Beschreibung

"Ich weiß nicht, wen ich am meisten hassen soll - meine Mutter, meinen Vater oder Chomeini, der uns den ganzen Scheiß eingebrockt hat. Oder den Schah, weil er sich einfach verpisst hat." Lilly ist neun, als ihre Eltern beschließen, das kleine ostfriesische Dorf, in dem sie geboren wurde, zu verlassen und dorthin zurückzukehren, wo sie herkommen: Teheran, Iran. Jetzt muss sich Lilly in dem fremden Land, das ihre Eltern Heimat nennen, durchschlagen. In Teheran versteht Lilly die Welt nicht mehr: Nicht die prächtigen Villen mit Kristalllüstern, nicht die zahlreiche persische Verwandtschaft, die das ihr unverständliche Farsi spricht, nicht die Eltern, die sie plötzlich nicht mehr Fahrrad fahren lassen. Aber Lilly passt sich nicht an, ihr bleibt ihr Eigensinn und die Wut, von den Eltern in eine fremde Welt verschleppt worden zu sein. Dann verlässt eines Tages der Schah das Land, Bomben fallen auf Teheran und Chomeinis Sittenwächter dringen auch in die abgeschlossene Welt der persischen Oberschicht ein. Was Lilly bleibt, ist die Sehnsucht nach Deutschland, nach Abendbrot, Fahrradfahrten und Apfelbäumen. Wäis Kiani beschreibt humorvoll, schonungslos ehrlich und sehr bewegend eine Jugend in Teheran und die unüberwindbare Kluft zwischen zwei vollkommen gegensätzlichen Kulturen.

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Seitenzahl: 545


Für Nader

1

Der Rücksitz war aus karamellfarbenem Leder, und das Leder war neu. Der Rücksitz war glatt und hart. Seit fast einer Woche saß ich jetzt dort und beobach tete die beiden von hinten. Immer saß mein Vater am Steuer, meine Mutter natürlich nie, obwohl sie Auto fahren konnte. So war sie nun mal.

Wir mussten jetzt schon seit zwei Tagen auf holprigen Landstraßen mit riesigen Löchern fahren. Erst quer durch Jugoslawien von oben nach unten, dann durch Bulgarien, und jetzt fuhren wir durch so kleine, türkische Dörfer in Aserbaidschan in Richtung der persischen Grenze. Die Entscheidung, Landstraße zu fahren, war nicht aus nostalgischen Gründen gefallen, sondern weil die alle einfach keine Autobahnen gebaut hatten. Lauter Länder ohne Autobahnen, total verrückt. Die Straßen, die uns jetzt durch die türkischen Dörfer führten, waren auch eher so breite Schotterwege. Mein Vater jammerte ständig und fluchte laut bei jedem kleinen Steinchen, das gegen den nagelneuen, dunkelgrünen Lack seines ebenso nagelneuen Volvo 144 Grand Luxe sprang. Und jedes Mal, wenn wir ein Dorf erreichten, standen haufenweise kleine Jungs in dreckigen Schlafanzughosen auf beiden Seiten der Dorfstraße Spalier und bewarfen unser Auto mit noch mehr kleinen Steinen. Das machte meinen Vater fertig. Er hatte den Volvo zwei Wochen vor unserer Abreise direkt ab Werk aus Stockholm abgeholt. Meine Mutter und ich hatten ihn in Travemünde am Hafen getroffen, wo er in dem neuen Auto mit blitzenden Chromfelgen langsam aus dem Bauch der Fähre gerollt kam und wir uns stolz zu ihm ins Auto setzten. Jetzt waren die Chromfelgen mit einer dicken Schicht hellgrauem Lehm bedeckt, und das ganze Auto war überhaupt nicht mehr das, was es in Travemünde noch gewesen war. Und ständigen Steinbombardements ausgesetzt. Ich fragte mich, woher die Jungs wussten, dass wir kommen würden. Oder ob sie immer am Straßenrand standen, um jedes Auto zu bewerfen, das durch den Ort fuhr. Wussten ihre Eltern davon? Und warum hatten sie alle Schlafanzughosen an?

»Warum haben die alle keine richtigen Hosen an, Papa?«

Er lachte: »Weil das so ist auf dem Land in der Türkei. Bei uns ist das auch so. Die Landbevölkerung trägt diese weiten Schlafanzughosen. Du wirst sehen.«

Ich drückte mich zurück in das kalte, karamellfarbene Leder und machte mir wieder Sorgen darüber, was mich außer Schlafanzughosen an unserem Ziel erwarten würde. Es war 1974. Ich war neun Jahre alt.

Mein Name ist Leily, das ist der Name einer Frau aus der alten persischen Literatur. Leily war der weibliche Teil eines Liebespaares, Leily und Madjnun waren tierisch verknallt ineinander, und die Sache ging irgendwie schlecht aus. Meine Mutter hat das Buch mit der Geschichte über die beiden gelesen, während sie mit mir schwanger war, und sofort gewusst, dass ich Leily heißen sollte, obwohl mein Vater sich einen Jungen gewünscht hatte und auch schon einen Namen für seinen Sohn hatte: Cyrus, der Sonnenkönig. Jetzt war ich da, die Sonnenkönigin, Sternzeichen Löwe und mitten im August geboren. Meinem Vater war es recht, er switchte einfach um, machte mich zu seinem kleinen Sohn, und weil ich das lei noch nicht sprechen konnte und mich selbst immer Li-Li rief, nannten sie mich Lilly. Später riefen mir ältere Kinder nach: Da ist ja Lila! Hey, Lila!, und ich drehte mich dann um und rief: Selber Lila, ihr Blödmänner!

