoch würde das Holz der Wege, Stege, Zäune und Wände, wie es einst aus der Erde gewachsen war, so auch wieder in der Erde versinken und vergehen.

»Sein Schicksal kenne keiner voraus,

So bleibt der Sinn ihm sorgenfrei.«

So lautete Odins Rat, und Munin ging er oft durch den Sinn.

Gut war es, dass die Kaufleute, Weberinnen und Fischer, die Seefahrer, Holzschnitzer und Goldschmiedinnen von Haithabu ihre Zukunft nicht kannten.

Er ließ sich tiefer herabsinken, bis er einzelne Schilfhalme auf den rauchverhüllten Reetdächern unterscheiden konnte. Dann folgte Munin einem jungen Mann zum Hafen, von dem er wusste, dass er Sigmund hieß, ohne dass er ihn danach hätte fragen müssen.

Sigmund feierte an diesem Tag aus mehreren Gründen, und er hatte bereits bei Tagesanbruch damit angefangen. Die Planken des Bootsanlegers schwankten daher bedenklich unter seinen Füßen, als er sie betrat. Doch er tröstete sich damit, dass er in seinem Leben schon stärker berauscht gewesen war, ohne zu stürzen. Im Gedränge der Schaulustigen, die sich auf der breiten Schiffslandebrücke versammelt hatten, suchte er nach dem besten Platz, von dem aus er das Geschehen auf dem benachbarten Anleger verfolgen konnte.

Er war hochgewachsen und kräftig und trug voller Stolz die Waffen, die er von seiner ersten großen Schlacht mit in die Stadt gebracht hatte. Seine Erscheinung flößte Respekt ein, deshalb wichen ihm weniger angesehene Männer, Weiber und Gesinde aus. So fiel es ihm leicht, bis zur Kante des Steges vorzudringen, von wo er freie Sicht über das Wasser hatte.

Die Spätsommersonne schien ihm warm in den Nacken und beleuchtete das Gefieder der Möwen, die kreischend über dem Noor dahinjagten oder auf den Pfählen der Anleger hockten und auf Abfälle lauerten. Einen auffälligen Gegensatz zu ihrem blendend hellen Weiß bot ein Rabe, der sich auf einem Schiffsmast niedergelassen hatte.

Doch an diesem Tag gab es hier weit Aufregenderes zu sehen als hübsche Farbenspiele.

Wie alle anderen richtete Sigmund seine Aufmerksamkeit auf das gewaltige Kriegsschiff mit dem vergoldeten Drachenkopf, das nicht am breitesten, sondern am längsten Anleger Haithabus festgemacht hatte. Es gehörte König Knut, Knut dem Großen, Knut dem Siegreichen, in dessen Schlacht gegen die Norweger und Schweden auch Sigmund Ruhm erworben hatte. Und beim Ruhm allein ließ Knut es nicht bewenden. Er hatte Sigmund mit der Großzügigkeit eines wahren Königs für seine Dienste entlohnt. Perlenschmuck, Silbermünzen und ein schön verziertes Trinkhorn hatten den Weg in sein Haus gefunden und seine Frau beglückt, die ihm in seiner Abwesenheit nicht nur das Geschäft geführt, sondern auch einen zweiten Sohn geschenkt hatte. Sein Zweitgeborener war ein rotwangiges Kerlchen und ein ebenso guter Grund zu feiern wie die gewonnene Schlacht, Knuts Gunst und der Ruhm.

Auf dem Anleger des königlichen Schiffes hatten Knuts Gefolgsleute einen Sockel für seinen mit Pelzen bedeckten Hochsitz errichtet. Jeden Augenblick würde der König das Gespräch beenden, das er auf seinem Schiff führte, und den Hochsitz besteigen. Etliche Bewohner von Haithabu sahen diesem Moment weniger freudig entgegen als Sigmund, wusste er.

Im Vorfeld der Schlacht hatte in der Stadt ein Verrat seinen Ursprung genommen, den Knut nicht ungestraft lassen würde. Ulf Thorgilsson, der Mann, den er als Verwalter Dänemarks eingesetzt und zum Ziehvater seines Sohnes Hardeknut ernannt hatte, hatte sich mit anderen einflussreichen Männern verschworen, um hinter seinem Rücken die Thronfolge zu ändern. Statt dankbar dafür zu sein, dass ein erhabener Mann wie Knut als König über sie herrschte, auch wenn er selten im Land weilte, hatten sie den kaum achtjährigen Hardeknut zum König erklärt. Nur eine vorgezogene Thronfolge sei es, rechtfertigten sie sich. Doch jedem denkenden Dänen war klar, dass sie in Wahrheit die Macht und Entscheidungsgewalt für sich selbst wollten.

