Hildegard von Bingen - Maria Regina Kaiser - E-Book

Hildegard von Bingen E-Book

Maria Regina Kaiser

0,0

Beschreibung

In dieser beeindruckenden Biografie zeichnet Maria Regina Kaiser das faszinierende Porträt einer klugen und einzigartigen Frau. Exzellent recherchiert und spannend erzählt, geht es um eine der herausragendsten Persönlichkeiten des Mittelalters – um Hildegard von Bingen. Bereits als junges Mädchen wird Hildegard, sensibel, von Geburt an kränklich und immer wieder von Visionen heimgesucht, in die Obhut eines Benediktinerklosters gegeben. Dass die göttliche Stimme durch sie spricht, dass ihre Hände heilende Wirkung haben und sie unerschöpfliches Wissen über Medizin und Heilpflanzen besitzt, lässt das Kloster zur Pilgerstätte für Arme, Kranke und Bittende werden. Unter großen Widerständen sagt Hildegard sich schließlich von diesem Ort los, um – einer göttlichen Vision folgend – ihr eigenes Kloster nahe der Stadt Bingen zu gründen und dieses bis an ihr Lebensende zu führen. Das Kloster wird schnell eine sichere Zuflucht für Mädchen, die wie sie selbst nach Bildung und Erleuchtung hungern. Sie darf mit Einverständnis des Papstes predigen, die Bibel auslegen, schreiben und veröffentlichen. Sie schreibt Bücher über Religion, Medizin, Heilkunde, Musik und Mystik. Sie korrespondiert mit den größten Würdenträgern ihrer Zeit – darunter der Papst. Sie hilft den Armen, kümmert sich um die Kranken und wird schon zu Lebzeiten als Heilige verehrt. Gelehrte, Kirchenmänner und Herrscher schätzen sie bis ins hohe Alter als Gesprächspartnerin und suchen ihren Rat. Hildegard erteilte unerschrocken auch unangenehme Ermahnungen, selbst dem Herrscher Friedrich Barbarossa. Es ging um die großen Fragen der Zeit: den Kreuzzugsgedanken, die Katharer, das Verhältnis von Juden und Christen und die politische Rolle des Papstes. Trotz der Tatsache, dass viele Quellen zu ihrer Persönlichkeit, ihren theologischen Werken und ihrem Wirken existieren, wird die bedeutende Theologin und Intellektuelle heute in erster Linie als Kräuterheilerin und Diätratgeberin verstanden. Hildegard war aber beides: Theologin und Naturwissenschaftlerin, voll Neugier auf die Welt, Gottes Schöpfung, bereit, ihr umfassendes Wissen helfend anzuwenden. Maria Regina Kaiser gelingt es, das außergewöhnliche und vielschichtige Leben der ersten Universalgelehrten einzufangen und die dunkle Zeit des Mittelalters wieder lebendig werden zu lassen. Bis heute ist ihr Ruhm ungebrochen und ihre weitreichende Macht strahlt bis in die Neuzeit. Sie gilt als klügste Frau des Mittelalters und als mächtigste Visionärin ihrer Zeit. Die Romanbiografie enthält zahlreiche Illustrationen und Abbildungen, eine Zeittafel, Glossar, Personen- und Ortsverzeichnis und weiterführende Literatur.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 328

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



MARIA REGINA KAISER

HildegardVON BINGEN

DIE MÄCHTIGSTE NONNE DES MITTELALTERS

Romanbiografie

Titel der Originalausgabe: Hildegard von Bingen

Die mächtigste Nonne des Mittelalters

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung von BookaBook, der literarischen Agentur Elmar Klupsch, Stuttgart.

Programmleitung: Fitore Brahimi

Lektorat: Ariane Hug

Covermotiv: Catrin Welz-Stein

Layout und Umschlaggestaltung: Sabine Kunzmann

Vor- und Nachsatz: © geraria – shutterstock

Satz: Arnold & Domnick, Leipzig

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Das vorliegende Buch wurde sorgfältig erarbeitet. Weder Autorin noch Verlag können jedoch für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch genannten Hinweisen oder darin enthaltenen Rezepten resultieren, Haftung übernehmen.

ISBN (E-Book): 978-3-451-81403-7

ISBN (Buch): 978-3-451-38239-0

»Mächtig und stark ist das Unsichtbare«

Hildegard, Briefe XIV:PL171A

Inhalt

VORSPIEL —AUF DEM RUPERTSBERG IM JAHRE DES HERRN 1178

ERSTES BUCH —DIE JAHRE MIT JUTTA

Das Fest – Herbst 1102 • Die Überfahrt • Der Medicus oder: Strahlendes Licht • Das Gelübde • Die Heilerin • Nach Jerusalem! • Eine neue große Kirche • Aufbruch • Der erste Tag der Ewigkeit • Die Werkzeuge der geistlichen Kunst • Das Oratorium • Der Beichtvater • Die Augen des Lombarden • Otto von Bamberg • Grünkraft • Ein Garten irdischer Freuden • Richardis, vom Himmel geschickt • Wiedersehen • Endlich Wein • Lehrerin • Bezzos Bestrafung • Stellvertretung • Die Dornenkette

ZWEITES BUCH —MAGISTRA AUF DISIBODENBERG

Nachfolgerin • Erweiterung • »Schreibe es nieder« • Das Licht und die Literatura • Die Besserung • Wie eine Feder im Wind • Herbert, der Beichtvater • Scivias bewegt die Herzen der Zuhörer • Hildegards Brief an Abt Bernhard von Clairvaux • Der Spiegel und die Geheimnisse der Eucharistie • Prophetin • Der Berg am Rhein • Verstummt, erstarrt • Rebellion

DRITTES BUCH —AUF DIESEN FELSEN…

Der Auszug aus Ägypten • Einöde • Dürre Luftgeister • Der Philosoph • Der Brunnen • Die Geißel Gottes • Rückkehr zum Disibodenberg • Ein lebendiger Tempel Gottes • Eine hohe Ehre • Ein entsetzlicher Mann • Hildegard an die Äbtissin Richardis zu Bassum • Die sieben Laster • »Das Nächste ist das Fernste« • Begegnung mit dem König • Der Scholar • Epilog

ANHANG —GRUNDLAGEN DER ROMANBIOGRAFIE

Herkunft und Krankheit • Leben auf Burg Sponheim und auf dem Disibodenberg • Hildegards Wissen und Visionen • Das Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen • Richardis • Hildegards Theologie und ihr Weltbild • Die Botschaft über die Jahrhunderte hinweg

Zeittafel • Weggefährten und Orte • Glossar • Literatur • Zum Weiterlesen • Nachweise • Dank • Die Autorin • Die Künstlerin

VORSPIEL—AUF DEMRUPERTSBERGIM JAHREDES HERRN 1178

Ein kalter Windstoß blies über die felsige Anhöhe, auf der das Kloster mit seinen Türmen und Mauern in den blauen Oktoberhimmel ragte. Blätter stoben über die aufgerissene Erde des Friedhofs.