Meine Kindheit war bis dahin ganz okay gelaufen, jeden falls empfand ich es damals so. Wir lebten weit oben in Norddeutschland, in einem Kaff in Ostfriesland, in der Nähe von Bremen und nicht weit vom Meer und den Möwen. Weite Wiesen, zufriedene Kühe und gefährliche Moore, so weit das Auge reichte. Bauern, die einen auf Plattdeutsch anbrüllten, wenn man ihre Äpfel klaute. Und überall Kinder, die ganze Siedlung, in der wir lebten, schien fast nur aus Kindern zu bestehen. Deshalb hatte man alles so gebaut, dass wir Kinder es gut hatten und wir cool spielen konnten. Hinter unserem Haus waren zudem herrliche Zuggleise, an denen man sich unter Lebensgefahr herumtreiben konnte. Nachmittags waren immer alle Kinder der Siedlung draußen, und man spielte zusammen, solange, bis es dunkel wurde, sich jemand ernsthaft wehtat oder es Streit gab. Dann bildeten sich Parteien, und wir kämpften miteinander und gegeneinander, rotteten uns zusammen, bildeten Armeen, jagten uns bis zur totalen Erschöpfung und suchten neue Verstecke in Höhlen und Scheunen. Wir hatten eine Batterie von fahrbaren Untersätzen: Bonanza-Räder, Kettcars, Roller, Bollerwagen, Puppenwagen und manchmal auch einen richtigen Kinderwagen mit einem echten Kind darin, wenn jemand seine jüngeren Geschwister hüten musste. Wir fochten mit dünnen Ästen oder Besenstielen, bis sich einer verletzte und heulend nach Hause rannte und die anderen sich auf ihre fahrbaren Untersätze schwangen und auch nach Hause rasten und dort mit Herzklopfen unbeteiligt rumsaßen, vor lauter Angst, dass es gleich richtig Ärger geben würde, wonach wieder die Schuldigen und die Opfer wegen Hausarrest einige Zeit von der Bildfläche verschwinden würden.

Ich war mehr oder weniger zufrieden mit meiner Situation als Kind meiner Eltern, obwohl ich mir oft darüber Gedanken machte, warum ich nicht so aussah wie die anderen, flachsblonden und hellhäutigen Kinder und ich mich oft wie das einzige schwarze Schaf in einer weißen Schafherde fühlte. Ich sah nicht nur anders aus, ich war auch anders. Ich war das schlimme Kind, das, vor dem sich die kleineren und schwächeren Kinder fürchteten, weil sie sich neben mir klein und schwach fühlten und man nie wusste, ob ich nicht mitten im Spiel einen Wutanfall bekam und irgendwen so lange verprügelte, bis es langweilig wurde. Und warum ausgerechnet ich das Kind dieser Eltern geworden war, die auch anders waren als alle anderen Eltern, und ob mich jemand denen zugeteilt hatte und wer das getan haben könnte und warum.

Aber ich dachte nie lange darüber nach, ich sah eben anders aus und hatte einen etwas komischen Namen, aber ich fühlte nichts davon in mir drin. Unser Leben war ganz normal und sogar etwas schöner als das der anderen. Ich bekam fast alles, was ich wollte, und hatte es dann für mich allein. Die ewigen Geschwisterkämpfe der anderen widerten mich an. Sie stritten sich um alles. Um den besten Platz am Tisch, um den letzten Gummibären oder um den Roller. Einzelkind zu sein, das hatte viele Vorteile, aber auch den Nachteil, dass mir oft langweilig war, und ich alles alleine ausbaden musste und keinen Bruder hatte, der sich für mich prügelte. Ich hatte niemand zum Streiten und musste mich selbst prügeln, aber das war kein Problem. Ich prügelte mich gern.

Einmal saß ich mit Herzklopfen zu Hause und wusste, gleich würde es richtig Ärger geben, als es an der Tür klingelte. Es war die Nachbarin, deren Tochter ich kurz zuvor einen Hügel hinuntergestoßen hatte und die mich mit ihren Söhnen schon in der ganzen Siedlung gejagt hatte. Keine Brüder zu haben hieß, in solchen Situationen auf mich allein gestellt zu sein, denn meine Freunde entpuppten sich immer als Feiglinge, wenn es hart auf hart kam. Ich hatte es gerade geschafft, in unsere Wohnung zu flüchten, da klingelte es auch schon. Meine Mutter öffnete die Wohnungstür, ich versteckte mich zitternd hinter ihr, und vor der Tür stand die Nachbarin mit dunkelrotem Kopf und schrie:

»Das hat Ihre Lilly eben meiner Uli herausgerissen!«

Und wedelte dabei mit einem Büschel feiner, goldblonder Haare vor der Nase meiner Mutter herum. Meine Mutter blieb kühl. Sie drehte sich kurz zu mir um und fragte genervt: »Stimmt das?«

Ich schüttelte meinen knallroten, heißen Kopf. Dann sah sie die Nachbarin von oben herab an und meinte nur, Kinder würden sich nun einmal beim Spielen verhauen, das würde oft vorkommen. Die Frau riss die Augen ungläubig auf: »Das ist Körperverletzung! Das wird Folgen haben!«, und zog schreiend ab. Ich stand immer noch hinter meiner Mutter und blickte sie unschuldig an.

»Pass mal auf!«, fuhr sie mich an und sah dabei sehr gut aus. »Wir haben das schlimmste Kind von Sandhorst! Kein deutsches Kind ist so schlimm wie unsere Tochter!«

Es gab keine anderen Ausländer damals in Sandhorst, nur uns. Ich war das einzige nichtdeutsche Kind in der Schule, in der Siedlung, in der ganzen Kleinstadt. Und ich fiel eben nicht nur durch meine dunklen Haare, sondern auch durch mein schlechtes Benehmen auf. Und ausgerechnet meine schöne, stolze Mutter, die sich durch ihre feine Herkunft, nämlich die einer hochwohlgeborenen Fabrikantentochter, erlauben durfte, die ganze Welt zu verachten, musste sich vor den Deutschen wegen ihrer asozialen Brut schämen.

