Beschreibung

Eigentlich hat Emma mit dem Rauchen aufgehört und eigentlich mag sie auch keine Agenten, egal ob sie nun ihren Rockstarvater betreuen oder Footballspieler zu ihren Klienten zählen. Aber all das war bevor sie Damon Roux kennengelernt hat. Der Mann lässt sie schon bald die Wände hochgehen und bringt ihre Gefühle mächtig durcheinander. Und wäre die Sache mit der Männerwelt nicht schon kompliziert genug, drängt sich ihre Vergangenheit Stück für Stück zurück in ihr Leben.

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Herzüber in die Kissen

Eliza Hill

Herzüber in die Kissen

Eliza Hill

© Sieben Verlag 2015, 64354 Reinheim

© Coverdesign Andrea Gunschera

ISBN Taschenbuch: 9783864435188

ISBN Ebook-PDF: 9783864435195

ISBN Ebook-Epub: 9783864435201

www.sieben-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

Epilog

Summa cum Liebe - Mara Winter

Tinman - Monika Kaspers

Wallbanger - Ein Nachbar zum Verlieben- Alice Clayton

Kapitel 1

Sintflutartig stürzt der Regen hinab. Klatscht in großen Blasen auf den Asphalt, nimmt den Schmutz dieses Tages mit sich und lässt dievielen Passanten, die zu solch später Stunde noch unterwegs sindmit eingezogenen Köpfen und finsteren Mienen an mir vorübereilen.Keiner sieht nach rechts oder links. Sie haben keine Zeit und keinen Nerv, sich mit jemand anderem als sich selbst zu beschäftigen. Ihren eigenen Problemen. Eine missgelaunte Schar,deren Lebenmir für immer verborgen bleiben wird.

Eigentlich habe ich das Rauchen aufgegeben. Schon vor Mums Tod. Doch heute Abend mache ich eine Ausnahme, während der Himmel über meiner Heimatstadt mir einen feuchten Kuss aufdrückt. Die Tropfen singen ihr beruhigendes Lied, als ich die Kippe aus der blauen Schachtel ziehe, zwischen meine Lippen schiebe und die Taschen meiner Lederjacke nach dem Feuerzeug absuche, das ich einem Kommilitonen abgeschwatzt habe.

Das geriffelte Reibrädchen gibt ein schabendes Geräusch von sich, bevor das Feuerzeug eine kleine Flamme präsentiert und ich den Tabak in Brand stecke. Knisternd frisst sich die Glut in die eng gestopfte Zigarette. Ich lehne mich gegen die Hauswand, um den Tropfen zu entkommen und greife nach meiner glühenden Zigarette. Schwer und beruhigend flutet der blaue Qualm meine Lungen, während der Applaus wieder in meinen Ohren aufbrandet, als ich gedankenverloren in die Nacht hinausstarre.

Das Adrenalin tobt noch immer in meinem Körper, obgleich der Beifall längst verklungen ist und ich schließe genüsslich die Augen, als ich den Rauch in die feuchte Luft entlasse. Heute Abend war ein Triumph. Die Krönung eines ganzen Semesters Arbeit.

„Sieh sie dir an. Am Tag der Hochzeit sitzengelassen, so eine Frechheit. Das schöne Kleid ist auch vollkommen ruiniert“, höre ich jemanden wispern und ich lege den Kopf in den Nacken, bevor ich einen weiteren Zug nehme.

„Einsperren sollte man die Männerwelt. Armes, junges Ding. Nicht einmal eine ordentliche Jacke hat sie dabei“, wettert eine zweite Stimme und ich öffne die Augen. Zwei ältere Damenstehen gemeinsam unter einem großen, schwarzen Regenschirm und mustern mich mit unverhohlenem Interesse.

Dass sie mit ihrer Vermutung nicht im entferntesten recht haben, müssen sie nicht wissen. Ich streiche über das Monstrum aus weißem Tüll, das die alten Ladys für ein extravagantes Brautkleid halten.

Die beiden ziehen mit einem letzten mitleidigen Blick auf mich weiter und ich betrachte mich in der Glasscheibe gegenüber. Die kleine Wanderung, die ich unternommen habe, um den Kopf frei zu bekommen, hat ihre Spuren hinterlassen.Ich muss erkennen, dass nicht nur meine Theaterschminke total verlaufen ist, sondern auch, dass der über den Knöcheln endende Saum des Kleides hoffnungslos verschmutzt ist. Das dunkle, verlaufene Make-up lässt mich in der Tat wie das Opfer eines katastrophalen Tages aussehen und nicht mehr wie die kleine Fee aus Peter Pan, die von Hunderten kleiner und großer Hände aus ihrem Todesschlaf wach geklatscht wurde.

Ich versuche, die schwarzen Spuren des Mascara und des Kajals zu beseitigen, doch es will mir nicht recht gelingen und ich gebe meinen hoffnungslosen Versuch, mich einigermaßen wieder auf Vordermann zu bringen auf. Was ich vorhabe ist weitaus nervenaufreibender, als es eine vermasselte Hochzeit je sein könnte. Ich werde nach Hause gehen.

Die Zigarette hilft meinem Körper nicht im Geringsten mich zu beruhigen. Die Worte meiner besten Freundin Billie hallen mir in den Ohren. Meine Großmutter Eden ist in ihrem Laden zusammengebrochen.

Meine Finger zittern. Ich erinnere mich dunkel daran Billie gefragt zu haben, ob sie tot sei und als Billie antworte, dass Eden wohl nur einen Schwächeanfall hatte, weil sie ein verfluchter Workaholic ist, hat mich nichtsmehr länger auf der Party gehalten.

Der Regen fällt in dichten Strähnen vom dunklen Himmel. Eden ist die einzige Familie, die ich, neben meinem mir praktisch unbekannten Vater noch habe und nur weil ich seit siebzehn Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen habe, heißt das nicht, dass ich glücklich darüber wäre, sie unter der Erde zu sehen.

Seit meine Mutter im letzten Jahr an Leukämie gestorben ist, weiß ich, was es heißt jemanden zu verlieren und nochmal stehe ich das nicht durch. Ich schnippe die Zigarette in den Regen und fahre mir übers Gesicht.

Wenn ich es heute Abend nicht tue, werde ich es nie über mich bringen Eden Gaellen aufzusuchen. Ich straffe die Schultern und trete auf den Bürgersteig, um mir eine der vielen Taxis zu schnappen und stolpere erschrocken zurück, als ich mit einer großen schwarzen Wand kollidiere und ich ein verdutztes Keuchen vernehme.Keine Wand.

In der Dunkelheit halte ich ihn im ersten Augenblick für einen Gangsterboss aus den Dreißigern. Missgelaunt und breitschultrig, mit gut sitzendem schwarzen Anzug und den dazu passenden glatten Oxfords. Sein dunkelblondes Haar klebt vom Regen durchnässt an seiner Kopfhaut und lenkt meinen Blick auf seine unanständigattraktiven Gesichtszüge. Energisch geschwungene Lippen, an deren Amorbogen man sich schneiden könnte, eine gerade Nase und Augen, die sicherlich schon mehr als ein Frauenherz gebrochen haben.

„Ist dir der Feenstaub ausgegangen?“ Seine finstere Stimme lässt mein Herz stolpern und mich aus meiner Starre erwachen.

„Nein. Benzin ist nur billiger.“ Ich mache einen Schritt zurück. Ich bin ihm viel zu nahe. „Ich habe Sie nicht gesehen. Entschuldigung.“

Ich schätze ihn auf Ende zwanzig, vielleicht auch Anfang dreißig, während es mir in den Fingern juckt über sein Profil mit den Fingern nachzufahren, um mich davon zu überzeugen, dass ich nicht halluziniere. Sein breiter Kiefer und sein Grübchen am Kinn zucken, als seine Lippen mir ein amüsiertes Lächeln schenken und ich kann ein „Ich warte auf ein Taxi“ über meine Lippen schlüpfen hören.

„Feen reisen also in Taxis? Gut zu wissen.“ Das Grübchen an seinem Kinn wird noch ein bisschen tiefer und lässt alles in mir kribbeln. „Aber hat Ihr Theater nichts dagegen, dass sie das Kostüm entführen?“

„War der letzte Abend“, räuspere ich mich. Er ist riesig.

Ich reiche ihm kaum bis zur Schulter, obwohl ich hohe Schuhe trage.

Er sieht mich ganz komisch an, bevor er nur den Kopf schüttelt. „Haben Sie deshalb geweint?Oder haben Sie auch vom kläglichen Untergang unsererBasketballmannschaft gegen dieCersa gehört?“

Ich bin mir nicht sicher, wovon er da redet.

„Unsere College Mannschaft hat heute gegen die Jungs aus Detroit gespielt“, erklärt er, ehe er sich über das nasse Haar fährt.