Es war einer dieser Tage, an denen Hildegard sich wieder wie ein junges Mädchen fühlte. Mit ihrer Priorin Ida gemeinsam hatte sie die Erde über den Gräbern aufgeharkt, eine ungewohnt mühsame Arbeit, bei der sie ins Schwitzen geraten war. Ida hatte den Großteil der Arbeit vollbracht, aber Hildegard war ebenfalls beteiligt gewesen. Trotz ihres Alters und der Lähmungen ihres Körpers hatte sie sich viel zugemutet.

»Der Winter wird mild«, murmelte sie. »Alle Sorgen werden ein Ende haben.« Sie hielt die Harke in der ausgestreckten Hand.

»Du bist im Irrtum, Mater«, sagte die Priorin mit erhobener Stimme und nahm die Hand vom Arm ihrer Meisterin. Für einen Augenblick wankte die alte Frau und suchte Halt an der Mauer der Kirche. Die beiden Nonnen standen auf dem Begräbnisort der Laien. Heute war die Erde darauf einheitlich umgegraben und gerecht, nur vereinzelte Unkräuter wucherten in den Ecken. Keines der einzelnen Gräber war mehr zu erkennen. Doch anders als die erzürnte Priorin schien die Äbtissin Hildegard hochzufrieden mit dem Zustand der Stätte.

»Du hast Gehorsam gelobt wie wir alle. Auch wenn unsere Kirchenoberen sich irren, müssen wir ihre Vorschriften einhalten. Die Obrigkeit vertritt Gott«. Hildegard, inzwischen über achtzig Jahre alt, eine kleine zierliche Frau, stützte sich auf die Harke und sah Ida, ihre übereifrige Stellvertreterin, lächelnd an. »Beruhige dich, Kind, bevor du weitersprichst.«

»Ich bin ganz ruhig. Ich sorge mich nur um den Bestand der beiden Klöster und die Zukunft meiner Mitschwestern.«

»Dunkle Wolken überschatten dich.«

»Es sind berechtigte Sorgen um die Zukunft, Mater.«

»Liebes Kind, wenn das Lebendige Licht zu uns spricht, müssen wir der Stimme Gottes folgen. Wem sonst wären wir untertänig?«

Ida trat einen Schritt zurück. Mit ihren siebzig Jahren fühlte sie sich nicht mehr als »Kind«. Trotz all ihrer Gebete war ihr niemals eine Vision zuteil geworden wie ihrer geistlichen Mater. Inzwischen war sie froh darüber. Zwischen ihr und dem Beichtvater gab es nicht viel, was sie rechtfertigen musste. Visionen hätten eine Frau der Tat, wie Ida es war, überfordert. Ida war seit ihrer Jugend an Hildegards Seite gewesen. Alle ihre Krankheiten, ihre Verzweiflung und die Entstehung ihrer Visionsbücher hatte Ida miterlebt. Manch eine Nonne hatte die Gemeinschaft wieder verlassen, einige waren gestorben. Andere hatten an den Visionen der Magistra gezweifelt. Auch Ida hatte manchmal insgeheim mit ihrer selbstbewussten Vorsteherin gehadert.

Jetzt aber stand die Existenz des Klosters auf dem Spiel. Ida liebte die Meisterin wie eine Mutter, und doch war sie in dieser Sache, die sich immer weiter zum Unangenehmen entwickelte, nicht mit ihr einig. Hildegard hatte einen exkommunizierten Ritter im Kloster aufgenommen. Das Lebendige Licht hatte ihr in dieser Sache folgendes verkündet: »Und ich hörte eine Stimme sagen: Wer hat den Himmel erschaffen? Gott. Wer schließt den Gläubigen den Himmel auf? Gott. Und darum, o ihr Gläubigen, darf Ihm keiner Widerstand leisten oder Ihm entgegentreten.«

Mildtätig war der junge Ritter gewesen, Korn hatte er kostenlos während der Hungersnot an die Menschen in Bingen verteilt. Auch Kloster Rupertsberg hatte er mehrfach beschenkt. Ein kurzes heftiges Fieber hatte ihn schließlich dahingerafft. Ein langer Beerdigungszug war dem Sarg gefolgt. Der Verstorbene hatte vor seinem Tod bereut, gebeichtet, die Ölung empfangen und die Kommunion durch seinen Capellanus, und so gestattete Hildegard das Begräbnis auf dem Klosterfriedhof.

Gott selbst bestätigte Hildegard in einer Vision, dass der Verstorbene nun erlöst war. Doch seine Bestattung verstieß gegen das Gebot des Domkapitels in Mainz und des Erzbischofs Christian: Die Äbtissin möge den Leichnam aus der geweihten Erde entfernen lassen, sonst drohe ihr das Interdikt, hieß es. Niemals würde sie die Leiche aus ihrer letzten Ruhestätte entfernen. Lasse sie es dennoch zu, würde die Finsternis einer großen Gefahr über das Kloster ziehen. Der Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg sprach sich bei dieser Gelegenheit für Hildegards Kloster aus. Wenigstens die Gottesdienstfeier ohne Musik und Gesang möge man doch den Rupertsberger Nonnen gestatten, bis der Mainzer Erzbischof Christian, der für diese Angelegenheit zuständig war, entschieden habe, bat er. Doch die Mainzer Domherren hatten nur finster geschwiegen. Und nun war aus Rom ein zweites Interdikt gekommen. Hildegard war vor den Mainzer Autoritäten niedergekniet, flehend und schluchzend, und Ida, die sie begleitete, war ebenfalls in Tränen ausgebrochen. Wieder einmal war die Äbtissin überzeugt davon, im Recht zu sein. Insgeheim fand Ida, man solle die Leiche ausgraben und vom Friedhof fortbringen, so wie die Mainzer es verlangten. Gott konnte nicht wollen, dass so viele Nonnen monatelang vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen blieben und somit ihr Seelenheil gefährdeten. Einmal im Monat pflegten die Nonnen zu beichten und den Herrenleib zu empfangen. Das war ihnen nun verwehrt, womöglich bis zur Stunde ihres Todes. Was, wenn eine von ihnen in diesem Zustand starb?

Ida hielt es außerdem für möglich, dass die Magistra die Vision diesmal nicht richtig gedeutet hatte. Womöglich hatte das Lebendige Licht etwas anderes verkündet. Einige Male hatte Ida schon erlebt, wie hartnäckig die Äbtissin auf etwas bestand, das allen anderen unsinnig erschien. Sie erinnerte sich an den ausgetrockneten Brunnen auf dem Rupertsberg, vor dem die Mönche von Disibodenberg seinerzeit zu Recht gewarnt hatten. Die Entbehrungen der ersten Zeit nach Hildegards Neugründung waren enorm und der darauffolgende Aufstand der Nonnen war Ida nur in zu guter Erinnerung. Tränen waren geflossen, böse Worte gefallen.

