Verlag: Knaus Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

Himmelsstürmer E-Book

Alex Capus  

4.42857142857143 (14)

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Sicherung: Wasserzeichen E-Book-Leseprobe lesen

E-Book-Beschreibung Himmelsstürmer - Alex Capus

Träumer, Erfinder, Abenteurer – Himmelsstürmer erobern die WeltNach dem fulminanten Erfolg seines Romans „Eine Frage der Zeit“ zeichnet Alex Capus die Lebensspuren von zwölf Himmelsstürmern nach – kleine Leute aus einem kleinen Land, die in der großen Welt ihr Glück suchten und ungewöhnliche Taten vollbrachten.Capus’ Helden waren uneheliche Kinder gefallener Dienstmädchen, litten an bösen Stiefmüttern, fixen Ideen und körperlichen Gebrechen, sie mussten Hungersnöte, Kriege und Revolutionen überstehen. Trotzdem – oder gerade deshalb – zogen sie aus, die Welt zu erobern. Das Berner Dienstmädchen Marie Grosholtz erlangte als Madame Tussaud Weltruhm. Der Neuenburger Jean-Paul Marat zettelte mit Danton und Robespierre die Französische Revolution an. Der Aarauer Uhrmachersohn Ferdinand Hassler vergrößerte die USA auf Kosten Kanadas. Ein Berner namens Pauli baute das erste lenkbare Luftschiff der Welt. Ein falscher Arzt namens Meyer befreite Griechenland vom Joch der Türken, und ein Glarner namens Zwicky schoss das erste von Menschenhand geformte Objekt in den Weltraum. Wie immer erzählt Alex Capus spannend und amüsant von Menschen, die zäh, geschickt und unbeirrbar zuversichtlich an ihre Fähigkeiten und Träume glauben, die Zeitläufe nutzen und sich durch Niederlagen und Fehlschläge nicht entmutigen lassen.