Man nannte mich in Sandhorst den »schwarzen Teufel«. Dabei hatte ich so viele Spielsachen, dass ich nie wusste, womit ich spielen sollte, und mich lieber die meiste Zeit langweilte. Wenn Kinder zu mir zum Spielen kamen, stürzten sie sich begeistert auf meine Spielesammlungen und meine große Puppenstube, und dann langweilte ich mich noch mehr.

Ich hasste es, wenn die Kinder mit meinen Sachen spielten, auch wenn ich selbst nie damit spielte. Ich fand es ungerecht, dass sie erst zu dumm waren, um meine Langeweile zu vertreiben, und sich dann noch mit meinen Spielsachen amüsierten, mit denen ich mich nicht amüsieren konnte. Das machte mich so wütend, dass ich wollte, dass alle sofort wieder gingen.

Für mich wurde extra gekocht. Ich war ein sehr schlechter Esser, und meine Eltern freuten sich wie kleine Kinder, wenn es mir einmal schmeckte. Auf meine Vorlieben und Abneigungen wurde grundsätzlich Rücksicht genommen. Wann immer ich es wünschte, schob meine Mutter ein Brathähnchen in den Ofen, nur für mich. Meine Kleidung kaufte meine Mutter in einer französischen Kinderboutique in Hamburg, nie musste ich etwas anziehen, was kratzte oder schon jemand anderes vorher angehabt hatte. Ich musste nicht im Haushalt helfen. Ich musste nicht endlos betteln, bis meine Mutter mir endlich erlaubte, ein Eis oder ein Stück Kinderschokolade zu essen. Unser Süßigkeitenschrank wurde von mir höchstpersönlich gefüllt, und ich konnte mich bedienen, wie ich wollte. Ich konnte fernsehen, so viel ich Lust hatte, und mich in mein Zimmer zurückziehen, wenn mir nach alleine sein war. Ich hatte keine Pflichten, außer jeden Morgen zur Schule zu gehen und nach dem Draußenspielen vor Einbruch der Dunkelheit wieder heil zurück nach Hause zu kommen.

Aber das waren schon zu viele Verpflichtungen.

Ich hasste die Schule. In der vierten Klasse Grundschule hatte ich schon große Mühe, dem Unterricht zu folgen. Schuld war unter anderem die Mengenlehre. Ich hasste die blaue Plastikschachtel mit den bescheuerten bunten Holzstäben, die für mich keinen Sinn ergaben und für meine Eltern auch nicht. Das Mengenlehre-Schiff hatte in der ersten Klasse irgendwie ohne mich abgelegt, und ich schaffte es auch während meiner gesamten Schullaufbahn nie mehr, das Defizit in Mathe aufzuholen. Schon in der ersten Klasse, als alle nur Einsen und einige Schwächlinge Zweien auf ihren Zeugnissen hatten, hatte ich eine Vier. Der Grundstein einer Mathe-Versager-Laufbahn war gelegt. Die anderen Kinder gingen natürlich alle gerne in die Schule und liebten unsere Klassenlehrerin, Frau Bruns, mit ihrer hellblond-hochtoupierten Frisur und ihren viel zu kurzen Röcken. Ich ertrug es in der Schule nur, weil ich wusste, dass danach der schöne Teil des Tages kam: draußen spielen.

Draußen spielen machte am meisten Spaß, wenn es etwas gefährlich wurde, und das bedeutete, auf Bäume zu klettern, deren Äste brachen, und sich beim Herunterfallen den Arm zu brechen oder bis zur Hüfte im Moor zu versinken und völlig durchnässt nach Hause zu kommen. Mir passierte das so oft, dass es mir irgendwann peinlich war, vor meiner Mutter zuzugeben, schon wieder ins Moor gefallen zu sein. Sie hatte überhaupt kein Verständnis dafür, denn weder ihr noch meinem Vater passierte es, dass sie pitschnass und bibbernd nach Hause kommen mussten. Niemand würde in ein Moor fallen außer mir, sagten sie.

Deswegen log ich die ganze Zeit. Ich war das verlogenste Kind der Welt, sagten die beiden, und wahrscheinlich stimmte das auch. Wenn ich meine Mutter nur ansah, fielen mir sofort Lügen am laufenden Band ein, eine besser als die andere. Es wäre zu schade gewesen, auf die guten Lügen zu verzichten und stattdessen nur die Wahrheit zu sagen, bei der ich schlecht abgeschnitten hätte.

Bei den meisten Prügeleien, in die ich verstrickt war, war ich auch Anstifterin. Auseinandersetzungen mit anderen Kindern erreichten für mich immer sehr schnell den Punkt, an dem ich weder Lust hatte, mir weiter auf friedlichem Niveau die dummen Kommentare anzuhören, noch mir kluge Beleidigungen zu überlegen. Wenn Kindern, die mich nur aus der Ferne kannten, nichts mehr einfiel, schrien sie: »Negerin! Negerin!«, hinter mir her. Ich drehte mich dann zornig um und schrie zurück: »Ich bin keine Negerin, ich bin eine Perserin, Mann! Selber Negerin, ihr Blödmänner!«

»Perserin gibt es gar nicht!«, riefen die Kinder dann. Das war der Moment, in dem ich mit meinem Rad einfach ungebremst in die Menge raste und die Meute kreischend auseinanderstob. Ich wurde eben sehr schnell sehr wütend, was sollte ich machen, und wenn ich wütend war, wollte ich etwas zerstören oder jemanden schlagen. Ob der andere schwächer, kleiner oder viel jünger war, war mir egal. Hauptsache, irgendetwas ging kaputt, zerbrach oder rannte heulend weg. Das war dann dieser kurze Moment, der mich mit einer tiefen Befriedigung erfüllte, bevor die Angst einsetzte, für meine Taten bestraft zu werden.

