Highland Saga - Gabriele Ketterl - E-Book
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Highland Saga E-Book

Gabriele Ketterl

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Beschreibung

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Eine Saga voller Liebe, Stolz und Rache in den schottischen Highlands

Schottland im Jahr 1495. Fearghas muss hilflos mit ansehen wie seine Familie von einem verfeindeten Clan ermordet wird. Getrieben von dem Wunsch, die Geister der Vergangenheit auszulöschen, entwickelt der junge Highlander einen unbeschreiblichen Durst nach Rache. Als er einen Bewusstlosen vor dem Ertrinken rettet, wendet sich sein Schicksal, denn der Gerettete ist kein anderer als der Mörder seiner Familie. Bevor Fearghas jedoch handeln kann, tritt die junge Mairead in sein Leben. Die wilde und schöne Tochter seines Erzfeindes verzaubert ihn vom ersten Moment an. Zerrissen zwischen Liebe und Rachedurst muss Fearghas um sein Schicksal kämpfen. Kann seine verbotene Liebe zu Mairead die Dämonen seines Herzens bezwingen?

Erste Leserstimmen
„ein dramatischer Highlander-Roman, der mich von Beginn an mitreißen konnte“
„dieser Roman hat alles, was ein gutes Buch braucht“
„spannend, tiefgreifend und romantisch“
„ich konnte den Roman gar nicht mehr aus der Hand legen“
„Fearghas' Geschichte hat mich sofort mitfiebern lassen“

Über den Autor/die Autorin

Gabriele Ketterl wurde in München geboren, wo sie auch heute wieder mit ihrer Familie lebt. Ihre Fantasie steckt mittlerweile in Kinderbüchern, Kurzgeschichten, Fantasyromanen, Romantic-History-Büchern ...
Nach einem Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München hieß es erst einmal: Reisen und Ideen sammeln. Betrachtet man ihren Output, scheint das gut geklappt zu haben.

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Seitenzahl: 455

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Über dieses E-Book

Schottland im Jahr 1495. Fearghas muss hilflos mit ansehen wie seine Familie von einem verfeindeten Clan ermordet wird. Getrieben von dem Wunsch, die Geister der Vergangenheit auszulöschen, entwickelt der junge Highlander einen unbeschreiblichen Durst nach Rache. Als er einen Bewusstlosen vor dem Ertrinken rettet, wendet sich sein Schicksal, denn der Gerettete ist kein anderer als der Mörder seiner Familie. Bevor Fearghas jedoch handeln kann, tritt die junge Mairead in sein Leben. Die wilde und schöne Tochter seines Erzfeindes verzaubert ihn vom ersten Moment an. Zerrissen zwischen Liebe und Rachedurst muss Fearghas um sein Schicksal kämpfen. Kann seine verbotene Liebe zu Mairead die Dämonen seines Herzens bezwingen?

Impressum

Erstausgabe März 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-656-4 Taschenbuch-ISBN: 978-3-94804-502-9

Covergestaltung: Rose & Chili Design unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © WDGPhoto, © maninblack, © Ensuper shutterstock.com: © faestock Lektorat: SL Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Highland Saga

„Gib niemals deinen Stolz auf. Es wird der Tag kommen, an dem er alles sein wird, was uns noch bleibt.“

1.

Kilchoan, Lochaber, schottische Highlands, im Jahre 1495

„Nun hör schon damit auf, andauernd herumzuzappeln. Du vertreibst uns mit deiner Hampelei alle Fische.“ Eoghan wurde langsam ungeduldig.

Sofort stand der Kleine still. Große, dunkle Augen blickten unter dem haselnussbraunen Lockenschopf erschrocken zu ihm auf. „Aber ich bin doch ruhig“, flüsterte sein kleiner Bruder. „Was habe ich denn falsch gemacht?“

Sein Zorn verrauchte schnell angesichts des zerknirschten Kindergesichtes. „Ich sag ja nicht, dass du etwas falsch gemacht hast. Aber wenn du nicht stillstehst, müssen wir die Fische nicht mehr versuchen zu fangen, denn dann lachen sie sich tot, wenn sie sehen, was wir hier tun.“

„Was soll ich denn nun machen?“

Noch immer stand Fearghas stocksteif und bewegungslos bis zu den Knien im Wasser, was bei den kurzen Beinchen des Jüngsten der Familie nicht viel heißen wollte. Besorgt wanderte Eoghans Blick zu der in weiter Ferne liegenden Burg. Mingary war ein beeindruckendes Bauwerk. Trutzig erhob sich das gigantische Gebäude an den hohen Klippen in den Himmel, an drei Seiten nur umgeben von den tosenden Wellen des Meeres. Fast schien es, als könne sie diesen auch erreichen. Eoghan vermochte es nicht genau zu benennen, doch an die fünfundzwanzig Fuß hoch war wohl allein schon der Fels, auf dem man sie erbaut hatte. Er war sich nie sicher, ob sie weit genug von der Burg und ihren Bewohnern entfernt waren, um zu fischen. Andererseits waren die wenigen Fische, die sie mit ihren selbst gebauten Gestellen fingen, für den Burgherren sicherlich zu verkraften, aber so genau wusste man das in diesen Zeiten leider nie. 

„Zwerg, mir ist nur wichtig, dass wir die Zeit, die wir haben, nicht vergeuden. Ich laufe doch nicht eine Stunde mit dir über die Ebene, um dann mit leeren Händen heimzukommen.“

Die Augen wurden noch etwas größer. „Gut, dann gehe ich ganz langsam und ganz still weiter hinein. Dann sehen die Fische, wie mutig ich bin, und lachen sich nicht mehr tot. Aye?“

Ehe Eoghan nach der Hand des Jüngeren greifen konnte, stapfte der schon los, wild entschlossen, ihn nicht zu enttäuschen … und war zwei Schritte später prompt verschwunden. Geistesgegenwärtig griff er zu, erwischte Fearghas gerade noch am Kragen und zog den prustenden, nach Luft japsenden Kerl an die Oberfläche. „Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen? Gütiger Himmel, Kind, so lerne doch bitte erst schwimmen, ehe du dich in die Fluten stürzt.“ Eoghan konnte nicht so recht unterscheiden, was denn nun Meerwasser und was Tränen waren. Kopfschüttelnd drückte er das klatschnasse Etwas an sich.

„Schon gut, nicht weinen, Fearghas. Setz dich ans Ufer, damit du trocken bist, ehe wir nach Hause gehen.“

„Ich will aber auch etwas tun, ich bin doch schon groß, du bist nur dumme acht Jahre älter.“ Der Kleine versuchte hörbar, seiner Stimme einen festen Klang zu geben und wieder einmal musste er sich eingestehen, stolz auf seinen Bruder zu sein.

„Du musst die Umgebung im Auge behalten. Nicht, dass wir hinterrücks überfallen werden, also sperr Augen und Ohren auf und warne mich sofort, wenn Gefahr droht, hast du mich verstanden?“ Eoghan bezweifelte zwar stark, dass ihnen hier an der Küste im Schein der Mittagssonne irgendeine Gefahr drohen könne, aber zumindest war Fearghas beschäftigt. 

Tatsächlich stiefelte sein Bruder mit ernster Miene ans Ufer, setzte sich, tropfnass wie er war, auf einen Stein und beobachtete mit gerunzelter Stirn die Umgebung. Eoghan gelang es nur mit Mühe, sich das Lachen zu verkneifen. Fearghas sah einfach zu niedlich aus: die langen, dunklen Locken klebten in dem Kindergesicht, die Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt und immer wieder hob er die Hand, um sie zu beschatten und ließ seinen Blick über den Strand schweifen. Schmunzelnd widmete sich Eoghan wieder den Fischen, sein Bruder war vorerst beschäftigt. 

Zwei Stunden später hingen sechs große, ausgenommene und gewaschene Exemplare an dem mitgebrachten Strick aufgereiht. Zufrieden wusch sich Eoghan die Hände im Meer. „Na also, nun waren wir doch erfolgreich. Das haben wir nur dir zu verdanken, weil du so aufmerksam dafür gesorgt hast, dass wir nicht gestört werden.“

„Ja, nicht wahr? Ich war dir eine große Hilfe, gib es zu.“ Fearghas musterte ihn mit treuherzigem Blick.