»Mater, die Ordnungen dieser Welt sind von Gott gesetzt. Wir als schwache Menschen müssen sie anerkennen. Verstoßen wir gegen sie, hat der böse Feind von uns Besitz ergriffen.«

»Liebes Kind, gib mir wieder deine Hand.« Widerstrebend ergriff Ida die Hand der Äbtissin, die sich warm und mütterlich anfühlte. »Das Schwarze in dir löst sich auf«, sagte Hildegard. »Geh in die Kirche und tu Buße. Bete zur Gottesmutter, dass sie dir hilft, sanft und mild zu werden.«

»Ich muss das Kloster retten«, rief Ida. »Du hast es an den Abgrund geführt, Mater.« Und alles wegen dieses adeligen Ritters, der sich mit einem anderen jungen Mann eingelassen hatte. Ob der Verstorbene seine Untat aber wirklich und wahrhaftig bereut hatte, hielten die Mainzer Domgeistlichen nicht für gesichert. Denn nicht öffentlich vor ihnen hatte er bereut, sondern erst in der Stunde seines Todes. Die letzte Entscheidung über die Aufnahme der Seele des Verstorbenen in die himmlische Wohnung liege nicht bei kirchlichen Stellen, sondern allein bei Gott, war Hildegards Auffassung in dieser Sache.

»Der Bann wird bald aufgehoben. Das Lebendige Licht hat es mir gezeigt. Wir werden wieder singen, den Gottesdienst in der Kirche feiern und die Kommunion empfangen.«

»Vielleicht irrst du dich, Mater. Vielleicht wird das Kloster zur Strafe aufgelöst.«

»Du wirst bald wieder singen und beten wie gewohnt.« Hildegard strich Ida über den Kopf wie einem Kind.

»Ich möchte unser Kloster nicht verlieren«, stammelte Ida. »Ich habe Angst, dass wir in andere Klöster gehen müssen. Dann ist hier alles vorbei.«

»Unser Konvent wird die Jahrhunderte überdauern«, sagte Hildegard und richtete sich auf. »Brände, Kriege und Wasserfluten werden es nicht zerstören. Auch in tausend Jahren werdet ihr die Stundengebete verrichten und meiner gedenken.«

»Hat das Lebendige Licht dir das gezeigt, Mater?«

Hildegard seufzte kurz. »Ich habe euch und eure Nachfolgerinnen in Eibingen über dem Rhein gesehen, in einer neuen Kirche.«

»Und Kloster Rupertsberg?«

»Schwere Wagen auf eisernen Schienen donnern durch unsere Gärten, mein Kind«, sagte die Äbtissin leise.

»Hier, wo wir stehen? Der Felsen ist fest in der Erde verankert.«

»Trau keinem Felsen, mein Kind. Verlass dich auf den Höchsten.«

»Und unsere Kirche?«, fragte Ida.

»Sorg dich nicht um Bauten aus Stein und um unsichere Felsen«, erwiderte Hildegard unwirsch. »Die Kirche ist in jedem von uns. Dort ist sie besser aufgehoben als an jedem möglichen Ort.«

»Aber was willst du jetzt tun, nachdem Erzbischof Christian entschieden hat?«

»Kind, der Brief an ihn wird heute mit dem Boten nach Rom reisen.« Sie habe Erzbischof Christian nochmals den wahren Sachverhalt geschildert. Zweifellos werde der Heilige Geist ihm Erbarmen mit dem Rupertsberger Kloster eingeben.

Hildegard mit Abtsstab und Kreuz im Schein des Lebendigen Lichts (Holzstich)

Ida folgte Hildegard langsam zur Kirche, dort kniete Hildegard nieder und stimmte flüsternd den achtzehnten Psalm an, laut durfte sie ja nicht mehr singen:

»Ich liebe dich, Herr, denn durch dich bin ich stark.

Du mein Fels, meine Burg, mein Retter …

Wenn ich zu dir um Hilfe rufe, rettest du mich vor den Feinden.

Ich preise dich, Herr.«

Die Priorin tat es ihr nach und murmelte mit, ihr Mut begann zu schwinden. Nicht mehr die Kommunion empfangen und nicht mehr singen dürfen… Das Interdikt war die härteste Strafe, die ein Kloster treffen konnte. Härter war nur noch die Auflösung, und selbst die war nicht ausgeschlossen. Sie verstummte, während Hildegard neben ihr ruhig weiterbetete. Bitterkeit stieg in Ida auf, als sie an den Mönch dachte, den sie mehr geliebt hatte, als einer Nonne erlaubt war, für den sie die Gemeinschaft der Schwestern für immer verlassen wollte. Es war anders gekommen. Der Geliebte hatte entschieden, Mönch zu bleiben, und der Liebe zu ihr entsagt. Das Kloster war kein Ort der Ruhe und des Friedens. Auch im Kloster mussten Entscheidungen getroffen werden, wurde geliebt und gehasst und gestorben. »Wie im Himmel, so auf Erden«, murmelte Ida. Trotz ihres Alters musste sie jetzt doch noch einmal mit ihrer Äbtissin kämpfen.

Hildegard erhob sich plötzlich, ohne nach dem Arm ihrer Priorin zu greifen. Das Gebet hatte sie gestärkt.

»Besser ist es für mich, in die Hände der Menschen zu fallen, als das Gesetz meines Gottes zu verlassen.«

Gefolgt von Ida verließ Hildegard die Kirche bedächtig. Zwei junge Männer, die über lange Zeit hindurch miteinander gesündigt hatten. Nun lag der eine von ihnen auf dem Friedhof von Kloster Rupertsberg in geweihter Erde, beschützt von Hildegard gegen die Prälaten in Mainz und ihren Zorn.

Für so einen setzt sie alles aufs Spiel, schoss es Ida durchden Kopf.

ERSTESBUCH—Die Jahre mit Jutta

DAS FEST – HERBST 1102

Der Festsaal auf Burg Böckelheim war mit Blumengirlanden geschmückt. Auf dem langen Eichentisch in der Mitte des Raums standen die Leckerbissen für das abendliche Festmahl bereit: frisches Brot, Töpfe mit heißer Suppe, Spieße mit gebratenen Fleischstücken. Am Morgen war das elfte Kind der Edelfreien Hildebert von Bermersheim und Mechthild getauft worden, die kleine Adela.

Die meisten Gäste waren schon am Tag zuvor oder im Lauf des Morgens eingetroffen, nur Graf Eberhard, der Bruder Mechthilds, hatte sich verspätet.

