Herz des Winters - Madeleine Puljic - E-Book
Beschreibung

Sie ist eine ausgebildete Kämpferin. Beinahe jedenfalls. Er war zu Lebzeiten ein mächtiger Zauberer. Behauptet er. Daena und ihr knochiger Gefährte schlagen sich mit schlecht bezahlten Aufträgen durchs Leben, als sie in etwas verwickelt werden, das alles bisher Dagewesene übertrifft und sie mit den Schrecken der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Ihr neuer Auftrag lautet Krieg – und der Sold ist das Überleben der menschlichen Rasse. Eine epische High-Fantasy-Reihe – hier wird nicht mit Spannung gegeizt, und eine ordentliche Prise Humor verleiht der Geschichte das besondere Etwas! Wer Sapkowski schätzt, sollte sich das nicht entgehen lassen! – Katharina V. Haderer

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Seitenzahl:273

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Inhaltsverzeichnis
Titel
Für Liam
Karte
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
Daenas Tagebuch
Danksagung
Über die Autorin
Impressum

Madeleine Puljic

Roman

Für Liam

ückblickend wäre es natürlich einfach zu sagen, all ihre Schwierigkeiten hätten erst mit Berekh begonnen. Hinterher war es immer leicht, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und ihm die Schuld zuzuschreiben, doch die simple Wahrheit war: Ihre Misere hatte nichts mit Berekh zu tun.

In ihren edelmütigen Momenten war sie selbst es, der sie die Unfähigkeit vorwarf, sich ihrem Stand und ihrer Umgebung gemäß zu verhalten. Möglicherweise war das ja der Grund, weshalb sie Anstellungen selten lange genug behielt, um die vereinbarte Bezahlung zu erhalten.

»Was ist, du schmalgesichtige Gossenratte? Mach Platz, oder ich zeig dir gleich, wo’s lang geht!«

Andererseits – vielleicht lag es doch an Berekh.

»Sei gefälligst still!«, zischte Daena ihrem vorlauten Begleiter zu. Zugleich versuchte sie, dem bulligen Soldaten, dem Berekhs Worte gegolten hatten, ein entschuldigendes Lächeln zuzuwerfen. Sie mochte zierlich und hilflos aussehen, doch bei solchen Zeitgenossen half das wenig. Vor allem, da Berekh sich vor fremden Blicken sicher verborgen in ihrem Beutel befand, und sie somit gnadenlos den Reaktionen auf seine eigene Ruppigkeit aussetzte.

Zum Glück gab der Soldat nur ein unwirsches Grunzen von sich. Dann wandte er den finsteren Blick wieder einer Handvoll zwielichtiger Gestalten zu, die sich zwischen den Marktständen herumdrückten und eindeutig nicht hier waren, um einzukaufen.

Schnell brachte Daena eine ihr sicher erscheinende Distanz zwischen sich und das Geschehen. Erst als sie außer Sichtweite des Soldaten und seinem penetranten Schweißgeruch entkommen war, öffnete sie ihre Tasche. »Irgendwann lasse ich dich einfach liegen«, zischte sie. »Ich schwöre es. Mitten auf der Straße. In einer Jauchepfütze!«

Der vergilbte Totenschädel grinste sie aufmüpfig an. »Und wer hört sich dann Nacht für Nacht dein Gejammer an?«

Wütend knallte Daena den Beutel samt Berekh zu Boden und genoss das Geräusch, mit dem seine Zähne aufeinander schlugen. »Ich bin sehr gut allein zurechtgekommen, bevor ich dich gefunden habe!«

»Pah, von wegen gefunden! Meine Krypta hast du geschändet und meinen Kopf gestohlen, du unwissendes Kind!«

Sie schnaubte ungehalten. »Gar nichts habe ich geschändet!« Vor Wind und Regen hatte sie Unterschlupf gesucht und in ihrer Einsamkeit ein Gespräch mit einem – wohlgemerkt, leblosen! – Schädel begonnen, der zwischen Laub und Gestein auf dem Boden gelegen hatte. Als die Nacht und das Unwetter vorüber gewesen waren, hatte sie den vermeintlich stillen Gefährten nicht zurücklassen wollen. Das hatte sie nun davon.

»Ich kann dich ja gerne wieder in ein Grab legen, wenn du so viel Wert darauf legst, du undankbares Gerippe!«

Berekh knirschte wütend mit den Zähnen, und das normalerweise grüne Glühen in seinen leeren Augenhöhlen verwandelte sich in ein tiefes Violett. Er hasste es, im Streit zu unterliegen. Schließlich presste er hervor: »Werde ich jetzt vielleicht auch einmal wieder aufgehoben? Und nenn mich gefälligst nicht Gerippe, ich habe überhaupt keine Rippen.«

Seufzend bückte Daena sich, um nach dem Trageriemen zu greifen – und erstarrte mitten in der Bewegung. Schnee hatte begonnen, in dicken Flocken auf den gefrorenen Boden zu sinken, und sammelte sich im kalten Dreck. Daena scheute weder den Schmutz noch die Kälte – doch dieser Schnee war rot gefärbt von dem Blutvergießen, das er ankündigte.

»Was ist?«, fragte Berekh, der aus seiner Tasche heraus zwar ihren entsetzten Blick, jedoch nicht den blutigen Schnee sah.