„Du bist mir eine sehr große Hilfe gewesen, Zwerg, aber nun müssen wir schleunigst los, damit ich Vater noch in den Ställen helfen kann.“

„Musst du doch gar nicht, machen die Knechte.“

Eoghan seufzte laut. „Will ich aber, du weißt, dass mir die Pferde wichtig sind. Na, komm schon, mit deinen kurzen Beinen dauert das sowieso länger.“

Fearghas zog eine ärgerliche Grimasse. „Na warte, wenn ich erst groß bin, dann laufe ich dir allemal davon.“

Er schulterte die Reuse, reichte dem Kleinen das Netz und wollte eben nach den Fischen greifen, als er ein ärgerliches Schnauben vernahm. „Ich bin doch kein Baby. Du trägst das Netz, ich die Fische.“ Auf Fearghas’ Stirn prangten zwei Furchen, die seinem Gesicht einen entschlossenen Ausdruck verliehen.

„Vergiss das wieder. Zu schwer für dich.“

„Pah, gib den Fang her, oder ich gehe keinen Schritt. Ich bin groß genug.“ Auffordernd streckte sich ihm die Kinderhand entgegen.

Er zuckte mit dem Schultern. „Gut, wenn du meinst. Das passt auch, du muffelst ziemlich nach Meer und Fisch.“ Grinsend reichte Eoghan ihm die Fische.

Sein Bruder nahm sie mit stoischer Miene entgegen, hob sie an, damit sie nicht mit dem Sand in Berührung kamen, und musterte ihn mit bewundernswerter Entschlossenheit. „Du bist gemein, Eoghan, nur weil du größer und älter bist. Bald bin ich auch so groß und stark, dann nimm dich gefälligst in Acht.“

Liebevoll fuhr er dem aufgebrachten Jungen durch das feuchte Haar. „Das werde ich, Fearghas, ich erzittere ja jetzt schon.“

Er bewunderte den Kleinen tatsächlich. Der Strick musste ihm schier die Haut aufreißen und doch ertrug er es, ohne sich ein einziges Mal zu beklagen. Tapfer marschierte er neben ihm her, das typisch-kantige MacMahon-Kinn trotzig in die Höhe gereckt. Ja, aus diesem kleinen Sturschädel würde ein stolzer Highlander werden, das konnte er jetzt schon erkennen. Eoghan selbst war mit seinen dreizehn Jahren dem Vater eine große Hilfe, dazu gehörte es, den kleinen Bruder auf den richtigen Weg zu bringen. Offenbar machte er seine Sache gut, Fearghas war mutig und neugierig auf die Welt. Leider zählte Gehorsam nicht immer zu seinen Stärken, aber auch das würde sich noch fügen, dessen war er sich gewiss. Tatsächlich hielt Fearghas durch, bis sie aus der engen Schlucht hinaus und auf die Ebene kamen, in der ihr Hof lag. 

Ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Das waren kein Feuer, bei dem man Unkraut oder Feldabfälle verbrannte, das hier roch nach Stroh, nach Holz. Noch ehe er den Gedanken zu Ende führen konnte, erblickte Eoghan die Rauchsäule. Sie war groß, zu groß. Seine Schritte wurden schneller und schon ein paar Fuß weiter konnte er es erkennen. Ein Teil des Wohnhauses stand in Flammen, er entdeckte fremde Reiter und er sah seinen Vater, der mit einem der Männer kämpfte. Ein Überfall war nicht selten in den Highlands, hier jedoch war etwas anders. Die Reiter trugen Kettenhemden, zum Teil Rüstungen, das waren keine Strauchdiebe oder Mitglieder eines verfeindeten Clans. Sich hektisch umblickend, fand er einen von Ginsterbüschen überwucherten Felsen. Die Büsche waren groß und dicht genug, um Fearghas Schutz zu bieten. Der Kleine durfte auf gar keinen Fall mit dort hinunter, er hingegen schon. Er musste versuchen, den Eltern und der Schwester beizustehen. Eilig dirigierte er den Jungen zwischen die mit gelben Blüten übersäten Zweige. 

„Fearghas, ich laufe zum Haus und helfe Vater. Versprich mir, dass du ausnahmsweise genau tust, was ich dir sage. Beweg dich nicht, bleib hier in diesem Versteck, bis ich dich holen komme, hast du mich verstanden? Dies hier ist sehr gefährlich, hörst du?“ Eindringlich ergriff er den kleinen Bruder an den Schultern und schüttelte ihn. „Versprich es mir!“

„Ich verspreche es dir, Eoghan.“ 

Fearghas drückte sich so fest zwischen die Büsche, dass er fast mit ihnen verschmolz. Nur seine großen, erschrockenen Augen konnte er noch erkennen.

„Gut so. Ich komme zurück, so schnell ich kann.“

Eoghan streichelte ihm über das Haar, dann war er verschwunden. Fearghas hörte Schreie, die vom Hof der Eltern zu ihm hinaufdrangen, und das Klirren der Schwerterklingen. Nicht die Kampfgeräusche waren es, die ihm nun tatsächlich große Angst machten, nein, es waren diese schrecklichen Schreie. Keine wütenden oder siegessicheren, sondern die Schreie einer Frau. Es waren die Schreie seiner Mutter, die ihn zittern ließen. Seine Hand umklammerte den dünnen Strick, an dem Eoghan den heutigen Fang aufgehängt und ihm zum Tragen gegeben hatte. Das Seil schnitt ihm ins Fleisch und dennoch dachte er keine Sekunde daran loszulassen. Eoghan vertraute ihm und er war nicht willens, den großen Bruder zu enttäuschen. Zu den Schreien seiner Mutter kamen nun auch noch die helleren, verzweifelten seiner großen Schwester. Was geschah dort nur? Man griff den Hof an, seine Familie, und er durfte nicht helfen?

„Beweg dich nicht“ waren die Worte seines Bruders gewesen. Leichter gesagt als getan, wenn seine Mutter Hilfe brauchte. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus und krabbelte vorsichtig – darauf bedacht, seine Deckung nicht aufzugeben –auf den Felsblock. Auf der anderen Seite ließ er sich heruntergleiten, wobei er auf die ihm anvertraute Beute achtete. Nervös kniff er die Augen zusammen und spähte hinüber zum Hof. Er hatte sehr gute Augen.

Was er erblickte, brannte sich auf ewig unauslöschlich in seinen Geist. 

Eoghan kämpfte wie ein Besessener, griff einen Mann an, der mit seinem hellen Haar hervorstach. Tatsächlich verpasste sein Bruder ihm einen Hieb ins Gesicht, traf ihn direkt über dem Auge. Blut lief über die Wange des Fremden. Der holte rasend schnell aus, sein Schwert prallte auf Eoghans Hand und dessen Waffe entglitt seinen Fingern. Eoghan griff nach seinem Dolch. Fearghas sah, wie sich der große Mann umdrehte, seinen Bruder blitzschnell im Nacken packte und ihn schüttelte wie einen ungehorsamen Hund, sah, wie Eoghan versuchte, sich zu wehren, doch seine Hand, die das Messer hielt, kam nicht einmal in die Nähe des Fremden. 

Der Mann lachte. Der Kerl lachte, während er seinem Bruder mit dessen eigenem Messer die Kehle durchtrennte. Fearghas hörte einen weiteren, markerschütternden Schrei der Mutter, die mit ansehen musste, wie ihr Sohn starb. Sein Bruder sank zu Boden, während überall um und an seinem Körper Blut war. Eoghan war tot.

Fearghas verstand nicht, was der Ritter mit den hellen Haaren dann mit seiner Mutter machte, er verstand nicht, warum er das tat, sie so grob anfasste, während sie weinend vor ihm lag. Doch er begriff, dass sie unbeschreibliche Angst hatte und dass der Mann ihr heftige Schmerzen zufügte. Einer der anderen verfuhr ebenso mit seiner Schwester. Warum? Was geschah da unten? Nein, er konnte nicht einfach hier sitzen, er musste hin, helfen. Eoghan sagte doch immer, er solle tapfer sein. Nun musste er diesen Männern sagen, dass sie aufhören sollten, seiner Mutter und seiner Schwester wehzutun. Er versuchte aufzustehen, aber seine Beine verweigerten ihm den Gehorsam, er zitterte wie noch nie zuvor, zitterte so sehr, dass seine Zähne aufeinanderschlugen, so laut, dass er glaubte, die Fremden müssten es hören. Dann hob der Hellhaarige sein Schwert. Fearghas wollte schreien, doch kein Laut drang aus seiner Kehle. Er sah, ohne wirklich zu begreifen, was geschah, wie der Mann das Schwert mit einem lauten Schrei in den Leib seiner Mutter stieß. Fast gleichzeitig drängte sich einer der anderen nahe an seine Schwester, die kurz darauf langsam in sich zusammensank. 

