HerzSeilAkt - Mirjam H. Hüberli - E-Book

HerzSeilAkt E-Book

Mirjam H. Hüberli

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Beschreibung

Der großen Liebe hat Mina längst abgeschworen, auch wenn ihr Horoskop etwas anderes prophezeit, alleine ist sie besser dran, dessen ist sie sich sicher. Ihr Leben ist eh schon chaotisch genug, da braucht sie nicht auch noch einen Mann, der mit ihrem Herzen spielt. Doch gerade, als sie sowieso schon genug mit ihrer kranken Mutter, den Freundinnen und ihrem Buchclub zu tun hat, kommt ihr das Schicksal in Form von Frederic in die Quere, der ihr unverhofft vor die Füße fällt. Nicht nur ihre Gefühle, sondern auch ihr Leben werden ordentlich durcheinander gewirbelt und obwohl er genauso schnell verschwindet, wie er in ihr Leben tritt, hinterlässt er ein merkwürdiges Kribbeln in ihrem Herzen.

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Seitenzahl: 259

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Mirjam H. Hüberli

HerzSeilAkt

Samtküsse unter den Sternen

Astrid Behrendt Rheinstraße 60, 51371 Leverkusenwww.drachenmond.de, [email protected]

Lektorat Konstanze Bergner

KorrektoratMichaela Retetzki 

Satz, Layout Martin Behrendt

Illustrationen Mirjam H. Hüberli

Umschlaggestaltung  Tabea Hüberli

ISBN: 978-3-95991-714-8 ISBN der Druckausgabe: 978-3-95991-713-1

Inhalt

Für all die Sternenleser,

Sonnenanbeter,

Mondschimmerdrachen,

Herzflimmersüchtigen.

Und all die hoffnungslosen Romantiker.

Manches ist ein Wink des Schicksals. Oder aber eine Fügung des Lebens. Man mag es auch Zufallsgenerator nennen. Doch vielleicht, ja vielleicht geschieht es einfach, weil es so in den Sternen geschrieben steht.#MissStarletKapitel 1

Rüschenkleid meets Chaosqueen

»Halleluja!«, schimpfe ich, hechte entschlossen über eine große Pfütze – was in hochhackigen Schuhen einem echten Kunststück gleicht –, immer darauf bedacht, das sündhaft teure Hochzeitskleid in der Plastikhülle nicht zu malträtieren.

Ich bin spät dran. Und wenn ich sage spät, dann meine ich wirklich spät. Nicht nur zwei oder drei Minuten, nein. Man hänge eine Null an und bekomme den wahren Wert.

Platsch! Meine dünne Schuhsohle versinkt millimetertief in so etwas wie einem Mini-Ozean, den ich dummerweise übersehen habe, weil ich das Prachtkleid vor mir hertrage, als balancierte ich rohe Eier auf den Armen. Das Dreckwasser des versiegten Regengusses bespritzt meine Jeans und meine Jacke.

Ein flüchtiger Kontrollblick. – Uff, was für ein Glück! Das weiße Rü­schending hat nichts abbekommen. Meine Chefin würde mir auch glatt den Kopf abreißen, wenn ich es nicht unversehrt im Atelier abliefere.

Dieses Kleid hat allerhöchste Priorität, Mina!, hallen Frau Becks Worte durch meinen Kopf. Dass sie auch immer so einen Aufstand machen muss, sobald der Name einer Kundin in der Öffentlichkeit nicht gänzlich unbekannt ist.

Ich schlängle mich zwischen Shoppingverrückten und Kaffeesüchtigen hindurch und stoppe abrupt, als das dumme Männchen der Fußgängerampel auf Rot springt.

Na großartig, auch das noch!

Okay, okay, irgendwie kann ich Frau Beck ja verstehen. Auch ich muss zugeben, ich bin wahnsinnig nervös, denn eine solche Society-Lady hatten wir bislang noch nie in unserem Kundenstamm. Dennoch verfluche ich in genau diesen Momenten mein Talent zur Allrounderin. Ich kann zwar weder schneidern noch darf ich Kleider entwerfen – obwohl es mich gewaltig in den Fingern juckt –, aber ich erledige dafür alles, was sonst anfällt: Terminplanung und Koordination, Kundenbetreuung, hin und wieder auch Auslieferungen, Materialbeschaffung, und, und, und … Kurzum: Ich bin die Retterin in der Not. Gerade getarnt als Expressbotin.

Grün!

Ich spurte wie eine Verrückte über die Straße, fliege an einem Buchladen, einem Café und der hübschen Blumenboutique vorbei.

Endlich! Nur mehr wenige Meter trennen mich von meinem lang ersehnten Ziel. Ich werfe mir das Kleid über die Schulter und lege noch einen Zahn zu. Über diese eine Querstraße muss ich …–

Es geht so schnell, dass ich gar nicht reagieren kann.

Ein grässliches Quietschen dicht neben meinem Ohr, gleichzeitig schreit eine aufgebrachte Stimme: »Pass auf!«, und das Nächste, was ich mitbekomme, ist ein lautes Scheppern und ein Reifen, der sich genüsslich in meine Eingeweide bohrt.

»Oh verdammt!«

Dieser Ausruf kommt von dem Kerl, der eben mit seinem Rad in mich hineingedonnert ist, und nicht nur mich voll erwischt hat, sodass ich kaum noch atmen kann, sondern auch die kostbare Ware in meiner Obhut.