Einige von ihnen mochten in dem Glauben gehandelt haben, dass sie auf diese Weise den häufigen Angriffen der Norweger und Schweden besser gewachsen sein würden. Doch ob Knut das bei allen Verschwörern als mildernden Umstand gelten lassen würde, so wie er es bei seinem Schwager Ulf Thorgilsson getan hatte, musste sich an diesem Tag erst noch zeigen.

Gerade schien Knut sich vom Gespräch abzuwenden und dem Hochsitz zuzustreben, da kündigten Geschrei an der Hafensperre und der Klang eines Horns die Ankunft eines weiteren Schiffes an. Für einen Augenblick waren die Schaulustigen abgelenkt und blickten dem Neuankömmling entgegen. Doch die dickbäuchige Knorr, die sich träge den Anlegern näherte, entpuppte sich als gewöhnliches Handelsschiff und fesselte ihre Aufmerksamkeit nicht lange.

Nur Sigmund und die neben ihm Stehenden beschäftigten sich notgedrungen mit dem Schiff, da der Steuermann an dem freien Liegeplatz direkt vor ihren Füßen anlegen wollte. Einer der Männer, die sich so wie Sigmund gute Plätze am Rand des Steges erobert hatten, machte sich zum Wortführer des Protests.

»Nicht hier, Skipp!«

»Ich lege an, wo ich immer anlege.«

»Bist du blind? Siehst du nicht, dass du uns die Sicht nimmst? Hau ab!«

»Ihr könnt mich …«

»Gleich komme ich dir auf deinen lecken Kahn, du Ochse! Mach näher zum Ufer hin fest!«

»Die Seestute war noch nie leck. Und weißt du, warum? Weil ich fahre, wo ich immer fahre, und anlege, wo ich immer anlege. Hör auf zu jaulen! Ihr Gaffer werdet schon genug sehen, auch wenn ihr dabei meinen Mast bewundern dürft.«

Bei diesen Worten schlangen schon zwei seiner Männer Taue zum Festmachen um die Pfosten des Anlegers.

»Dein Mast wird mein Beil zu schmecken bekommen, wenn du nicht wieder losmachst und dir einen anderen Platz suchst.« Drohend zog der Mann auf dem Steg sein Beil aus dem Gürtel. Seine beiden Freunde taten es ihm nach, wenn auch zögerlicher.

Sigmund fürchtete sich nicht vor Schlägereien, doch an diesem Tag missfiel ihm der Gedanke, in eine hineingezogen zu werden. Er war angefüllt mit Jubel und Met und wollte auf keinen Fall Knuts Rechtsprechung verpassen.

»Beruhigt euch. Was hältst du davon, Skipp, wenn du uns auf deine feine Knorr einlädst? Dann können wir alle gemeinsam mit freiem Blick sehen und anhören, was unser großer König Knut da drüben verkündet. Anschließend werde ich mir gern von dir zeigen lassen, was du Gutes mitgebracht hast.«

Der Eigentümer der Knorr musterte ihn und die anderen Männer misstrauisch. »Ich bin unter Knuts Schutz hergekommen, und er wird nicht zulassen, dass mein Schiff oder ich hier zu Schaden kommen. Das solltet ihr bedenken, falls ihr vorhabt, meine Gastfreundschaft zu missbrauchen. Wenn ihr euch aber verhalten wollt wie Gäste, dann seid willkommen an Bord.«

Wären die Männer auf dem Steg streitlustig gewesen statt nur erbost, wäre Sigmund mit seinem Vorschlag auf taube Ohren gestoßen. Doch auch ihnen war mehr daran gelegen, Knuts Auftritt zu beobachten, als Händel auszutragen. So nahm ein Dutzend von ihnen das Angebot an und stieg auf die Knorr hinüber, während die hinteren Zuschauerreihen an den Rand des Steges vorrückten.

