High Heels und Hundekuchen - Carin Müller - E-Book

High Heels und Hundekuchen E-Book

Carin Müller

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Beschreibung

Zwei Freundinnen, zwei Hunde und eine bezaubernde romantische Komödie

Eigentlich hat Antonella alles, was sie zum Glücklichsein braucht: einen liebenden Mann, ein süße kleine Tochter und einen Mops namens Hugo. Doch dann bricht das Chaos aus: In ihrer Firma Hugo’s Affairs – spezialisiert auf edle Inneneinrichtungen – geht es drunter und drüber, die Ex-Frau ihres Mannes reitet wilde Attacken gegen ihr Liebesglück – und dann steht eines Abends auch noch die ehemals beste Freundin, jetzt offiziell schlimmste Feindin, Katia mit ihrer Hündin Olga hilfesuchend vor der Tür. Und das ist der Beginn einer turbulenten Zeit voller Revierkämpfe, Fettnäpfchen und Liebeswirren ...

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Seitenzahl: 405

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Buch

Eigentlich lief alles gerade so richtig gut für Antonella: frisch verheiratet mit ihrer großen Liebe Adrian, stolze Mutter einer kleinen, äußerst süßen Tochter. Selbst Mops Hugo  – anfangs eher widerwillig akzeptiertes Erbe einer reichen Tante  – war ihr ans Herz gewachsen. Doch dann geht ihre Freundin Georgia, Mitinhaberin von Antonellas florierender Inneneinrichtungsfirma »Hugo’s Affairs«, ausgerechnet nach New York. Und in Frankfurt bricht das Chaos aus.

Derweil erlebt Katia  – zu Schulzeiten Antonellas beste Freundin, dann wegen eines Mannes schlimmste Feindin  – eine ihrer dunkelsten Stunden. Nachdem sie direkt nach dem Abitur als Au-pair nach London geflohen war und sich dort einen schon recht betagten, aber unermesslich reichen Ehemann geangelt hatte, steht sie jetzt vor einem Scherbenhaufen. Denn auf einer Geschäftsreise nach Frankfurt betrügt sie ihr griechischer Gatte Aris nicht nur mit einer noch Jüngeren, er besitzt auch noch die Unverschämtheit, in deren Armen zu sterben  – und Katia ohne einen Cent sitzen zu lassen. Geblieben ist ihr nur ihre zweijährige Hündin Olga, ein liebenswerter Airedale-Terrier mit viel Temperament. Aus ihrem Luxushotel herausgeworfen, landen die beiden schließlich ausgerechnet vor Antonellas Tür.

Die erbarmt sich der ehemaligen Freundin und lässt sie vorübergehend bei sich wohnen. Der Beginn einer äußerst turbulenten Zeit. Bald läuft nichts mehr, wie es soll  – nicht nur in Liebesdingen …

Autorin

Die 1971 geborene Münchnerin Carin Müller wünscht sich häufig, dass sie etwas Anständiges gelernt hätte. Floristin zum Beispiel oder Anwältin. Doch ziemlich schnell war klar, dass sie deutlich besser schreiben kann als Sträuße binden, und Gesetzestexte waren auch nicht so ihr Ding. Daher fügte sie sich ihrem Schicksal und arbeitet seit ihrem Germanistik-Studium und einigen Jahren in PR-Agenturen als freie Journalistin und Autorin. Carin Müller lebt mit Mann und Hund in Frankfurt und schreibt täglich in ihrem Blog www.11spielerfrauen.de über Fußball, Promis, Männer, Frauen und Hunde.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinWidmungPrologKAPITEL 1 - KlassentreffenKAPITEL 2 - Gutes neues JahrKAPITEL 3 - Überschlag ins GrabKAPITEL 4 - WiedervereinigungKAPITEL 5 - Chaos-QueensKAPITEL 6 - Dolce VitaKAPITEL 7 - EierdiebeKAPITEL 8 - StimmungsschwankungenKAPITEL 9 - Wo gehobelt wird …KAPITEL 10 - AchterbahnfahrtKAPITEL 11 - Ruhe vor dem SturmKAPITEL 12 - R. I. P.KAPITEL 13 - NovemberbluesKAPITEL 14 - LiebesreigenKAPITEL 15 - Leise kriselt …KAPITEL 16 - Schrille NachtKAPITEL 17 - WeihnachtswunderKAPITEL 18 - HöhenflügeKAPITEL 19 - EiszeitKAPITEL 20 - HürdenlaufKAPITEL 21 - EndspurtKAPITEL 22 - Wenn sie nicht …EpilogDanke!Copyright

Für meinen Vater –weil er damit bestimmt nicht rechnet!

Prolog

»Bleibe lustig, bleibe froh wie der Mops im Haferstroh. Unsere Freundschaft endet nicht, eh der Mops französisch spricht! Alles Liebe von Deiner besten Freundin Antonella«

»Du falsche Hexe! «, schluchzte Katharina auf, als sie in ihrem alten Poesiealbum blätterte und den albernen Eintrag ihrer  – ehemals!  – allerbesten Freundin las. Anschließend feuerte sie das zerfledderte Büchlein in eine Pappkiste, in der schon stapelweise Fotos, Postkarten, einige liebevoll verzierte Musikkassetten und ein paar Souvenirs vom Gardasee lagen. Alles, was sie an Antonella erinnerte, musste weg. Und zwar schnell! Sie rappelte sich von ihrem Bett hoch, auf das sie sich vorhin geworfen hatte, kramte in ihrem Schreibtisch nach Streichhölzern und schnappte sich den Karton. Im Hinterhof ihres Elternhauses stand ein alter Metallbottich. Sie legte die Schachtel hinein und stopfte noch ein paar zerknüllte Zeitungsseiten dazu. Es sollte schließlich ein schönes, großes Feuer geben. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht, als sie ein brennendes Streichholz hinterherwarf. Doch statt der erwarteten auflodernden Flammen kokelte zunächst lediglich das Zeitungspapier und qualmte fürchterlich. Katharina heulte immer hysterischer. Das Zeug musste weg! Fahrig entzündete sie ein weiteres Streichholz und dann noch eines und noch eines. Endlich brannte es richtig. Weinend sah sie zu, wie die Flammen an der Schachtel züngelten. Sie hatte das Gefühl, gerade ihr ganzes bisheriges Leben in Flammen aufgehen zu sehen. Und irgendwie war es ja auch so. Sie und Antonella kannten sich seit dem Kindergarten und hatten bisher alles gemeinsam erlebt: den ersten Schultag, die ersten ausgefallenen Zähne, das erste Popkonzert, wilde Haarfärbe-Experimente, Mathe-Agonien, Triumphe in der Theatergruppe und gerade in den Pfingstferien den ersten Urlaub ohne Eltern  – sie hatten mit Antonellas großen Brüdern zum Campen an den Gardasee fahren dürfen. Doch an dem nächsten Schritt, der ersten großen Liebe, war die Freundschaft gescheitert! Katharina hatte seit ein paar Wochen ein Auge auf Stefan aus der Parallelklasse geworfen. Er war Bassist in der Schulband und einfach total cool. Allerdings hatte sie ihre Schwärmerei gegenüber Antonella vehement abgestritten, als die neugierig nachbohrte. Ihre Freundin flirtete nämlich ständig mit irgendwelchen älteren Jungs, Kumpels von ihren Brüdern, und hätte entweder dumme Witze über »den blutjungen Schluffi« gerissen. Oder  – noch schlimmer!  – sie wäre schnurstracks zu Stefan marschiert und hätte ihm brühwarm erzählt, dass Kathi auf ihn stand. Das alles hatte sie sich in den schillerndsten Farben ausgemalt, aber nicht, was wirklich passiert war: Vorhin hatte sie Antonella und Stefan knutschend in der Eisdiele gesehen! Und als wäre das nicht schon schrecklich genug, hatte Antonella ihr dann auch noch freudestrahlend mitgeteilt, dass sie und Stefan jetzt zusammen seien. Von wegen blutjunger Schluffi  – die miese Schlange!