Ich keuche. Alles um mich herum verliert an Schärfe.

Mit einem ungesunden Grummeln in der Magengegend wandert mein Blick am Kleid hinunter. Die Plastikhülle ist beinahe unbeschadet – aber eben nur beinahe …

»Um Himmels willen, nein!«, keuche ich entsetzt. Es kommt nicht mehr als ein heiseres Krächzen aus meinem Mund. »Nein! Nein, nein, nein!«

Dicke schwarze Striemen breiten sich über dem edlen Weiß des Stoffes aus. Viel zu dick und matschig schwarz – so schwarz, wie ich in diesem Augenblick für meine berufliche Zukunft sehe!

Wie hypnotisiert stiere ich auf den geschundenen Saum, wiederkehrende Hitzewallungen untermalen meinen rasenden Pulsschlag, während sich in meinem Innern die Gedanken überschlagen.

Ich sacke zu Boden.

»D-das ist eine Katastrophe!«

Meine Stimme verliert sich in der oberen Oktave, klingt fremd – und peinlich! Die Reaktionen der Passanten verraten es mir. Wie ein Blick in einen unsichtbaren Spiegel.

Einige bleiben stehen, weitere tuscheln hinter vorgehaltener Hand. Dass sie nicht noch mit dem Finger auf mich zeigen, grenzt an eine Heldentat.

»Geht es Ihnen gut?«, drängt sich eine tiefe Stimme zwischen das Gemurmel ringsum. Wieder der Kerl mit dem Rad – aka Ursache meines Problems, zumindest, was meine nun steil nach unten weisende Karriere anbelangt. Nicht dass ich eine wahnsinnig beeindruckende Laufbahn hinter mir hätte. Ich habe nicht mal zwei, drei nennenswerte Sprossen auf der Karriereleiter erklommen, ich, die schon froh ist, nach dem Kunststudium überhaupt einen Job gefunden zu haben.

Dennoch …

Das verschwommene Bild des Mannes gewinnt an Schärfe. Er schwafelt noch irgendwas von »Verzeihung!« und »Tut mir leid«, aber ich höre es kaum.

In einer merkwürdigen Haltung beugt er sich halb über den Drahtesel, krümmt sich gleichzeitig zur Seite und schaut zu mir herunter, sodass es mir unmöglich ist, abzuschätzen, wie groß oder klein gewachsen er ist. Aber etwas anderes begreife ich sofort. – Wobei, nein! Nicht mein Ich steht auf Empfang, sondern viel eher meine Sensoren, die vom bloßen Instinkt geleitet werden.

Er gehört definitiv zu der Kategorie »Mann«, die unter normalen Umständen mein Herz höherschlagen lassen würde. Allerdings befindet sich mein Gemütszustand gerade keineswegs im grünen Bereich; er droht vielmehr, in akut dramatische Sphären abzudriften.

Dunkelblondes Haar lugt unter seinem Cap hervor und lockt sich im Nacken. Seine kantigen Wangen und die schmale Nase stehen im Gegensatz zu seinen weich geschwungenen Lippen und betonen doch gleichzeitig seine blauen Augen. Auch wenn mein Verstand nicht in der Lage ist, sein Erscheinungsbild als positiv abzuspeichern, so findet es doch einen Platz in meinem Unterbewusstsein.

Ein lautes Klirren holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Sein Rad scheppert auf den Asphalt.

»Sind Sie verletzt?«, fragt er mit kritisch prüfendem Blick und kauert sich neben mich, ungeachtet dessen, dass seine grau karierte Shorts das Dreckwasser der regennassen Straße aufsaugt. »So sagen Sie doch, ist mit Ihnen alles in Ordnung?«, wiederholt er abermals, weil ich nur dämlich in sein Gesicht glotze und schließlich wieder den verdreckten Saum des Kleides anstarre.

»Meine Chefin killt mich!«, wimmere ich kläglich.

Er schaut mich mit gekräuselter Stirn und imaginären Fragenzeichen in den Augen an.

»Spätestens, wenn meine Chefin das Kleid sieht, bringt sie mich um!«, ergänze ich meine Erklärung. »Nein, vermutlich quält sie mich zuerst noch eine Weile, bevor sie mich knebelt, fesselt und vierteilt, um …«

»Abgesehen davon, dass Ihr hübscher Kopf offenbar doch ziemlich heftig durchgeschüttelt wurde«, unterbricht er meine Zukunftsvisionen, »scheinen noch alle Körperteile dran zu sein.«

»Wie meinen?«, frage ich – zu einem ehrlich irritiert, zum anderen leicht genervt. »Sie scheinen nicht zu verstehen: Es spielt keine Rolle, wie es mir geht, denn dieses Kleid ist von immenser Wichtigkeit, und schon ein mickriger Fliegenschiss würde das grandiose Design für immer ruinieren.«

»Es ist doch nur ein Kleid. Viel wichtiger ist, dass Sie unver…«

»NUR EIN KLEID?! Das hier ist Haute Couture, ein maßgeschneidertes Unikat, Kunst in ihrer reinsten Form«, falle ich ihm ungehalten ins Wort. Dabei ist mir selbst klar, wie hysterisch ich mich anhören muss, und wie albern es ist, dass ich wegen eines verschmutzten Kleides solch einen Aufstand mache und diese »Katastrophe« über alles andere stelle. Ja, ich weiß eigentlich nur zu gut, dass es nichts Wichtigeres gibt, als die Gesundheit eines Menschen.