»Vielleicht kommt der Graf erst morgen früh. Der Weg vom Elsass ist weit und es hat Gewitter gegeben. Lasst uns niedersitzen und dem Mahl zusprechen«, rief der Burgherr über die Tafel.

Der Capellanus erhob sich und sprach den Segen über die Speisen.

Hildebert warf einen zufriedenen Blick auf seine älteren Kinder, zehn an der Zahl, die Gott ihm erhalten hatte bis zum heutigen Tag. Krankheiten und kleinere Unfälle hatten sie allesamt unbeschadet überstanden. Sein Blick blieb an der Zehntgeborenen, Hildegard, hängen. Sie saß auf dem Schoß ihrer Amme Samarel, ein hübsches Kind mit feinen Gesichtszügen, einer niedrigen Stirn und lebhaften blauen Augen. Sie als einzige war schwächlich und litt an einer sich verschlimmernden Krankheit, die sie oft ins Bett zwang. Außerdem musste man sich Sorgen machen wegen der seltsamen Dinge, die sie erzählte. Als die Jagdhündin trächtig war, hatte sie die Zahl der Welpen vorhergesagt, die sie doch unmöglich sehen konnte. Sogar die Farbe der Ungeborenen hatte sie gewusst. War die Kleine am Ende von dürren Luftgeistern besessen? Hatte der Teufel nach ihr gegriffen? In manchen Nächten weinte Mechthild bitterlich, wenn sie glaubte, Hildebert läge in tiefem Schlaf. Hildebert aber schlief selbst unruhig und hörte Mechthilds Weinen sehr wohl. Wie hätte er sie trösten können? Leise seufzte er auf. Keins seiner Kinder stand seinem Herzen so nah wie die seltsame Hildegard, die er und Mechthild gleich nach der Geburt Gott versprochen hatten.

Sie war erst vier, und doch klang ihre Stimme wie die eines älteren Mädchens. Die Tischgesellschaft schaute auf.

»Ein Wildschwein hat das Pferd von Onkel Eberhard angegriffen. Der Onkel ist vom Pferd gefallen und blutet am Kopf. Das Pferd ist in den Wald gerannt und der Diener sitzt am Boden neben dem Onkel und weint.«

Die Gäste am Tisch saßen wie erstarrt. Lachen und Reden verstummten schlagartig. Samarel hielt Hildegard den Mund zu.

»Sie erzählt nur wieder eine Märe«, rief Mechthild und versuchte ein Lachen. »Wie immer, wenn sie müde ist. Bring das Kind ins Bett, Samarel.«

Hildegard hatte sich aus Samarels Umklammerung befreit.

»Ihr müsst dem Onkel helfen. Er liegt am Bach bei der dreifachen Effe.«

Keiner dachte jetzt mehr an Essen. Die Frauen flüsterten miteinander. Hildebert war aufgestanden und rief den Knappen etwas zu. Drutwin, sein Ältester, zog sich die Stiefel über die Füße und rannte hinter ihm her. Die Jagdhunde, die unter dem Tisch auf ihren Anteil am Festessen gewartet hatten, sprangen hinterher.

»Ihr wollt doch nicht in den Wald?« Auch Mechthild hatte sich erhoben.

»Hildegard hat meistens recht«, rief der Vater und war schon auf dem Weg zum Marstall.

Allen Gästen blieb dieser Abend auf Burg Böckelheim in Erinnerung. Es war der Tag, an dem Graf Eberhard auf dem Weg zum Tauffest seiner Nichte Adela verstorben war, ein wehrhafter Mann in den besten Jahren, der nun nicht mehr am Kreuzzug teilnehmen konnte, wie er geplant hatte.

DIE ÜBERFAHRT

Am Himmel klumpten sich Wolken zusammen wie nasse Heuballen. Windböen peitschten über das Wasser. Der Fährkahn kämpfte sich quer zur Strömung zum anderen Ufer. Oberhalb der Felsen und Wasserwirbel des Binger Lochs war der Rhein tückisch. Angestrengt blickten die Fergen zum schräg gegenüberliegenden Halteplatz. Mit den langen Staken hinderten sie den Prahm, zu weit abzudriften.

Das blasse Mädchen mit dem dünnen Blondhaar saß auf dem Schoß ihrer Amme. Den Kopf an die Brust der beleibten Slawin gelegt, hielt es deren Hände.

»Alles wird gut«, murmelte Samarel. »Bald sind wir da.«

Der Boden unter ihnen schwankte. Um sie glitzerte und flirrte das Wasser. Der junge Jagdhund knabberte an Hildegards Schuhen. Manchmal sprang er an ihr hoch und verteilte seinen triefenden Speichel auf ihr. Der Prahm war groß genug, um auch die Esel aufzunehmen, die mit zusammengebundenen Füßen, geduldig an einem Strohhaufen knabbernd, ausharrten, außerdem den Karren für die Reise, die Mutter, Drutwin und den Edelknaben Volmar.

Beide Jungen waren blondhaarig, Volmar etwas dunkler als der hellblonde Bermersheimer, und sahen aus wie Geschwister. Volmar aber hatte braune Augen und dunkle Augenbrauen, was ihm in Hildegards Augen eine besondere Schönheit verlieh. Als Sohn einer befreundeten Familie von Edlen leistete er seinen Dienst vor der Schwertleite auf den Burgen Bermersheim und Böckelheim, angeleitet von Hildebert, der ihn auch auf seinen Reisen durch das Reich mitnahm. Als Vogt verwaltete Hildegards Vater die Burg Böckelheim. Nur selten konnte er sich um das heimische Gut in Bermersheim kümmern. Oft hielt er sich auch mit Frau und Kindern bei der Familie des Grafen von Sponheim an der Nahe auf. Die Zeiten waren unruhig, das Leben der Menschen unsicher. Blutige Fehden und Kriegszüge rafften manchen Ritter dahin. Kinder wurden zu Waisen, Frauen zu Witwen.

Immer wieder sah Hildegard zu dem Knaben hin. Vor einiger Zeit hatte sie ihm mitgeteilt, was sie ganz genau wusste: Sie und er würden für immer zusammenbleiben. Gott habe sie miteinander vereint. Volmar hatte verlegen aufgelacht. Es war unmöglich. Er war zum Ritter bestimmt und sie zur Klosterfrau. Nicht einmal mehr sehen konnten sie sich dann. Seit diesem Gespräch lächelte er ihr nicht mehr zu. Hildegard war keineswegs traurig. Edelknabe, Ritter, was auch immer, er gehörte an ihre Seite. Mit Samarel hatte sie darüber gesprochen. Auch die Amme widersprach, so einfach sei es nicht im Leben. Das, was Hildegard sich wünsche und vorstelle, könne sie nicht erzwingen.