Meinungen über das E-Book Himmelsstürmer - Alex Capus

E-Book-Leseprobe Himmelsstürmer - Alex Capus

Inhaltsverzeichnis
 
Vorwort
 
1 Madame Tussaud
 
Copyright
Vorwort
Ich will nicht behaupten, dass Christoph Kolumbus Schweizer gewesen sei - aber ziemlich sicher bin ich schon. Denn zur gleichen Zeit, da dessen Stammvater aus dem Nichts in Genua auftauchte, hatten am Genfer See die Ritter von Colombey ihre Besitztümer verkauft und waren mit unbekanntem Ziel verschwunden, verdrängt vom ungleich mächtigeren Herzog von Savoyen - und wenig später ließ sich vor den Toren Genuas ein gewisser Giacomo Colombo nieder. Daraus zu schließen, dass es ausgerechnet ein Schweizer gewesen sei, der Amerika entdeckte, ist ein wenig kühn und auf den ersten Blick nicht sonderlich bedeutsam. Hauptsache, Kolumbus hat Amerika entdeckt und uns Zugang zur Tomate, zur Glühbirne und zum Geist der Unabhängigkeitserklärung verschafft. Aber wenn jemand es unternähme, die DNA des Entdeckers, dessen Nachfahren im Dunstkreis der reichen Herzogin von Alba in Madrid leben, mit dem Erbgut der Einwohner Colombeys am Genfer See zu vergleichen, würde ich den Resultaten mit größtem Interesse entgegensehen.
Die Ritter von Colombey lebten vom transalpinen Handel: Seide und Gewürze aus Genua wurden in die Städte des Nordens gebracht, in entgegengesetzter Richtung transportierte man Wolle, Käse, Leder und Eisenwaren. Das Städtchen Olten, in dem ich lebe, liegt an jenem Handelsweg, und die Terrasse des Restaurants«Stadtbad»bietet einen schönen Ausblick auf die Aare, über die viele Jahrhunderte lang die Kähne der Kaufleute hinunter zum Rhein und weiter nach Köln und Amsterdam fuhren. Mag also sein, dass Kolumbus’ Ahnen hier in Olten Station gemacht haben und sich im städtischen Bad - also im«Stadtbad», der ältesten Gaststube der Stadt - den Reisestaub vom Leib wuschen.
Wenn diese Terrasse ein Gefährt für Zeitreisen wäre, könnte ich hier allerhand schöne Beobachtungen machen. Ich könnte Bertolt Brecht über den Aareweg gehen sehen, der im Hotel Bornhof eine Nacht verbrachte und über Olten schrieb:«Ein trostloser Ort.»Im Herbst 1916 würde ich Lenin sehen, der im Hotel Aarhof die zwei russischen Zahnarztgehilfen des Doktor Siegrist traf, die laut Einwohnerregister gleich neben meinem Haus an der Elsastraße 11 wohnten, vielleicht auch Rosa Luxemburg, die vor der Lastwagenfabrik Berna die Arbeiter aufgestachelt haben soll, und am 20. Juni 1878 Friedrich Nietzsche, der auf der Oltner Froburg das Alpenpanorama betrachtete und sich hernach ins Gästebuch eintrug. Ich sähe die Auswandererkähne auf ihrem Weg nach Le Havre und Amsterdam, dann ein Berner Dienstmädchen namens Marie Grosholtz unterwegs nach London, das als Madame Tussaud weltberühmt werden sollte, oder den zehnjährigen Mozart, der hier im Frühjahr 1766 ein kleines Stück flussaufwärts vorbeikam, und das amerikanische Kampfflugzeug, das im Wald zerschellte, und das Luftschiff Eduard Spelterinis, das hinter dem Engelberg verschwand. Ich sähe napoleonische Soldaten und römische Legionäre, Kreuzritter und Kelten, Langobarden und die weiß bemalten UN-Panzer, die nachts auf Tiefladern der Deutschen Bahn nach Jugoslawien transportiert wurden.
Ich sitze gern hier und schaue hinunter auf den Fluss, und ich liebe mein Städtchen sehr. Aber ich bilde mir nicht ein, dass es sich in irgendeiner Weise auszeichne vor den anderen fünftausend großen und kleinen Städten Europas. Fast jede Stadt liegt an einem Fluss, über den einst Wikinger, Träumer und Himmelsstürmer zogen, und überall hat es uneheliche Kinder gefallener Dienstmädchen gegeben, die an bösen Stiefmüttern, fixen Ideen und körperlichen Gebrechen litten, und zahllos sind die bettelarmen Burschen und Mädchen, die während Hungersnöten, Kriegen und Seuchen ausgezogen sind, die Welt zu erobern. Vielleicht war Kolumbus ja gar nicht Schweizer, sondern Korse, Ostfriese oder Bosnier, das will ich gar nicht ausschließen - jedenfalls nicht, bis die DNA-Analysen vom Genfer See vorliegen.
