Beschreibung

"Und ich sagte noch: Das wird blutig. Verdammt, er wollte nicht hören." Patsy und Milo wollen an das große Geld. Doch nicht nur der rechtmäßige Besitzer hat was dagegen, sondern auch ein Mörder, der seit Wochen seine blutige Spur durch die Stadt zieht. Pearl, Ermittler wider Willen, muss indes eine Broadway-Diva aufspüren. Doch weder die Cops noch die Familie der Sängerin hegen daran großes Interesse. Schon bald gerät er selbst ins Visier. Welcome to FREAK CITY. Noch härter. Noch abgründiger. Die neue Serie von Martin Krist. Jede Episode in sich abgeschlossen. "Martin Krist steigt hinab in die dunkelsten Hinterhöfe New Yorks - FREAK CITY ist dirty, rough und vor allem: wahnsinnig spannend!" (Judith Arendt) "Pearl ist ein Detektiv, wie es seit Magnum keinen mehr gab: Hart, intelligent und ein Magnet für Ärger." (Denise Börner)

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Hexenkessel

Freak City 1

Martin Krist

R&K

Inhalt

Über den Autor

Mehr Informationen?

Pearl

Eins

Kapitel 1

Zwei

Kapitel 2

Drei

Kapitel 3

Vier

Kapitel 4

Fünf

Kapitel 5

Sechs

Kapitel 6

Sieben

Kapitel 7

Acht

Kapitel 8

Neun

Kapitel 9

Zehn

Kapitel 10

Elf

Kapitel 11

Zwölf

Kapitel 12

Noch mehr Freak City

Noch mehr Martin Krist

Über den Autor

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter Biografien über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido, die Grunge-Ikone Kurt Cobain und den gewaltlosen Rebell Mahatma Gandhi, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

www.Martin-Krist.de

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Originalausgabe bei R&K

19. November 2018

Copyright © R&K c/o Martin Krist

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung des Autors wiedergegeben werden.

Titelbild & Umschlaggestaltung:

Designomicon | Anke Koopmann

Lektorat: Rebecca Feist & Denise Börner

Korrektorat: Rebecca Feist (die-flinke-feder.de)

Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Martin Krist, Postfach 910104, 12413 Berlin

www.Martin-Krist.de

Mehr Informationen zu Serie, den Figuren

sowie digitale Leseproben unter:

www.Freak-City.com

Pearl

Was man über ihn weiß:

trinkt fast jeden Abend im Spinner's seinen Bourbonist unverkennbar ein Halbblutträgt Narben am Körper und im Gesichthat ein Aggressionsproblemrennt vor der Vergangenheit davonhat eine Affäre mit der Gattin eines Fernsehpromisweiß nicht, was sie an ihm findetsucht Vermisste, Verschwundene, Entführte, Totgeglaubte, ebenso Entführer, Erpresser, Mörder und Killer.

Was man nicht über ihn weiß:

seinen tatsächlichen Namenwoher seine Narben stammenob ihm das Töten wirklich so leichtfällt.

Eins

It's days like this I wish that

I wish that I had stayed asleep.

Five Finger Death Punch – A place to die

Diesmal, hat sich Pearl geschworen, diesmal ist er auf der Hut.

Noch immer brennt sein Unterarm dort, wo die Kugel ihn vorhin erwischt hat. Zum Glück nur ein Streifschuss, dessen Blutung er mit seinem Halstuch stoppen konnte.

Allerdings hätte es auch schlimmer enden können.

Deshalb lässt er jetzt seinen Blick unentwegt über die Ödnis kreisen, über die staubige Erde ringsum, die dürren, vertrockneten Sträucher, die Hügel, die in der heißen Sommersonne flirren.

Den toten Mann in dem rostigen, alten Auto beachtet er nur kurz. Die Leiche ist nackt, blutbesudelt, mit grässlichen Wunden übersät.

Pearl hat schon Schlimmeres gesehen.

»Hören Sie«, sagt er stattdessen und kniet sich zur wimmernden Frau, »es tut mir leid ...«

Erschrocken zuckt sie zusammen und starrt ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Sie schnappt nach Luft, verschluckt sich und hustet.

»... aber Sie dürfen nicht länger hierbleiben.«

Keuchend schüttelt sie den Kopf.