»Kathi, bist du wahnsinnig?!?«, riss eine energische Stimme sie aus ihren melodramatischen Gedanken. Es folgte ein lautes Platschen, als sich ein Eimer Wasser über das Feuer ergoss. »Willst du hier alles abfackeln?« Ihre Großmutter hatte sich vor ihr aufgebaut und sah sie mit ihren hellblauen Augen aufmerksam an. Dann strich sie ihrer Enkelin eine rote Locke von der nassgeweinten Wange und nahm sie in die Arme. »Was ist los, mein Schatz?«

»Lass mich in Ruhe!« Katharina machte einen halbherzigen Versuch, sich aus der Umarmung zu befreien, ließ ihre geliebte Großmutter dann aber doch gewähren und ihren Tränen freien Lauf in Omas Kittelschürze. »Es ist so unfair!«, jammerte sie schließlich und erzählte mit stockender Stimme die wichtigsten Eckdaten ihrer verzweifelten Lage.

Währenddessen hatte die alte Frau angefangen, die erst angebrannten und jetzt durchnässten Sachen aus der Kiste zu bergen.

»Ich will das Zeug nie wiedersehen! Und ich will Antonella nie wiedersehen!«, schrie Kathi auf und wollte ihrer Großmutter alles wieder aus der Hand reißen.

»Dass du Antonella wiedersehen wirst, wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Rede noch mal mit ihr, ihr wart doch immer die besten Freundinnen. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass sie dir absichtlich den Freund gestohlen hat.«

»Doch, das hat sie wohl! Diese intrigante Kuh …«

»Ach Kathi«, seufzte die Großmutter, »ich weiß, der erste Liebeskummer ist eine Katastrophe, aber ich kann dir versichern, es werden noch schlimmere kommen. Irgendwann wirst du merken, dass die Welt nicht so ist, wie man es sich mit sechzehn vorgestellt hat. Und dann wirst du dich freuen, wenn du noch ein Andenken an deine Jugend hast!« Mit diesen Worten nahm sie die Sachen und ging damit ins Haus zurück.

KAPITEL 1

Klassentreffen

Neunzehn Jahre später

Du liebe Güte, was mache ich da bloß? Katia Kolidis fuhr sich nervös durch die lange kastanienrote Mähne, als ihr Taxi vor dem Wirtshaus in der Au hielt. »Klassentreffen im Valentins-Saal« stand auf dem großen Schild über dem Eingang. Sie zahlte, stieg aus dem Wagen und kuschelte sich tief in ihren langen Zobelmantel. Sollte sie wirklich?

Vor fünfzehn Jahren hatte sie am Münchner Asam-Gymnasium ihr Abitur gemacht und kurze Zeit später die Stadt verlassen. Bis heute war sie nicht mehr zurückgekommen. Sie hatte auch überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihren ehemaligen Mitschülern, und dass sie von dem Termin erfahren hatte, war nichts als blanker Zufall. Auf Facebook war sie über die Gruppe »Asam-Abi-94« gestolpert und hatte dort die Ankündigung gelesen. Gut, ganz zufällig war es nicht gewesen, seit einiger Zeit schon googelte sie immer mal wieder nach alten Bekannten. Menschen, die sie seit der Schulzeit nicht mehr gesehen hatte und eigentlich auch nicht vermisste, oder? Schon seltsam, welche Finten sich das Leben so ausdachte, dass sie ausgerechnet jetzt wieder ihre Vergangenheit entdeckte. Katia seufzte. Wenn sie ehrlich war, kannte sie den Grund für ihre nostalgischen Anwandlungen sehr wohl. Sie war mit ihrem Leben momentan schlicht und ergreifend ziemlich unglücklich.

Unmittelbar nach dem Abitur hatte sie ihre Sachen gepackt, um als Au-pair nach London zu gehen. Sie wollte versuchen, einen der heiß begehrten Studienplätze an der Mode-Akademie der britischen Metropole zu bekommen. Das war die Idee gewesen. Und zunächst war auch alles planmäßig verlaufen. Sie war bei der reichen griechischen Familie Kolidis untergekommen, und da die beiden Kinder Athina und Leandros fast den ganzen Tag in der Schule waren, hatte sie unter der Woche nicht viel zu tun gehabt. Bis zu dem Tag jedenfalls, an dem Papa Aristidis ein Auge auf sie geworfen hatte und ihr Aufgabengebiet signifikant erweiterte. Am Anfang ging das Versteckspiel noch gut. Mutter Xenia war mit ihrem Beauty-, Shopping- und Society-Programm derart ausgelastet, dass ihr die außerplanmäßigen Aktivitäten von Gatte und Au-pair-Mädchen ein ganzes Weilchen gar nicht auffielen. Doch dann wurde es scheußlich. Nach einer formidablen Schlammschlacht saß Xenia gut versorgt mit ihren Kindern in einer schicken Villa in Kensington  – und aus der kleinen Kathi Fuchs aus Untergiesing war Katia Kolidis, dritte Ehefrau des fünfunddreißig Jahre älteren Aristidis, geworden.

»Kathi, bist du das?«

Ein schlanker Mann mit Stirnglatze und ungläubigem Gesichtsausdruck war gerade aus dem Restaurant herausgekommen. Er zündete sich eine Zigarette an und sah sie erwartungsvoll an. Katia kannte ihn nicht.

»Du bist Katharina Fuchs!«, stellte er jetzt schon entschlossener fest. »Unglaublich, dass du zum Abi-Treffen kommst. Zu wem hast du denn noch Kontakt? Angemeldet hast du dich jedenfalls nicht, zumindest stehst du nicht auf der Teilnehmerliste.«

»Zu niemandem. Es war reiner Zufall«, murmelte sie. »Habe im Internet eine Ankündigung entdeckt.«

»Echt? Auf Facebook? Aber warum hast du dich denn bei niemandem gemeldet?«

»Tja …« Gute Frage, doch Katia musste ihm und sich selbst eine schlüssige Antwort schuldig bleiben. Wer war dieser Typ bloß?

»Jedenfalls bist du jetzt da, und das ist doch das Wichtigste.« Der Mann saugte einige gierige Züge an seiner Zigarette und trat sie dann aus. »Komm mit rein. Ich will alles von dir wissen! Wie geht’s dir? Was ist aus dir geworden? Du bist doch damals mit diesem griechischen Großreeder nach Paris durchgebrannt? So war’s doch, oder? Ich erinnere mich, dass das ein Riesenskandal war. Stand sogar in der Zeitung.«

Nach so langer Zeit war die Gerüchteküche also immer noch am Brodeln, unfassbar. »Aris ist in der Energiebranche tätig«, erwiderte sie kühl, »wir sind seit vierzehn Jahren verheiratet und leben die meiste Zeit in London. Und mit wem habe ich das Vergnügen?«

»Ich bin’s doch, der Stefan! Stefan Schreiber. Erinnerst du dich nicht mehr?« Er klang eine Spur gekränkt. Doch ehe sie darauf reagieren konnte, öffnete er die Tür zum Valentins-Saal und rief in die Runde: »Schaut mal, wen ich draußen gefunden habe!«

Stefan Schreiber?? Das konnte doch wohl nicht wahr sein. Katia nahm zunächst kaum wahr, für welche Reaktionen sie im Raum sorgte. Stefan Schreiber, das war exakt die vorletzte Person, auf die sie an diesem Abend Wert legte. Sie war sechzehn gewesen und er ihre erste große Liebe. Genauer gesagt hätte er es werden sollen, wenn nicht … Doch daran wollte sie im Augenblick gar nicht denken. Sie schlüpfte aus ihrem Mantel und warf das edle Stück nachlässig über eine Stuhllehne. Jetzt, wo sie schon mal da war, konnte sie genauso gut auch Spaß haben. Ihre Nervosität war verflogen, denn auf Gesellschaften aller Art fühlte sie sich wie zuhause. Und schlimmer als der jährliche Diplomatenball der griechischen Botschaft konnte das Klassentreffen ja wohl kaum werden. Sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf und sah sich um. Von den gut hundertzwanzig Abiturienten waren an die achtzig zum fünfzehnjährigen Jubiläum erschienen. Und die standen oder saßen nun in Grüppchen herum und schwelgten in alten Zeiten. Einige starrten sie neugierig an. Zu Recht, dachte Katia zufrieden. Sie trug ein dunkelgrün gemustertes, knielanges Seidenjerseykleid, das ihre langen roten Haare leuchten ließ und ihre Kurven perfekt in Szene setzte. Ein auffälliges Smaragd-Collier auf dem makellos milchweißen Dekolleté sorgte für den nötigen Glamour. Sind die alle alt geworden, befand sie eine Spur boshaft, als sie etliche graue Schläfen und Krähenfüße entdeckte. Dankbar dachte sie an Federico und Dr. Gilbert, die bei ihr selbst für ein konstantes tizianrotes Leuchten auf dem Kopf und einen botoxglatten Porzellan-Teint sorgten.