Daena schüttelte ihre Starre ab. Es kostete sie unendliche Überwindung, den Riemen zu packen und dabei die roten Flocken mit den ungeschützten Fingerspitzen zu berühren.

»Wir müssen weiter«, presste sie hervor. Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern.

»Warum? Was ist los?«

Sie konnte die ruckartigen Bewegungen an ihrer Hüfte spüren, mit der Berekh sich in dem Beutel umher warf, um einen Blick nach draußen zu erhaschen.

»Die Morochai kommen.« Sie zog die Kapuze ihres Umhangs tief ins Gesicht und verbarg so die Narben, die allzu deutlich vom Ausgang ihrer letzten Begegnung mit den Echsenwesen kündeten.

***

»Findest du es nicht jämmerlich, ständig davonzulaufen? Immerhin bin ich ein mächtiger Zauberer, und du eine ausgebildete Kämpferin …«

»Du warst einmal ein Zauberer«, keuchte Daena, während sie sich durch den engen Mauerspalt quetschte, der einen der Zugänge zu den Fluchttunneln darstellte. Wenn man deinem aufschneiderischen Gebrabbel Glauben schenken darf, fügte sie im Stillen hinzu. »Und meine Ausbildung habe ich nie abgeschlossen, falls du das schon vergessen hast. Da kam eine Kleinigkeit dazwischen. Und die hat, soweit ich mich erinnere, mit denselben Worten von dir begonnen.«

Die Tunnel waren abwechselnd gemauert und einfach in den rauen Fels geschlagen. Dabei waren sie so dunkel, dass Daena sich nur vorantasten konnte. Sie hatte zwar Feuersteine im Gepäck, aber nichts, woraus sich eine Fackel hätte bauen lassen. Davon abgesehen lag ihr absolut nichts daran, sich schon von weitem bemerkbar zu machen. Auch wenn Morochai meist von oben angriffen – man war nirgendwo vor ihnen sicher, sobald sie eine Stadt erst einmal als Ziel auserkoren hatten.

Daena bewegte sich irgendwo zwischen Stolpern und Laufen. Sie konzentrierte sie sich auf die Sinneseindrücke ihrer unmittelbaren Umgebung und versuchte, die Erinnerungen auszusperren. Nicht, dass Berekh ihr dazu Gelegenheit gegeben hätte.

»Das ist sechs Jahre her«, entgegnete der unermüdlich lästernde Schädel. »Du solltest langsam darüber hinweg sein.«

»Vier Jahre davon in der Sklaverei!« Endlich kam ein Lichtschimmer in Sicht – Tageslicht, kein Feuer. Es schien fast, als würden sie es wirklich aus der Stadt schaffen.

»Na und? Mich hast du währenddessen im Dreck verbuddelt! Das war auch nicht gerade der Höhepunkt meines Daseins, und ich werfe es dir auch nicht vor.«

»Doch, mindestens einmal im Monat. Und auch wenn du schon tot bist, hätte dir sicherlich nicht gefallen, was sie mit dir gemacht hätten, wenn du ihnen in die Klauen gefallen wärst.« Das unwillige Brummen, mit dem er antwortete, unterbrach sie barsch. »Still jetzt, der Ausgang kommt.«

Es war kaum zu glauben, doch der Tunnel war weder verschüttet noch mit Echsen gefüllt – sie konnte schon die winternackten Haselsträucher sehen, die vor der mit Efeu und Eis verhangenen Öffnung wuchsen und so das Ende des Fluchtweges von außen selbst zu dieser Jahreszeit nahezu unsichtbar erscheinen lassen mussten. Nur noch wenige Schritte, und sie konnten …

Plötzlich verdunkelte ein Schatten den Ausgang. Bevor sie ihren Dolch aus dem Gürtel gezogen hatte, tauchte ein Arm durch den Efeu und zerrte sie ins Freie. Weitere Schatten drängten sich um sie, kreisten sie ein, und der eiserne Griff, in dem Daena gehalten wurde, machte es ihr unmöglich, sich zu wehren. In Panik grub sie die Zähne in den Oberarm, der sich um sie geschlungen hatte. Ein Schrei erklang, und im gleichen Moment bemerkte Daena, dass sie nicht auf Schuppen biss.

»Verfluchte kleine …«

»Fangt sie, sie fällt!«

»Ganz ruhig, Kind, wir tun dir nichts.«

Daenas Hals schmerzte von den krampfhaften Atemzügen, die ihr die Angst aufgezwungen hatte. Kämpfen war eine Sache, aber gegen Morochai war es zwecklos. Ihre Narben und Albträume erinnerten sie stets daran. Nur langsam ebbte ihre Furcht ab, bis Daena sich schließlich weit genug beruhigt hatte, um in den sie umgebenden Gestalten Menschen zu erkennen – der Kleidung nach zu urteilen Heiler, Priester und Bauern aus den umliegenden Dörfern. Sie sank endgültig zu Boden, mit der Angst auch ihrer Kraft beraubt.

»Alles in Ordnung, Mädchen? Bist du verletzt?«

Benommen sah Daena auf. Sie blickte in das freundliche, runde Frauengesicht und schüttelte den Kopf.