Sigmund kam neben einem blassen, mageren Mann zu stehen, der seinen dunklen Bart zum Zopf geflochten und die Haare im Nacken zusammengebunden hatte. Mit der linken Hand hielt er ein Bündel fest, das vor ihm auf der Bank lag, mit der rechten den Arm eines kleinen Knaben, der nicht mehr als sechs Winter erlebt haben konnte und müde aussah. Die Art, wie der Mann seinen Blick über die Anleger, das Noor und die Stadt schweifen ließ, verriet Sigmund, dass er Haithabu nicht kannte und gerade erst angekommen war.

Er nickte dem Fremden zu. »Willkommen in Haithabu, dem süßen Heidebett zwischen den Meeren. Ich bin Sigmund Bjarnesson und besitze ein Haus in dieser Stadt. Was führt dich her?«

Der Angesprochene zog das Bündel und den Knaben kaum merklich näher zu sich heran und sah Sigmund mit zusammengekniffenen Augen an. »Ingolf ist mein Name. Ich habe mein Haus in Daugmale am Lauf der Daugava durch einen Brand verloren. Meine Reise soll mich in eine neue Heimat führen. Die Götter allein wissen, wo ich mein Bündel am Ende niederlegen werde.«

»Wer weiß, vielleicht haben sie dich schon ans Ziel geführt? Und ist das dein Sohn, den du bei dir hast? Sieht aus, als wäre er ein kräftiger Knabe. Wünsch mir Glück, dass die meinen ebenso gut gedeihen. Gerade habe ich meinen zweiten bekommen.«

»Mögen sie dir erhalten bleiben. Die Söhne eines Mannes sind sein höchstes Gut.«

»Da sprichst du die Wahrheit. Aber nun verzeih, ich möchte hören, was Knut gleich sagt.«

Knut hatte sich auf seinem Hochsitz niedergelassen und hob beide Hände, um die Menge zum Schweigen zu bringen. Er gab ein prachtvolles Bild ab, mit dem pelzgesäumten Schultermantel über seinem Kettenhemd und einem goldgeschmückten Helm auf dem Haupt. Sigmunds Herz schlug schneller vor Stolz auf seinen König, der sich nicht nur Herrscher von Dänemark, sondern auch von England und Norwegen nennen konnte. Niemandem zuvor war das gelungen.

Er stimmte in den Jubel ein, mit dem die meisten Bewohner der Stadt Knut begrüßten, bevor sie ihn zu Wort kommen ließen.

Sogar auf die Entfernung erkannte Sigmund, dass Knuts Miene keine Freude über den Jubel zeigte. Streng befahl er den Leuten mit einer Geste, zur Ruhe zu kommen.

»Würdet ihr mich alle so lieben, wie ihr vorgebt, dann wäre es nicht so weit gekommen, dass ich hier mit Groll im Herzen sitzen muss. Ich habe wieder einmal eine Schlacht für euch gewonnen. Eure Häuser sind sicher. Eure Schiffe sind sicher. Eure Kinder und Weiber sind sicher. Das sind sie, weil ich mit den Leibern unserer Feinde die Adler gefüttert habe. Ich bin euer König, und ich habe euch beschützt. Beschützt, obwohl einige von euch sich in ihrer Undankbarkeit zum Verrat gegen mich verschworen haben! Ihr glaubtet, es würde mich täuschen, dass ihr meinen unreifen Sohn an meiner statt zum König wähltet. Doch es stimmt mich nicht milde, dass ihr den Knaben benutzen wolltet, um eure Machtgelüste zu stillen. Nur eines gibt es, das mich gnädig stimmt: Viele von euch Verschwörern haben in den letzten Tagen an meiner Seite gekämpft. Deshalb werde ich euch nicht das Leben nehmen. Ihr werdet vortreten, wie ihr aufgerufen werdet, und eure Strafe oder euren Lohn entgegennehmen, wie es euch gebührt.«

Nach dieser Rede strengte Knut seine Stimme nicht weiter an. Einen nach dem anderen ließ er die Männer vortreten, mit denen er etwas abzurechnen hatte. Einer seiner Vertrauten rief die Urteile laut aus, die Knut über sie sprach. Jeder wurde nach seinem Vermögen befragt und musste von seinem Reichtum abgeben, wenn er zu den Verschwörern gehörte, oder bekam Geschenke, wenn er zu den treuen Männern zählte.

Große Mengen von Gütern wurden an diesem Nachmittag umverteilt, und Sigmund prägte sich ein, wer in Zukunft ein reicher Mann sein würde, der es vorher nicht gewesen war.