Aber Gott habe es schon so bestimmt, versicherte die Kleine, worauf Samarel tief geseufzt und geschwiegen hatte. Hildegard war ein krankes Kind, alle wussten es inzwischen. Die Eltern, die Verwandten, das Gesinde, die Bauern in den Dörfern. Ein Kind, das immer wieder Tage und Wochen im Bett verbrachte, unfähig sich zu bewegen, Arme und Beine erstarrt. Schmerzhafte Krämpfe durchzuckten die gelähmten Gliedmaßen des Kindes, das still in sich hineinweinte und bemüht war, die Eltern nicht noch mehr zu bekümmern. Mit Gebeten und Kräutertränken versuchten die Amme und die Eltern, ihr zu helfen. Irgendwann war es dann so weit. Von einem Tag auf den anderen lachte sie wieder, erzählte sonderbare Geschichten, kletterte aus ihren Decken hervor und tappte vorsichtig durch die Räume der Burg. Es schien, als vermöchte die Kleine Verwandte in ihren weit entfernten Burgen zu beobachten. Am Ende hatte da noch der Teufel die Hände im Spiel.

Treppen steigen und sich im Freien bewegen konnte Hildegard erst Tage später und nur mit Mühe. Abends kauerte sie am liebsten unter dem schweren Eichentisch im Kemenatenzimmer auf dem Teppich und lauschte der Unterhaltung der Erwachsenen. Mit ihren Holzfiguren spielte sie »Kloster« und plapperte mit Personen, die niemand außer ihr sehen konnte.

Sorgenvoll betrachtete Mechthild von Bermersheim das kleine Mädchen auf dem Schoß der Amme. Sie stand aufrecht und unerschütterlich, eine kräftige Frau, noch jugendlich, der man die vielen Geburten nicht ansah. Sie trug ein helles wollenes Gewand mit blauseidenem Besatz am Saum und an den Ärmeln. Immer wollte sie die Gaben für das Kloster im besten Zustand überreichen. Selbst die Schafe wurden gebürstet, ehe der Hirte sie hinübertrieb.

»Sie wird dich heilen«, sagte Mechthild, in Gedanken schon bei der Heilerin in der Grotte bei Eibingen. »Du bist der Zehnt deiner Eltern an Gott. Unversehrt und gesund müssen wir dich übergeben.«

»Muss ich im Kloster herumlaufen?«, fragte die Kleine. Auf den Füßen zu gehen, gestützt von ihrer Amme, war mühsam. Hinterher tat ihr jeder Muskel weh und sie schlief dann stundenlang auch am Tag.

»Ach, mein Kind«, sagte die Mutter mit gepresster Stimme.

»Alles wird gut«, säuselte Samarel.

»Ich will alles tun, was man mir sagt. Nur herumlaufen möchte ich nicht. Es ist so schwer«.

Samarel und die Mutter schwiegen. Drutwin, Hildegards großer Bruder, sagte altklug: »Nur Gott kann sie heilen.«

Die Fergen schlugen die Staken in die Fluten, und Hildegard brach der Schweiß aus. Grelle Farben stiegen in ihr auf, das grünste Grün, durchbrochen von tiefem Schwarz und heißem Rot. Das Grün breitete sich aus, konnte Schwarz und Rot aber nicht auslöschen. Dafür brauchte es Zeit, und die gab es nicht. Rot und Schwarz schwollen wieder an und Hildegard packte die Angst.

Eine Reihe von Enten flatterte über dem Wasser und ließ sich darauf nieder. Mit einem Sprung setzte der junge Hund über den Bordrand und paddelte hinter ihnen her.

Alle schrien auf. Nicht wegen des Hundes in der schnellen Strömung, sondern der Jungen wegen. Drutwin und Volmar hatten sich hinter ihm her in die Flut gestürzt. Das Wasser war noch winterkalt. Zu kalt für einen erwachsenen Mann, musste es tödlich sein für die zwei mageren Knaben. Immerhin konnten sie schwimmen, was sie gewöhnlich im Fischteich vor der Burg zu tun pflegten.

Der eine Ferge hielt die Stake zu den beiden hinüber, die mit der Strömung kämpften, der andere brachte den Kahn mühsam auf Kurs. Ein einzelner Arm reckte sich für einen Augenblick gen Himmel. Dann verschwanden beide Körper in den Wellen. Hildegard reckte sich vor. Drutwin und Volmar waren nicht mehr zu sehen. Die Mutter schrie ihre Namen, sie schrie zu Gott und Samarel betete laut.

»Sie sind jetzt tief unten im Fluss, auf dem tiefsten Grund, wo Sand und Steine sind«, rief Hildegard.

»Schweig still, törichtes Kind«, keuchte Samarel.

Der Hund kam zurück ins Boot und schüttelte sich das Wasser aus dem Fell. Der Fährkahn drehte sich in der Strömung, während die Fergen ratlos im Wasser stakten. Nach einer Weile warf der Jüngere die Kappe Volmars, die er aus dem Wasser gefischt hatte, vor Mechthilds Füße.

»Drutwin!«, schrie Mechthild auf. »Gott, gib mir mein Kind zurück!«

DER MEDICUS ODER: STRAHLENDES LICHT

Das Pferd, ein Brauner mit weißer Stirnblesse, war das größte aus dem Marstall der Burg Sponheim. Mit Bangen beobachtete Hildegard ihre Cousine, die sich in den Männersattel schwang. Stiefel trug sie und blaue Beinkleider und darüber einen kurzen Jagdkittel. Juttas langes helles Haar flatterte im Wind, als sie über die Wiese ritt. Der Wind wehte Fetzen frommer Gesänge hoch zur Burg. Durch das Tal zog eine Schar betender Pilger, die auf dem Weg zum Heiligen Land waren.

Seit Papst Urban II. zum Ersten Kreuzzug aufgerufen hatte, waren die Heere der Kreuzfahrer aufgebrochen und hatten im Jahre des Herrn 1097 die seldschukische Hauptarmee vernichtend geschlagen. Im Jahr darauf war nach langer Belagerung die Stadt Antiochia gefallen. 1099, ein Jahr nach der Geburt der kleinen Hildegard, hatten die Kreuzfahrer Jerusalem erobert und ein Blutbad unter der jüdischen und muslimischen Bevölkerung der heiligen Stadt angerichtet.

