Herz aus Glas - Kathrin Lange - E-Book

Herz aus Glas E-Book

Kathrin Lange

0,0
9,99 €

Beschreibung

Juli ist wenig begeistert, die Winterferien auf Martha’s Vineyard verbringen zu müssen. Auf der Insel trifft sie den verschlossenen David, dessen Freundin bei einem Sturz von der Klippe ums Leben kam. Bald erfährt Juli, dass ein Fluch für den Tod weiterer Mädchen verantwortlich sein soll. Nachts hört sie flüsternde Stimmen. Als sie sich in David verliebt, merkt sie nicht, welche Gefahr dies bedeutet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 504

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Kathrin Lange

Herz aus Glas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Bücher von Kathrin Lange im Arena Verlag:

Schattenflügel In den Schatten siehst du mich Septembermädchen

 

For Chris. Because »The Girl with April in her Eyes« was my very first inspiration.

S. 221: Daphne du Maurier, Rebecca.

1. Auflage 2014 © 2014 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Covergestaltung: Frauke Schneider ISBN 978-3-401-80229-9

www.arena-verlag.deMitreden unter forum.arena-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

 

 

 

 

 

 

I once had a true love and I loved her so well I loved her far better than my tongue can tell And I thought that she whispered to me and did say»It will not be long, love, ’til our wedding day.«

(She Moved Through the Fair, Charlies Version)

Sein Blick traf mich wie ein Hieb. Was für traurige Augen, dachte ich. Wie bei jemandem, der mit einem Fuß über dem Abgrund schwebt und sich darauf freut, endlich zu fallen. Heute noch frage ich mich manchmal, wieso ich bei Davids Anblick sofort ans Fallen denken musste. Aber je mehr Zeit vergeht, umso sicherer bin ich, dass ich schon in diesem ersten Augenblick das Unheimliche spüren konnte, das direkt auf mich zukam.

Das Weiße von Davids Augäpfeln schimmerte rot, aber es waren keine Tränen hinter seinen Lidern mit den langen dunklen Wimpern zu sehen.

»Man könnte meinen, er hätte vor fünf Minuten noch geweint, oder?« Mein Dad beugte sich über meine Schulter, sodass mich sein Atem am Ohr kitzelte. Wir waren eben aus unserem Auto gestiegen und standen jetzt ein bisschen verunsichert auf dem Parkplatz vor dem altehrwürdigen Herrenhaus auf Martha’s Vineyard. David hatte sich auf der obersten Stufe der breiten Eingangstreppe aufgebaut und die Arme vor der Brust verschränkt. Er trug eine schwarze Jeans und einen ebenfalls schwarzen Rollkragenpullover, der sein Gesicht blass und hager aussehen ließ.

Der Wind heulte um uns herum und zerrte an mir, als wollte er mich mit Gewalt von hier vertreiben. Ich unterdrückte ein Frösteln und ließ dabei David nicht aus den Augen.

»Hat er aber nicht«, raunte Dad. »Er hat nicht eine Träne vergossen, seit …« Er zögerte. »… seit Charlie gestorben ist«, vollendete er. Es war nicht das erste Mal, dass ich Charlies Namen hörte, aber es war das erste Mal, dass ihn jemand hier auf der Insel aussprach. In meiner Erinnerung haben sich all die Stimmen, die ihren Namen nur hinter vorgehaltener Hand flüsterten, zu einem einzigen apokalyptischen Chor vereinigt, den ich heute noch ab und zu in meinen Träumen hören kann. Manchmal bin ich froh darüber, denn wenigstens träume ich dann nicht von Madeleines dämonischem Gewisper …

Dad und ich hatten uns noch immer nicht von der Stelle gerührt, als ein Mann aus dem Haus auf uns zugeeilt kam. Mein Vater begrüßte ihn mit einem Lächeln, das etwas zu breit war, um nicht aufgesetzt zu wirken. »Jason! Danke für eure Einladung!«

Jason Bell war der Eigentümer dieses riesigen Herrenhauses aus dem 19. Jahrhundert, das den sonderbaren Namen Sorrow trug. Sorrow! Allein dieser Name hätte mir schon zeigen müssen, dass die Leute, die hier wohnten, nicht ganz echt im Kopf waren. Ich meine, wer nennt sein Haus schon »Trauer«? Während Mr Bell und Dad sich begrüßten, versuchte ich, Davids Blick einzufangen. Es gelang mir nicht. Hey!, dachte ich, sieh mich richtig an, du unhöflicher Kerl! Immerhin bin ich deinetwegen hier! Doch natürlich konnte er meine Gedanken nicht lesen.

Noch immer stand er regungslos da. Er hatte die Arme jetzt entflochten und die Hände dafür in den Taschen seiner Jeans vergraben, die ihm fast von den Hüftknochen zu rutschen drohten. Seine hochgezogenen Schultern wirkten abweisend. Der schneidende Dezemberwind wehte vom Atlantik her und zauste seine halblangen dunklen Haare. David schien ebenso zu frieren wie ich. Nein, erkannte ich. Mehr. Viel mehr!

Jason Bell und Dad wechselten ein paar belanglose Worte über unsere Anreise und die Überfahrt auf die Insel. Und die ganze Zeit starrte David abwesend über meinen Kopf hinweg in die Ferne. In Richtung Meer. Ich konnte das Donnern der Brandung hören und fragte mich, was er wohl sah. Er hat nicht eine Träne vergossen, seitdem es passiert ist. Ich klopfte mir mit den flachen Händen auf die Oberarme. Es fühlte sich so an, als würde mir nie wieder warm werden.

Endlich hatten unsere Väter ihre Begrüßung beendet. Mr Bell trat einen Schritt zur Seite und sagte: »Darf ich dir Juli vorstellen, David? Sie ist Bobs Tochter.« Er sprach den Vornamen seines Sohnes nicht amerikanisch aus, sondern französisch, mit lang gezogenem I und weichem D am Ende. Dad hatte mir erzählt, dass die Vorfahren von Davids Mutter aus New Orleans stammten und noch Französisch gesprochen hatten. Seine Mutter war seit Jahren tot.

David rührte sich nicht, aber immerhin nickte er knapp.

In einer energischen, weltmännischen Geste streckte Mr Bell mir die Hand entgegen. Ein freundliches Lächeln klebte in seinen Mundwinkeln und trotzdem wirkte er angespannt. Mit dröhnender Stimme rief er: »Willkommen in unserem Haus, Juli! Wir freuen uns, dass du da bist!« Er räusperte sich. »Alle!«, schob er nach.

Ich schüttelte Mr Bell die Hand und suchte dabei erneut Blickkontakt zu David. Vergeblich. Seine Augen waren so dunkel, dass man den Übergang von Pupille zu Iris nicht erkannt hätte, wenn da nicht ein schmaler goldener Ring gewesen wäre, der beides voneinander trennte. Davids Augäpfel schimmerten so rot, dass ich mir vorstellen konnte, wie sie brannten.

Und dann, endlich, begegneten sich unsere Blicke zum ersten Mal.

»Hallo Juli«, sagte er. Er hatte eine sehr ruhige Stimme. Eine Stimme, die etwas tief in meinem Innersten zum Schwingen brachte. Plötzlich fühlte ich mich wie aus Glas. Durchsichtig, zerbrechlich. Eine unbedachte Bewegung und ich würde in tausend Scherben zerspringen.

»Hallo David«, gab ich zurück. Der eisige Dezemberwind schien schlagartig noch um drei, vier Grad kälter geworden zu sein.

Er hat nicht eine Träne vergossen, seit Charlie gestorben ist, dachte ich mit einem Schaudern.

Himmel, auf was hatte ich mich da eingelassen?

Eine Woche zuvor hatte ich noch friedlich und völlig ahnungslos in meinem Zimmer gehockt und versucht, mich auf eine Matheaufgabe zu konzentrieren, die ich vor Weihnachten noch erledigt haben musste und einfach nicht lösen konnte. Als mein Dad klopfte, warf ich frustriert den Bleistift auf das Heft. »Darf ich reinkommen?«, fragte er durch die geschlossene Tür.

»Klar!« Ich verschränkte die Hände im Nacken und lehnte mich auf meinem Schreibtischstuhl so weit zurück, dass die Lehne bedenklich knirschte.

Dads Kopf erschien im Türspalt. »Was machst du gerade?« Seine Augen hinter der Brille wirkten müde und sein rotbrauner Schopf war zerzaust. Offenbar hatte er sich über seinem neuesten Roman ebenso die Haare gerauft wie ich über meiner Matheaufgabe.

»Die Weltformel suchen«, antwortete ich mürrisch. »Kommt mir jedenfalls so vor!«

Dad lachte. »Oje!« Er war der Autor einiger ziemlich erfolgreicher Schnulzen (Romantic Thriller nannte er sie), die ihn und mich aus dem beschaulichen good old Germany in ein Landhaus in Massachussetts gebracht hatten. Seit zwei Jahren besuchte ich eine Highschool in Boston. Mir gefiel es hier in Amerika. Ich mochte die Landschaft, den Indian Summer mit seinen flammenden Farben, die entspannte Ostküstenkultur. Alles hätte perfekt sein können, wenn meine Eltern nicht beschlossen hätten, sich scheiden zu lassen, kaum dass mein Vater den ersten Bestseller hingelegt hatte. In seinen Büchern gab es für jedes Pärchen ein Happy End. Von Scheidungen und Ehekrisen war darin nie die Rede. Wie ungerecht!