Er spürte, wie die Spannung unter den Zuschauern anstieg. Knut hatte mit den unbedeutenderen Männern begonnen und hob die wichtigen bis zum Schluss auf. Gerade wurde der reiche Ketill aufgerufen, der sich mit seinen Männern in der Schlacht besonders hervorgetan hatte, obwohl er nicht mehr der Jüngste war.

Aufgeregt stellte Sigmund sich auf die Zehenspitzen. Er hatte für Ketill nicht viel übrig, dennoch war er neugierig auf dessen Belohnung. Sein neuer Bekannter Ingolf trat mit seinem Sohn näher an die Reling und neigte sich vor, als interessiere Ketill auch ihn mehr als die anderen zuvor. »Wer ist der Mann?«, fragte er.

»Ketill aus Thumby in Schwansen.«

»Ein Wikinger.«

Es war eine verächtliche Feststellung. Ingolf hatte recht damit, dennoch fühlte Sigmund sich verpflichtet, das abfällige Urteil abzumildern. Immerhin würde der König den Räuber Ketill gleich für ehrenhafte Verdienste auszeichnen.

»Ein Mann, der sich nicht scheut, sein Schwert zu benutzen, und der eine Horde von rauen Gefolgsmännern um sich geschart hat.«

»Das weiß ich, denn ich bin ihm schon einmal begegnet.«

Sigmund musterte Ingolf und erkannte, dass die Begegnung unerfreulich gewesen sein musste. Eine Antwort gab er ihm nicht, denn nun überreichte einer aus Knuts engstem Gefolge Ketill ein goldenes Schmuckstück, während der andere verlas, welche Güter ihm außerdem zugesprochen wurden. Anschließend hob Ketill das prunkvolle Trinkhorn, das man ihm reichte, trank auf den großen König Knut und war um viele Kühe, Schafe und eine Schiffsladung Eisen reicher.

Dieser Reichtum würde ihm nicht genügen, wusste Sigmund. Ketill würde niemals das Gefühl haben, genug zu besitzen. Nur seiner eigenen Sippe gegenüber war er großzügig. An ihm wollte Sigmund sich kein Beispiel nehmen, wenn er eines Tages zu dem Wohlstand käme, den er sich erträumte.

Eine kalte Böe fuhr ihm unter sein Wams. Der Wind frischte auf, und am Himmel zogen sich rasch Wolken zusammen. Ingolf zupfte den Umhang seines Sohnes zurecht, um das Kind besser vor dem kalten Wind zu schützen. Der Kleine lehnte den Kopf gegen das Bein des Vaters und schloss die Augen.

Knut ließ den nächsten Verräter vortreten, und dieser war der Erste, der den König ansprach, bevor er angesprochen wurde.

»Mein König, wie kannst du uns dafür verurteilen, dass wir den dänischen Thron für deinen Nachkommen retten wollten?«

Der Himmel verdunkelte sich, und das Wasser des Hafens wurde unruhig. Sigmund spürte einen ersten Regentropfen auf der Wange und verschränkte seine Arme gegen die Kälte.

Der Sprecher wartete ab, bis das Hohnlachen auf dem langen Anleger verklungen war, bevor er weitersprach. »Dir diese Wahrheit ins Gesicht zu sagen scheuen sich deine Freunde, Knut. Aber von mir sollst du sie hören: Du hast dir ein Reich erschaffen, über das du nicht herrschen kannst! Die Dänen brauchen einen König, der nicht im fernen England weilt, sondern das Ruder im eigenen Land in die Hand nimmt, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen.«

Das übliche Gemurmel der Menschmenge verstummte, als würden alle den Atem anhalten. Sigmund sah, wie Knut und die Männer seines engsten Kreises sich versteiften und den Sprecher anstarrten. Sigmund kannte ihn nicht, doch seiner Erscheinung nach war er ein Jarl von hohem Stand.

Knut erhob sich und verschränkte die Finger, wie Sigmund es bei manchen betenden Christen gesehen hatte. Doch schien der König keinesfalls zu beten, sondern die doppelte Faust zum Schlag bereit zu machen. Aus voller Höhe blickte er auf seinen Gegner hinab.

Donner grollte, und mehr Regentropfen trafen Sigmunds Gesicht. Er fragte sich, ob es der große Donnerer Thor war, der Knuts Zorn teilte, oder der Christengott, den der König verehrte.