Ich habe keine Ahnung von College Sport, weshalb ich nur mit den Schultern zucke.„Waren Sie da? Sie sehen nicht gerade wie ein am Hungertuch nagender College Athlete aus.“

„Naja. Außerdem bin ich wohl ein wenig alt dafür. Nein, ich bin Sportagent.“

Ebenso gut hätte er mir ins Gesicht spuken können, es hätte den gleichen Effekt gehabt.Es gibt nur wenige Dinge, die ich so sehr verachte wie heuchlerische, geldgeile Agenten, für die Zuneigung nur in Zahlen ausgedrückt werden kann und dass dieser abartig große Kerl mit dem Killerlächeln einer von ihnen ist, macht mich unfassbar wütend. Weil er mich beinahe reingelegt hätte.„Sie sind also einer dieser Seelenfresser.“

Das Versprechen an Chicagos Frauenwelt kneift seine Augen zusammen. „Das ist etwas hart, finden Sie nicht?“

Es interessiert mich nicht, ob meine Gründe für die Verdammung einer gesamten Berufsgruppe kindisch sind. Alles was ich weiß ist, dass mir Felix Ruthford mir mein kleines Herz rausgerissen hat, indem er meinen Vater Jason zu einem Rockgott gemacht hat und damit unsere Familie zerstört hat.

„Nein.“ Ich schlucke. „Definitiv nicht. Ihr seid alle gleich.“Ich wende mich ab, weil ich den Anblick dieses unverschämt gutaussehenden Mannes nicht länger ertragen will. Eher friert die Hölle zu, bevor ich Gefahr laufe mich von diesen grünbraunen Augen einwickeln zu lassen, nun da ich weiß, was er ist.Je schneller ich aus seiner Nähe verschwinde desto besser.„Suchen Sie sich einen anständigen Job“, quetsche ich hervor und nehme erleichtert wahr, dass sich eines der quietsch gelben Taxis auf mein hektisches Armrudern reagiert und an den Bürgersteig heranrollt.

„Sie sind ein wenig verrückt, kann das sein?“

„Ganz und gar nicht.“ Ich angele nach der Tür des Taxis und rette mich mit einem letzten Blick auf den finsteren Fremden in den Fond des Wagens. Nie wieder werde ich auf einen wie ihn hereinfallen. Nie wieder.

Kapitel 2

Umhüllt von Tüll stakse ich die Kiesauffahrt von Eden Gaellens Villa nach oben und suche nach meinen unerschrockenen Charakterzügen, die mich in den letzten beiden Wochen dazu gebracht haben auf die Bühne des Studententheaters zu steigen.

Das letzte Mal, als ich meiner Großmutter Eden gegenüberstand, war ich sechs Jahre alt und hatte eine Heidenangst. Meine Mutter und sie haben sich angeschrien. Einander beschimpft. Türen wurden zugeknallt, Gläser zerbrochen und am Ende hat meine Mutter Eden geschworen, dass sie uns nie wieder sehen würde. Weder meine Mutter noch mich, und dass Eden und ihr Sohn sich zum Teufel scheren sollten.

Jetzt hier zu stehen ist seltsam. Ich wusste immer wo Eden wohnt. Die große steinerne Villa, deren Grundstück wahrscheinlich mehr wert ist, als alles Geld, das ich jemals verdienen werde und die von den Zedern, die die Auffahrt säumen, halb verdeckt wird, war einst mein Spielplatz. Ebenso wie der weitläufige Garten, der bis hinunter zum See reicht. Doch nun fühlt sich hier alles fremd an. Siebzehn Jahre ist es her, seit Mum und ich diesen Ort verlassen und zwanzig Meilen auswärts von Chicago neu angefangen haben. Ich grabe meine Zähne in meine Unterlippe und versuche abzuwägen wie groß die Gefahr ist, dass Rockgott Jason Gaellen heute Abend seine Mutter besucht. Wahrscheinlich nicht sehr hoch. Immerhin behauptete die letzte Klatschzeitschrift, die ich in den Händen gehalten habe, dass er eine neue Modelfreundin hat und gerade auf Tour ist. Trotzdem dreht sich mir beinahe der Magen um beim Gedanken daran, er könne mir plötzlich gegenüberstehen.

Ich klingele, bevor ich es mir anders überlegen kann und warte.

Es ist elf Uhr an einem Dienstagabend. Wahrscheinlich ist Eden längst im Bett undwird mein Läuten gar nicht erst gehört haben.

Ich reibe mir über meine klammen Arme. Sicherlich hat ihr der Arzt Ruhe verordnet, schießt es mir durch den Kopf, während ich die Holzmaserung der großen Haustür studiere. Ich hätte bis morgen warten sollen.

Drinnen springt Licht an und ich trete nervös einen Schritt zurück, um demjenigen hinter dem Massivholz die Möglichkeit zu geben, mich durch den Türspion zu erkennen.

Für eine endlos lange Zeit passiert gar nichts und ich glaube schon, dass die Tür verschlossen bleiben wird, als ich ein Schloss klicken hören kann.

„Großer Gott!“ Eden Gaellens graue Augen sind vor Entsetzen weit aufgerissen.

„Ich bin nicht aus der Geschlossenen ausgebrochen. Ich habe in Peter Pan mitgespielt“, entkommt es mir unter ihrer Musterung, bei der ihre Miene soeben irgendwo zwischen Unglauben und Entgeisterung angekommen ist.

„Emma?“ Ihre Stimme ist nur ein heiseres Flüstern.

„Ja.Ich habe von deinem Zusammenbruch gehört“, beantworte ich ihre unausgesprochene Frage.

„Woher…“

„Billie hat es mir gerade gesagt.“

Meine Großmutter und ich sehen uns an. Siebzehn Jahre habe ich sie nicht gesehen. Sie ist alt geworden. Die grauen Augen, die wir gemeinsam haben, sind von Krähenfüßen umrahmt, die sie unter einer Schicht professionellem Make-up versucht zu verstecken. Aber sie wirkt gesund auf mich und ich entspanne mich ein wenig.

„Du siehst gut aus“, bemerkt sie. „Trotz des Aufzugs.“

„Du auch.“

Es ist die Wahrheit. Edens mittlerweile vierundsechzig Jahre haben nichts an der Tatsache geändert, dass sie schon immer ein heißer Feger war, wie mein Grandpa immer sagte. Grandpa ist leider schon beinahe so lange tot, wie das Schweigen zwischen uns gedauert hat. Siebzehn lange Jahre, doch meine Grandma hat noch immer nichts von ihrem untrüglichen Stilgefühl verloren, auch wenn ihre Kurven hager geworden sind und sie nun ihr blond gefärbtes Haar in einem kurzen Bob trägt.„Du bist also ganz plötzlich hier, weil du erfahren hast, dass ich im Krankenhaus war? Ich kann dich trösten, es war nur eine Petitesse. Meine Medikamente zur Blutverdünnung und meine Tabletten gegen meine Rückenschmerzen haben sich nicht vertragen. Nichts Dramatisches.“

„Das hat Mum auch gesagt. Und ein halbes Jahr später war sie tot.“

Eden Gaellen blinzelt. „Was sagst du da, Kind?“

„Mum ist gestorben. Letztes Jahr“, erwidere ich kurz angebunden und kann sehen, wie sie mit sich ringt, die Worte „Es tut mir leid“ über die Lippen zu bringen.

„Ja, ich weiß. Ich habe nicht angerufen. Aber sie hätte nicht gewollt, dass ihr auftaucht.“

„An was ist Marille …“

„Krebs.“

„Und nun bin ich hier. Weil wir noch nicht fertig sind.“ Ich kann und will jetzt nicht über Mum sprechen, denn dann werde ich anfangen zu heulen.

Eden reckt das spitze Kinn nach oben und funkelt mich an. Sie ist einen halben Kopf kleiner als ich. Kaum zu glauben, früher erschien sie mir überlebensgroß. „Du willstwieder Kontakt?“

„Ja.“ In meinem Kleid ist mir sterbenskalt, doch ich versuche, es zu ignorieren, denn Diskussionen mit Eden Gaellen erfordern Konzentration. „Ich will in mein altes Zimmer ziehen und so tun, als seien wir wieder eine Familie, bis wir es tatsächlich wieder sind.“

Eden schluckt hart und ich bin bereit, mir notfalls die halbe Nacht hier draußen um die Ohren zu schlagen, um sie dazu zu bekommen, mich einzulassen.

„Komm rein.“ Sie nimmt mir den Wind aus den Segeln, als sie einfach zur Seite tritt. Ich bin sprachlos. Dass Eden einfach nachgeben würde, habe ich nicht erwartet.

„Ich bin alt, aber nicht dumm, Emma. Ich weiß, was es dich gekostet haben muss herzukommen. Also komm.“ Sie streckt den Arm nach mir aus und ich wische mir fahrig über die Wange, ehe ich ihrer Einladung folge.

In Edens Schatten die Treppe nach oben zu meinem alten Kinderzimmer zu steigen erinnert mich daran, wie ich das letzte Mal von meiner Mutter hier heruntergezerrt wurde. Ich habe das Klappern des Koffers noch im Ohr und das Geräusch der berstenden Blumenvase, die Mum in ihrem Zorn über das Geländer geworfen hat.