Ich seufzte tief. Mir war selbst nicht klar, ob wegen der Matheaufgabe oder wegen meiner noch immer in Deutschland lebenden Mutter.

»Hast du trotzdem einen Moment Zeit für mich?«, fragte Dad.

Ich beugte mich wieder vor. Die Lehne ächzte erleichtert. Mit einer energischen Geste klappte ich das Matheheft zu und grinste. »Die Menschheit muss wohl noch eine Weile ohne die Weltformel auskommen.« Dann wurde ich wieder ernst. »Was ist denn los?«

Er wirkte seltsam. Besorgt wäre eine Übertreibung gewesen, aber nachdenklich traf es ganz gut. »Ich habe eben mit Jason telefoniert.«

Jason Bell. Sein amerikanischer Verleger. Den Gerüchten nach einer der reichsten Männer rund um Boston.

»Okay«, sagte ich gedehnt. »Ist irgendwas mit dem neuen Buchvertrag?«

Er winkte ab. »Nein, nein! Keine Sorge! Da ist alles in Ordnung.« So weit in Ordnung, wie es sein konnte, wenn der Autor in einer Schaffenskrise steckte, dachte ich, schwieg aber. Immerhin hatte Dad bisher jedes seiner Bücher irgendwann in den Griff bekommen, selbst nachdem er angefangen hatte, sie gleich in Englisch zu schreiben, um als amerikanische Originalausgabe zu erscheinen.

»Es geht allerdings schon um das Buch«, fuhr er fort und schaute ein wenig schuldbewusst. »Jason hat mich gebeten, direkt nach Weihnachten nach Vineyard zu kommen, um es in seinem Haus fertig zu machen.«

»Oh«, murmelte ich. Also war die Sache mit der Schaffenskrise doch ernster, als ich gedacht hatte.

»Ich stecke ein bisschen fest und Jason meint, er kann mir besser helfen, wenn wir an einem Tisch sitzen.«

»Du musst für ein paar Tage weg.« Ich nickte. Das war kein Problem für mich. Ich war siebzehn. Und ich hatte schon Wochenenden allein zu Hause verbracht, als ich noch in die Grundschule gegangen war. Ich hatte es immer als Preis dafür angesehen, dass meine beiden Eltern ihren Lebensunterhalt als Künstler verdienten.

Dad lächelte. Ich wusste, dass er ein schlechtes Gewissen hatte, und so fügte ich hinzu: »Mach dir keine Sorgen, ich komme schon klar!«

Zu meiner Verblüffung jedoch schüttelte er den Kopf. »Das ist es nicht …« Plötzlich sah er aus wie jemand, der vor einer Grand-Jury steht. Und des Mordes angeklagt ist.

Ich wartete und wurde langsam unruhig. Gab es schlechte Nachrichten? Von Mama vielleicht? Aber bevor ich mich danach erkundigen konnte, rückte er endlich mit der Sprache raus.

»Jason hat mich gefragt, ob du nicht mit nach Sorrow kommen könntest.«

»Wohin?«

Dad verzog das Gesicht. »Ich kann nichts dafür, so heißt Jasons Haus tatsächlich. Sorrow. Er hat mir mal erzählt, dass irgendein verrückter Verwandter von ihm es im 19. Jahrhundert gebaut und aus Liebeskummer so genannt hat.«

»Klar.« Jedem seinen kleinen Spleen!, dachte ich. »Nur noch mal zum besseren Verständnis: Du willst, dass ich mit nach Martha’s Vineyard komme?«

Die Insel vor Cape Cod war das Eldorado der Reichen und Schönen – oder derjenigen, die wenigstens für zehn Tage im Jahr so tun wollten.

Wieder nickte Dad.

»Versteh mich nicht falsch«, sagte ich. »Ich wollte schon immer mal nach Vineyard. Aber irgendwie …« Ich überlegte, wie ich es ausdrücken sollte. »Irgendwie siehst du so aus, als sei ein Haken an der Sache.«

»Ist es auch.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust.

Es dauerte einen Moment, bis Dad sich traute weiterzureden. Himmel, das musste ja wirklich ein gigantischer Haken sein!

»Erinnerst du dich noch an David?« Auch er sprach den Namen französisch aus, mit langem I und weichem D hinten.

»Klar.« David war Jason Bells einziger Sohn. Ich kannte ihn allerdings nur ganz flüchtig, von einem förmlichen Abendessen, das Dads Verlag ausgerichtet hatte, nachdem sein erstes Buch auf der New-York-Times-Bestsellerliste gelandet war. Zwei Jahre war das jetzt her und ich erinnerte mich an einen schmalen, mürrischen und ziemlich arroganten Siebzehnjährigen, dem man jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen musste. »Was ist mit ihm?«

»Nun.« Bis zu diesem Augenblick hatte Dad in der Tür gestanden. Jetzt kam er herein, warf einen stirnrunzelnden Blick auf das Chaos auf meinen Sesseln und entschied sich dafür, sich auf die Bettkante zu hocken. Die Matratze seufzte unter seinem Gewicht. »Vor Kurzem hat David sich verlobt«, erklärte Dad mir. »Und …«

»Verlobt?«, fiel ich ihm ins Wort. »Wie alt war er noch mal?«

»Neunzehn.«

Also hatte ich es richtig in Erinnerung: David war nur zwei Jahre älter als ich. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es wäre, mit neunzehn schon verlobt zu sein. Es ging nicht. Ich rümpfte die Nase. »Neunzehn!«

Dad nickte. »Ja. Ich fand es auch ein bisschen komisch, sich so jung zu verloben. Das Mädchen …« Er hielt inne und drehte die Augen gen Decke, wie er es immer tat, wenn er scharf nachdachte. »Charlie, so hieß sie wohl.«

Mir entging nicht, dass er »hieß« sagte. Plötzlich fühlte sich mein Magen an, als hätte eine riesige Faust ihn gepackt und zu einem kleinen Klumpen zusammengequetscht.

Dad sah mir an, dass ich längst begriffen hatte. Trotzdem nickte er. »Charlie ist tot. Irgendein furchtbarer Unfall.«

Ein Unfall. Ich lehnte mich wieder zurück, weniger kräftig diesmal, sodass die Lehne es vorzog, die Klappe zu halten. Vor meinem geistigen Auge erschien das Bild eines Sportwagens, der völlig zerquetscht um einen Baum gewickelt war.

»Armer David«, murmelte ich.

Dad nickte erneut. »Jason macht sich ziemliche Sorgen um ihn.« Wie immer, wenn er ein Anliegen hatte, zappelte Dad nervös herum und konnte die Hände einfach nicht stillhalten.

»Was also?«, fragte ich und schielte auf mein Heft. Ich ahnte bereits, was jetzt kommen würde. Im Grunde hatte er es ja auch schon längst ausgespuckt. »Ich soll Kindermädchen für diesen David spielen«, fasste ich es zusammen.

Er grinste schwach. Eindeutig verlegen. »Nun ja, nicht direkt Kindermädchen …«

»Was dann?«

»Jason und ich … wir dachten, tja …« Hilflos kehrte er die Handflächen nach oben. Dann stieß er ein peinlich berührtes Lachen aus. »Ach was soll’s! Nennen wir das Kind ruhig beim Namen. Jason hofft, dass du David auf andere Gedanken bringen kannst.«

Ich senkte das Kinn und funkelte meinen Vater an. »Wie lange, hast du gesagt, ist diese Charlie tot?«

»Ich habe gar nichts gesagt. Aber sechs Wochen ist es her, dass sie …« Er ließ den Rest des Satzes in der Luft hängen.

Ich griff nach einem Bleistift und drehte ihn zwischen den Fingern hin und her. »Was erwartet ihr von mir?«, fragte ich leise.

»Nur, dass du dich ein bisschen um ihn kümmerst. Bis Neujahr vielleicht.«

»So lange?« Ich runzelte die Stirn. Bis eben hatte ich gedacht, dass wir von zwei, drei Tagen sprachen, nicht von fast einer Woche. »Ich bin mit Miley und den anderen zu Silvester verabredet.«

Mein Vater nickte. »Ich weiß. Könntest du das nicht … ich meine …«

»Die Silvesterparty absagen?« Ich pustete mir die Haare aus der Stirn. »Muss das sein?« Plötzlich erschien mir der Gedanke, nach Vineyard zu fahren, überhaupt nicht mehr verlockend.

»Für mich?«, fragte mein Vater hoffnungsvoll und schaute mich mit einem flehenden Blick an, der den ganzen Nordpol zum Schmelzen gebracht hätte. »Und für das neue Handy, das du schon so lange haben willst?«

Damit hatte er mich fast, aber ich beschloss, es ihm nicht so leicht zu machen. »Du hast von einem Haken gesprochen. Was ist das für ein Haken?«

»Ich …« Dad wirkte jetzt regelrecht hilflos. »Herrgott!«, fluchte er und rang die Hände. Die Matratze geriet in Schwingungen und der uralte Teddy, das einzige meiner Stofftiere, das ich aus Kindheitstagen aufgehoben hatte, stürzte von der Bettkante. Er fiel auf den bunten Teppich und blieb regungslos auf dem Gesicht liegen.