»Waren noch mehr Menschen in den Tunneln?«

»Nein … Ich weiß es nicht. Ich habe nur das Blut gesehen und bin gelaufen …«

Unsicher versuchte Daena, auf die Beine zu kommen, doch einer der Männer kam ihr zuvor. Er riss sie grob hoch. »Was soll das heißen?«, schnauzte er sie an. »Hast du niemanden gewarnt?«

»Eigentlich …« Eigentlich war es ihr nicht einmal in den Sinn gekommen, was mit den anderen sein würde. Sie hatte nur daran gedacht, unauffällig zu verschwinden – und Menschen, die in schreiender Panik versuchten, eine Stadt zu evakuieren, wären dabei ein klares Hindernis gewesen.

»Lass das Mädchen in Ruhe! Du siehst doch, dass sie unter Schock steht.« Damit zog die Frau Daena zu dem improvisierten Lager und drückte ihr eine Schüssel mit Brühe in die zitternden Hände.

Schweigend beobachtete Daena, wie weitere Menschen aus den Tunneln gezogen wurden. Manche blutverschmiert, einige mit kleinen Bündeln auf den Armen, die nun ihr gesamtes Hab und Gut darstellten. Alle wurden sie ans Feuer geführt und versorgt, doch es waren so erbärmlich wenige, die es aus der Stadt schafften.

Das Ende des Fluchtweges und damit ihr Lager lag weit außerhalb der Stadtmauer, versteckt in einem kleinen Wäldchen. Somit konnte Daena nicht sehen, wie es um die Stadt stand, doch aus Erfahrung wusste sie nur zu gut, was vor sich gehen musste. Wer das Gemetzel überlebte, wurde in die Minen und Sümpfe gesteckt, als wertlose Sklaven, die jeden Tag erneut ums Überleben kämpfen mussten. Wer zu schwach zum Arbeiten war, erlebte den Abend nicht. Für Daena waren es die Minen gewesen. Eine endlose Zeit in Dunkelheit und Enge, die trotzdem eine gewisse Sicherheit boten, immerhin waren die Minenschächte zumindest frei von den geflügelten Echsen.

Gerade wurde eine weinende Frau aus dem Tunnel gezogen, als hinter ihr Schreie ertönten. Doch es waren keine menschlichen Stimmen, sondern das pfeifende Fauchen, das die Sprache der Morochai darstellte – und sie drangen aus dem Tunnel.

Ohne zu zögern griffen die Männer nach ihren Spitzhacken. Innerhalb weniger Sekunden hatten sie Felsen und Erdreich rund um den Eingang in Bewegung gesetzt. Ein kurzer Erdrutsch, und die Öffnung war verschwunden. Die Sicherheit der bereits geretteten Menschen ging vor, die Echsen durften dieses Ende des Tunnels nicht erreichen.

Mit sanfter Gewalt zog man die letzte Geflohene von dem verschütteteten Tunnel fort. Die Frau bäumte sich auf und schrie. Sie streckte ihre Hände nach dem Erdwall aus, in dem sie mit bloßen Fingern gegraben hatte, und versuchte, sich loszureißen. »Nein!«, heulte sie. »Ihr versteht nicht. Meine Kinder! Sie waren doch nur ein paar Schritte hinter mir. Nur ein paar Schritte …« Ihre Stimme verklang zu einem unablässigen Wimmern, das nur von ihren bebenden Schluchzern unterbrochen wurde.

Daena schwankte, als sie begriff, was sie getan hatte. Der Mann hatte recht. Sie hatte die Gefahr erkannt und niemanden gewarnt. Das Blut dieser Stadt, dieser Kinder klebte an ihren Händen.

Eine leise Stimme drang aus ihrer Tasche. Sie stimmte ein sanftes Klagelied in Klaavu an, der alten Sprache der Gelehrten. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass Berekh seit dem Verlassen der Tunnel kein Wort mehr gesprochen hatte.

***

Knapp drei Dutzend Männern, Frauen und Kindern war die Flucht aus der Stadt gelungen, die zuvor fast zweitausend Menschen beherbergt hatte. Einer davon, ein junger Mann mit stark blutenden Krallenspuren an Arm und Brust, würde die kommende Nacht nicht überleben. Sie trugen ihn auf einer notdürftig zusammengebauten Trage, ebenso vier weitere, die zu schwer verletzt waren, um auf eigenen Beinen zu gehen.

Auf diese Weise kamen sie nur quälend langsam voran, dennoch benötigten sie nicht einmal eine Stunde, um das nächste Dorf zu erreichen. Was bedeutete, dass es für Daenas Empfinden eindeutig zu nah an der Stadt lag, die sich mittlerweile durch einen erschreckend großen Feuerschein vom dämmrigen Himmel abzeichnete.

Morochai streunten selten nach einem Angriff durch die Umgebung. Sie plünderten und zerstörten, was ihrem Einfall standgehalten hatte, und schafften die Sklaven fort. Nichtsdestotrotz fühlte sie sich alles andere als sicher, und damit war sie nicht die Einzige. In dem improvisierten Schlafsaal, den die Dorfbewohner in der Tempelhalle eingerichtet hatten, herrschten Angst und Schmerz. Diese Menschen hatten alles verloren. Jeder von ihnen hatte Familienangehörige und Freunde in der Stadt zurückgelassen.

Jeder außer Daena.

Sie teilte ihr Leid nicht, und dadurch fühlte sie sich ausgeschlossen und noch schuldiger als ohnehin bereits. Sie hatte kein Recht, inmitten all der Trauernden zu sein und das gleiche Mitgefühl zu empfangen wie sie. Sie konnte allerdings auch schlecht aufstehen und einfach davonspazieren.

