Herz zu verschenken - Katrin Hummel - E-Book

Herz zu verschenken E-Book

Katrin Hummel

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Beschreibung

Ein Strandkorb für die Liebe
Als Jane ihren neuen Kollegen Caspar kennenlernt, weiß sie: Dies ist der Mann, auf den sie ihr Leben lang gewartet hat – cool, intelligent und unglaublich sexy.
Doch hat Caspar auch auf sie gewartet?
Wieso ist er überhaupt nach Heiligendamm gezogen? Eine gemeinsame Dienstreise und ein paar Cocktails später ist Jane immer noch nicht schlauer. Fest steht jedenfalls: Ganz so schnell, wie sie sich das wünscht, wird dieser Mann sich nicht in sie verlieben.
Und auch mit ihrem neuen Nachbarn hat Jane derzeit nur Ärger. Florian von Gerstenberg ist der stinkreiche Besitzer des exklusiven Strandhotels in ihrer Nähe.
Zuerst kann Jane ihn nicht leiden. Aber ist er vielleicht nur deshalb so arrogant, damit sie ihn überhaupt wahrnimmt?
Auf einmal merkt Jane, dass erste Eindrücke nicht unbedingt richtig sein müssen ...

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Seitenzahl: 253




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Katrin Hummel

Herz zu verschenken

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Über dieses Buch

Ein Strandkorb für die Liebe

 

Als Jane ihren neuen Kollegen Caspar kennenlernt, weiß sie: Dies ist der Mann, auf den sie ihr Leben lang gewartet hat – cool, intelligent und unglaublich sexy.

Doch hat Caspar auch auf sie gewartet?

Wieso ist er überhaupt nach Heiligendamm gezogen? Eine gemeinsame Dienstreise und ein paar Cocktails später ist Jane immer noch nicht schlauer. Fest steht jedenfalls: Ganz so schnell, wie sie sich das wünscht, wird dieser Mann sich nicht in sie verlieben.

Und auch mit ihrem neuen Nachbarn hat Jane derzeit nur Ärger. Florian von Gerstenberg ist der stinkreiche Besitzer des exklusiven Strandhotels in ihrer Nähe.

Zuerst kann Jane ihn nicht leiden. Aber ist er vielleicht nur deshalb so arrogant, damit sie ihn überhaupt wahrnimmt?

Auf einmal merkt Jane, dass erste Eindrücke nicht unbedingt richtig sein müssen ...

Über Katrin Hummel

KATRIN HUMMEL, geboren 1968 in Ulm, studierte in Straßburg und Freiburg i. Br. die Fächer Französisch, Geographie und Englisch. Sie besuchte die Berliner Journalistenschule und arbeitet seit mehreren Jahren als Redakteurin bei der FAZ. Katrin Hummel ist verheiratet und hat zwei Kinder. Im Rowohlt Taschenbuch Verlag sind bereits ihre beiden Romane «Hausmann gesucht» und «Anrufer unbekannt» erschienen.

Inhaltsübersicht

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. KapitelDank

1

ES SOLLTE EINER DIESER ABENDE WERDEN, die ich besser zu Hause auf dem Sofa verbracht hätte. Mit der Fernbedienung in der einen Hand und einer Tafel Milka Kuhflecken in der anderen. (Die Flecken machen weniger dick, so meine Theorie, weil kein Kakao drin ist.)

Aber anstatt gestern Abend genügsam vor der Glotze zu hocken und darauf zu warten, dass die Schokolade meine Glückshormone freisetzen würde, habe ich mit Katharina einen Kurs zur «Selbstuntersuchung der Brust» besucht. Der sollte laut Broschüre von Pro Familia der Brustkrebsfrüherkennung dienen und den Frauen dabei helfen, ihre Brust besser «kennenzulernen». Die abgebildeten Frauen haben alle sehr selbstbewusst gelächelt und mir wegen ihrer Aufgeschlossenheit dem Thema gegenüber imponiert, deswegen habe ich kaum gezögert, als Katharina mir vor ein paar Wochen vorschlug, wir sollten uns gemeinsam anmelden. Ich habe also gestern eine Bluse und einen neutralen weißen BH angezogen, weil ich meine Brust im Kreise der anderen Frauen schnell und ganz selbstverständlich auspacken wollte, um sie anschließend zu untersuchen. Dann haben Katharina und ich uns in meine grüne Ente gesetzt und uns auf zum Barnstorfer Weg gemacht.

Bei Pro Familia wurden wir von einer schmalen Frau mit langen dunklen Locken und entspanntem, aber professionellem Auftreten begrüßt. Sie stellte sich als unsere Kursleiterin vor und steckte sich ein neutrales weißes Plastik-Namensschildchen an, auf dem in unaufgeregter Computerschrift «Regina Blaschke» stand. Tatsächlich hatte sie auch für uns Kursteilnehmer solche Namensschildchen vorbereitet, die wir uns nun anstecken mussten. Ich fand das übertrieben, vor allem, weil wir uns ja sowieso gleich wieder ausziehen würden. Außerdem fand ich die betonte Neutralität der Schildchen unpassend. Natürlich steckte ich mir trotzdem eins an, denn Ouerulantentum erschien mir in diesem überaus intimen Kreis als unangemessen.