Dad starrte den Teddy an, sah mir dann in die Augen. »Jason hat es nicht eindeutig gesagt, aber er hat durchblicken lassen, dass David … nun ja, selbstmordgefährdet sein könnte.«

Nun war es heraus. »Aha.« Mehr fiel mir nicht dazu ein. Nicht sehr intelligent, ich weiß, aber alles, was ich hätte sagen können, wäre nur eine Floskel gewesen. Ich rief mir Davids mürrisches Gesicht ins Gedächtnis. Wie ein depressiver Selbstmordkandidat war er mir bei dem Abendessen vor zwei Jahren nicht vorgekommen. Okay, wie die personifizierte Lebensfreude allerdings auch nicht, eher wie ein schnöseliger, ziemlich melodramatischer Teenager, der sich für den Nabel der Welt hielt. »Was ist, wenn er es tut, solange ich da bin? Bin ich dann schuld?«

»Du liebe Güte, nein!« Mein Vater hob den Teddy auf und setzte ihn gedankenverloren auf seinen Platz zurück. Dass er gleich wieder umfiel und erneut auf dem Gesicht liegen blieb, bemerkte er nicht einmal. »Du sollst ihm nur ein bisschen Gesellschaft leisten. Wenn ich Jason richtig verstanden habe, bekommt David so was wie professionelle Hilfe.«

Ich dachte an Martha's Vineyard, an Ferienhäuser, an kleine Geschäfte und Boutiquen, an sommerliche Tage am Strand. Dann sah ich aus dem Fenster. Draußen regnete es und es waren sicher nicht mehr als drei Grad. Vermutlich würde es später am Abend sogar anfangen zu schneien. Typisches Dezemberwetter eben. Ich schloss die Augen und sah mich am Strand stehen, schräg niederprasselnden Eisregen im Rücken, und neben mir einen jungen Mann mit Selbstmordabsichten, während meine Freunde hier in Boston eine ihrer coolen Silvesterpartys steigen ließen. Aber irgendwie faszinierte mich der Gedanke auch ein bisschen. Ich war eigentlich kein Typ, der auf Gothic stand, und trotzdem hatte die Vorstellung, dass ich diesem David vielleicht tatsächlich helfen konnte, etwas Verlockendes. Na ja, und natürlich das Handy, das mein Vater mir versprochen hatte.

»Weihnachtsferien im Paradies«, seufzte ich, öffnete die Augen wieder und blinzelte zweimal. »Tolle Aussichten!«

Über Dads Gesicht glitt ein Lächeln. »Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, Süße! Wir fahren gleich nach den Feiertagen«, rief er. »Jason freut sich schon auf uns!«

Ich warf den Bleistift zum zweiten Mal auf das Heft. Diesmal hatte er so viel Schwung, dass er über die Kante des Tisches rollte und klappernd auf dem Dielenfußboden liegen blieb. »Du hast ihm längst gesagt, dass wir kommen!« Es war keine Frage. Ich war überzeugt, dass es so war. Wütend funkelte ich Dad an.

Doch er nickte so unbekümmert und voller Begeisterung, dass ich ihm nicht lange böse sein konnte. Weihnachtsferien auf Martha's Vineyard, dachte ich. Zusammen mit einem Typen, der womöglich lebensmüde war. Wenn das nicht der absolute Traumurlaub werden würde!

Einen Tag nach den Weihnachtsfeiertagen waren wir dann in einem Mietwagen die knapp hundert Kilometer bis hinunter nach Woods Hole gefahren. Unterwegs hatte Dad mir das wenige erzählt, das Jason Bell ihm am Telefon über seinen Sohn und diese Charlie verraten hatte. Genau wie die Bells lebte Charlies Familie das ganze Jahr über auf der Insel. Charlies Vater war früher einmal Professor in Harvard gewesen, arbeitet aber seit Längerem nicht mehr dort. Charlies Mutter hatte die Familie vor anderthalb Jahren verlassen. Über die Umstände von Charlies Tod wusste Dad keine Details. »Jason hat mir versprochen, uns Genaueres zu erzählen, sobald wir erst mal da sind«, hatte er gesagt, kurz bevor wir an der Fähre in Woods Hole angekommen waren und auf die Insel übergesetzt hatten.

Und jetzt stand ich hier – vor einem viktorianischen Herrenhaus, das locker die Hauptrolle in einem Spukfilm hätte spielen können – und der Blick eines jungen Mannes mit roten Augen und bleichem, schmalem Gesicht hatte mich in eine Salzsäule verwandelt.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis Mr Bell sich endlich räusperte und sagte: »Nun ja. Ich denke, wir sollten rein ins Warme gehen, bevor wir Eiszapfen an der Nase kriegen!« Er lachte laut und dröhnend, was seine Unsicherheit nur noch deutlicher machte. Dann scheuchte er uns alle durch die breite, verglaste Haustür. Im Vorbeigehen erkannte ich, dass auf den Glasscheiben ein Pelikan mit seinen Jungen abgebildet war. Als David mir den Rücken zuwandte, sah ich, wie aus seiner hinteren Jeanstasche die Ecke eines zerknitterten fliederfarbenen Briefumschlags ragte.

Jason Bell führte uns in eine Halle, bei deren Anblick mir der Unterkiefer herunterfiel. Blank poliertes rotbraunes Parkett erstreckte sich von Wand zu Wand. Eine Sitzecke aus antiken Möbeln mit filigranen Beinen stand rechter Hand, eine antike Standuhr daneben. Eine geschwungene Freitreppe führte ins obere Stockwerk hinauf, direkt auf ein Fenster aus buntem Glas zu, das, ebenso wie die Haustür, einen Pelikan mit seinen Jungen zeigte. Die fahle Wintersonne fiel schräg durch dieses Fenster in die Halle und malte farbige Kleckse auf Treppe und Parkettfußboden. Obwohl wir den 27. Dezember hatten, gab es keinerlei Festdekoration – weder Tannengirlanden am Treppengeländer noch einen Weihnachtsbaum. Aber das war es nicht, was mich mit dieser sonderbaren Mischung aus Ehrfurcht und Unbehagen erfüllte. Es war die Atmosphäre des Hauses. Obwohl die Halle so weitläufig und mondän wirkte, überkam mich ein fürchterlich beklemmendes Gefühl, das ich im ersten Moment überhaupt nicht einordnen konnte. Es fühlte sich an, als sei ich von einem kalten Raum in einen noch kälteren getreten – was natürlich unmöglich war. Das Haus war beheizt und hier drinnen war es definitiv wärmer als draußen. Trotzdem überlief mich ein Frösteln, kaum dass ich die Türschwelle überschritten hatte.

Vor lauter Unbehagen stolperte ich und wäre vermutlich der Länge nach hingeschlagen, wenn David nicht reflexartig zugefasst und mich festgehalten hätte. Seine Hand war kalt und legte sich wie eine Schraubzwinge um meinen Oberarm. Ich murmelte eine Entschuldigung und er nickte schweigend. Sein Blick lag dabei forschend auf meinem Gesicht und seine rechte Augenbraue hob sich ganz leicht. Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass er wusste, was ich empfand.

Mit einem verlegenen Lächeln machte ich mich los und betrat die weite Halle. Das Frösteln verstärkte sich kurz – und verschwand dann.

Ein vielleicht fünfzigjähriger, kräftiger Mann kam herbeigeeilt und seine freundliche Geschäftigkeit und die laute Stimme, mit der er uns willkommen hieß, überlagerten mein Unbehagen. Mr Bell wechselte einige Worte mit dem Mann, dann schickte er ihn nach draußen, um unser Gepäck zu holen. »Bringen Sie es gleich ins Gästehaus, Theo!«, befahl er ihm. Theo nickte schweigend und eilte davon.

»Praktisch«, raunte Dad mir zu. Ich zuckte zusammen. In Davids Anwesenheit hatte ich völlig vergessen, dass er auch noch da war.

»David«, wandte Mr Bell sich an seinen Sohn. »Führst du Juli bitte schon einmal ins Esszimmer? Ich möchte Bob nur kurz etwas zeigen.«

»Natürlich, Dad.« David schaffte es nicht ganz, den Anflug von Aufsässigkeit aus seiner Stimme zu halten. Klar! Er hatte auf die Sache hier genauso wenig Lust wie ich.

Kein Wunder!

Ich starrte in Dads Richtung. Du willst mich doch wohl jetzt nicht einfach allein lassen?, sagte mein Blick. In einer Geste, die fast komisch verzweifelt wirkte, hob er die Schultern.

»Wir sind sofort wieder da«, versprach Mr Bell. Und im nächsten Augenblick hatte er Dad bereits durch eine Tür hinauskomplimentiert. Ich wollte ihnen etwas hinterherrufen, doch bevor ich dazu kam, fiel die Tür auch schon ins Schloss.

»Tja«, murmelte ich. »Und nun?«

Davids Blick ruhte auf mir wie ein Gewicht. »Komm mit«, sagte er kühl, wandte sich ab und verschwand in einem Gang, der links von der Halle abging. Hilflos und ein wenig wütend über seine Unhöflichkeit stolperte ich hinter ihm her. Die Stelle an meinem Oberarm, wo er mich eben festgehalten hatte, schmerzte leicht.