Eine große Unruhe erfasste breite Schichten der Bevölkerung in Frankreich und den deutschen Landen. Überstürzt verkauften die Menschen ihren Besitz und brachen einzeln oder mit der ganzen Familie auf, erst noch ausgelacht von den Nachbarn wegen ihrer törichten Verkäufe, doch bald darauf von ihnen begleitet, weil sie es ebenfalls nicht mehr in der Heimat aushielten. Viele in Europa zog es plötzlich nach »Outremer«, den heiligen Stätten und dem heiligen Grab. Manch einer gab den heimatlichen Besitz auf für die ungewisse Zukunft in dem unbekannten Land. Die Tilgung aller Sünden hatte der Papst bei seinem Aufruf im Jahr 1095 den Kreuzfahrern verhießen. Somit erwarteten die Kreuzfahrer, sofort ins Paradies einzuziehen, sollten sie während des Feldzuges sterben. Jerusalem zu erreichen, war das Ziel eines jeden, der das Kreuz nahm und sich auf den Weg machte, darunter Männer und Frauen, sogar Kinder, Arme und Reiche. Einmal dort stehen, wo Jesus gewandelt war. Einmal den Boden küssen, den die Füße des Heilands berührt hatten.

Es waren schwierige Jahre, nicht nur für die Adelsfamilien zwischen Rhein und Nahe, auch für die Unfreien auf dem Land, die sich auf den Feldern quälten, und die Menschen in den Bischofsstädten Mainz und Trier. Die Edelfreien von Bermersheim und die Familie der Grafen von Sponheim waren schon seit Jahrzehnten freundschaftlich verbunden, auch untereinander versippt. Hildebert, Hildegards Vater, stand in Diensten der Grafen von Sponheim. Graf Stefan war im Jahr 1095 bei einem Jagdunfall ums Leben gekommen. Oft hielt Hildebert sich mit den jüngsten Kindern bei der Witwe Sophia von Sponheim und ihrem Sohn Meinhard auf, um ihnen beizustehen und ihre Rechte wahrzunehmen. Hierhin hatte Mechthild in ihrer Not nun die beiden auf den Tod erkrankten Knaben bringen lassen, da es keinen besseren Medicus im Umkreis gab als den auf Burg Sponheim. Es stand schlimm um den ältesten Sohn Drutwin und den Edelknaben. Zwar hatten die Fergen sie schließlich aus dem Rhein gezogen, doch sie hatten kaum atmen können, so viel Wasser hatten sie geschluckt. Nur würgen und husten konnten sie und hatten die Augen kaum einmal geöffnet in den letzten vergangenen bangen Tagen.

»Dein Bruder und der Edelknabe sind dem Tod geweiht«, flüsterte Samarel Hildegard zu, während der Medicus die Knaben untersuchte. »Der Priester ist mit dem Sterbesakrament auf dem Weg zur Burg.« Hildegard teilte die Angst der Amme und ihrer Eltern nicht. Die beiden würden nicht sterben, sie sah sie vor sich, im Gespräch mit ihr, der erwachsenen Hildegard. Mitteilen durfte sie das niemandem, sonst würde man sie wieder ausschimpfen.

Jutta hielt den Gaul vor Hildegard an.

»Jetzt du«, sagte sie.

»Er ist zu groß für mich.«

Das Pferd senkte den Kopf und beschnupperte das Mädchen.

»Samarel, heb sie hoch!«, befahl Jutta.

Und so kam es, dass an diesem Tag Hildegard, vor Jutta auf dem großen Braunen sitzend, über die Wiese vor der Burg ritt. Vögel zwitscherten in den Bäumen. Der Himmel war voller schneeweißer Wolken, rundum stiegen frühlingshafte Nebelschwaden auf. Es war nicht mehr kalt.

»Freust du dich?«, fragte Jutta.

»Ich bete für Drutwin und Volmar, wie Samarel verlangt hat«, gab Hildegard zurück. »Samarel meint, sie werden sterben.«

Das Pferd ging jetzt langsamer.

»Beten genügt nicht«, sagte Jutta.

»Warum nicht?«

»Beten ist zu wenig. Du musst Gott etwas schenken. Dann wird er dir helfen.«

»Aber er hat doch schon alles.«

»Auch dem Kaiser schenkt man etwas, obwohl er viel mehr als wir besitzt.«

Hildegard überlegte. Der Kaiser war ein Mensch. Geschenke wie eine Herde Gänse oder zwanzig Schweine nützten ihm für die Hofhaltung.

»Wir bieten Gott unser Leben an, im Tausch für das der Jungen«, schlug Jutta vor.

»Müssen wir dann sterben?«

»Damit sie leben. Es ist ein Tausch. Ich werde es für Drutwin tun.« Jutta sagte es so leichthin, als tausche sie ein Spielzeug gegen ein anderes, einen Topf Milch gegen einen Krug Wein.

»Vielleicht will Gott unser Leben gar nicht«, wendete Hildegard ein.

»Natürlich will er es. Willst du nicht dein Leben für das von Volmar geben?«

Hildegard seufzte tief. Beten würde sie für ihren Bruder und den Edelknaben, doch ihr Leben würde sie nicht bieten. Es gehörte ihren Eltern, die wiederum hatten es wie ein Lehen von Gott erhalten.

Die Wolkendecke zog auf, und strahlend helles Licht brach plötzlich auf die Reiterinnen hinunter und umgab sie. Langsam und deutlich sprach die Stimme aus ihm: Kleiner Mensch, du sollst leben. Auch die beiden Knaben werden leben und heranwachsen, kleiner Mensch! Freu dich daran, auf dem Pferd zu sitzen, das mein Geschöpf ist, geschaffen, dich zu tragen. Kleiner Mensch, dereinst wirst du nach Ingelheim und Mainz reiten. Der Fluss wird dich in fremde Städte befördern. Kleiner Mensch, du bist geschaffen, um an meiner Welt teilzuhaben und dich zu erfreuen an dem, was sie bereithält. Geblendet von der Helligkeit, die nicht nur um sie, sondern in ihr war, lehnte Hildegard sich zurück an Juttas Körper, überwältigt von den Worten, die Gott an sie gerichtet hatte. Die Welt war warm und gut und sie mitten im Licht. Jutta schien nichts von all dem zu bemerken, während das Pferd weitertrabte.

IM INNERSTEN MEINER SEELE ERKENNE ICH MICH ALS ASCHE UND MODER, WIE VERGÄNGLICHEN STAUB

»Hast du die Stimme gehört, Samarel?«, fragte Hildegard, als Jutta sie vom Pferderücken herabgehoben hatte. Ihr war etwas schwindlig vom Ritt und von dem hellen Licht. Samarel hielt sie fest an sich gedrückt.

»Welche Stimme?«

»Die Stimme aus dem Licht.«

»Ach Kind«, jammerte Samarel. »Das kommt vom Reiten und der Aufregung. Komm, lass uns hochgehen und für die jungen Herren beten.«

»Sie werden bald gesund sein«, rief Hildegard.

Samarel schimpfte sie aus, ein dummes Kind sei sie und sie solle keine solchen Reden halten. Ihre Eltern hätten Kummer genug.