Die wenigen ausgesuchten Bilder an den Wänden und der singende Holzfußboden sind ebenfalls gleich geblieben. Meine Sicht verschwimmt. Es ist, als würde ich durch ein Museum wandern, das meine Kindheit konserviert hat und ich zögere kurz, bevor ich Eden in mein altes Reich folge, in dem noch immer Kuscheltiere und Puppen regieren und dessen Wände noch immer in dem schrecklichen Pinkton erstrahlen, auf den ich einst bestanden hatte.

„Dein Zimmer ist noch so, wie du es verlassen hast.“ Edens Hand findet meinen Arm und ich kann nicht mehr atmen. Sie hat es so gelassen. Alles. So, als wäre sie der festen Überzeugung gewesen, dass ich irgendwann wiederkomme. Mein Kinn bebt.

Ich höre Eden neben mir aufschluchzen. Und dann liegen wir uns plötzlich in den Armen, so fest aneinander gepresst wie zwei Ertrinkende.

„Es tut mir so leid.“ Ich weiß nicht, ob Eden mich versteht, denn meine Zähne schlagen so heftig aufeinander, dass jede Artikulation schwierig ist.

Ich klammere mich an sie. All die Briefe von ihr, die ich verbrannt habe, all die Einladungen, die ich mit Rücksicht auf Mum und aus Angst mein Vater könnte bei ihr herumlungern ausgeschlagen habe, all das bahnt sich seinen Weg über meine Lippen. „Schon gut“, kann ich sie murmeln hören. „Ist schon gut.“

Eden riecht Vanille und Sommerregen und ich kralle meine Finger in ihr korallenrotes Kostüm, weil ich nicht glauben kann, dass sie tatsächlich hier ist. Dass ich wieder hier bin. Das Gefühl absoluter Einsamkeit am letzten Weihnachten. Mein erstes Weihnachten ohne Mum. Das aufgewärmte Essen vom Chinesen, das schlechte Fernsehprogramm und die endlose Leere der Wohnung, all das drückt nun nach oben und schnürt mir die Kehle zu. Ich hätte schon vor einem Jahr hier sein können, aber das war ich nicht.

Ein Jahr lang habe ich mich gefühlt, als hätte mich die Welt vergessen. So oft war ich kurz davor Eden anzurufen, aber mein Stolz war zu groß. Eher wäre ich an meiner Trauer erstickt, als zum Hörer zu greifen.Bis heute Abend.

Meine Großmutter mustert mein Gesicht, ehe ihre schlanken, von den ersten Altersflecken bedeckten Finger über meine Wangen fahren. „Du bist wirklich zu Hause. Ich kann nicht fassen, dass du zu Hause bist.“

„Sag es nur nicht Jason“, wispere ich. „Das ist meine einzige Bedingung.“

Eden nickt langsam. „Okay.“

Kapitel 3

Trotz Edens und meiner tränenreichen Begrüßung fühle ich mich in den Tagen nach meinem Einzug immer noch wie ein Fremdkörper in ihrem Haus. Mein altes Zimmer, das ich mit Hilfe von Edens Hausmädchen ausgeräumt und gestrichen habe, verliert das schale Gefühl einer verlorenen Kindheit, aber zu Hause fühle ich mich nicht und ich frage mich, ob ich es je wieder tue, während ich die letzten Kisten mit Klamotten aus Mums und meiner alten Wohnung am Montagmorgen in meinen weiß lackierten Kleiderschrankeinsortiere, den Eden und ich am Samstag auf einer Auktion ihres Kulturvereins erstanden haben.

Ich fahre über mein ruiniertes Tinker Bell Kostüm, das schon seit letzten Mittwoch auf der Couch Platz gefunden hat. Ein Glücksbringer, den ich eigentlich längst wegwerfen wollte. Aber irgendwie bringe ich das nicht über mich. Es hat mich hergebracht.

„Emma? Ich bin auf Arbeit! Viel Spaß an der Uni!“, kann ich meine Großmutter von unten rufen hören und sehe erschrocken auf den roten Wecker neben dem Bett.

Die rote Leuchtanzeige lässt mich auffahren. „Kacke!“, entkommt es mir entsetzt. „Das darf doch nicht wahr sein!“ Bereits zu meiner ersten Vorlesung in Anorganischer Chemieim neuen Semester zu spät zu kommen, war absolut nicht mein Plan. Eigentlich hatte ich den guten Vorsatz in diesem Frühjahr richtig ranzuklotzen.

Sich des Nachts zu fragen, ob und wann mein Erzeuger bei Eden in der Tür steht, ist nicht gerade schlaffördernd und ich erwische mich dabei, wie meine Aufmerksamkeit von den PowerPoint Folien abschweift, hin zu den schlecht gewischten Tafeln, über das schwarzweiße Periodensystem hin zu meinen Kommilitonen, die unserem Dozenten mehr oder minder zu hören.Mein Blick findet den alten, überdimensionalen Heizkörper, auf den irgendein Witzbold seine Mütze geworfen hat und die dort schon vor Weihnachten herumlag. Es ist zu warm hier drin und ich wünschte, unser Dozent würde endlich aufhören von den Kursanforderungen zu sprechen, sondern die Kreide in die Hand nehmen und mein Hirn dazu zwingen, einzuschalten. Die monotone Stimme des Dozenten im Ohr gähne ich hinter vorgehaltener Hand, während Billie das erste Blatt ihres Blockes mit Herzchen füllt.

Meine Augen jucken. Mein Kopf sinkt auf mein Kinn und ich lasse meinen Blick weiter über den gut gefüllten Stufensaal treiben.

„Emma? Wie lange willst du Brandon Bexton noch anstarren?“

„Mh?“ Aus meinem Sekundenschlaf erwachend, in den mich die warme Luft und die angenehm unaufgeregte Stimme unseres Dozenten befördert haben, blinzele ich und fahre erschrocken auf, als ich dem leeren Blick meines Kommilitonen begegne, der am anderen Ende der Sitzreihe mit offenen Augen schläft.

„Das war unheimlich. Ihr habt euch fünf Minuten lang angesehen, ohne es zu merken.“ Meine beste Freundin lässt ihren Kuli klicken und winkt meinem Starropfer zu.

Brandon Bexton, der unter seiner Lederjacke einen dunkelblauen Kapuzenpulli trägt, erwacht durch Billies Winken nun ebenfalls aus seinem Vorlesungsschlaf und ich schlucke hart.

„Peinlich.“ Ichseufze leise, währender missmutig die trainierten Arme vor der Brust verschränkt und die Augen schließt. Ich frage mich, wie ich so lange in seine Richtung starren konnte, ohne ihn zu bemerken. Mit seinen dunkelbraunen Haaren, dem finsteren Gesichtsausdruck und seinen beeindruckenden Ausmaßen ist er niemand, den man leicht übersehen kann.

„Ach, Bexton ist es doch wohl gewohnt von Mädels angeschmachtet zu werden. Seinem Daddy gehören immerhin die Devils und die ELX Corporation.“ Billie lehnt sich ein wenig weiter zu mir herüber, ganz so, als würde sie mir ein wohlgehütetes Geheimnis verraten.

„Auch wenn ich letztes Jahr nicht gerade fokussiert war, habe ich die letzten dreiundzwanzig Jahre nicht unter einem Stein gelebt“, seufze ich. Natürlich weiß ich wer Brandon Bexton ist. Seiner Familie gehört halb Chicago und der tödliche Unfall seiner Schwester vor knapp zehn Jahren, bei dem sein Bruder am Steuer saß ging durch alle Medien. Das habe selbst ich mitbekommen, die immer einen großen Bogen um die Klatschpresse macht.

„Gefällt er dir?“ Billie lehnt sich noch wenig weiter zu mir herüber.

„Wieso? Willst du mich in den Verruf bringen reichen Erben hinterher zu steigen?“, stelle ich die Gegenfrage, während ich Bexton weiter mustere. Er hat noch nie mit mir gesprochen, aber allein das, was ich von ihm weiß, reicht aus, um zu wissen, dass er und ich einiges gemein haben.

Billie schiebt sich ihre langen schwarzen Haare, die sie von ihrer Mutter Padma vererbt bekommen hat, über die Schulter und grinst vergnügt. „Ichfinde, es ist an der Zeit, dass du wieder aufs Pferd steigst. Also im übertragenen Sinne.“

„Ich werde mich keinem Kerl an den Hals werfen, nur weil er mich etwas länger ansieht“, wehre ich mich und bin mir nicht sicher, weshalb ich bei meinen Worten den Sportagenten von letzter Woche vor meinem inneren Auge sehe.