David führte mich in einen großen, lichtdurchfluteten Raum, der mit seinen zwei über Eck liegenden, bodentiefen Fensterreihen mehr wie ein Wintergarten aussah als wie ein Esszimmer. Durch die Scheiben konnte ich einen leicht abschüssigen Rasen sehen, ein Stück eines Swimmingpools, in dem jetzt im Winter natürlich kein Wasser war, und hinter ein paar Büschen ein Nebengebäude, das einer modernen Westernranch ähnelte.

Auch in diesem Raum konnte ich keine Weihnachtsdekoration entdecken. In diesem Haus hätte man glatt vergessen können, was für ein Monat war, wären nicht schwere graue Wolken über den Himmel getrieben, die Schnee versprachen. Ein riesiger Tisch war mit teuer aussehendem Porzellan eingedeckt. Es roch schwach nach frischen Waffeln und Kaffee. Und nach dem Salz des Meeres, dessen Geruch durch ein offen stehendes Fenster zu uns hereinwehte.

Es war eiskalt in dem Raum.

»Hu!«, rutschte es mir heraus.

David marschierte zu dem Fenster und schloss es, dabei fiel mein Blick wieder auf den Umschlag in seiner Tasche. Bevor ich ihn jedoch danach fragen konnte, wandte er sich zu mir um. »Möchtest du dich schon einmal setzen?« Seine Stimme war so neutral wie die eines englischen Butlers. Wäre er nicht in Jeans und Rolli gewesen, hätte ich ihn am liebsten James genannt.

Ich biss mir auf die Lippe. Du und deine unbekümmerte Art, hörte ich meinen Vater sagen. Vielleicht könnt ihr David ein bisschen aufmuntern. Er hatte das auf der Fahrt hierher mindestens dreihundert Mal gesagt. Blöd nur, dass ich meine unbekümmerte Art offenbar zu Hause in Boston vergessen hatte. Meine Arme und Beine fühlten sich an wie aus Treibholz. Als David mir allen Ernstes einen Stuhl unter dem Tisch hervorzog und darauf wartete, dass ich mich setzte, versuchte ich, ein hysterisches Kichern zu unterdrücken. So vorsichtig wie möglich ließ ich mich auf der Stuhlkante nieder. Wie albern! Das Kichern platzte heraus, ohne dass ich es verhindern konnte.

»Was ist so lustig?«, fragte David. Er lehnte sich gegen die Anrichte, auf der eine Kaffeekanne und mehrere abgedeckte Platten standen. Offenbar spürte er dabei den Umschlag in seiner Tasche, seine Hand wanderte ganz kurz dorthin und ein Muskel unter seinem rechten Auge zuckte.

Ich presste die Lippen zusammen. »Nichts. Entschuldige! Ich fühle mich gerade nur so, als sei ich hier zufällig unten am Strand angeschwemmt worden.«

Davids Blick ruhte auf mir. Seine Augäpfel waren jetzt noch roter. Ob er seit Charlies Tod wirklich noch kein einziges Mal geweint hatte? Ich konnte mir unmöglich vorstellen, wie sich das anfühlen mochte. Ich war extrem nah am Wasser gebaut – ebenso schnell, wie ich in haltloses Lachen ausbrechen konnte, konnte ich auch anfangen zu heulen.

»Verstehe.« Sein Kehlkopf bewegte sich ruckartig auf und ab.

»Oh. Tatsächlich?« Ich nickte mechanisch. Und warum bist du trotzdem so wortkarg?, dachte ich ein wenig verärgert. Immerhin war sein stilles und trotzdem irgendwie ruppiges Verhalten schuld daran, dass ich überhaupt nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte.

Davids rechter Mundwinkel zuckte und ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. War das etwa die Andeutung eines Lächelns gewesen? Ich war mir nicht sicher, denn zu schnell war es wieder verschwunden. Eins war jedoch klar: Wenn er tatsächlich gelächelt hatte, dann nur, weil ich mich hier zum kompletten Idioten machte!

»Scheiße«, rutschte es mir heraus. Ich ließ den Kopf hängen. »Entschuldigung.« In dieser mondänen Umgebung war ein solches Wort mehr als unpassend. Ich beschloss, zu dem einzigen Mittel zu greifen, das bei mir half, wenn ich dabei war, mich zum Trottel zu machen: absolute Ehrlichkeit. »Es ist nur so«, sagte ich, »dass ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll. Sie wollen, dass ich dich aufmuntere, aber ich …«

»Schon gut!« Seine Stimme klang plötzlich sehr scharf.

Ich zuckte zusammen, klappte den Mund zu. Und hätte mich beinahe schon wieder entschuldigt.

»Versuchen wir beide einfach, das Ganze so elegant wie möglich hinter uns zu bringen«, schlug David vor. Er hatte inzwischen wieder die Arme vor der Brust verschränkt. Er wirkte abweisend und furchtbar zerbrechlich. Vielleicht fühlte er sich genauso aus Glas wie ich.

Ich spürte eine winzige Nadel, die mich genau an der Stelle pikste, an der mein Ego saß. Obwohl ich zuvor nicht besonders viel Lust gehabt hatte hierherzukommen, hatte der Anblick von Davids Augen dies schlagartig geändert. Mit einem einzigen Blick war ich neugierig auf diesen Typen geworden und es tat verblüffenderweise weh zu hören, dass es ihm mit mir nicht im Geringsten so ging.

Ich schluckte. Sei nicht albern, Juliane!, schimpfte ich im Stillen mit mir selbst. Er hat vor ein paar Wochen das Mädchen verloren, das er heiraten wollte. Wie kommst du auf dieIdee, dass er auch nur einen Funken von Interesse an dir haben könnte? Ich kam mir wirklich vor wie der komplette Volltrottel! Wieder sah ich diesen arroganten Siebzehnjährigen vor mir, als den ich ihn vor zwei Jahren kennengelernt hatte. Viel verändert hatte er sich offenbar nicht.

Ich atmete auf, als draußen auf dem Gang die Stimmen von Mr Bell und meinem Vater zu hören waren.

Das Kaffeetrinken gehörte zu der Kategorie Veranstaltungen, die niemand braucht. David schwieg eisern, Dad und Mr Bell versuchten, ihn zum Small Talk zu verleiten, und als sie damit scheiterten, redeten sie zu viel und zu laut miteinander, um ihre Unsicherheit zu überspielen. Ich hingegen fühlte mich, als hätte man in einem Theaterstück vergessen, mir eine Rolle zu geben.

Irgendwann – nachdem er eine Tasse Kaffee halb ausgetrunken und dann wortlos in die Mitte des Tisches geschoben hatte – stand David mit einer schwerfälligen Bewegung auf. »Ich bin müde«, murmelte er. »Hast du etwas dagegen, wenn ich mich zurückziehe, Dad?«

Er sagte tatsächlich »zurückziehen«. Plötzlich kam mir die gesamte Szene noch unwirklicher vor. Dad sah mich an und machte ein unglückliches Gesicht. Voller Unbehagen rutschte er auf seinem Stuhl hin und her.

Mr Bell zögerte mit der Antwort, doch dann nickte er. »Geh ruhig!« Er warf mir einen Seitenblick zu. »Sofern Juli dich entschuldigt.«

»Selbstverständlich!« Ich versuchte, Davids Blick einzufangen, aber er hatte den Kopf gesenkt und seine Haare verschleierten seine Augen.

»Ich danke dir!« Er wandte sich ab und wollte den Raum verlassen.

»Hast du deine Tabletten genommen?«, fragte Mr Bell beiläufig.

Mitten im Schritt erstarrte David. Einen Moment lang stand er völlig regungslos da. Dann ballte er die Fäuste. »Natürlich«, sagte er, ohne sich umzuwenden. Und ging. Leise fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Erleichtert seufzte ich auf. Schlagartig war wieder genug Luft zum Atmen da. Mr Bell und Dad schauten mich an.

»Es tut mir leid«, entschuldigte sich Mr Bell. »Vielleicht war es doch keine so gute Idee, euch herzubitten.«

Mein Vater legte beide Hände auf das weiße Tischtuch. Seine Finger waren mit Filzstiftfarbe beschmiert. Die unzähligen roten Striche kamen mir vor wie winzige Wunden.

Ich klammerte mich an der Sitzfläche meines Stuhls fest.

»Lass ihm einfach ein bisschen Zeit«, schlug mein Vater vor. »Für ihn muss es so wirken, als würde ihm plötzlich ein Babysitter zugeteilt.«

Mr Bells Unterkiefer war eine harte Linie. »Er benimmt sich ja auch, als hätte er einen nötig.«

Ich konnte nicht fassen, wie genervt und eisig er klang. »Er hat seine Verlobte verloren«, warf ich ein. Meine Worte kamen weitaus schärfer aus meinem Mund, als ich es beabsichtigt hatte. »Und so wie er aussieht, hat er eine handfeste Depression.«

Mr Bell nickte knapp. »Ich weiß.« Plötzlich wirkte er bekümmert. »Es fällt mir nur so schwer, das zu akzeptieren. Himmel, er ist ein Mann! Depressionen sind etwas für Frau…« Gerade noch rechtzeitig unterbrach er sich und hatte sogar den Anstand, etwas zu erröten.

Dad verzog den Mund zu einem halb spöttischen, halb vorwurfsvollen Grinsen. »Immer noch der alte Macho, Jason?«

Mr Bell zuckte die Achseln. »Ich bin eben in einer Zeit aufgewachsen, in der ein Mann …« Wieder sprach er nicht zu Ende.

