Hide - Jennifer Rush - E-Book

Hide E-Book

Jennifer Rush

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Beschreibung

Du kannst niemandem vertrauen, nicht einmal dir selbst. Alles, was du über dich zu wissen glaubtest, entpuppt sich als Lüge. Die Suche nach deiner Vergangenheit setzt nicht nur dein Leben aufs Spiel. Du weißt nur eins: Sie werden nicht aufhören, dich zu jagen! Anna und den Jungs ist die Flucht vor der Sektion gelungen und sie haben sogar einige Hinweise auf ihre eigene Herkunft erbeuten können. Nur wie lange können sie sich dieser mächtigen Organisation entziehen? Als sie auf eine Spur stoßen, die offenbar zu Annas Schwester führt, müssen sie erneut ihre Deckung aufgeben. Die Suche nach der eigenen Vergangenheit treibt Anna unaufhörlich an. Falls Teile ihrer Familie überlebt haben, müssen die vier sie finden. Koste es, was es wolle. Doch tappen sie vielleicht gerade dadurch in eine raffinierte Falle? "Hide" ist der zweite Band einer Reihe. Der Titel des ersten Bandes lautet "Escape"

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Seitenzahl: 308

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1

Meine innere Uhr weckte mich kurz nach Mitternacht mit dem starken Bedürfnis, zu Sam zu gehen.

In dem flüchtigen Moment bevor ich richtig wach war, schoss mir die Frage durch den Kopf, ob ich mich wohl unbemerkt ins Labor schleichen konnte.

Und dann fiel es mir wieder ein: Wir waren nicht mehr auf der Farm. Es gab kein Labor mehr.

Um Sam zu sehen, musste ich mich nur zur Seite drehen.

Er lag auf dem Bauch, die Hände unter das Kopfkissen geschoben. In dem schummrigen Licht konnte ich gerade so die dunklen Linien der tätowierten Birken ausmachen, die sich über seinen gesamten Rücken erstreckten, die Äste schlangen sich um seine Arme.

Ich ließ den Blick über die sanften Täler streifen, die die Muskeln und Knochen auf seiner Schulter bildeten, und überlegte, welchen Stift ich wohl gerade wählen würde, um Sam zu zeichnen. Die Wochen, die seit Sams, Nicks, Cas’ und meiner Flucht aus dem Labor der Sektion vergangen waren, hatten mir nur zu deutlich vor Augen geführt, dass nichts Bestand hatte, nicht einmal meine Erinnerungen. Deshalb genoss ich nun jeden noch so kleinen Augenblick, für den Fall der Fälle.

Bloß nichts verschwenden war mein neues Mantra. Und daran wollte ich mich halten. Besonders, was die Jungs betraf. Sie waren meine Familie, nicht vorhandene Blutsverwandtschaft hin oder her. Cas war wie ein Bruder für mich. Und in manchen Punkten galt das sogar für Nick, selbst wenn man nicht gerade behaupten konnte, dass wir uns mochten.

Und Sam … Den liebte ich mehr als alles andere.

Ich streckte eine Hand aus, um ihn zu berühren, um zu prüfen, ob er wirklich da war, sich warm und echt anfühlte, aber dann hielt ich mich doch zurück. Wir waren alle total überreizt, und ich fürchtete, wenn ich Sam nun ungewollt aufschreckte, würde er blitzschnell nach der Pistole unter der Matratze greifen. Und sie auf mich richten.

So still und leise, wie ich konnte, rutschte ich aus dem Bett, verließ das Zimmer und schlich die Treppe des gemieteten Ferienhauses hinunter. Im Wohnzimmer fand ich Nick über den Couchtisch gebeugt, ein Feuer brannte im Kamin und tauchte ihn in orangerotes Licht. Vielleicht ein Dutzend gefaltete Kraniche lagen um ihn verstreut, einen hielt er noch in der Hand.