Also kauerte sie sich auf ihrer Pritsche zusammen und zog ihren Beutel an die Brust. In dem leisen Schluchzen und Wimmern, das den Raum füllte, würde eine geflüsterte Unterhaltung niemandem auffallen. Und falls doch, würden sie ihr scheinbares Selbstgespräch für ein Gebet halten.

»Berekh, bist du wach?«

Ein dumpfes, orangefarbenes Glühen drang durch den Stoff – die Farbe, die seine Augenhöhlen seit dem Klagelied angenommen hatten.

»Sag mir ehrlich, was du denkst«, bat sie. »Hätten wir etwas tun können?«

Etliche quälende Sekunden vergingen, bevor eine Antwort kam. »Nichts, was etwas geändert hätte«, bekannte er schließlich. »Hättest du eine Warnung gerufen, hätten einige den Tunnel früher betreten. Und auch die Echsen hätten ihn früher gefunden. Andere Menschen wären jetzt hier, aber ich denke nicht, dass ihre Zahl eine andere gewesen wäre.«

»Also hätten wir nicht doch kämpfen sollen?«

Wieder war da dieses Schweigen, das so gar nicht zu dem Schädel passte, den sie kannte. Als er endlich sprach, klang eine derartige Resignation in seiner Stimme, dass sich etwas in Daenas Brust schmerzhaft zusammenzog. »Nein. Du hattest recht. Ich bin nicht mehr, was ich einmal war. Nichts ist mehr, was es einmal war.«

Unwillkürlich zog Daena ihre Tasche und damit Berekh in eine tröstende Umarmung, von der sie nicht sagen konnte, ob sie für ihn oder sie selbst gedacht war.

Sie hätte nicht damit gerechnet, dass er noch mehr erzählen würde, und war überrascht, als er nach einer Weile fortfuhr: »Ich hatte auch einmal eine Familie. Eine wundervolle Frau. Drei großartige Kinder. Sie waren meine Sonne, mein Leben.« Ein trockenes Lachen ließ die Tasche vibrieren, und ein kleiner Funke des altbekannten, sarkastischen Berekh kam zum Vorschein. »Das hättest du mir wohl nicht zugetraut, was?«

Insgeheim musste Daena ihm zustimmen. Berekh der Totenschädel war ihr immer so solide und präsent vorgekommen, dass sie nie darüber nachgedacht hatte, dass es auch einmal Berekh, den Menschen gegeben haben musste.

»Was ist passiert?«, fragte sie.

Tiefrotes Licht drang aus der Tasche, so hell, dass Daena schnell die Decke über sich und den Beutel zog.

»Der Krieg kam.«

»Die Morochai?«, fragte sie mitfühlend.

Die Echsen waren zwar erst vor wenigen Jahren in Yarun und den umliegenden Ländern eingefallen, doch es konnte gut sein, dass es nicht das erste Mal gewesen war.

Berekh jedoch schüttelte den Kopf – also sich selbst. »Menschen gegen Menschen. Ein Krieg wie so viele davor und so viele danach. Ich habe auf unzähligen Schlachtfeldern gestanden, um die Feinde abzuwehren. Aber als es vorbei war …« Er stockte. »Als ich nach Hause kam, war alles zerstört, wofür ich gekämpft hatte. Deserteure waren durch das Land gezogen, hatten geplündert und gebrandschatzt, vergewaltigt und gemordet. Und niemand konnte mir sagen, ob es die Gegner oder unsere eigenen Leute gewesen waren.«

»Was hast du dann gemacht?« Daena graute vor der Antwort, die sie bekommen würde. Sie hoffte, dass sie sich die plötzliche Kälte nur einbildete, doch auch auf den umliegenden Betten begannen die Leute, zu zittern und sich fester in ihre Decken zu wickeln.

»Dann«, kam es ruhig und gefasst aus der Tasche, »bin ich auf die Jagd gegangen.«

***

Daena hatte kaum geschlafen. Berekh hatte nichts weiter gesprochen, aber seine kurzen Enthüllungen waren erschütternd genug gewesen. Der Schmerz in seiner Stimme hatte echt geklungen. Dadurch schienen mit einem Mal all die Dinge sehr viel glaubwürdiger, die Daena bisher für aufschneiderisches Gerede gehalten hatte. Was ihren Gefährten in ein unheimliches Licht rückte.

Trotz der wenig erholsamen Nacht packte sie bereits vor Morgengrauen ihre Sachen zusammen und schlich aus dem Schlafsaal. Sie wollte so schnell wie möglich so viel Land wie möglich zwischen sich und die eroberte Stadt bringen.

Wie sie jedoch feststellen musste, war sie nicht die Einzige, die bereits auf den Beinen war. Sobald sie durch die Doppeltür in die Vorkammer schlüpfte, lief sie einem schmächtigen Mann in die Arme, in dem sie den Priester erkannte, der die Gruppe an Flüchtlingen in seinem Dorf empfangen hatte. Sie nickte ihm zu und wollte an ihm vorbei ins Freie, doch er hielt sie zurück.