Ich hatte die Nase voll. Ähnlich mühsam wie David kurz zuvor erhob ich mich. »Ich denke, ich habe für heute genug von John-Wayne-Sprüchen«, sagte ich mürrisch.

Mein Vater riss erschrocken die Augen auf.

Ich ignorierte ihn. »Darf ich mich ebenfalls zurückziehen, Mr Bell?«, fragte ich. »Ich bin schließlich nur eine Frau. Ich glaube, ich möchte mich jetzt ein bisschen in meinen Depressionen suhlen.«

Mein Vater wurde auf seinem Stuhl ganz blass. Ich starrte ihn nur wütend an, schließlich war er schuld an dem ganzen Schlamassel hier. Ich hätte jetzt zu Hause in Boston sein, mich mit meinen Freunden treffen oder sonst was tun können. Aber stattdessen stand ich in diesem unterkühlten Speisezimmer, fühlte mich zerbrechlich wie Glas und hätte am liebsten angefangen zu heulen. Ich riss mich zusammen und verfluchte im Stillen die halben Welt.

»Bitte«, meinte Mr Bell. »Nenn mich Jason.« Wahrscheinlich war das alles, was ich an Friedensangeboten von ihm bekommen würde.

Ich nickte knapp. Der Ärger in meiner Brust nagte an meinen Rippen wie ein kleines Tier an den Stäben eines Käfigs.

Da seufzte Mr Bell. »Also gut! Ich fürchte, diesen Tag sollten wir alle besser schnell vergessen. Versuchen wir morgen noch einmal, uns zu vertragen. Grace wird dir dein Zimmer zeigen.« Er langte nach einer Klingel, die zwischen zwei Fenstern an der Wand angebracht war, und drückte darauf.

Grace, das stellte sich gleich darauf heraus, war ein Dienstmädchen, das allen Ernstes in einem schwarzen Kleid mit weißer Schürze steckte. Ihre Haut hatte einen dunklen Bronzeton und die langen, glatten Haare, die sie zu zwei schwarzen Zöpfen geflochten trug, ließen mich ahnen, dass sie indianische Vorfahren hatte. Sie war älter als ich, aber nicht allzu viel, ich schätzte sie höchstens auf Mitte zwanzig. Mit kurzen, geschäftigen Schritten betrat sie das Speisezimmer. »Ja, Mr Bell?«, fragte sie. Sie hatte eine tiefe, leicht heisere Stimme, die so klang, als würde sie zu viel rauchen.

»Miss Wagner möchte sich zurückziehen, Grace. Bitte seien Sie so gut und zeigen Sie ihr das Gästeappartement!«

Grace deutete einen leichten Knicks an und ich spürte schon wieder ein Kichern in meiner Kehle aufsteigen. Mein Vater warf mir einen warnenden Blick zu und ich rümpfte die Nase. Ihm die Zunge herauszustrecken, wagte ich nicht.

»Wenn Sie mir bitte folgen würden, Miss?«, wandte sich Grace an mich.

Ich nickte meinem Vater und Jason so hoheitsvoll wie möglich zu und beeilte mich, Grace hinauszufolgen. Sie führte mich den Gang entlang zurück in Richtung Halle. Als wir an der breiten Freitreppe vorbeikamen, hatte ich das Gefühl, als streiche mir jemand mit einer eiskalten Hand über das Genick. Wie angewurzelt blieb ich stehen und fasste an meinen Hinterkopf.

Grace' Augen wurden kugelrund, als sie es bemerkte. Kurz sah es so aus, als wollte sie etwas sagen, aber sie schwieg und beschleunigte stattdessen ihre Schritte noch etwas mehr. Wir gingen durch einen weiteren Gang, vorbei an einer nur angelehnten Tür mit einem Messingdelfin, aus der es leicht nach Chlor roch. Durch eine andere Tür führte Grace mich hinaus auf eine Terrasse und von dort aus über einen gewundenen Weg aus Marmorplatten an dem weitläufigen, abschüssigen Rasen vorbei, den ich schon vom Esszimmer aus gesehen hatte. Unsere Gästezimmer befanden sich offenbar in diesem Nebengebäude, das mit Veranda, silbergrauen Holzverschalungen und Sprossenfenstern aussah wie eine moderne Westernranch. Innen, stellte ich fest, als Grace und ich es betraten, war es supermodern und teuer eingerichtet.

Wir liefen einen mit weinrotem Teppich ausgelegten Gang entlang, dann eine Treppe hoch in den ersten Stock. Grace öffnete mir eine der Türen hier oben. Dann trat sie zur Seite und ließ mich als Erste eintreten. Als ich an ihr vorbeiging, musterte sie mich, als hätte sie plötzlich etwas an mir entdeckt, das ihr zuvor entgangen war.

Mein Appartement bestand aus einem riesigen Raum mit breitem Bett und einer sehr modern aussehenden Wohnzimmergarnitur. Keine Spur von Kälte und frostiger Atmosphäre hier. Ich atmete erleichtert auf.

Grace gab einen kaum hörbaren, unterdrückten Laut von sich.

»Was ist?«, fragte ich.

Sie wich einen Schritt zurück. Ganz offensichtlich war sie erschrocken darüber, dass ich ihr Ächzen gehört hatte. »Nichts, Miss Wagner«, murmelte sie zu ihren Füßen hin. In ihrer Dienstmädchentracht wirkte sie eigenartig winzig, fast ein bisschen unsichtbar, fand ich. Das war vermutlich Absicht.

Ich überlegte. Zu gern hätte ich nachgehakt und Grace gefragt, was sie eben gemeint hatte. Aber ich war es nicht gewohnt, Menschen Befehle zu erteilen und Grace zu zwingen, mir zu antworten, kam mir irgendwie falsch vor. Doch noch bevor ich mich entschieden hatte, was ich tun sollte, räusperte Grace sich.

»Es ist nur …«, begann sie und brach ab.

Ich wartete.

Verzagt sah sie mich an. »Bitte verraten Sie Mr Bell nicht, dass ich Ihnen das gesagt habe!«

Beruhigend schüttelte ich den Kopf.

»Eben drüben im Haupthaus …« Sie schluckte schwer.

Ich wartete weiter.

»Sie haben es gespürt, oder?«

Mein Magen machte einen kleinen Hüpfer. »Gespürt?«, echote ich, in der Hoffnung, dass ich mich einfach nur verhört hatte. »Was gespürt?«

Aber Grace schüttelte eilig den Kopf. Zwischen ihren dunklen Augenbrauen lag jetzt eine tiefe, sorgenvolle Falte. »Sie sollten Ihren Vater bitten, Sie so schnell wie möglich wieder von dieser Insel wegzubringen!«

Das kam nun allerdings so unerwartet, dass ich auflachte. »Warum das denn?«

Grace’ Gesicht wurde zu einer undurchdringlichen Maske. »Gute Nacht, Miss Wagner!«, murmelte sie und wollte den Rückzug antreten.

Doch ich packte sie am Arm. »Moment! Sie können nicht solche seltsamen Andeutungen machen und dann einfach abhauen!«

Aus geweiteten Augen starrte Grace zu mir auf. Ich war ein ganzes Stück größer als sie. »Bitte, Miss …«

»Sagen Sie mir, was Sie eben gemeint haben!«

Da seufzte sie schwer. »Es … ist gefährlich auf Sorrow«, wisperte sie. »Madeleine wird nicht dulden, dass Sie hier glücklich werden.«

So betrübt wirkte sie, dass mir das Lachen im Halse stecken blieb. »Das habe ich eigentlich sowieso nicht vor.«

»Madeleine – sie wird kommen und Sie …« Grace wurde bewusst, dass ich ihr kein Wort glaubte, und sie presste so fest die Lippen aufeinander, als müsste sie die Worte mit Gewalt daran hindern, aus ihrem Mund zu purzeln.

»Wer ist Madeleine?«, fragte ich.

Statt mir zu antworten, blickte Grace auf meine Faust um ihr Handgelenk.

Zögernd ließ ich los. »Wer ist Madeleine?«

Grace nutzte ihre Chance und trat eilig den Rückzug an. »Sie kommt«, flüsterte sie. »Sie werden es erleben.« Dann machte sie kehrt und eilte davon, ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Verblüfft und auch ein wenig verunsichert starrte ich ihr nach.

Ich brauchte ein paar Sekunden, bevor ich mir einen Ruck geben und die Tür schließen konnte. Mein Blick schweifte durch das Zimmer, das ungefähr doppelt so groß war wie unser Wohnzimmer in Boston. Mein Koffer lag auf dem Bett, das mit apricotfarbener Seide bezogen war. Auf dem Couchtisch standen eine Vase mit bunten Blumen, eine Flasche edles Mineralwasser samt Glas und daneben eine Schale mit Obst und Schokolade. An einer Wand befanden sich ein riesiger Flatscreen-Fernseher und ein reich bestücktes Bücherregal. Durch eine halb offen stehende Tür neben dem Regal konnte ich in das angrenzende Badezimmer schauen. Viel weißer Marmor und glänzende Spiegel.

Ich kam mir vor wie im Hotel.