»Sie müssen verschwinden.« Pearl streckt seinen Arm nach ihr aus.

Wütend fegt sie seine Hand beiseite. Mit einem verzweifelten Schrei bricht sie über der Leiche zusammen.

Pearl grummelt. »Gleich wird –«

Ein Klappern am Wagen lässt ihn innehalten. Irritiert will er sich nach dem Geräusch umdrehen. Zu spät.

Ein harter, schwerer Gegenstand kracht ihm gegen den Schädel.

Mit dem Gesicht voran stürzt er zu Boden.

Kurz wird ihm schwarz vor Augen.

Dann explodiert der Schmerz.

Er kämpft dagegen an, gegen die Benommenheit, die Übelkeit, den knirschenden Sand in seinem Mund.

Er würgt, während er sich mühsam auf den Rücken rollt.

Die Sonne blendet ihn, bohrt sich siedend heiß in seinen pochenden Kopf. Er stöhnt vor Schmerz.

Verdammt, wo kam der Angreifer her?

Pearl verflucht sich selbst. Nur ein Moment der Unachtsamkeit und –

Eine Gestalt tritt vor die grelle Sonne, ein großer, bedrohlicher Schemen.

Pearl blinzelt. Etwas rast auf ihn zu.

Diesmal, wird ihm schlagartig klar, diesmal wird es schlimmer ausgehen.

Zwei

Shutters down, nothing to see

We're all living here confused.

Ghostpoet - Freakshow

»Patsy?«

Patsy keuchte, weil es in ihrem Magen rumorte.

»Verflucht, Patsy«, schrie es aus ihrem Handy, »warum gehst du nie ran, wenn ich dich anrufe?«

»Bin ich doch, Eric, würden wir sonst miteinander reden?«

Eric schnaubte. »Na super, und wie oft habe ich es zuvor vergeblich bei dir versuchen müssen? Fünfmal? Achtmal?«

»Ich habe deine Anrufe nicht mitgezählt.«

»Soll das heißen, du hast sie alle mitbekommen?«

Angestrengt holte Patsy Luft. Jeden einzelnen seiner gottverdammten Anrufe hatte sie mitbekommen.

»Also hast du mich die ganze Zeit einfach ignoriert?«

Sie atmete wieder aus. Inzwischen verfluchte sie sich, weil sie ihn nicht auch beim sechsten, neunten oder weiß-Gott-wievielten Male ignoriert hatte.

»Ehrlich, Patsy, das ist wieder typisch für dich.«

Mit einem Stöhnen sank sie tiefer in den Beifahrersitz, was ihr Magenbrodeln allerdings kaum linderte – nicht nach den annähernd zwei Stunden, die sie in dem kleinen, beengten, aufgeheizten Honda hockte und schwitzte.

Inzwischen war zwar die Dämmerung hereingebrochen, aber noch immer hing die Sommerhitze bleiern über der Stadt.

Patsys sehnsüchtiger Blick ging zur Klimaanlage. Dafür allerdings hätte der Motor laufen müssen, was wiederum die Aufmerksamkeit der Passanten auf den Wagen gelenkt hätte. Der Honda parkte aber nicht ohne Grund in den tiefen Schatten der Bäume am vorderen Ende der 75th Street.

Bei dem Gedanken daran wurde Patsy noch flauer im Magen.

Sie kramte nach der Marlboro-Schachtel und dem Feuerzeug in der Mittelkonsole. Wenig überraschend zitterten ihre Finger.

Nein, typisch war heute gar nichts für sie, aber woher sollte Eric das schon wissen?

Im Übrigen durfte er es auch gar nicht erfahren.