»Ich verstehe, ich verstehe«, sagt er, beinahe abschätzig, und hält abwehrend die Hände in die Höhe. »Sie beschützen dieses Kleid mit Ihrem Leben. Da ich Mitschuld an Ihrer Misere trage, sehe ich mich dazu genötigt, Ihnen diese Frage zu stellen: Wie kann ich Ihnen aus der Patsche helfen?«

»Sie? Mir helfen?« Ich klinge nicht weniger abschätzig als er zuvor. – Okay, auf einer Skala von eins bis zehn ist meine Reaktion eine glatte neun Komma eins, aber das hier ist schließlich auch der Worst Case. Habe ich schon erwähnt? Das Ganze könnte mich glatt meinen Jobkosten. Ach, was heißt könnte … Mit Garantie!

Ich raffe mich auf, ignoriere seine ausgestreckte Hand, die mir aufhelfen würde, und bringe das Kleid wieder in die Rohe-Eier-Position. »Überhaupt nicht!«, herrsche ich ihn an. »Oder können Sie etwa die Zeit zurückdrehen?«

»Leider habe ich den richtigen Knopf dafür noch nicht gefunden, aber ich arbeite dran. Wenn ich das Patent anmelde, lasse ich es Sie wissen«, grinst er.

Mir ist nicht zum Scherzen zumute. »Ich verzichte. Für die Zukunft dieses Kleides«, und für mich, ergänze ich in Gedanken, »ist es wohl am besten, wenn wir uns nie wieder begegnen«, sage ich mit bemüht ruhiger Stimme und bringe sogar ein höflich korrektes Lächeln zustande.

Dann lasse ich ihn stehen und überquere mit einem tiefen Atemzug endlich diese gottverdammte Straße. Den inneren Drang, mich noch einmal nach dem Fahrrad-Rowdy umzublicken, unterdrücke ich gekonnt.

Ich habe jedoch keinen blassen Schimmer, weshalb ich gerade jetzt an mein Tageshoroskop denken muss. Eigentlich gebe ich überhaupt nichts auf diese alberne Sterndeutung und ich lese es bloß jeden Tag zu meiner eigenen Belustigung. – Ach, bestimmt nur, weil das Wort »Zukunft« gefallen ist, denn in diesem Moment flimmert ein Erinnerungsfetzen an Zeilen eines neulich geposteten Horoskops von Miss Starlet wie eine Reflexion der Nordlichter in mir auf …

Heute zeigst du dich konsequent und hartnäckig. Das ist gut, solange du ein lohnendes Ziel vor Augen hast und nicht stur oder gar uneinsichtig auf deiner Meinung beharrst. Die Liebessterne versetzen dich in Flirtlaune – und vielleicht noch in ein bisschen mehr? #MissStarletKapitel 2

Von Lippenkräuseln, Stolz und Würde

»Mina?«

Frau Becks unverkennbare Stimme, in der so gut wie immer ein Hauch von Strenge mitschwingt, empfängt mich, noch ehe ich die Eingangstür ganz geöffnet habe und die zarte Klingel ertönt. Meine Chefin rauscht ins Entree und stöckelt auf mich zu. Dabei gestikuliert sie wie üblich wild mit ihren Händen – die Frau steht ständig unter Strom –, und ihre schwarzen Wimpern tanzen unruhig auf und ab wie zwei Schmetterlingsflügel im Wind. Allein ihre wasserstoffblonden Haare bleiben hübsch in Form frisiert.

Was ich in der ersten Woche, als ich hier anfing zu arbeiten, echt eigenartig fand: Frau Beck spricht mich zwar beim Vornamen an, aber bleibt dennoch in der Höflichkeitsform.

»Endlich! Wo waren Sie denn so lange?«

»Entschuldigen Sie, es ging nicht schneller. Es kam auf dem Weg hierher zu einem unschönen ›Zwischenfall‹«, versuche ich es vorsichtig mit der Wahrheit. Je näher meine Chefin auf mich (und das heilige Kleid!) zukommt, desto unwohler wird mir.

Aber am besten sage ich es ihr direkt. Jetzt sofort! Lasse das Donnerwetter über mich ergehen und füge mich meinem Schicksal.

Noch einmal tief durchatmen …

Ich mache den Mund auf, als Frau Beck erneut das Wort ergreift:

»Ich brauche Sie ganz dringend hier im Entree«, fährt sie unbeirrt fort. Ihre Hand umfasst meine Taille, schiebt mich energisch durch den Eingangsbereich, der jedoch viel eher einem noblen Salon gleicht.

Das hübsche bordeauxrote Sofa steht vor der mit Gold verzierten Barocktapete und verleiht dem Raum ein elegantes und zugleich einladendes Ambiente. Neben dem edlen Möbelstück ziehen der Tresen in lichtem Weiß und der rechteckige Vintage-Spiegel, der die Wand dahinter schmückt, die Blicke auf sich. Ansonsten bleibt bewusst viel freier Raum, um den Kunden ein Gefühl von Offenheit und Weite zu schenken. Die große Fensterfront lässt warme Sonnenkringel über das Mahagoniparkett schweben. Alles wirkt hell und sauber, aber keineswegs steril.

