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Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. »Guten Tag, ich bin mit einer Frau von Schoenecker verabredet«, sagte der große, schlanke Mann, der eben die Halle des Kinderheimes Sophienlust betreten hatte. »Mein Name ist Holstein, Peter Holstein!« Fragend blickte er Schwester Regine an. »Ich komme doch nicht zu früh?« »Nein, Herr Holstein, Frau von Schoenecker erwartet Sie bereits«, erwiderte die junge Kinder- und Krankenschwester und stellte sich ebenfalls vor. »Wenn Sie mir bitte folgen würden!« Sie machte eine einladene Geste. »Ist Besuch gekommen, Schwester Regine?« Die kleine Heidi polterte die Treppe herab. »Für wen ist denn Besuch gekommen?« Einen Finger im Mund, blieb sie vor Peter Holstein stehen. »Sind Sie Dieters Vati?« »Leider nicht, kleines Fräulein!« Peter, der es eben noch sehr eilig gehabt hatte, beugte sich zu dem kleinen blonden Mädchen hinab. »Wie heißt du denn?« »Heidi Holsten«, gab die Fünfjährige bereitwillig Auskunft. »Und Sie?
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2026
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»Guten Tag, ich bin mit einer Frau von Schoenecker verabredet«, sagte der große, schlanke Mann, der eben die Halle des Kinderheimes Sophienlust betreten hatte. »Mein Name ist Holstein, Peter Holstein!« Fragend blickte er Schwester Regine an. »Ich komme doch nicht zu früh?«
»Nein, Herr Holstein, Frau von Schoenecker erwartet Sie bereits«, erwiderte die junge Kinder- und Krankenschwester und stellte sich ebenfalls vor. »Wenn Sie mir bitte folgen würden!« Sie machte eine einladene Geste.
»Ist Besuch gekommen, Schwester Regine?« Die kleine Heidi polterte die Treppe herab. »Für wen ist denn Besuch gekommen?« Einen Finger im Mund, blieb sie vor Peter Holstein stehen. »Sind Sie Dieters Vati?«
»Leider nicht, kleines Fräulein!« Peter, der es eben noch sehr eilig gehabt hatte, beugte sich zu dem kleinen blonden Mädchen hinab. »Wie heißt du denn?«
»Heidi Holsten«, gab die Fünfjährige bereitwillig Auskunft. »Und Sie? Wie heißen Sie?«
Peter machte eine übertrieben tiefe Verbeugung. »Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Mein Name ist Peter Holstein!« Heidi kicherte. »›Sie‹ hat noch nie jemand zu mir gesagt!« Es klang sehnsüchtig. »Wenn ich einmal groß bin, müssen alle Leute zu mir ›Sie‹ sagen!«, verkündete sie. Dann legte sie das Köpfchen schief. »Holstein klingt fast wie Holsten«, stellte sie fest.
»Erraten, kleines Fräulein«, erwiderte Peter amüsiert. »Es fehlt nur im letzten Teil des Namens das i.«
»Haben Sie ein Kind?«, fragte Heidi.
»Ja, einen kleinen Buben. Er heißt Tobias!«
»Wie alt ist er?«, wollte Heidi wissen. »Kann ich mit ihm spielen? Aber er darf nicht so groß sein. Die Großen müssen immer zur Schule gehen, und dann machen sie Schularbeiten. Sie haben einfach nie Zeit!« Das kleine Mädchen zog eine Schnute.
»Tobias ist zehn Monate alt«, verriet Peter.
»Noch so klein!«, staunte Heidi.