»Verflucht, Patsy«, fluchte er, »hörst du mir überhaupt zu?«

»Ich höre dir zu«, sie brauchte zwei Anläufe, bis sie eine Zigarette entzündet hatte, »wie immer.«

»Deinen genervten Tonfall kannst du dir sparen.«

»Du dir deine Belehrungen auch.«

»Ich versuche dir lediglich zu erklären, dass dein Verhalten ...«

»Siehst du, Eric, das meine ich! Aber falls du es vergessen hast, wir sind seit zwei Monaten geschieden. Du hast mir nichts mehr zu erklären.«

»Falls du es vergessen hast, Patsy: Wir haben eine gemeinsame Tochter. Sie wartet auf dich, weil du ihr versprochen hast ...«

»Ja doch, ich hole Christie heute noch ab.«

»Du wolltest sie vor, warte ...«, Eric ließ ein Rascheln vernehmen. »... schon vor anderthalb Stunden abholen. Was glaubst du, wie sie sich jetzt wieder fühlt?«

»Hol sie bitte kurz ans Telefon, dann kann ich ihr ...«

»Auf keinen Fall, das würde sie nur wieder aufwühlen. Ich habe sie gerade erst beruhigt.«

Patsy unterdrückte einen Stoßseufzer, während sie das Fenster einen Spalt hinunterließ.

Prompt drückten nicht nur das Verkehrsrauschen, das Gehupe, das monotone Rattern der Klimaanlagen an den Hausfassaden in den Wagen, sondern auch die geballte Hitze.

Noch mehr Schweiß quoll aus Patsys Poren, und sie bereute es, ihrem Drang nachgegeben zu haben. Ohnehin half die Zigarette nicht gegen ihre Magenkrämpfe.

Sie pustete den Qualm nach draußen.

»Sag mal«, hörte sie Erics empörte Stimme, »du hast doch nicht etwa wieder mit dem Rauchen begonnen?«

»Selbst wenn, auch das ist immer noch meine ...«

»Ja, ja, ist mir auch egal, nur rauche bitte nicht, wenn Christie dabei ist, okay? Also, wann gedenkst du sie endlich abzuholen?«

Patsys Blick zuckte die 75th hoch. »In einer Stunde, nicht sehr viel später.«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst?«

»Ich ...« Zwischen den Bäumen, und im schwachen Schein der Straßenlaternen, wirkten die Stadthäuser mit ihren Erkern, Balustraden, Pilastern und Fassadenfiguren wie mächtige, unbezwingbare Trutzburgen. Patsy schluckte. »Ich muss noch was erledigen.«

»Verflucht, Patsy, gib doch einfach zu, dass du lieber mit diesem ... diesem ...«, aus Erics Stimme klang jetzt all sein Hass, der sich seit ihrer Trennung in ihm aufgestaut hatte, »... diesem Kriminellen Miro deine Zeit verbringst.«

»Erstens heißt er Milo. Zweitens, er ist nicht kriminell.«

»Er ist vorbestraft! Wegen Einbruch!«

»Das sind alte Geschichten. Er hat sich geändert. Und drittens bin ich gar nicht mit ihm unterwegs.«

»Das will ich schwer für dich hoffen, denn ich habe dir gesagt, er ist kein guter Umgang für Christie.«

»Und ich sagte dir, du hast mir gar nichts mehr ...«

»Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob du ein guter Umgang für sie bist.«

Mit einem Ruck fuhr Patsy in die Höhe. »Was soll das denn heißen?«

»Ständig machst du ihr Versprechen, die du nicht einhältst. Was glaubst du, wie sie sich da fühlt? Verflucht, als hätte sie unter der Trennung nicht schon genug zu leiden.«

Du bist es, der am meisten darunter leidet, dachte Patsy, sprach es aber nicht aus. »Eric«, sie bemühte sich um einen ausgleichenden Tonfall, »ich gebe mir wirklich Mühe ...«

»Nein, erspar mir deine Ausreden, ich will sie nicht mehr hören.«

»Ich will, dass es Christie ...«

»Entweder du kommst deinen Verpflichtungen endlich nach oder du kriegst Christie gar nicht mehr zu Gesicht.«

»Ich werde bald ... Eric? Verdammt, Eric!« Er hatte aufgelegt. Patsy widerstand dem Impuls, ihr Telefon durch den Wagen zu schleudern. »Arschloch!«

»Also, heute Morgen«, kam Milos Stimme aus dem Halbdunkel neben ihr, »hast du mich noch Honey genannt.«

Patsy funkelte ihn auf dem Fahrersitz an.

