• Herausgeber: GMEINER
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

1880: Mit Kapitänin Alberta Lefort bricht das modernste Luftschiff Frankoallemanniens, die »Himmelsliebe«, auf, um die versunkene Insel Rungholt in der Nordsee zu finden, die reiche Schätze bergen soll. Doch zunehmend belasten Spannungen zwischen den Reisenden die Atmosphäre und technische Probleme lassen nur einen Schluss zu: Es gibt einen Saboteur an Bord. Als schließlich einer der Mitreisenden tot aufgefunden wird, muss Kapitänin Lefort nicht nur den Mord aufklären, sondern auch entscheiden, wem sie trauen kann …

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Seitenzahl: 290

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Gitta Edelmann

Himmelsliebe

Historischer Roman

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Badisches Wiegenlied (2017)

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2018 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2018

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © ullstein bild – Roger Viollet

ISBN 978-3-8392-5624-4

Widmung

Für Fiona

 

und alle Frauen, denen Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung am Herzen liegen

Personenverzeichnis

Die Besatzung:

Alberta Lefort – Luftschiffkapitänin, erste Frau Frankoallemanniens in dieser Führungsposition

Wilhelm Friedrichsen – Erster Offizier, degradierter Kapitän, beteiligt an der Entwicklung von Luftschiffen

Richard Heinze – Zweiter Offizier

Emma Steiner – Seitensteuerfrau, Emanzipatorin

Hugo Schumann – Höhensteuermann

Annie Dupont – Kommunikatorin (Funkerin und Dolmetscherin)

Oscar Varennes – Navigator

Ernst Ehrenkirchner – Maschinist

Dr. Robert Benfeld – Bordarzt

Adolphe Balzac – Koch

Meta Meyer – Küchenfrau

Das Forschungsteam:

Prof. Dr. Dr. Franz-Hermann Schmitz – Geologe und Geograf

Prof. Dr. Walther Neumann – Biologe

Prof. Dr. Emile Audry – Meteorologe

Paula Heidenreich – Fotografin

Jean Koblenzer – Zeichner

Außerdem:

Sir George Fergusen – Gouverneur von Helgoland

Constable Brown – einziger Polizist auf Helgoland

Dr. Nickels – Helgoländer Arzt

James MacAllister – schottischer Kapitän des Luftschiffs »Glorious Spider«

 

1. Kapitel

24. Mai 1880

Wie himmlisch, zu Kaffeeduft aufzuwachen! Annie rekelte sich noch einmal unter der Bettdecke und schlug schließlich die Augen auf. Ein Sonnenstrahl hatte seinen Weg durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen gefunden und fing sich in den Goldknöpfen der neuen schwarzen Uniformjacke, die auf dem Hocker bereitlag. Annie lächelte.

»Bonjour, mon amour.« Auf einem kleinen Holztablett trug Gérard ein Kaffeekännchen, ein Milchtöpfchen und zwei Porzellantassen ins Schlafzimmer. Er stellte es auf dem runden Tischchen in der Ecke ab und zog die Vorhänge auf.

Annie kniff unwillkürlich die Augen zu.

»Die Sonne scheint«, sagte Gérard überflüssigerweise und kam herüber zum Bett. Er beugte sich zu Annie, um sie zu küssen.

Annie schlang die Arme um seinen Hals und erwiderte seinen Kuss. Dann ließ sie ihn los, schwang ihre Beine aus dem Bett und stand auf. Sie griff nach ihrem mit Rosen bestickten Morgenmantel, schlüpfte hinein und band den Gürtel rasch zu einer Schleife. Mit wenigen Schritten erreichte sie das Tischchen und füllte beide Tassen mit dem duftenden Kaffee. In eine goss sie dazu einen kräftigen Schuss Milch. Darauf griff sie nach der anderen Tasse, der mit den roten Rosen, setzte sie an den Mund und trank vorsichtig den ersten Schluck.

»Wunderbar«, sagte sie. »Du bist wirklich der beste Kaffeekoch, den ich kenne.«

Gérard trat von hinten an sie heran, schlang seine Arme um sie und begann ihren Nacken zu liebkosen.

»Alles nur für dich, mon amour«, murmelte er, während sie den heißen Kaffee trank. »Und ich würde noch viel mehr …«

Geschickt löste sich Annie aus der Umarmung. Sie warf einen deutlichen Blick auf die Uhr auf der Kommode und sagte: »Es wird Zeit.«

»Ich wünschte, du würdest nicht …«

Annie kümmerte sich nicht um Gérards Gemurmel. Sie verließ das Schlafzimmer, um die Toilette aufzusuchen und genoss den Luxus, das Haus nicht verlassen zu müssen. Erst im vergangenen Jahr hatte Gérards Vater in jede der Wohnungen seines Straßburger Hauses in die frühere Abstellkammer am Ende des Korridors ein Wasserklosett einbauen lassen. In erster Linie hatte er dabei natürlich an die nun höheren Mieteinnahmen in der Hauptstadt Straßburg und an die Bequemlichkeit seines eigenen Sohnes gedacht, der hier in der Nähe seines Arbeitsplatzes bei einer großen Privatbank lebte. Dass auch dessen Paramour seine Investition sehr zu schätzen wusste, ahnte er nicht.

Als sie zurückkehrte, lag Gérard auf dem Bett und sah ihr entgegen.

»Dreh dich um und mach die Augen zu«, wies sie ihn an. »Ich möchte, dass du mich erst anguckst, wenn ich fertig bin.«

Gérard verzog wie erwartet sein Gesicht. Natürlich – er liebte es, ihr nicht nur beim Ausziehen, sondern auch beim Anziehen zuzusehen. Normalerweise genoss sie seine Aufmerksamkeit durchaus, nur heute wäre sie am liebsten ganz allein gewesen, wenn sie die neue Uniform zum ersten Mal anlegte. Leider konnte sie ihn schlecht aus seinem eigenen Schlafzimmer hinausschicken, doch immerhin fügte er sich und drehte sich um.