»Stolz erwarte ich von den Dänen dafür, dass ich das Reich groß gemacht habe. Nicht dass sie sich kleinherzig und feige benehmen und mir in den Rücken fallen! In meiner Heimat!« Der König brüllte die Worte so laut, dass er einen roten Kopf bekam. Seine Fäuste waren nun jede für sich geballt. »Du kannst von Glück sagen, dass ich Ulf auf dem Schlachtfeld Gnade für euch Verräter versprochen habe. Sag mir, was du besitzt!«

Der zurechtgewiesene Jarl stand trotz der königlichen Wut noch aufrecht, wofür Sigmund ihm bei aller Abneigung Achtung zollen musste. Mit gleichmäßiger Stimme nannte er zwei stattliche Höfe in Jütland, ihren Viehbestand, ein Drachenschiff und einige Schätze mehr.

Statt die Bemessung der Strafe wie bisher einem seiner Berater zu überlassen, zeigte Knut auf den Jarl. Noch immer wirkte er, als wollte er am liebsten mit Fäusten auf ihn losgehen.

»Alles, was du besitzt, wirst du an mich zahlen. Als armer Mann wirst du dir weniger Sorgen darum machen, ob der König rechtzeitig eintrifft, um dein Land zu verteidigen.«

Das ausbrechende Geraune verriet, wie die Gefühle der Menge aufwallten.

»Mein König, du solltest dich daran erinnern, wer dir nach dem Tod deines Vaters Schutz bot und dich mit dem Reichtum ausstattete, der es dir erst erlaubte, die englische Krone für dich zu gewinnen. Das waren Dänen wie ich! Angesehene Männer des Landes. Auch mein Vater gehörte zu denen, die Geld für deine Flotte beisteuerten. Dankst du ihm das damit, dass du mich nun zum Bettler machst?« Nun zitterte die Stimme des Jarls doch, auch wenn er noch klar zu verstehen war.

Knut setzte sich langsam wieder auf seinen Hochsitz. »Ein angesehener Mann bist du also? Wie kann ein Mann das sein und gleichzeitig ein Verräter? Wir wollen sehen, was mehr Gewicht hat. Ich hatte dein Wergeld noch nicht zu Ende aufgeführt. Zusätzlich zu allem, was du besitzt, verlange ich einen Krug voll Silberdenare. Hier und jetzt. Wenn du so ein angesehener Mann bist, wie du glaubst, wirst du wohl genug Fürsprecher finden, die dir den Krug füllen.«

Einen Augenblick herrschte Stille, denn die Menge teilte die Fassungslosigkeit des Verurteilten. Dann hörte man von einigen Stellen unterdrücktes Gelächter.

Sigmund war nicht zum Lachen zumute. Er wollte die Verräter gerecht bestraft sehen und bedauerte sie nicht. Dennoch gab die Rede dieses Mannes ihm zu denken, und gewiss nicht nur ihm. Traf Knuts Zorn ihn wegen seiner offenen Worte so viel härter als alle vor ihm?

Wie hätte er einen Krug voll Denare sammeln können? Abgesehen von der Erniedrigung, betteln zu müssen, würde sich jeder, der ihm half, vor Knuts Augen auf die Seite der Verräter stellen. Die Strafe war eine öffentliche Machtprobe, die der König sicher gewinnen würde.

Das war offenbar auch dem verurteilten Jarl klar, der keine Anstalten machte, den leeren Krug zu ergreifen, der ihm hingehalten wurde. »Es gab Zeiten, da musste ein freier Mann in diesem Land nicht fürchten, seine Meinung offen auszusprechen. Nicht ein Einzelner fällte zu jener Zeit die Urteile«, sagte er.

»Es gab Zeiten, da hätte ein freier Mann seine Ehre nicht durch Wortbruch und Verrat verspielt. Du hattest deinem König Gefolgschaft geschworen. Deinem König, nicht seinem Stellvertreter!«, brüllte Knut.

»Meine Treue hätte deinem Sohn gegolten. Zählt das nicht?«

»Ein Krug voll Denare zählt hier und jetzt. Schaff ihn mir herbei.«

»Du weißt, dass ich das nicht kann.«

»Dann wirst du auf die einzige Weise zahlen, die dir noch bleibt. Deine Freiheit scheint einen hohen Wert zu haben. Ob sie einen Krug voll Denare wert ist, werden wir einen Händler fragen, der sich damit auskennt.« Knut wies auf das Schiff eines Sklavenhändlers, das an einem der entfernteren Anleger festgemacht war.