So war mein Leben. Meine Eltern hatten mir schon immer von diesem Persien erzählt, das angeblich unsere Heimat war, aber es hatte mich nicht sonderlich interessiert. Meine Heimat waren der Schulweg mit den Apfelbäumen, die ich unreif klaute und aß, obwohl ich keine Äpfel mochte, weil der Bauer immer so toll herumschrie, wenn er es sah, der große Spielplatz hinter unserem Haus, die hohe, alte Kastanie mit dem Baumhaus der Hausmeisterjungs, die saftigen Moore vor den rostigen Zuggleisen und der kleine Coop-Markt mit den bunten Eistafeln von Schöller und Langnese. Ich kannte die bunten Tafeln auswendig und hätte sie mit geschlossenen Augen zeichnen können. Es gab gerade eine neue himmlische Sorte: Grünofant, Waldmeister mit Vanille. Ich war waldmeister- und vanillesüchtig. Das alles war mein Zuhause, und ich wollte nirgendwo anders sein.

Aber irgendwann kamen meine Eltern mit der komischen Idee, dass wir in unsere Heimat zurückgehen würden. Und dann stellten sie mir einiges in Aussicht: ein kleines batteriebetriebenes Auto, das ich in London bei Harrods in der Spielwarenabteilung gesehen hatte, einen eigenen Streichelzoo mit echten Tieren und einem kleinen Esel mit Eselskarren und eine tolle Schule, wo ich mit Prinzen und Prinzessinnen befreundet sein könnte. Ich war trotzdem dagegen, in eine Heimat zurückzugehen, über die niemand etwas wusste.

»Warum sollen wir denn weggehen? Es ist doch super hier. Was mache ich, wenn die Kinder dort doof sind und ich niemanden mag? Ich will nicht nach Persien. Ich will hierbleiben.«

Mein Vater schüttelte den Kopf.

»Es wird dir gefallen«, sagte er. »Du wirst wie eine Prinzes sin leben. Du bekommst einen eigenen Garten, so groß wie ein Park, mit allen Obstbäumen, die du dir wünschst, und Babytigern.« Mit den Babytigern hatte er mich.

Im Nachhinein ist es komisch, dass ich diese Geschichten geglaubt habe. Aber vielleicht glaubte ich es damals nur, weil mir keine andere Wahl blieb. Ich wollte gar keine Heimat. Ich war glücklich, wo ich war, aber ich wurde nicht gefragt, ob ich meine Streunereien in Gummistiefeln in ostfriesischen Wäldern und Wiesen gegen ein persisches Prinzessinnen-Leben eintauschen wollte. Ich wurde auf den Rücksitz des Volvos gesetzt und mitgenommen.

Und da saß ich jetzt und machte mir Sorgen um das, was mich am Ziel unserer Reise erwartete.

Unsere Ankunft in Teheran war surreal. Wir wurden von meinen Großeltern, also den Eltern meines Vaters, aufgenommen. Die Familie meines Vaters stammt nicht aus Teheran, sondern aus einem Kaff im Norden des Landes an der Grenze zur Türkei. In diesem Grenzgebiet wird türkisch gesprochen, allerdings nicht genau das Türkisch, das die Türken in der Türkei sprechen, sondern ein Dialekt, mit dem man sich in der Türkei durchaus verständigen und gleichzeitig als Grenzdorfmensch outen konnte. Ich verstand ohnehin kein Wort von dem, was gesprochen wurde, es war egal, ob Persisch, also Farsi, oder Türkenwelsch. Ich konnte nur Deutsch und verstand nur das Gröbste von dem, was meine Eltern in ihrem Küchen-Farsi zu mir sagten. Ich hatte in meinem Leben noch keinen anderen Menschen Persisch sprechen hören. Wir hatten nie Besuch von der Familie aus Teheran bekommen, und mein Vater war jedes Jahr allein nach Teheran geflogen, um seine Eltern zu besuchen, und hatte mir goldene Armreife und Lammfellmäntelchen mitgebracht. Jetzt waren plötzlich alle ständig entsetzt über das Kommunikationsproblem und über die nachlässige Erziehung meiner Eltern, die es versäumt hatten, ihrem einzigen Kind in Europa die sogenannte Muttersprache beizubringen. Ich fand das nicht weiter schlimm, dass keiner mit mir sprechen konnte. Sie riefen ständig meinen Namen: »Leilydjun, Leilydjun«, denn wenn man jemand sehr mag, dann hängt man ein Djun an den Namen, das wusste ich. Ich sollte auch an jeden Namen ein Djun hängen, was ich natürlich nie machte. Ich konnte mir einfach nichts Peinlicheres vorstellen, als hinter jeden Namen ein Djun zu hängen.

Meine Großmutter, also die Mutter meines Vaters, wurde Maman genannt, aber ich sollte Mamandjun sagen, verlangte meine Mutter. Maman konnte noch nicht einmal richtig Farsi sprechen. Ihr jahrelanges Hausfrauendasein hatte ihr nie mehr Farsi abgefordert, als die paar Worte, die sie beim Naan-Bäcker oder beim Krämer an der Ecke brauchte. Sie befand sich ohnehin permanent in einem Grundzustand der Hysterie, in dem man nicht mehr sprach, sondern nur noch schrie. Also schrie sie immer sehr laut. Später, als ich sie besser verstand, wusste ich auch, warum: Sie unterhielt sich nicht, sie gab Befehle, die sie ständig wiederholte. Etwa: Alle sollen sich hinsetzen, alle sollen sich hinsetzen, alle sollen sich hinsetzen. Um dann gleich aus der Küche zu schreien: Ich bringe das Essen! Das Essen ist da! Das Essen ist da!