»Du siehst wirklich toll aus!« Stefan war gerade mit einem Glas Prosecco  – für Champagner reichte es wohl immer noch nicht  – zurückgekehrt und bestätigte ihr bewundernd die unbescheidene Selbsteinschätzung.

»Danke«, sie lächelte ihn freundlich an, »und jetzt erzähl du mal. Was hast du die letzten fünfzehn Jahre so getrieben?«

»Nach dem Abi und der Bundeswehr habe ich eine Lehre zum Versicherungskaufmann gemacht. Seit drei Jahren habe ich meine eigene Allianz-Agentur in Fürstenried, und letztes Jahr sind wir in unser Reihenhäuschen gezogen. Ich bin verheiratet, und Sabine und ich haben zwei Jungs«, fügte er stolz hinzu.

»Ach …« Sie konnte es kaum glauben. Die coolste Sau im ganzen Jahrgang entpuppte sich als Versicherungsmakler mit piefigem Reihenhaus. »Und was ist aus deiner Musiker-Laufbahn geworden? Du warst doch Bassist in dieser Indie-Rock-Band. Und wolltest du nicht auch Musik studieren oder alternativ wenigstens die Welt retten?« Katia sah Stefan mit einem ironischen Lächeln an.

»Tja, so ist das halt mit Jugendträumen. Wer kann die schon verwirklichen?«, sinnierte er weise.

Auch wieder wahr, dachte sie. Trophy-Wife hatte ursprünglich jedenfalls nicht ganz oben auf ihrer Lebenswunschliste gestanden. »Und zu wem hast du noch Kontakt?«, wechselte sie das Thema.

»Zu etlichen. Viele sind ja in München geblieben, und da haben wir uns gar nicht so sehr aus den Augen verloren. Außerdem ist das hier ja jetzt schon unser drittes Klassentreffen  – fünf und zehn Jahre haben wir auch gefeiert. Komm mit«, er nahm sie am Arm, »lass uns die Runde machen. Da gibt es bestimmt einige, die unbedingt hören wollen, was du so treibst.«

Gut zwei Stunden später hatte sie mit fast allen aus ihrer früheren Clique nett geplaudert und Geschichten ausgetauscht. Unglaublich, was aus allen geworden war: Britta, die immer eher ein schüchternes und stilles Mauerblümchen gewesen war, lebte heute in Australien, hatte am Institut für Meeresbiologie in Sydney einen Lehrauftrag und verbrachte offenbar ihre gesamte freie Zeit auf und unterm Wasser. Sie sah toll aus, wirkte durch und durch glücklich und buchstäblich in ihrem Element. Der einst so anarchische Klaus war doch tatsächlich Lehrer geworden und unterrichtete jetzt an seiner alten Schule, wohl um die verbliebenen eigenen Pädagogen zu ärgern und eine neue Generation von Schülern mit seinen subversiven Theorien in Mathematik und Physik in den Wahnsinn zu treiben?! Nur Max hatte seinen Jugendtraum verwirklichen können  – zumindest für eine gewisse Zeit. Er war bis vor fünf Jahren Profifußballer beim TSV 1860 gewesen, bis ihn hartnäckiges Verletzungspech in die Marketingabteilung eines Sportartikelherstellers verfrachtet hatte. Sarah betrieb einen angeblich unglaublich hippen Coffee-Shop in Schwabing und zog ihre von drei verschiedenen Männern stammenden Kinder alleine groß. Eine Tatsache, die bei ihrer früheren Busenfreundin Anna für heftiges Naserümpfen sorgte. Die schöngeistige Buchhändlerin war für ihre zweijährigen In-vitro-Zwillinge Baldur und Björna und ihren Mann »aus Leidenschaft und Überzeugung Hausfrau und Mutter«. Und genauso siehst du auch aus, dachte Katia für sich. Fehlte eigentlich nur noch die Person, die vom Kindergarten bis zur zehnten Klasse ihre beste Freundin gewesen war und sich dann ihre ewige Feindschaft gesichert hatte.

Katia hatte Antonella De Anna bereits beim Ankommen erspäht, was kein Wunder war, denn die große Halbitalienerin mit dem farbenfrohen Outfit war weder zu übersehen noch zu überhören. Noch vor wenigen Stunden war sich Katia sicher gewesen, dass Antonella definitiv die allerletzte Person aus der Runde ihrer Mitschüler war, die sie treffen wollte. Wobei es wahrscheinlich im Nachhinein ein Glück gewesen war, dass die ihr einst den großartigen Stefan ausgespannt hatte  – wäre sie sonst heute Versicherungsmaklersgattin? Natürlich hatte sich Katia damals für diesen Vertrauensmissbrauch adäquat gerächt, und die beiden Mädels hatten die Fehdehandschuhe bis zum Abitur nicht mehr ausgezogen. Katia hätte geschworen, dass neben ihren kleinbürgerlichen und vor allem kleingeistigen Eltern auch Antonella zu den Menschen gehörte, die sie am allerwenigsten vermisste. Doch nachdem sie nun die Lebensgeschichten all ihrer früheren Freunde gehört hatte, war sie auch neugierig, was aus ihrer Erzfeindin geworden war. Sie goss sich ein weiteres Glas Prosecco ein, entschuldigte sich bei Anna und Sarah und ging zum Buffet, wo sich Antonella gerade einen großen Teller mit Desserts und Kuchen zusammenstellte und gleichzeitig Anweisungen in ihr zwischen Kinn und Schulter eingeklemmtes Handy plapperte: »Hase, ich kann dir auf die Entfernung auch nicht sagen, was sie hat. Entweder kommen wieder Zähne, oder sie hat Bauchweh. Geh zu meiner Mutter, die hat bestimmt ein Hausmittelchen parat. Was ist das überhaupt für ein Gejammer, das ist doch nicht Sternchen?  – Ach so, der Hund schon wieder. Also da bin ich völlig überfragt, und da wird dir auch Mama nicht helfen können.  – Lass dir was einfallen, ist schließlich deine Schuld, dass der Köter jetzt bei uns ist. Schätzchen, ich muss jetzt aufhören.  – Ja, es ist sehr nett.  – Ich hab dich auch lieb. Ciao, ciao, bis später! Bussi!« Dann drehte sich Antonella, das Telefon in der einen Hand, den Teller in der anderen, schwungvoll um und grinste Katia aufreizend ins Gesicht. »Na, Katinka, wieder im Reich der Sterblichen?«

»Wenn du es so formulieren möchtest«, antwortete Katia unbestimmt und musterte ihr Gegenüber von oben bis unten. Ärgerlicherweise sah Antonella richtig gut aus. Ihre langen, schlanken Beine steckten in schwarzen Lederleggins, und darüber trug sie ein ärmelloses Flattertop in wilden pink-lila Schattierungen, das ihre beneidenswert gut definierten Oberarme betonte. Sie trug kaum Make-up und hatte ihre dunklen Haare zu einem lässigen Pferdeschwanz gebunden. Vermutlich hatte das komplette Styling nicht länger als zehn Minuten gedauert, dachte Katia neidvoll.

»Hast du zugenommen?« Antonella zog ironisch eine Braue nach oben.

»Nur an den richtigen Stellen«, konterte Katia. Gut, nun wurden die Messerchen also wieder gewetzt.