Der Händler musste nicht lange gesucht werden. Auch er hatte das Geschehen verfolgt. Einen Krug voll Denare sei ein Mann nicht wert, wenn niemand bereit sei, ein Lösegeld für ihn zu zahlen, sagte er. Aber er stünde zu Knuts Diensten und würde zahlen, was er könne.

Knut knurrte verächtlich. »Da siehst du, was deine Freiheit der Welt bedeutet. Nimm ihn mit, Kaufmann. Du bezahlst mich durch deine Abgaben.«

Ein erschrockenes Keuchen ging durch die Menge. Diese Wendung hatte niemand vorausgesehen. Unwillkürlich griff Sigmund sich an die Kehle, als läge ein Halseisen darum.

Es donnerte laut. Das Unwetter war herangezogen und hatte den Himmel verdunkelt. Der Regen fiel nun stetig, wenn auch nur als milder Vorbote des Wolkenbruchs, der ihnen drohte. Viele Schaulustige flohen bereits vor dem Unwetter von den Anlegern. Sie würden als letzten Eindruck von Knuts Auftritt den Beweis seiner Härte und Macht im Gedächtnis behalten.

»Ein hartes Urteil«, sagte Ingolf leise, als würde er nur zu sich selbst sprechen.

»Ein mächtiger König darf einen Schwurbruch nicht ungestraft lassen«, entgegnete Sigmund ihm, doch eine Sturmböe riss ihm die Worte vom Mund, sodass er nicht wusste, ob der andere ihn hörte.

Der Eigentümer der Knorr und seine Männer schenkten den Geschehnissen auf Knuts Anleger keine Aufmerksamkeit mehr. Sie taten, was sie auf ihrem Schiff auch auf der Reise tun mussten, wenn ein Sturm über sie hereinbrach. Das Segel und die Planen aus Ziegenhaar, mit denen sie die Waren vor Nässe schützten, wurden festgezurrt. Alles, was Wind oder Seegang hätten davontragen können, verstauten sie. Sigmund wusste, dass die Zuschauer auf der Knorr nur noch im Weg standen, konnte sich aber nicht losreißen.

Ein Blitz tauchte den Hafen für einen Wimpernschlag in unwirkliches Licht. Der zur Sklaverei verurteilte Jarl stand noch immer aufrecht da, sein langes braunes Haar wehte ihm ums Haupt. Mit ausgestrecktem Arm zeigte er auf Knut, dann drehte er sich um sich selbst und schrie seine Wut heraus.

»Ich verfluche euch, eure Stadt und euren überheblichen König! Folgt ihm, und ihr und eure Stadt sollen in Blut und Asche untergehen!«

Donner, Blitz und Sturm vereinten sich mit dem Beginn des erwarteten Wolkenbruchs zu einem lärmenden Getöse. Wer noch ausgeharrt hatte, war bald durchnässt, zog sich sein Wams, die Schürze oder Kapuze über den Kopf und lief zu den Schutz bietenden Häusern. Die wenigsten hörten den Fluch des Jarls.

Sigmund hörte ihn. Und er sah, wie Knuts Wachen den Mann ergriffen und mit sich zerrten.

Er maßte sich nicht an, ein Urteil seines großen Königs infrage zu stellen, und einen solchen Fluch auszusprechen war eine Ungeheuerlichkeit gewesen. Dennoch bedauerte Sigmund den Verurteilten.

Sein neuer Bekannter Ingolf hatte mit seinem Bündel und seinem Sohn den Anleger erklommen, und er folgte ihnen. Für einen Moment verlor Sigmund die beiden dabei aus den Augen. Als er sie wiedersah, knieten sie ein Stück weiter zum Ufer hin am Rand des Steges und starrten in das trübe Wasser des Hafens, während der Regen ihnen den Rücken hinabrann.

Sigmund, der ohnehin bis auf die Haut nass war und sich nicht übermäßig vor Sturm und Blitzen fürchtete, sah keinen Grund, nach Hause zu hetzen. »Ist euch etwas hineingefallen?«, fragte er.