»Okay, okay«, er hob beschwichtigend die Arme, »schon begriffen, Baby, der falsche Zeitpunkt für dumme Witze.« Er nahm ihr die Kippe ab und zog daran. Die auflodernde Glut erhellte sein Gesicht, die winzigen Grübchen auf seinen Wangen, seinen lebhaften Blick, vor allem aber sein einnehmendes Lächeln – wie damals, als sie sich das erste Mal in der urigen Jay Street Bar an der gleichnamigen Straße in Dumbo begegnet waren.

Patsys Wut erlosch. Seufzend ließ sie sich in den Sitz zurückfallen.

»Alles wieder gut?«, fragte Milo.

Patsy nickte. Sie konnte ihm einfach nicht böse sein.

Milo zerdrückte den Stummel im Aschenbecher, dann deutete er auf das Stadthaus schräg gegenüber. »Dann sollten wir da endlich reingehen.«

***

Pearl befand sich auf halber Höhe der Charles Street, als das Handy in seiner Hosentasche vibrierte.

Es war Steph.

Unschlüssig betrachtete er das Display. Es gab nur einen Grund für ihren Anruf.

Er hob seinen Blick, als plötzlich Willie Nelsons knarziger Gesang über die Straße schallte und sogar die ratternden Klimaanlagen übertönte.

I've got a long list of real good reasons ...

Auf der anderen Straßenseite trat ein Mann aus Murray's Diner.

... for all the things I've done.

Er trotzte der Hitze mit einem Anzug, Krawatte, schweren, schwarzen Budapestern, mit denen er angetrunken die drei Stufen zum Bürgersteig hinabstolperte.

Pearl wich in den Schatten einer Eiche zurück. Sand und vertrocknetes Laub knirschten unter seinen Stiefeln. Von einem übelriechenden Müllhaufen nur wenige Schritte weiter umschwirrten ihn die Fliegen.

Noch immer zuckte das Telefon in seiner Hand. »Steph?«

»Warum flüsterst du?«

»Ich bin beschäftigt.«

»Treffen wir uns trotzdem?«

»Hat dein Gatte wieder die Stadt verlassen?«

»Ist das ein Ja?«

I've got a picture in the back of my mind, sang Willie Nelson, of what I've lost and what I've won.

Drüben half der Mann in überraschend galanter Haltung einer Blondine die Stufen hinunter. Sie trug ein knappes, rotes Abendkleid und hohe, rote Pumps.

Zwei Typen, die vorbeischlenderten, verrenkten ihre Hälse.

»Also sehen wir uns nicht?«, fragte Steph.

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Du hast gesagt, du hast zu tun.«

»Nicht die ganze Nacht.«

»Und das bedeutet?«

»Wenn du möchtest ...«

»Verflixt, Pearl, würde ich sonst anrufen?«

I've survived every situation knowing when to freeze and when to run.

Kichernd tänzelte das Pärchen zur Musik über den Bürgersteig, bevor es an der Ecke 7th Avenue einem Taxi winkte.

Auf Pearls Straßenseite näherten sich johlend rucksackbepackte Teenager, ihrem gestochenen Akzent nach Briten.

»Wie lange wirst du noch brauchen?«, fragte Steph.

Pearl zog sich tiefer in den Schatten zurück.

Die Jugendlichen liefen vorüber, ohne dass sie Notiz von ihm nahmen. Einer von ihnen verpasste dem Abfallberg einen übermütigen Tritt.

»Pearl?«

»Keine Ahnung, eine Stunde, vielleicht zwei.«

»Ich könnte dich erwarten, du weißt schon, in diesem Kleidchen aus London.«

»Das dir so gut steht?«, grummelte Pearl.

Steph zögerte. »Tut es das wirklich?«

»Würde ich es sonst sagen?«

»Vielleicht sagst du es nur, weil ich es hören möchte.«

And regret is just a memory written on my brow and there's –

Nelsons Stimme verstummte. Die lärmenden Klimaanlagen erfüllten wieder die Abendstimmung.

Durch die Schaufenster von Murray's Diner sah Pearl, wie der Fernseher über dem Tresen erlosch, kurz darauf ein Großteil der Lampen. Im Zwielicht schleppte sich ein buckeliger Greis zur Tür. Mit der einen Hand stemmte er sich auf einen Gehstock, mit der anderen wühlte er in seiner Hosentasche. Vermutlich Murray, der Besitzer höchstpersönlich.