»So, Heidi, jetzt hast du aber genug gefragt«, meinte Schwester Regine freundlich. »Weißt du, Tante Isi wartet auf Herrn Holstein, und wir wollen sie doch nicht warten lassen.«
»Wollen wir nicht!«, bestätigte Heidi. Zutraulich griff sie nach Peters Hand. »Wenn Tante Isi bald mit ihrer Arbeit fertig ist, dann spielt sie bestimmt noch mit mir«, verriet sie, laut flüsternd. »Darf ich mitkommen, wenn Sie mit Tante Isi sprechen?«
»Die Kinder nennen Frau von Schoenecker Tante Isi«, erläuterte Schwester Regine. Sanft löste sie Heidis Händchen aus Peters Finger. »Ab mit dir, Heidi! Schneeweißchen und Rosenrot warten bestimmt schon auf dich. Wolltest du nicht Justus helfen, wenn er den Käfig der Kaninchen sauber macht?«
»Dann lauf ich aber!« Heidi rannte aus der Halle. Sie war schon auf der Freitreppe, als sie noch einmal zurückkam und ihren Kopf durch das Portal steckte. »Wiedersehen, Herr Holstein!«, rief sie.
»Wiedersehen, Heidi!« Peter Holstein winkte der Kleinen lächelnd nach. »Ein reizendes Kind«, meinte er.
»Sie haben Kinder wohl sehr gern?«, sagte Schwester Regine und revidierte in Gedanken die Meinung, die sie sich anfangs von Peter Holstein gebildet hatte. Er war ihr wie einer dieser eiligen Geschäftsleute erschienen, die ihr Kind nur möglichst rasch und reibungslos versorgt haben wollten.
»Ja, sehr gern«, antwortete Peter Holstein. »Wenn wir jetzt zu Frau von Schoenecker gehen könnten …«
»Natürlich!«
Denise von Schoenecker, die Verwalterin des Kinderheimes, empfing den jungen Mann im büroähnlichen Empfangszimmer. Sie saß hinter dem riesigen Schreibtisch von Frau Rennert, der Heimleiterin, und sah gerade einige Akten durch. Zuvorkommend stand sie auf und ging dem Besucher entgegen, als er mit Schwester Regine das Büro betrat. Freundlich begrüßte sie ihn.
»Mit einem Ihrer Zöglinge habe ich schon Bekanntschaft geschlossen«, sagte Peter Holstein, nachdem er Platz genommen hatte und Schwester Regine wieder hinausgegangen war. »Einem entzückenden kleinen Mädchen namens Heidi.«
Denise von Schoenecker lächelte. »Heidi ist ein richtiger kleiner Sonnenschein. Sie hat uns schon viel Freude gemacht.«
»Ist sie in Pflege bei Ihnen oder für ständig hier?«, erkundigte sich Peter. Er hatte gehört, dass in Sophienlust auch Kinder lebten, die nicht weitervermittelt wurden.
»Sie gehört zu unseren Dauerkindern«, antwortete Denise. »Das heißt, sie wird bei uns bleiben, bis sie erwachsen ist.« Forschend sah sie den jungen Mann an. »Sie schrieben in Ihrem Brief, dass sie Ihren Sohn nur kurzfristig bei uns unterbringen möchten.«
»Ich hoffe, es ist nur für einige Wochen«, sagte Peter. Er lachte. »Ich habe keineswegs vor, aus Tobias eines Ihrer Dauerkinder zu machen. Dazu habe ich ihn viel zu lieb. Ich würde niemals auf ihn verzichten.« Er griff in seine Jackentasche und zog eine Farbfotografie heraus. »Das ist Tobias!« Stolz reichte er Denise das Foto.
»Was für ein herziges Kerlchen!« Denise konnte ihren Blick nicht von dem Foto wenden.
Tobias saß auf einem Sessel. Er hatte dicke Pausbäckchen und große dunkle Augen, die interessiert in die Welt schauten. Er trug ein rotes Höschen, ein kariertes Hemd und einen riesigen roten Hut. Im rechten Arm hielt er einen weiß-schwarzen Stoffhund, der fast genauso groß war wie er selbst.
»Er ist so lieb, wie er ausschaut«, sagte Peter Holstein. Der ganze Stolz eines Vaters sprach aus ihm. »Glauben Sie mir, Frau von Schoenecker, wenn es eine Möglichkeit gäbe, Tobias während der nächsten Wochen zu versorgen, ich würde ihn nicht weggeben.« Nervös strich er sich durch seine braunen Haare.