Oder sie jammerte darüber, dass ihr alles wehtat, sogar das Knochenmark würde schmerzen. Eine andere Art der Kommunikation habe ich nie bei ihr erlebt. Maman hatte fünf Kinder geboren, vier Jungs und ein Mädchen. Mein Vater war der Älteste, danach kamen drei Jungen, von denen zwei in Deutschland studierten und einer direkt nach der Geburt gestorben war. Nur das einzige Mädchen, meine Tante Mahin, die alle außer mir Mahindjun nannten, ist wohl vergessen worden. Sie musste zu Hause bei ihren Eltern bleiben und meiner Großmutter solange beim Putzen und Kochen helfen, bis sich endlich ein Bräutigam aus der entfernten Verwandtschaft ihrer erbarmte und sie heiratete. Meine Großmutter war putzwütig. Sie stand morgens sehr früh auf und putzte sich mit einer Kolonne Dienstboten durch den Tag und schrie mir dauernd irgendetwas zu, das ich nicht verstand. Und schimpfte dann mit meiner armen Mutter, dass ich sie nicht verstand. Meine Mutter entschuldigte sich: »Wenn wir mit ihr persisch gesprochen haben, hat sie nicht reagiert, was sollten wir machen. Wir wollten das Kind nicht sprachlich verwirren und überfordern.«

Dafür wurde ich jetzt von der gesamten Sippe verwirrt und überfordert. Die ersten Wochen nach unserer Ankunft war meine Mutter panisch besorgt, ich könnte Schmutz ins Haus bringen oder Unordnung hinterlassen und das saubere Haus meiner Großmutter verdrecken.

Alle außer mir zogen ihre Schuhe an der Tür aus, ich lief einfach mit den Schuhen über die vielen Teppiche, und meine Mutter fing an zu schreien, ich sollte sofort zur Tür gehen und meine Schuhe dort deponieren, wo alle anderen ihre Schuhe deponiert hatten. Mit Schuhen auf die feinen Teppiche zu treten war das Schlimmste, was man machen konnte, sagte meine Mutter, aber Maman tat so, als wäre es in Ordnung. Ich solle ruhig mit Schuhen hereinkommen! Meine Mutter wusste aber, dass Maman das natürlich hasste und sich wahnsinnig ekelte. Dann schrie meine Großmutter hysterisch, ich solle bei ihrem Leben mit Schuhen hereinkommen, sie würde das auch tun, beim Propheten Abbas.

Sie tat es natürlich nie. Sie zog sich sogar andere Schuhe an, wenn sie auf ihre Toilette ging, die außer ihr und ihrem Mann niemand benutzte. Ich verstand nicht, wieso sie so log. Das war mit vielen Dingen so. Es galt immer das Gegenteil von dem, was gesagt wurde. Und man durfte nie sagen, was man dachte. Nämlich dass man keine Lust hatte, sich jeden Tag wie ein zweiköpfiges Dromedar von der ganzen Familie begutachten zu lassen, sondern lieber in Ruhe allein einen Comic lesen wollte. Man durfte nicht sagen, wir haben jetzt keine Lust auf Besuch, wenn jemand anrief und seinen Besuch ankündigte, weil sie sich angeblich verzehrten vor Sehnsucht, uns zu sehen. Man durfte nicht sagen, wir essen gerade, wenn wir am Tisch saßen und Verwandte einfach klingelten. Wenn man sie wegschickte, wäre das eine unglaubliche Unverschämtheit und würde zu einer lebenslangen Fehde führen, sagte meine Mutter, als ich mich weigerte, meinen Platz am Tisch zu verlassen und mich zu den Gästen zu setzen. Ich fand es unverschämt, ständig Leute zu besuchen, ohne eingeladen zu sein. Und dann auch noch zu erwarten, so bewirtet zu werden, wie es meine Großmutter tat. Es wurde immer sofort, egal wer, wie viele Leute und zu welcher Tageszeit, Tee gebracht und lauter komisches Zeug gereicht. Man durfte nicht sagen, dass man den süßen Sirup, der einem ständig überall angeboten wurde, eklig fand. Dass man grundsätzlich keine Wassermelone aß, und wenn noch ein Einziger einem welche aufdrängte, sofort zu schreien anfing. Dass man Pistazien, Datteln und Türkischen Honig hasste, genau wie alle Gebäcksorten und das klebrige Zeug, das überall in Kristallschalen auf Beistelltischchen lag. Dass man keine Lust hatte, mit den anderen Kindern zu spielen, weil sie langweilig, devot und schlecht angezogen waren.

So nölte ich die ganze Zeit vor mich hin: Mir ist langweilig, langweilig, langweilig. Wenn jemand meine Mutter fragte, was ich da sagte, antwortete meine Mutter: Sie ist müde. Man durfte nie die Wahrheit sagen, und da ich es mit den wenigen Worten, die mir zur Verfügung standen, dennoch viel zu oft tat, waren alle ständig schockiert.

In den ersten Wochen nach unserer Ankunft in Teheran waren sowieso alle sehr aufgeregt, und das Haus meiner Großmutter war voller Leute, die uns begrüßen wollten. Wenn sie wieder weg waren, wurden die Obstteller und Teegläser von den Dienstboten schweigend abgeräumt, und die Erwachsenen lästerten über den Besuch. Das ganze Getue lief unter »Regeln der Höflichkeit« und hatte sogar einen Namen: Taarof. Taarof war etwas, was aus purer Höflichkeit gesagt wurde, um den anderen zu gefallen, was aber in keinster Weise der Wahrheit entsprach. Die Kunst bestand darin, das zu erkennen und mit passenden Lügen zu antworten. Wenn ich in Mamans Garten Maulbeeren vom Baum pflückte und aß, zischte meine Mutter sofort: »Lass ihre Maulbeeren, sie mag das nicht.«

Dann rief Maman, ich solle doch bitte, bei ihrem Leben und beim Namen des Propheten Abbas, alle ihre Maulbeeren essen. Bei ihrem Tod und ihrer Geißelung sollte ich sie essen!