Nein! Wieso? Was hatten sie getan? Warum nur geschah das alles? Endlich erblickte er auch seinen Vater wieder, der zusammengekrümmt am Boden lag. Rauch stieg nun auch aus dem Dach der Scheune und des Stalles. Doch sie verbrannten die Tiere nicht, nein, sie holten sie aus dem Stall, bestiegen ihre Pferde und trieben unter lauten Rufen das Vieh vom Hof. Die Verwundeten ließen sie ebenso zurück wie die Toten in ihrem Blut. Er konnte nicht mehr atmen, die Angst schnürte ihm die Kehle zu und ihm war kalt, schrecklich kalt. Endlich bewegten sich seine Beine wieder. Noch immer die Fische sorgsam festhaltend, stolperte er mehr zum Hof, als dass er lief. Zwei der Knechte lagen in ihrem Blut direkt am großen Gatter, seine Mutter lag vor dem Haus, dort, wo der Mann ihr solche Schmerzen zugefügt und sie dann mit dem Schwert durchbohrt hatte. Zaghaft streichelte er ihre noch warme Wange. 

„Mutter? Mutter, bitte sag doch etwas. Ich bin es, Fearghas.“

Dass seine Mutter nie wieder zu ihm sprechen würde, erkannte er, als er die riesige Wunde sah, die in ihrer Brust klaffte. Es sickerte kein Blut mehr heraus und doch lag seine Mutter in einem See von Blut. Auch seine Schwester war ebenso tot wie sein geliebter Bruder. Der Mann hatte ihr mehrmals ein Messer in den Bauch gestoßen, und ihr gesamter Körper war voller Blut. 

„Fearghas, komm zu mir. Rasch, mein Junge.“

Zuerst glaubte er, er hätte sich verhört, doch sein Vater streckte seine Hand nach ihm aus. „Junge, komm zu mir. Lass dich ansehen. Noch ein letztes Mal.“

Auf wackeligen Beinen lief er zu seinem Vater, fiel neben ihm auf die Knie. 

„Warum ein letztes Mal? Vater, du wirst wieder gesund. Du lebst doch.“ Seine Hand flatterte hilflos über den Körper des Vaters, während die andere den Strick weiter umklammerte. „Bitte, Vater, stirb nicht. Bitte lass mich nicht allein. Was soll ich denn tun? Vater, so hör doch.“ Bittere Tränen weinend, warf er sich über den Körper des mächtigen Chieftains.

„Fearghas, ich sterbe, hör mir gut zu.“

Er fühlte die große Hand des Vaters, die sich liebevoll auf seinen Hinterkopf legte. Die Finger gruben sich in sein Haar. „Mein tapferer kleiner Junge, mein Sohn. Ich werde nicht da sein, werde nicht sehen, wie du zum Mann wirst. Doch du lebst. Vergiss niemals, wer du bist.“

Fearghas fühlte das Beben, das durch den großen Körper ging, und als er den Kopf hob und den Vater aus tränenblinden Augen ansah, erkannte er das dünne, rote Rinnsal, das diesem aus dem Mund lief. Er wollte etwas sagen, sein Vater aber kam ihm zuvor.

„Lauf zu Graham und Cailin. Sie werden für dich da sein. Und noch etwas, das du nie vergessen darfst: Gib niemals deinen Stolz auf. Es wird der Tag kommen, an dem er alles sein wird, das uns noch bleibt.“

Die Hand seines Vaters glitt langsam von seinem Kopf. 

„Nein, Vater, nicht, bitte nicht allein lassen, bitte bleib bei mir. Sag doch etwas.“ 

Fassungslos, voller Angst und in Hilflosigkeit erstarrt, saß er stundenlang neben seinem toten Vater. Erst als die Dämmerung hereinbrach, erhob er sich, rannte vom Hof über die Ebene. Er rannte, ohne auch nur einmal stehen zu bleiben. Sein Körper bestand nur noch aus Schmerz, flammendem Schmerz, der sich durch seinen schmalen Brustkorb fraß. 

Cailin stellte den schweren Korb, mit dem sie gerade das Holz ins Haus tragen wollte, erstaunt wieder ab. Im letzten Licht des Tages erkannte sie eine kleine Gestalt, die wie von Teufeln gehetzt über den schmalen Pfad rannte, der zu ihrem Haus führte.

„Bei allen Heiligen, Fearghas!“ Sie erkannte den jüngsten Sohn des Chieftains sofort und ahnte, dass etwas geschehen sein musste. Er erreichte den Hof, und sofort eilte sie auf ihn zu und breitete die Arme aus. Genau im richtigen Augenblick, denn der Kleine strauchelte, und es gelang ihr gerade noch, ihn aufzufangen. Während sie ihn hochhob, löste sie sanft den Strick aus seiner kleinen Hand, der sich tief in das Fleisch geschnitten und eine blutverschmierte Strieme hinterlassen hatte. 

„Gib mir die Fische, Fearghas, na komm, ich achte darauf. Was ist passiert? Du bist ja ganz außer dir.“

Das Kind konnte nicht mehr atmen, es drohte in ihren Armen das Bewusstsein zu verlieren. Sie rief nach Graham, ihrem Gatten, sowie ihrem Ältesten Adair, lief zum Brunnen, schöpfte kühles Wasser und ließ es langsam über das hochrote Gesicht laufen. „Kind, hörst du mich?“ 

Diese Augen. Nie mehr würde Cailin diese Kinderaugen vergessen können. In namenlosem Entsetzen weit aufgerissen, starrten sie ins Leere. Sanft streichelte sie seine glühend heiße Wange. „Fearghas, bitte, du musst mir sagen, was los ist.“

Hinter ihr tauchte Graham auf. Wortlos bedeutete sie ihm, zu schweigen. 

„Tot, sie sind tot. Sie haben sie alle getötet.“ 

Als sei ein Damm in dem kleinen Jungen gebrochen, schossen Tränen in seine Augen, liefen in Sturzbächen über sein Gesicht. Seine Arme schlossen sich in der offensichtlichen Suche nach Schutz und Trost fest um Cailins Hals. 

Graham stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Sofort schickte er Adair aus, um seine Leute zusammenzurufen, sattelte die Pferde und ritt, begleitet von allen Männern, derer er in der kurzen Zeit habhaft werden konnte, zum Hof seines Clanführers.

Cailin ging mit Fearghas ins Haus und versuchte, ihn dazu zu bewegen, etwas zu trinken, doch er weigerte sich, sie loszulassen. Fragen wollte sie ihn nicht, denn sie ahnte, dass das, was dieser kleine Kerl erlebt hatte, zu viel für ein Kind gewesen war. Also setzte sie sich mit ihm in den großen Stuhl am Fenster, hielt ihn einfach nur fest umschlungen und streichelte sein schweißnasses Haar. Lange Stunden saß sie so, ehe ihr die gleichmäßigen Atemzüge des Kindes sagten, dass es eingeschlafen war. Aber sie wagte es nicht, es in ein Bett zu legen und so wartete sie, in der bangen Hoffnung, dass es doch nicht so schlimm sein könne.

Es war bereits weit nach Mitternacht, als die Männer zurückkehrten. Cailin musste nicht fragen. Die versteinerten Gesichter, der Zorn in Grahams Augen, all das war genug, um ihr zu zeigen, dass ihre stillen Gebete vergebens gewesen waren.

„Wirklich alle?“ 

Graham nickte grimmig. „Alle! Ewan, seine Frau, das Mädchen, Eoghan und alle Bediensteten. Das war eine deutliche Warnung an uns alle, an den ganzen Clan MacMahon. Sie haben sie nicht einfach nur getötet, sie haben sie abgeschlachtet. Sie zu begraben, ein anständiges Begräbnis, war alles, was wir noch für sie tun konnten.“ Sein Blick fiel auf den schlafenden Fearghas. „Er hat wirklich niemanden mehr. Ich weiß, dass Ewan gewollt hätte, dass er bei uns aufwächst. Cailin, ich weiß, dass du auch so schon arbeitest bis zum Umfallen, und doch muss ich dich bitten, sich seiner anzunehmen.“

Sie schloss ihre Arme noch fester um den kleinen Körper. „Mich bitten? Nach allem, was geschehen ist? Graham, denkst du wirklich, ich könnte diesen kleinen Kerl im Stich lassen? Ich war bei seiner Geburt dabei, habe ihm auf die Welt geholfen, ich würde es nie übers Herz bringen, ihn allein zu lassen. Und Adair hat endlich den kleinen Bruder, den er sich so sehnlich gewünscht hat.“

Sachte strich Graham über den Kopf des schlafenden Jungen. „Er muss alles mit angesehen haben. Er hat die Mörder seiner Eltern gesehen. So etwas sollte nicht sein.“

„Alles was wir tun können ist, ihm Liebe und Geduld angedeihen zu lassen. Und wir können nur hoffen, dass er eines Tages vergisst.“ Ihr Mann neigte leicht sein Haupt und musterte den Kleinen lange. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, Cailin, er wird nie vergessen. Egal wie viele Jahre vergehen. Er ist ein Highlander.“

2.