»Tobias wird es bei uns gut haben«, versprach Denise von Schoenecker. »Schwester Regine, die Sie hereingeführt hat, ist ausgebildete Kinder- und Krankenschwester. Bei ihr wird Ihr Sohn in den besten Händen sein.«
»Davon bin ich überzeugt«, erwiderte der junge Mann. »Ich habe bisher nur Gutes über Sophienlust gehört. Andernfalls hätte ich mich auch nicht an Sie gewandt.« Er steckte das Foto in die Jackettasche zurück.
»Ich brauche jetzt noch einige Angaben von Ihnen, Herr Holstein«, sagte Denise. »Sie wissen, der übliche Bürokram!« Sie griff nach einer Karteikarte.
»Eines Tages ersticken wir noch in Karteikarten«, meinte der junge Mann lachend und machte die geforderten Angaben über sich und seinen Sohn.
»Sie sind Witwer?«
Peter Holstein nickte. »Ja, meine Frau kam kurz nach Tobias’ Geburt bei einem Autounfall ums Leben.« Sein Gesicht verschattete sich. »Es geschah auf der Autobahn«, sagte er. »Carola saß am Steuer unseres Wagens. Wir waren bei Freunden gewesen, und ich hatte etwas getrunken. Deshalb fuhr Carola. Einer dieser Geisterfahrer kam uns entgegen. Meine Frau konnte nicht mehr ausweichen.«
»Schrecklich!«
»Ja, das war es auch!« Peter Holstein seufzte auf. »Ich habe meine Frau über alles geliebt. Wir hatten erst ein Jahr zuvor geheiratet, und da stand ich nun mit einem drei Wochen alten Jungen. Meine Schwester gab ihren Beruf auf und zog zu mir. Aber natürlich konnte es auf die Dauer nicht so weitergehen.«
»Sie schrieben mir, dass ihre Schwester nach England heiratet.« Denise von Schoenecker hob den Kopf.
»Eigentlich wollten David und Silvia schon vor fünf Monaten heiraten, aber wegen Tobias hatten sie die Hochzeit verschoben. Doch jetzt muss David unbedingt nach England zurück, und er möchte Silvia mitnehmen, was ich nur zu gut verstehen kann. Glauben Sie mir, ich habe mich während der letzten Wochen redlich bemüht eine Haushälterin zu finden, aber alle Damen, die sich meldeten, konnten nicht mit Kindern umgehen. Ich möchte nicht eine x-beliebige Person in mein Haus aufnehmen. Es soll jemand sein, der Tobias die Mutter ersetzen kann.«
Denise gefiel der junge Mann mit jeder Minute mehr. Sie trank noch eine Tasse Kaffee mit ihm, dann zeigte sie ihm das Kinderheim.
Peter Holstein stellte eine Menge Fragen. Man merkte ihm an, wie sehr ihm das Wohl seines Sohnes am Herzen lag.
»Und ich kann Tobias jederzeit besuchen?«, erkundigte er sich, als er schon in seinen Wagen einsteigen wollte.
»Jederzeit, Herr Holstein«, versicherte die Gutsbesitzerin. »Uns ist es natürlich lieber, wenn Sie vorher anrufen, aber es muss nicht unbedingt sein. Falls Tobias bei Ihrer Ankunft gerade ausgefahren wird, müssten Sie eben etwas warten.«
»In Ordnung!« Peter ergriff Denises Hand. »Herzlichen Dank, Frau von Schoenecker. Ich bin überzeugt, dass mein Sohn bei Ihnen gut aufgehoben ist.« Er ließ sich hinter das Steuer fallen.
»Herr Holstein, warten Sie!« Heidi jagte die Freitreppe herab auf den Parkplatz zu. Nach Luft japsend blieb sie vor Peter stehen. Sie lehnte sich an die offene Wagentür.
»Na, was willst du denn, Heidi?«, fragte Peter und zog die Kleine leicht an beiden Rattenschwänzen.
»Wann kommt denn Ihr Tobias?«
»Nächste Woche, Heidi«, sagte Peter. »Und weißt du, er wird jedem Kind von Sophienlust etwas mitbringen.«
»Was denn?« Heidis Augen strahlten.