Annie schlüpfte in ihr Hemd und die knielange Unterhose, zog ihre langen schwarzen Strümpfe an, band den ebenfalls schwarzen Unterrock um die Taille und dankte den Verantwortlichen im Stillen dafür, dass man bei den Uniformen auf ein Korsett verzichtet hatte. Den Gerüchten nach hatte Kapitänin Lefort bei dieser Entscheidung eine maßgebliche Rolle gespielt. So elegant eine weibliche Silhouette mit einem Korsett auch sein mochte – als Luftschifferin brauchte man bei der Arbeit Bewegungsfreiheit und ausreichend Luft zum Atmen!

Annie zog die schlichte, blaue Bluse über und schloss die vordere Knopfleiste bis zum Stehkragen. Schnell strich sie über die aufgestickte sechsstreifige Flagge auf dem linken Oberarm: schwarz, rot, gold, blau, weiß und rot. Die Farben der deutschen und der französischen Revolutionen. Die Farben der Bundesrepublik Frankoallemannien.

Der Uniformrock war ebenfalls blau und die Raffbänder daran würden ihr auf den Leitern an Bord eine gewisse Beinfreiheit ermöglichen, da sie den Rock nicht mit den Händen festhalten musste.

Mit geschickten Fingern flocht sie ihr langes, dunkles Haar zu einem Zopf, wand diesen zu einem engen Knoten und steckte ihn am Hinterkopf fest.

»Bist du bald fertig?«, fragte Gérard.

»Gleich.«

Sie schlüpfte in ihre schwarzen, flachen Stiefeletten und schnürte sie zu. Dann – endlich – zog sie die taillierte schwarze Uniformjacke an. Auch sie trug auf dem linken Ärmel die sechsstreifige Flagge und dazu die beiden goldenen Streifen, die Annie als Angehörige der technischen Besatzung auswiesen. Zum Schluss setzte sie den kleinen schwarzen Hut auf und befestigte ihn mit zwei Hutnadeln. Sicher war sicher.

»Fertig«, sagte Annie und ihr Herz klopfte ein klein wenig schneller als normal.

Gérard drehte sich um und betrachtete sie. Seine Miene war ernst.

»Ich weiß nicht wirklich, was ich dazu sagen soll«, sagte er.

»Sag einfach, dass ich wunderschön bin und dass du stolz auf mich bist«, erwiderte Annie und lächelte.

»Du bist wunderschön.«

Nun, das war immerhin etwas. Sie hatte nicht wirklich erwartet, dass er stolz auf sie war, nur ein klein wenig gehofft. Schließlich hatte sie den Posten als Funkerin und Dolmetscherin auf dem neuen Forschungsluftschiffbekommen und das Auswahlverfahren dafür war hart gewesen.

»Gut.« Annie warf einen erneuten Blick auf die Uhr. »Ich muss los, der Zug nach Offenburg wartet nicht.«

Gérard nickte, doch er wirkte nicht glücklich.

»Ich komme ja wieder«, versuchte sie, ihn zu trösten.

Trösten? Wieso eigentlich sollte sie einen erwachsenen Mann trösten, nur weil sie zur Arbeit ging? Sie schüttelte kurz den Kopf über sich selbst und schritt hinüber zum Bett.

»Adieu Gérard«, murmelte sie, beugte sich nieder und küsste ihn.

Er erwiderte ihren Kuss mit Leidenschaft und umschlang sie so fest, dass sie sich auf der Matratze abstützen musste, um nicht auf ihn zu fallen.

»Gérard, bitte«, sagte sie zwischen zwei Küssen und atmete auf, als er sie tatsächlich losließ.

»Du weißt, dass ich …«, begann er.

»Ja, ich weiß. Wir sehen uns in ein paar Tagen. Wir gehen ja mit dem neuen Luftschiff nicht sofort auf eine längere Fahrt. Es müssen sich zunächst alle mit der Technik vertraut machen, bevor die eigentliche Mission startet.«

»Kannst du nicht heute Abend hierher zurückkommen?«, hakte Gérard nach.

Annie schüttelte den Kopf. Sie hatte ihm bereits dreimal ausführlich erklärt, dass alle Besatzungsmitglieder für die Dauer der Einsatzzeit ein Zimmer im »Foyer«, dem Wohnheim des Luftschiffzentrums, bewohnten. Außer natürlich, sie waren mit dem Luftschiff auf einer mehrtägigen Fahrt. Ob ihre Kabine auf der »Amour du ciel« so winzig war wie auf der »Rheingold«, auf der sie im Rahmen ihrer Ausbildung Dienst getan hatte? Immerhin hatte sie, die einzige Frau an Bord, dort eine Einzelkabine gehabt, während sich die Männer wie üblich Gemeinschaftsquartiere teilen mussten.

»Leb wohl«, flüsterte Gérard und wandte sich von ihr ab.

Annie schüttelte den Kopf. Wenn sie ehrlich war, war sie glücklich, hier wegzukommen. Gérard konnte in seiner Anhänglichkeit furchtbar anstrengend sein! Sie griff nach der fertig gepackten Reisetasche und öffnete die Tür.

»Adieu«, sagte sie noch einmal, doch eine Antwort bekam sie nicht.

Sie zuckte daher mit den Achseln und verließ die Wohnung, stieg die Treppe hinunter und wandte sich auf der Straße nach rechts zum Bahnhof. Jenseits des Rheins am Luftschiffhafen Offenburg wartete ihre neue Aufgabe. Besonders gespannt war sie auf die Kapitänin. Alberta Lefort war die allererste Frau, die es auf eine solche Führungsposition geschafft hatte. Was für ein Glück, dass sie in Zukunft unter ihrem Befehl arbeiten durfte!