»Gott hat mir gesagt, sie werden leben«, sagte Hildegard.

Gott spreche nicht mit einer Sechsjährigen, mischte sich Jutta in diesem Moment ein. Schließlich rede er auch nicht mit ihr oder ihrer Mutter Sophia. »Wer bist du denn schon? Ein schwächliches, krankes Mädchen.«

Hildegard begriff, dass es sinnlos war, über das strahlende Licht und die Stimme zu sprechen.

»Vor Gott bist du Asche«, sagte Jutta.

Hildegard erschrak bei der Vorstellung, dass sie vor Gott Asche war.

»Schweinekacke bist du für Gott, Dreck. Zu Dreck spricht er nicht. Begreif das.«

Drutwin und Volmar saßen beide aufgerichtet in ihren Betten. Volmar lächelte Hildegard an, als sie zu ihm trat.

»Warum weinst du?«, fragte er.

»Weil ich Schweinekacke bin«, sagte Hildegard. »Jutta hat es mir erklärt.«

DAS GELÜBDE

Noch immer befand sich Mechthild von Bermersheim auf Burg Sponheim. Es war trotz des traurigen Anlasses ein angenehmer Aufenthalt in den geräumigen Anlagen, und Mechthild schätzte Bequemlichkeit, wofür die orientalischen Teppiche in den Wohnräumen sorgten und die Wasserleitungen, die fließendes Wasser bereithielten. Hildegard gefiel es ebenfalls bei der sechs Jahre älteren Jutta. Es gab einige adelige Mädchen aus der Verwandtschaft, die man Sophia zur Erziehung anvertraut hatte, gleich zwei weitere mit dem Namen Jutta, eine rothaarige und eine klein gewachsene und die stolze Rikkar aus einer verwandten Linie der Sponheimer. Rikkar war einige Jahre älter als Hildegard, körperlich und seelisch gesund mit einer durchdringenden Stimme und kräftigem blondem Haar. So jung sie war, sprach sie doch ständig davon, wie viele Kinder sie eines Tages haben werde und wie sie sie nennen wollte: »Vier Söhne sollen es sein und vier Töchter, ein Erbgraf, ein Bischof und zwei, die ins Heilige Land ziehen. Und meine Töchter werden vier Könige heiraten.«

»Ja, ja«, sagte Jutta dann. »Warte ab, wie es kommt.« Und die Kleine Jutta, die den Tag über Selbstgespräche mit sich führte, murmelte: »Ich mache alles, was Jutta von Sponheim anordnet. Ich will ihr dienen, egal, wo.« Beim Essen oder nach dem Psaltergesang sah sie Jutta plötzlich ängstlich an und ergriff ihre Hand. »Nimmst du mich mit?«, fragte sie immer wieder. »Ich werde auch für dich fegen und deine Kleider waschen«, woraufhin Jutta von Sponheim wortlos die Hand der Kleinen Jutta drückte.

»Vier Königinnen!«, rief Rikkar, und alle lachten.

Burg Sponheim, mit den wehrhaften Türmen und dem hohen Wohnturm, schon von Weitem ein prächtiger Anblick, war ein Ort, zu dem es die Adelsfamilien der Umgebung hinzog, hatte doch Sophia von Sponheim die Kapelle der Burg prächtig ausbauen lassen und verfügte über eine Bibliothek mit kostbarsten Büchern. Sophias beste Freundin war Uda von Göllheim, deren Mann im Heiligen Land im Kampf gegen die Heiden den Tod gefunden hatte. Aus Trauer über diesen Verlust hatte Uda, noch keine vierzig Jahre alt, eine Frau mit lieblichen Gesichtszügen und strahlenden blauen Augen, sich wie eine Nonne das Haar kürzer geschnitten, trug nur noch schwarze Kleider und einen Schleier über dem Haar. Einen großen Teil ihrer Tage verbrachte sie damit, in der Burgkapelle den Psalter zu singen. Mit Sophia zusammen kümmerte sie sich um die adeligen Mädchen. Vom Heiraten riet sie ihnen stets ab. Selbst das glücklichste Eheleben sei schwer. Kinder zu gebären, sei der eigentliche Fluch, den Gott der Herr über Eva verhängt hätte am Tag, an dem sie Adam den Apfel reichte.

Mechthild betrat den Raum mit Hildegard an der Hand. An diesem Tag herrschte Trauer auf der Burg. Der Capellanus und die Witwe Sophia knieten betend auf dem Boden vor dem Bett Juttas. Sophia bebte vor Schluchzen. Gott, der Herr, möge das Leben ihrer Tochter erhalten, flehte sie. Juttas ältere Brüder Meinhard und Hugo knieten hinter der Mutter und murmelten leise. Hugo, schon zum Mönch geweiht, lebte in einem Mainzer Kloster und war nur zu einem kurzen Besuch zu Hause.

Jutta war von einem Tag auf den anderen von einer geheimnisvollen Krankheit niedergeworfen worden. Fieberkrämpfe schüttelten sie. Der herbeigerufene Medicus wusste keinen Rat. Dagegen hatten sich die beiden schon von ihm aufgegebenen Knaben, Drutwin und Volmar, auf wunderbare Weise erholt und saßen draußen auf der Burgmauer. Wie ein Wunder war das, doch die Tochter der Burgherrin lag auf den Tod darnieder.

»Das Lebendige Licht spricht zu mir«, begann Hildegard und Sophia von Sponheim unterbrach ihr Gebet.

»Das Lebendige Licht verkündet, es nimmt Juttas Gelöbnis an. Jutta soll ihr Leben dem Lebendigen Licht weihen«, gab Hildegard weiter, was sie gehört hatte.

Sophia und Mechthild brachen in Tränen aus.

»Sprich nicht solchen Unsinn«, tadelte Mechthild sie mit zitternder Stimme. Nun weinte auch Hildegard. Das Licht war wieder zu ihr gekommen und sie hatte die Stimme darin deutlich vernommen. Doch wie immer konnten die anderen Menschen, die mit ihr im Raum waren, nichts davon sehen und hören. Sie war ein erbärmliches, krankes Kind mit ungeschickten Bewegungen, das nur kurze Wege allein laufen konnte. Sogar zum Knien beim Beten war sie zu schwach. Sie musste sich auch jetzt auf einen Schemel setzen, während alle vor Juttas Bett knieten.

»Kleiner Mensch, hab Mut. Ich mache alles gut. Jutta und du, ihr werdet mir dienen und Volmar wird bei euch sein.« Das Leuchtende Licht sprach unbeirrt weiter zu ihr, der jämmerlichen Hildegard, die nicht einmal richtig beten konnte. Während es mit ihr sprach, tröstete und erwärmte es sie, und sie fühlte sich plötzlich leicht und fröhlich und hätte am liebsten laut gesungen. Das Licht nannte sie nicht »Kind« und nicht »Mädchen«, sondern »Mensch«. Darüber dachte sie nach. War »Mensch« das richtige Wort für sie? War sie vor dem Licht mehr Mensch als Mädchen oder Kind?