»Ja, Silicon Valley ist nicht zu übersehen …« Antonella lächelte süffisant und blickte vielsagend in Katias Ausschnitt. »Wollen wir uns setzen? Ich kann das Zeug hier ja schlecht im Stehen essen.«

»Immer noch so verfressen wie früher? Und, kotzt du anschließend wieder alles raus?«

»Das habe ich nicht mehr nötig, seit mir meine Brüder zum achtzehnten Geburtstag ein Rennrad geschenkt haben.« Antonellas Grinsen war einem Stirnrunzeln gewichen, denn an ihre pubertäre Essstörung wurde sie nicht gerne erinnert. Glücklicherweise war diese Zeit lange vorbei. »Ich hab gehört, du lässt dich von einem reichen Ölscheich aushalten?« Die andere pubertäre Störung  – Zickenkrieg  – war deutlich hartnäckiger.

»Von Aushalten kann keine Rede sein. Aristidis macht in Gas, und für das hier alles«, Katia deutete auf Schmuck, Outfit und ihre Brüste, »verlangt er durchaus gewisse Gegenleistungen …«, antwortete sie mit völlig ungerührtem Gesichtsausdruck.

»Wie beruhigend!«

»Und du? Hast du ein Opfer für deine Verführungskünste gefunden, oder musst du immer noch in Mamas Kneipe jobben?«

»Das wäre gar nicht mal das schlechteste Schicksal, also jedenfalls besser, als zu obskuren ›Gegenleistungen‹ verpflichtet zu sein. Aber in der Tat muss ich nicht mehr kellnern. Ich habe eine eigene Firma in Frankfurt  – Interior Design  – und kann mich vor Aufträgen kaum retten. Außerdem bin ich seit September verheiratet. Er heißt Adrian und ist Anwalt, und wir haben eine neun Monate alte Tochter, die gerade zahnt oder Bauchweh hat und ihren Papa zur Verzweiflung bringt.«

»Und einen jammernden Hund«, fügte Katia hinzu.

»O ja, allerdings. Einen jammernden, sehr unglücklichen und sehr schlecht gelaunten Mops namens Hugo!«, sagte Antonella düster. »Aber das ist eine ziemlich lange Geschichte …«

Das war ein richtig schöner Abend, stellte Katia überrascht fest, als sie gegen halb zwei Uhr früh mit dem Taxi zum Hotel zurückfuhr. Selbst mit Antonella war es letztendlich nett gewesen. Vielleicht heilte die Zeit doch alle Wunden? Jedenfalls hatten sie nach dem anfänglichen Gezicke gemeinsam über alte Zeiten gelacht und neue Geschichten ausgetauscht. Und mit kruden Storys konnte Antonella schon immer aufwarten. Vor gut zwei Jahren hatte sie von einer generösen Großtante ein Haus in Frankfurt geerbt, unter der Auflage, dass sie sich um den treuen Hund der alten Dame kümmern müsse. Doch das Verhältnis zwischen Mops Hugo und seiner neuen Besitzerin war von Anfang an, vorsichtig formuliert, kompliziert. Die extrem aktive Antonella konnte mit kleinen Schoßhunden rein gar nichts anfangen, und Hugo nichts mit der neuen Hektik in seinem Leben. Unverhoffte Rettung hatte damals Georgia gebracht, die nach einer traumatischen Trennung bei Antonella Unterschlupf fand. Die neue Mitbewohnerin tröstete nicht nur den traurigen Hund, sondern organisierte quasi nebenbei auch Antonellas chaotisches Leben neu. Die beiden gründeten mit Hugo’s Affairs ein außerordentlich erfolgreiches kleines Interior-Design-Unternehmen, in dem inzwischen auch Antonellas älterer Bruder Giovanni mitarbeitete. Auch privat stellte sich nach diversen Irrungen und Wirrungen das große Glück ein. Georgia verliebte sich in den kanadischen Rockmusiker Tim Devereaux, und Antonella erlag nach langem Werben dem Charme von Tante Elsas Testamentsverwalter Adrian Stern. Alles schien perfekt zu sein, doch vor wenigen Tagen waren Georgia und Tim nach New York gezogen,1 um seine Karriere weiter zu befeuern. Und abgesehen davon, dass Antonella traurig war, eine liebgewonnene Freundin verloren zu haben, und sich Sorgen um das ehemals gemeinsame  – und jetzt allein ihr gehörende  – Geschäft machte, hatte sie nun auch wieder Hugo an der Backe. Denn Adrian war eisern geblieben, der letzte Wille seiner Mandantin war heilig. Auch wenn es für ihn selbst unangenehm werden würde, Mops Hugo musste bis zu seinem Tod bei Antonella bleiben. Nur dann wären die Bestimmungen des Testaments erfüllt, und Antonella würde neben dem Haus auch noch ein nettes kleines Vermögen erben.

Katia seufzte. Das hörte sich alles viel lebendiger und schöner an als ihr eigenes Leben. Klar, sie konnte sich alles leisten, was man sich nur wünschen konnte. Sie hatte die ganze Welt bereist  – im Privatjet oder auf der Luxusyacht  –, war laufend auf den schicksten Society-Partys eingeladen und konnte sich vor teuren Designer-Fummeln und edlen Juwelen kaum retten. Aber sie saß in einem goldenen Käfig, und mit Aris lief es auch lange nicht mehr so rund wie am Anfang. Obwohl ihr Mann inzwischen stolze siebzig war, vermutete sie stark, dass er eine Neue hatte. Alle seine Ehen hatten maximal fünfzehn Jahre gehalten, und sie hatten nicht einmal gemeinsame Kinder. Ich bin fünfunddreißig und meinem betagten Ehemann zu alt, dachte sie resigniert. Aber wie den Absprung schaffen? Darüber dachte sie schon eine ganze Weile nach. Das alles hatte sie Antonella natürlich nicht erzählt, die hatte nur fasziniert den Erzählungen von rauschenden Bällen mit hoher Promidichte und Urlauben auf der eigenen Yacht gelauscht.

Katia stand nun im Foyer des Bayerischen Hofs und überlegte, ob sie noch ein Weilchen an die Bar gehen sollte. Auf Aristidis hatte sie so gar keine Lust. Aber Olga wartete bestimmt sehnsüchtig auf sie … Im gleichen Moment hörte sie ein hysterisches Aufjaulen und wildes Scharren, und dann raste auch schon ein großes, schwarzbraunes Geschoss auf sie zu und sprang schwanzwedelnd an ihr hoch. Was hatte das zu bedeuten? »Olga, mein Schatz, was machst du denn hier?« Katia streichelte liebevoll ihre zweijährige Airedale-Terrier-Hündin, die immer noch außer sich vor Begeisterung herumhüpfte. Wieso war das Tier hier unten?

»Guten Abend, Frau Kolidis«, der Nachtportier war hinter der Rezeption hervorgekommen und stand nun mit besorgtem Gesichtsausdruck vor Katia. »Ich fürchte, es hat einen Zwischenfall gegeben.«

Einen Zwischenfall? Was für einen Zwischenfall bitte? Aris hatte versprochen, den Abend über auf Olga aufzupassen. »Was ist passiert?«, wollte Katia wissen. »Warum ist der Hund hier? Wo ist mein Mann?«

»Soweit ich informiert bin, hat Ihr Mann um kurz nach zehn Uhr das Hotel verlassen«, berichtete der Portier mit betont ruhiger Stimme. »Kurze Zeit später häuften sich Anrufe und Beschwerden, dass aus Ihrer Suite furchterregende Geräusche kämen. Wir haben dann den Sicherheitsdienst und das Housekeeping hinaufgeschickt und Ihre aufgeregte Hundedame nach unten geholt.« Er sah etwas betreten auf Olga, die sich inzwischen eng an Katia gekuschelt hatte und sich zufrieden die Ohren kraulen ließ. »Wir sind ja ein sehr tierfreundliches Haus«, fuhr er leicht tadelnd fort, »aber das geht nun doch zu weit.«

»Das tut mir sehr leid. Olga ist es nicht gewohnt, alleine zu bleiben, und mein Mann wollte sich um sie kümmern. Es muss wohl irgendetwas vorgefallen sein …« Was kann Samstagnacht kurz vor Weihnachten bitte schön Wichtiges passieren?, dachte Katia grimmig und zog ihr Handy hervor, um nachzusehen, ob Aris ihr vielleicht eine Nachricht hinterlassen hatte. Fehlanzeige  – natürlich! »Ich danke Ihnen, dass Sie sie gerettet haben, und hoffe, dass sie die anderen Gäste nicht allzu sehr belästigt hat.« Katia bemühte sich, zerknirscht zu klingen, auch wenn sie innerlich vor Ärger bebte. »Ich gehe mit ihr noch eine kleine Runde und nehme sie dann mit aufs Zimmer.«

»Ähem, ich fürchte, da gibt es noch ein Problem«, sagte der Portier. »Sie werden die Nacht vielleicht lieber in einer anderen Suite verbringen.« Er reichte ihr diskret eine neue Schlüsselkarte. »Und wir gehen davon aus, dass Sie die Kosten für die Renovierung tragen, nicht wahr?«

»Ja … natürlich«, presste Katia hervor und nahm die neue Karte an sich.