Vor etwas über einer Woche hatte er urplötzlich damit angefangen, ohne selbst eine plausible Begründung dafür zu haben. Die ganzen Kraniche, die er in der Zwischenzeit gefaltet hatte, befanden sich in einer Schachtel unter meinem Bett, weil ich es einfach nicht übers Herz brachte, sie wegzuwerfen.

»Hallo«, sagte ich und ließ mich auf einem der schäbigen Ledersessel ihm gegenüber nieder. »Warum bist du nicht im Bett?«

Er schaute nicht einmal zu mir auf, während er antwortete. »Wieso steht man wohl mitten in der Nacht auf? Weil man nicht schlafen kann.«

»Logisch.«

Seine Augen waren vor Erschöpfung geschwollen, dunkle Ringe hatten sich darunter gebildet. Seine schwarzen welligen Haare fielen in kleinen Löckchen um seine Ohren. Die Ärmel seines grünen Flanellhemds spannten sich über seine Oberarmmuskeln, da es nicht zugeknöpft war, gab es den Blick auf seinen durchtrainierten Bauch frei.

Genau wie die anderen beiden sah Nick selbst unter den widrigsten Bedingungen immer noch umwerfend aus. Das machte mich echt wahnsinnig. Zwar würde ich von mir nicht behaupten, unattraktiv zu sein, aber im direkten Vergleich mit ihnen wirkte ich einfach furchtbar durchschnittlich. Die Möglichkeit, dass ihre Frisur mal nicht saß, existierte schlichtweg nicht.

Ich schnappte mir den Origami-Kranich, der mir am nächsten lag. Er war penibel genau gefaltet. Der Schwanz war scharf wie ein Rasiermesser. Alles an diesem Vogel war perfekt. Nick, ganz wie Cas und Sam, missglückte selten etwas.

»Hast du mittlerweile eine Ahnung, wieso du die machst?«, setzte ich an.

Nick war gerade mit dem Kopf eines weiteren Kranichs beschäftigt. »Ich weiß es nicht. Ich …« Er verstummte, als wäre er kurz davor gewesen, mir mehr zu sagen, als ihm lieb war. »Warum legst du dich nicht einfach wieder zu deinem Freund ins Bett und lässt mich in Frieden?«

Ich runzelte die Stirn. Die frühere Anna hätte sich zu diesem Zeitpunkt möglichst schnell aus dem Staub gemacht. Aber Nicks und mein Verhältnis, wenn man es denn so nennen wollte, hatte sich in den letzten paar Wochen verändert. Ich kannte Nick etwas besser, kannte die Ursache, die hinter seiner manchmal so schroffen Art steckte. Sein Vater hatte ihn misshandelt. Doch das wusste Nick noch nicht, oder besser gesagt, noch nicht wieder. Die Sektion hatte ihm diese Erinnerung genommen.

Schon seit einer ganzen Weile wollte ich mit ihm darüber sprechen. Bisher hatten mir nur die richtigen Worte gefehlt.

»Sam ist nicht mein Freund«, sagte ich, weil mir nichts anderes einfiel. »Zumindest nicht offiziell.« Ich griff nach einem der schon zurechtgeschnittenen Blätter und fing nun selbst an zu falten. »Und davon mal ganz abgesehen, bin ich nicht müde.«

»Wie du meinst«, murmelte Nick.

Der Wind blies raschelnd durch die Bäume vor dem Haus und rüttelte an der Tür. Kurz nach dem Abendessen hatte es angefangen zu schneien, mittlerweile häufte sich der Schnee schon in den Ecken der Fensterbänke.