Zimmer von Adair und Fearghas

Adair wachte von einem ungewohnten Geräusch auf. Er dauerte eine Weile, ehe er verstand, dass es leises Weinen war. Es kam aus dem Bett, welches seit einigen Tagen in der anderen Ecke seines winzigen Zimmers stand. Sofort war er auf den Beinen und lief zu seinem kleinen Ziehbruder.

„Hey, Fearghas, hast du wieder schlecht geträumt? Du brauchst keine Angst zu haben, wir passen auf dich auf. Niemand darf dir etwas tun.“

In dem Zwielicht, das von außen ins Zimmer drang, erkannte er das blasse Gesicht des Jungen sehr gut. Jede Nacht quälten den kleinen Kerl Albträume und rissen ihn aus dem Schlaf.

„Ich weiß, aber ich kann nichts dafür. Es kommt einfach so. Adair, ich habe so viel Angst.“

Er zog dem Jungen die Decke bis hoch zu den Ohren und stopfte sie dort fest. „Verstehe ich schon, aber wir schaffen es, dass es besser wird. Das verspreche ich dir. Ich bin zwar nicht dein richtiger Bruder, aber ich schwöre dir, dass ich gut auf dich aufpassen werde.“

„Wirklich?“ 

Es schnitt ihm ins Herz, als er in die Augen des Kleinen sah. „Ja, kleiner Bruder, wirklich. Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich das auch, verstanden?“

Fearghas nickte zaghaft. „Ja. Dann bin ich also nicht allein?“

„Nein!“ Adair schüttelte den Kopf. „Wir sind jetzt deine Familie. Du musst dich wirklich nicht fürchten.“

Eine kleine Hand stahl sich unter der Decke hervor und tastete nach der seinen. „Wenn du mein großer Bruder sein wirst, kannst du mir dann beibringen, richtig zu kämpfen?“

„Wie meinst du das?“

„Nun, wirst du mich lehren, wie man mit einem Schwert kämpft? Ich weiß, dass du es kannst. Ich habe dich und Eoghan oft beobachtet. Du bist richtig gut.“

„Danke, Kleiner. Aber hast du nicht noch etwas Zeit, ehe du lernst zu kämpfen? Du bist noch gerade mal fünf Jahre alt.“

Fearghas hob den Blick und sah ihm mit einer Entschlossenheit in die Augen, die ihn schaudern ließ. „Nein, ich habe keine Zeit. Wenn ich den Mörder meiner Familie wiedersehe, dann muss ich bereit sein.“

„Bereit wofür, Fearghas?“

„Bereit, um sie alle zu töten.“

Kilchoan, Lochaber, Hof von Graham und Cailin, 1507

„Was ist nun? Gedenkst du aufzugeben?“ Adair ließ das Schwert sinken und musterte sein Gegenüber mit herausforderndem Blick.

„Ganz gewiss nicht. Los, nimm dein Schwert auf und wehre dich, wenn du dich überhaupt noch traust.“

Adair war nun doch überrascht. „Lass es gut sein. Du kannst doch mittlerweile keine Kraft mehr in deinen Armen haben.“

Ihm antwortete ein leises, spöttisches Lachen. „Keine Kraft? Ich sagte, nimm dein Schwert auf. Ich werde dir beweisen, welche Kraft in diesen Armen steckt.“

Viel Zeit blieb Adair nicht. In letzter Sekunde riss er seine Waffe nach oben und hob seinen schützenden Schild über den Kopf. Schon donnerte die Klinge seines Gegners mit unerwarteter Wucht auf ihn nieder. Es kostete ihn einiges an Mühe, sich mannhaft zu wehren. Wenn er ehrlich war, so war er es, der langsam müde wurde. Allerdings ging es mittlerweile auch um die Ehre. Sich so einfach geschlagen zu geben, kam nicht in Frage.

Schon wieder krachte die Klinge auf seinen Schild und er warf einen besorgten Blick darauf. Dem guten Stück wurde heute einiges abverlangt. Geschickt drehte er sich nach rechts weg, parierte den Schlag seines Gegners und versuchte, diesem das Schwert aus der Hand zu schlagen. Ein Versuch, der gründlich daneben ging. Ehe er sich’s versah, flog hingegen sein Schwert durch die Luft, beschrieb einen eleganten Salto und wurde von seinem Gegenüber geschickt mit der Linken aufgefangen.

„Nun, wollen wir das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen? Bist du nun geneigt einzugestehen, dass du verloren hast? Es gibt da ein paar Umstände, die jetzt gerade sehr dafür sprechen.“

Adair holte tief Atem, ließ seinen Schild sinken und schenkte seinem Ziehbruder ein liebevolles Lächeln. „Schon gut. Ich gebe mich geschlagen, du bist der heutige Sieger.“

Er musterte den Jüngeren voller Stolz. Aus dem angsterfüllten kleinen Jungen war ein stolzer Highlander geworden. Mit gerade einmal siebzehn Jahren überragte er Adair bereits um fast eine Handbreite, obwohl er selbst beinahe sechs Fuß maß. Damit galt er als einer der Größeren im Clan. Fearghas jedoch wuchs ihnen allen über den Kopf. Erst vor wenigen Tagen hatte der freche Kerl seine Ziehmutter Cailin auf seinen Schultern quer über den Hof getragen, als diese sich beklagte, sie könne kaum mehr Schritt halten. Fearghas nannte Cailin Mutter und Graham Vater. Für ihn waren sie und Adair zu seiner Familie geworden. Adairs Besorgnis galt dem Umstand, dass Fearghas seit jener Nacht, in der er angekündigt hatte, die Mörder seiner Familie töten zu wollen, nie mehr darüber gesprochen hatte. Vergessen war es ganz sicher nicht. Schon wenige Tage nach den damaligen Geschehnissen bat Fearghas Graham, ihm ein Schwert zu geben, um damit üben zu können. Graham verwehrte ihm zwar den Wunsch, fertigte dem Kind jedoch ein sehr gutes Übungsschwert aus Holz.

Was der kleine Knabe, dessen Finger es gerade so schafften, den Griff der Waffe zu umfassen, schon nach wenigen Tagen damit zuwege brachte, erstaunte sie alle. Gleichaltrige Jungen im Clan waren schon bald ohne Chance gegen Fearghas. 

Adair nahm den kleinen Bruder unter seine Fittiche und lehrte ihn die Kunst des Schwertkampfes. Die Erfolge, die sie schon nach einigen Monaten vorweisen konnten, waren beachtlicher Natur. Graham war sichtlich stolz auf seine beiden Söhne. Kaum ein Tag war in den letzten zwölf Jahren ins Land gegangen, an dem Fearghas nicht seine Lehrstunde eingefordert hätte. Nur wenn Viehtriebe, Arbeit am Hof, das Zureiten von Pferden oder Vergleichbares zu tun war, ließ er sich dazu überreden, sich anderweitig vernünftig zu betätigen. Dies führte letztendlich dazu, dass der Junge heute nicht nur der beste Schwertkämpfer ihrer Familie war, sondern auch noch der bei weitem beste und geschickteste Reiter. Dass er, Adair, es gewesen war, der ihm all dies beigebracht hatte, machte ihn stolz. Nach wie vor aber fürchtete er sich vor dem Tag, an dem Fearghas’ Dämonen der Vergangenheit sich erneut zeigen würden. Adair war nicht so einfältig zu glauben, dass sein Bruder einfach vergessen konnte, was an jenem verhängnisvollen Tag geschehen war.

„Willst du weiter vor dich hinträumen oder bekomme ich eine Antwort darauf, ob ich dein Schwert gleich mit reinigen soll, nun, da ich es ja eh schon in Händen halte?“ Fearghas beäugte ihn sichtlich amüsiert.