Wenn ich das Treiben auf meinem Fluss betrachte, kommt es mir vor, als ob hier jeder, den es je gegeben hat, irgendwann vorbeigekommen sei und jeder mit jedem bekannt war oder zumindest jeder einen kannte, der einen kannte, der mit dem anderen zu tun hatte; kommt hinzu, dass wir alle die Enkel unserer Ahnen und die Großeltern unserer Nachfahren sind. Jedenfalls glaube ich fest daran, dass alle Menschen Brüder sind - das ergibt sich allein schon aus der gentechnisch belegten Tatsache, dass sechzehn Millionen heute lebende Männer direkte Nachfahren Dschingis Khans sind, oder dem unleugbaren Umstand, dass meine Tante Nayid - also die Ehefrau des zweitältesten Bruders meines Vaters - eine Urgroßnichte des vorvorlezten Schahs von Persien war; oder aus dem historisch nachweisbaren Faktum, dass ich selbst einmal im Vortrieb des neuen Lötschberg-Eisenbahntunnels mit Prinz Charles ein Schwätzchen gehalten habe. (Er sagte:«It is rather noisy, isn’t it?»Und ich antwortete:«It is indeed, Your Royal Highness.») Wir sind alle Brüder und Schwestern, und alles hängt mit allem zusammen, und deshalb ist alles von Bedeutung - die kleinste unserer Taten, die geringste unserer Unterlassungen. Daran glaube ich, und das ist mir ein steter Trost und ein großes Vergnügen.
Olten, auf der Sonnenterrasse des«Stadtbad», im Februar 2008
1 Madame Tussaud
Um 1765 konnte man, falls uns niemand angelogen hat, in den Gassen der alten und mächtigen Stadt Bern ein vierjähriges Mädchen namens Marie sehen, das Wäsche zur Aare trug, Brot beim Bäcker besorgte und Brennholz die Treppe hochschleppte. Sie unterschied sich in nichts von den anderen Kindern, die zu Hunderten durch die Kramgasse, die Gerechtigkeitsgasse und die Judengasse wuselten und von denen die meisten bald an Cholera, Tuberkulose, Diphtherie oder schlechter Ernährung sterben würden. Marie aber überstand ihre Kindheit dank Glück, robuster Gesundheit und zärtlicher Fürsorge und lebte ein märchenhaft langes Leben. Sie zog in die Welt hinaus und ging in den prächtigsten Schlössern der Welt ein und aus, schmachtete im finstersten Verlies und entkam, nachdem ihr der Henker schon den Kopf geschoren hatte, nur knapp der Guillotine. Und als sie schließlich hochbetagt starb, war sie weltberühmt als die geschäftstüchtigste Künstlerin aller Zeiten.
Dabei hatte alles ganz schlecht angefangen. Ihre Mutter hieß Anna Walder, war Dienstmädchen in Straßburg und erst siebzehn Jahre alt, als sie ungewollt schwanger wurde, angeblich von einem achtundzwanzig Jahre älteren Frankfurter Söldner namens Joseph Grosholtz, der aber kurz vor der Geburt des Kindes seinen Kriegsverletzungen erlegen sein soll. Jedenfalls war die Mutter allein, als die Wehen einsetzten. Und als die kleine Marie am 7. Dezember 1761 in der Kirche zu Sankt Peter getauft wurde, waren laut Taufregister weder die Mutter noch der Vater anwesend, sondern nur ihre Hebamme und der Kirchendiener, der gleichzeitig als Taufpate fungierte. Derart in Armut alleingelassen, mussten das Kind und seine Mutter, die selbst noch ein Kind war, unausweichlich in der Gosse landen, aus dem Haus gejagt von ihrem Brotherrn und verstoßen von den Familienangehörigen, die sie irgendwo haben mochte, worauf beide ziemlich bald gestorben wären, ohne der Nachwelt die geringste Spur zu hinterlassen.