Nick war gerade mit einem weiteren Kranich fertig geworden und ließ ihn auf den Boden trudeln. Dann sah er mich an. Normalerweise waren seine Augen extrem blau, fast elektrisierend. Doch hier im Feuerschein wirkten sie bleigrau und unnahbar. »Was ist denn das für ein Gesichtsausdruck?«

»Was meinst du?«

»Du siehst aus, als wolltest du was sagen.«

Aus irgendeinem merkwürdigen Grund konnte Nick viel besser lesen, was in mir vorging, als jemand, zu dem ich ein wirklich vertrautes Verhältnis hatte. Sein Urteilsvermögen, sein Bauchgefühl war nicht getrübt von lästigen Empfindungen. Genau deshalb fiel es mir auch unglaublich schwer, etwas vor ihm zu verheimlichen.

Ich schluckte. »Ich weiß nicht, was du meinst.«

Er seufzte genervt. »Stell dich nicht dumm.«

Ich faltete schweigend weiter und dachte nach. Dann sagte ich: »Es gibt da ein paar Dinge über deine Vergangenheit, die ich dir vielleicht erzählen sollte.«

»Ach, und da kannst ausgerechnet du mir was erzählen?«

»Ja, aber nicht viel.«

»Aber ausreichend, meinst du?«

Ich ließ das Papier los. »Vielleicht verstehst du dann besser …«

»Ich verstehe genug.« Er ließ ein Fingergelenk knacken. Dann ein weiteres. Weil er dabei meinem Blick auswich, begriff ich allmählich …

»Du hast Flashbacks. Über deinen …« Sicherheitshalber unterbrach ich mich selbst. »Die Flashbacks sind weniger bruchstückhaft, nicht wahr? Detaillierter?«

Sam war der Erste von uns gewesen, der massiv von Erinnerungen geplagt worden war. Seit wir das Labor vor fast drei Monaten verlassen hatten, waren auch bei Cas und Nick vereinzelt Flashbacks aufgetaucht, ihre waren aber weniger intensiv und eher unbedeutend gewesen. Und ich, ja, ich hatte auch welche – meist handelten sie von meiner Schwester Dani.

Als ich mit den Jungs von der Farm geflohen war, hatte ich mich noch für ein normales Mädchen gehalten, das zufällig in das außergewöhnliche Leben irgendwelcher Supersoldaten verstrickt worden war. Doch es dauerte nicht lange, bis ich herausfand, dass auch ich genetisch manipuliert worden war, ganz wie sie. Außerdem hatte die Sektion mir alle wichtigen Erinnerungen an mein Leben genommen und so meine Schwester aus meinem Bewusstsein gelöscht.

Mittlerweile hatten wir herausgefunden, dass sie von der Sektion ermordet worden war. Seither versuchte ich mit aller Kraft, mich an sie zu erinnern. Sie erschien mir in kurzen Bildern und flüchtigen Gefühlsregungen, die ich danach auf Papier bringen und so Wirklichkeit werden lassen wollte. Noch war mir das allerdings nicht gelungen. Und in den letzten Wochen hatte ich von den Flashbacks die fürchterlichsten Kopfschmerzen bekommen. So fürchterlich, dass ich mich danach sofort hinlegen musste. Das hatte ich Sam gegenüber bisher noch nicht erwähnt. Ich wollte nicht, dass er sich Sorgen machte oder sich mir gegenüber anders verhielt.

»Und, worum drehen sie sich?«, fragte ich Nick. »Erzähl mal.«

Er ballte eine Hand zur Faust, die Knöchel traten hervor und wurden weiß. »Ich werde dir überhaupt nichts erzählen. Du brauchst also gar nicht erst zu fragen.« Er sagte das sehr sachlich, so als könnte keine Macht der Welt ihn dazu bewegen, diese Information preiszugeben. Auf Nick traf das wahrscheinlich sogar zu, er war weit sturer als Sam.

Schwungvoll stand er auf, zischte ohne ein weiteres Wort an mir vorbei und verschwand nach oben, wo sich kurz darauf seine Zimmertür schloss.

Das Feuer knackte im Kamin.

Ich schob meinen halbfertigen Kranich beiseite und nahm den letzten, den Nick gefaltet hatte, in beide Hände und hielt ihn zwischen den Fingern. So fand Sam mich kurze Zeit später vor, reglos, den bescheuerten Kranich anstarrend.