Zögernd trat ich an das Balkonfenster. Es ging nach vorne raus, sodass ich einen guten Blick auf den östlichen Flügel von Sorrow hatte. Das Herrenhaus thronte auf einer leichten Anhöhe, die Bäume ringsherum wirkten vom ständigen Wind zerzaust und geduckt und der leere Pool hatte etwas Einsames und Verlorenes an sich, das gut zu dem sonderbaren Namen des Hauses passte. Wenn man in den bleiernen Himmel schaute, war es fast unmöglich, sich vorzustellen, dass es auf dieser Insel warm genug werden konnte, um draußen zu baden.

Doch trotz der tief hängenden Wolken besaß der Himmel die Weite und dieses sonderbare Strahlen, das er nur am Meer bekommt. Der Atlantik musste sich jenseits von Sorrow befinden, denn von meinem Fenster aus konnte ich ihn nicht sehen. Mir fiel ein, wie ich draußen auf dem Parkplatz das Rauschen der Brandung gehört hatte.

Meine Gedanken wanderten zu David. Genau wie Grace hatte er das Frösteln bemerkt, das mich in der Eingangshalle überkommen hatte. Er hatte so ausgesehen, als wüsste er sehr genau, was ich in diesem Moment empfunden hatte. Ob er in diesem Haus auch so sehr fror wie ich?

Ich musste schlucken. Um mich von meinen Gedanken abzulenken, trat ich vor das Bücherregal und begutachtete die Auswahl der Titel. Es waren hauptsächlich Krimis und Thriller amerikanischer Autoren. Die meisten stammten aus Jason Bells eigenem Verlag. Ich nahm eines der Bücher zur Hand, überflog den Rückseitentext und stellte es wieder weg. Danach öffnete ich meinen Koffer, holte meinen Laptop heraus und schaltete ihn ein. Ich hatte das dringende Bedürfnis nach einem ausgiebigen Chat mit Miley, meiner besten Freundin von der Highschool in Boston.

»Hey!«, schrieb ich sie an. Sie antwortete prompt.

»Selber hey. Gut angekommen?«

»Ja. Ziemlich schräg hier.«

Miley chattete meistens mit mehreren Leuten gleichzeitig. Daher konnte es passieren, dass man erst eine Viertelstunde warten musste, bis sie sich wieder meldete. Diesmal jedoch war sie schon nach ein paar Sekunden wieder da. »Echt? Erzähl!«

Ich nahm die Finger von der Tastatur und überlegte, was ich schreiben sollte. »Das Haus ist unheimlich«, tippte ich dann, und als Miley nicht sofort antwortete, fügte ich hinzu: »Ein bisschen wie in einem Gruselfilm.«

»Cool!«, kam es daraufhin prompt zurück. »Und dieser David? Ist er süß?«

Fand ich ihn süß? Tatsächlich war er ziemlich ätzend zu mir gewesen und ich ärgerte mich über sein Verhalten. Trotzdem hätte ich beinahe Ja geschrieben. »Er ist traurig«, tippte ich stattdessen.

»Kein Wunder, oder?« Ich hatte Miley von seiner Verlobten und deren plötzlichem Tod erzählt, als ich ihr gesagt hatte, dass ich nicht zu unserer geplanten Silvesterparty kommen konnte. »Hast du schon rausgekriegt, was genau passiert ist?«

»Ich bin gerade mal eine Stunde hier, Miley!«

Diesmal brauchte sie fast zehn Minuten, bevor sie sich wieder meldete. Ich verbrachte die Wartezeit damit, aus dem Fenster zu starren und zuzusehen, wie der Wind die Bäume zauste. Eine Möwe flog dicht an meiner Scheibe vorbei. Ich stellte mir vor, wie sie kreischte, denn die Fenster waren zu gut isoliert, um irgendetwas zu hören

»Stimmt«, schrieb Miley endlich. »Aber halt mich auf dem Laufenden, ja?«

»Mache ich.« Ich überlegte noch, welches Thema ich als Nächstes anschneiden sollte, als Miley schrieb:

»Muss gleich weg. Verwandtenbesuch bei Tante!« Sie setzte ein Smiley dahinter, über dessen Kopf eine düstere Wolke schwebte.

»Du Arme!«, tippte ich. »Bis bald!«

Ich wartete noch auf einen Abschiedgruß von ihr, aber es kam keiner. Typisch Miley! Immer auf dem Sprung. Eine Weile lang surfte ich ziellos auf Facebook herum, und als ich mitbekam, wie sich ein paar Leute aus meiner Klasse zum Pizzaessen verabredeten, verfluchte ich mich selbst und meine Gutmütigkeit, die mich dazu gebracht hatte hierherzukommen. Ich mailte den anderen, dass ich leider nicht dabei sein konnte, und ging dann offline.

Mit einem Seufzen zog ich den Thriller von eben wieder aus dem Regal und beschloss, den Rest des Tages mit Lesen zu verbringen.

Nachdem ich den Thriller zu einem Drittel durchgelesen hatte, nahm ich eine Dusche und schlüpfte in meinen Schlafanzug, der mir in dieser eleganten Umgebung ziemlich billig vorkam. Dann öffnete ich das Fenster einen Spaltbreit, weil ich das Meer hören wollte. Die Gardinen ließ ich offen und eingehüllt in das gleichmäßige Rauschen der Brandung kuschelte ich mich in die seidenweichen Laken.

Eine Weile lang starrte ich in den wolkenverhangenen Himmel und beobachtete die Schatten dabei, wie sie über Möbel und Wände wanderten.

Madeleine wird nicht dulden, dass Sie hier glücklich werden!

Grace' Stimme erklang so klar und deutlich in meiner Erinnerung, dass ich beinahe zusammengezuckt wäre. Wer zum Teufel war Madeleine? Ich hatte keine Ahnung. So sehr ich mir auch den Kopf zerbrach, mir wollte einfach nicht einfallen, ob mein Vater auf der Herfahrt diesen Namen erwähnt hatte.

Ich murmelte einen genervten Fluch. Mit einem Seufzen schloss ich die Augen. Und sah auf der Stelle Davids blasses, unglückliches Gesicht vor mir.

Sie sollten Ihren Vater bitten, Sie so schnell wie möglich wieder von dieser Insel wegzubringen!

Wieder wisperte Grace' Stimme in meinem Hinterkopf. Ich riss die Augen auf.

Draußen vor dem Fenster schrien die Möwen.

»Schwachsinn!«, murmelte mein Verstand mit leiser Stimme. Kurz vor Mitternacht hatte ich immer noch keine Sekunde geschlafen. Schließlich gab ich es auf. Ich kletterte aus dem Bett und trat ans Fenster. In dem eisigen Luftzug, der durch den Spalt hereindrang, sah ich zum Haupthaus hinüber. Im Obergeschoss brannte noch Licht, doch genau in diesem Moment wurde es gelöscht. Der Geruch von Salz und Tang erfüllte das Zimmer und ich fröstelte in meinem dünnen Schlafanzug. Trotzdem rührte ich mich nicht. Nur wenige Sterne leuchteten durch eine Wolkendecke, die aussah wie ein zerfetzter Vorhang. Das Rauschen des nahen Atlantiks klang wie der Soundtrack zu einem sehr traurigen Film. Ich mochte das Meer und auch das Fernweh, das mich jedes Mal überkam, wenn ich an einem Strand war und zum Horizont schaute. Jetzt stand ich frierend da, lauschte auf das gleichmäßige Geräusch, mit dem die Wellen sich an den Klippen brachen, und verspürte ein unruhiges Kribbeln in den Adern.

»Schwachsinn!«, murmelte ich diesmal laut. Gerade wollte ich das Fenster wieder schließen, als der Wind Fetzen einer Melodie heranwehte. Verwundert hielt ich inne, lauschte. Das Metall des Fensterriegels war eiskalt in meiner Hand. Wieder erhaschte ich eine kurze Tonfolge, irgendeinen Teil eines Klavierstückes, das sehr traurig und getragen klang. Und dann ließ der Wind nach und ich konnte die gesamte Melodie erkennen. In Deutschland hatte ich etliche Jahre lang Klavierunterricht gehabt, aus diesem Grund kannte ich mich ein wenig aus. Das Lied, das drüben im Haupthaus gespielt wurde, war Beethovens Mondscheinsonate, eines der schönsten Klavierstücke, das ich kannte.

Habe ich schon erwähnt, dass ich nah am Wasser gebaut bin? Ich kann anfangen zu heulen, einfach nur, weil ich Musik höre, die mir nahegeht. Und genau das tat ich jetzt. Ich lauschte den lang gezogenen, melancholischen Klängen und mir schoss Wasser in die Augen. Einige Minuten lang stand ich einfach nur regungslos da, während mir die Tränen über die Wangen liefen.

Dann, plötzlich, verstummte die Melodie mit einem hässlichen Misston, so als hätte jemand in einem Anfall von Zorn auf die Tasten geschlagen. Ich wartete darauf, dass weitergespielt wurde, aber das geschah nicht. Stattdessen setzte der Wind wieder ein. Das Rauschen der Brandung übernahm erneut die Regie und ein Möwenschrei wurde in Fetzen gerissen.

Ich wischte mir die Tränen vom Gesicht. Sorgfältig verschloss ich das Fenster und diesmal zog ich auch die Vorhänge zu.

Dann ging ich zu Bett. Und schlief endlich tief und traumlos ein.