Billie, deren exotischer Schönheit schon mehr als einer unserer Kommilitonen auf den Leim gegangen ist, schürzt ihre sorgfältig angemalten Lippen. „Sei keine Spielverderberin.“

„Bin ich nicht.“

Sie gibt ein Stöhnen von sich. „Du hast über ein Jahr Winterschlaf gehalten. Es wird Zeit, dass du wieder aus deiner Sozialstarre erwach…“

Ich werde unsanft in die Seite gepikt und drehe mich zu dem Kommilitonen rechts neben mirum, der hektisch nach vorne nickt.

„Die Damen! Langweile ich sie? Wenn Sie ihr Wochenende besprechen wollen, dann würde ich Sie doch bitten, das draußen zu tun!“, fährt uns unser Dozent an.

In meiner bisherigen Unilaufbahn wurde ich noch nie von einem Dozenten ermahnt, geschweige denn angeschrien und ich senke betreten den Kopf. „Verzeihung.“

„Das will ich hoffen.“ Dr. Johann Black knallt sein Skript auf die schwarze Steinplatte des festinstallierten Tisches, der ihm als Pult dient. „Ruhe jetzt.“

Ich sinke in meinem Stuhl zusammen. Mein erster Tag zurück an der University of Chicago entwickelt sich langsam aber sicher zu einem Alptraum.

„Und wir sind berühmt.“ Billie scheint sich nicht an der Aufmerksamkeit zu stören, die uns noch immer durch unsere Kommilitonen zu Teil wird, während meine Ohren prickeln.Ein sicheres Anzeichen dafür, dass sie sich gerade rot verfärben.

„Unser Dozent ist nicht sehr nachtragend. Du kennst ihn doch. Mach dir keine Gedanken“, meint Billie über die lärmende Menge hinweg, die nach der Vorlesung auf den Gang strömt.

„Hoffen wir‘s“, lächele ich und versuche das Verlangen nach einer Zigarette zu ignorieren, während wir gemeinsam mit unseren Kommilitonen aus dem Vorlesungssaal strömen und uns auf den Weg zu unserer dringend benötigten ersten Dosis Koffein.

Die Sonne strahlt aus einem strahlendblauen Aprilhimmel, als wir aus dem alten Gebäude treten, das noch aus der Zeit vor der Wende zum vorherigen Jahrhundert stammt und vor dessen altehrwürdigen Zinnen die ersten Bäume blühen. Der kurze Weg an der Biologie vorbei zu unserem LieblingscaféThe Mug of Being, dessen Namen bereits so oft gewechselt hat, wie Billies Meinung zum Thema Tattoos.

„Weißt du, eigentlich, dass es Parasiten gibt, die als Zwischenwirt eine Ameise nutzen?“, möchte Billie von mir ohne jeglichen Zusammenhang wissen, als ich durch die Tür vomMugtrete. „Nachdem die Ameise den Schneckenschleim gefressen hat, in dem sie sich befinden, nisten sie sich in ihrer Leber ein und ein einziger wandert ins Gehirn der Ameise, das er dann übernimmt, und bringt die Ameise dazu, sich am Ende eines Grashalms festzubeißen und darauf zu warten, dass sie von irgendeinem Wiederkäuer gefressen wird.“

„Wie kommst du denn jetzt darauf?“, will ichwissen und kämpfe mich an der Kaffeeausgabe vorbei, zu einem der letzten freien Tische.

„Zombies.“ Billie hält eine Zeitschrift nach oben, auf der neben einem Starlett in großen Lettern, die Heißesten Filme dieses Frühjahrs angekündigt werden, bebildert mit einem sehr unlebendig aussehenden Etwas.„Leberegel sind die einzige Idee, die ich habe, wie so etwas wie ein Zombie entstehen kann.“

Billie ist manchmal ein wandernder Widerspruch. Beinahe einen Kopf größer als ich selbst und mit Modelmaßen gesegnet, kümmert sie sich die meiste Zeit entweder um ihr Aussehen und tut so, als ob sie nichts weiter interessieren würde als der Inhalt des nächsten Modemagazins, nur um plötzlich von Hirnwürmern und willenlosen Ameisen zu sprechen.

Ich lasse meine Tasche auf den ausladenden Holztisch sinken und schäle mich aus meinem grünen Parka. „Wenn es soweit ist und du deinen ersten kleinen Zombie gezüchtet hast, lass es mich wissen. Dann verkaufe ich den Impfstoff dagegen.“

Billie lässt sich auf einen der alten Stühle fallen, die aussehen, als seien sie ein Überbleibsel aus den Fünfzigern. „Werde ich, Ems. Du weißt doch, dass ich wenn überhaupt, dann nur mit dir gemeinsam die Weltherrschaft an mich reiße.“ Sie grinst und sieht sich im dunkel getäfelten Café um, an dessen Pool-Tischen schon reichlich Betrieb herrscht. „Wie läuft eigentlich das Zusammenleben mit deiner Grandma? Hast du endlich all deine Klamotten ausgepackt?“

„Heute Morgen, ja.“ Mir entkommt ein tiefes Seufzen. Billie und ich sind bereits seit dem Kindergarten befreundet und sie kennt mich besser als irgendjemand sonst auf der Welt. „Zwischen Eden und mir läuft’s ganz gut. Über meinen Erzeuger reden wir nicht und auch nicht über den Rest. Wir versuchen, einfach nur im Jetzt zu leben.“

Billie legt die Stirn in Falten und ich kann mir ausmalen, was ihr alles auf der Zunge liegt, auch ohne dass sie es ausspricht. Den großen Elefanten mit der Gitarre im Raum zu ignorieren ebenso wie seinen Dompteur ist etwas, das ich schon seit siebzehn Jahren schaffe. Zugegebenermaßen mal mehr oder minder erfolgreich. Und dank dem wohl attraktivsten Seelenverkäufer Chicagos, dem ich vor einer Woche über den Weg gelaufen bin und meiner neuen Wohnsituation, kochen die Erinnerungen an damals wieder hoch.

„Hast du wenigstens wieder mit dem Rauchen aufgehört, wenn du schon nicht darüber reden willst?

„Jein“, weiche ich der Beantwortung dieser Frage aus. „Ich habe mir keine selbst gekauft.“

„Ems.“ Billie fährt sich durch ihr langes Haar und funkelt mich vorwurfsvoll an. „Komm schon!“

„Ich weiß. Es sind Sargnägel“, murmele ich und weiche dem vorwurfsvollen Blick meiner gesundheitsfanatischen Freundin aus, nur um einen breit lächelnden Kerl insenfgelber Strickjacke, die sich auf das Unvorteilhafteste mit seinen rotblonden Haaren beißt, auf uns zukommen zu sehen, zwei Becher Kaffee in der Hand. Ich habe ihn schon ein paar Mal im letzten Jahr in unseren Kursen bemerkt, doch gesprochen haben wir nie.„Hey Mädels, sind die zwei Plätze neben euch noch frei?“

„Sicher.“Ich bin mehr als froh Billies Plädoyer an meine Vernunft zu entkommen. „Setz dich.“

„Cool.“ Der Rothaarige stellt seine Kaffee auf dem Tisch ab. „Du warst doch gerade auch in der anorganischen Chemie Vorlesung,oder? Ich dachte, ich sage mal Hallo.“ Seine Nase ist krumm, ganz so, als sei sie schon ein paar Mal mit Mühe und Not wieder zusammengeflickt worden. „Ihr seid die, die angeschrien wurden.“

„Ja.“

Sein Grinsen wird noch breiter und mir fällt die kleine Zahnlücke zwischen seinen Schneidezähnen auf. „Wusst‘ ich’s doch. Ich bin Mitch Jennings.“

„Emma Gaellen. Das ist Billie.“

„Erfreut, die Damen, sehr erfreut.“ Er dreht sich zur Kaffeeausgabe um.„Ich hab schon Kaffee, Don!“

Ich frage mich kurz, wen er mit dieser Aussage meint, bevor ich Brandon Bexton entdecke, der sich groß und breitschultrig durch die Studentenschar schiebt.

Mitch deutet auf seinen Begleiter. „Ihr beide habt euch ja vorhin schon ausgiebig beäugt, aber nur für den Fall, dass ihr euch noch nicht kennt: Das ist Don.Emma, Don, Don, Emma“, übernimmt er großzügig die Vorstellung, als Brandon Bexton an den Tisch tritt.

„Hey“, begrüßen Brandon und ichuns einsilbig. Er ist einer dieser Kerle, die einem eine Gänsehaut über den Rücken jagen und ich meine mich daran zu erinnern, dass eines der Mädchen aus meiner alten Laborgruppe sagte, er hätte sie im Bett beinahe zermalmt.

„Mach es dir nicht zu bequem,Mitch. Wir müssen noch in die Bibliothek und vorher will ich noch eine rauchen.“

„Jaja.“ Mitch lehnt sich in seinem Stuhl zurück. „Mach mal langsam. Ich bin nicht mehr der Jüngste.“Er runzelt die Stirn und zieht die Nase kraus, bis sein Gesicht einem Klingonen ähnelt.

„Ich kann nichts dafür, dass du dich vorher in ein Lateinstudium geworfen hast.“ Brandon greift nach dem zweiten Kaffee auf dem Tisch und nimmt einen großen Schluck.