Diesmal aber nahmen die Dinge nicht den üblichen Gang, denn es trat ein rettender Engel auf. Philipp Curtius war vierundzwanzig Jahre alt und adlig, stammte aus Stockach am Bodensee und praktizierte als Arzt. Irgendwo, irgendwann muss er Anna Walder begegnet sein, vielleicht kurz nach Maries Geburt, möglicherweise aber auch mehr als neun Monate zuvor. In späteren Jahren behaupteten manche, eigentlich sei Curtius Maries leiblicher Vater gewesen und nicht Grosholtz - denn Letzterer sei im März 1761, also in den Tagen, da Marie aller Wahrscheinlichkeit nach gezeugt wurde, gar nicht in Straßburg gewesen, sondern mit General Würmser auf den Schlachtfeldern des Siebenjährigen Krieges. Nun ist zwar auf den Soldlisten des Generals kein Soldat namens Grosholtz zu finden, und auch Curtius’ Aufenthaltsort zum Zeitpunkt der Empfängnis ist unbekannt, aber es spricht doch einiges dafür, dass damals der junge Doktor und nicht der alte Soldat an Annas Seite war. Siebzig Jahre später jedenfalls schrieb Marie in ihren Memoiren, dass Curtius zur Stelle gewesen sei, als ihre Mutter in Not war, und sie beide nach Bern führte und in einem Haus unterbrachte, in dem er seine Arztpraxis eröffnete.
Das kann tatsächlich so gewesen sein.
Sonderbar ist nur, dass in den Annalen der Stadt Bern die Namen Curtius und Grosholtz nie registriert wurden, weder im Hintersässenregister noch in der Volkszählung von 1764. Entweder also hat sich die junge Familie heimlich und ohne Wissen der Obrigkeit in Bern niedergelassen - was schwierig, aber nicht unmöglich gewesen wäre -, oder Marie hat im hohen Alter ihre Berner Kindheit einfach erfunden, um ihrer Vita eine schweizerisch-neutrale Herkunft zu geben. Unbestreitbar wahr ist aber, dass Curtius ihr zeitlebens in väterlicher Zärtlichkeit zugetan blieb, treu bei Anna Walder blieb und nie eine andere Frau heiratete. Tief blicken lässt schließlich auch, dass er, als es ans Sterben ging, das Mädchen zu seiner Alleinerbin bestimmte.
Mag also sein oder nicht sein, dass Marie aufgewachsen ist in der Zähringerstadt, die über die Jahrhunderte reich geworden war dank der Steuern, welche die Obrigkeit bei den Bauern erhob, und dank dem Sold junger Männer, die man in fremde Kriegsdienste geschickt hatte. Immer höher und mächtiger erhoben sich auf der Halbinsel an der Aare die grauen Sandsteinpaläste der Patrizier, immer prächtiger wurden ihre Sommerresidenzen, die sie außerhalb der Stadtmauern errichten ließen. Die Männer der herrschenden Familien trugen weiß gepuderte Perücken und die Frauen weit ausladende Reifröcke; sie prunkten mit silbernen Tabatièren, zarten Seidenschirmchen und kostbaren Möbeln, die sie in Paris bei den Hoflieferanten des Sonnenkönigs bestellt hatten. Und wer etwas auf sich hielt, sprach nicht Berndeutsch wie die Bauern, sondern Französisch.
Je höher die von Wattenwyls, Tscharners, Graffenrieds, Steigers und von Steigers sich über das Volk erhoben, desto eifersüchtiger wachten sie über ihre Privilegien. Die Stadt, deren Tore im Mittelalter stets offen gestanden hatten, verschloss sich mehr und mehr allem Fremden gegenüber. Ihre Bürger regierten nicht mehr in republikanischer Freiheit, sondern beugten sich der Diktatur des Geldadels in einem Klima von Angst und Unterdrückung. Begehrten draußen in den Dörfern die Bauern gegen zu hohe Steuern auf, wurden ihre Anführer gevierteilt und deren Körperteile zur Warnung weit übers Land verteilt an die Scheunentore genagelt; wenn in der Stadt ein Bürger ungehörige Gedanken aussprach oder auch nur gotteslästerlich fluchte, wurde er zu Galeerenhaft in venezianischen Diensten verurteilt. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der als junger Mann in Bern Hauslehrer bei der vornehmen Familie Karl Friedrich Steigers war, schrieb entsetzt nach Preußen,«dass in keinem der Länder, die ich kenne, nach Verhältnis der Größe so viel gehängt, gerädert, geköpft, verbrannt wird als in diesem Kanton.»