Er rieb sich mit der Hand über den Arm, als wollte er so die Kälte abwehren. »Was ist passiert?«, fragte er.

Ich ließ den Kranich auf den Tisch fallen. »Ich hab ihn wütend gemacht.«

Sam setzte sich seufzend hin. Er sah unglaublich müde aus, obwohl er in der letzten Zeit von uns allen am meisten geschlafen hatte. Was äußerst untypisch war für ihn. »Worum ging es diesmal?«

Ich hatte bisher niemandem verraten, was ich über Nicks Vergangenheit wusste. Er sollte selbst entscheiden, wen er einweihte. Deshalb zuckte ich mit den Schultern und sagte: »Wer weiß.« Ein Gähnen ließ mich kurz verstummen, dann fuhr ich fort: »Ich lege mich wieder hin.«

Sam nickte, woraus ich schloss, dass er mir nicht folgen würde.

»Weckst du mich, falls ich zum Sonnenaufgang noch nicht wach bin?«

»Sicher.«

Ich stand auf und steuerte die Treppe an, doch als ich auf seiner Höhe war, streckte er den Arm aus und umfasste mein Handgelenk. Er zog mich auf seinen Schoß, legte mir eine Hand in den Nacken und führte seine Lippen an meine Stirn. Ich schloss die Augen und atmete tief ein. Er roch nach Seife und frischer, reiner Luft. Er roch nach Zuhause.

Ich liebe dich, Anna. Er musste es nicht mal laut aussprechen, damit ich wusste, dass er es meinte.

Ich erwiderte seinen Blick. Ich liebe dich auch, dachte ich, bevor ich mich von ihm löste und mich auf den Weg nach oben machte.

2

Als ich ein paar Stunden später wieder aufwachte, hörte ich, wie Cas in der Dusche am Ende des Flurs ein Lied von Celine Dion sang. Es klang nach »My heart will go on«.

Ich zog einen weiten Pulli über Trägerhemd und Leggings und machte mich auf den Weg nach unten. Sam saß an dem kleinen Tisch, der sich in der hinteren Küchenecke befand, während Nick am Herd stand und Rührei machte.

»Reicht das auch für mich?«, fragte ich.

»Ja«, antwortete Sam, bevor Nick etwas anderes sagen konnte.

Ich holte mir eine Tasse Kaffee und setzte mich zu Sam. Der Laptop stand aufgeklappt vor ihm, wahrscheinlich las er in den Akten, an die wir über Trev gekommen waren. Sie umfassten fast unseren vollständigen Werdegang bei der Sektion, dokumentierten unsere Anfänge und endeten, kurz bevor wir aus dem Labor geflohen waren. Es würde noch weitere Monate dauern, bis wir wirklich jede vorhandene Datei gelesen hatten, obwohl wir ziemlich gut vorankamen. Bislang hatten wir jedoch noch nichts wirklich Bedeutendes entdeckt. Sams Ordner war der umfangreichste von allen. Aber Sam war ja auch am längsten dabei, einst von seiner Mutter an die Sektion verkauft worden. An ihm hatten sie zum ersten Mal genetische Modifikationen vorgenommen und das Verfahren dann weiterentwickelt.

»Irgendwas Neues?«, fragte ich und unterdrückte den Impuls, über seine Schulter mitzulesen.

»Eher nicht.«

Nick ließ sich einen Augenblick später mir gegenüber nieder, vor sich einen Teller, der vor Rührei nur so überquoll. Zwei Scheiben getoastetes Brot lehnten obendrein an dem Berg. Nick fing wortlos an zu essen.

»Dann werde ich mal das Frühstück holen«, sagte ich an Sam gerichtet und warf Nick einen finsteren Blick zu. Beim Herd angelangt, fand ich die Pfanne fast leer vor. Ich verteilte das restliche Rührei zu gleichen Teilen auf drei Teller, damit auch Cas etwas zu essen haben würde, wenn er herunterkam.