»Sie wissen doch, dass Nina sich dazu entschlossen hat, zu einem wandelnden Bazillus zu mutieren.«

»A-aber«, stammele ich, erhasche im Spiegel einen kurzen Blick auf mein Gesicht – und erschrecke mich. Ich sehe fürchterlich aus: Wachsbleicher Teint, so blass wie ein Blatt Pergament, die dunklen Fransen kleben mir strähnig an der Stirn, selbst das Braun der Augen schimmert beinahe schwarz. Und ich bin mir sicher, dass der schlammverkrustete Saum der weißen Rüschenpracht geradezu »Hier!« schreit. So als ob er in seiner ganzen verkorksten Herrlichkeit zu strahlen beginnt – auch wenn Dreck nicht wirklich fähig ist, zu strahlen …

»Was ist mit dem Kleid von Frau Fischer …«, beginne ich nochmals vorsichtig.

»Ach, vergessen Sie dieses Kleid, Mina«, unterbricht mich Frau Beck und schiebt mich überraschenderweise am Tresen vorbei, weiter zu der Garderobe des Anprobezimmers, die einem begehbaren Kleiderschrank gleichkommt. Ein Extraraum für die Reservationen und ersten Entwürfe, für Schneiderpuppen und die restlichen tausend Sachen, die für die Anprobe der Kunden aufbewahrt werden müssen. Alles hell beleuchtet, Platz bis unter die Decke, wo man hinblickt, geräumige Schrankkonstruktionen und Regale mit Ordnern voller Skizzen. Wandstücke, die nicht möbliert sind, zieren Kleiderstangen.

»Frau Fischer hat den Termin auf nächste Woche verschoben. Haben Sie die Nachricht nicht gelesen, die Stefanie geschickt hat?«

»Was? Frau Fischer kommt nicht?«, frage ich entsetzt. Der ganze Stress, auch liebevoll selbst verschuldetes Dramagenannt, war demnach völlig umsonst? Ich weiß, was das bedeutet: Ich hätte mir den Zusammenprall mit dem Fremden sparen können – und somit auch das Drama mit dem Kleid, das unweigerlich noch folgen wird. Leider fällt Dreck nämlich nicht so einfach vom Stoff ab, wie Kunden ihre Termine verschieben können.

Sag es! Sag es ihr endlich!

»Frau Beck, ich muss Ihnen noch etwas …«

Doch meine Chefin fällt mir abermals ins Wort und lässt meine Beichte in der Luft hängen. »Bringen Sie das Kleid zu den anderen Reservationen und lösen Sie dann Stefanie im Entree ab. Und beeilen Sie sich bitte! Ich brauche Stefanie im Anprobezimmer«, drängt sie mich zur Eile und verschwindet so schnell, dass ich nicht einmal die Chance bekomme, einen weiteren Erklärungsversuch zu starten.

»… etwas beichten«, beende ich dennoch überflüssigerweise meinen Satz.

Allerdings hört es keiner außer der Kleiderstange.

Mist, verkackter! Das ist ja echt blöd gelaufen! So war das nicht geplant.

Gleichzeitig ist es echt typisch für mich: Wo immer ich auftauche, bricht das blanke Chaos aus. Das war schon so, als ich noch ein kleines Mädchen war.

Mama könnte ein Lied davon singen und nicht selten ruft sie auch heute noch, die Arme theatralisch zum Himmel erhoben: Mina, du bist einfach unmöglich, was soll ich nur mit dir machen? Meist gefolgt von dem Satz: So findest du niemals einen Mann!

Dabei bin ich nicht nur das Chaos, sondern beherrsche es auch, kann gut einhundert Dinge gleichzeitig im Kopf behalten und weiß immer, wo ich was finde.

Aber heute … Seufz!

Daher schnell zurück zu meinem aktuellen Chaos, um es zu packen und zu entwirren. Nur wie?

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass es absolut verboten ist, Frau Beck während einer Anprobe zu unterbrechen. Allein beim Gedanken daran begibt man sich schon auf heikles Terrain. Sie hat nicht nur einen sechsten, sondern auch einen siebten Sinn, und spürt die kleinste Annäherung an ihren heiligen Raum. Daher kommt diese Option sicher nicht infrage.

Es gibt also nur eine Möglichkeit: Meine Beichte verschiebt sich notgedrungen auf später.

»So, mein Prachtstück, du bleibst erst mal brav hier drinnen. Gut versteckt vor allzu vorwitziger Kundschaft«, richte ich das Wort an das vormals edle und unversehrte Rüschen-Ding. Just in diesem Moment kommt mir ein neuer Plan in den Sinn und schon hechte ich zu dem eingebauten Wandschrank, der direkt an eine Kleiderstange für die Reservationen angrenzt und eine unglaubliche Tiefe besitzt. (Er ist so tief, dass ich mich manchmal bei dem Gedanken ertappe, ich bräuchte nur bis zur Schrankwand zu krabbeln, immer weiter und weiter, bis ich mich in Narnia wiederfinde.)