Frau Blaschke hatte einen gemütlichen Stuhlkreis aus weißen Kunststoff-Gartenstühlen aufgebaut und dahinter eine Filmprojektionsfläche geschaffen. Als alle saßen, mussten wir uns im Uhrzeigersinn vorstellen. Katharina war vor mir dran, und sie sagte: «Ich bin Katharina Böge, 32 Jahre alt, keine Kinder, Juristin, und ich habe diesen Kurs gebucht, weil ich mich von den Frauenärzten emanzipieren will.» Das trug ihr ein wohlwollendes Nicken der Kursleiterin ein, und dann richteten sich alle Augen auf mich. Ich bemühte mich zu lächeln wie die Frauen in der Broschüre und sagte in einem Tonfall, der nahelegen sollte, dass ich eine vielbeschäftigte Frau war, die eigentlich abends was Besseres vorhat, als bei Pro Familia rumzuhängen: «Ich bin Jane Michalik, 33 Jahre alt, keine Kinder, Gartenbauarchitektin, und ich habe diesen Kurs gebucht, weil Katharina mich dazu überredet hat.»

«Ja», erklärte die Kursleiterin, «das erleben wir immer wieder, dass manche Frauen eine Scheu davor haben, in einem etwas größeren Kreis über so intime Dinge wie ihre Brüste zu sprechen.» Sie sprach die Worte «ihre Brüste» leiser aus als den Rest. Dann lächelte sie mir aufmunternd zu. «Ich finde es daher umso schöner, dass Sie sich getraut haben, heute Abend hierherzukommen.»

Mein Blick in die Runde traf auf lauter verständnisvolle «Du, wir verstehen das»-Gesichter, und sofort fühlte ich mich wie eine verklemmte Dreizehnjährige, die von ihrer Freundin überredet worden ist, doch endlich die Damenbinden zu vergessen und Tampons mit Niveacreme auszuprobieren. An meiner Schamgrenze würde ich definitiv noch arbeiten müssen!

Zum Einstieg zeigte uns Frau Blaschke dann einen Film aus Amerika. Darin führte eine Frau von höchstens 18 Jahren vor, wie man sich die Brust abtasten soll: in Bahnen, von oben nach unten und von außen nach innen. Selbst im Liegen hatte diese Frau noch einen doppelt so großen Busen wie ich, wenn ich in der Damenumkleidekabine stehe, den Bauch einziehe und die Brust herausdrücke, um Körbchengröße B auszufüllen – was ich leider trotzdem nicht tue. Ich fragte mich, warum für den Beitrag ein Model mit solchen Riesenbrüsten gewählt worden war. Etwa um jeden Tastschritt besonders anschaulich machen zu können? Um mit in den Kurs gegangene Partner bei Laune zu halten? Am Ende des Films stellte sich das Busenwunder vor einen Spiegel und begutachtete seine Brust von allen Seiten, wobei es so eine Art Bodybuilder-Programm mit den Armen abzog. Das sollte dazu dienen, etwaige «tumorbedingte Verformungen der Brust wahrzunehmen», wie Frau Blaschke eifrig kommentierte.

Anschließend schaltete sie den Film aus und sagte: «So, dann wolln wir mal.»

Doch noch bevor ich an meiner Bluse herumnesteln konnte, stand Frau Blaschke schon wieder auf und nahm eine Schachtel zur Hand, die auf einem graugrünen Resopaltisch gelegen hatte. Dann ging sie herum und verteilte kleine gallertartige Pölsterchen, wobei sie uns einschärfte, nur deren Oberseite zu betrachten und sie nicht umzudrehen. Ratlos sah ich Katharina an, doch die hatte die Broschüre anscheinend genauer gelesen als ich und flüsterte: «Silikonbrüste mit eingearbeiteten Tumoren. Da kannste jetzt mal fühlen, ob du einen Krebs im Endstadium ertasten würdest.»

Dann drückten wir alle neugierig auf unseren Silikonbrüsten herum. Meine fühlte sich ziemlich betonartig an, und ich fragte mich gerade, ob man mit solchen eingebauten Teilen wohl noch auf dem Bauch schlafen kann, ohne Druckstellen auf den Rippen zu bekommen, als Frau Blaschke sagte: «Manche Brüste sind schon älter und etwas verhärtet. Die Frauen mit älteren Brüsten können nachher mal nach vorne kommen, dann wechseln wir.»

«Kannst aber sonst gleich auch mal meine haben», witzelte Katharina, «die ist noch ziemlich gut in Form.»