»Bitte, einen Augenblick. Du bist eine Kämpferin?«

Widerspruch war zwecklos. Sie trug bewusst Kleidung, die ihre Tätowierung den Blicken preisgab – den Wappengreif der Kämpferakademie, der auf ihrem rechten Oberarm prangte. Einerseits, um ungesunder Gesellschaft vorzubeugen, andererseits, um potentielle Auftraggeber zu ermutigen. Sie entsprach nicht gerade dem Bild, das die Leute sich von heldenhaften Kämpfern machten, was leider zu oft in mangelndes Vertrauen in ihre Fähigkeiten resultierte. Also nickte sie bloß ein weiteres Mal und sah den Priester auffordernd an.

»In Rinnval sammeln sich Truppen«, sagte er. »Jeder, der sich anschließt, ist willkommen.«

Das überraschte Daena nicht. Rinnval, die gigantische unterirdische Hauptstadt der Schneeberge von Zlaival, galt als gut befestigt und war von den fliegenden Eindringlingen wohl noch nicht einmal entdeckt worden. Wenn sich Truppen zum Widerstand sammelten, war dort der geeignetste Ort. Bis zu diesem Moment hatte sie allerdings nie darüber nachgedacht – geschweige denn darüber, sich ihnen anzuschließen.

»Danke«, brachte sie schließlich hervor.

Der Priester drückte ihr segnend den Daumen auf Kinn und Stirn, ehe er durch die Doppeltür im Schlafraum verschwand.

Daena zögerte nicht länger, sie verließ Tempel und Dorf. Und auch wenn sie sich weigerte, es als bewusste Entscheidung anzuerkennen, wählte sie die Richtung, die von Zlaival fortführte und sie nach Yarun bringen würde – ihr Heimatland, und allem Anschein nach auch das von Berekh.

as Wasser war so kalt, dass Daena einige Male fluchend durchatmen musste, ehe sie es schaffte, ganz einzutauchen. Trotzdem war sie froh, sich endlich den Staub und Schmutz von drei Tagen abwaschen zu können, die sie abwechselnd auf verödeten Straßen und querfeldein marschiert waren. Ihre Zähne hatten schon fast aufgehört zu klappern, als ihre Haut unter all dem Dreck wieder zum Vorschein kam. Nicht, dass dieser Anblick besonders erfreulich gewesen wäre.

Ihr gesamter Körper war von Narben übersät, und nur die wenigsten davon stammten von Kämpfen. Die rauen Felswände in den Erzminen hatten ihre Arme zerschunden, die Peitschen der Aufseher ihren Rücken zerfleischt, und als sie gefangen genommen worden war, hatten die Klauen der Morochai ihr Gesicht verunstaltet. Ein bitteres Lachen drängte sich ihr bei der Erinnerung auf, dass sie es zu Beginn ihrer Gesellenreise schon als unmenschlich empfunden hatte, wenn sie gewöhnliche Feldarbeit verrichten musste, um Essen und Quartier bezahlen zu können.

»He!«, rief ihr knochiger Begleiter vom Ufer herüber. »Wenn du es so lustig hast da drinnen, könntest du mich wenigstens so herumdrehen, dass ich dir dabei zusehen kann!«

Überflüssig zu erwähnen, dass Berekh in sein altes Selbst zurückgefunden hatte, sobald sie das Dorf hinter sich gelassen hatten.

»Ich kann dich gerne ins Wasser werfen«, knurrte Daena zurück. »Von dort siehst du alles ganz aus der Nähe.«

Sie stakste zurück ans Ufer und schlüpfte mit klammen Fingern und angewidertem Gesicht in ihre ungewaschene Kleidung. Dadurch wurde zwar der Effekt ihres Bades zum guten Teil wieder zunichtegemacht, aber um stundenlang in nassen Kleidern herumzulaufen, war es definitiv zu kühl.

Immerhin roch sie nun nicht mehr viel strenger als die restliche Bevölkerung – für einen kurzen Zwischenstopp in der nächsten Ortschaft würde es genügen. Ihre Vorräte gingen zur Neige, und ihre Stiefel wurden eigentlich nur noch von Flicken notdürftig zusammengehalten. Sie hatte einige Felle erbeutet, die sich sicherlich zu einem guten Preis verkaufen ließen. In der Stadt hatte sie bloß nicht mehr die Gelegenheit gehabt, sie anzubieten.

Der Gedanke daran dämpfte ihre Stimmung, und so schulterte sie ohne weiteren Kommentar ihre Tasche und ließ Berekh vor sich hin zetern. Es dauerte nur rund eine Stunde, bis sie wieder auf eine Straße trafen, der sie weiter in den Süden folgten.

***

Es war erstaunlich, wie schnell ein Land zu neuem Leben erwachen konnte. Als sie vor einem knappen Jahr Yarun verlassen hatten, hatte die Hälfte der Dörfer und Städte in Trümmern gelegen, und die dichten Nadelwälder waren von Bränden verheert gewesen.

Die Zeichen der Aufstände und Eroberungszüge der Echsen waren noch immer deutlich zu sehen, aber der Alltag war zurückgekehrt. Wie in allen Siedlungen, die sie passiert hatten, war auch hier die Furcht allgegenwärtig, sie war deutlich in den Gesichtern der Leute zu lesen. Und auch hier wurde von einem baldigen Widerstand und Truppen unter den Bergen gemunkelt.