Ich krame energisch darin herum, denn ich suche nach einer dunklen Stoffhülle, um das Kleid sorgfältig zu verstauen. – Hey, vielleicht schirmt dieses Ding nicht nur vor neugierigen Blicken ab, sondern verschafft mir auch die Möglichkeit, das Kleid unbemerkt wiederherzustellen, zu retten, zu reinigen, was auch immer … Hauptsache, ich gewinne dadurch Zeit.

Ich wühle mich durchs unterste Regal, in dem allerhand Verpackungsmaterial lagert. Von Seidenpapier über Luftkissenfolie bis hin zu Plastik und Nesselstoff ist alles zu finden. Ich habe die Hoffnung beinahe aufgegeben, ja, verschwinde schon fast gänzlich im Schrank, als ich hinter einer kleinen Kiste endlich etwas Stoffähnliches ertaste. Tatsächlich hat sich eine der edlen Stoffhüllen dahinter versteckt.

Ich ziehe sie erleichtert hervor, platziere das Kleid behutsam im Inneren, büschele und drapiere alles korrekt in Form, bis es faltenlos fällt, und ziehe mit einem tiefen Seufzer den Reißverschluss der Hülle zu. Damit sollte doch das Kapitel »Dreckiges Katastrophen-Kleid« zumindest für die nächsten Minuten, womöglich Stunden, aber hoffentlich Tage aus meinem Kopf verbannt sein.

Nun, zumindest das komplette Abschalten meines Gehirns gelingt mir erstaunlich gut, da ich in der nächsten Sekunde einen Lufthauch verspüre, erschrocken herumwirbele – und zu gackern beginne wie ein doofes Huhn.

Stefanie, unsere temporäre Empfangsdame, als Atelierleitung eigentlich eher so etwas wie Frau Becks rechte Hand, rauscht an meine Seite und ich befürchte, dass sie die letzten Sekunden meiner Vertuschungsaktion mitbekommen haben könnte. – Ähm ja, mein Benehmen ist ja auch überhaupt nicht verdächtig.

»Wo bleibst du denn?«, fragt sie und streicht sich nervös die blonden Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ihre Stimme mutet nicht weniger gehetzt an als ihre Bewegungen und sie reagiert in keiner Weise auf mein albernes Gackern. »Ich muss ganz dringend pinkeln gehen, sonst passiert noch ein Unglück«, flüstert sie mir zu.

Okay, bei ihren hellen Stoffhosen wäre dieses Malheur auch fatal!

Aber das war noch nicht alles an Infos, die sie loszuwerden gedenkt. Ich sehe es ihrem gekräuselten Mund an.

»Außerdem ist Frau Gretener hier.«

Ich wusste es! Warum lässt sie die Bombe immer erst am Schluss platzen?

Denn auch wenn dieser Satz nicht wirklich viele Informationen enthält, so ist er doch aussagekräftiger als manche Doktorarbeit. Allein das Aussprechen des Namens versetzt das gesamte Couture Beck in Angst und Schrecken.

Als ich der Dame – also Frau Gretener – das erste Mal gegenübertrat, war ich mir sicher, dass sie zu den pflegeleichten Kunden gehört. Sie hat immer ein Lächeln auf den Lippen, erhebt nie die Stimme und sieht aus, als könne sie kein Wässerchen trüben. Vielleicht erweckt auch ihr zierlicher Körperbau einen falschen Eindruck. So oder so wurde mir sehr schnell klar, dass dieser Eindruck täuschte.

Es beginnt bei der Auftragserstellung und endet bei uns »unfähigen« Angestellten: Nie ist das Kostüm gut genug geschneidert. Mal ist der Schnitt zu schmal, dann der Saum zu kurz, stets ist der Stoff rauer als beim letzten Mal und die Farbe ausgeblichen und grässlich. – Ich muss wohl erwähnen, dass sie jedes Mal exakt dasselbe maßgeschneiderte Kostüm in allen möglichen Farben und Mustern bestellt.

Doch noch weniger als bei der Kleidung, ist sie im zwischenmenschlichen Umgang zufriedenzustellen und bemängelt andauernd unsere Manieren. Es ist selbstredend klar, dass die Fehler immer bei uns liegen und niemals bei ihr.

Tja, was soll ich sagen? Sie kann es sich erlauben, denn sie ist unsere Kundin Nummer eins – und das weiß sie ganz genau und nutzt ihre Position gnadenlos aus. Aber konfrontiere mal eine herrische und weltfremde Dame mit der Wahrheit … Ein Ding der Unmöglichkeit!

»Unsere Frau Gretener?«, hake ich leise nach, weil ein so spontanes Auftauchen für diese Person, die durch und durch von abstrusen Benimmregeln durchtränkt ist, eigentlich untypisch ist. »Ich habe sie doch erst für nächste Woche eingetragen?«

»Dachte ich auch, aber sie steht in voller Lebensgröße«, Stefanie malt zwei Gänsefüßchen in die Luft, »im Entree.«

»Was will Sie denn?« Das Wörtchen Mist verkneife ich mir.

»Keine Ahnung, das hat sie nicht gesagt. Du weißt doch, wie sie ist«, entgegnet Stefanie und senkt abermals ihre Stimme, denn ich werde von ihr energisch aus dem Lager dirigiert. »Du kannst doch so gut mit ihr.«

»Ich?!« Das ist mir ja was ganz Neues.