*

Der Spiegel warf das Bild eines gediegenen Mannes zurück, dem man seine 60 Jahre nicht ansah. Das Haar unter der Uniformmütze war noch voll und nur wenig ergraut und er hätte zufrieden sein können mit dem Anblick. Die blaue Hose und das ebenfalls blaue, geknöpfte Hemd mit dem Stehkragen saßen makellos. Ebenso die Uniformjacke. Doch angesichts der drei Offiziersstreifen unter der frankoallemannischen Flagge konnte er nicht anders, als die Stirn zu runzeln. Noch vor einem Jahr waren es vier Streifen gewesen, und ohne diesen lächerlichen Zwischenfall hätte er heute die Mannschaft als Kapitän empfangen. Stattdessen hatte man ihn auf die Stelle des Ersten Offiziers gesetzt. Unter Kapitänin Lefort, die er an Können und Erfahrung weit übertraf.

Wilhelm Friedrichsen kniff die ohnehin schmalen Lippen zusammen. Über 20 Jahre war er bei der Marine gewesen, danach hatte er die seit den 1860er-Jahren neu entstehende Luftschifffahrt mitgestaltet. Er hatte mit den Konstrukteuren über Plänen für starre Hüllen, Antriebsmotoren und Steuergondeln gebrütet und seine Meinung hatte bei der Weiterentwicklung Gewicht gehabt. Zudem war er einer der ersten Kapitäne der frankoallemannischen Luftflotte gewesen. Ein Luftschiffer aus Leidenschaft. Und jetzt?

Erster Offizier.

Befehlsempfänger.

Unter einer Frau.

Manchmal dachte er daran, was wohl geschehen wäre, wenn die Badische Revolution 1849 nicht gelungen wäre. Wenn die Freiheitsbewegung nicht auf die anderen deutschen Länder übergegriffen hätte. Wenn die Preußen und ihre Verbündeten die Freischärler besiegt und einfach erschossen hätten, statt zu ihnen überzulaufen. Vielleicht hatte der preußische Abgeordnete Otto Bismarck zu Hause in Berlin nicht ganz und gar unrecht, wenn er erklärte, die Frauen müssten zurück zu Heim und Herd und der König zurück auf den Thron, wie Gott es für die Welt vorgesehen hatte.

Das mit dem König sah Wilhelm Friedrichsen natürlich anders, denn welchem König hätte man den Thron des vereinigten Landes geben sollen? Dem preußischen? Dem bayrischen? Oder gar dem französischen? Nein, nein. Ein gewähltes Parlament mit einem ebenfalls gewählten Präsidenten an der Spitze war die richtige Regierungsform für ein modernes Land wie Frankoallemannien. Der Aufschwung, den die Wirtschaft und die Forschung genommen hatten, war ein eindeutiger Beweis dafür. Niemand wollte zurück zur Kleinstaaterei mit unzähligen Fürsten und all den Grenzen und Zöllen und unterschiedlichen Maßen. Außer vielleicht Otto Bismarck, der immer davon geträumt hatte, selbst einmal einen Fürstentitel zu führen. Stattdessen hatte man den Adel unter Präsident Struve abgeschafft. Kein Wunder, dass Otto Bismarck auf die Republik schimpfte.

Auf der anderen Seite war da die Sache mit den Frauen. Und Wilhelm Friedrichsen musste zugeben, dass er in dieser Hinsicht mit dem ultrakonservativen preußischen Abgeordneten sympathisierte. Wieso ließen die maßgeblichen Politiker es seit Jahren zu, dass immer mehr Frauen nicht nur in die Berufswelt einsteigen konnten, sondern sogar Führungspositionen bekamen? Dass es inzwischen weibliche Ärzte und Professoren gab? Und eine Luftschiffkapitänin?

Er räusperte sich.

»Willkommen auf der ›Himmelsliebe‹«, sagte er zu seinem Spiegelbild. Er würde heute der Erste am Luftschiff sein und die Mannschaft begrüßen, hatte er beschlossen. Damit würde er von Anfang an seine dominante Position definieren. Und er würde selbstverständlich nur den deutschen und nicht den französischen Namen »Amour du ciel« nennen.

»Willkommen auf der ›Himmelsliebe‹«, wiederholte er und bemühte sich, seine Stimme autoritär aber freundlich klingen zu lassen. Er würde Kapitänin Lefort eine Stütze sein. Eine solche Stütze, dass sie keine Entscheidung ohne ihn fällen konnte. Er würde über sie das Luftschiff befehligen. Schließlich war sie ja nur eine Frau.

*

Professor Dr. Walther Neumann überwachte das Anliefern seiner Transportkisten mit Argusaugen hinter der silberrandigen Brille.

»Um Gottes willen Vorsicht!«, rief er und riss die Arme hoch, als einer der Arbeiter stolperte und die Kiste auf seinem Rücken ins Schwanken geriet. »Das ist alles zerbrechliches Labormaterial!«

Der Arbeiter fing sich wieder, warf dem aufgeregten Professor einen Seitenblick zu und marschierte an ihm vorbei hinein in Hangar 3.

»Dann sind Sie wohl einer der Kollegen«, tönte eine tiefe Stimme hinter Professor Neumann und ließ ihn zusammenzucken. Bevor er sich umdrehen konnte, war der Mann bereits um ihn herumgegangen und streckte seine Hand aus.

»Schmitz«, stellte er sich vor. »Franz-Hermann Schmitz. Professor für Geografie und Geologie.«

Neumann kam sich neben dem großen Mann mit den breiten Schultern ein wenig vor wie früher in der Schule. Doch er riss sich zusammen, straffte den Rücken und ergriff die Hand des Kollegen.