Und ich sagte dann zu meiner Mutter: »Schau, ich darf sie essen!«, und schob mir eine Handvoll prächtiger dunkelroter Beeren in den Mund, und meine Mutter wurde sehr wütend und schüttelte mich:

»Nein, das will sie nicht! Sie macht doch nur Taarof! Ich kaufe dir gleich so viele Maulbeeren, wie du willst! Fass ihre Maulbeeren nicht an!«

»Aber warum sagt sie es dann?«, jaulte ich, während meine Mutter mich aus dem Garten zog.

»Das ist Taarof!«, blökte meine Mutter mich an. »Versteh das endlich!«

Das ganze Leben bestand aus Taarof, fast nie sagte jemand die Wahrheit. Ich fand das sinnlos, verstand sowieso nicht viel und hörte einfach nicht mehr zu, wenn Leute redeten. So hing ich meinen eigenen Gedanken nach, in denen ich mit Jungs in den Wipfeln eines Kastanienbaumes saß und über die Felder spähte.

»Lilly! Antworte gefälligst, wenn man dich etwas fragt.«

Und dann kam das Wort, das meine Mutter mittlerweile ständig böse zu mir sagte:»Badde!« Badde hieß so viel wie: Das ist unverschämt, unerhört und schlecht erzogen. Das macht man nicht. Alles in einem einzigen Wort. Badde konnte sie zischen, brüllen, keifen, flüstern oder auch ganz ruhig sagen. Ich kannte unzählige Versionen, Badde auszusprechen, und ich bekam sie permanent zu hören.

Es war ein Pulverfass, ich war wie immer, aber meine Eltern waren anders, sie flippten plötzlich ständig aus. Plötzlich ging nichts mehr, was früher normal war.

Alle waren, auch wenn sie nur Schwachsinn redeten, immer übertrieben liebevoll, freundlich und großzügig zu mir, wie ich es in Deutschland noch nie erlebt hatte. Deshalb wusste ich nicht, ob wirklich alle so verlogen waren, wie meine Eltern meinten, oder ob meine Eltern einfach nur verrückt geworden waren.

Der Schwachsinnigste von allen war mein Onkel Mohsen, der merkwürdige Mann meiner Tante Mahin. Ihn sollte ich nicht Mohsen Djun nennen, sondern Mohsen Agha. Er nannte mich Lilly Chanum. Chanum ist so etwas wie die Anrede »Frau«, aber man nannte so auch Dienerinnen. Fatima Chanum hieß die Dienstbotin von Maman, und Assghar Agha war ihr Ehemann und Mamans Knecht. Sakine Chanum hieß die von meiner Tante. Die Tante war gar nicht so übel, und ich weiß bis heute nicht, warum sie erst mit 25, also spät für ein persisches Mädchen aus der Generation meiner Eltern, einen Mann aus der entfernten Verwandtschaft fand, der sie heiratete und mir dadurch furchtbar auf die Nerven gehen konnte. Mohsen Agha redete grundsätzlich nur in Floskeln. Ich mochte ihn von der ersten Sekunde an überhaupt nicht und wusste nicht, wie sie jeden Tag mit so einem Menschen zusammen sein und sogar mit ihm in einem Bett schlafen konnte. Er war sehr klein, sehr behaart und immer etwas bedrückt, und wenn er mal lachte, war es künstlich. Man wusste nie, was er wirklich dachte. Außerdem hatte er ganz kleine Füße. Ich hatte noch nie einen Mann mit so kleinen Füßen gesehen. Der Anblick seiner kleinen Schuhe zwischen den ganzen anderen Schuhen in Mamans Eingangshalle ließ in mir eine unbändige Lust aufkommen, seine Schuhe mit ganz vielen der weichen ekligen Datteln, die in einer silbernen Dose auf einem der vielen Tischchen standen, zu füllen. Die Vorstellung, wie er nach dem Besuch vollgefressen und mit Schwung seinen kleinen Fuß in den kleinen Schuh rammen und seine Zehen in der weichen Dattelmatsche enden würde, ließ mich vor Lachen platzen.

Er stellte mir in den Jahren immer dieselbe Frage: »Leily Chanum, was ist besser: Deutschland oder Iran?«

Ich stöhnte dann immer laut, rollte mit den Augen, und meine Mutter zischte auf Deutsch: »Hör auf damit! Antworte Mohsen Agha! Badde!«

Und dann stöhnte ich noch mehr und wand mich wie ein kranker Aal.

Es war immer dasselbe, irgendjemand aus der Familie sagte etwas unfassbar Blödes zu mir, auf das es keine Antwort gab, nur weil ich ein Kind war und keine echte Frage verdient hatte, wie persische Erwachsene dachten.

In Deutschland hatten die Freunde meiner Eltern mich immer bewundert. Mich Sachen gefragt wie, was mir in Paris am besten gefallen hätte, warum ich die Peanuts gern hatte oder wieso ich gelbe Strumpfhosen lieber mochte als rote.

Meine Tante und ihr Mann hatten eine Tochter: Susan. Ein dickliches, temperamentloses Mädchen, das noch teigiger und verdruckster als ihr Vater war. Susan saß die meiste Zeit brav und still in einer Ecke, sah emotionslos mit ihren Kulleraugen die Erwachsenen an und gab keinen Laut von sich. Sie war drei Jahre jünger als ich, also sieben. Nie wieder habe ich ein so folgsames und langweiliges Kind getroffen.