Doch je weiter sie in den Süden kamen, umso mehr verkamen diese Meldungen zu Gerüchten. Man war sich einig, dass die Morochai die Kälte scheuten und es im ewigen Schnee sicherer war als irgendwo sonst – aber das Land im Norden war zu karg, um so viele versorgen zu können, und die Zlaiku waren friedliebende Wesen. Die Zweifel waren groß, dass sie einen Kampf oder auch nur die Vorbereitung dafür unterstützen würden. Daena wusste nicht, welche Vorstellung ihr mehr Unbehagen bereitete – diejenige, dass die Morochai ungehindert ganze Länder verwüsten und deren Bevölkerung vernichten konnten, oder dass eine geheime Armee unterirdisch zum Kampf rüstete und sich bald an der Zerstörung beteiligen würde.

»He, wo marschierst du eigentlich hin? Dieser Ort fühlt sich … merkwürdig an.«

Berekhs Stimme riss sie aus ihren Gedanken. »Hm, was? … Oh.«

Sie hatte nicht darauf geachtet, wohin sie ging, sondern war bloß ihrem Bedürfnis gefolgt, voranzukommen. Zumindest war sie sich keiner willkürlichen Entscheidung bewusst gewesen. Doch die Umgebung, in der sie sich nun wiederfand, war zu vertraut, um dem bloßen Zufall zu entspringen.

Das flache und sanft ansteigende Tal, das durch den lichter werdenden Wald hindurch zum Vorschein kam, war von einem wettergebeugten, schmiedeeisernen Zaun begrenzt, dessen Tor nicht nur geschlossen, sondern auch noch mit schweren Ketten verhängt war. Die Grabmale, die nur wenige Meter hinter der Umzäunung begannen und die Moos und Flechten schon vor langer Zeit unleserlich gemacht hatten, waren von hier aus nicht zu erkennen. Dennoch zweifelte Daena keine Sekunde daran, dass sie dort sein würden. Ebenso wie sie wusste, was sie in dem zugewucherten Teil am anderen Ende des Tales erwartete.

»Was heißt ›oh‹?« Berekh wackelte so lange in ihrem Beutel herum, bis er eine glühende Augenhöhle an das dafür vorgesehene Guckloch legen konnte. »Oh«, entfuhr es nun auch ihm. »He, hör mal … Das mit den angebissenen Äpfeln tut mir leid. Und dass du ein unfähiger Trampel bist, habe ich doch nicht so gemeint …« Ein leichter Hauch von Panik schlich sich bei ihm ein, als Daena ihren Weg langsam fortsetzte. »Komm schon, bring mich nicht zurück. Ich werde mich bessern, versprochen!«

»Keine Angst, ich lasse dich nicht hier«, erwiderte sie mit einem leisen Grinsen. »Aber bessern könntest du dich trotzdem.«

»Und was willst du dann hier?«, fragte Berekh in säuerlichem Ton, während er argwöhnisch die Gitterstäbe beobachtete, an denen er vorbeigetragen wurde.

»Ich weiß es nicht genau.« Mittlerweile hatte sie die Stelle gefunden, an der eine gefallene Birke ein Zaunstück weit genug gekippt hatte, um einen engen Durchlass zu schaffen. »Aber irgendetwas ist hier. Du hast doch auch gesagt, dass du etwas spürst.«

Berekh schnaubte. »Hier liegt der Rest meiner Leiche, natürlich spüre ich da etwas. Aber bestimmt nicht dasselbe wie du.«

»Ich spüre nichts, es ist mehr … wie ein Gedanke, den ich noch nicht ganz fassen kann.«

»Und dazu müssen wir unbedingt dort hin? Großartig. Weck mich, wenn du fertig bist mit dem Denken.« Damit verkroch er sich wieder in die Untiefen von Daenas Tasche.

Daena rollte mit den Augen, enthielt sich aber jedwedes weiteren Kommentars. Nicht nur, weil sie aus Erfahrung wusste, wie zwecklos eine Diskussion mit dem sturen Schädel war. Sie hatte auch selbst keine plausiblen oder logischen Argumente für ihren Drang, die Krypta zu betreten. Seit der Nacht, in der sie Berekh dort gefunden hatte, hatte sie diesen Ort gemieden – und das nicht allein aus Rücksicht auf ihren knochigen Kameraden.

Etwas Unheimliches umgab die Grabstätte. Sie fühlte es auch jetzt wieder, während sie sich dem überwucherten Bereich näherte. Eine Furcht kroch durch ihre Adern, zu allumfassend, als dass es ihre eigene sein konnte, doch zugleich zog es sie fast schmerzhaft weiter. Es krallte sich in ihre Glieder, übermächtig, zerreißend. Magisch.

Der Gedanke klang lächerlich, dabei war es doch gar nicht so abwegig. Immerhin behauptete Berekh, einmal über große Magie verfügt zu haben, und auch wenn er jetzt nicht einmal mehr aus eigener Kraft vom Fleck kam, war er zumindest der einzige sozusagen lebendige Totenschädel, der ihr jemals begegnet war. Sie musste zugeben, dass sein jetziges Dasein nicht gerade natürlich war.

Als sie damals begonnen hatte, eine Stimme aus ihrer Tasche zu hören, war sie überzeugt gewesen, den Verstand verloren zu haben. Oder sich dank der falschen Beeren oder Pilze eine Vergiftung zugezogen zu haben, was ihr leider mehr als einmal passiert war. Auf der Akademie wurde den Schülern das Kämpfen beigebracht – nicht, welche wäldlichen Nahrungsmittel genießbar waren. Oft genug hatte damals am Ende ihrer Tagesreisen der Hunger seine harten Klauen nach ihr ausgestreckt.