„Jetzt bin ich ja gebeutelt und habe den Geisteswissenschaften abgeschworen.“ Mitch schenkt mir ein gewinnendes Lächeln. „Und wie könnte ich auch nicht. Immerhin bin ich schon in meiner ersten Woche hier als Biochemie Student an meinen Blutsbrüdern Don und Nero hängengeblieben.“

Brandon verdreht die Augen und ich komme nicht umhin festzustellen, dass erwohl nicht der gesprächige Typ ist. Eine Eigenschaft, die ich zu schätzen weiß.

„Hast du auch schon vorher studiert? Vor Biochemie?“, haktBillie an Brandon gewandt nach, offensichtlich bestrebt sich die Chance mit einem Milliadärsspross zu flirten nicht entgehen zu lassen.

Er knirscht mit den Zähnen und ich kann meinen Magen krampfen spüren. Seine Pupillen bohren sich in Billies.„Klar habe ich das. Drogenkonsum.“

„Du hast Drogen genommen?“, entkommt es mir, bevor ich es verhindern kann.

Brandon blinzelt und unterbricht damit seine bedrohliche Musterung Billies, um seine Aufmerksamkeit mir zu zuwenden.

„Jetzt tu nicht so, als wüsstest du es nicht. Ganz Chicago weiß das“, fährt er mich an und ich zucke zurück vor der Schärfe in seinen Worten zurück. „Aber ich bin kein verfluchtes Tier im Zoo! Also hör auf mich anzustarren, als sei ich eines!“

„Das habe ich nicht.“ Seine Wut trifft mich. Tiefer, als ich zugeben will. Ich kenne dieses Gefühl, die ganze Welt niederringen zu müssen, weil sie einen ansehen, als sei man das bemitleidenswerteste Wesen diesseits und jenseits des Atlantiks. „Ich habe vorhin einfach nur Löcher in die Luft gestarrt.“

In Brandons Wange zuckt ein Muskel und ich warte auf seinen nächsten Ausbruch, von dem ich mir sicher bin, dass er bald kommt.

Mitch klopft auf den Tisch. „Mädels, es hat mich gefreut, aber wir gehen jetzt wohl besser“, verabschiedet er sich mit einem entschuldigenden Lächeln und nimmt seine Tasse mit sich.

Ich sehe Brandon dabei zu, wie er eine Schneise durch die Kaffeeschlange schlägt.

„Der ist ja total durchgeknallt.“ Billie atmet lautstark aus. „Ich dachte, er springt mir gleich an die Kehle.“

„Ja“, bringe ich raus.

„Die können mir alle viel erzählen, dass der seit einem Jahr clean sein soll. So reagiert doch niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat.“

Ich schlucke, weil ich erst letzte Woche einen ähnlichen Spontanausbruch vor diesem Sportagenten hatte. „Er hat sicher seine Gründe.“

„Dann sollte er die schleunigstklären“, meint Billie unversöhnlich. „Und bis dahin hole ich uns beiden jetzt mal einen Kaffee.“

Kapitel 4

Ich starre auf die Kränze, die hinten in der Werkstatt von Edens Blumenladen und umfasse die Gießkanne in meinen Händen etwas fester. Weiße Rosen, Lilien, Gedichte und Liebesbekundungen. Sie erinnern mich an die Auswahl, die neben Mums Grab aufgestellt war, obgleich die bei weitem nicht so opulent war wie diese hier. Nicht, dass es mich interessiert hatte. Ich lag in Billies Armen und in denen ihrer Mutter und war gezwungen den Worten dieses Priesters zu lauschen und einem schlecht vorgetragenen Gedicht von Walt Whitman. Mum lag tot in ihrem Sarg, in Klamotten, von denen ich im Nachhinein glaube, dass sie sie gehasst hätte.

„Emma? Alles in Ordnung?“, möchte Eden von mir wissen, während sie die Stängel eines Rosenstraußes kürzt. Ihre Finger wandern geschickt von Stängel zu Stängel, ohne dass sie den Blick von mir nimmt. Bei meinem Talent hätte ich spätestens jetzt meinen Daumen verloren.

„Ja“, lüge ich und lasse meinen Blick über das herrliche Chaos in der Werkstatt gleiten, in der ein halbes Dutzend Floristinnen arbeiten. „Ich brauche nur noch die Trittleiter.“

„Im Schrank, neben dem Waschbecken, Liebes“, antwortet eine der Floristinnen, die mir schon letzte Woche ein paar Mal aus der Patsche geholfen hat, als ich versucht habe Eden ein wenig in ihrem Laden zu helfen.

Eden, die in einem Dickicht aus Grün steht, bestehend aus abgeschnittenen Blättern und Stängelüberresten, lächelt, als ich mit der vollen Gießkanne und der kleinen Leiter an ihr vorbei in den Verkaufsraum wanke und beginne, die Topfpflanzen zu gießen.Früher habe ich das ständig getan und Eden heute nach dem miesen Unitag auf der Arbeit zu besuchen zu können, ist einfach schön.

Der altbekannte Duft von Blüten und feuchter Erde durchströmt den Raum, als ich mit der zweiten Kanne Wasser beginne, Efeu und die anderen Schlingpflanzen zu wässern, die in Blumenampeln von der Decke hängen.

Ich schiebe meine Trittleiter ein paar Meter weiter und frage mich, ob es nicht vielleicht klüger gewesen wäre, die Gießkanne nur zur Hälfte zu füllen, denn ich kann meine Muskeln bereits protestieren spüren.

Nachdem ich den Stand der Leiter überprüft habe, klettere ich mitsamt der Kanne hinauf und will mich gerade zur nächsten Blumenampel hinüber beugen, als die Ladentür aufgerissen wird und mein Untergrund ins Wanken gerät.

Ich strauchele. Meine Gießkanne kollidiert lautstark mit dem Boden und ich packe Haltsuchend den Leitergriff.

„Was zur Hölle“, entkommt es mir vollkommen neben der Spur. Ich glaube, ich habe mir meine Seite gezerrt.

„Große Güte, bist du okay?“

Vor mir steht der Sportagent von letzter Wocheund ich bemerke, dass ich seine Schuhe eingeweicht habe,während mein Magen noch mit den Nachwehen meines Beinahe-Unfalls kämpft.

Ich kann mich nicht rühren. „Tut mir leid“, presse ich mit einem letzten Blick auf sein Schuhwerk hervor, ehe ich mich zusammenreiße.Seine grünbraunen Augen verengen sich. „Du solltestdeine Leiter etwas weiter vom Eingang aufstellen. Der Nächste wirft dich sicher um.“

„Ja, vielleicht“, gebe ich zu, kann mich aber immer noch nicht von seinem Anblick losreißen. Er ist wirklich groß. Trotz meiner erhöhten Position auf der Leiter ist sein Gesicht kaum mehr eine Handspanne von mir entfernt und mein Körper prickelt von seiner Nähe. Jetzt wo ich ihn zum ersten Mal ohne Jackett und mit hochgekrempelten Hemdsärmeln sehe, werden mir die Ausmaße dieses Mannes klar. Die breiten Schultern, die durchtrainierte Gestalt, die in Jeans und Hemd steckt.Er könnte direkt aus einer Studienzeichnung da Vincis gekrochen sein.

„Ich bin hier, um einen Strauß abzuholen. Kannst du mir da behilflich sein, oder bedienst du keine Sportagenten?“ Sein Mund umspielt ein Lächeln, dass das Grübchen an seinem Kinn wieder auftauchen lässt.

„Ich arbeite hier nicht“, sage ich und kann ihm dabei zusehen, wie sich seine Stirn in Falten legt.

„Du arbeitest hier nicht“, wiederholt er meine Aussage. „Das ist auf mehreren Ebenen beunruhigend. Vor allem aber, weil du keinen Versicherungsschutz hast und dir offenbar dein Flugpulver ausgegangen ist.“

Im Neonlicht des Ladens sind seine Augen beinahe Flaschengrün und ich kann meine Haut unter meinem dünnen Shirt kribbeln spüren.

„Versuch es an der Verkaufstheke“, schaffe ich es heiser hervorzubringen, ohne auf seine Worte einzugehen. Vor allem weil er nach Ambra und einer überbordenden Prise Mann riecht, die meine Hormone Tango tanzen lässt. Die Biologie ist in diesem Falle nicht mein Freund. Ganz und gar nicht. Meinen Rezeptoren gefällt viel zu gut was sie wahrnehmen und ich wünschte, mein Gehirn hätte die Macht einfach die Reißleine zu ziehen. Mein Herz poltert unruhig unter seiner Musterung und ich ärgere mich über das Kribbeln, das über meinen Körper jagt.Er ist Sportagent, erinnere ich mich selbst. Nur weil ich gerade etwas zu lange in seine Augen gesehen habe, sollte ich das besser nicht vergessen.

Sein Telefon beginnt zu klingeln und er wendet sich mit einem „Entschuldige. Da muss ich ran gehen“ von mir ab.