»Walther Neumann, Biologe«, sagte er und warf an Schmitz vorbei einen kritischen Blick auf den Arbeiter, der vorhin gestolpert war. »Entschuldigen Sie, ich muss ein Auge auf meine Ausrüstung haben.«

»Verstehe ich, verstehe ich, mein lieber Kollege. Meine müsste auch gleich angeliefert werden. Sie sollte um neun Uhr mit dem Zug am Bahnhof sein.«

»Bahnhof Offenburg-Stadt oder Bahnhof Luftschiffhafen?«

»Äh?«

»Es gibt hier zwei Bahnhöfe. Wenn Ihre Sachen am Stadtbahnhof gelandet sind, dürfte es noch einige Zeit dauern, bis sie hier draußen sind. Man muss ausdrücklich Luftschiffhafen auf der Anschrift vermerken, denn …«

»Nun, dann werde ich mich am besten mal darum kümmern«, verkündete Schmitz. Er nickte Neumann zu und ging mit großen Schritten zu dem Pferdefuhrwerk voller Holzkisten, das neben dem Hangar stand. Er wechselte ein paar Worte mit dem Kutscher, der gerade den beiden kräftigen Pferden Futterbeutel umhängte, und kam danach zurück.

»Alles völlig in Ordnung«, erklärte er Neumann. »Der Fuhrunternehmer wusste schon Bescheid, und sobald der Kram von Ihnen und von unserem Wetterfrosch vom Wagen abgeladen ist, fährt er los, um meine Ausrüstung zu holen und hierher zu fahren. Ich bin übrigens sehr überrascht, wie riesig das Gelände hier ist, Sie auch?«

Neumann schüttelte den Kopf, ohne seine Kisten aus den Augen zu lassen. Ein elegant gekleideter, schwarzhaariger Mann wechselte ein paar Worte mit dem Fuhrunternehmer und kam dann langsam und mit schwingendem Spazierstock auf die beiden Professoren zu.

»Ich war schon mehrmals hier«, erklärte Neumann gerade. »Dies ist nicht meine erste Forschungsreise mit einem Luftschiff. Im vergangenen Jahr habe ich am Niederrhein die Brutgebiete der …«

»Ah, sie mögen Vögeln?«, mischte sich der Neuankömmling ein. So wie er es sagte, trieb es Neumann die Röte ins Gesicht. Er ärgerte sich über sich selbst. Der Mann war seinem Akzent nach ein Franzose, und die Franzosen sprachen nun mal nicht alle einwandfreies Deutsch.

»Und wer sind Sie?«, fragte Schmitz mit gerunzelten Brauen?

»Professor Dr. Emile Audry«, stellte sich der Franzose mit einer leichten Verbeugung vor. »Aus Paris«, fügte er hinzu, als sei dies eine besondere Auszeichnung.

»Dann sind Sie also für das Wetter zuständig«, schlussfolgerte Schmitz nüchtern.

Neumann atmete auf. Immerhin hatte Schmitz nicht wieder »Wetterfrosch«gesagt.

»Oui, ich werde untersuchen, welche Einflüsse der Mond auf das Wetter hat. Eigentlich ist ja die Entstehung von Stürmen mein Forschungsschwerpunkt, aber ich bin doch sehr zuversichtlich, dass wir bei unserer Reise keinem begegnen werden. So ein Luftschiff dürfte nicht unbedingt der beste Aufenthaltsort während eines Orkans sein.« Er lachte.

»Nun, dann wollen wir hoffen, dass Sie uns rechtzeitig vorher warnen werden«, bemerkte Schmitz trocken.

Neumann nickte.

»Selbstverständlich werde ich das.« Audry nickte ebenfalls und ließ seinen Blick über das Gelände des Luftschiffhafens schweifen.

»Ist unser aller Mutter schon hier?«, fragte er zwinkernd.

»Wer bitte?« Schmitz runzelte erneut die Stirn.

»Na, die Kapitänin! Sollte sie uns nicht in Empfang nehmen?«

»Kapitänin Lefort ist gerade im Gespräch mit der Admiralität«, klärte Neumann ihn auf. »Und es sind ja noch längst nicht alle Besatzungsmitglieder hier.«

Einen Augenblick lang schien der missbilligende Blick Neumanns den französischen Professor aus der Bahn geworfen zu haben. Dann aber zuckte er mit den Achseln und sagte: »Ich hoffe, sie sieht einigermaßen ansehnlich aus. Sie soll ja schon recht alt sein.«

»Und was bitte hat das Aussehen mit ihren Fähigkeiten als Kapitänin zu tun?« Neumanns Stimme wurde energischer.

»Oh là là. Sind Sie etwa einer von den Emanzipatori?« Audry lachte.

»Und wenn?« Neumann schob sein Kinn nach vorn.

Schmitz blickte von einem zum anderen und grinste.

»Es wird einen Grund haben, warum Alberta Lefort die ›Himmelsliebe‹befehligt«, fuhr Neumann fort. »Und der wird sicher nicht in ihrem Aussehen liegen. Außerdem ist 42 nicht gerade alt.«

Audry zog zweifelnd die Augenbrauen hoch. »Auf jeden Fall ist sie älter als jene hübsche Mademoiselle.« Er deutete mit dem Kinn auf die junge Frau in Uniform, die mit energischen Schritten auf Hangar 3 zumarschierte.

»Zumindest dürfte sie immer noch jünger sein als Sie, Professor.« Neumann musterte Audrys Haar, das ein wenig zu schwarz war. »Sie entschuldigen, ich muss mich um meine Ausrüstung kümmern.«

Mit diesen Worten marschierte er hinüber zum Fuhrwerk, wo gerade die letzte Kiste abgeladen wurde.

*

Annie bemerkte sofort, dass die drei nicht mehr ganz jungen Herren über sie sprachen. Sie atmete tief durch und ging geradewegs auf Hangar 3 zu, ohne den bewundernden Blick des Schwarzhaarigen zu beachten. Wer zivil gekleidet war, konnte heute nicht allzu wichtig für sie sein.

Die blonde Frau, die direkt am Eingang stand, trug eine Uniform. Sie hielt in der einen Hand ein Holzbrett mit einem Stapel Papier darauf, in der anderen einen Bleistift und schrieb etwas auf, als der Arbeiter mit der Kiste an ihr vorbei hineinging. Annies Herz schlug ein wenig schneller. Diese Frau musste ein Mitglied der Besatzung sein.