»Wird nicht verraten«, scherzte der junge Mann und zwinkerte Denise zu. »So, und nun muss ich fahren. Ich habe heute noch einiges zu erledigen.« Er stupfte leicht auf Heidis Näschen.
»Ich mag Sie sehr gern!« Heidi beugte sich vor und küsste ihn. »Ganz schrecklich gern!«
»Ich dich auch, Heidi!« Der Geschäftsmann tätschelte die Wange der Kleinen. »So, aber jetzt muss ich wirklich fahren. Ich muss noch einen Kunden besuchen, und es ist schon ziemlich spät.«
»Wiedersehen, Herr Holstein!« Heidi gab brav die Hand und trat zurück. Sie schmiegte sich an Denise von Schoenecker.
Peter Holstein winkte noch einmal, dann schlug er die Wagentür zu. Er rollte rückwärts aus dem Parkplatz heraus, wendete. Mit einem kurzen Hupen verabschiedete er sich endgültig, bevor er zum Tor fuhr.
»Tobias hat einen sehr, sehr netten Papa«, meinte Heidi. Sie blickte zu Denise empor.
»Ja, das hat er«, bestätigte Denise und ging mit Heidi ins Haus zurück.
*
Das schrille Läuten des Weckers riss Karin Schreiber aus dem Schlaf. Müde blinzelte sie zum Nachttisch hin, rollte sich auf die andere Seite und wollte eben wieder einschlafen, als der Wecker erneut klingelte. Seufzend richtete sie sich auf und stellte ihn ab.
»Es kann der Beste nicht in Frieden leben«, murmelte sie vor sich hin und gähnte. Erst sechs Uhr, aber sie würde sich wieder daran gewöhnen müssen, täglich so früh aufzustehen. Erneut seufzte sie auf, dann schwang sie die Beine über den Bettrand und tappte zum Badezimmer.
Eine halbe Stunde später saß die junge Frau am Frühstückstisch im Wohnzimmer. Während sie Kaffee trank, blickte sie immer wieder zur Anrichte, auf der eine große Fotografie von ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn stand. Beide waren vor zwei Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Seitdem hatte Karin nur so vor sich hingelebt. Es war hart, mit zweiundzwanzig schon Mann und Sohn zu verlieren. Dank der Lebensversicherung, die ihr Mann abgeschlossen gehabt hatte, gab es für sie zwar keine Geldsorgen, aber trotzdem hatte sie jetzt beschlossen, wieder arbeiten zu gehen. Sie musste ihrem Leben einen neuen Inhalt geben, und wenn es nur die Arbeit war!
Vor vierzehn Tagen hatte sich Karin Schreiber bei einer großen Textilfirma in Waiblingen als Sekretärin beworben. An diesem Tag nun sollte sie dort anfangen. Obwohl sie seit drei Jahren aus dem Beruf heraus war, hatte sie keine Angst. Sie war sicher, sich schon bald wieder in die Arbeit hineinzufinden.
Flüchtig sah die junge Frau die Zeitung durch, dann faltete sie sie sorgfältig zusammen und steckte sie in den Zeitungsständer, um sie am Abend richtig zu lesen. Rasch trat sie noch vor den Flurspiegel, fuhr ein letztes Mal mit der Bürste durch ihre kurzen blonden Haare und verließ die Wohnung.
Die Firma Kübler & Sohn lag etwas außerhalb Waiblingens in einem Industriegebiet. Karin Schreiber parkte ihren Wagen auf dem riesigen Platz vor der Pforte. Sie hatte noch keinen Werksausweis erhalten und musste sich deshalb erst beim Pförtner melden.
»Moment, bitte, Frau Schreiber«, sagte der Pförtner, ein freundlicher, älterer Herr, und blätterte in einem Journal. »Stimmt, Sie fangen heute an!« Er lachte. »Bei Herrn Prokurist Holstein. Da haben Sie ja das ganz große Los gezogen! Herr Holstein ist einer der beliebtesten Chefs unseres Unternehmens.«
»Ich kenne ihn bisher nur flüchtig«, sagte Karin. Das Einstellungsgespräch mit ihm hatte keine zehn Minuten gedauert, da Peter Holstein abberufen worden war. Sie hatte mit seinem Vertreter weiterverhandelt.