»Wir haben keine Eier mehr«, sagte Nick. »Wer ist diese Woche fürs Einkaufen zuständig?«

»Ich«, antwortete ich, während ich mit den Tellern zum Tisch zurückkehrte. »Und du.«

»Super.«

Wenn Sam es erlauben würde, wäre ich auch allein losgezogen, aber wir hatten uns schon vor einer Weile zwangsläufig darauf geeinigt, dass es besser war, immer mindestens zu zweit unterwegs zu sein. Auch Einkaufen war eine Aufgabe für zwei und wir wechselten uns dabei grundsätzlich ab.

Sam leerte seine Kaffeetasse. »Dann übernehme ich das.«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Ich bin dran. Letzte Woche warst du schließlich mit Cas einkaufen.« Ich schob mir eine Gabel voll Ei in den Mund und hoffte insgeheim, dass er darauf bestehen würde, an meiner Stelle zu fahren.

Doch das tat er nicht. Ich hatte ihn explizit darum gebeten, keine Sonderbehandlung zu bekommen. Und ganz offensichtlich entsprach er diesem Wunsch.

»Wir fahren heute Nachmittag zum Supermarkt«, sagte ich zu Nick. »Wehe, du tauchst unter.«

Er sprang auf, knallte den leeren Teller in die Spüle und verschwand.

Und schon wurde mein Tag deutlich besser.

* * *

Mittlerweile war es über zwei Monate her, seit wir der Sektion entkommen und das letzte Mal einem ihrer Agenten begegnet waren, was aber noch lange nicht hieß, dass wir dadurch weniger vorsichtig sein durften. Nichts, was wir unternahmen, geschah spontan, alles wurde gründlich durchgeplant. Wie zum Beispiel wer einkaufen fuhr und wann. Wer den Kontrollgang durch die Umgebung übernahm und wann.

Gleichzeitig durften wir auch nicht zu sehr vorausplanen, sonst bestand die Gefahr, dass die Sektion unsere nächsten Schritte vorhersah.

Manchmal überforderte es mich vor lauter Präventionen schon, duschen zu gehen. Sam bestand darauf, dass ich die Badezimmertür abschloss und prüfte, ob das Fenster entriegelt war, damit ich im Notfall einen direkt zugänglichen, alternativen Fluchtweg hatte. Meine Pistole lag durchgeladen auf dem Waschbeckenrand.

Ein normales Leben zu führen, schien unmöglich, zumindest solange da draußen noch überall die Agenten der Sektion lauern konnten. Und genau aus diesem Grund waren wir auch alle so überreizt und immer auf der Hut. Wir konnten uns nicht zurücklehnen. Keine Sekunde. Und je länger unsere letzte Begegnung mit einem Agenten her war, desto stärker wurde das Gefühl, dass unsere Zeit ablief.

Nach dem Frühstück legten Sam und ich die mittlerweile nötig gewordenen Extrakleidungsschichten an, um uns auf den Kontrollgang zu begeben. Er trug einen dicken schwarzen Mantel, darunter ein Flanellhemd, Jeans und schwarze Lederstiefel. Vor ein paar Wochen, als der Winter wirklich endgültig hereingebrochen war, hatte ich mir einen gut gefütterten Mantel gekauft. Er war für Temperaturen unter null ausgezeichnet gewesen. Außerdem hatte ich eine Winterleggings an, tief in die Stiefel gesteckt.

Im Wald gingen wir von Kontrollpunkt zu Kontrollpunkt. Ich duckte mich unter einem Kiefernzweig hindurch und trat aus dem Schatten. Die gleißenden Sonnenstrahlen wurden vom Schnee reflektiert und zwangen mich, die Augen zusammenzukneifen. Ich trug zwar eine Sonnenbrille, aber die half nicht viel.