„Krieg dich wieder ein, kleiner Bruder. Vergiss lieber nicht, wer es war, der dir all das beigebracht hat. Sonst könnte das eines Tages übel für dich und dein freches Mundwerk enden.“ Mit ernster Miene zog Adair seine Hand aus der ledernen Halterung seines Schildes.

„Verzeih Adair, ich wollte dich nicht kränken. Du kennst mich doch, meine Zunge ist flinker als mein Kopf.“ Das breite Grinsen des Jüngeren ließ seinen Anflug an Ärger rasch verrauchen.

„Das war ein Scherz, du freche Kröte. Wie könnte ich dir böse sein, nachdem du mir vor Augen führst, was für ein exzellenter Lehrmeister ich war. Und nun geh und poliere unsere Waffen auf Hochglanz. Auf dass die gefürchteten MacLennoch-Brüder wieder in den nächsten Kampf ziehen können.“

Grinsend nickte Fearghas. „Aye, ich gebe mir Mühe.“

Adair streckte sich kräftig, um die angespannten Muskeln zu entkrampfen. „Davon gehe ich aus.“

Fearghas eilte mit ausholenden Schritten zu den Stallungen und dort zu dem großen Holzblock, an dem sie ihre Schwerter wieder auf Hochglanz brachten, schliffen oder gar neue schmiedeten. Graham, der sich auf die Kunst des Schmiedens gut verstand, hatte es ihm bereits mehrmals gezeigt und es bereitete ihm Freude, diese herrlichen Waffen zu bearbeiten. Der beste Waffenschmied des Clans war Corran, dessen Geschicklichkeit er immer wieder aufs Neue bewunderte. Nach dem Tod seines Vaters war Graham zum Chieftain des einstigen MacMahon Clans ernannt worden. Nun war er es, der direkt unter dem Laird von Mingary stand und die Interessen des Clans bei diesem vertreten musste. Eine gute und weise Entscheidung. Der Name MacMahon musste nach dem grausamen Massaker an Fearghas’ Familie aus den Köpfen der Menschen und – mochte es auch noch so sehr schmerzen – aus den Annalen der Geschichte verschwinden. Vor allem aber Ewans Jüngster musste spurlos verschwinden und galt als ebenso tot wie der Rest der Familie. Der Mord an den MacMahons war niemals gesühnt worden. Selbst als Graham in jenen Tagen mit weiteren Männern des Clans auf Burg Mingary bei dem alten Laird vorstellig wurde, um sein Anliegen vorzutragen, die Schuldigen zu suchen und bestrafen, wurde dies abschlägig beschieden. 

„Räuber und Strauchdiebe durchwandern derzeit die Highlands. Es ist uns unmöglich euch alle zu schützen. So bedauerlich der Tod Ewan MacMahons und seiner Familie auch ist, ich kann euch beim besten Willen nicht helfen.“ Die Worte des Lairds waren blanker Hohn. Burg Mingary hatte fremden Rittern und marodierenden Söldnern stets Obdach gewährt. Die Clanleute begriffen nur zu gut, dass es hier um hohe Politik ging, um etwas, das der Laird über seine Highlander stellte, etwas, das ihn selbst das Leben kosten könnte. Graham hatte die Angst in seinen Augen gesehen. Anstatt seine Leute zu schützen, was seine Pflicht gewesen wäre, verschloss er die Augen vor dem, was man ihnen antat.

Fearghas hatte nicht ein einziges Wort vergessen, nicht eine einzige Sekunde jenes verhängnisvollen Tages, der so verheißungsvoll begonnen hatte. Irgendwann würde er vor den Toren Mingarys stehen und den Laird herausfordern. Er lernte, er beobachtete und er übte – manchmal sogar Tag und Nacht. Den Laird für seine frechen Lügen zur Verantwortung zu ziehen, war ihm nicht vergönnt gewesen. Vor etwa drei Jahren war der Alte gestorben, wie es sich für einen feigen, hinterhältigen Lügner geziemte: Seine Gattin hatte ihn bei einem Dinner vergiftet, nachdem er seinen einzigen und noch viel zu jungen Sohn in einen Kampf mit rebellierenden Highlandern geschickt hatte, die seine Machenschaften nicht länger hinnehmen wollten, und dieser dabei sein Leben verlor. Sie selbst hatte sich noch in derselben Nacht von den Zinnen der Burg aus in das tosende Meer gestürzt. Fearghas schüttelte sich, wenn er daran dachte. Die Frau war eindeutig tapferer gewesen als ihr verlogener Gemahl.

Sorgsam reinigte und polierte er die Schwerter. Liebevoll nahm er seines und hielt es ins langsam abnehmende Licht der Sonne. Er war stolz auf diese wunderbare Waffe.

Erst vor etwas über zwei Jahren hatte ihn Graham am frühen Morgen zu sich gerufen. „Junge, falls du es vergessen haben solltest, heute ist dein Geburtstag. Fünfzehn Jahre alt bist du nun schon. Es ist also an der Zeit, dich mit einer anständigen Waffe auszustatten, einer eigenen Waffe, keine aus meiner alten Kammer. Du bist ein guter, ein mutiger Kämpfer. Wann immer wir uns verteidigen mussten, habe ich dich mit großem Stolz beobachtet. Fearghas, du bist ein wahrer, ein tollkühner Highlander geworden. Daran, dein vorlautes Mundwerk in den Griff zu bekommen, solltest du noch arbeiten. Das könnte dir noch das ein oder andere Problem aufhalsen. Aber das ist heute unwichtig. Hier, mein Sohn, dein erstes gutes und neu geschmiedetes Schwert.“

Fearghas war sich in jenem Augenblick nicht ganz darüber im Klaren gewesen, was ihn glücklicher machte: der Umstand, dass Graham ihm ein eigenes Schwert schenkte oder die Worte „mein Sohn“. Dankbar und mit Tränen in den Augen hatte er nach dem Schwert gegriffen und war sicher, dass es eines Tages den Hals des feigen Mörders seiner Familie durchbohren würde.

Behutsam steckte er die nun wieder scharf geschliffene Klinge zurück in die Scheide. Adairs Schwert behandelte er mit der gleichen, liebevollen Sorgfalt wie das seine. Die Meinung des Älteren und dessen Anerkennung bedeuteten ihm so viel. Adair ahnte nicht, wie sehr er ihn bewunderte … und liebte. Gewiss würde er Eoghan, seinen wahren Bruder, niemals vergessen, Adair jedoch war ihm so sehr ans Herz gewachsen, dass er ihm die gleichen Gefühle entgegenbrachte. Mochten alle anderen es auch vergessen haben, er erinnerte sich nur zu gut an die zahllosen Nächte, in denen er weinend mit der unbeschreiblichen Angst und den blutigen Erinnerungen gekämpft hatte. Adair war immer für ihn da gewesen. Geduldig hatte der Ältere ihn in den dunklen Nächten getröstet und versucht, ihm die Angst zu nehmen. Und er war erfolgreich gewesen, sogar mehr, als er ahnen konnte. Immer mehr war seine Angst vergangen und hatte sich in blanken Hass gewandelt. Niemals würde er den Mann vergessen, der die Mörder angeführt hatte. Sein auffälliges, hellblondes Haar, sein Gesicht in Verbindung mit der Narbe, die aus der Wunde resultierte, die Eoghans Schwertstreich ihm beigebracht hatte – ein Blick und er würde ihn erkennen. Fearghas machte sich keine Gedanken um die Zukunft, darum, was aus ihm werden sollte. Sein einziges Ziel war Rache. Was danach kommen würde? Er wusste es nicht.

Derzeit hieß es, das Vieh zu versorgen, das Gemüse zu ernten, sich darum zu kümmern, dass genug Holz vorrätig war, und seinem Vater dabei zu helfen, die Speisekammer mit Fleisch zu füllen. Er war ein ausnehmend geschickter Jäger, das wusste er. Dass er seine Beute nicht selten aus den Wäldern und Ebenen des neuen Lairds holte und ihn damit nach landläufiger Meinung beraubte, wusste er auch. Es war ihm schlicht egal. Schließlich wollte der neue Laird, der nun auf Burg Mingary residierte, ja auch pünktlich seine Abgaben haben. Wie sollte man mit leerem Magen, der nur ein paar Rüben, Kräuter und Brot bekam, seinen Hof bestellen und dann auch noch einen Teil der Erträge abgeben? Fearghas sah das nicht ein. Im Meer waren Fische, in den Flüssen ebenso. War denn das, was die Natur ihnen schenkte, nicht für alle da? 