Und eine dieser Reisen hatte sie in jene Krypta geführt, die nun vor ihr lag und die von den sie umgebenden Bäumen fast erdrückt zu werden schien. Hunger und Kälte konnten jemanden genug verzweifeln lassen, um Trost bei den Toten zu suchen.

Seit jener Nacht waren Büsche und Unkraut weiter vorgedrungen. Es war ein kleiner Kampf, zu dem marmornen Gemäuer durchzukommen. Sobald sie jedoch im Inneren des Grabmals stand, schien es, als hätten die Götter für sie die Zeit zurückgedreht.

Das hereingewehte, welkte Laub und der Staub auf dem Boden waren mehr geworden, aber die demolierten Grabplatten und geplünderten Nischen, die einmal Kandelaber enthalten haben mussten, waren unverändert. Daena konnte sogar die Spuren unter der neuen Staubschicht erkennen, die sie bei ihrem ersten Besuch hinterlassen hatte. Der Platz, an dem sie sich zusammengekauert hatte, um Nacht und Gewitter zu entkommen. Und die Stelle, an der Berekh – beziehungsweise der leblose Schädel – auf dem Boden gelegen hatte. Wahrscheinlich war es besser, wenn er den desolaten Zustand seiner vormals letzten Ruhestätte nicht sehen musste.

Auch ihr selbst drängten sich die Erinnerungen unangenehm auf: an die Stunden, in denen sie ins Dunkel gestarrt hatte, von Angst und wochenlanger Einsamkeit bedrängt. Aber es war nicht dunkel geblieben, und was im Licht der Blitze furchteinflößend gewesen war, hatte die Dämmerung zu Schatten und Formen gemacht, die sie auch jetzt wieder faszinierten.

Ihre Finger strichen über die Kante der gebrochenen Grabplatte, hinter der die Schwärze von Berekhs Grab gähnte. Warum der Schädel herausgekullert war, konnte sie nur erahnen, doch die Spuren der Zerstörung waren ihrer Meinung nach menschlichen Ursprungs. Ebenso wie die tiefen Furchen, die Teile der in den Stein gravierten Inschrift unleserlich machten.

Da diese allerdings in Klaavu verfasst war, konnte Daena sie ohnehin nicht entziffern. Aber diesmal hatte sie einen Experten zur Hand.

Mitleidlos zog sie den protestierenden Berekh aus ihrem Beutel und richtete seine Augenhöhlen auf die Steinplatte. Immerhin nahm sie genug Rücksicht, um ihm den Blick auf die anderen Grabstellen zu verwehren, in denen vermutlich seine Familie bestattet worden war.

»Lies, was steht da?«

»Bist du jetzt völlig verrückt geworden? Kennst du keinen Anstand?«

»Den hast du mir abgewöhnt. Also, was steht da?«

»Ich wüsste nicht, was dich das angeht, du neugieriges Gör«, knurrte der Schädel.

Daena schüttelte ihn, dass seine Zähne klapperten, bis er schließlich kapitulierte.

»Ist ja gut, ich lese es! Undankbares Weibstück. Da steht: Bredanekh In’Jaat, Magier des Laon, Held und Dämon. Betrauert vor allem von Raaxus … Pah, das kann ich mir denken, dieser Stümper! Also, betrauert von Raaxus und den Völkern von Yarun.«

»Scheint ja ein eindrucksvolles Leben gewesen zu sein. Was meinst du, wer die Inschrift beschädigt hat?«

»Woher soll ich das denn wissen? Ich war tot, falls du das nicht mitbekommen hast.«

»Sehr lustig.« Immer diese belehrende Tonfall. »Und wer ist Raaxus?«

»Ein Versager, dem ich damals einen Auftrag erteilt habe. Leider muss ich sagen, dass er den gründlich in den Sand gesetzt hat. Das hat man eben davon, wenn man jemanden anheuert, dessen gesamte Erfahrung auf Krötenexperimenten beruht. Aber Nekromanten waren damals nun einmal verdammt schwer zu finden.«

»Warte mal«, unterbrach Daena den wütenden Redefluss des Schädels. »Du hast einen Nekromanten angeheuert? Wofür denn bitte in aller Welt?«

Irgendwie schaffte es Berekh trotz mangelnder Muskeln und Augen, ihr einen geringschätzigen Blick zuzuwerfen. »Sicherlich nicht dafür, dass ich mich als lebender Schädel durch die Gegend tragen lasse«, antwortete er giftig. »Können wir jetzt endlich von hier verschwinden?«

Seufzend steckte Daena ihn zurück in ihre Tasche. Sie hatte noch immer keine Ahnung, was sie eigentlich hierher gezogen hatte. Aber zumindest hatte sie das Gefühl, ein wenig näher an den Gedanken herangekommen zu sein, der in ihrem Unterbewusstsein nagte.

***

Zwei weitere Tage dauerte es, in denen sie unermüdlich weiterreisten – diesmal Richtung Südosten, zu dem Küstenland Saris hin. Doch schließlich gelang es ihr, den Gedanken zu fassen, ins Licht des Bewusstseins zu zerren und weiterzuspinnen. Eine Weile stocherte sie noch in der Glut ihres Lagerfeuers herum, bis sie das Problem in seiner Gesamtheit erfassen konnte.