Ich betrachte für einen Augenblick seinen Hinterkopf, bevor ich mich zusammenreiße, mich aus meiner Starre löse undmeine Arbeit von zuvor wieder aufnehme, aber er steht weiterhin zu nah bei mir, um zu überhören, was er ins Telefon spricht.

„Luc! Nein, ich bin gerade auf dem Weg zu ihm ins Krankenhaus … Sie wissen noch nichts Genaues, aber das Knie sieht schlecht aus …“

Ich zerre meine Leiter zur nächsten Blumenampel und gehe diesmal sicher, nicht in irgendwelche wichtige Laufwege zu geraten.

„Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass er nicht mehr spielen wird … Nein, ich bin gerade dabei, einen Blumenstrauß zu kaufen.“

Ich hieve die Gießkanne zu den durstigen Blumen. Ich bin mir sicher, dass es dem Spieler nicht besser geht, indem er ihm einen Strauß Blumen schenkt.

„Wem sagst du das. Ja … ja, ich werde es versuchen … Ich habe nicht vor, den armen Jungen auf der Straße landen zu sehen. Dazu hat er zu viel Talent … okay. Grüße an das neueste Familienmitglied … ja das hört sich ganz nach June an, Blake hat wirklich Glück … Ich melde mich später noch einmal.“

Er legt auf und steckt sein Mobiltelefon weg, während ich versuche, das Gehörte mit meinem Agentenbild in Einklang zu bringen. Agenten sind geldfressende Scheißkerle, die mir meine Weihnachtsgeschenke gekauft haben und mich mit dummen Ausreden versucht haben, bei Laune zu halten, während mein Vater abwesend war. Die mir erklärt haben, dass mein Vater wichtige Dinge zu tun hätte, dass ich ein großes Mädchen sein solle und aufhören soll zu weinen. Dass ich mich nicht so anstellen soll. Ich war fünf Jahre alt, hatte einen gebrochenen Fuß und war im Krankenhaus. Ich hatte Angst. Ich wollte keinen Teddy und keine Ausreden. Ich wollte jemanden, der sich um mich sorgt. Der für mich da ist und der mich vor seine Karriere stellt. Ich wollte einen Vater. Irgendeinen. Aber ich hatte keinen. Weder in Felix noch in Jason. Und das ist die bittere Wahrheit. Jeder Mann in meinem Leben ist entweder gegangen, oder hat mich von vorn herein links liegen lassen.

„Emma?Geht’s dir gut?“ Eden kommt auf mich zugeeilt, das Messer mit dem sie die Blumen geschnitten hat, noch immer in der Hand.

„Mir geht’s gut“, sage ich und kann ihr dabei zusehen, wie sie sich die messerfreie Hand aufs Brustbein legt und erleichtert durchatmet.

„Zum Glück. Ich dachte schon, du seist durchs Schaufenster gefallen.“

„Eden.“ Der unverschämt attraktive Sportagent macht einen großen Schritt über die Wasserpfütze am Boden und ich kann meine Großmutter stocken sehen, ehe sich ihr gesamtes Gesicht erhellt.

„Damon, wie schön Sie mal wieder zu sehen. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich habe einen Strauß bestellt.“ Seine Stimme ist immer noch dunkel und überwältigend und ich rufe mir in Erinnerung, dass sein Charakter schon aufgrund seiner Jobauswahl als höchst zweifelhaft gelten muss. Und dann ist da sein Name. Damon.Passend für einen Seelenverkäufer.

„Natürlich.“ Ich kann Eden trocken schlucken sehen. Offenbar bin ich nicht die Einzige in unserer Familie, der seine Ausstrahlung die Fähigkeit nimmt, souverän aufzutreten. „Liegt wieder ein Klient im Krankenhaus oder ist er für eine Frau?“

„Ich ziehe es vor, nicht auf diese Frage zu antworten.“

Eden schüttelt amüsiert den Kopf. „Und das ist Ihr gutes Recht. Aber wo sind meine Manieren. Damon, darf ich Ihnen meine Enkeltochter Emma vorstellen?“, kommt meine Großmutter wieder zur Besinnung.

Auch das noch. Gerade wurde ich vorgestellt und eine Erziehung lässt es nicht zu, dass ich mich nicht umdrehe und so tue, als würde es mich ehrlich freuen, ihn kennenzulernen.

„Hey“, bringe ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während meine Großmutter geht, um sich um seine Bestellung zu kümmern.

Er nickt ohne die Spur eines Lächelns. „Eine Gaellen, mh? Das hätte mir auffallen können.“

„Tatsächlich.“ Irgendetwas in seiner Stimme lässt mich das Kinn recken und zu ihm hochsehen.

„Die gleichen Augen und nach allem was ich bisher von dir gesehen habe, auch das gleiche Temperament.“

Ich bin nicht sicher, ob das eine Beleidigung oder ein Kompliment ist, aber mein Stolz verbietet es mir, ihn das zu fragen.„Das mit dem Wasser tut mir leid“, bringe ich hervor, als die Stille beinahe unerträglich wird.

„Das sagtest du schon.“ Damons Pupillen finden meine. „Und ich akzeptiere deine Entschuldigung, Emma.“ Mein Name kommt schwerfällig über seine Lippen, ganz so, als wollte er den Klang darauf austesten.

„So, was sagen sie zu dem Strauß, Damon? Geht es so in Ordnung?“ Eden hält hinter der Kasse einen beeindruckenden Strauß Frühjahrsblüher in die Höhe. So ausladend und extravagant, dass sie Mühe hat, dahinter hervorsehen zu können.

„Perfekt“, erwidert er ihr und lässt mich einfach stehen, um sein Portmoneezu zücken.

Eden und er reden leise miteinander, während er ihr seine Karte reicht, um zu bezahlen und schließlich, ohne sich zu verabschieden, an mir vorbeiläuft.

„Was für ein unhöfliches Arschloch“, stoße ich hervor, als die Eingangstür des Ladens hinter ihm ins Schloss fällt.

„Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest.“ Eden steht plötzlich neben mir. „Jede Woche darf ich seinen Bettbekanntschaften mindestens einenNichts-für-ungut-Strauß zukommen lassen. Nicht dass ich mich beschweren würde, so viel Geld wie wir durch ihn verdienen, aber dich wollte ich nicht mit so einem Strauß trösten müssen.“

Ich gebe ein abfälliges Schnauben von mir. „Keine Sorge, Grandma. Da besteht keine Gefahr.“

Ihre grauen Augen verengen sich misstrauisch.

„Ich hasse Agenten“, verteidige ich mich, weil sie mir nicht zu glauben scheint.

„Gut“, sagt sie schließlich und lächelt. „Playboys wie er sind zwar nett anzusehen, aber man lässt besser die Finger von ihnen. Ich kümmere mich nur noch kurz um die Bestellung für meinen Kulturverein, dann können wir los. Bist du schon mit dem Gießen fertig?“

Offenbar ist das Thema Damon beendet.„Noch nicht ganz, Grandma.“

„Gut, gut. Dann habe ich ja noch kurz Zeit, meine Blumen zu bestellen.“

Kapitel 5

„Wann können wir nach Hause?“

Eden sieht von ihren Papieren auf und schiebt ihre schmale Lesebrille mit dem Zeigefinger nach oben. „Gib mir gerade noch Zeit meine Rechnungen abzuheften“, seufzt sie schwer.

Ihr Büro hat sich kaum verändert. Es ist von zu vielen Aktenschränken zugestellt und das vergitterte Fenster, das in Richtung des Hinterhofes zeigt, ist noch immer von dem gleichen fürchterlichen Lammellenvorhang verdeckt, der schon in meinen Kindertagen dort hing und noch aus einer Zeit stammen muss, als das Rauchen in geschlossenen Räumen gestattet war.

„Du hast hier nichts verändert.“

„Hier drin sah es schon zu Zeiten deines Urgroßvaters so aus wie jetzt. Wieso sollte ich verändern, was siebzig Jahre gute Dienste geleistet hat?“

Ich schenke ihr ein Lächeln, bevor ich mich auf den Ohrensesselmit dem abgenutzten Samtbezug sinken lasse, der direkt neben der Tür steht. Meine Großmutter ist sentimental. Das erschüttert mein Weltbild nun doch etwas.

Eden klappt den überfüllten Ordner, der vor ihr auf dem Schreibtisch liegt, zu und steht auf. „Ist in der Uni alles gut gelaufen?“ Eden gibt ein schweres Keuchen von sich, als sie ihren Ordner in eine der winzigen Lücken in dem Regal quetscht.

„Schon.“

Gerade als Eden endlich abmarschbereit ist, meldet sich mein Handy zu Wort. „Entschuldige, das ist sicher Billie“, erkläre ich mit zerknirschtem Gesichtsausdruck.

„Geh ran. Ich werde schon mal einkaufen gehen für unser Lasangeexperiment. Wir sind ja ohnehin mit zwei Autos hier.“

„Bis gleich, Grandma“, stimme ich ihr zu und nehme den Anruf entgegen.