„Fearghas, die Fische in der Ardnamurchan-Region sind Eigentum des Lairds. Die kannst du nicht einfach fangen.“ Adair war ab und an einfach viel zu vernünftig.

Seufzend hatte er ihm geantwortet, dass er das sehr wohl könne. „Denkst du, der Kerl da oben in seiner ach so feinen Burg kennt jeden Fisch einzeln und mit Namen? Callum, alter Freund, heute schon weit geschwommen? Gütiger Himmel, Adair, der Mann bekommt das hart erschuftete Geld der Highlander dafür, dass er da oben residiert und uns angeblich verwaltet? Verzeih mir! Verwaltet? Dass ich nicht lache. Aber verwalten klingt nun mal besser als ausbeuten.“

Adair war eindeutig besorgt um ihn. „Junge, du redest dich eines Tages noch um Kopf und Kragen. Lern bitte endlich, wann du einfach schweigen solltest. Es würde mich wirklich beruhigen, wenn du das zuwege brächtest. Und lass die Finger von seinen Fischgründen.“

„Dein Wunsch sei mir Befehl, mein Bruder. Dann schieße ich eben wieder sein Wild.“ 

Adairs hilfloser Blick war erheiternd gewesen.

Beide Schwerter waren wieder in perfektem Zustand und Fearghas sehr zufrieden mit sich. Er brachte beide in die Kammer, in der die MacLennochs ihre Waffen aufbewahrten, und hängte sie sorgfältig auf. Keine Minute zu früh, denn schon rief Cailins Magd zum Abendessen.

3.

Später Juni, Highlands

Der Sommer in den Highlands war einfach herrlich. Fearghas liebte diese Jahreszeit. Es war wärmer, die Umgebung begann zu leben. Grüne Ebenen, Blumen, Kräuter und über allem dieser unbeschreibliche Duft. Wilder Lavendel und Rosmarin, Thymian, Kamille und Beifuß. Überall blühte der Ginster und seine leuchtend gelben Blüten überzogen die Ebenen. Auch regnete es nicht fortwährend, was ihm gerade auf der Jagd entgegenkam. Patschnass durch die Wälder oder in geduckter Haltung durch die Grasebene zu streifen war wenig erstrebenswert. Aber jetzt, im Sommer, war es warm und es gab Wildtiere in Hülle und Fülle. Wild, das – wenn man Adair Glauben schenkte – einzig dem Laird zur Jagd vorbehalten war. 

„Irgendwo hier muss er sein.“ Fearghas ließ seinen Blick über die Ebene schweifen.

„Irgendwo hier muss wer sein?“ Adair konnte ihm offensichtlich nicht folgen.

„Der Hirsch, den ich schon seit Tagen verfolge.“

„Bist du denn nun von allen guten Geistern verlassen?“ Adair fuhr sich nervös durch die langen, dunkelroten Haare. „Hasen, kleine Tiere, mal ein Wildschwein – schlimm genug, dass du vor dem Eigentum des Lairds keinerlei Respekt zeigst, aber ein Hirsch? Du bist dir dessen bewusst, dass nicht du es bist, der über dieses Land herrscht?“

Fearghas musterte Adair schmunzelnd. Sein Bruder war eine eindrucksvolle Erscheinung. Groß, breitschultrig, das dichte, lange Haar im Nacken von einem Lederband gebändigt, dazu das kantige Gesicht der MacLennochs und Cailins hellgrüne Augen. Das Reiten und die viele körperliche Arbeit sorgten dafür, dass sie beide über kräftige Muskeln verfügten. Warum Adair in Bezug auf den Laird zum Hasenfuß mutierte, wollte sich Fearghas nicht erschließen. „Du kennst doch meine Meinung, großer Bruder. Herrsche und teile! Ein Spruch, den ich bei unserer Mutter aufgeschnappt habe und der mir ausnehmend gut gefällt. Er soll herrschen, ich teile einstweilen. Was ist daran auszusetzen?“

Adair schüttelte mit ratloser Miene den Kopf. „Fearghas, dir ist wirklich nicht mehr zu helfen. Wir sind mitten in der Jagdzeit. Der Laird kann jeden Moment hier auftauchen, wenn seine Leute ihm erzählen, dass sich ein kapitaler Hirsch in der Gegend herumtreibt. Denkst du, es würde nicht auffallen, wenn du ihn wilderst?“

Er zuckte achtlos mit den Schultern. „Der Augenschein vermag zu trügen. Also ich habe hier noch nie einen Hirsch gesehen.“

„Fearghas! Du machst mich wahnsinnig.“

„Unsinn. Was hast du denn? Der Laird braucht weder das Fleisch, noch schießt er die Tiere für seine Leute. Er tut es nur zu seinem eigenen Vergnügen, und darum habe ich kein schlechtes Gewissen.“ Er hielt mitten im Lauf inne. „Sieh doch, dort vorne geht es zu dem verborgenen See. Von der Ebene hat man einen herrlichen Blick darauf und auf den kleinen Wald. Wollen wir hinauflaufen?“

Adairs Blick zeigte deutlich, dass er glaubte, er hätte nun gänzlich den Verstand verloren. „Aber natürlich. Wir präsentieren uns dort oben, weithin sichtbar mit Pfeil und Bogen, inmitten der Ländereien des Lairds. Hast du sonst noch irgendwelche klugen Ideen?“

Fearghas schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Einige, aber ich könnte wetten, du möchtest sie erst gar nicht hören.“

„Dessen kannst du sicher sein. So warte doch.“ Adair blieb urplötzlich stehen, umklammerte Fearghas’ Oberarm und deutete mit nach vorne gerecktem Kinn in Richtung See und Bäume. „Hörst du es denn nicht?“

Nun war er verwirrt. „Was soll ich hören? Ich kann das Rascheln der Blätter unter den Hufen unseres heutigen Bratens vernehmen, ansonsten höre ich gar nichts. Nun komm schon weiter. Sonst war es das mit der vollen Speisekammer.“

Um Adair nicht noch mehr zu beunruhigen, lief er in geduckter Haltung auf den Wald zu. Der See lag direkt an einer hohen Felswand und wurde im Winter von einem Wasserfall gespeist, dessen Quelle sich in den umliegenden Bergen befand. Sein Wasser war klar und rein und furchtbar kalt. Das hielt Fearghas aber nicht davon ab, im Sommer dort ab und an ein erfrischendes Bad zu nehmen. Die Felsen am gegenüberliegenden Ufer des Sees mochten etwa fünfzig Fuß hoch sein und hinter ihnen ging es direkt hinaus in die freie Ebene. Fearghas lief weiter, ohne auf Adairs Einwände zu achten, und verschwand zwischen den Bäumen. 

„Dieser Junge raubt mir den letzten Nerv.“ Er hörte seinen Bruder schwer atmend direkt hinter sich.

Fearghas wandte sich um, legte einen Finger an die Lippen und bedeutete Adair zu schweigen. Er griff nach dem Kinn des Älteren und drehte dessen Gesicht in Richtung linkes Seeufer. Zwischen den Bäumen erschien ein wahrlich prächtiges Exemplar von einem Hirsch.

„Du musst wahnsinnig geworden sein. Dafür knüpfen sie dich am Marktplatz von Kilchoan auf, dessen bist du dir hoffentlich bewusst?“

Er bedeutete Adair erneut zu schweigen. Der Moment war günstig. Der Wind kam aus der Richtung des Tieres, so konnte es sie nicht wittern. Langsam und mit viel Bedacht zog Fearghas seinen Bogen von der Schuler und griff nach den Pfeilen, die er in einem selbst gebauten Köcher auf dem Rücken trug.

„Jetzt oder nie! Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen.“ Er lehnte sich vorsichtig an einen Baum, um guten Halt zu haben. Just in dem Augenblick, als er anlegte und die Sehne spannen wollte, vernahm er das Geräusch. Es klang zuerst wie eine entfernte Trommel. Langsam wurde das seltsame Dröhnen lauter.

„Ich verschwinde. Komm mit mir, und zwar rasch!“ Adair verschwand im Gebüsch.

Verschwinden? Nun, wo endlich in dieser Gegend einmal etwas zu geschehen schien, das nicht alltäglich war? Neugierig spähte er hinter einem Ginsterbusch hervor, der ihm gute Deckung bot. Seinen Bogen hielt er schussbereit in den Händen. Man konnte ja nie wissen. Langsam schälte sich aus dem Dröhnen ein gleichmäßiger Rhythmus. Pferdehufe! Adairs Worte kamen ihm in den Sinn: „Der Laird wird jagen“. Möglicherweise war es doch ein guter Gedanke, sich unsichtbar zu machen. Er duckte sich tiefer hinter seine Deckung und lauschte angestrengt. In das Wummern der Pferdehufe mischte sich lautes Geschrei. Wütendes, lautes Geschrei. 