»Gute Nacht, Madame.«

»Gute Nacht.«

Katia fror ein wenig. Sie war bereits seit über zwei Stunden mit Olga unterwegs. Ziellos streunte sie durch die Stadt, die einmal ihre Heimat gewesen war und ihr jetzt, nach fünfzehn Jahren, merkwürdig fremd vorkam. Es war ein grauer, verschneiter Sonntagvormittag, und langsam merkte sie, wie ihr unbändiger Ärger einer hoffnungslosen inneren Leere Platz machte. Aris war die ganze Nacht über weggeblieben und hatte sie mit dem unfassbaren Chaos alleine gelassen. Olga hatte wirklich ganze Arbeit geleistet: Die Suite war komplett verwüstet. Der Hund hatte in seiner Verzweiflung sämtliche Vorhänge von den Fenstern gerissen und alle Kissen zerfetzt. Die Daunen lagen überall. Außerdem hatte sie zwei Paar Schuhe zerbissen, natürlich Katias. Aris’ Sachen waren unberührt. Und doch konnte sie dem Tier nicht böse sein, Olga war wohl einfach in Panik verfallen, so alleine in einer fremden Umgebung. Katia seufzte tief und sah liebevoll auf ihren Hund, der fröhlich neben ihr hertrabte. Wenn sich Aris nicht bald meldete, würde sie ihre Sachen packen, einen Mietwagen nehmen und mit Olga zurück nach Frankfurt fahren. Dort logierten sie seit gut vier Wochen im Frankfurter Hof, weil ihr Mann »wichtige Geschäfte« in Deutschland tätigte. Von dort aus wollte sie nach London fliegen und Weihnachten notfalls alleine, aber wenigstens zuhause verbringen.

So in Gedanken versunken merkte sie gar nicht, wohin sie eigentlich lief, bis sie plötzlich vor einer vertrauten Ladenfront stand. »Metzgerei Fuchs« stand auf dem Schaufenster, und der Anblick gab Katia einen gehörigen Stich. Es sah alles genauso aus wie vor fünfzehn Jahren. Weihnachten 1994 hatte sie zum letzten Mal mit ihren Eltern verbracht. Da lebte sie schon gut fünf Monate in London, und ihre Affäre mit Aristidis war gerade aufgeflogen. Ihre Eltern waren entsetzt gewesen: »Das gehört sich nicht für ein anständiges Mädchen!«, hatte Papa gewettert, und Mama hatte die ganze Zeit geweint. Seitdem hatte sie keinen Kontakt mehr zu den beiden gehabt. Wie es ihnen wohl ging? Sie war drauf und dran zu klingeln, denn ihre Eltern wohnten offenbar immer noch in der Wohnung über dem Geschäft, als ihr Handy mit einer SMS-Nachricht piepste: »Wo bist Du? Komm sofort zurück! Reisen ab. A.«

KAPITEL 2

Gutes neues Jahr

Gutes neues Jahr!«, rief Antonella, als sie Montagmorgen gegen zehn im Loft von Hugo’s Affairs ankam  – schwer bepackt mit Plätzchendosen und Geschenken. Der schwarze Mops Hugo trottete trübselig an der Leine neben ihr her.

»Danke, dir auch«, antwortete Antonellas Assistentin Jenny und lächelte hinter ihrem Monitor hervor. »Was hast du denn vor?«, fragte sie dann, als Antonella ihre diversen Taschen und Tüten auf ihren Schreibtisch wuchtete und den Vierbeiner von der Leine ließ. »Hugo-Schätzchen, komm her«, flötete Jenny, doch der Hund stupste sie nur kurz an und verkrümelte sich sofort auf sein Kissen im verwaisten Büro von Georgia.

»Das sind Kekse von meiner Oma und Geschenke von meiner Familie für Giovanni  – wo ist der eigentlich?« Antonella blickte sich fragend um. »Und außerdem noch ein paar Päckchen von Georgia.«

»O wie schön!«, freute sich Jenny. »Von Giovanni habe ich aber auch noch nichts gesehen.«

»Na ja, er wird schon kommen …« Antonella kramte in den Tüten herum und holte zwei Pakete hervor. »Die sind für dich. Das kleine harte ist von Georgia, das große weiche von mir.« Sie reichte ihrer Sekretärin die Geschenke und sah sie erwartungsvoll an.

Jenny öffnete zuerst das Päckchen von Antonella und zog unter Begeisterungsrufen ein pinkfarbenes Cashmere-Ensemble aus Mütze, Schal und Handschuhen hervor. »Wow, das ist aber toll! Vielen, vielen Dank!« Sie warf sich den Schal um und umarmte ihre Chefin.

»Gern geschehen. Du kannst gut ein bisschen Farbe vertragen … Bin gespannt, was du von Georgia bekommst. Mir hat sie einen Füller geschenkt, mit dem ich ›erfolgreiche Verträge‹ unterschreiben soll.«

»Oh …« Jenny packte gerade ein Buch aus und las die Karte vor: »Liebe Jennifer, denken Sie stets daran, Sie sind die Visitenkarte von Hugo’s Affairs  – auch wenn ich nicht mehr da bin! Frohe Weihnachten und beste Grüße von Georgia Holtau-Devereaux  – o Mann, schau mal.«

Sie hielt Antonella das Buch vor die Nase, die schallend zu lachen anfing. Dress for Success  – the Ultimate Style Guide for Modern Business Women.

»Was soll ich sagen? Der Einzige, der ein tolles Geschenk von ihr bekommen hat, ist Hugo. Ein schwarzes Hirschlederhalsband mit einem ›Hugo forever‹-Schriftzug aus Strassnieten plus passender Leine. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was Giovanni von ihr bekommt: wahrscheinlich einen versilberten Hobel mit den warmen Worten: ›Wo gehobelt wird, da fallen Späne  – hoffentlich aus Gold! Viel Erfolg als neuer Teilhaber. ‹ Wir werden sehen …« Antonella kicherte immer noch.

»Wo fallen Späne aus Gold?« Ein braungebrannter Hüne war aufgetaucht und riss Antonella in seine Arme. »Ciao principessa e buon anno!«

»Hallo, Bruderherz, wieder im Lande?« Antonella drückte Giovanni einen dicken Kuss auf die Wange und musterte ihn. »War’s schön? Du siehst geradezu ekelerregend gut erholt aus.«

»Weihnachten und Silvester in Australien kann ich nur empfehlen. Kein Eis, kein Schnee und vor allem kein Familienwahnsinn  – herrlich!« Er grinste gut gelaunt.

»Und, wer war dabei?«, erkundigte sich Jenny spitz. Sie hatte anfangs eine gewisse  – leider komplett unerwiderte  – Schwäche für Giovanni gehabt und war nach wie vor eifersüchtig auf seine ständig wechselnden Begleiterinnen. »Hatte Miss November noch Glück, oder war schon Fräulein Dezember dran?«

»He, nicht frech werden, Kleine. Immerhin bin ich jetzt dein Chef!« Er sah sie mit gespielt strenger Miene an.