„Sag mal, sitzt du auf deinen Ohren?“, dringt Billies Stimme durchs Telefon zu mir durch, noch bevor ich mich gemeldet habe.

Meine Großmutter hebt die Hand zum Abschied, bevor sie die Tür ins Schloss zieht und ich allein bin.

„Eden und ich haben gerade über unser Abendessen gesprochen.“

„Und wenn du mit dem Präsidenten gesprochen hättest. Du gehst gefälligst ran, wenn ich dich anrufe!“

„Ach so?“, amüsiere ich mich über ihre Forderung und Billie gibt ein Schnauben von sich.

„Änder’ wenigstens deinen Warteschleifenton, wenn du vorhast, mich zappeln zu lassen.“

„Möchtest du vielleicht nachher bei uns zumEssen vorbei kommen?“

Billie schweigt. „Von was reden wir hier? Lieferdienst oder selbstgekocht?“

„Grandma und ich wollten heute Abend das Lasagne Rezept ihrer Schwiegermutter ausprobieren.“

„Mum und ich gehen einkaufen“, redet sich Billie heraus. „Aber ich kann so gegen neun da sein. Nachdem Eden und du versucht haben zu kochen.“

„Du traust mir wohl gar nichts zu.“

„Ems. Ich traue dir eine Menge zu. Ich traue dir zu, dass du Arien singst, Leute aus brennenden Hochhäusern ziehst, zum Mond fliegst und dir zehn Zigaretten in den Mund steckst. Gleichzeitig. Aber du kannst nicht kochen und es wäre wirklich besser, wenn du das einsehen würdest.“

„Sei gegen neun da“, beende ich Billies unnötigen Hinweis darauf, dass Eden und mein Versuch heute Abend gemeinsam zu kochen eine Ausrede dafür ist, mehr Zeit miteinander zu verbringen, in der Hoffnung so etwas wie Normalität herauf zu beschwören.

Im Nachhinein betrachtet hätte ich Billie sagen sollen, dass sie zwei Stunden früher und mit einer Tüte vom Chinesen hätte auftauchen sollen, denn Eden und ich starren auf den vollkommen verbrannten Käse in der großen Auflaufform.

„Ich bin die schlechteste Hausfrau aller Zeiten“, stößt sie unglücklich aus. „Das beweist es mal wieder.“

„Ach was.“ Ich greife nach der Gabel, die neben dem Herd liegt und steche in die Lasagne. „Wir kratzen das obendrauf ein wenig ab und dann kann man es prima essen. Du wirst sehen.“ Mit einem beherzten Bissen schiebe ich mir ein Stück in den Mund. „Siehst du, richtig le…“ Ich spucke das total versalzene und verwürzte Essen in die Spüle und angle nach der Wasserflasche, die zu meinem Unglück gar nicht schnell genug aufgehen kann. In diesem Augenblick kann ich gar nicht sagen, wie sehr ich Billies Weitsicht, ein Essen bei Eden abgelehnt zu haben, beneide.

Ich stürze die halbe Flasche hinunter und schüttle mich.

„Ich nehme an, das können wir wegschmeißen?“

„Bitte“, würge ich. „Wie konnte das so fürchterlich daneben gehen? Wir haben doch nach Rezept gekocht?“ Nicht nur meine Großmutter ist eine bescheidene Köchin, auch ich habe in einer Küche nichts zu suchen.

Sie zuckt mit den Schultern, bevor sie sich die Topflappen über die Hände streift und unser desaströses Mahl in die Mülltonne befördert, ohne sich die Mühe zu machen, die Auflaufform von ihrem Inhalt zu trennen. „Ich habe dir gesagt, wir sollten es vorher probieren.“

„Wir haben uns ans Rezept gehalten. Vielleicht wollte deine Schwiegermutter dich umbringen, indem du dich selbst vergiften solltest?“, übergehe ich ihren Einwand.

„Zuzutrauen wäre es dieser Frau“, gibt Eden zu. „Aber noch mal werde ich mir nicht die Mühe machen zu kochen.“ Sie hebt die Hände und deutet auf die total chaotische Küche, die wir in unserem Versuch, etwas halbwegs Vernünftiges auf die Beine zu stellen, total verdreckt haben.

„Und was machen wir jetzt?“, hake ich nach.

„Wir könnten essen gehen.“

„Oder wir könnten etwas bestellen.“

Sie runzelt die Stirn. „Ich mag keines dieser Fastfood-Gerichte.“

„Es werden nicht nur Fastfood-Gerichte geliefert.“

Eden scheint nicht überzeugt.

„Okay, das schreit regelrecht danach, dir das Gegenteil zu beweisen. Gib mir zwei Minuten“, grinse ich.

„Ich gebe dir sogar länger Zeit. Dann kann ich mich nämlich um die liegengebliebene Arbeit in meinem Arbeitszimmer kümmern.“

„Okay“, flöte ich fröhlich, während ich Billies Nummer wähle und sie darum bitte, etwasEssbares auf dem Weg zu uns aufzutreiben.

„Das hättet ihr auch einfacher haben können. Indem du nämlich auf mich gehört hättest“, vernehme ich Billies amüsierte Stimme, als ich ihr schließlich den Grund meines Anrufes verrate.

„Nimm es mir nicht übel, Ems, aber die letzte Suppe, die du mirvorgesetzt hast, liegt mir noch heute schwer im Magen.“

„So schlecht war die doch gar nicht.“ Sie sagte damals, sie sei nicht übel. Auch Matt hat sie damals brav gegessen, als ich für die beiden gekocht habe.

„Oh, Ems“, seufzt sie, als wäre ich ein Kind, dass sie mit seiner Naivität in den Wahnsinn treiben würde. „Ich bin in einer halben Stunde da. Fangt nicht ohne mich an.“

Billie trifft zusammen mit einem Haufen Tüten vollerEssen ein. Sie ist auf Hochglanz poliert. Ihr schwarzes Haar glänzt wie ein Vorhang aus schwerer Seide, der ihr glatt über die Schultern fällt. Die langen Beine stecken in mörderisch hohen Stiefeln, ihr Rock ist so kurz bemessen, dass er als Gürtel durchgehen könnte und ihr hübsches Gesicht ist unter einer dicken Schicht Make-up verschwunden.

Und ich erinnere mich unwillkürlich an Matts Aussage Billie könne Barbies böseZwillingsschwester sein.

„Da bist du ja“, bemerke ich mit einem breiten Grinsen. „Ich stelle nur kurz das Essen in die Küche und dann umarme ich dich.“

„Na, das will ich hoffen.“ Meine beste Freundin tritt vor mir durch die Haustür. „Übrigens schöne Grüße von meiner Mum. Sie sagt, du sollst dich mal wieder blicken lassen. Sie weiß schon gar nicht mehr, wie du aussiehst.“ Billies Mutter Padma, eine Vollblutinderin mit dem Hang zu stinkreichen Ehemännern, hat erst letzte Woche drei Stunden mit mir verbracht, weil sie für Billie ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk gesucht hat. Ganz ernst nehmen kann ich deshalb den Kommentar ihrer Tochter nicht.

Meine beste Freundin schält sich derweil aus ihrem kurzen Mantel und wirft ihn auf den Korbsessel, der neben der Garderobe steht. „Hier hat sich nichts verändert“, stellt sie fest.

Sie dreht sich auf den Fußballen und schüttelt ihre lange Mähne. Ihr Blick wandert weiter von mir ins Wohnzimmer.

„Deine Großmutter hat einfach Stil.“

„Ja“, sage ich schlicht. Es ist einfach eine Tatsache. Die fast schon antiken Möbel und die warmen Farben an den Wänden geben der weitläufigen Villa einen südländischen Charme. „Wie viele Leute hast du eigentlich noch eingeladen, um an unserem Essen teilzunehmen? Wir drei werden nicht einmal die Hälfte schaffen.“

„Wenn noch etwas übrig ist, nehme ich es mit nach Hause und verfüttere es an meinen Stiefvater. Mum macht gerade wieder eine ihrer Diäten und nötigt die ganze Familie mitzumachen.“

Da Billies Stiefvater ungefähr die Ausmaße eines Zwergwals hat, kann ich Padmas Idee, ihre gesamte Familie an ihrer Diät teilhaben zu lassen, durchaus nachvollziehen.

„Er kauft mir vor lauter Dankbarkeit sicher die neue Louis Vuitton Tasche, die ich mir am Samstag ausgesucht habe.“

„Du bist unmöglich.“

„Ich kann nichts dafür, dass mir das Geld nur so aus den Fingern fließt. Hast du eine Ahnung, was ich für den Frisör und meine Behandlung bei der Kosmetikerin bezahlen durfte? Eine Frechheit war das.“ Sie reckt vor Empörung bebend ihr spitzes Kinn nach oben und deutet auf ihren perfekten Teint. „Vierhundert Dollar dafür, dass sie mir die Haut abgezogen haben. Vierhundert Dollar! Und meine Poren sieht man immer noch!“

„Für das Geld hättest du dir in manchen Ländern eine neue Haut überziehen lassen können.“

„Ganz genau. Das habe ich ihnen auch gesagt.“ Sie setzt sich in Bewegung, um mir in die Küche zu folgen.