Sie sah auf, stutzte und nickte Annie grüßend zu.

»Annie Dupont?«, fragte sie.

»Ja, ich bin Annie Dupont.«

»Sie sind also die Kommunikatorin. Ich bin Emma Steiner. Eingesetzt als Seitensteuerfrau. Wir sind zu dritt.«

»Zu dritt?«

»Ja. Kapitänin Lefort, Seitensteuerfrau Steiner, Kommunikatorin Dupont. Der Rest der Besatzung ist männlich.« So wie Emma Steiner das sagte, klang es ein wenig herablassend.

»Zu dritt ist nicht schlecht«, meinte Annie. »Bisher war ich die einzige Frau an Bord.«

Emma Steiner nickte. »Ich auch. Aber hier haben wir eine Kapitänin! Es geht endlich voran. Wir können uns übrigens gerne duzen. Sind ja sozusagen Schwestern der Lüfte.« Sie streckte Annie die Hand entgegen und ein Lächeln milderte ihre eher strengen Gesichtszüge.

»Ja, gerne«, sagte Annie und drückte ihr die Hand.

»Gut, dann ist das erledigt. Geh am besten gleich in den Hangar. Ich muss noch kontrollieren, ob die komplette Ausrüstung der Wissenschaftler angekommen ist. Im Augenblick sieht es so aus, als ob drei Kisten fehlen. Wäre gut, wenn die heute noch kämen, damit die Laborräume vor der ersten Probefahrt morgen fertig eingerichtet werden können. Ist zwar eigentlich nicht meine Aufgabe, aber der Navigator, der das hier übernehmen sollte, ist heute noch nicht aufgetaucht. Überhaupt haben wohl nicht alle einen Sinn für Pünktlichkeit.« Sie schnaubte verächtlich.

Angesichts dieses Kommentars war Annie froh, dass sie ihre Reisetasche nur schnell in ihrem Quartier im Foyer abgestellt hatte und gleich hierhergekommen war. Mit klopfendem Herzen durchschritt sie die Tür und da war sie: »Amour du ciel – Himmelsliebe« stand auf der weiß gestrichenen Gondel, über der sich der Auftriebskörper bis fast an die Decke des riesigen Hangars wölbte. Während der untere Teil dieses Auftriebskörpers ebenfalls weiß war, wirkte er im obersten Drittel dunkel, fast schwarz. Wie ungewöhnlich, dachte Annie, blieb stehen und starrte nach oben. Hatte die Farbe wohl etwas mit der neuen Technik zu tun, die die »Amour du ciel«antrieb? Als man sie bei der Admiralität dem Luftschiff zugeteilt hatte, war in dieser Beziehung sehr geheimnisvoll getan worden. Ob die Kapitänin bei ihrer ersten Besprechung darauf eingehen würde?

»Sie stehen hier im Weg.« Eine barsche Männerstimme sprach sie von hinten an und Annie drehte sich um.

»Pardon«, entschuldigte sie sich und lächelte.

Der Mann lächelte nicht zurück, sondern stapfte um sie herum auf den Eingang der Gondel zu. Ohne sich noch einmal umzublicken, stieg er die wenigen Stufen der eingehakten Treppe hinauf und betrat das Luftschiff.

Annie sah ihm nach. Sie hatte anhand der Streifen an seiner Uniform nur erkennen können, dass auch er ein Mitglied der technischen Besatzung war. Ansonsten waren ihr seine dunklen Augen und das unfrisierte Haar aufgefallen, das sie an Gérard erinnerte, wenn er morgens aufwachte. Und natürlich seine Muskeln, die sich unter der Uniformjacke deutlich abgezeichnet hatten. Ein kleines Schmunzeln umspielte Annies Mund und sie legte den Kopf schief. Es wäre eine interessante Aufgabe, diesen mürrischen Mann zum Lächeln zu bringen.

»Nehmen Sie Ehrenkirchner nicht zu ernst. Er steht immer mit dem falschen Fuß zuerst auf, aber er ist ein ausgezeichneter Maschinist.«

Ein Blick auf den linken Oberarm des blonden Mannes, der neben ihr stehen geblieben war und sich zur Begrüßung leicht verbeugte, verriet Annie seinen Rang als Offizier. Wilhelm Friedrichsen konnte dies nicht sein, der näherte sich dem Pensionsalter. Im vergangenen Jahr hatte man häufig ein Bild von ihm in der Zeitung gesehen. Also –

»Ich nehme Männer nie ernst, Heinze«, sagte Annie und schmunzelte über sein verblüfftes Gesicht, als sie ihn, wie in der Luftschifffahrt üblich, mit seinem Nachnamen anredete. »Außer natürlich, sie sind meine vorgesetzten Offiziere. Annie Dupont, Kommunikatorin, ich melde mich zum Dienst.«

»Richard Heinze. Zweiter Offizier.«

Er zog seine Taschenuhr aus der Jackentasche und warf einen Blick darauf.

»Kapitänin Lefort müsste in Kürze von der Admiralität kommen. Wir treffen uns in einer halben Stunde im Besprechungsraum auf der ›Himmelsliebe‹. Nach dem Einstieg ist das gleich die linke Tür.«

Er steckte die Uhr zurück, nickte kurz und setzte seinen Weg zum Hangareingang fort. Dort sprach er mit der Seitensteuerfrau, die immer wieder den Kopf schüttelte und auf ihre Liste deutete.

Heinze war kaum älter als Annie, höchstens Anfang 30 und er sah auf seine elegante Art ebenso stattlich aus wie der Maschinist auf seine muskulöse. Wie hatte Heinze ihn genannt? Ehrenkirchner. Annie lächelte. Ja, sie war gespannt auf die Kapitänin und hatte sich über Emmas Begrüßung gefreut, doch es war natürlich auch schön, mit ansehnlichen Männern zusammenzuarbeiten.