Ehe Fearghas sich weitere Gedanken machen konnte, was zu tun war, brach aus dem niedrigen Gestrüpp auf dem Felsvorsprung am hinteren Ende des Sees ein gigantisches Pferd samt Reiter hervor. Der Reiter trug eine seltsame Kopfbedeckung und schrie erschrocken auf, doch es war bereits zu spät. Das Pferd war ihm eindeutig durchgegangen, er konnte es nicht mehr bändigen. Es verwunderte Fearghas nicht. Oft fügten diese edlen Herren ihren Tieren große Schmerzen zu, um sie gefügig zu machen. Er hatte Verständnis für jedes Pferd, das sich gegen diese Qualen auflehnte. Dieses hier tat es auf jeden Fall. Mit schrillem Wiehern stürzte es von den Felsen direkt in den See und sein Reiter mit ihm.

Aufgeregt hielt er den Atem an. Was sollte er nun tun? Während er noch seine Möglichkeiten abwägte, ungeschoren aus dieser Sache herauszukommen, tauchte das Pferd wild schnaubend wieder auf und begann, in Richtung Ufer zu schwimmen. Von seinem Reiter fehlte jede Spur.

„Vermaledeiter Trolldreck!“ Ihm war durchaus bewusst, dass der Reiter zum Gefolge des Lairds gehören musste, wenn dies eine Jagdgesellschaft aus Mingary war. Vielleicht war er sogar ein Adliger, wahrscheinlich gar einer der großspurigen Engländer, die sich hier unter den wohlwollenden Augen ihres Königs bereicherten. Nur half ihm das nicht weiter. Fearghas würde niemanden, der in solcher Not war, einfach ertrinken lassen. Er konnte es nicht. Seufzend warf er seinen Bogen in die Büsche, riss sich seine Jacke und die schweren Lederstiefel vom Leib und sprang in den See. Mit kräftigen Zügen schwamm er zu der Stelle, wo der Reiter untergegangen war. Er hielt die Luft an und tauchte. Das Wasser war eisig kalt, aber immerhin klar, und so erblickte er beim zweiten Versuch die Umrisse des Fremden. Er musste das Bewusstsein verloren haben, denn er hing bewegungslos etwa fünf Fuß vor ihm im Wasser. Es sah gespenstisch aus, insbesondere, da die Kopfbedeckung sich verschoben hatte und den Kopf des Mannes wie eine Maske wirken ließ. Fearghas überwand den Anflug von Erschrecken und griff beherzt nach den Armen des Mannes. Es kostete ihn viel Mühe, ihn zuerst an die Oberfläche und dann an Land zu schaffen. Keuchend zog er seine schwere Last ans Ufer und ließ sich schwer atmend neben ihm ins Gras fallen. Nur ganz kurz gönnte er sich eine Pause. Er wusste, dass er schnell handeln musste, wenn der Mann Wasser in den Lungen hatte – wovon auszugehen war. Er bemühte sich, ihm nicht ins Gesicht zu sehen, und tat, was ihn Graham gelehrt hatte. Gleichmäßig drückte er fest auf den Brustkorb des Fremden. Schon kurz drauf floss dem jede Menge Wasser aus dem Mund. Fearghas wunderte sich allerdings darüber, dass der Mann die Augen nicht öffnete. Hatte er sich bei dem Sturz doch schwerere Verletzungen zugezogen? Er bettete den Kopf des Fremden in seine linke Armbeuge und zog ihm mit der Rechten behutsam die lederne Haube ab. Kaum war sie verschwunden, wallten lange, weißblonde Haare über Gesicht und Schultern des Bewusstlosen. 

Ein Gesicht, in dem sich über dem rechten Auge eine auffällige, schartige Narbe befand. Ein Gesicht, das Fearghas niemals vergessen würde. 

Der Mann, dem er gerade das Leben gerettet hatte, war kein anderer als der Mörder seiner Familie. In einer Mischung aus Zorn und Entsetzen prallte Fearghas zurück. Fassungslos blickte er auf den hilflos vor ihm Liegenden. Hier war er, der Mann, der seit zwölf Jahren sein Denken, sein Handeln, seine dunklen Träume, ja, sein ganzes Leben bestimmte. Fearghas’ Hand tastete nach dem scharfen, kleinen Messer, das er stets im Bund seiner Reithose bei sich trug. Vor Aufregung zitternd umfasste er den Griff der Waffe. Hier lag der Mörder seiner Familie und war bewusstlos. Das durfte so nicht sein. Er wollte ihm ins Gesicht blicken, wollte ihm entgegenschreien, warum er sterben würde und warum es durch seine Hand geschehen würde. Einem Bewusstlosen die Kehle durchzuschneiden entsprach nicht seinen Vorstellungen von wahrer Rache. Dennoch. Der Mann war nicht allein hier unterwegs, soviel war sicher. Schon die Rufe, die vom gegenüberliegenden Ufer erklangen, bewiesen ihm, dass er richtig lag. Er musste es tun, sobald die Begleiter des Mannes einträfen, war diese Möglichkeit ein für alle Mal verloren. Schon hob Fearghas den scharfen Dolch, als plötzlich eine Stimme erklang. Voller Verzweiflung, voller Angst. 

„Vater! Mein Vater!“

Unschlüssig darüber, was er nun tun sollte, huschte Fearghas’ Blick zu dem Felsen, wo die Stimme ihren Ursprung hatte. Er erkannte die Gestalt eines Mädchens, sah langes, blondes Haar und hörte erneut die Stimme: „Vater, was ist mit dir? So sag doch etwas. Bitte, sei nicht tot. Ich bitte dich, sprich zu mir. Du da, sag mir, lebt er?“

Er kannte diese Angst, kannte das Gefühl der Ohnmacht, das sich in einem ausbreitete. Dieses junge Mädchen schien nur noch aus Angst zu bestehen. Nein, nicht so. Nicht auf diese Art und Weise. Der Dolch glitt ungesehen zurück in die Falten seiner Hose. „Dein Vater lebt. Er hat das Bewusstsein verloren, ich …“ Weiter kam Fearghas nicht. Hinter ihm brach ein wahres Inferno los. Dutzende Reiter tauchten wie aus dem Nichts auf. Hunde bellten, grobe Hände erfassten ihn und zerrten ihn von dem Verunglückten fort. Nur noch vage vernahm er die Stimme aus der Ferne. 

„So lasst doch von ihm ab. Er hat ihn gerettet.“

Nur schien sich leider niemand um die Worte des Mädchens zu scheren. Mit festem Griff riss man ihn auf die Beine und band seine Hände hinter dem Rücken. Ein hochgewachsener, hellhaariger Mann in edler Kleidung musterte ihn abschätzend. „Was zum Teufel tust du in dieser Gegend, Bursche? Du hast hier nichts verloren. Dies ist das Land des Lairds von Mingary.“

„Dessen Pächter wir sind, Mylord. Folglich ist es mein Recht, hier zu sein.“

In den Augen des Mannes blitzte Zorn auf. „Du wagst es, mich mit Frechheiten abzuspeisen?? Während der Jagdzeit hat kein Pächterpack etwas hier zu suchen.“

Langsam dämmerte es Fearghas, dass er bescheidener auftreten sollte, wenn ihm sein Leben lieb war. „Verzeiht, Mylord. Es lag nicht in meiner Absicht, Euch zu beleidigen oder zu verärgern. Ich war lediglich hier, um nach dem Viehtrieb ein Bad im See zu nehmen.“

Noch während er sprach, nahm er im Augenwinkel eine Bewegung wahr. Jemand reichte dem Mann seinen Bogen. Das war nicht gut.