Ich bin mir sicher, mich verhört zu haben, doch in derselben Sekunde kapiere ich, dass sie mich einfach unter einem nett klingenden Vorwand der Löwin zum Fraß vorwirft, um sich dabei völlig selbstlos zu retten.

Mit einem kräftigen Stoß in den Rücken werde ich aus dem Korridor hinein ins Entree geschubst und stolpere der besagten Dame regelrecht vor die Füße.

»Guten Tag, Frau Gretener«, begrüße ich sie und zwinge mir ein Lächeln auf. Ich staune über mich selbst, wie schnell ich wieder in eine aufrechte Position finde, aber unter dem Blick dieser Frau straffe ich unwillkürlich die Schultern und nehme eine kerzengerade Haltung ein. »Was darf ich heute für Sie tun?«

»Guten Tag, Frau Como«, entgegnet mir Kundin Nummer eins mit einem sanften Lächeln auf den Lippen. Doch es ist genau jenes, das mir prophezeit, dass der Begrüßungsteil hiermit noch nicht abgeschlossen ist. »Es ziert sich nicht für eine junge Dame, so übereilt den Raum zu betreten.«

»Verzeihung, es wird nicht wieder vorkommen«, gebe ich ihr mein Wort – ein Versprechen, das ich ohnehin nicht einhalten kann. Und hätten meine Freundinnen den Satz gehört, wäre ihnen der sarkastische Unterton nicht entgangen. »Was führt Sie heute ins Couture Beck?«

»Es geht um meinen Termin am nächsten Dienstag«, beginnt sie und legt eine Pause ein.

Ich warte höflich ab, bis sie mir erklärt, was es damit auf sich hat, doch da kommt einfach nichts.

»Ähm ja, was ist damit?«

»Hab ich Ihnen nicht letzte Woche erst gesagt, dass diese … Wendung schleunigst aus Ihrem Wortschatz gestrichen gehört?« Das abschätzige Kopfschütteln untermauert ihren Unmut. »Das strahlt Unsicherheit, wenn nicht gar Inkompetenz aus, und das wollen Sie damit sicher nicht bezwecken?« Wieder ihr freundliches, korrektes Lächeln.

Wie immer fällt mein Blick auf ihren burschikosen Haarschnitt. Ihr kurzes, von schimmerndem Grau durchzogenes dunkles Haar und das schwarze Brillengestell auf ihrer kühn geschwungenen Nase verleihen ihrem Gesicht eine strenge, jedoch auch aristokratische Note.

»Selbstverständlich nicht, danke für den freundlichen Rat«, erwidere ich bemüht gelassen und beobachte, wie sich ihre Mundwinkel verhärten. »Was möchten Sie mir wegen Ihres Termins am Dienstag mitteilen?«, frage ich und lächle nicht minder höflich zurück.

»Mein dritter Mann ist überraschend verstorben und …«

»Du meine Güte, wie furchtbar!«, falle ich ihr ins Wort und schiebe hastig »Meine aufrichtige Anteilnahme« hinterher.

»Man wünscht der Familie die aufrichtige Anteilnahme, der geschiedenen Frau hingegen schenkt man ein herzliches Beileid.«

»Mein herzliches Beileid«, sage ich ohne Umschweife. Es hat keinen Sinn, sich in dieser Situation über ihre Belehrungen aufzuregen.

»Danke.«

Eine Sekunde, vielleicht auch zwei Sekunden lang, ist es still. Nicht aus Scham oder weil ich peinlich berührt bin, sondern weil es dem Toten gebührt. Schweigesekunden sozusagen.

»Soll ich Ihren Termin auf die darauffolgende Woche verschieben?«, frage ich in die Stille hinein und krame den Terminplaner unter dem Tresen hervor. Alles, was ins Buch notiert wird, muss ich hinterher im Rechner nachtragen und letztlich noch von Frau Beck absegnen lassen.

Die Kunden wissen ein perfektes Ambiente zu schätzen und dazu gehört auch die Präsentation des Terminplaners, sagt Frau Beck stets und diesen Mehraufwand nimmt sie gerne in Kauf. Sie … Dass ich nicht lache.

»Sie denken mit, Kindchen.« Das maßgeschneiderte Kostüm im klaren, geraden Schnitt verkörpert ihren geradlinigen Charakter perfekt, und ich muss gestehen, dass ich froh bin, diese Person nicht als Mutter zu haben. Obwohl meine Mutter definitiv auch ein Fall für sich ist …

Ich blättere mich durch den Juli. »Wieder Dienstag, um vierzehn Uhr?«

»Sagen wir Viertel nach.«

»Ist eingetragen.« Nachdem ich ihren Namen im Terminplaner verewigt habe, schaue ich die Frau an und kann nicht genau erklären, warum, aber es scheint mir wichtig, ihr eine weitere Frage zu stellen: »Kann ich sonst noch irgendetwas für Sie tun?«

Einen flüchtigen Moment lang ist es mir, als könne ich hinter der strengen und stolzen Fassade dieser Frau das Wesen eines kleinen, verunsicherten Mädchens durchschimmern sehen. Der Blick, den sie mir schenkt, ist gezeichnet von Trauer. Sie muss diesen Mann wirklich geliebt haben.

»Nein, das ist alles.«

Ausnahmsweise nehme ich ihr das höfliche Lächeln nicht ab, auch wenn es bis zu ihren Augen strahlt.