Abwechselnd drückten Katharina und ich das harte und das weiche Silikonteil, aber Knoten fanden wir keine. Es war ein bisschen wie beim Miniatur-Topfschlagen: Wir drückten und quetschten, aber wir konnten absolut keine der Verhärtungen finden, von denen Frau Blaschke gesprochen hatte. Irgendwann verlor ich die Geduld und drehte die Brust um. Das Ergebnis war deprimierend: In dem Pölsterchen befanden sich vier Knoten in Form von fingernagelgroßen, harten Perlen. Zum Teil waren sie sogar ganz dicht unter der Oberfläche versteckt gewesen – und wir hatten sie nicht gefühlt!

Frau Blaschke empfahl uns schließlich noch, einen Termin für eine Einzelberatung mit ihr auszumachen, bei der sie uns beibringen würde, unsere Brust besser kennenzulernen und ganz systematisch «durchzutasten». Dann gingen alle in der Gewissheit nach Hause, in beiden Brüsten je einen gut versteckten, taubeneigroßen Tumor zu haben.

 

Am nächsten Morgen unter der Dusche dachte ich über Frau Blaschkes Angebot nach. Ich bin ja grundsätzlich sehr dafür, mich selbst besser kennenzulernen, aber meine Brüste? Wofür gibt es denn Frauenärzte?

Aber mit meiner Psyche beschäftige ich mich gerne und ausgiebig. Ich habe sogar schon einmal ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, eine Psychotherapie zu machen, einfach nur, weil ich so neugierig auf mich selbst war. Man muss ja nicht immer gleich ein Problem haben, wenn man zu einem Therapeuten geht, oder? Man kann ja auch charakterlichen Deformationen vorbeugen! Leider hat meine Krankenkasse das anders gesehen, sodass ich eigentlich immer noch nicht genug über mich selbst weiß.

Aktuellstes Beispiel: Warum bin ich so harmoniebedürftig? Warum verbringe ich gleich eine schlaflose Nacht, wenn ich das Gefühl habe, jemand mag mich nicht? Warum ist mir so etwas nicht egal, insbesondere, wenn ich diese Person, die mich nicht mag, selbst auch nicht mag?

Ich rede von meinem Nachbarn, genauer: von meinem neuen Nachbarn. Es ist nicht irgendein Nachbar, der etwa die Wohnung auf der anderen Seite des Flurs gemietet hat oder so. Er wohnt auch gar nicht in einer Wohnung, sondern in einem Hotel, jedenfalls, wenn er hier in der Gegend ist, um nach dem Rechten zu sehen. Es ist aber auch nicht irgendein Hotel. Es ist wohl das prächtigste, luxuriöseste und eindrucksvollste Hotel, das es in Deutschland gibt: Das «Strand Hotel» in Heiligendamm. Und sein neuer Besitzer ist Dr. Florian Gerstenberg, mein Nachbar.

Darüber hinaus verkörpert er all das, was ich an Männern hasse: Er ist von sich selbst so überzeugt, dass er Krawatten mit kleinen goldenen Krönchen drauf trägt. Und seinen scheinbar unermesslichen Reichtum stellt er so gerne zur Schau, dass er nicht nur in einem Rolls-Royce mit Chauffeur zu seinen Staatsbesuchen nach Heiligendamm kommt, sondern auch noch seinen Privatsekretär und seinen persönlichen Masseur mitbringt. Die beiden fahren selbstverständlich nicht im verdunkelten Rolls-Royce mit, sondern in einem Mercedes S-Klasse hinterher, der im Schatten des Rolls dann ähnlich luxuriös wie meine grüne Ente wirkt. Außerdem ist Gerstenberg ein ignoranter, neureicher Idiot, der sich hier breitmacht.

Er hat angeblich 230 Millionen Euro investiert, um die Stadt am Meer nach seinen Vorstellungen zu renovieren! Na gut, die Renovierung, das will ich ja noch einräumen, hat Heiligendamm gutgetan. Immerhin handelt es sich um das erste deutsche Seebad, das Ende des 18. Jahrhunderts gegründet worden ist. Und es war ziemlich runtergekommen! Aber was jetzt hier los ist, das ist nicht mehr schön. Hier treffen sich die Superwichtigen aus der ganzen Welt, und ich, die ich hier wohne, soll zusehen, dass ich Land gewinne. Mein Anblick stört angeblich das stilvolle Ambiente!

Ganz im Ernst, das hat er gesagt. Vielleicht nicht wortwörtlich, aber gemeint hat er es, da bin ich mir sicher!