„Sag bloß, du frecher Bursche. Du gehst also mit Pfeil und Bogen schwimmen?“

Fearghas schluckte. „Mylord, den Bogen brauche ich, um mich gegen die Wildschweine zu verteidigen, so mir denn eins begegnen sollte.“

Hinter ihm erklang ein heiseres, verhaltenes Lachen. „So so, Wildschweine, so sie denn hier wären.“ Ein wahrer Riese von Kerl schob sich an ihm vorbei. Er trug die Kleidung eines Soldaten, und zwar ausnehmend schöne und gepflegte Kleidung. Sein dickes, rotes Haar war im Nacken zu einem Zopf zusammengefasst und sein Antlitz zierte ein gewaltiger roter Bart, in den sich erste graue Haare mischten. Helle Augen blitzen Fearghas beinahe schon freundlich an. „Moran, so haltet doch ein. Euer Bruder lebt und es sieht ganz danach aus, dass er das diesem Kerl hier zu verdanken hat. Caulder ist soeben wieder zu sich gekommen. Abgesehen davon, dass er das Pferd schlachten möchte, ist er einigermaßen guter Dinge.“

Moran schien nur kurz verunsichert. „So gut diese Nachrichten auch sind, bin ich nicht gewillt, diesen Kerl davonkommen zu lassen. Tatsache ist, dass niemand hier etwas zu suchen hat. Diese Gegend gehört nicht zum Pachtland. Ich traue ihm nicht. Wir nehmen ihn mit und setzen ihn auf Mingary erst einmal fest. Das wird ihn lehren, sich nicht auf fremdem Land herumzutreiben.“ Moran blickte sich um und winkte zwei mächtige Kerle herbei. „Wache, ihr nehmt den hier mit. Ich traue dem Bengel nicht über den Weg.“ An den imposanten Soldaten gewandt, fuhr er wesentlich leutseliger fort: „Aodhán, lass uns zu meinem Bruder gehen und sehen, was wir für ihn tun können.“

Die beiden verschwanden aus Fearghas’ Sichtfeld. Er hingegen wurde grob fortgezogen. Gerade als einer der beiden Wächter seine Handfesseln am Sattel seines Pferdes festzurrte, kam das junge Mädchen atemlos angerannt. Seine Haare hingen wild um sein erhitztes Gesicht. Ein ausnehmend hübsches Gesicht, wie Fearghas feststellen konnte. Es war ein ganzes Stück vom Plateau bis hier zum Ufer. Das Mädel war verdammt schnell, wie Fearghas bewundernd feststellte.

Nach Atem ringend wollte sie sich an den Pferden vorbeischieben, als sie die Fesseln an Fearghas’ Händen erspähte. Sofort blieb sie stehen.

„Was tut ihr da? Warum ist er gefesselt?“ Ärgerlich huschte ihr Blick von einem zum anderen.

„Befehl Eures Onkels, Mylady. Sprecht mit ihm, wenn Ihr Einwände vorzubringen habt.“ 

Die Augen des Mädchens verengten sich zu Schlitzen. „So also behandelt man den, der dem Laird das Leben gerettet hat? Na wartet.“ Und weg war sie. 

Leider nahmen die beiden Soldaten ihr Verschwinden zum Anlass, aufzusteigen und loszureiten. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihnen so gut und so schnell er konnte zu folgen, wenn er verhindern wollte, dass sie ihn wie einen frisch erlegten Eber hinter sich herzogen.

Dem Laird das Leben gerettet. Er hatte sie klar und deutlich verstanden. Also war der neue Laird auf Burg Mingary kein anderer als der Meuchelmörder, der seine Familie ausgelöscht hatte. Und was tat er? Zog diesen Teufel auch noch aus dem See und ließ ihn am Leben. Und warum? Wegen der angsterfüllten Stimme eines jungen Mädchens, der Tochter des Lairds. Fearghas hätte sich gerne die Faust vor die Stirn geschlagen ob seiner Dummheit. Das jedoch verhinderten seine Fesseln. Zornig und seinen Häschern hilflos ausgeliefert, stolperte er hinter den Pferden her.

Burg Mingary, Ardnamurchan 

„Was bringt ihr uns denn da und wo ist der Laird?“ Der Mann stand leicht gebeugt und war trotzdem noch immer fast so groß wie er selbst. Es schien sich um den Stallburschen zu handeln. Graues Haar, grauer Bart, ein einst wohl weißes Hemd und wollene, braune Hosen. Die Füße steckten in dreckstarrenden Lederstiefeln. 

„Das da ist, so wies aussieht, ein Wilderer, und der Laird sitzt tropfnass im Wald und schlachtet wahrscheinlich gerade sein Ross, das ihm durchgegangen und mit ihm gemeinsam in den Loch gefallen ist.“

„Oje, dann können wir nur hoffen, dass er wieder bessere Laune hat, bis die Jagdgesellschaft zurückkommt. Mylady Mairead ist euch nicht zufällig über den Weg gelaufen? Sie scheint sich in Luft aufgelöst zu haben.“ Fragend musterte er die beiden Wachen des Lairds.

„Leider ist sie das, Bhaltair. Sie war sogar zu Pferd unterwegs und stieß kurz nach dem Missgeschick des Lairds zu uns.“

Bhaltair kratzte sichtlich amüsiert seinen Bart. „Der kleine Wildfang. Es kommt der Tag, an dem sie sich wirklich in Schwierigkeiten bringt.“ Er wandte sich Fearghas zu. „Und dich stecken wir jetzt erst mal in den Turm, bis der Laird beschließt, was mit dir geschehen wird.“

Noch ehe Balthair mit ihm verschwinden konnte, warf einer seiner Wächter ein: „Behandel ihn nicht allzu hart. Ich müsste mich schon sehr irren, aber er war es, der den Laird aus dem See zog.“

„Ich werd den Burschen hegen und pflegen.“ Brummeln stapfte Balthair mit ihm davon. 

Staunend und neugierig ließ Fearghas seinen Blick über den Innenhof schweifen. Von Kindesbeinen an kannte er Burg Mingary. Die trutzigen, eindrucksvollen Mauern erhoben sich dem Anschein nach fast bis in den Himmel. Selbst hier, mitten im weitläufigen Burghof, konnte er hören, wie die Brecher des Meeres ans Ufer donnerten. Dass er sich einmal innerhalb der Burg befinden würde, hatte er sich schon lange gewünscht. Allerdings waren in seiner Vorstellung die Rahmenumstände ein wenig anders gewesen. Dass er nicht in den Himmel – oder wohl eher auf die Zinnen der gewaltigen Burg – starren, sondern darauf achten sollte, wohin er lief, wurde ihm schmerzhaft bewusst, als sein Schädel gegen einen Mauervorsprung krachte.

„Au, das tut weh.“

Balthair musterte ihn kopfschüttelnd. „Starr nicht in den Himmel, deine Probleme sind hier unten auf der Erde. Und achte darauf, wohin du läufst. Groß genug wärst du ja eigentlich. Wie alt bist du denn überhaupt?“

Fearghas rieb sich seine vor Schmerz pochende Stirn. „Siebzehn.“

„Bravo! Siebzehn und schon ein Wilderer. Du lässt es aber nicht gerade langsam angehen.“

Seufzend tastete er über sein schmerzendes Nasenbein. „Ich sagte es schon dem Bruder des Laird. Ich bin kein Wilderer.“

Sein Bewacher schüttelte nur erneut das graue Haupt. „Geht mich nichts an, Junge. Das müssen die edlen Herrschaften unter sich klären. Ich sperr dich jetzt erst mal zu den Ratten.“

Fearghas riss die Augen auf. Er kannte die Geschichten, in denen Ratten Gefangene fast gänzlich aufgefressen hatten. „Ratten?“

Über Balthairs Gesicht huschte ein Lächeln. „Schon gut, wollte dich nur ein bisschen erschrecken. Ich sperr dich in die alte Sattelkammer, da ist’s trocken und ganz passabel.“

Fearghas beschloss, Balthair zu mögen.

Das kleine, vergitterte Fenster lag hoch über ihm. Nur mit viel Geschick gelang es Fearghas, sich an vorstehenden Mauersteinen nach oben zu hangeln. Der Blick, der sich ihm bot, war die Anstrengung wert. Vor ihm lag der Burghof, in dem hektisches Treiben herrschte. Man schien sich auf die Rückkehr des Laird vorzubereiten. Frauen mit großen, gut gefüllten Körben eilten von links nach rechts und verschwanden in einer Tür, die wohl in die Küche führte. Allein wenn er an Küche oder Essen dachte, knurrte sein Magen laut. Wäre es nach ihm gegangen, so würden sie im Moment einen kapitalen Hirsch zerlegen und Cailin würde das Feuer schüren, um einen schmackhaften Braten zuzubereiten. Was tat er stattdessen? Hing an einem Fenster zum Hof in einer Kammer, in der alte Decken und Körbe herumlagen, und war ein Gefangener des Mannes, dessen Tod er sich so sehnlich wünschte.