*

Wilhelm Friedrichsen nahm Haltung an und marschierte über den Hof des Luftschiffhafens zielstrebig auf Hangar 3 zu. Am Eingang standen zwei Frauen in Uniform, eine blonde, die alle Hineingehenden und Herauskommenden zu kontrollieren schien, und eine zierliche, dunkelhaarige, die mit ihr sprach und ihr schließlich die Hand schüttelte, bevor sie im Inneren des Hangars verschwand.

Friedrichsen kniff die Lippen zusammen und zögerte einen winzigen Augenblick. Es waren viel zu viele Weibspersonen auf dieser Mission dabei. Nicht nur in Uniform – auf der Liste aller Besatzungs- und Forschungsmitglieder, die er im Voraus erhalten hatte, hatte er zwei weitere Frauennamen entdecken müssen. Immerhin arbeiteten diese beiden in Bereichen, die der weiblichen Natur entsprachen: Fotografie und Küche.

Friedrichsen straffte die Schultern noch ein wenig mehr und setzte seinen Weg fort.

»Guten Morgen, Friedrichsen«, begrüßte ihn die Frau am Eingang und streckte ihre Hand aus. »Seitensteuerfrau Emma Steiner.«

»Sehr erfreut«, antwortete Friedrichsen und schüttelte die Hand, doch er sah Emma Steiner an, dass diese genau wusste, dass seine Worte nichts als eine Höflichkeitsfloskel waren.

»Ich kontrolliere die Wareneingänge anstelle des Navigators Varennes, er ist bisher noch nicht eingetroffen«, erklärte sie und sah dem Arbeiter entgegen, der mit einer schweren Kiste auf dem Rücken auf den Hangar zukam.

»Gut. Weitermachen«, befahl Friedrichsen und ging ohne weiteren Gruß an ihr vorbei.

Rund um die »Himmelsliebe«herrschte geschäftiges Treiben. Inmitten des Gewimmels stand die dunkelhaarige Frau, die er vorhin gesehen hatte, und starrte nach oben, als hätte sie noch nie ein Luftschiff gesehen. Merkte sie nicht, dass sie im Weg war und der Mann mit der Kiste einen Bogen um sie herum machen musste? Ah, Ehrenkirchner wies sie wohl darauf hin. Guter Mann. Wahrscheinlich der beste Maschinist in ganz Frankoallemannien, vor allem, wenn es um den neuen Antrieb ging.

Und da war auch Heinze und sprach mit ihr. Netter Junge. Er würde sich als Zweiter Offizier hier sicher genauso bewähren wie auf ihrer letzten gemeinsamen Fahrt vor zwei Jahren. Da war er noch Höhensteuermann gewesen. Heinze konnte es weit bringen mit seiner freundlichen und kompetenten Art. Wenn er sich nicht durch eines dieser Weibsbilder ablenken ließ.

Missbilligend beobachtete er, wie die Frau, die die Funkerin und Dolmetscherin sein musste, dem Zweiten Offizier nachblickte. Sie hatte den Kopf schief gelegt und ihre Lippen geschürzt. Mit ihr würde es Probleme geben.

*

Annie war einmal langsam und fast ehrfürchtig um die »Himmelsliebe«herumspaziert und hatte sich dabei bemüht, niemandem im Weg zu sein. Nun raffte sie ihren Rock mit den Bändern bis knapp unters Knie, knöpfte sie fest und stieg die Stufen hinauf zum Eingang der Gondel. Die linke Tür stand offen und Annie hörte Stimmengemurmel. Sie war also nicht die Erste an Bord.

»Bonjour«, grüßte sie, als sie den Raum betrat. »Und guten Morgen«, fügte sie schnell hinzu, denn auch wenn dies ein zweisprachiges Land war, hatte sich bei den Luftschifferi Deutsch als Arbeitssprache durchgesetzt.

Die Männer am ovalen Tisch grüßten zurück und Annie setzte sich auf den nächstgelegenen freien Stuhl neben einen Mann, den sie noch nicht gesehen hatte, und nickte ihm freundlich zu. Er sah jedoch nicht auf, so vertieft war er in die Zeitung, die vor ihm auf dem Tisch lag. Er trug einen mächtigen, grauen Schnauz- und Backenbart und statt der Streifen eine Äskulap-Schlange auf dem Ärmel der Uniformjacke. Aha, der Bordarzt. Hoffentlich war er zu seinen Patienten ein wenig freundlicher als zu ihr.

»Guten Morgen«, grüßte nun Emma Steiner an der Tür hinter Annie und marschierte schnurstracks auf den Platz neben ihr zu, wo sie sich wortlos setzte. Ihr folgten weitere Besatzungsmitglieder und einige Zivilisten, darunter eine eher unscheinbare Frau um die 50, sodass der Raum im Nu gefüllt war. 14, zählte Annie und versuchte dabei zu raten, wer welche Position innehatte und wer noch fehlen mochte. Nur zwei Stühle waren noch frei, einer davon gehörte bestimmt …

»Guten Morgen und Bonjour. Ich hoffe, Sie hatten alle eine gute Anreise«, sagte eine Frauenstimme hinter Annie und alle Köpfe drehten sich zur Tür. »Ich bin Kapitänin Alberta Lefort und ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.«

2. Kapitel

Am selben Tag

Alberta ging auf den freien Sitzplatz am Ende des langen Tisches zu. Der Mann rechts daneben erhob sich. Friedrichsen. Er würde doch wohl nicht galant werden wollen und ihr den Stuhl zurechtrücken, um sie als schwache Frau darzustellen? Nein, er wandte sich den Anwesenden zu.