Ich hatte nämlich gestern Nachmittag, bevor ich zu dem Brustuntersuchungskurs gegangen bin, meine erste persönliche Unterredung mit ihm. Meine Gärtnerei, das Planungsbüro und mein kleines Häuschen liegen schließlich direkt hinter dem Hotel, und ich bin mittags sonst immer über das Hotelgelände gegangen, um am Meer spazieren zu gehen. Dabei trage ich natürlich Gummistiefel und einen Parka oder, bei schlechtem Wetter, auch mal eine Öljacke, und das ist natürlich nicht gerade Haute Couture. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass bislang natürlich auch andere Einheimische über das Hotelgelände zum Meer gegangen sind. Ich habe es also zunächst nicht persönlich genommen, als Gerstenberg einen Wächter eingestellt hat. Aber dann hat mich dieser Wachmann aus seinem Wachhäuschen heraus auf einmal streng angeguckt, sich vor mir aufgebaut und mir verkündet, dass ich von nun an besser auf einem anderen Weg zum Meer gehen solle. Ich habe mich daraufhin ordentlich mit ihm angelegt und ihm die Meinung gesagt. Hab ihm erklärt, dass meine Argumente einfach die besseren seien, und wenn er das nicht einsehe, dann würde ich es eben seinem Boss auch nochmal erklären. Da hat er sein Handy rausgeholt und den Chef des Sicherheitsdienstes angerufen, dem ich das alles nochmal erzählt habe. Und der war schließlich so genervt, dass er einen Termin bei Gerstenberg für mich klargemacht hat.

Gestern Nachmittag bin ich also in Jeans, Parka und meinen rosa Gummistiefeln mit den bunten Blumen drauf hingegangen, weil ich keine Zeit habe, mich für ein Gespräch mit einem Hotelfuzzi in Schale zu werfen.

Gerstenbergs Sekretär hat mich ins Wohnzimmer der vorwiegend in abgestuften Weißtönen gehaltenen Turmsuite geführt. Es roch nach den cremefarbenen Rosen, die überall in riesigen cremefarbenen Vasen herumstanden. Ich sah den Hotelprospekt für diese Luxussuite förmlich vor mir: «Die inneren Werte … Außergewöhnlich schön». Oder irgendwie so was. Die hatten hier sicherlich Heerscharen von Innenarchitekten und Graphikdesignern beschäftigt – alles passte zusammen, selbst die Muster der Sessel wurden von den Bildern an den Wänden wieder aufgegriffen. Ich finde so was ja ungemütlich.

Mit einer gewissen Lust stapfte ich daher über den schneeweißen Teppich und vermied es dabei, mich umzudrehen und die dunklen Smiley-Fußspuren zu betrachten, die ich mit Sicherheit hinterließ, weil meine dreckigen Gummistiefel als Sohlenprofil ein Grinsegesicht hatten. Es gab zwei große Fenster, die bis zum Boden reichten. Das Sonnenlicht, das ins Zimmer fiel, wirkte künstlich, und man konnte einzelne Strahlen erkennen. Das war natürlich Zufall, aber die ganze Atmosphäre in dem Raum wirkte so unecht, als habe Gerstenberg vor unserem Treffen extra noch einen Beleuchter bestellt. Auch der Dekorateur hatte ganze Arbeit geleistet: Weiß-beige gestreifte Vorhänge umrahmten die Fenster, sie lagen selbstverständlich leicht und elegant auf dem Boden auf. Da hab ich ja einen Blick für. Für mich ist das ein Merkmal von Opulenz: Vorhänge, die länger sind, als sie sein müssten.

Meine Vorhänge haben inzwischen auch diese Länge, nachdem ich eine ganze Ladung fertiggenähte entsorgen musste, weil ich beim Kauf des Stoffes zwar die Zentimeter für den Saum und das Aufliegen auf dem Boden berücksichtigt habe, aber vergessen hatte, dass der Stoff von Ikea beim Waschen immer um mindestens fünf Prozent einläuft. Hab dann alles nochmal neu gekauft, was ja schon irrsinnig genug war, und jetzt ist es zwar so opulent wie in der Suite, aber wirklich unpraktisch, wenn man wie ich keine Zimmermädchen hat. Denn unten um den Stoff rum ballen sich natürlich nach kürzester Zeit die Staubflusen, die man dann mühsam wieder absaugen muss, ohne den ganzen Vorhang in den Sauger zu ziehen …

Diese Gedanken demütigten mich, denn sie erinnerten mich daran, dass ich mich in den Niederungen der Hausarbeit nur zu gut auskannte, während Gerstenberg sich den Luxus erlauben konnte, das Problem der marodierenden Staubflusen nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen. Mich dagegen würde er sehr wohl zur Kenntnis nehmen müssen!

Gerstenberg trug einen dunkelblauen Dreiteiler zu seiner Krönchenkrawatte und saß auf einem cremeweißen Samtsofa. Hinter ihm spielte eine Harfenistin, und wenn mich die Vorhänge schon fertiggemacht hatten, so gab mir diese Frau den Rest. Auf einmal war ich gar nicht mehr so stolz auf meine schlunzige Aufmachung. Der Reichtum war einfach zu geballt, ich kam mir vor wie Aschenputtel – in Gummistiefeln. Eine Harfenistin! Das muss man sich mal vorstellen! Allein schon dieses Wort. Und dann diese Person: Sie trug tatsächlich ein bodenlanges, ebenfalls dunkelblaues Seidenkleid und hatte so ätherische Gesichtszüge, dass sie unmöglich irgendeinen anderen Beruf hätte ergreifen können.