»Nur zu dreißig Prozent. Das zählt für mich nicht …«, erwiderte sie schnippisch. Georgia hatte ausbezahlt werden müssen, als sie nach New York gegangen war, und weil Antonella den kompletten Anteil nicht übernehmen konnte, hatte sich Giovanni mit dreißig Prozent am Unternehmen beteiligt. »Antonella, habe ich schon erwähnt, dass du meine absolute Lieblingschefin bist?«

»Darauf kann ich mir ja was einbilden.« Antonella zwinkerte Jenny verschwörerisch zu. »Und in meiner neuen Funktion als Ober- und Lieblingschefin würde ich vorschlagen, dass wir uns jetzt alle mal sortieren, schauen, ob wir überhaupt noch Aufträge haben, und dann in anderthalb Stunden gemeinsam alles Nötige besprechen. Einverstanden?« Die beiden anderen nickten gehorsam. »Giovanni, das sind übrigens alles deine Geschenke.« Sie deutete auf die Tüten auf ihrem Schreibtisch. »Von den Menschen, die dich lieben, auch wenn du vor ihnen ans andere Ende der Welt fliehst …«

»Wo ist eigentlich Hugo?«, fragte Jenny gut zwei Stunden später. Sie saßen wieder zusammen und besprachen die nächsten Tage und Wochen. Es gab zwei große neue Projekte, die noch vor Weihnachten vereinbart worden waren  – eine Fünfzimmerwohnung im Westend und die Renovierung einer großen Anwaltskanzlei. Außerdem waren über die Feiertage tatsächlich einige Anfragen reingekommen, die jetzt beantwortet werden mussten. Wie es aussah, würde das Geschäft also gut weitergehen.

»Ich nehme an, er liegt immer noch beleidigt in seinem Körbchen«, mutmaßte Antonella. »Seit Georgia weg ist, ist er noch unerträglicher als vorher.«

»Er ist bestimmt sehr unglücklich, weil sie ihn verlassen musste, der arme kleine Engel«, sagte Jenny mitfühlend. »Ich glaube, er hat ein gebrochenes Herz.« Aus dem Nebenraum war ein lautes Brummen zu hören. Jenny stand auf, um den Mops zu holen.

»Und ich glaube, dass er eine unsagbare Diva mit Starallüren ist!« Antonella klang deutlich genervt. »Es ist mir wirklich schleierhaft, warum Adrian darauf bestanden hat, dass diese Bestie hierbleiben muss. Georgia hätte ihn so gerne mitgenommen …«

»Dein Mann nimmt seinen Job halt sehr ernst. Und Tante Elsas Testament war doch wohl ganz eindeutig: Du musst dich um den kleinen Kerl kümmern, bis er seinen letzten Atemzug aushaucht, sonst adiós, Wohnung, adiós, Haus, adiós, Erbe …« Giovanni grinste maliziös.

»Hugolein, du armer, armer Schatz. Du bist ja so ein trauriges Hündchen. Georgia ist weg, und dein böses Frauchen hier hat dich wirklich kein bisschen lieb!« Jenny war mit dem Hund auf dem Arm wieder zurückgekommen, der zustimmend grunzte.

»Übertreibe es nicht!«, sagte Antonella drohend und fuhr dann mit ihrem Lamento fort: »Aber der absolute Witz ist doch, dass Adrian als Elsas Testamentsverwalter der einzige Mensch ist, der überhaupt irgendwelche Sanktionen verhängen könnte. So sind alle unglücklich  – Georgia, weil sie ohne ihren pelzigen Liebling auswandern musste, Hugo, weil er von ihr verlassen wurde, ich, weil ich mich jetzt mit ihm rumärgern muss, und Adrian selbst auch, weil er den Hund UND meine schlechte Laune ertragen muss. Aber Hauptsache, Tantchens letzter Wille wird erfüllt! Liebe Güte, die Frau liegt seit knapp drei Jahren unter der Erde und hat meiner Meinung nach gar nichts mehr zu wollen!!«

»Na, schon wieder schwer in Fahrt mit deinem derzeitigen Lieblingsthema?« Adrian war gerade mit dem Kinderwagen aus dem Lastenaufzug gekommen. »Und ein gutes neues Jahr euch allen«, lächelte er in die Runde.

»Ihnen auch, Herr Dr. Stern«, sagte Jenny eifrig. »Und da ist ja auch die kleine Elisa!« Hugo befreite sich aus den Armen der Assistentin und spurtete zum Kinderwagen. Sein schwarzes Ringelschwänzchen zuckte vor Freude, während er versuchte, in den Buggy zu klettern, um das kleine Mädchen zu begrüßen, das hingerissen quietschte.

»Das sind ja ganz neue Entwicklungen«, stellte Giovanni amüsiert fest, »da bahnt sich wohl eine zarte Liebe an.«

»Das kannst du laut sagen.« Antonella befreite ihre kleine Tochter gerade aus Kinderwagen und Schneeanzug und küsste die vor Kälte geröteten Bäckchen. Hugo hüpfte hibbelig und grunzend um ihre Beine, während Elisa die ganze Zeit aufgeregt »Wawawa« brabbelte und strampelte. Resigniert setzte Antonella das Baby auf den Boden, wo es sofort den Mops mit seinen Patschehändchen bearbeitete, der wiederum hingebungsvoll das Gesicht der Kleinen ableckte. »Das ist so eklig«, sagte sie angewidert.

»O nein, das ist hinreißend süß!«, befand dagegen Jenny.

»Und wie kam’s dazu?«, wollte Giovanni wissen. »Soweit ich mich erinnere, hat der Hund meine Nichte doch bislang immer geflissentlich ignoriert.«

»Na ja, das war so«, setzte Adrian zur Erklärung an. »Meine liebe Frau hat uns für ihr Klassentreffen an unserem ersten Abend in München stundenlang alleine gelassen. Elisa hat sich die Seele aus dem Leib gebrüllt, weil sie Zahnweh hatte, und Hugo herzzerreißend gejault, weil er so unglücklich war. Dann bin ich kurz aus dem Zimmer gegangen, weil ich diese Zahn-Globuli-Dinger gesucht habe, und als ich zurückkam, lagen die beiden eng aneinandergekuschelt auf dem Sofa und waren friedlich. Und seitdem sind sie unzertrennlich.« Adrian sah lächelnd auf Tochter und Mops, dann blickte er auf seine Uhr. »Liebling, ich muss los, ich treffe mich in einer halben Stunde mit Dr. Seifert zum Mittagessen, du weißt schon, wegen der schwierigen Erbschaftssache im Taunus. Ich kann sie danach aber wieder abholen.«

»Muss nicht sein, ich mache heute nicht so lange und gehe dann mit unserem neuen Dream-Team raus. Und nächste Woche hat die Krippe ja auch wieder auf, da wird’s wieder entspannter. Bussi!« Antonella strich ihrem Mann zärtlich über die graumelierte Schläfe und gab ihm zum Abschied einen spielerischen Klaps. »Viel Erfolg! Vielleicht versaust du diese Erbschaftsnummer ja ausnahmsweise nicht …«

Nachdem Adrian gegangen war, wandte sich Antonella wieder an ihren Bruder: »Apropos Klassentreffen. Erinnerst du dich noch an Kathi von der Metzgerei Fuchs?«

»Das Griechen-Flittchen?«

»Genau die …«

»Einen Augenblick bitte«, Antonella klickte in ihrem Terminplaner herum und blätterte gleichzeitig hektisch in ihrem Filofax. Mist, der Termin zur Stoff- und Farbauswahl für die Westendwohnung stand nur im elektronischen Kalender, und in den hatte sie heute Morgen nicht reingeschaut … »Frau Hartmann, es tut mir sehr leid, da hat es wohl eine Terminkollision gegeben. Darf ich stattdessen morgen zu Ihnen kommen?  – Ja, ich verstehe, dass Sie eine sehr beschäftigte Frau sind, alternativ könnte ich auch in einer Stunde bei Ihnen sein.  – Ich weiß, es war eine verbindliche Zusage, die Sie mit Frau Holtau getroffen haben, doch die ist, wie Sie wissen, nicht mehr bei uns, und da muss es wohl ein kleines Kuddelmuddel mit den Terminen gegeben haben. Ich verspreche Ihnen, das wird nicht wieder vorkommen …  – Einverstanden, dann also nächsten Mittwoch, gleich um neun Uhr. Wiedersehen.« Antonella seufzte frustriert auf. Zweieinhalb Wochen war das neue Jahr alt, was bedeutete, dass Hugo’s Affairs erst zweieinhalb Wochen ohne das kontrollfreakige Organisationsgenie Georgia Holtau auskommen musste  – und doch schon an der Schwelle zum Chaos stand. »Jenny, so geht das nicht weiter!«, fauchte Antonella ihre Assistentin an, obwohl sie genau wusste, dass die nun rein gar nichts dafür konnte.