Es fiel mir sofort auf, dass es im Iran nicht üblich ist, dass Kinder gegen ihre Eltern rebellieren, ihnen trotzen oder gar unverschämt werden und sich widersetzen. Persische Kinder waren obrigkeitshörig und von Geburt an leicht erziehbar und immer Streber. Nichtstreber gab es nicht. Wenn einmal ein Kind laut lachte, unerlaubt nach den ungenießbaren Süßigkeiten griff oder schnell wegrannte, wurde es gleich liebevoll Scheitun genannt. Scheitun heißt wörtlich übersetzt Teufel, bedeutete aber eher »so ein Racker«.

Ich überlegte, was die alle sagen würden, wenn sie wüssten, aus welchen Gründen ich in Deutschland Teufel genannt wurde. Die meisten Kinder mussten sogar ihre Eltern siezen, mein Vater siezte seine Eltern, und Mohsen Agha siezte mich. Nur ich duzte alle, trotz des Gezisches meiner Mutter. Persische Kinder sagten immer artig: Ja, gerne!, wenn man etwas von ihnen verlangte, und brachten grundsätzlich immer die besten Noten aus der Schule nach Hause. Wenn sie einmal nur die zweitbesten Noten hatten, dann weinten sie tagelang und lernten doppelt so viel, um wieder die besten Noten zu bekommen.

Persische Kinder gingen natürlich auch gern auf die Schulen, die ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, trugen dankbar die scheußlichen Klamotten, die ihnen ihre Mütter gekauft hatten, und studierten nach der Schule devot genau das, was ihre Eltern wollten, und die wollten immer Medizin oder Ingenieurwesen. Und irgendwann heirateten sie jemand, der auch, oder im schlimmsten Fall nur, ihren Eltern gefiel. Dann bekamen sie schnell Kinder, die sie wieder scheußlich anzogen und zu schleimigen Idioten erzogen, die immer nur das taten, was von ihnen erwartet wurde. So lief es von Generation zu Generation. Meine Eltern redeten sich ein, dass ich deshalb »schwierig« war, weil sie dem Trend in Studentenkreisen Mitte der sechziger Jahre, als ich geboren wurde, gefolgt waren und mich antiautoritär erzogen hatten. Mich immer nach meiner Meinung und meinem Willen zu fragen und in allem frei entscheiden zu lassen, hätte mich zur Rebellin gemacht. Das war natürlich der totale Quatsch. Meine Eltern haben mich einfach schon ganz früh alles alleine machen lassen, weil sie keine Lust hatten, sich so um mich zu kümmern und mich zu bewachen, wie es die Perser mit ihren Kindern taten. Meine Mutter war froh, wenn ich nicht neben ihr saß. Ich nervte sie schnell. Und ich saß abends oft lange dabei, wenn Freunde da waren, weil mich einfach keiner ins Bett gebracht hatte. Wenn wir in Restaurants aßen, wollte mein Vater, dass ich mein Essen selbst bestellte. Und ich weiß auch nicht, ob man mich überhaupt nach meiner Meinung fragte, aber ich habe sie ihnen trotzdem gesagt.

Ich hatte eine unbändige Energie in mir, immer das durchzusetzen, was ich wollte. Mein Leben war nur dazu da, meinen Willen durchzusetzen, fand ich. Und ich wusste ganz genau, was ich wollte, und vor allem, was ich nicht wollte. Wenn Dinge anders liefen, wurde ich wahnsinnig wütend und aggressiv. Ich hatte von allem eine genaue Vorstellung, und alles war plötzlich ganz anders, als ich es mir vorstellte, seit wir in Teheran waren. Ich wurde jeden Tag neu enttäuscht. Also war ich immer schlecht gelaunt und unausstehlich. Wenn meine Wünsche in Deutschland unrealistisch gewesen waren, wie etwa einen Erwachsenenfilm nach acht Uhr im Fernsehen zu sehen, diskutierten wir so lange, bis ich es einsah oder meine Eltern das Handtuch warfen und nachgaben. Meine Eltern ließen mich gerne an ihrem Leben teilnehmen und forderten Selbstständigkeit von mir. Kleinkind-Verhalten ging beiden sofort auf die Nerven.

Aber jetzt wurde ich nicht mehr gefragt, alles wurde ohne mich entschieden.

Es waren furchtbare erste Wochen. Das Haus meiner Großeltern war zwar riesig groß, aber man durfte nichts. Es war wie ein Mausoleum eingerichtet, so dunkel und schwer, wie ich es nicht kannte. Alles war kostbar und durfte nicht angefasst werden. Der Boden war aus kaltem, weißem Marmor, und darüber lagen mehrere Schichten alter Teppiche, über die man eben nur in Strümpfen laufen durfte. In dem Haus gab es drei Wohnzimmer, jedes mindestens so groß wie unsere gesamte Wohnung in Deutschland. Die beiden größten wurden Salon genannt, es hingen gigantische Kristalllüster darin, einer über einem ebenso gigantischen, dunkelbraun lackierten Esstisch. Dazu gab es Möbel mit weißen Schonbezügen wie in einem alten, kitschigen Schloss, und zwar so viele, dass sich bis zu hundert Leute in den Salons bequem hinsetzen konnten. Mitten in den Salons waren dicke, weiße Marmorsäulen mit Riffeln wie bei Asterix. Dazu standen überall hässliche Vögel und andere Figuren herum. Meine Mutter erklärte, die Figuren hießen Nippes und wären sehr teuer. Es sah alles gespenstisch aus. Die Salons durfte ich nicht betreten, sie waren nur für Gäste. Ich fand es unvorstellbar, wie man so viel Geld für den ganzen hässlichen Schrott ausgeben konnte und ihn dann auch noch stolz vor mir schützen musste. Dann gab es eine Empfangshalle, in der Gäste, die nicht so wichtig waren, abgefertigt wurden, und die Hall genannt wurde. Das war ein großer Raum auf zwei Ebenen, von dem lauter Türen zu den anderen Zimmern abgingen. Dazwischen standen viele einzelne Sessel und Sofas, auf denen man es sich nicht bequem machen, sondern nur gerade sitzen und auf die Obstschalen und Baklava-Berge glotzen durfte. Vorn am Eingang war ein Springbrunnen, in dem die drei dicksten Goldfische schwammen, die ich je gesehen hatte. Die Goldfische waren fast so groß wie Forellen und hatten keine Namen, also taufte ich sie Schangull, Mangull und Ali. Meine Mutter fand, ich sollte Ali lieber umtaufen, sonst wären alle beleidigt, weil das Gotteslästerei wäre.