Aber Gerstenberg schien sie gar nicht zu beachten. Für ihn war es wahrscheinlich so, als habe er eine CD mit Harfenmusik eingeschoben. Er stand auf, um mich zu begrüßen. Dabei redete er in normaler Lautstärke und übertönte das Geharfe damit ganz gut. Irgendwie tat mir die Frau leid.

«Sie sind also Jane Michalik» sagte er, wobei er meinen Vornamen englisch aussprach, so wie in «Tarzan und Jane».

«Fast richtig. Ich bin Jane Michalik», sagte ich und betonte meinen Vornamen so, wie meine Eltern es gemeint hatten: Deutsch, mit der Betonung auf der ersten Silbe und einem «e» wie in «Sahne» am Ende. Darauf lege ich Wert, denn ich halte nichts von der Kombination auffallend ausländischer Vornamen mit auffallend inländischen Nachnamen.

«Wollen Sie sich nicht setzen, Frau Michalik?» Immerhin sprach er meinen Nachnamen richtig aus – mit der Betonung auf der zweiten Silbe und einem kurzen «a» wie in «Aldi».

«Gerne.» Ich wählte einen der cremeweißen Samtsessel gegenüber von seinem Sofa, sodass ich die Harfenistin im Blick hatte. Ich wollte ihr das Gefühl geben, dass wenigstens ich sie beachte. Diese gute Tat würde mich von meiner eigenen Unsicherheit ablenken.

Gerstenberg setzte sich auch wieder hin, und der Privatsekretär brachte uns Grünen Tee. Besonders viele Schreibarbeiten schien er nicht zu erledigen zu haben. Wahrscheinlich hatte Gerstenberg damit ein gesondertes Schreibbüro beauftragt und hielt sich den in Wirklichkeit analphabetischen Privatsekretär nur aus Prestigegründen.

Dann saßen wir vor unseren Teetassen und fixierten uns. Der erste Eindruck, man kann es gar nicht oft genug sagen, ist ja der entscheidende, und in seinem Fall war er negativ. Obwohl Gerstenberg objektiv betrachtet vielleicht eine angenehme Erscheinung sein mochte. Er war so Ende 30, hatte leicht gebräunte Haut, glattrasierte Wangen, ein gutgeschnittenes Gesicht und einen relativ schönen, ebenmäßigen Mund. Sein Haar war raspelkurz geschnitten, seine Figur, soweit man das unter dem Anzug beurteilen konnte, sportlich. Aber ich mochte seinen Gesichtsausdruck nicht. Es war der eines Mannes, der weiß, dass er alles erreicht hat, und der nichts dagegen hat, wenn auch andere das merken. Na ja, vielleicht war er auch einfach nur hochmütig.

«Sie wollten mich sprechen?», brach er schließlich das Schweigen.

«Das ließ sich nicht vermeiden. Ihr Wachmann war leider nicht in der Lage, meiner Argumentation zu folgen. Ich hoffe, dass Sie es sind.»

Er lachte. Es war ein kurzes, amüsiertes Lachen, aus dem ich schloss, dass meine durchaus als Beleidigung gemeinten Sätze an ihm abgeprallt waren.

«Ich bin sicher, Sie werden es an Deutlichkeit nicht fehlen lassen. Und was unseren Wachmann angeht, so hat er mir berichtet, er habe Sie sehr wohl verstanden, aber Sie ihn nicht. Sie hätten seine gutbegründeten Argumente einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen.»

«Das waren keine gutbegründeten Argumente, das waren Totschlag-Argumente! Der Mann ist ungefähr so argumentationsfreudig wie ein Selbstmordattentäter. Sein einziges Ziel ist es, alle Leute, die keine Hotelgäste sind, zu verekeln. Dazu bedient er sich eines furchterregenden Äußeren und eines IQs, der bestenfalls bei 85 liegt.»

Gerstenberg sah auf die Uhr und winkte dann seinen Sekretär heran. «Sagen Sie bitte Ferdinand, er soll den Wagen um 17 Uhr vorfahren lassen. Und besorgen Sie noch einen Strauß Rosen, 25 Stück.»

Dann wandte er sich wieder zu mir: «Frau Michalik, wie kann ich Ihnen denn nun helfen, Ihre Animosität gegen unseren Herrn Alfberg zu überwinden?»