Diese Anrede gefiel ihr von Tag zu Tag mehr.

Das Mädchen Hildegard wird von den adeligen Eltern zur religiösen Erziehung übergeben an Jutta, die hier fälschlich als alte Frau dargestellt ist (Stich um 1900)

Das Fieber plagte Jutta noch ein paar weitere Tage, wurde aber allmählich schwächer. Das Mädchen ließ sich Brühe einflößen und lächelte ihrer Mutter zu. Mit leiser, doch entschiedener Stimme verkündete sie, sie habe Gott versprochen, ihr Leben seinem Dienst als Jungfrau zu weihen.

»Ich werde den Schleier nehmen«, sagte sie. Alle waren dabei, als sie es sagte. Rikkar, Hildegard, die Kleine und die Rote Jutta.

»Dann kannst du nicht heiraten!«, rief Rikkar. »Es wird dir leid tun. Wir alle werden Kinder bekommen, nur du nicht!«

»Hör zu, Rikkar«, sagte Jutta nur. »Du wirst leiden, wenn du Kinder hast.«

Zwölf Jahre alt sei sie erst und immer noch sehr schwach, widersprach Sophia ihrer Tochter. Jetzt solle sie nichts geloben und nichts entscheiden.

Es sei die Bedingung, gab Jutta zurück, schon wieder kämpferisch. Mit Gott persönlich habe sie es so ausgemacht. Auf eine fromme Wanderschaft wolle sie sich begeben und alle heiligen Stätten aufsuchen.

Den Umstehenden kamen die Tränen vor Freude. So weit hatte Jutta sich erholt, dass sie von Wanderschaft sprach.

»Ach, mein Schwesterlein«, murmelte Meinhard und küsste sie auf die Stirn. Nur ganz gesund solle sie wieder werden. Und mit dem Grafensohn im Elsass, ihrem Verlobten, werde er sprechen, wenn er ihn demnächst in Ingelheim sehen werde.

Drutwin und der Edelknabe Volmar waren nach ihrer wunderbaren Genesung ernst und nachdenklich geworden. Sie beteten viel und sprachen wenig. Nach einigen Tagen erklärte Volmar, er wolle nach Mainz an die Domschule ziehen, um dort Latein schreiben zu lernen und Juristerei. Zum Schrecken seiner Eltern verkündete Drutwin, auch er wolle sein Leben im Gebet verbringen. Er sei schon mit dem Edelfräulein verlobt, wendete Mechthild ein. Aber er freue sich nicht mehr auf den Tag seiner Schwertleite, fügte Drutwin hinzu. Viel lieber wäre ihm ein Leben als Mönch.

»Wir sind erneut getauft worden, als wir im Fluss versunken sind«, sagte Volmar. »Und in der Taufe durch Gott haben wir ein neues Leben erhalten.«

Alle Anwesenden schluckten. Drutwin murmelte, er wolle es sich nochmal überlegen wegen des Edelfräuleins, das auf ihn warte. Meinhard nahm Volmar schließlich mit, als er nach Ingelheim aufbrach, um Erzbischof Ruthard zu treffen. Der Mainzer Erzbischof war der bedeutendste im ganzen Reich, er stand dem König oder Kaiser nahe, nahm doch das Erzbistum einen besonderen Rang ein, seit der Heilige Bonifatius den Frankenkönig Pippin gekrönt hatte. Der Erzbischof von Mainz war zugleich Erzkanzler des Reichs mit dem Recht, die Königswahl einzuberufen. Mainz war die goldene Stadt und die besondere Tochter der römischen Kirche, so stand es auf einer Inschrift am Hochaltar des Mainzer Doms. Das Bistum hatte von allen Bistümern den größten Landbesitz, auch wenn er zum Teil weit entfernt von der Stadt am Rhein lag. Dem Erzbistum Mainz unterstanden auch die Nordmark und Gebiete in Thüringen. Volmar verabschiedete sich nicht von Hildegard. Doch sie winkte am Fenster der Kemenate hinter ihm her, obwohl er nicht zum Turm zurückblickte. Als Letzter im Gefolge des Grafen Meinhard lenkte er sein Maultier durch den Torbogen. Seine braunen Locken zerzauste der Wind.

DIE HEILERIN

Niemand dachte mehr an den vor Wochen geplanten Besuch bei der Heilerin am anderen Rheinufer, so sehr waren alle mit der wundersamen Rettung der beiden Knaben und Juttas Entschluss, ein geistliches Leben zu führen, beschäftigt.

»Sie kommt zu uns«, verkündete Hildegard eines Morgens, als Samarel ihr gerade die Schale mit dem warmen Dinkelbrei brachte. Die Amme hielt viel von Dinkel. Gekocht sei er das Beste für kleine Kinder. Alle ihre Ziehkinder seien damit gut gediehen, und ihre eigenen Kinder auch.

»Wer kommt zu uns?«, fragte Mechthild.

»Sie hat Löcher in den Schuhen, weil sie so weit gelaufen ist«, sprudelte es aus Hildegard heraus. »Sie rutscht auf dem Weg aus, weil er so steil ist.«

Alle eilten zum Aussichtsfenster des Palas, und da stand sie auch schon keuchend vor dem Tor von Burg Sponheim, eine Frau mit wirrem grauem Haar und blutenden Füßen, auf einen Ast gestützt, ein Bündel über der Schulter.

»Das ist Trinakia«, sagte Mechthild von Bermersheim.

Samarel lief die Treppen hinunter und half der Alten in die Kemenate. Die Mägde kamen aus dem Küchengewölbe gelaufen und verharrten an der Tür vor dem Saal, um die sagenhafte Trinakia aus Eibingen zu beobachten.

Die Witwen Sophia und Uda nahmen sie in Empfang und geleiteten sie zu der Sitztruhe vor dem Kamin, wo eine Dienerin mit Wasserkrug und Schale ihr unverzüglich die Füße wusch und salbte. Schweigend stellten sich die adligen Mädchen im Kreis um die Besucherin, Jutta von Sponheim, ihre Cousine Rikkar, die den ganzen Tag Nahrung zu sich nahm und Honigplätzchen kaute, die verwachsene Kleine Jutta und die grünäugige Rote Jutta. Nur Hildegard kauerte auf ihrer Wolldecke, vertieft in ihr Spiel mit den schwarzen Holzfiguren.

Sicher sei sie wegen der kleinen Hildegard gekommen, ihrer Tochter, begann Mechthild.

»Sei bedankt. Du kannst sie heilen. Reichen Lohn sollst du erhalten.«