»Wieso bist du immer so?«, fragte Steph.

»Ich dachte, du magst es, wie ich bin.«

»Ich mag dich im Bett, verflixt, aber ...«

»Tut mir leid«, fiel Pearl ihr ins Wort, »ich muss auflegen.«

Wie auch immer Stephs misslaunige Antwort ausfiel, er bekam es nicht mehr mit.

Drüben hatte Murray die Türschwelle erreicht und brachte einen Schlüssel zum Vorschein.

Dass der Mann alt und gebrechlich war, hatte Pearl nicht gewusst.

Zögernd scharrte er mit seinem Stiefel über knirschenden Sand. Nichts weiter als verwehte, ausgedörrte Erde aus den umliegenden Baumrabatten.

Murray wurde von einem Hustenkrampf erschüttert. Mühsam hielt er sich mit seinem Stock aufrecht. Allerdings entglitt ihm der Schlüssel.

Rasch tat Pearl einen Satz über den stinkenden Unrat hinweg und überquerte die Straße. Die Fliegen folgten ihm wie der Geruch und die Hitze. Er fuchtelte mit der Hand, als könnte er auf diese Weise auch seine Zweifel loswerden.

Noch ehe Murray sich von seinem Anfall erholt hatte, schob Pearl ihn zurück in das Diner.

Einzig im Toilettenflur brannte noch Licht, außerdem hinter dem Tresen. In der offenen Küche türmten sich benutztes Geschirr, Besteck und Pfannen. Es stank nach Burgern, verbranntem Omelett, ranzigem Fett. Ein Topf köchelte auf halber Gasflamme.

»Sorry, Sir«, krächzte Murray in das Blubbern, »aber wir ... wir schließen.«

Pearl hob den Schlüssel auf. »Ich will nichts essen.«

»Drinks gibt's auch keine mehr.«

Pearl verriegelte die Tür. »Bobby schickt mich.«

***

Patsy folgte Milos Fingerzeig zu dem Stadthaus gegenüber.

In seiner Eleganz unterschied es sich kaum von den anderen, abgesehen von dem hübschen, gepflegten Vorgarten und einem gepflasterten Weg, der an der Seite vorbei nach hinten in den Garten führte – in die Dunkelheit und ins Ungewisse.

Ein Streifenwagen rollte vorbei, stoppte vor der Ampel zur 5th Avenue.

Wieder krampfte sich Patsys Magen zusammen.

Als spürte er ihre Zweifel, legte Milo ihr seine Hand auf den Arm. »Ich kann da auch alleine rein, wenn dir das lieber ist.«

»Nein, es ist nur ... Was, wenn doch jemand zu Hause ist?«

»Hey, Baby, ich bin am Hintern schon ganz wund, weil wir so lange hier herumgesessen und das Haus beobachtet haben. Ist da jemand reingegangen? Oder hast du Licht gesehen?«

»Das nicht, aber ...«

»Außerdem, du hast doch gesagt, die Besitzer seien ausgeflogen.«

»Der Tipp kam von –«

Milo verschloss ihre Lippen mit einem Kuss, nur für einen kurzen Moment, viel zu kurz. »Und jetzt«, er lächelte, »mach dir nicht mehr so viele Gedanken.«

So sehr sein Lächeln sie vor wenigen Sekunden noch besänftigt hatte, jetzt verfehlte es seine Wirkung.

Die Ampel sprang auf Grün, der Streifenwagen bog ab.

»Du hast leicht reden«, sagte Patsy.

»Ich bin bei dir.«

»Nur gut, sonst wäre ich längst schon bei Christie.«

»Nur für Christie machst du das, oder etwa nicht?«

Patsy zögerte. Dann nickte sie.

»Und ich mache das nicht zum ersten Mal«, fügte Milo hinzu, legte sein Handy in das Handschuhfach, dann griff er nach seinem Rucksack auf der Rückbank.

Er hat sich geändert.

Eindringlich sah sie ihn an. »Aber zum letzten Mal.«

»Definitiv, ab heute haben wir sowas eh nicht mehr nötig.« Mit einem Lächeln küsste er sie erneut, erst behutsam, als wollte er sie nicht verschrecken. Dann immer stürmischer, leidenschaftlicher, mit einer Kraft, die seinem sportlichen Körper entsprang, mit einer Lust, die sie bei Eric vermisst hatte, mit einer Entschlossenheit, die ihr von Anfang an alle Zweifel genommen hatte. Nur wenig später hatte sie die Scheidung eingereicht.