«Darum geht es nicht», sagte ich kalt. 17 Uhr, das war in zwanzig Minuten. Die würde ich verdammt gut nutzen, schließlich hatte ich mich vorbereitet! «Es geht vielmehr darum, dass ich auch in Zukunft über das Hotelgelände zum Meer gehen werde. Und Ihr Herr Alfberg hat mir gar nichts zu sagen. Wie Sie wissen, bin ich im Recht. Der Grundlagenvertrag zwischen Ihnen und der Stadt Bad Doberan sieht vor, dass die Wege zum Strand öffentlich bleiben. Da können Sie noch so viele Wachmänner und Zäune aufstellen. Ich lasse mir von Ihnen nicht vorschreiben, wo ich langzugehen habe. Wäre ja noch schöner, wenn hier jeder einfach nach Lust und Laune seine eigenen Regeln aufstellen könnte. Im Ernst, wo kämen wir denn da hin? Wenn das alle tun würden, könnte man sich bald nicht mehr frei bewegen. Schauen Sie sich mal die Internetseite ‹www.sinnlose-gesetze.de› an. Da kann man lernen, wie das Leben aussähe, wenn jeder Idiot ein Gesetz verabschieden dürfte, ja, in Amerika ist das vielleicht auch schon so. Zum Beispiel ist es beim Tanzen in Utah vorgeschrieben, dass zwischen den Tanzpartnern Tageslicht zu sehen sein muss. In Miami dürfen Männer keine trägerlosen Kleider tragen. In Florida ist es untersagt, in Badekleidung zu singen, und in Maine darf man seinen Vermieter nicht beißen. Aber auch hier bei uns in Europa findet man ziemlich durchgeknallte Gesetze: In Frankreich etwa ist es verboten, sich im Zug zu küssen oder ein Schwein Napoleon zu nennen. Stellen Sie sich das mal vor! Öffentliches Urinieren ist in England straffrei, sofern es am Hinterreifen des eigenen Autos passiert und die rechte Hand dabei auf dem Fahrzeug liegt. In Deutschland darf man immerhin nackt Auto fahren, den Wagen dann aber nicht verlassen, weil man sonst im öffentlichen Raum gegen die öffentliche Ordnung verstieße. Und in …»

«Wir wollen ja gar nicht nach Lust und Laune eigene Regeln aufstellen, liebe Frau Michalik», unterbrach Gerstenberg meinen Redeschwall, und er wählte dabei einen Tonfall, als spräche er mit einer Dreijährigen. «Wir möchten lediglich, dass sich unsere Gäste wohlfühlen.»

«Und da passe ich nicht ins Bild, oder wie?»

«Das habe ich nicht gesagt. Es ist nur …», er ließ seinen Blick zu meinen Stiefeln wandern, «… dass Ihr Auftreten etwas, nun ja, ungewöhnlich ist. Sehen Sie, eine Übernachtung in unserem Hause kostet etwa 500 Euro. Da werden Sie sicherlich verstehen, dass unsere Gäste Wert auf Ruhe und eine angenehme, luxuriöse Atmosphäre legen. Wenn Sie sich also entschließen könnten, künftig einen anderen Weg zum Strand zu wählen, so würde ich mich dafür durchaus erkenntlich zeigen.» Nun lächelte er.

Ich lächelte auch: «Ich werde mir erlauben, Ihren konstruktiven Vorschlag aufzugreifen und Ihre Gäste beim Abendessen auf der Terrasse mit einem Dessert aus Stinkbomben zu erfreuen.»

2

ICH SCHLÜPFTE IN EINE JEANS und einen dicken grauen Strickpullover und wärmte meine Beine an der Heizung unter dem Küchenfenster, während ich eine Tasse Milchkaffee trank. Gleich würde der letzte Bewerber kommen. Die Stellenanzeige stand schon seit Ewigkeiten auf meiner Homepage, und vor zwei Wochen hatte ich sie endlich auch noch in die Zeitung gesetzt. Ich suchte dringend einen Gartenbauarchitekten und künftigen Teilhaber, denn ich hatte mehr Arbeit, als ich mit dem alten Herkentrup und unserer Praktikantin Emilia bewältigen konnte. Die drei Bewerber, die ich mir bisher angeschaut hatte, waren alle indiskutabel gewesen, und ich hatte nur eine sehr vage Hoffnung, dass es sich mit diesem Groß anders verhalten würde. Er war 39 Jahre alt, lebte in Rostock und hatte nichts außer einem handgeschriebenen Brief geschickt. Kein Lebenslauf, kein Foto, kein gar nichts. Dass ich ihn trotzdem eingeladen habe, hat er seiner wunderschönen Handschrift zu verdanken. Sie ist leicht nach vorn geneigt, recht groß und für einen Mann erstaunlich kurvig, ohne jedoch weibisch zu wirken. Na ja, und weil die spärlichen Informationen, die er in seinen Brief eingeflochten hatte (Gartenbaustudium in England, längerer Aufenthalt in Thailand, passionierter Surfer etc.), mich neugierig gemacht haben. Zugegebenermaßen in einer vollkommen unprofessionellen Weise. In etwa so wie eine Kontaktanzeige.