»Der Beutel mit meinem Werkzeug. Das Bündel ist aufgegangen. Ich werde danach tauchen müssen.«

Sein Sohn sah ihn mit großen Augen an. »Aber du kannst nicht schwimmen.«

Ingolf legte dem Kind eine Hand in den Nacken. »Sicher ist das Wasser an dieser Stelle flach, Rolf. Du siehst ja, dass hier keine Schiffe anlegen.«

Sigmund räusperte sich. »Dennoch habe ich einen besseren Vorschlag. Wartet hier. Zwei von den Anlegern werden gerade verlängert, und ich kenne den Mann, der darüber die Aufsicht führt. Er wird mir einen von den Thraellar leihen, die es gewöhnt sind, im Hafenwasser zu arbeiten.«

Ingolf, den es verständlicherweise nicht danach verlangte, im von Kot und Abfällen verschmutzten Hafen zu baden, stimmte zu. Kurz darauf kehrte Sigmund mit einem Thraell zurück, der sich beschreiben ließ, wonach er zu suchen hatte, und dann ins trübe, von Wind und Regen aufgepeitschte Wasser tauchte.

Ob der junge Unfreie gründlich suchte, konnten Sigmund und Ingolf vom Anleger aus nicht feststellen, doch an Eifer ließ er es nicht fehlen. Sicher zehnmal tauchte er auf und wieder unter, ohne das Gesuchte zutage zu bringen.

»Verzeiht mir, Herr, das hier habe ich gefunden. Sonst sind da unten nur Schlamm und Steine.« Zähneklappernd und mit blauen Lippen hielt er ihnen aus dem Wasser eine Fibel ohne Nadel entgegen.

Sigmund brummte unzufrieden, weil er sich gern als Ingolfs Retter erwiesen hätte.

Ingolf jedoch berührte ihn beschwichtigend an der Schulter. »Er hat sein Bestes getan, und du auch. Es ist heute eben kein guter Tag für mich. Ich danke dir für deine Hilfe, aber ich will jetzt lieber den Jungen ins Trockene bringen. Kannst du mir zu einem gastfreundlichen Haus raten?«

Sigmund atmete auf, weil er seine gescheiterte Hilfe nun doch noch gutmachen konnte. »Ihr müsst mit in mein Haus kommen. Es ist groß genug, und mein Weib hat gern Gesellschaft. Um deinen Knaben wird sie sich kümmern wie eine Mutter.«

Ingolf nickte. »Deine Einladung ist großzügig, und ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als sie anzunehmen.«

Sigmund schenkte dem Thraell die zerbrochene Fibel als Lohn für seine Dienste, schickte ihn zurück zu seinem Herrn und eilte mit Ingolf und seinem Sohn Rolf durch den prasselnden Regen zu seinem Haus.

»Was war das für Werkzeug? Welches Handwerk verrichtest du?«, wollte er wissen.

Munin, der bis hierher über Sigmund und seinen Gästen geflogen war, drehte ab. Sein Werk war verrichtet, und er kannte viel mehr Antworten als nur die eine auf Sigmunds Frage.

Goldschmied war Ingolf, und er hatte den Beutel mit seinen schönen Schmuckformen verloren. Munins Zauber verbarg das Verlorene vor suchenden Blicken und tastenden Händen.

Für Ingolf war der Verlust weniger schlimm, als er jetzt glaubte. Denn er würde ohnehin nicht mehr lange Verwendung für Werkzeug oder Goldblech haben. Doch das wusste er noch nicht, und Munin würde schweigen.

»Sein Schicksal kenne keiner voraus.

So bleibt der Sinn ihm sorgenfrei.«

Buch 1

1

Haithabu, Anfang 1044: Der neue König

Sigmunds Tochter Ingunn warf sich ihren langen, geflochtenen Zopf über die Schulter nach hinten und stieß die Luft aus, sodass sich eine weiße Atemwolke vor ihrem Mund bildete. Sie wäre gern zum Nordtor gelaufen, um nach ihrem Vater und den anderen Männern Ausschau zu halten, die jeden Moment vom Thing zurückkehren mussten. Stattdessen saß sie mit einem plärrenden Quälgeist fest, der mit beiden Händen an ihrer Schürze hing. Kleine Kinder bedeuteten nichts als Ärger und Kummer.

Der dreijährige Eskil war Halbwaise und ein Verwandter ihrer Mutter Godelind. Die hatte sich großmütig angeboten, den Kleinen zu hüten, wann immer sein Vater auf Reisen ging, doch in Wahrheit war es Ingunn, die Eskil überall mit sich herumschleppen musste. Ingunn fand es grausam, dass Godelind ihr diese Aufgabe aufbürdete. Sie war nicht nur lästig, sondern auch schmerzhaft. Erinnerte der Kleine sie doch dauernd an ihre eigenen kleinen Geschwister, die sie alle verloren hatte.