Gib doch einfach zu, dass du lieber ...

Der Knoten in ihrem Magen löste sich.

Allerdings nur bis zu jenem Moment, in dem sie eine Lücke im Verkehr abwarteten und die 75th überquerten.

Nicht nur die Hitze trieb ihr den Schweiß auf die Haut.

Jede Menge Passanten waren unterwegs, Geschäftsleute, Touristen, Jogger, die meisten in Richtung Central Park.

Eine ältere Frau führte ihren Corgi aus.

»Denk einfach daran«, Milo ergriff Patsys Hand, »die Kunst besteht darin, nicht aufzufallen.«

Gemächlich schlenderten sie den Bürgersteig entlang bis in den Vorgarten, wo sie die fünf Stufen hoch zur Haustür erklommen.

In keinem der Zimmer des Stadthauses brannte Licht.

Patsys Puls raste. Sie war überzeugt, jeder sah ihr ihr Vorhaben an.

Die alte Dame schaute zu ihnen auf.

Patsys Atem stockte.

Milo drückte die Türklingel.

Die Oma schlurfte weiter, während sie auf ihren Corgi einbrabbelte.

Niemand öffnete.

Erleichtert schnappte Patsy nach Luft.

Milo zog sie die Stufen hinab, schaute kurz die Straße rauf und runter, dann lief er mit ihr den gepflasterten Weg nach hinten.

»Siehst du«, flüsterte Milo, während die Dunkelheit sie verschluckte, »war doch gar nicht so –«

Patsys Handy klingelte. Wie angewurzelt blieb sie stehen.

Sie spürte Milos entgeisterten Blick. »Du hast es mitgenommen?«

Mit fahriger Geste zog sie das Telefon aus ihrer Hosentasche.

»Du hättest es wenigstens ausschalten können.«

»Sorry, ich ...« Um ein Haar entglitt es ihren Händen. »Ich hab's in der Aufregung vergessen.« Sie blickte aufs Display. »Es ist mein Ex-Mann.«

»Drück ihn weg.«

Zittrig schwebte ihr Finger über dem läutenden Handy.

Entweder du kommst deinen Verpflichtungen endlich nach ...

»Worauf wartest du?«, zischte Milo.

»Er hat damit gedroht, dass er mir Christie wegnimmt.«

»Du hast recht, was für ein Arschloch!«

»Ich muss da ran.«

»Okay«, sagte Milo, »aber mach schnell. Und leise.«

Patsy nahm den Anruf entgegen. »Was willst du, Eric?«

»Mum?«, piepste es betrübt.

»Christie?«

»Warum flüstert du, Mum?«

»Ich ... ich habe zu tun, kann ich dich ...«

»Dad hat gesagt, du ... du ... du kommst heute nicht mehr.« Christie klang, als würde sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen.

Als hätte sie unter der Trennung nicht schon genug zu leiden.

»Oh, Darling«, beeilte sich Patsy zu sagen, »selbstverständlich hole ich dich ab.«

»Wirklich?«

»Ich bin so gut wie auf dem Weg.«

»Und morgen gehen wir dann in den Discovery Room?«

»Morgen wird unser Abenteuertag.«

»Und Frodo kommt auch mit!«

»Aber ja ...«

»Frodo muss mit!«

»... das habe ich dir versprochen.«

»Dad sagt, ein Versprechen muss man halten, denn –«

»Christie!«, donnerte Eric aus dem Hintergrund, »was machst du da?«

»Ich telefoniere mit Mum.«

»Das ist doch wohl nicht wahr. Gib mir sofort den Hörer.«

»Bye, Mum«, rief Christie. »Ich hab dich lieb.«

»Ich dich doch auch, mein Darling, ganz –«

»Verflucht, Patsy«, fluchte Eric, »ich hoffe für dich, dass du ...«

Patsy trennte die Verbindung. Ihr Herz klopfte.

Ich hab dich lieb.

Sekundenlang stand sie regungslos in der Dunkelheit.