Wenn ich Kontaktanzeigen in größeren Zeitungen lese, habe ich danach immer das Bedürfnis, mich zu verlieben. Denn es sind neben den üblichen «Attraktive Zwanzigjährige (Ex-Miss-Germany) sucht Millionär ab 85 für Liebesheirat»-Anzeigen und «85-jähriger Millionär (deutlich jünger aussehend) sucht attraktive Zwanzigjährige zum gemeinsamen Reisen»-Anzeigen auch immer welche dabei, die einen vermuten lassen, dass sich dahinter ein in jeder Hinsicht vollkommener Mensch verbirgt. Ich habe mal auf so eine Anzeige in der ZEIT geantwortet. Doch der Kerl, den ich aufgrund seiner Beschreibung für eine Mischung aus Gott, Albert Einstein, Robbie Williams, André Agassi und dem neuesten Model (männlich) aus der Jil-Sander-Werbung hielt, war in Wirklichkeit ein in die Jahre gekommener, leicht übergewichtiger, beim Sprechen spuckender und schlecht gekleideter Langzeitstudent.

Trotzdem habe ich mir meinen Idealismus bewahrt. Ich bin nämlich jemand, der immer das Beste in anderen Menschen vermutet (außer in jemandem wie Dr. Florian Gerstenberg). Neue Bekanntschaften mögen das und versuchen darum, diesem Bild, das ich mir von ihnen gemacht habe, zu entsprechen – jedenfalls am Anfang. Leider hält das niemand lange durch. Ein Mann, der in Kontaktanzeigen lügt, schon gar nicht. Als es klingelte, löste ich mich fast widerwillig von meinem Platz an der Heizung und öffnete die Tür. Sofort bekam ich so eine Art Herzanfall, gefolgt von einem tiefen Bedauern darüber, dass ich mich nicht ansprechender angezogen, mit Selbstbräuner bemalt und ordentlich frisiert hatte. Die Partie meines Gehirns, die sich nicht die Haare über mein Aussehen raufte, war damit beschäftigt, nach einer lockeren und sympathischen Entgegnung auf die Worte: «Hallo, ich bin Caspar Groß. Frau Michalik?» zu suchen. Kurz: Ich fühlte mich auf einmal unattraktiv, taubstumm und der Situation nicht im Mindesten gewachsen. So was habe ich manchmal. Und zwar dann, wenn mir ein Mann sehr gefällt.

Caspar Groß hatte einen wachen Blick, der mir sofort sympathisch war, wirkte aber gleichzeitig unerreichbar. Das lag allerdings nicht an ihm, sondern an mir. Denn ich fand ihn unglaublich attraktiv, obwohl er gar nicht wie das neueste Model (männlich) aus der Jil-Sander-Werbung aussah. Er hatte einfach nur schöne dunkle Augen, sehr lange schwarze Wimpern und ein Gesicht, in dem alles gut zueinander passte.

Ich weiß nicht, wieso es Leute gibt, die Gesichter nicht mögen, die allzu symmetrisch sind. Mir gefällt das, und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich damit so weit ab vom allgemeinen Geschmack liege. Immerhin sind ja die Gesichter von berühmten Schönheiten wie Claudia Schiffer, Julia Stegner und Heidi Klum ausgesprochen ebenmäßig, ebenso die von Hugh Grant oder Brad Pitt. Was ist denn schon schön daran, wenn die schräge Nase wie eine Rübe aus dem birnenförmigen Gesicht hervorsteht oder die Augen so schmal sind, dass man kaum die Pupillen erkennt, der riesige Mund hingegen nur aus einer schiefen Unterlippe zu bestehen scheint und die Ohren wie zwei Spinnaker abstehen? Ich vermute, dass den meisten Leuten so etwas in Wirklichkeit nicht gefällt, sie es aber peinlich finden, das in einer Unterhaltung über Schönheitsideale zuzugeben. Da sagt jeder lieber: «Ich mag Charakterköpfe.» Das bedeutet dann, dass man selbst charaktervoll ist.

Caspar also hatte ein symmetrisches Gesicht und einen intelligenten, offenen Blick, und als wir uns ansahen, hatte ich das Gefühl, ich würde mich bei ihm um eine Stelle bewerben. Und nur weil ich mir geschworen habe, mich unter keinen Umständen in einen Mann zu verlieben, den ich nicht mindestens zwei Wochen lang persönlich kenne, konnte ich ihn am Schlafzimmer vorbeiwinken und in mein Büro bitten.

Während ich auf meinen Schreibtischstuhl rutschte, versuchte ich, mich zu sammeln. Das hier war ein Bewerbungsgespräch, und ich war die Chefin. Ich musste professionell sein und durfte mich nicht wie eine hyperventilierende Harfenistin aufführen, die einer Herzattacke näher war als der Verwendung ihres Verstandes.