Ein kurzes Nicken, dann dreht sie sich auf dem Absatz um und schreitet in Richtung Ausgang.

Mit großen Schritten gehe ich um den Tresen herum und versuche die Tür vor ihr zu erreichen, damit ich sie ihr aufhalten kann, während ich mit lieblicher Stimme sage: »Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Frau Gretener.«

Fast hätte ich es geschafft.

Doch die Zeit, die sie an der Tür warten muss, reicht aus, um ihre Stimmung erneut herauszufordern.

»Das wünsche ich Ihnen auch«, entgegnet sie zuerst freundlich. »Und Frau Como, wenn Sie das nächste Mal mit einem Spiegel das Vergnügen haben, schenken Sie Ihrer rechten Wange etwas mehr Aufmerksamkeit als Ihrer Frisur.«

Tja, ich wurde mal wieder gretenerisiert.

Sie wartet meine Reaktion nicht ab, tritt nach diesen Worten hinaus, und lässt nichts zurück als das helle Bimmeln der Türglocke.

Eine kurze Weile schaue ich ihr nach, verfolge, wie sie erhobenen Hauptes die Gasse überquert und mit stolzem Gang auf ihren Chauffeur zugeht, der ihr bereits wartend die Wagentür aufhält.

Nicht zum ersten Mal frage ich mich, wie diese Dame eigentlich ihren Lebensunterhalt finanziert. – Klar, sie hat sich reich eingeheiratet, aber man munkelt, dass sie mit ihrem geheimnisumwobenen Job ein Vermögen verdient.

Ja, ich gebe es nur ungern zu, aber es ist so: Ich hege eine gehörige Portion Bewunderung für die Dame, die schon vier Männer geehelicht hat – doch nicht etwa deswegen, auch wenn mir eine Eheschließung bis heute nicht geglückt ist. Es ist der Stolz, den die Frau ausstrahlt. Stolz, Würde und Selbstbeherrschung. Vielleicht liegt es auch an etwas anderem, denn sie erinnert mich ein bisschen an meine Großmutter.

Trotz aller Bewunderung wünsche ich mir den Rest des Arbeitstages etwas weniger Trubel.

Als ich mich von der Tür abwende und erneut den Tresen ansteuere, entdecke ich im verschnörkelten Spiegel mein Gesicht. Mit Entsetzen muss ich feststellen, dass mein Make-up einen ganz eigenen Charme verströmt, einen, wie man ihn sonst nur in der Londoner Subkultur antreffen würde. Eine schlammverkrustete Stelle ziert meine rechte Wange.

Oh Mann, was für ein Scheißtag!

Die Erkenntnis trifft mich sicher zum tausendsten Mal: Mädchen-für-alles werden eindeutig unterbezahlt!

Puh! Ich brauche heute ganz dringend meinen Mädelsabend …

Überfordere dich nicht: Heute wird es chaotisch. Klar, du liebst es, wenn viel los ist, doch du läufst Gefahr, aus dem Fluss zu geraten und deine innere Mitte zu verlieren. Darum wähle mit Bedacht, in welche Vorhaben und vor allem in welche Menschen du deine Energie investieren möchtest. #MissStarletKapitel 3

Mädelsabend, Miss Starlet und dieser Intelligenzallergiker von Ric

Das Schnurren des Motors verstummt.

Eine beschissene Ewigkeit habe ich nach meinem Schlüsselbund gesucht, doch er scheint unauffindbar. Einfach weg. Vom Erdboden verschluckt.

Meinem Chaos-Gen sei Dank spuckte meine Handtasche den Ersatzschlüssel für den Wagen aus. Wie ich hinterher allerdings in die Wohnung kommen soll, wissen nur die Götter.

Aber jetzt ist erst einmal Zeit für meine Mädels. Endlich!

Es ist nicht wirklich das, was man sich gemeinhin unter einem klassischen Mädelsabend vorstellt. Nein … Keine schnulzigen Liebesfilme, kein Getratsche über Jungs und die vermeintlich intimsten Geheimnisse, keine Haar-und-Nagellack-Orgien, kein Prosecco-Gelage – oder tonnenweise Popcorn.

Okaaaaay … Zumindest keine schnulzigen Liebesfilme, dafür aber literarische Schnulzen. Ja, das trifft es ziemlich gut.

Ich biege um die Ecke, bereits ein vorfreudiges Lächeln im Gesicht.

Unser unkonventioneller Buchclub existiert schon seit Jahren. Zehn sind es, um genau zu sein. Komischerweise hat sich in all der Zeit nie ein Mann dazu aufraffen können, sich uns anzuschließen. – Ob das etwas zu bedeuten hat? – Deshalb tauften wir dieses wöchentliche Treffen liebevoll »Mädelsabend«.

»Hey, Mina«, schallt eine Stimme aus dem vierten Stockwerk zu mir herunter. Sie gehört zu Sue, der belesenen Friseurin mit den – Achtung: Klischee! – immer wechselnden Haarfarben. Heutige Auswahl: schwarzer Pony und rote Strähnen. Sie erheitert uns nicht selten mit den unglaublichsten und haarsträubendsten (Haha! Wie passend!) Kundengeschichten.