Man kann sich vorstellen, dass in dieser selbstgef älligen und fremdenfeindlichen Stadt dem jungen, ortsfremden Doktor Curtius, falls er tatsächlich hier war, die Patienten nicht gerade in hellen Scharen zuströmten. Also beschäftigte er sich damit, zu Studienzwecken Modelle menschlicher Organe in Wachs anzufertigen. Bald modellierte und verkaufte er auch Miniaturen ganzer menschlicher Körper beiderlei Geschlechts, und schließlich ging er aus kommerziellen Gründen dazu über, die Figuren in erotische Beziehung zueinander zu setzen, wofür besonders die Herren eines gewissen Alters und eines gewissen Standes lebhaftes Interesse zeigten. Im Herbst 1765 muss es gewesen sein, dass Curtius Besuch erhielt von Prinz Louis-François de Bourbon-Conti, einem Cousin Ludwigs XV. Ob sich der Bourbone für die naturgetreuen Nachbildungen von Lungen und Lebern interessierte oder eher für die pikanteren Exponate, ist unbekannt. Jedenfalls war er von Curtius’ Kunstfertigkeit derart beeindruckt, dass er ihn einlud, seine Wachsfiguren auch in Paris zu zeigen, und ihm eine monatliche Pension sowie eine elegante Wohnung an der vornehmen Rue Saint-Honoré anbot. Dieser nahm an und zog in die Lichterstadt - vorerst ohne die kleine Marie und ihre Mutter.
Philipp Curtius kam zur richtigen Zeit an den richtigen Ort. Paris war in jenen Tagen die aufregendste Stadt der Welt. Noch herrschten die Bourbonenkönige in obszöner Pracht- und Machtentfaltung, aber unter der Oberfläche absolutistischer Herrschaft gärte die Freiheit. Rousseau schrieb«Du contrat social», Voltaire dachte über die beste aller Welten nach. Diderot hielt die Flamme der Aufklärung hoch, de Sade und Casanova zertrümmerten die Dogmen von Sitte und Moral. Und nach und nach tauchten jene auf, die wenige Jahre später das marode Ancien Régime zum Einsturz bringen sollten: Mirabeau, Lafayette, Robespierre, Danton, Marat, Benjamin Franklin.
Bei seiner Ankunft aber musste Curtius feststellen, dass es in Paris schon über hundert Wachsfigurenkabinette gab und er sich anstrengen musste, wenn er gegen die Konkurrenz bestehen wollte. Erst konzentrierte er sich auf die Produktion erotischer Miniaturen, die reißenden Absatz fanden und sich rasch in den Boudoirs und Salons der guten Gesellschaft verbreiteten; bald aber ging er dazu über, die Berühmtheiten des Tages in Wachs zu verewigen. Allmählich wurde Curtius nun seinerseits berühmt für seine Wachsfiguren, die so lebensecht aussahen, als würden sie im nächsten Augenblick husten, auflachen, davonrennen oder nach dem Kutscher rufen. Wer immer gerade Stadtgespräch war, wurde in Curtius’ Salon de Cire in Wachs gegossen: Madame du Barry, die Kurtisane des Königs, der Räuber Cartouche, der Würger Lesobre oder der Postillonmörder Lefèvre, dann natürlich die königliche Familie, erst Ludwig XV., dann Ludwig XVI., Marie Antoinette und ihre Kinder.
Nach zwei Jahren hatte sich Curtius soweit etabliert, dass er Marie und ihre Mutter nachkommen lassen konnte. Was für einen Eindruck die Rue Saint-Honoré auf die sechsjährige Marie gemacht haben mag, kann man nur ahnen. Tag und Nacht wimmelte es hier von grell geschminktem, vergnügungssüchtigem Volk, es gab Puppen- und Schattentheater, blutige Tierkämpfe mit Stieren, Wölfen und Hunden, Schwertschlucker und seiltanzende Affen, dann auch Handaufleger, Wahrsager, Magnetisten und Mesmeristen sowie Lustknaben und Huren jeder Couleur. Das Straßenpflaster war knietief bedeckt mit Pferdedung und menschlichen Exkrementen; zu Fuß ging hier nur, wer sich keine Kutsche leisten konnte. Die Pferdekutschen der Grandseigneurs preschten im Galopp durch die engen Gassen, und wenn gewöhnliches Volk unter die Hufe geriet, was Tag für Tag geschah, ließen die Herren nicht einmal anhalten - es sei denn, um nachzusehen, ob ein Pferd sich verletzt habe.