«Ihre Bewerbung ist sehr selbstbewusst, Herr Groß», versuchte ich das Gespräch nun meinerseits möglichst selbstbewusst zu eröffnen.

Er saß zurückgelehnt in dem Stuhl vor meinem Schreibtisch, hatte die Jacke – es war eine schwarze Lederjacke, die farblich perfekt zu seinen Augen passte – anbehalten und antwortete ohne einen Hauch von Unsicherheit in seiner Stimme:

«Das sollte sie auch sein. Es ist nicht gut, sich in einem Bewerbungsschreiben zu verstellen.»

Ein Satz, klar wie Spiegeleis.

«Wenn Sie so selbstbewusst sind, dann verraten Sie mir doch mal, wieso Sie in meinem Planungsbüro auch als künftiger Teilhaber geeignet sein sollten.»

Er lächelte ein wissendes Lächeln, als habe er sofort erkannt, dass ich ihn sogar dann einstellen würde, wenn er ein Alpenveilchen nicht von einer Glyzinie unterscheiden könnte.

«Ich habe das Gefühl, dass wir gut zusammen … arbeiten würden.» Während der winzigen Pause vor dem «arbeiten» betete ich, er möge den Satz mit «passen würden» beenden. Wahrscheinlich hatte er die Pause gemacht, weil er mir Gelegenheit geben wollte, genau das zu hoffen. Aber das hier war ein Bewerbungsgespräch, und ich war die Chefin!

«Aber Sie wissen ja praktisch nichts über mich … und meine Firma!» Ich musste zumindest so tun, als führten wir ein Bewerbungsgespräch auf hohem fachlichem Niveau.

«Das stimmt nicht. Ich habe mir Ihre Homepage angesehen und Erkundigungen eingezogen. Und daran, Sie selbst besser kennenzulernen, würde ich gerne noch arbeiten.»

Er sagte das in dem belanglosen Tonfall, in dem man jemandem antwortet, der nach der Uhrzeit gefragt hat.

Ich starrte ihn an. Caspar Groß war ganz sicher der gefährlichste Mann, dem ich seit langem begegnet war.

 

Nachdem wir noch einige Formalitäten besprochen hatten – er würde zunächst eine Woche in der Gärtnerei arbeiten, um den Betrieb kennenzulernen, und dann als Planer anfangen; über die Teilhaberschaft würden wir nach sechs Monaten entscheiden –, hatte er eine Mappe mit seinen Zeugnissen und Referenzen auf meinen Schreibtisch gelegt und war gegangen.

Ich goss mir nochmal Kaffee nach und entschied, dass ich nach dieser Begegnung keine Lust hatte, sofort mit der Arbeit anzufangen. Stattdessen begann ich, die Namen aller meiner Exfreunde bei Google einzugeben. Doch ich kam nicht besonders weit, denn das Telefon klingelte. Es war Katharina. Statt mir einen guten Morgen zu wünschen, sagte sie:

«Ich muss die Stelle wechseln.»

«Schon wieder?» Katharina war Justiziarin bei einer Tierhaftpflicht-Versicherung und wollte ungefähr zweimal die Woche kündigen.

«Diesmal wirklich. Stell dir vor, was passiert ist: Wir müssen 24000 Euro Schadenssumme zahlen. Und weißt du, wofür? Für ein neues Wohnzimmer!»

«Ein ausgebüxter Wellensittich mit Magen-Darm-Grippe?»

«Mach du nur deine Witze. Der Hund von der Frau, für die das Geld sein soll, lag im Wohnzimmer auf seiner Matte aus Kaschmirwolle, glotzte durch das Panoramafenster nach draußen, und als unsere Klientin ihre neue Promenadenmischung vorbeigeführt hat, wurde er notgeil und ist völlig ausgerastet. Der hat die Gardinenstange samt Gardinen runtergerissen und dann vor Aufregung auf den Teppich gepisst.»

«Na und?»

«Das habe ich auch gesagt. Ich habe gesagt: Wo ist das Problem? Sie werden Ihren Hund ja wohl noch Gassi führen dürfen. Aber die Alte hat einen Rechtsanwalt eingeschaltet, weil die Frau mit dem ruinierten Wohnzimmer auch einen Rechtsanwalt eingeschaltet hat, und das Ergebnis ist, dass wir zahlen müssen. Ich meine, eigentlich könnte es mir ja egal sein, ist ja nicht mein Geld. Aber ich finde das schon ganz schön bescheuert. Stell dir mal vor, man überträgt das auf Menschen. Da könnte man ja keinen Minirock mehr anziehen, ohne mit Schadensersatzklagen überzogen zu werden.»

«Also, so toll sind deine Beine nun auch wieder nicht.»

«Ich habe übrigens auch eine Neuigkeit», sagte ich und erzählte ihr von meinem Einstellungsgespräch.