Eskil kümmerte ihre Abneigung gegen das Kinderhüten nicht. Er hing an ihr wie eine Klette in der Wolle. Gerade weinte er, weil er auf den überfrorenen Boden gefallen war und sich dabei die Lippe aufgeschlagen hatte. Etwas zu spät wurde Ingunn klar, dass er neben seinen Tränen auch Blut in ihr gutes Oberkleid wischte. Eilig bückte sie sich und nahm ihren weinenden kleinen Verwandten nun doch auf den Arm. Sie wippte auf den Fußballen, um ihn zu beruhigen.

»Hör auf zu jaulen, du kleiner Kobold. Es ist ja nicht so, dass du schon Zähne hättest, um die es schade wäre.«

Eskil heulte noch lauter und ließ nun Blut und Spucke auf Ingunns Schulter tropfen. Sie hielt ihn von sich ab und blickte ihm in das verschmierte Gesicht, um nachzusehen, ob seine Zähne tatsächlich Schaden genommen hatten. »Das ist nur ein winziger Riss in deiner Lippe. Deshalb darf ein zukünftiger Krieger nicht die ganze Stadt zusammenjaulen wie ein eingesperrter Hund. Wir gehen jetzt zum Brunnen und waschen dich, und dann ist alles wieder gut. Ich schenke dir eine von meinen Datteln, wenn du still bist. Aber nur, wenn du sofort aufhörst zu heulen.«

Eskil machte große Augen und hielt die Luft an, obwohl er noch von Schluchzern geschüttelt wurde. Er sah aus, als würde er jeden Moment platzen.

Ingunn musste lachen. »So ist es brav. Wenn du weiter folgsam bist, gehen wir danach zu Lilja. Die schnitzt dir vielleicht ein neues Männchen. Und nun musst du wieder atmen, Eskil, sonst wirst du blau im Gesicht.«

Sie kitzelte ihn, und er prustete und kicherte so niedlich, dass es ihrem Herzen einen Stich gab. Ihre letzte kleine Schwester hatte fünf Sommer erlebt, bevor sie gestorben war. Wie einen Schatz hatte Ingunn sie gehütet und sie doch nicht vor dem Unglück bewahren können. Ein Bekannter hatte Klein-Sigrid in seinem Boot mit hinaus auf die Schlei zum Fischen genommen, um ihr eine Freude zu machen. Doch der Mann war über seiner Angel eingeschlafen, und Sigrid war nicht mit ihm heimgekehrt.

Gedankenverloren gab Ingunn Eskil einen Kuss auf seine verstrubbelten Haare, stellte ihn auf den Boden und gab ihm einen Schubs, damit er zum Brunnen ging. Sie schüttelte sich, als sie daran dachte, wie kalt das Wasser sein würde, aber so gründlich musste die Wäsche ja nicht ausfallen.

»Sei gegrüßt, junge Schöne!«, hielt eine tiefe Männerstimme sie zurück.

Mit einem Juchzen wirbelte sie herum und lief dem vollbärtigen jungen Mann entgegen, der vom Hafen her auf ihres Vaters Haus zuschritt. »Rolf!«

Ihr Ziehbruder fing sie in seinen Armen auf und schwang sie im Kreis, wie er es schon immer getan hatte, seit sie sich erinnern konnte. Seine Kraft war im Laufe der Jahre mit ihr gewachsen.

»Ich habe dir schöne Dinge mitgebracht, Inga! Dein Vater wird vor Zufriedenheit nicht auszuhalten sein.«

»Es ist so schön, dass du wieder da bist! Wir haben noch lange nicht mit dir gerechnet. War das Meer denn eisfrei? Das wird ein Fest! Vater und Birger sind noch nicht vom Thing in Viborg zurück, aber sie müssen bald kommen.«

»Eisfrei genug, um das Wagnis einzugehen. Wäre es in den vergangenen Wochen so kalt gewesen wie heute, hätte ich es wohl nicht versucht. Bei Thor und seinem Hammer, sieh dir den kleinen Scheißer an. Er hat solche Angst vor mir, dass er sich hinter der Ziege versteckt. He, Eskil, ich werde dich nicht fressen.«

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