»Ein wirklich feiner Mensch«, sagte der Pförtner. »Den Weg kennen Sie ja, Frau Schreiber. Alles Gute für den Anfang!« Er wandte sich einem Lastwagenfahrer zu, der mit den Papieren für seine Ladung an die Pforte herangetreten war.
Karin Schreiber überquerte den Werkshof. Ihre Absätze klapperten auf dem Pflaster. Jetzt fühlte sie sich nicht mehr ganz so sicher wie noch vor einer Stunde. Dass sie jetzt wieder berufstätig war, bedeutete doch eine gewaltige Umstellung für sie.
Ein heller Mercedes bog in den Werkshof ein und kam kurz vor dem Bürogebäude zum Stehen. Peter Holstein stieg aus. Als er den Wagen abschloss, bemerkte er Karin Schreiber. »Na, wenn das nicht meine neue Sekretärin ist«, meinte er und ging ihr entgegen. »Guten Morgen, Frau Schreiber!«, grüßte er und er griff ihre Hand.
»Guten Morgen, Herr Prokurist!«
»Sagen Sie lieber Holstein. Das ist mir lieber«, bekannte er freimütig. Er ging zwei Schritte voraus und öffnete für Karin die Schwingtür. »Bitte!«
»Danke«, murmelte Karin etwas verlegen.
»Nehmen wir den Aufzug, oder benutzen wir die Treppe?«, fragte der junge Mann. »Ich für meinen Teil benutze immer den Aufzug. Von Morgengymnastik halte ich nicht viel.«
»Treppen steige ich auch nicht allzu gern«, gab Karin zu.
Peter drückte auf den Aufzugsknopf. »Ich bin froh, dass Sie heute anfangen, Frau Schreiber. In den letzten Tagen herrschte ein ziemliches Chaos. Meine bisherige Sekretärin verließ mich früher, als erwartet. Sie hatte eine Frühgeburt. Und dann ging, wie gesagt, alles drunter und drüber«
»Hoffentlich vergrößere ich das Chaos nicht noch«, meinte Karin und trat in den Aufzug, von Peter gefolgt. »Schließlich muss ich mich erst wieder in die Materie hineinfinden.«
»Ich weiß, aber Sie sollten sich darüber keine Gedanken machen, Frau Schreiber. Ich werde von Ihnen nichts Unmögliches verlangen. Und vor allen Dingen scheuen Sie sich bitte nicht zu fragen. Fragen Sie lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig.«
»Gut, ich werde mich daran halten«, versprach Karin und schenkte ihm ein kurzes Lächeln. Ihr Chef schien wirklich so nett zu sein, wie der Pförtner behauptet hatte. Ihre Angst war verflogen. Sie freute sich auf ihre Arbeit.
Im Vorzimmer von Peters Büro herrschte tatsächlich ein regelrechtes Chaos. Karin und Peter brauchten fast zwei Stunden, um wenigstens einigermaßen Ordnung auf dem Schreibtisch zu schaffen, und dann kam schon die neue Post.
»Ich glaube, für die nächsten Stunden sind Sie noch beschäftigt, Frau Schreiber«, sagte Peter Holstein. »Ich werde jetzt erst einmal die neue Post öffnen. Diktieren werde ich Ihnen dann heute Nachmittag.« Mit dem Briefpaket unterm Arm verschwand er in seinem Büro.
Karin war eben dabei, sich mit dem Ablagesystem der früheren Sekretärin vertraut zu machen, als der Wechselsprecher summte. »Vorzimmer, Herr Holstein«, meldete sie sich.
»Schön, wie Sie das sagen«, erklang Peters Stimme.
»Ach, Sie sind das!«
»Enttäuscht?«
»Nein!« Karin Schreiber errötete, obwohl sie allein im Zimmer war.