„Du siehst trotzdem sehr gut aus. Auch wenn dein Hautbild zu wünschen übrig lässt“, schmunzele ich.

„Du auch, Ems. Wow, was ist denn hier passiert? Gab es Verletzte auf diesem Schlachtfeld?“ Sie bleibt in der Tür zur Küche stehen, in dem noch immer die Töpfe und Schüsseln von unserem Kochversuch stehen.

„Bis jetzt nicht. Aber wenn du weiter über unsere Kochkünste lästerst, kann ich für nichts garantieren.“

Billie hievt die Tüten mit dem dampfenden Essen auf die Anrichte. „Ich bin stolz auf dich. Du bist wirklich hier. Eden und du habt versucht, euch beim Kochen zu vergiften. Komm her!“ Billie umarmt mich so fest, dass ich glaube, sie wolle mich mit bloßen Händen ersticken.

„Ich kann nicht fassen, dass ich wieder hier bin.“

„Hey Emma, kann es sein, dass es geklingelt hat? Ist das Essen etwa schon… Hallo, Billie“, unterbricht sich meine Großmutter mitten im Satz.

Eden steht in der Küchentür und lächelt uns beiden entgegen. „Ich wusste nicht, dass du vorbeikommen willst.“

„Na, aber sicher doch. Immerhin habe ich gehört, dass ihr am Verhungern seid“, schmunzelt sie, während Eden Billies Outfit mit einem kritischen Blick von oben bis unten mustert. Ich schätze, für jemanden, der in einer Zeit aufgewachsen ist, als man nicht mal im Bett so wenig getragen hat, sind Billies offenherzige Outfits eine echte Zumutung.

„Gehst du heute Abend noch weg?“, hakt Edennach.

„Nein“, erwidert Billie ihr mit einem Zahnpastawerbelächeln. „Ich bin nur hier, um euer Überleben zu sichern.“

„Das ist sehr freundlich von dir“, sagt Eden leise und schüttelt den Kopf, während sie Billies Rocksaum fixiert.

Eden ist ein Workaholic. Anders kann ich es nicht beschreiben. Gerade sitzen wir noch über dem Dessert, als sie plötzlich aufspringt, um noch einen wichtigen Anruf zu tätigen.

„Gott, mir ist schlecht“, stoße ich hervor, als ich versuche, mir einen weiteren Löffel des Nachtischs in meinen vollen Magen zu quetschen. Ich lasse mein Besteck sinken. „So gut habe ich schon ewig nicht mehr gegessen. Wo hast du diesen Italiener aufgetrieben?“

„Das bleibt mein persönliches Geheimnis.“

„Frechheit.“

Billie grinst, bevor sie ihr Kinn auf die Hände stützt und mich eindringlich ansieht. „Jetzt wo Eden weg ist, kannst du loslegen mit den Neuigkeiten. Dein Theaterkollege hat mich gefragt, weshalb du nicht zum Vorsprechen fürs neue Stück gekommen bist.“

„Ich habe keine Lust auf Männer im Wald. Zumindest nicht genug, um all meine freien Abende damit zu verschwenden.“

„Es liegt, also nicht an John, der dieses Semester auch nicht mehr mitspielt?“

„Nein. Und ich wollte nichts von John.“

„Wirklich nicht? Ihr seid das gesamte Semester umeinander geschlichen.“

„Hat sich irgendwie nicht ergeben. Dafür habe ich heute einen umwerfend gutaussehenden Typen getroffen. Groß und gut gebaut. Eigentlich bin ich ihm schon letzte Woche über den Weg gelaufen.“

„Und?“

„Er ist Sportagent. Du weißt, wie ich zu Agenten stehe.“„Komm endlich über diese alberne Allergie gegen Agenten hinweg. Sie steht nur deinem Spaß im Weg.“

„MitPlayboys und Agenten kann man keinen Spaß haben. Sie brechen einem nur das Herz.“

Billie schiebt eine Hand unter ihr Kinn. „Nicht, wenn du’sihnen zuerst brichst. So einfach ist das.“

Kapitel 6

Da Billie und ich uns verabredet haben, am nächsten Abend wegzugehen, tausche ich am nächsten Morgen entgegen jeden besseren Wissens meine Chucks gegen High Heels.

Ein dummer Fehler. Denn die Gitter, die sie aufgrund der aktuellen Bauarbeiten über die einspurig befahrbare Straße und den Gehweg gelegt haben, sind alles andere als Pfennigabsatz geeignet, und so stakse ich vom Parkplatz im Schneckentempo in Richtung Chemie-Fakultät.

Gerade schaffe ich es durch das efeubewachseneTor,hinter dem sich der alte Campus erstreckt, als hinter mir ein Motor abartig laut aufheult, und ich vor Schreck beinahe zu Boden gehe.

Aber anstatt mich Auge in Auge mit einem Monstertruck wiederzufinden, kommt neben mir nur eine Harley Davidson zum Stehen, deren ohrenbetäubender Lärm vom Hall der Unterführung verursacht wird.

„Steig auf, ich nehme dich mit. Das kann man sich ja nicht ansehen“, höre ich den Fahrer sagen, dessen gewaltige Ausmaße verdächtige Ähnlichkeit mit denen von Brandon Bexton aufweisen, der mir gestern so eindrucksvoll um die Ohren geflogen ist.

„Brandon?“

„Ich komm’ zu spät zu meiner Vorlesung. Also steig jetzt auf oder lass es bleiben“, brummt es aus dem schwarzen Helm.

„Okay“, bringe ich verdattert hervor. Einen rettenden Ast kann ich durchaus erkennen, wenn er mir ins Gesicht geschleudert wird.

Wie in Trance gehe ich zu ihm herüber und steige hinter ihm auf. Dabei stütze ich mich an seinem Rücken ab. Seine breiten Schultern sind warm und die Muskeln darunter so hart, dass sie sich anfühlen, als würde ich auf Tuchfühlung mit einer von der Sonne aufgewärmten Statue gehen.

Er riecht nach Rauch und seine Lederjacke gibt ein widerspenstiges Knarzen von sich, als er seine Maschine über den Hof jagt und dabei ein paar aufgeschreckt zur Seite springende Studenten umrundet. Schließlich parkt er direkt vor dem Haupteingang der Fakultätund lässt mich absteigen.

„Danke.“

„Schon gut“, brummt er, während er von seiner Harley absteigt und sich den Helm vom Kopf zieht.

Er fährt sich durch sein kurzes Haar, bevor er die Ledertasche, die er über die Schulter geschnallt hat, öffnet und seinen Schlüssel darin verstaut. „Du solltest dich in Bewegung setzen, sonst kommen wir doch noch zu spät.“

Sich nicht darum kümmernd, dass er hier bestimmt nicht parken darf, hält er auf die Treppe zu und ich folge ihm leicht überfordert. Gestern wurde ich noch von ihm angepflaumt.

Er öffnet die schwere Holztür, vor der noch ein paar Studenten stehen und uns mit neugierigen Blicken bedenken. Zu meinem Erstaunen lässt er mich als Erste durch die Tür gehen.

„Danke“, meine ich perplex.

„Mh“, grollt er nur und begleitet mich schweigend in unserenHörsaal. „Man sieht sich“, verabschiedet er sich, kaum dass wir durch die offene Flügeltür getreten sind und er Mitch entdeckt.

Die Vorlesungen und Seminare ziehen sich dahin. Billie und ich entscheiden uns gegen halb sechs, dass noch Zeit für eine Kaffeepause ist, bevor wir einen Happen essen gehen und dann Chicagos Nachtleben unsicher machen.

Mitch lässt sich auf den Stuhl neben mich fallen und gibt ein tiefes Seufzen von sich. „Hey Mädels.“

„Du hörst dich an, als hättest du schwerste Arbeit verrichtet“, sage ich grinsend und greife nach meiner Kaffeetasse.

„Das habe ich auch. Ich habe aufgepasst. Anders als ihr beide, die ihr euch so laut unterhalten habt, dass es der ganze Hörsaal mitbekommen hat.“

„Haben wir gar nicht“, schnappt Billie. „Das waren Méron und Shirley, die Emma und mich überreden wollten, in ihre Lerngruppe zu kommen.“

Mitch gibt ein Schnauben von sich. „Wenn überhaupt kommt ihr beide in unsere. Die ist viel cooler. Don und ich sind kompetent.“

Mitchs offensichtlicher Versuch mich mit der Aussicht zu locken, Don Bexton öfter über den Weg zu laufen ist süß. Ich mag Mitchs jungenhafte, leicht verstrubbelte Art.

„Wenn ihr wollt, kann ich euch unseren Arbeitsraum