Sue war einst Auszubildende im Salon »Haarzeit«, dem meine Mutter ewige Treue geschworen hat und deswegen hin und wieder für Sue als Haarmodell herhielt. So lernte ich Sue schon in jungen Jahren kennen – und lieben.

Und wo immer auch Sue auftaucht, ist ihre kleine Schwester Kathrin nicht weit. Diese hat sich ganz der Buchwelt verschrieben und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie mit dem Beruf Buchhändlerin ihren Traumjob fand.

Zu unserer verrückten Riege gehört zudem auch noch Sabrina, Kathrins beste Freundin und angehende Kinderärztin. Und obwohl Sabrina die Jüngste von uns allen ist, schaut sie immer ganz mamalike, dass unsere Diskussionen nicht ausufern.

»Hey, Picassa«, schreit nun eine zweite Stimme noch einen Tick lauter.

Ich grinse. Nicht wegen des Spitznamens, nein. Den verpasste mir meine beste Freundin während meiner epischen Kreativphase im Kunststudium. An ihn habe ich mich längst gewöhnt. Ich grinse, weil in meiner Aufzählung nur noch eine einzige fehlt. Nämlich Lexy – ebenjene, der ich diesen »kunstvollen« Spitznamen zu verdanken habe.

»Hey, Lexy-Hasi.« Ich winke ihr freudig zu.

Vor gut zehn Jahren wohnten wir in einer nicht gerade hübsch anzusehenden Blocksiedlung nebeneinander. Klar kannten wir uns vom Sehen – mehr aber auch nicht. Bis uns das Schicksal in die Quere kam. Für manch einen mag das ein Zufall gewesen sein, aber ich nenne es gerne Fügung, denn seither sind wir dick befreundet.

Ich muss jedoch einräumen, dass unsere erste »tiefere« Begegnung sehr tränenreich ausgefallen ist. Damals ging Lexys Beziehung in die Brüche. Doch es heißt ja nicht umsonst: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich dafür ein Fenster.

Obwohl die Trennung zwischen Ric – so heißt besagter Ex – und Lexy einvernehmlich war und sie sich bereits im letzten Semester ihres Psychologiestudiums befand und eigentlich gelernt hatte, wie man mit derlei Extrem-Situationen umgehen sollte, übermannten sie ihre eigenen Gefühle. Ich konnte das rothaarige Häufchen Elend, das vor der Haustür kauerte, unmöglich ignorieren und dem Schicksal überlassen, und nahm es kurzerhand mit zu mir. In meiner Wohnung tischte ich Lexy kübelweise Eis auf und wir redeten, bis die Morgendämmerung und der Alltag uns einholten. Mit dem Start unserer Freundschaft wurde zugleich der Grundstein für den Mädelsabend gelegt.

»Sind wir schon vollzählig?«, rufe ich zu den Mädels hinauf und erblicke in diesem Moment den rotblonden Haarschopf von Kathrin. Sie quetscht sich an Lexy und ihrer Schwester vorbei, um sich aus dem Fenster von Lexys Wohnung zu lehnen und mir mit einem Sektglas zuzuwinken. – Uh, mir wird schon beim bloßen Anblick ganz anders – ich kleiner Angsthase.

Höhenangst. Einer meiner (wirklich ganz wenigen) Minuspunkte.

»Vollzählig!«, schreit Kathrin und alle drei – Halt! Da ist auch noch Sabrinas Hand … –, nein, alle vier recken als Zeichen, dass sie schon in den Startlöchern sitzen, die Gläser in die Höhe.

»Mehr als alle …«, höre ich noch jemanden sagen, als Sue erneut die Stimme erhebt. »Wir warten nur noch auf dich, Schätzchen.«

»Ich eile, ich fliege«, trällere ich über die Schulter zum Fenster empor, während ich bereits die Tür zum Treppenhaus aufziehe. Lexy wohnt im vierten Stock eines umgebauten Fabrikgebäudes und das ohne Fahrstuhl. Rasch steige ich die Stufen hoch – in etwa so beschwingt wie ein Kartoffelsack – und muss wieder mal frustriert feststellen, dass meine Fitness der eines Faultiers gleicht. Dennoch erreiche ich das Ende der Treppe zeitgleich mit Lexy, die die Wohnungstür aufreißt.

»Meine Güte, du ahnst gar nicht, wie dringend ich diesen Abend brauche«, sage ich schnaufend, drücke sie zur Begrüßung an mich und nehme das Sektglas, das sie mir mit mitleidigem Blick und den Worten »War’s so schlimm?«, entgegenstreckt.

»Schlimmer!«, entgegne ich und kippe den prickelnden Inhalt des Glases mit einem Zug hinunter. »Nimm dein Schlimm und multipliziere es mit zehn.«

Erst jetzt wird mir bewusst, mit was für einem Gesichtsausdruck Lexy mich tatsächlich anschaut. Er ist gar nicht bemitleidend, auch nicht verständnisvoll, nein. Viel eher liegt ein Ich-muss-dir-etwas-sagen-Schimmer in ihren Augen. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Lexy mich, als ich wie gewöhnlich die Wohnung betreten möchte, am Arm zurückhält.

»Was ist los?«, frage ich sofort, weil ich meine Freundin viel zu gut kenne, als dass sie mir etwas vorspielen könnte. Zudem sind dieses Benehmen und die angespannte Stimmung doch eher untypisch für sie.