»Willkommen auf der ›Himmelsliebe‹«, tönte er. »Und willkommen zu unserer ersten Forschungsreise …«

»Danke, Friedrichsen«, unterbrach ihn Alberta Lefort, die an ihrem Platz angelangt war, und setzte sich. »Ich werde unsere Missionsteilnehmer selbst informieren. Sie können Platz nehmen.«

Friedrichsen kniff die Lippen zusammen und setzte sich ebenfalls wieder. Sein Gesichtsausdruck war völlig neutral, doch Alberta Lefort spürte seinen Unwillen. Gut, das war zu erwarten gewesen. Sie sah in die Runde.

»Ich bin also Kapitänin Alberta Lefort und ich bitte Sie alle, sich einmal kurz vorzustellen und Ihre Stellung auf unserer bevorstehenden Reise zu nennen.« Sie wies mit ihrer rechten Hand auf Friedrichsen. »Wilhelm Friedrichsen, unseren Ersten Offizier, kennen Sie ja schon.«

Ihre Hand wanderte weiter, ohne ihm die Gelegenheit zu geben, erneut zu sprechen.

»Hugo Schumann, Höhensteuermann«, sagte Friedrichsens Sitznachbar. Er wirkte bemüht und lächelte, doch seine Augen glitten eher abschätzend über den Rest der Versammelten. 33, gute Beurteilungen, ehrgeizig, erinnerte sich Alberta Lefort aus seiner Akte.

»Ehrenkirchner, Ernst, Maschinist.« Ehrenkirchner blieb sein allseits bekanntes, mürrisches Selbst.

»Professor Dr. Dr. Franz-Hermann Schmitz, Geologe und Geograf.« Der Professor nickte militärisch-zackig. Eine Koryphäe auf seinem Gebiet und ausgesprochen selbstsicher. Wahrscheinlich sollte sie am besten ihm die Leitung des kleinen Wissenschaftsteams übergeben.

»Walther Neumann, Professor Dr. Walther Neumann, Biologe.« Der eher schmächtige Mann lächelte in die Runde und um seine Augen hinter den Brillengläsern bildeten sich tiefe Falten. »Ich möchte Ihnen allen noch sagen, dass ich sehr …«

»Bitte entschuldigen Sie. Der Zug hatte Verspätung.« Die Stimme an der Tür klang atemlos, so als wäre die Frau, der sie gehörte, im Laufschritt hierhergekommen. Und wahrscheinlich war sie das auch.

»Setzen Sie sich einfach, wir sind gerade bei einer Vorstellungsrunde«, erklärte die Kapitänin. »Alles Weitere klären wir später.«

Die neu Angekommene trug ein schlichtes, grauschwarzes Kleid und bemühte sich nun, unauffällig an den Platz zu gelangen, der neben Annie und Emma Steiner an der Seite des Tisches frei geblieben war.

»Emile Audry. Ich bin Professor für Wetterkunde und interessiere mich außerdem für andere ungewöhnliche Phänomene.« Er warf einen anzüglichen Blick auf die drei Frauen, die nun gegenüber von ihm saßen.

Alberta Lefort zuckte innerlich zusammen. Auf Audry würde man ein Auge haben müssen. Seine Haltung Frauen gegenüber ließ wohl zu wünschen übrig. Eigentlich müsste Friedrichsen diese Aufgabe übernehmen. Ob er dafür der Richtige war?

»Ihre Pflichten, Professor«, stellte sie klar, »dürfen sich hier an Bord zunächst allein auf das Wetter beschränken.«

»Adolphe Balzac, isch bin der cuisinier, der Koch«, verkündete der kleine, etwas rundliche Mann mit dem gezwirbelten Schnurrbart. »Und dies ist meine Küschen-Frau Meta Meyer.«

»Ich denke«, stellte Alberta klar, »jeder und jede von uns kann sich alleine vorstellen. Dennoch danke, Monsieur Balzac, wir freuen uns, dass Sie beide uns nicht verhungern lassen werden.«

»Ah, non. Natürlisch nischt.« Sein französischer Akzent wurde noch ausgeprägter.

Meta Meyer schwieg und starrte auf den Tisch, dann erhob sie ihren Blick und grinste in die Runde, als sei Balzacs Verhalten ein großer Scherz gewesen.

»Oscar Varennes, Navigator.« Der junge Mann wies gleich weiter auf seinen Nachbarn, der Zivilkleidung trug, als wolle er die Aufmerksamkeit der Gruppe so schnell wie möglich weiterleiten.

»Jean Koblenzer, Zeichner.« Koblenzer sah die Zuspätkommerin, die neben ihm saß, auffordernd an. Sie war langsam wieder zu Atem gekommen und stellte sich als »Paula Heidenreich, Fotografin« vor.

»Dann sitzen Sie ja schon gleich richtig«, sagte die Kapitänin und wandte sich an alle. »Diese beiden, Herr Koblenzer und Fräulein Heidenreich, werden all unsere Funde im Wattenmeer zur späteren Auswertung aufzeichnen. Ich bin sehr glücklich, dass wir Fachleute für beide Methoden der Dokumentation – Zeichnung und Fotografie – hier an Bord haben.«

Der Blick, den Paula Heidenreich und Jean Koblenzer tauschten, schien eher von Misstrauen geprägt. Nun gut, die beiden würden auf dieser Fahrt lernen müssen, miteinander zu arbeiten, statt in Konkurrenz zu treten.

»Emma Steiner, Seitensteuerfrau.«

Alberta nickte ihr zu. Steiner war eine bewährte Offizierin mit großen technischen Kenntnissen. Wäre sie ein Mann gewesen, hätte man sie längst zum Ersten Offizier gemacht oder zumindest zum Zweiten. Sie in der Besatzung zu haben, hatte ein Stückchen Arbeit erfordert, die Admiralität war nicht begeistert gewesen, dass auf der »Himmelsliebe« gleich drei der neun Besatzungsmitglieder Frauen waren. Doch Alberta war hart geblieben und hatte sich schließlich durchgesetzt. Sie schmunzelte ein wenig bei der Erinnerung, wie intensiv die Admiralität nach dem Entscheid für Emma Steiner als Seitensteuerfrau für diese Mission zumindest nach einem männlichen Kommunikator gesucht hatte, der neben Französisch, Deutsch und Dänisch auch die friesische Sprache beherrschte. Erfolglos.