»Berekh?«, flüsterte sie in die Nacht hinein.

Zu flüstern war natürlich unsinnig, Räuber würden eher durch das Feuer als durch ihr Gerede angelockt werden, und das vorhandene Getier hatte andere Mittel, sie zu finden. Aber irgendwann im Laufe der Jahre, die sie wandernd oder gefangen verbracht hatte, war sie wohl paranoid geworden.

Damit hatte sie sich abgefunden, es gab sicherlich größere Übel in der Welt. Und nur, weil man paranoid war, bedeutete das nicht, dass kein Grund zur Furcht bestand.

»Berekh, bist du wach?« Da seine Augenhöhlen leer waren, war auch diese Frage überflüssig. Daena legte bloß Wert auf ein gewisses Grundmaß an Höflichkeit.

Als wie erwartet keine Antwort kam, verpasste sie dem Schädel einen Tritt, der ihn ein gutes Stück über den Boden rollen ließ. Mit einem Mal flammten seine Augen in grellem Violett auf. Zufrieden wandte Daena sich wieder ihrem Feuer zu.

»Was ist? Ein Angriff?« Berekh kämpfte sich in eine aufrechte Position, sah sich missmutig um und fuhr übellaunig fort: »Warum zum Geier weckst du mich?«

»Du schnarchst.«

»Pah!«

»Gut, dann ich muss dich einfach etwas fragen. Der Totenbeschwörer, der dich so beklagt hat … Er hätte dich wieder zum Leben erwecken sollen, nicht wahr?«

»Grandios, deine Kombinationsgabe. Kann ich jetzt weiterschlafen?« Damit wandte er sich bereits wieder von ihr ab, doch Daena griff nach ihrem Bogen und zog damit den knurrenden Schädel wieder näher heran.

»Schlafen kannst du den ganzen Tag lang. Du glaubst also, dass so ein Zauber wirklich funktioniert?«

Berekhs Ausdruck verfinsterte sich, doch es war ein alter Groll, der ihn jetzt heimsuchte. »Natürlich funktioniert es, wenn der Nekromant weiß, was er tut. Raaxus wusste das offensichtlich nicht, da kann er bedauern, was er will.«

»Warum trauert er um dich? Ich meine, nach allem, was ich über den Zirkel der Schwarzmagier gehört habe, hätte er dich ebensogut als willenlosen Untoten beleben können und für seine eigenen Zwecke nutzen.«

»Hältst du mich für naiv?« Berekh verbreiterte sein natürliches Grinsen auf merkwürdige Art. »Man muss nur wissen, wie man mit diesem Gesindel umzugehen hat. Die Abmachung war, dass Raaxus mich im Fall meines Todes wiederbelebt, das Versteck, an dem ich seine Bezahlung hinterlegt habe, hätte ich ihm also nur verraten können, wenn er es geschafft hätte. Deshalb trauert der Schwachkopf.«

»Warte mal – Bezahlung? Du hast irgendwo Geld versteckt? Und mich lässt du schuften wie blöd?«

Berekh rutschte geschickt außer Reichweite und kicherte. »Ich habe nie von Geld gesprochen, meine Liebe. Davon abgesehen bin auch ich nicht die ehrlichste Haut.«

Daena seufzte. Gedankenverloren spuckte sie ins Feuer, sodass die Funken stoben. »Also kein Schatz?«

»Kein Schatz«, bestätigte er. »Und nachdem ich glorioserweise beigesetzt wurde, weilt auch mein damaliger Besitz nicht mehr unter uns.«

»Verdammt.«

»Tja.«

Eine Weile saßen sie schweigend und sinnierten über nicht vorhandene Schätze. Berekhs Augen begannen bereits wieder zu verlöschen, als Daena ihn noch einmal ansprach.

»Berekh?«

»Hmmmm.«

»Warum versuchst du es nicht noch einmal?«

»Zu schlafen?«, brummte er. »Das versuche ich die ganze Zeit. Warum das wohl nicht klappt ...«

Daena ging nicht darauf ein. »Dich wiederbeleben zu lassen«, erklärte sie. »Du redest doch ständig davon, zu kämpfen. Und langsam glaube ich sogar, dass du tatsächlich etwas bewirken könntest.«

Erschrocken sah sie die blutrote Farbe, die sein Glimmen annahm.

»Du hast gehört, wie sie mich bezeichnet haben«, sagte er. »Einen Dämon, und das ist noch einer der freundlicheren Beinamen. Manchen Geschichten sollte man nicht die Gelegenheit geben, sich zu wiederholen.«

»Du könntest Menschenleben retten …«

»Das dachte ich damals auch«, unterbrach er sie unwirsch. »Aber vergossenes Blut schenkt keine Leben. Es verdirbt sie nur.«

***

Sie erkannte das Dorf von Weitem. Erfolglos versuchte sie, sich selbst zu stoppen, den Weg nicht fortzusetzen und die Vergangenheit nicht noch einmal zu erleben. Ein Teil von ihr wusste, dass es nur ein Traum war, eine Erinnerung an längst vergangene Ereignisse, doch ihre Füße folgten unerbittlich dem staubigen Pfad die Hügel hinab. Alles wirkte so real, dass ihr noch mehr bang wurde beim Gedanken an das, was unweigerlich folgen musste.