In die Rue Saint-Honoré kamen die wohlhabenden Bürger von Paris, um ihr Geld zu verjubeln, und die Adligen, weil es ihnen am Hof von Versailles zu steif und zu förmlich zuging. Dass Marie in dieser eitlen Welt, in der nur Schönheit, Herkunft und Etikette etwas galt, gesellschaftliche Erfolge feierte, kann man sich schwer vorstellen. Als Tochter eines Dienstmädchens gehörte sie zur Kaste der Unberührbaren. Erschwerend kam hinzu, dass ihrem Französisch zeitlebens ein starker alemannischer Akzent anhaftete, was in Paris seit jeher als unverzeihlicher Fauxpas galt. Und dann war sie auch noch ein hageres, hoch aufgeschossenes und flachbrüstiges Mädchen mit einem vorsichtig abwartenden Temperament und einer Hakennase, in das sich niemand auf den ersten Blick verliebt hätte.
Also streunte Marie nicht auf der Straße herum, sondern beobachtete scharf die Menschen, die sie sah, und machte sich im Kabinett ihres Beschützers nützlich. Schon als kleines Mädchen lernte sie zeichnen und modellieren, Wachs gießen und kolorieren, und an den fertigen Figuren pflanzte sie mit unendlicher Geduld und sicherer Hand Haar um Haar in das Wachs, jede einzelne Wimper, jedes Barthaar, die Brauen. Nach einiger Zeit fertigte sie ihre ersten Wachsfiguren allein an, und mit sechzehn Jahren war sie Curtius handwerklich ebenbürtig und dessen gleichberechtigte Geschäftspartnerin. Erstaunlich rasch entwickelte sie einen sicheren Instinkt für die Sensationslust des Publikums, und bald entschied sie gemeinsam mit ihrem Lehrmeister, den sie übrigens«Onkel»nannte, welche Tagesprominenz man in Wachs verewigen musste, um möglichst viele Schaulustige in ihren Salon zu locken.
Ein verlässlicher Publikumsmagnet war die königliche Familie: Ludwig XVI. und Marie Antoinette beim Frühstück, Prinzessin Elisabeth beim Flachsspinnen, Kronprinz Louis Joseph im Jagdkostüm. Und da über die Jahre Doktor Curtius’ Kabinett berühmt geworden war bis hinaus nach Versailles, konnte es nicht ausbleiben, dass auch die Bourbonen die Ausstellung besuchten und dort gleichsam sich selbst gegenüberstanden. Will man Maries Memoiren Glauben schenken, war besonders Prinzessin Elisabeth, die jüngste Schwester des Königs, ein schwermütiges, dickes und zutiefst religiöses Mädchen von vierzehn Jahren, sehr beeindruckt von ihrem wächsernen Konterfei. Will man ihr weiter glauben, so lud die Prinzessin Marie nach Versailles ein, damit sie ihr Unterricht in der Kunst des Wachsmodellierens erteilte. Und will man ihren Erinnerungen wirklich blindlings folgen, so nahm Marie die Einladung im Herbst 1780 nicht nur an, sondern wurde auch gleich zur besten Freundin der Prinzessin, bezog im Nordflügel des größten Schlosses der Welt ein Zimmer neben Elisabeths Schlafgemach und wohnte dort acht Jahre lang, um die königliche Familie im Umgang mit Wachs zu unterrichten und in der übrigen Zeit intimen Umgang mit den Bourbonen zu pflegen.
Man kann das glauben, wenn man will, aber man muss nicht. Das Parkett von Versailles war ein Ort strengster Benimmregeln, auf dem der geringste Verstoß mit sofortiger Ächtung bestraft wurde. Wer damit nicht vertraut war, musste allein schon das Gehen neu lernen: immer schön gleiten, niemals die Füße heben. Weitaus komplexer und schwieriger zu beachten aber waren die Vorschriften betreffend Begrüßungszeremonien, Konversation, Nahrungsmittelaufnahme sowie Kleidung, Frisur und Schminke. Dass sich in dieser Welt ein ungebildetes Berner Dienstmädchen, das zwar gut zeichnen, modellieren und