»Hey, Baby«, sagte Milo, »bist du dir wirklich sicher, dass du ...«

»Ja«, fiel ihm Patsy ins Wort, lauter als beabsichtigt. Sie dämpfte ihre Stimme. »Ich muss.«

»Bullshit, du musst gar nichts.«

»Das alles war meine Idee, also ...«

Nur für Christie machst du das.

Sie schaltete ihr Handy aus. »Machen wir es!«

***

Pearl steckte den Schlüssel zu seinem Handy in die Hosentasche und trat weg von der Tür, dem Schaufenster, dem verfänglichen Straßenlicht.

Auf wackeligen Beinen folgte ihm Murray bis in die Schatten. »Bobby?«, fragte er, als hätten seine alten Ohren ihm einen Streich gespielt.

»Bobby kümmert sich im Viertel um ...«

»Gottverdammt, ich ... ich weiß, wer Bobby ist.«

»Sir, bitte ...«

»Und Ihren Sir, denkönnen Sie sich auch ...« Ein weiterer Hustenanfall erschütterte Murray. Um ein Haar drohte sein ausgemergelter Leib über die Pappkartons zu stürzen, die sich vor dem Tresen stapelten.

Pearl wollte ihm zu Hilfe eilen, doch der Greis fuchtelte wütend mit seinem Gehstock.

Dabei drohte er erneut zu stürzen. Geistesgegenwärtig ließ er seinen Stock fallen und stützte sich stattdessen auf einen Barhocker. Schlotternd rang er um Luft.

Schritte näherten sich im Toilettenflur.

»Dad?« Ein dicker Mann eilte herbei. Er trug eine karierte, verschmierte Schürze über einer Jeans und einem viel zu engen Tanktop, das mehr als nur seine nackten, massigen Arme entblößte. Schwerfällig bückte er sich nach dem Stock. »Geht es dir ...?« Er verstummte, als er im Halbdunkel Pearls Gestalt bemerkte. Ruckartig richtete er sich wieder auf.

»Alles in Ordnung, Brian«, keuchte sein Vater. »Bringst du die restlichen Kartons auch noch nach hinten ins Lager?«

»Klar«, sagte Brian.

»Und dann«, Murray deutete auf den köchelnden Topf hinter dem Tresen, »kümmere dich um die Sauce für morgen, sie dürfte bald durchgezogen sein.«

»Klar«, wiederholte sein Sohn, rührte sich jedoch nicht vom Fleck. Unverwandt blickte er zu Pearl.

Sekundenlang füllte nur das Blubbern der Sauce ihr Schweigen.

In Pearls Hosentasche vibrierte das Handy.

»Ist er das, Dad?« Unvermittelt tat Brian einen Schritt nach vorne. »Dieser Bobby, von dem du mir erzählt hast?«

Pearl wich zurück. Das Tresenlicht streifte ihn.

Murrays Sohn zuckte erschrocken, als er die wulstige Narbe bemerkte, die sich über Pearls rechte Wange hinauf bis zur Schläfe zog.

»Nein«, sagte Murray, »und jetzt mach, worum ich dich gebeten habe.«

Brian glotzte weiter, mit einer Mischung aus unverhohlener Abscheu und Neugier, als versuchte er Pearl als Gegner abzuschätzen.

»Bitte!«, flehte Murray.

Sein Sohn schien mit sich zu ringen. Mit einem widerwilligen Seufzen hievte er sich einen der Kartons auf die breite Schulter und schleppte ihn nach hinten.

Pearl sah ihm nach. Noch immer zappelte sein Telefon.

Er ignorierte es und drehte sich zu Murray um.

Dass der sein Diner nicht mehr alleine führte, hatte Bobby ihm ebenso wenig verraten.

»Ich habe ihm erklärt«, sagte Murray, als wüsste er um Pearls Gedanke, »dass wir ihm das Geld diesen Monat später zahlen müssen.«

»Eine Woche hat er Ihnen gesagt.«

»Ich weiß, aber ...«

»Inzwischen sind zweieinhalb Wochen vergangen.«

»Was erwartet er? Er weiß, wie es um uns steht.« Mit seiner knochigen Hand machte Murray eine Geste, die das ganze Diner beschrieb.