Grace hatte mir erklärt, dass das Frühstück in demselben Raum serviert werden würden, in dem wir am Vortag Kaffee getrunken hatten. Da ich vermutete, dass mein Vater die halbe Nacht durchgeschrieben hatte und noch schlafen würde, verzichtete ich darauf, an seine Tür zu klopfen. Stattdessen marschierte ich gegen halb neun allein über den Rasen hinauf nach Sorrow. Ein eisiger Wind wehte vom Meer her und ich fiel in einen leichten Trab. Im Schatten des Herrenhauses bog ich um eine Ecke und knallte mit voller Wucht gegen einen riesenhaften Typen in schwarzem Ledermantel.

»Uff!« Er stolperte einen Schritt rückwärts. Dann packte er hastig zu und hielt mich fest, weil ich von seiner Masse zurückgeprallt war wie ein Gummiball von einer Mauer. Seine Hände waren riesig und warm. Fest schlossen sie sich um meine Oberarme. »Nicht so eilig!« Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Er hatte einen Dreitagebart, für den er eine Menge Zeit und Pflege aufzuwenden schien. Darüber funkelte belustigt ein Paar hellblaue Augen. Ihre Farbe wollte nicht so recht zu seinen langen schwarzen Haaren passen, die der Wind zerzauste.

Ich wand mich aus seinem Griff. »Entschuldigung!«, murmelte ich. Der Typ hatte etwas an sich, das ich als uramerikanisch empfand, eine schreiend selbstbewusste Art, die hauptsächlich daher zu kommen schien, dass er wusste, wie gut er aussah.

Er lachte und ähnelte dabei dem jungen John Travolta. »Nichts passiert! Du musst Juli sein.« Sein Blick war forschend.

Ich nickte. »Ja.«

Er streckte die Hand aus. »Henry Farrisson.«

Ich schlug ein. Auf der Fahrt hierher hatte mir mein Vater erzählt, dass David einen Freund namens Henry hatte, der in der Nachbarschaft wohnte, im Geld schwamm und es daher nicht nötig hatte zu arbeiten. Irgendwie hatte ich ihn mir wesentlich älter vorgestellt, mindestens Mitte, Ende zwanzig. Er schien jedoch ungefähr in Davids Alter zu sein. »Du bist Davids bester Freund«, sagte ich.

Er rollte mit den Augen und sah plötzlich noch mehr aus wie John Travolta. »Davids einziger Freund, würde ich sagen.« Er wies in Richtung Herrenhaus. »Lass uns reingehen. Sonst frieren wir uns noch wichtige Körperteile ab!«

Ich war froh, dem eisigen Wind zu entkommen. Die Haut in meinem Gesicht prickelte bereits von der Kälte und ich hasste es, mit roter Nase herumzulaufen. In einer galanten Geste hielt Henry mir die Tür auf. Als wir den mit Teppich ausgelegten Flur betraten, durch den auch Grace mich gestern Abend geführt hatte, fielen mir die bunten und sehr modernen Gemälde auf, die hier hingen. Mein Vater hatte erwähnt, dass Henry malte. Ich erkundigte mich jedoch nicht nach seinen Bildern, sondern fragte stattdessen: »Wie hast du das eben gemeint, das mit dem einzigen Freund?«

Er ging neben mir her den Gang entlang. Sein fast bodenlanger Ledermantel schwang ihm um die Knöchel. Darunter trug er Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Im Gegensatz zu mir schien er gegen die Kälte immun zu sein. Mit einer Hand strich er sich die langen Haare zurück. Dann zuckte er die Achseln. »Sagen wir einfach, es gibt nicht viele Typen auf der Insel, die es längere Zeit mit ihm aushalten.« Von der Seite her betrachtete er mich. »Wirst du auch noch merken.«

Ich war mir ziemlich sicher, dass ich das bereits getan hatte. »Aber dich kann so schnell nichts in die Flucht schlagen?«, fragte ich mit gutmütigem Spott. Henry gefiel mir. Seine aufgekratzte, fröhliche Art wirkte auf die steife und traurige Atmosphäre von Sorrow wie ein Gegengift und vielleicht war das der Grund, warum ich an diesem Morgen nicht fröstelte, als wir die Eingangshalle erreichten und an der großen Freitreppe vorbeigingen.

Wieder zeigte Henry dieses Travolta-Grinsen. »Könnte sein, dass ich Masochist bin.«

»Henry, hör auf, kleine Mädchen anzubaggern!« Die leise Stimme, die plötzlich hinter uns ertönte, ließ mein Herz stolpern. Ich drehte mich um.

David stand auf der obersten Stufe der Treppe. Die Hand hatte er auf dem Geländer abgelegt, als müsse er sich Halt verschaffen. Er trug eine Jeans wie am Vortag, aber heute war es eine blaue. Dazu keinen Rollkragenpullover, sondern ein langärmliges weißes T-Shirt. Die Knopfleiste an seinem Hals war offen und gab seine Schlüsselbeine frei, die durch die blasse Haut aussahen wie Vogelknochen.

»Kleine Mädchen?«, grummelte ich. »Na danke! Sehr schmeichelhaft!«

Ganz kurz schaute David mich an, dann senkte er den Blick. Seine Augen waren etwas weniger rot als gestern, aber dafür lagen dunkle Schatten unter ihnen. Zu gern hätte ich ihn gefragt, ob er überhaupt geschlafen hatte. »Entschuldige.« Seine Stimme war ausdruckslos. »Ich wollte dich nicht beleidigen.« Er kam zu uns herunter. Ich hatte den Eindruck, er musste sich zusammenreißen, bevor er es wagte, das Geländer loszulassen.

Henry runzelte die dicken schwarzen Augenbrauen und ich wusste, dass auch er gesehen hatte, wie Davids Fingerknöchel weiß hervorgetreten waren. »Hey, Alter!«, grüßte er betont barsch. »Sag nicht, du hast wieder die halbe Nacht hindurch diesen alten Kasten gequält!«

Kasten? Die Frage musste mir am Gesicht abzulesen gewesen sein, denn Henry schob nach: »Ein Klavier. Er spielt öfter darauf, als gut für ihn ist.«

David war also derjenige gewesen, der letzte Nacht die Mondscheinsonate gespielt hatte!

»Ich wusste nicht, dass du Klavier spielen kannst«, sagte ich. Sein Spiel war gut gewesen, sehr ausdrucksvoll und sehr traurig. Was kein Wunder war, wenn man bedachte, was ihm kürzlich passiert war.

»Hast du oder hast du nicht?«, hakte Henry nach. »Gespielt, meine ich!« Da David ihm nicht antwortete, sah er mich forschend an. »Hat er oder hat er nicht?«

Ich war drauf und dran zu verneinen, doch dann siegte die Ehrlichkeit, die mich schon so oft in Teufels Küche gebracht hatte. Ich nickte.

Henry seufzte. »Was hast du gespielt?«, wandte er sich an David.

Der schwieg weiterhin. Für einige Sekunden maßen die beiden sich mit Blicken und ich hatte das Gefühl, dass sie eine Art stummen Kampf ausfochten.

Langsam schwang Henrys Kopf zu mir herum. Ich räusperte mich unbehaglich, schaffte es aber, die Klappe zu halten.

»Was, David?«, hakte Henry nach, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. »Beethoven?« Die letzte Frage war eindeutig an mich gerichtet.

Ich zuckte die Achseln, aber er nickte, als hätte ich seine Vermutung bestätigt. Mein Gesicht wurde heiß und ich verfluchte die Tatsache, dass man mir meine Gedanken wie immer direkt an der Nasenspitze ablesen konnte.

Henry schüttelte sachte den Kopf. »Du bist echt krank im Hirn, Alter!« Er klang gleichzeitig besorgt und gutmütig. Und mit diesen Worten marschierte er voraus in Richtung Esszimmer.

»Tut mir leid«, murmelte ich. Jemand hatte Zimmermannsnägel durch die Sohlen meiner Schuhe geschlagen und mich auf dem wertvollen Parkettfußboden festgenagelt.

David rührte sich noch immer nicht. »Hast du es wirklich gehört?« Er musterte mich und ich verspürte brennende Neugier zu erfahren, was er in diesem Moment wohl dachte.

Ich nickte. »Du spielst sehr gut.« Ich kannte nicht besonders viele Jungs, die Klavier spielten, und das machte ihn in meinen Augen gleich noch ein bisschen interessanter.

Er behielt für sich, ob ihn mein Kompliment freute. Als er vor mir her zum Speisezimmer ging, sah ich, dass sich der fliederfarbene Umschlag wieder in seiner Hosentasche befand, obwohl er eine andere Jeans trug als gestern.

Als ich das lichtdurchflutete Esszimmer betrat, war Henry gerade dabei, sich am Buffet den Teller vollzuschaufeln. Wie am Nachmittag zuvor gab es Kaffee und Waffeln, aber dazu kamen jetzt noch Eier und Speck, frische Brötchen und verschiedene Käsesorten. Schon wieder kam ich mir vor wie in einem Hotel. Grace stand in einer Ecke und wartete darauf, einen Auftrag zu erhalten. Als sie mich sah, schien sie erstaunt und beunruhigt zugleich, aber sie wich meinem forschenden Blick aus. Ob sie tatsächlich geglaubt hatte, ich würde ihre seltsame Warnung von gestern ernst nehmen?