»Wie geht es nicht weiter?«, kam es auch prompt leicht pampig zurück. »Dass du es nicht auf die Reihe kriegst, deine Termine auch aufzuschreiben? Oder dass du nicht in der Lage bist, mir vollständige Belege zu liefern? Oder dass du die Lieferantenrechnungen nicht kontrollierst und ich sie daher nicht bezahlen kann und die Leute deshalb wütend hier anrufen? Oder dass du potenzielle Neukunden nicht zurückrufst und wir deshalb wahrscheinlich früher oder später gar keine Aufträge mehr haben werden?« Jenny funkelte ihre Chefin angriffslustig an.

Antonella warf sich haareraufend in ihren Schreibtischstuhl zurück. Natürlich hatte Jenny Recht, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie sich gerade komplett überfordert fühlte. Sie liebte den kreativen Teil ihrer Arbeit, tüftelte gerne stundenlang über dem perfekten Entwurf und freute sich unbändig, wenn sie wieder einmal die Vorstellungen und Träume ihrer Kunden übertreffen konnte. Es bereitete ihr auch keine Probleme, den stets wechselnden Trupp von Handwerkern zu koordinieren und zu motivieren und notfalls persönlich Hand anzulegen. Aber dieser ganze Papier-, Termin- und Organisationskram ging ihr gewaltig auf die Nerven, genau wie die Verhandlungen mit Lieferanten. Von den Akquisegesprächen mit kapriziösen Neukunden mal ganz zu schweigen. Wofür bitte sollte sie diese Leute von den Qualitäten von Hugo’s Affairs überzeugen, wenn die doch ohnehin schon entschlossen waren, das Unternehmen zu beauftragen? Sonst hätten sie sich ja wohl kaum gemeldet, oder? Außerdem hatte auch ihr Tag nur vierundzwanzig Stunden. Ein durchschnittlicher Arbeitstag zurzeit sogar maximal nur sechs oder sieben, denn schließlich musste Elisa jeden Nachmittag um drei von der Kita abgeholt werden. Und auch wenn sie sich dabei mit Adrian abwechselte, war es doch insgesamt verdammt wenig Zeit für verdammt viel Arbeit. Wann sollte sie da bitte schön noch Rechnungen kontrollieren und mit Klienten in spe Mittag essen gehen?

»Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?« Jennys Frage riss Antonella aus ihrem dumpfen Brüten. Sie sah sich um und stellte fest, dass gerade ein attraktiver junger Mann das Loft betreten hatte.

»Hallo, ich wollte zu Georgia Holtau«, sagte er und sah sich suchend um. »Die arbeitet doch hier?«

»Frau Holtau ist seit Anfang des Jahres in New York«, informierte ihn Jenny, »aber vielleicht können auch wir etwas für Sie tun?« Sie strahlte ihn an.

Antonella musterte ihn skeptisch. Er sah mit seinem dunkelgrünen Rolli unter dem mittelbraunen Cordanzug und den zurückgegelten Haaren wie eine jüngere, blondere Version von Schmalzlocke zu Guttenberg zu dessen besten Zeiten aus. Sie hoffte, dass das keiner von Georgias neureichen Adeligen war, der seinen Pferdestall jetzt in ein Spielcasino verwandeln wollte. Das fehlte ihr gerade noch …

»Äh, ja, das ist sehr schade«, antwortete er ein wenig schüchtern. »Ich wusste nicht, dass Georgia weg ist. Ich war gerade in der Gegend und wollte sie eigentlich fragen, ob sie vielleicht einen Job für mich hätte.«

»Was denn für einen Job?« Antonella war aufgestanden und ging dem Jüngling entgegen. Mein Gott, das Bürschchen war höchstens fünfundzwanzig … »Ich bin Antonella De Anna«, stellte sie sich vor, »und nach Lage der Dinge jetzt für Jobanfragen aller Art alleine verantwortlich.«

»Ich bin Christian Weiler und war vor vier Jahren mal Praktikant bei Georgia. Ich habe BWL studiert und war jetzt drei Jahre stellvertretender Vertriebsleiter bei einem mittelständischen Möbelbauer. Leider haben wir Ende letzten Jahres Insolvenz anmelden müssen, und daher suche ich jetzt eine neue Aufgabe. Als ich Georgia vor ungefähr einem Jahr das letzte Mal gesehen habe, sagte sie mir, dass ich mich jederzeit bei ihr melden könnte …« Er schaute Antonella erwartungsvoll an. »Ich kann Ihnen gerne meine Unterlagen zusammenstellen, damit Sie einen besseren Eindruck von mir bekommen.« Dann sah er sich im Loft um und meinte enthusiastisch: »Das ist großartig hier!«

»Mhmm«, brummte Antonella geistesabwesend. Ihr kam gerade eine Idee. »Jenny, führe unseren Gast doch mal herum und biete ihm einen Kaffee an.« Sie ging zurück an ihren Schreibtisch, schnappte sich ihr Handy und tippte eine SMS an Georgia: »SOS Christian Weiler sucht Arbeit, kann er deinen Job übernehmen?« Erfahrungsgemäß machte Georgia ihr Telefon nie aus und würde auch nachts reagieren. Was praktisch wäre, denn Antonella hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie spät es in New York gerade war.

Währenddessen zeigte Jenny Christian stolz das Loft von Hugo’s Affairs. Die obere Etage des zweistöckigen Industriegebäudes in einem Hinterhof der Berger Straße war etwa dreihundert Quadratmeter groß und hatte gut fünf Meter hohe Wände. Raumhohe Fenster und einige Oberlichter sorgten selbst an diesem schmuddeligen Januartag für reichlich Licht. Der große Hauptraum war in eine loungeartige Sofaecke und den Arbeitsbereich aufgeteilt. Es gab einen großen Konferenztisch und mehrere Arbeitsplätze, von denen im Moment allerdings nur zwei von Antonella und Jenny genutzt wurden. Die Wände waren in bunte Quadrate unterteilt  – teils tapeziert, teils bemalt  –, auf denen Fotos von Räumen abgebildet waren, die Hugo’s Affairs schon gestaltet hatte. Eine Treppe führte zu Küche, Bad, einem Lagerraum und einem separaten Büro, das bislang immer Georgia genutzt hatte und in dem jetzt Mops Hugo schlief. Im Untergeschoss des Gebäudes hatte Giovanni auf einhundertfünfzig Quadratmetern seine Schreinerwerkstatt untergebracht. Außerdem gab es unten noch zwei Räume, die der Vermieter als Lagerfläche nutzte, die man aber notfalls dazumieten konnte. Antonella beobachtete Christian, der sich angemessen begeistert zeigte. Dann klingelte ihr Telefon. »Habe ich dich geweckt?«, fragte sie statt einer Begrüßung.

»Nein, natürlich nicht. Es ist halb acht«, entgegnete Georgia eine Spur irritiert.