Würde mich jetzt, in diesem Moment, ein Agent angreifen, wäre ich völlig wehrlos, weil ich nichts sehen konnte. Mittlerweile ertappte ich mich immer häufiger bei solchen Gedanken. Genauso fragte ich mich oft, wie viele Waffen ich dabeihatte. Ob sie geladen oder leicht zu erreichen waren. Gerade befanden sich eine Pistole im Holster hinter meinem Rücken und ein Messer in einem meiner Stiefel. Ich erinnerte mich noch sehr gut an die Zeit, in der mich schon eine Waffe restlos überfordert hatte. Jetzt wünschte ich eher, ich hätte mehr.

Sam folgte mir mit vielleicht einem halben Meter Abstand, völlig lautlos, obwohl sich über Nacht auf dem Schnee eine Eiskruste gebildet hatte. Jeder meiner Schritte verursachte ein lautes, lästiges Knirschen.

»Ich muss mit dir reden«, sagte Sam, während wir eine riesige Eiche umrundeten. »Es wird Zeit, dass wir weiterziehen.«

Ich beobachtete ihn über die Schulter und wartete, bis er neben mir stand. »Schon?«

»Wir sind seit vier Wochen hier.«

Wir waren bereits zweimal umgezogen, seit wir der Sektion entkommen waren. Ich verstand, warum das nötig war, trotzdem hatte ich allmählich genug davon, mich immer wieder neu einzuleben.

Ich wollte doch nichts weiter, als mir das Leben zurückerobern, das mir genommen worden war. Ich wusste, dass ich dazu zuerst die vielen Puzzleteile meiner Vergangenheit wieder zu einem Ganzen zusammenfügen und mehr über meine Familie herausfinden musste. Und das ging nicht, wenn wir permanent weiterzogen. Ganz besonders nicht, weil wir uns mit jedem Umzug noch weiter von Port Cadia zu entfernen schienen, der Stadt, in der ich aufgewachsen war. Dort hatten sich außerdem Sams und mein Leben komplett verändert, nachdem wir meine Schwester verloren hatten.

Ich wollte wissen, was Dani zugestoßen und was mit ihrer Leiche passiert war. Ich wollte wissen, warum die Sektion meine Eltern getötet hatte. Ich wusste bereits, dass ich von der Sektion in das Farmhaus gesteckt und Teil des Altered-Programms geworden war, weil es zwischen den Jungs und mir schon eine Verbindung gegeben hatte. Besonders zwischen Sam und mir. Der Sektion war es gelungen, diese Verbindung irgendwie wissenschaftlich nutzbar zu machen, sodass sie das Prinzip nicht nur künstlich wiederholen, sondern die entwickelte Technologie sogar verkaufen konnte.

Trotz allem war mir schleierhaft, ob sie meine Eltern umgebracht hatten, damit niemand mehr nach mir suchte, oder ob der Grund ein anderer gewesen war. Wir wussten ja aus eigener Erfahrung, dass die Sektion die Erinnerungen von Menschen nicht nur auslöschen, sondern sogar durch neue, falsche ersetzen konnte. Wieso hatten sie meine Eltern dann nicht verschont und ihnen einfach andere Erinnerungen eingepflanzt?

Auf keine dieser wichtigen, mysteriösen Fragen kannten wir auch nur eine plausible Antwort, dabei wünschte ich mir nichts sehnlicher.

Dabei brauchte ich nichts dringender.

»Anna?«, rief Sam.

Ich blieb stehen. Mir war nicht mal bewusst gewesen, dass ich mich bewegt hatte. »Ja?«

»Noch zwei Schritte und du stehst in der Bärenfalle.« Er zeigte auf einen kleinen Buckel im Schnee.

»Oh. Danke.«

»Alles in Ordnung?«, fragte er.

»Ja, alles super.« Ich beugte mich zu der Falle hinunter, um zu überprüfen, ob sie irgendwie manipuliert worden war oder sogar zugeschnappt hatte. Die Kälte drang selbst durch die Lederhandschuhe und biss mir in die Finger, die schon ganz taub waren. »Wohin verschlägt es uns denn diesmal?«, fragte ich.