David hatte sich nur einen Kaffee eingeschenkt und saß bereits an einem Ende des Tisches, der an diesem Tag mit fröhlichem hellgelbem Geschirr gedeckt war. Schweigend starrte er in seinen Becher, so als wollte er damit demonstrieren, dass er keine Lust auf eine Unterhaltung hatte.

Mit einem unterdrückten Seufzen trat ich neben Henry an das Buffet und sah zu, wie er dem Haufen Rührei auf seinem Teller mehrere Würstchen und ein paar Scheiben Speck hinzufügte. Als er bemerkte, dass ich ihn beobachtete, grinste er schon wieder. »Hatte heute Morgen noch nichts«, sagte er. Dann schob er sich eines der Würstchen ganz in den Mund.

»Warum bist du hier?«, fragte ich ihn.

Er antwortete mir mit vollem Mund. »Jason hat mir erlaubt, jederzeit herzukommen. Ab und zu übernachte ich auch hier. Seinetwegen.« Er schluckte und warf einen vielsagenden Blick in Davids Richtung. »Ich dachte mir, dass es vielleicht ganz gut ist, wenn du in den ersten Tagen ein bisschen Unterstützung bekommst.«

Ich verbiss mir jede Bemerkung, nahm eine Schüssel und füllte sie mit Obstsalat und Joghurt.

»Gut so«, lobte Henry, nachdem er sich ein weiteres Würstchen in den Mund gestopft hatte. »Pass bloß auf, dass du nicht zunimmst! Du könntest sonst womöglich nicht mehr durch die Gullys passen.«

Ich streckte ihm die Zunge raus und ging mit meinem Frühstück zu David. Ohne ihn zu fragen, ob es ihm recht war, setzte ich mich neben ihn. Ganz kurz schaute er auf. Wenn er genervt war, so verbarg er es hinter einer ausdruckslosen Miene.

Ich atmete einmal tief durch. »Okay«, meinte ich und mir fiel auf, dass ich mit dem Löffel wie mit einer Waffe auf ihn zeigte. Rasch legte ich das Ding weg. »Wir beide wissen, dass es zwei Möglichkeiten gibt, das hier durchzustehen: auf die harte oder auf eine angenehmere Tour.« Ich hielt inne, um ihm Gelegenheit zu geben, etwas zu antworten, doch er schwieg. Also redete ich einfach weiter: »Ich bin auch nicht ganz freiwillig hier und das Letzte, was ich vorhabe, ist, dir auf die Nerven zu gehen. Aber ich habe meinem Vater – und auch deinem, nebenbei bemerkt – versprochen, dass ich dir Gesellschaft leiste. Ich habe inzwischen begriffen, dass dir nichts daran liegt, aber ich fürchte …«

»Ich sagte gestern schon, dass wir das Ganze so elegant wie möglich über die Bühne bringen sollten«, fiel er mir mitten ins Wort.

Henry, der sich in der Zwischenzeit auf der anderen Seite neben David gesetzt hatte, lachte leise. Dann schaufelte er eine Gabel voll Rührei in seinen Rachen und begann, völlig unbekümmert zu kauen. David beachtete ihn nicht. Seine Hände lagen um den Kaffeebecher und es sah aus, als müsse er sich daran festhalten.

»Oh!« Ich war aus dem Konzept gekommen. »Gut.« Ich entschied mich, zum Gegenangriff überzugehen. Verdammt! Sonst war ich doch auch nicht auf den Mund gefallen. Warum nur kam ich mir schon wieder wie ein Volltrottel vor? »Was hat es mit diesem Lied auf sich?«, fragte ich.

Erneut lachte Henry. »Selbst schuld!«, hörte ich ihn murmeln. »Hättest wenigstens für eine Nacht auf den dramatischen Effekt verzichten können! Mondscheinsonate!« Er schnaubte verächtlich.

David funkelte ihn an. Seine Schultern waren plötzlich angespannt. An seiner Schläfe pochte eine einzelne Ader.

»Ich meine«, ergriff ich wieder das Wort, »ich habe das heute Morgen mal gegoogelt. Es heißt, dass Beethoven die Sonate an der Bahre eines verstorbenen Freundes improvisiert hat. Findest du nicht, dass es ziemlich schräg ist, wenn du sie Nacht für Nacht spielst?«

Zehn, fünfzehn Sekunden verstrichen. »Ja«, sagte David dann zu meiner Verblüffung. »Wahrscheinlich hast du recht.« Er hob seinen Becher an die Lippen und nahm einen Schluck.

Er trank seinen Kaffee schwarz.

»Warum tust du es dann?« Ich wartete eine Weile, und als David keine Anstalten machte, mir zu antworten, wandte ich mich an Henry. »Also?« Ich drohte ihm mit dem Löffel. »Und wehe, du wagst es, mir auch auszuweichen!«

Er hob beide Hände. »Nicht prügeln, Missy!«, jammerte er und imitierte den Tonfall einer Frau. Ich hoffte für ihn, dass seine Malerei besser war als seine Schauspielkünste, denn die Vorstellung war ziemlich erbärmlich. Die ängstliche Südstaatensklavin nahm ich ihm keine Sekunde lang ab. Stattdessen hätte er locker die Rolle des Hagrid in einem Harry-Potter-Film übernehmen können.

Demonstrativ verschränkte ich die Arme vor der Brust und lehnte mich zurück.

Endlich stieß Henry einen Seufzer aus. »Tja«, sagte er. »Er behauptet, er hat seine Gründe.«

Ich wartete weiter, aber Henry schüttelte nur den Kopf und wies mit dem Kinn auf David, zum Zeichen, dass ich alles Weitere aus ihm herausquetschen sollte.

Herausfordernd wandte ich mich also wieder David zu. Es dauerte eine ganze Weile, bis er einsah, dass ich nicht lockerlassen würde.

Er schluckte schwer. »Wenn ich spiele …«, setzte er an, verstummte dann aber wieder.

Ich ließ den Blick nicht von ihm.

Sein Kehlkopf ruckte. Unter seinem dünnen T-Shirt sahen seine Schultern verkrampft aus.

»… hört er ihr Flüstern nicht«, stieß Henry mit einem leisen Schnauben hervor.

David sah aus, als bereiteten ihm die Worte Schmerzen.

»Ihr Flüstern?« Ich fühlte ein Kribbeln im Nacken. »Von wem redet ihr?«

Aber David schien jetzt jede Bereitschaft, mit mir zu reden, endgültig verloren zu haben. Mit einer gleichzeitig zornigen und aufsässigen Bewegung schüttelte er den Kopf, sodass ihm seine dunklen Haare in die Augen fielen.

»Henry?«, fragte ich.

Henry wand sich, aber schließlich gab er nach. »Charlies«, sagte er sehr leise.

Ich konnte ein ungläubiges Lachen gerade noch unterdrücken. Dann fiel mein Blick auf Davids Gesicht. Tiefe Linien hatten sich in die Haut um seinen Mund gegraben und seine Stimme klang sehr leise und sehr kalt, als er sagte: »Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass dieser Name hier nicht mehr fällt?«

Schlagartig sank die Temperatur im Raum um einige Grad. Henry jedoch schien das nicht zu bemerken. Er wandte unbekümmert die Handflächen nach oben. »Du hattest es verlangt!«, stellte er richtig. »Und ich habe gesagt, dass du mich am Arsch lecken kannst.« Er verzog das Gesicht. »Alles hier hat irgendwie mit Charlie zu tun. Wirst du noch merken.«

Diesmal schloss David die Augen, als der Name fiel.

Ratlos betrachtete ich ihn und überlegte noch, was ich als Nächstes sagen sollte, als die Tür des Esszimmers aufgestoßen wurde und eine Frau hereinkam. Sie mochte dreißig oder auch vierzig Jahre alt sein, das war schwer zu schätzen. Sie trug einen durchgeschwitzten Trainingsanzug und Turnschuhe, deren Sohlen auf dem Parkett feuchte Abdrücke hinterließen.

»Herrje!«, ächzte sie, als sie uns sah. »Ich wusste nicht, dass ihr schon auf seid. Ich glaube, ich sollte besser erst mal duschen …« Sie war bereits auf dem Weg nach draußen, als David die Augen wieder öffnete.

»Schon gut, Taylor.« Er wies auf mich. »Das ist Juli, die Tochter von Bob Wagner. Juli, das ist Taylor, die persönliche Assistentin meines Vaters.«

Taylor trat näher und wir schüttelten uns die Hände. Alles an ihr wirkte kräftig, aber auf eine sportliche, hübsche Art. Die Muskeln ihrer Beine waren unter der eng anliegenden Jogginghose deutlich zu erkennen. »Willkommen, Juli«, sagte sie. »Jason hat mir erzählt, dass ihr uns besuchen würdet.« Für einen kurzen Augenblick musterte sie David. »Das ist gut«, fügte sie hinzu.

»Danke, Miss Taylor«, sagte ich und zwang mich, mir nicht die Finger zu reiben, nachdem sie sie losgelassen hatte. Sie hatte einen Händedruck wie ein Schraubstock.

»Oh! Einfach nur Taylor!« Sie lächelte mich an. Sie hatte die typischen schneeweißen und regelmäßigen Zähne der amerikanischen Oberschicht und irgendwie sah es so aus, als hätte sie mindestens fünfzig Stück davon im Mund. »Jeder hier nennt mich so.«

»Taylor.« Ich gab ihr Lächeln zurück.