»Fein, dann brühen Sie mir bitte eine Tasse Kaffee auf«, bat der junge Mann. »Ach ja, für Sie natürlich gleich eine Tasse mit. Mir schmeckt der Kaffee in Gesellschaft besser. Für mich bitte Milch, aber keinen Zucker.«
»In Ordnung!« Karin drückte auf die Schlusstaste des Wechselsprechers und ging zu dem Schränkchen, in dem sie vor einer halben Stunde Geschirr und Kaffeepulver entdeckt hatte. Die Kaffeemaschine stand neben dem kleinen Spültisch hinter einem Paravent. Es war wirklich alles vorhanden, um das Büroleben so angenehm wie möglich zu machen. Sogar einen winzigen Eisschrank gab es.
Peter Holstein saß hinter seinem großen Schreibtisch und telefonierte gerade, als Karin den Kaffee hereinbrachte. Sie setzte das Tablett auf ein kleines Tischchen am Fenster und wollte sich sofort zurückziehen, aber er schüttelte den Kopf. »Einen Moment noch«, raunte er ihr zu und widmete sich dann wieder seinem Gespräch.
Interessiert blickte sich Karin in dem ganz mit Nussbaum getäfelten Büro um. Der Einrichtung sah man an, dass sie teuer gewesen war. Es gab sogar einige Stiche an den Wänden. Peter Holstein war nicht nur Prokurist der Firma Kübler & Sohn, sondern auch Verkaufschef. Er musste repräsentieren, wenn er die Verkaufszahlen in die Höhe treiben wollte.
»So, jetzt können wir uns unserem Kaffee widmen«, sagte Peter freundlich zu Karin und legte den Hörer auf. Er erhob sich und kam hinter dem Schreibtisch hervor. »Bitte!« Zuvorkommend wies er auf einen der Sessel, die rings um ein kleines Tischchen standen.
»Danke!« Karin setzte sich. »Ihr Sohn?«, fragte sie und zeigte auf ein übergroßes Farbfoto an der Wand neben der Tür zum Vorzimmer.
»Ja«, antwortete Peter und nippte an seinem Kaffee. »Ich habe das Foto dort aufgehängt, damit ich es immer vor Augen habe. Tobias ist jetzt zehn Monate alt.«
»Ein reizender Junge«, sagte Karin. Es klang wehmütig.
»Haben Sie Kinder?«
»Ich hatte einen Jungen. Er wäre jetzt dreieinhalb«, erwiderte die junge Frau. »Er und mein Mann sind vor zwei Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.«
»Das tut mir leid«, antwortete Peter betroffen.
»Wir sind zuvor immer zusammen verreist«, fuhr Karin fort, »nur ausgerechnet damals nicht. Wir hatten drei Wochen Mallorca gebucht, aber kurz vor dem Abreisetag bekam ich Fieber. Ich schlug Markus vor, mit dem Kleinen allein nach Mallorca zu fliegen. Ich wollte nachkommen. Markus wollte mich nicht allein lassen. Ich musste ihn regelrecht dazu überreden. Ich wollte nicht, dass uns das bereits bezahlte Geld verloren ging. Noch heute mache ich mir den Vorwurf, dadurch meinen Mann und meinen Sohn in den Tod geschickt zu haben.«
»Ich bin Witwer«, sagte Peter Holstein. Er zeichnete mit dem Teelöffel größere Kreise auf die Tischplatte. »Meine Frau ist vor rund neuneinhalb Monaten tödlich verunglückt.« Er berichtete von dem Unfall auf der Autobahn. »Und jetzt stehe ich da mit dem Kleinen«, fuhr er fort. »Vorgestern habe ich ihn in ein Kinderheim bei Wildmoos gebracht.«
»In ein Kinderheim?«, wiederholte Karin entsetzt. Sie sah einen riesigen Saal mit einer endlosen Kette weißer Kinderbettchen vor sich.
»Ich hoffe, dass es nur für einige Wochen sein wird«, antwortete Peter. »Aber Sie ahnen nicht, wie schwer es ist, eine Haushälterin zu finden, die bereit ist, sich auch um ein Kleinkind zu kümmern. Bis jetzt hatte ich noch nicht das Glück.«