»Morgens oder abends?«

»Morgens natürlich!«, seufzte Georgia. »Du lernst es wohl nie, oder? Aber jetzt erzähl, Christian sucht also einen Job?«

»Sieht so aus. Was meinst du?«

»Nimm ihn! Er ist wirklich klasse. Und sonst? Wie läuft es bei euch?«

»Eigentlich ganz gut, aber du fehlst mir schrecklich. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das hier ohne dich schaffen soll.«

»Das wird schon«, tröstete Georgia. »Christian kriegt das hin. Aber was ist mit Hugo? Wie geht’s ihm?«

»Der ist nach wie vor untröstlich!«, sagte Antonella und bemerkte, wie Christian und Jenny immer wieder verstohlen in ihre Richtung blickten. »Sag mal, können wir am Wochenende in Ruhe telefonieren?«

»Natürlich. Und kauf ihm frische Kalbsleber. Die hat er doch so gerne …«

»Mach ich«, versprach ihr Antonella. »Ich muss jetzt aufhören, Süße, bis bald!« Sie beendete das Telefonat und schlenderte dann zur Sitzgruppe, wo Jenny und Christian Kaffee tranken. »Es gefällt Ihnen also?«

»O ja, sehr!« Der junge Mann versuchte Haltung anzunehmen, was auf den niedrigen Polstern des Sofas nur schwer möglich war.

Antonella schmunzelte. »Sie können mit Lieferanten verhandeln? Und schwierige Kunden betreuen?«

Er nickte. »Das ist alles kein Problem. Und ich bin selbstverständlich auch allen anderen administrativen Aufgaben, die in so einem Betrieb anfallen werden, gewachsen.«

»Okay, also auch Kalkulation und Akquise?« Er nickte erneut. »Und trauen Sie sich auch zu, meine Termine zu koordinieren und mich verlässlich daran zu erinnern?«

»Ich denke schon …«, sagte er leicht verunsichert und sah hilfesuchend zu Jenny, die grinsend mit den Schultern zuckte.

»Prima«, Antonella grinste ihn hocherfreut an, »dann haben wir einen Deal!« Sie reichte ihm die Hand. »Willkommen im Team! Ich bin Antonella  – wir sind hier alle per du  –, Jenny kennst du ja schon, und meinen Bruder Giovanni, der unten die Schreinerei hat, wirst du bei nächster Gelegenheit kennenlernen. Wann kannst du anfangen?«

»Sofort!« Jetzt strahlte er übers ganze Gesicht.

»Montag wird reichen«, sie freute sich über seine echte Begeisterung. »Bis dahin können wir einen Vertrag vorbereiten und Jenny eine Liste aller Aufgaben erstellen. Und jetzt sollten wir uns übers Finanzielle unterhalten.«

Am frühen Abend stand Antonella bestens gelaunt in ihrer Küche und schälte Kartoffeln, Elisa saß am Boden und spielte mit großen Plastikbauklötzen, und Hugo lag schlafend in seinem Körbchen. Es klingelte. Antonella öffnete die Tür und fand sich Franziska Förster gegenüber, ihrer Mieterin aus dem zweiten Stock. O nein, dachte sie, brachte aber ein einigermaßen freundliches Lächeln zustande. Familie Förster war im Sommer im zweiten Stock des Vierparteienhauses in der Weberstraße eingezogen, das Antonella von ihrer Großtante geerbt hatte. Und zunächst schienen die vier echte Traummieter zu sein, wenn auch mit einem etwas exzentrischen F-Tick. Franziska war mit Fabian verheiratet, und ihre fünf- bzw. dreijährigen Kinder hörten auf die Namen Fee und Finn. Doch seit Herbst war ein fünftes F dazugekommen: Forderungen. Mal waren die Nachbarn aus dem dritten Stock, ein älteres Ehepaar, das schon seit über zwanzig Jahren hier wohnte, zu laut, mal war der Keller zu feucht, mal waren die Armaturen im nagelneu renovierten Bad zu kompliziert für die Kinder, und, und, und. Was es wohl diesmal gab?

»Antonella, es ist viel zu fußkalt in unserer Wohnung«, kam es prompt anklagend von Franziska. »Wir heizen und heizen, aber der Boden bleibt kalt. Die Meerschweinchen haben sich auch schon erkältet. In unserer alten Wohnung hatten wir ja Fußbodenheizung.«

Antonella seufzte. »Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt machen? Habt ihr es schon mal mit dicken Socken versucht? Es ist Winter, da ist’s halt immer etwas kühler. Außerdem ist das ein altes Haus mit Originalholzböden von 1890, da wäre eine Fußbodenheizung ein echtes Sakrileg. Aber das wusstet ihr doch auch beim Einzug.«

»Es wäre schon hilfreich, wenn die Wohnung im ersten Stock besser geheizt wäre.«

»Die steht aber, wie ihr wisst, im Moment leer. Und deshalb wird da auch nicht volle Pulle geheizt.« Bis vor kurzem hatten Georgia und Tim dort gewohnt und die Wohnung bei ihrem Umzug nach New York dann teilmöbliert hinterlassen. Antonella und Adrian wollten sich demnächst darum kümmern.

»Das wäre mein nächstes Thema: Gute Freunde von uns suchen eine Wohnung …«

Gott behüte, dachte Antonella, sagte aber stattdessen: »Weißt du was, ich drehe oben einfach die Heizung etwas höher. Wir wollen ja nicht, dass die Meerschweinchen noch kränker werden!« Sie schnappte sich den Schlüssel und machte sich auf den Weg nach oben.

Franziska folge ihr auf den Fersen. »Also, dass du dein Kind alleine mit dem Hund in der Wohnung lässt. Da könnte ja alles Mögliche passieren.« Als von Antonella keine eindeutige Reaktion kam, fuhr sie fort: »Na ja, du wirst schon wissen, was du tust. Aber ich finde das nicht gut. Auch nicht, dass die Kleine jeden Tag so lange in der Krippe ist …«

»Danke für den Hinweis, Franziska«, sagte Antonella säuerlich. Fabian arbeitete fast rund um die Uhr als Investmentbanker  – einer derjenigen, die noch einen Job hatten  –, und die frühere Controllerin Franziska war seit der Geburt ihres ersten Kindes eine leidenschaftliche Vollzeit-Öko-Mama, mit einer in Stein gemeißelten Meinung zu fast allen Dingen rund ums Thema Nachwuchs. Antonella hatte die Heizung höhergestellt und überhörte Franziskas weitere Kommentare. »So, jetzt sollte es etwas wärmer werden. Schönen Abend noch.« Damit lief sie wieder ins Erdgeschoss und in ihre Wohnung zurück.

»Sternchen, das ist aber wirklich fies!« Elisa war zu Hugo ins Körbchen gekrabbelt und mümmelte genüsslich an seinem Hundekauknochen herum. Antonella hob ihre Tochter hoch und nahm ihr die fragwürdige Delikatesse weg. Elisa fing herzzerreißend zu weinen an und steigerte sich in ein hysterisches Gebrüll, als ihre Mutter ihr auch noch mit einem Feuchttuch Gesicht und Hände abrubbelte. Dazu kläffte Hugo wütend, der seine neue kleine Freundin vor solch rüden Übergriffen beschützen zu müssen glaubte.

»Puh, was für eine Erleichterung: doch nur meine Familie! Ich dachte, ich betrete ein Hitchcock-Filmset.« Adrian stand grinsend in der Küchentür. In dem Lärm hatte ihn niemand heimkommen gehört. Er küsste Antonella zur Begrüßung und nahm ihr Elisa ab, die augenblicklich zu weinen aufhörte und ihren Papa anstrahlte. Und auch Hugo hatte sein Gebell schlagartig von aggressiv auf freundlich umgestellt. »Was ist denn los?«

»Ach, nichts weiter«, antwortete Antonella kopfschüttelnd und setzte den Topf mit Kartoffeln auf. »Nur dass sich der Hund, Franziska und unsere Tochter wohl einig sind, dass ich eine absolute Rabenmutter bin  – wenn auch mit etwas unterschiedlicher Motivation. Vermutlich werden sie mir demnächst das Jugendamt auf den Hals hetzen …« Sie seufzte melodramatisch, fügte dann aber fröhlicher hinzu: »Immerhin ist heute aber auch etwas Tolles passiert! Ich habe ab Montag einen neuen Mitarbeiter, der den ganzen Kram von Georgia übernimmt.«

»Und wie kam es so schnell dazu?«