»Ich hatte an Indiana gedacht.«

»Vielleicht sollten wir zur Abwechslung mal in den Norden fahren.«

Obwohl ich Sam nicht ansah, spürte ich seinen Blick auf mir lasten. Das stellte mir die Nackenhaare auf.

»Nein«, war seine schlichte Antwort.

Ich seufzte und setzte mich wieder in Bewegung. Ich wusste nicht, wie ich ihn davon überzeugen sollte, dass es eine gute Idee war, mehr über unsere Vergangenheit in Erfahrung zu bringen. Denn wenn Sam einmal eine Entscheidung gefällt hatte, ließ er sich für gewöhnlich durch nichts umstimmen. Seine oberste Priorität war, uns die Sektion vom Leib zu halten und ganz allgemein für unsere Sicherheit zu sorgen. Natürlich lag mir etwas an meinem Leben, doch es fühlte sich bisher nicht wirklich vollwertig an, wo noch so viele Puzzleteilchen fehlten.

Außerdem war es doch Sam selbst gewesen, der aktiv für seine Flucht aus dem Labor gesorgt, also bewusst seine Sicherheit und Freiheit aufs Spiel gesetzt hatte, um seiner Vergangenheit auf die Schliche zu kommen.

Natürlich gab es einen gemeinsamen Nenner. Den Grund, weshalb Sam sich vor seinem Aufenthalt im Farmhaus die ganze Mühe gemacht hatte. Der Grund, weshalb er überhaupt die ganzen Hinweise als Spur ausgelegt hatte.

Dani.

Die Schwester, die mir genommen worden war.

Sams frühere Freundin.

Dani hatte eine große Rolle in Sams Leben gespielt. Ich wusste, dass er darauf brannte, die vielen Fragen um ihren Tod zu klären, selbst wenn er das nie in aller Deutlichkeit zugeben würde. Dabei war jede noch so kleine Information über Dani gleichzeitig eine weitere kleine Information über meine Familie, über mein Leben.

Dass ich ungünstigerweise in den ehemaligen Freund meiner Schwester verliebt war, entging mir natürlich nicht. Und dass, wenn sie noch leben würde, Sam und ich vermutlich nicht zusammen wären, war mir auch klar.

Und wenn Sam das ganze Graben in der Vergangenheit zu sehr an das erinnerte, was er mit Dani verloren hatte? Wenn es die Schuldgefühle heraufbeschwor, die sich schon in meine Gedanken geschlichen hatten?

Was würde dann aus uns werden?

Ich war mir doch nicht ganz sicher, ob ich wirklich bereit war, dieses Risiko einzugehen.

3

Nick setzte den SUV rückwärts in eine der Parklücken auf dem Parkplatz des Supermarkts, sodass der Wagen direkt auf die Ausfahrt gerichtet stand und wir sofort und ungehindert fliehen konnten, falls das nötig werden sollte. Reflexartig suchte ich den Parkplatz und die gegenüberliegende Straßenseite nach Passanten ab, betrachtete jede auffällige Person genauer.

Eine Frau hetzte mit einem Kind über den Bürgersteig, beide liefen leicht gebeugt, kämpften gegen den beißenden Wind.

Ein grauhaariger Mann stieg vor dem Schreibwarenladen aus seinem Wagen und eilte hinein. Ein kleiner schwarzer Lieferwagen mit getönten Scheiben kroch auf der Straße am Supermarkt vorbei. Unter normalen Umständen hätte ich das verdächtig gefunden, doch gerade herrschten besondere Witterungsverhältnisse und aufgrund von Schneematsch und Streusalz konnte man unmöglich schneller als dreißig fahren. Trotzdem warteten Nick und ich ab, bis der Wagen um die nächste Ecke verschwunden war.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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