rechnen, aber nur fehlerhaft lesen und schreiben konnte, auch nur eine Stunde ohne Skandal hätte halten können, erscheint kaum vorstellbar. Und selbst wenn die Prinzessin sich Marie zu ihrer privaten Unterhaltung als bäurisches Maskottchen gehalten hätte, so hätte ihr Name auf der Salärliste der fünfundzwanzigtausend Lakaien, die in Versailles in Lohn und Brot standen, aufgeführt sein müssen. Der«Almanach de Versailles»aber, der auf zweihundert Seiten sämtliche Boten und Speichellecker bis hin zum königlichen Hinternwischer mit Namen, Vornamen und Funktion auflistet, erwähnt zwischen 1780 und 1788 Marie Grosholtz kein einziges Mal.
Das will nicht heißen, dass sie Versailles nicht von innen gekannt hat. Gut möglich, dass sie Prinzessin Elisabeth ein paar Tage in der Wachsgießerei unterrichtete und dass die beiden beispielsweise Duplikate von Reliquien herstellten; denn die Prinzessin hing dem Glauben an, dass die Gebeine von Heiligen auch dann Wunder wirken, wenn sie nur als wächserne Kopien vorliegen. Undenkbar ist aber, dass die Bourbonin mit dem Berner Dienstmädchen Hand in Hand über Blumenwiesen spazierte, wie Marie in ihren Memoiren behauptet, und die beiden ganze Wochen in Elisabeths privatem Lustschlösschen in Montreuil verbrachten, um einander die intimsten Geheimnisse anzuvertrauen. Das ist nicht möglich, das hätte am Hof niemand zugelassen. Die Lakaien nicht, und der König schon gar nicht.
Sehr wahrscheinlich ist aber, dass Marie Grosholtz und Philipp Curtius alle paar Wochen die zweistündige Kutschenfahrt hinaus nach Versailles unternahmen, um Anschauungsmaterial für ihre Wachsfiguren zu gewinnen. Denn das Schloss war nicht nur dem Hochadel zugänglich, sondern auch dem gemeinen Volk, das an gewissen Tagen bis in die Speisesäle vorgelassen wurde. In hellen Scharen rannten Kleinbürger, Kutscher und Wäscherinnen über die Treppen, um dabei zu sein beim«Grand Couvert», dem zeremoniellen Diner der königlichen Familie, und sich alles ganz genau anzuschauen: das Besteck aus massivem Gold, das chinesische Porzellan, die hundert Schweizer Gardisten mit ihren roten Hosen und weißen Hutfedern, die im Karree den Tisch umstanden. In ihren Memoiren beschreibt Marie das alles sehr eindringlich und detailgetreu - aber eines wird bei ihren Beschreibungen doch klar: dass ihre Perspektive nicht die eines Familienmitglieds bei Tisch war, sondern die einer Schaulustigen, die zwischen den Hellebarden der Schweizer Gardisten hindurchlugte.
Ende 1788 machten Marie Grosholtz und Philipp Curtius nach dreizehn sehr erfolgreichen Geschäftsjahren eine neue Erfahrung: Sie mussten erstmals die Eintrittspreise senken, damit weiterhin Besucher in die Ausstellung kamen. Die Leute hatten kein Geld mehr. Der Sommer 1788 war heiß und außergewöhnlich trocken gewesen, und kurz vor der Ernte hatte ein ungeheurer Hagelschlag das wenige, das noch auf den Feldern stand, vernichtet, weshalb im Herbst die Preise für Getreide und Brot in nie gekannte Höhen schossen. Die Menschen gerieten in Not, Hunger machte sich breit, und nur noch wenige konnten es sich leisten, Geld in der Rue Saint-Honoré zu verjubeln. Dann folgte ein bitterkalter Winter. Monatelang lag das Land unter Schnee
Die Texte über Ferdinand Hassler und Fritz Zwicky sind zuerst in der Süddeutschen Zeitung erschienen, der über Eduard Spelterini im Magazin des Zürcher Tages Anzeigers. Alle anderen Portraits entstanden als Serie für die Schweizer Familie.
 
Verlagsgruppe Random House
 
I. Auflage
Copyright © 2008 by Albrecht Knaus Verlag, München, in der Verlagsgruppr Random House GmbH
Druck und Einband: Friedrich Pustet KG, Regensburg
eISBN : 978-3-641-02487-1
 
www.knaux-verlag.de
 
Leseprobe
 

www.randomhouse.de