»Annie Dupont, Kommunikatorin.« Ja, da war sie also, die beste, die sich Alberta für eine Reise ins friesische Wattenmeer wünschen konnte.

»Pardon«, fragte Professor Audry von der anderen Seite des Tisches. »Was genau macht eine Kommunikatorin?«

Nicht, was du gerne hättest, dachte Alberta unwillkürlich angesichts seiner süffisant hochgezogenen Augenbrauen.

»Dupont ist während der Fahrt für den Funkverkehr zuständig«, erklärte sie, »und wird dolmetschen, wenn wir während unserer Mission in friesisch-dänisches Hoheitsgebiet sprachliche Hilfe brauchen.«

Annie zeigte beim Lächeln ihre Grübchen und gab ihrem Nachbarn zur Rechten ein Zeichen, dass er an der Reihe war.

»Dr. Robert Benfeld, ich bin Arzt«, sagte der Mann.

Da er keine Anstalten machte weiterzusprechen, ergänzte Alberta: »Damit ist Doktor Benfeld nicht nur ein Besatzungsmitglied, sondern er wird auf unserer Fahrt auch einige Forschungsaufgaben übernehmen.«

Die Professoren musterten den Arzt interessiert und ein wenig überrascht. Hatten sie keine Informationen dazu bekommen, wer der Forschungsgruppe angehörte?

»Und ich bin Richard Heinze, der Zweite Offizier. Damit ist unsere Runde beendet und ich freue mich auf unsere Fahrt unter Kapitänin Lefort«, sagte Heinze verbindlich.

Alberta dankte ihm, erhob sich und gab Adolphe Balzac ein Zeichen. Dicht gefolgt von seiner Küchenfrau eilte er aus dem Raum.

»Monsieur Balzac und Fräulein Meyer haben einen ersten Imbiss vorbereitet«, sagte sie. »Das gibt uns Gelegenheit, uns formlos ein wenig kennenzulernen, bevor wir einen Rundgang auf der ›Himmelsliebe‹machen. Die meisten von Ihnen haben das Luftschiff ja bisher nur von außen gesehen.«

Friedrichsen setzte zum Sprechen an, aber Alberta überging sein betontes Einatmen.

»Über die Details der Mission werde ich Sie später am Nachmittag informieren. Morgen beginnen unsere ersten, kurzen Fahrten, um die ›Himmelsliebe‹ zu erproben, bevor in einer Woche die tatsächliche Forschungsreise beginnt. Und nun folgen Sie mir bitte in die Messe.«

*

Sie trug Hosen! Als sie vorhin in den Besprechungsraum gekommen war, hatte Annie es nicht bemerkt, weil sie nur auf ihr Gesicht geschaut hatte, aber eben war es ganz deutlich zu sehen gewesen: Die Kapitänin hatte zu ihrer Uniformjacke tatsächlich weit geschnittene Hosen an. Wie Annie hatte sie ihr Haar im typischen Flechtknoten hochgesteckt und sie trug den Uniformhut der weiblichen Offiziere. Doch sie war nicht in den entsprechenden Rock gekleidet. Wie aufregend!

Dazu war sie hochgewachsen für eine Frau, ebenso groß wie Friedrichsen, und es fiel wohl keinem schwer, in ihr eine Führungspersönlichkeit zu sehen. Annie lächelte unwillkürlich.

Alle warteten, bis der Erste und der Zweite Offizier der Kapitänin aus dem Besprechungsraum gefolgt waren, dann standen sie auf und setzten sich in Bewegung. Dr. Benfeld, der die Tür als Erster erreichte, zögerte, trat einen Schritt zur Seite und ließ Annie, Emma Steiner und Paula Heidenreich den Vortritt. Annie spürte, wie Emma sich versteifte. Auch wenn es im zivilen Leben noch durchaus üblich war, Frauen als schwache und schutzbedürftige Wesen zu sehen und mit ihnen entsprechend umzugehen, hatte sich eigentlich unter Luftschifferi die Gleichbehandlung durchgesetzt.

»Nimm’s nicht so ernst«, sagte Annie leise zu Emma, als sie nebeneinander vor der Doppelleiter warteten, die hinauf auf die zweite Ebene und zur Messe führte. Direkt daneben gab es einen kleinen Aufzug, in dem nicht allzu große Gegenstände mitgenommen werden konnten. »Er trägt zwar eine Uniform, aber er ist Arzt und daher eher sowas wie ein Zivilist.«

»Er sollte wissen, wie man sich auf einem Luftschiff verhält.« Emma runzelte die Stirn. »Ich hoffe bloß, ich werde nie krank.«

»Du kannst ihm ja einfach beim nächsten Mal an der Tür betont den Vortritt lassen. Dann gleicht sich das wieder aus.«

Emma sah sie überrascht an. Dann lächelte sie. »Warst du auf der Diplomatieschule?«

Annie lachte und gemeinsam stiegen sie die Leitern hinauf, gingen den kurzen Gang entlang und betraten die Messe, den Speise- und Aufenthaltsraum des Luftschiffs. An vier Tischen waren jeweils vier Plätze gedeckt, ein fünfter war frei geblieben. Auf jedem der gedeckten Tische standen bereits ein Körbchen Brot und eine kleine Käseplatte, dazu eine Flasche Wein und ein Krug Wasser.

»Komm mit ans Fenster«, sagte Emma und steuerte zielstrebig auf einen der Tische zu.

»Aber man sieht draußen nur …«

Emma zuckte mit den Achseln und ließ sich direkt an der Verglasung nieder. »Die Aussicht wird sich bald ändern. Jedoch vielleicht die Tischordnung nicht. Wenn einmal die Terrains abgesteckt sind, wird es auf jeden Fall schwieriger.«