Wenn wir bei meiner Großmutter zu Hause waren, saßen wir auf den Sesseln. Es gab keinen Couchtisch in der Mitte, sondern kleine braune Beistelltischchen neben den Sesseln. Auf die Tischchen hatte meine Großmutter jeweils kleine, weiße, gehäkelte Spitzendeckchen gelegt, und darauf standen Kristallschalen mit buntem Obst oder persischen Süßigkeiten, die alle sehr süß, parfümiert und ekelhaft schmeckten. Maman legte gesteigerten Wert darauf, dass man möglichst ununterbrochen aß, wenn man bei ihr zu Besuch war. Das bedeutete für mich als Dauergast den allergrößten Stress. Ich mochte nicht nur ihre Süßigkeiten nicht, zumal meine Mutter mir heimlich zuraunte, ich sollte die lieber nicht anrühren, denn die stünden da sicher schon seit einem Jahr und wären alt. Ich mochte einfach nichts. Aber meine grundsätzliche Nahrungsverweigerung und die Angewohnheit, nur ganz wenige Sachen überhaupt als essbar anzusehen, wurden hier einfach nicht akzeptiert. Ich aß, seit wir in Teheran waren, so gut wie gar nichts mehr, und meine Mutter musste fast jeden Tag in der Küche der beleidigten Maman eine Kleinigkeit für mich kochen, damit ich überhaupt etwas aß. Es ging schon beim Frühstück los. Ich verabscheute Tee, mochte das Naan nicht, verachtete Schafskäse und fand die klebrige Quittenmarmelade ungenießbar. Meine Mutter kaufte im Supermarkt Toastbrot und Erdbeermarmelade für mich. Ich aß den Toast mit Butter, die Erdbeermarmelade war braun und schmeckte überhaupt nicht nach Erdbeere, sondern nur nach braun. Maman war fassungslos, sie hatte noch nicht gesehen, dass man für ein Kind alles extra auftischt und das Kind trotzdem meckert. Aber am schlimmsten war es, wenn wir eingeladen waren oder Besuch mit uns aß. Maman drängte ständig jedem die klebrigen Dinger in ihren Kristallschüsseln oder ihr blödes Obst auf. Die Gäste nahmen brav davon, legten sie auf einen kleinen Teller und aßen aber meistens nicht. Für jeden gab es einen kleinen Teller mit einer Banane, einer Apfelsine, einem Apfel und einer Gurke. Die Gurken in Teheran waren klein, so wie Essiggurken, nicht wie die langen Salatgurken, die ich kannte. Wenn die Leute weg waren, legte meine Großmutter die nicht angerührten Pralinen, Gebäckstücke und das Obst wieder zurück in die Kristallschalen und schimpfte dabei etwas, das ich nicht verstand. Diese Obstvariation auf kleinen Tellern bekam man überall genau so vorgesetzt, egal, wo man war und warum. Und da ich alles, was man vor mich stellte, mittlerweile einfach wortlos ignorierte, schrien die Frauen immer irgendwann: »Dann soll sie doch wenigstens eine Gurke essen!«

In solchen Momenten wurde ich richtig sauer. Eine Unverschämtheit, so etwas von mir zu verlangen, fand ich. Ich hasste Gurken, genau wie Salat, Spinat, Bohnen und alles, was grün war. Und wie stellten sich diese Leute das vor? Ich sollte einfach eine Gurke essen? Warum? Die streuten ständig Salz auf diese kleinen Gurken und aßen sie einfach. Ich fand das widerlich und nicht normal.

Die Frauen dachten, ich aß nichts, weil ich diszipliniert war und dünn sein wollte. Und sie dachten, eine Gurke hat keine Kalorien, die könnte ich doch wenigstens essen.

Maman war sehr geizig, obwohl mein Großvater ziemlich wohlhabend war. Er war Geschäftsmann und importierte Luxusgüter aus Europa, edles Porzellan und feine Strümpfe für Damen und Herren aus Frankreich, hochwertige Frottierwaren aus Deutschland und Kaschmirpullover und -decken aus England. Er hatte sehr viele Stammkunden, und seine Geschäfte liefen gut. Deshalb war er auch sehr stolz darauf, dass er seine drei Söhne nach Europa schicken konnte, wo sie etwas erwarben, was ihm fehlte: Bildung. Ich fragte meinen Großvater Jahre später einmal, warum er meine Tante nicht zum Studieren nach Europa geschickt hatte. Erst blinzelte er und kniff die Augen zusammen, was er oft tat, dann sah er weg und sagte nur: »Weil sie ein Mädchen ist.« Ich verstand in dem Moment nicht genau, wie er das meinte, weil so eine Ungerechtigkeit nicht in meinen Kopf wollte. Dass ein Vater seine Tochter nicht studieren ließ, hatte doch sicher einen anderen Grund, vielleicht wollte sie nicht. Ich klappte dann meinen Mund auf und fragte ihn noch einmal in meinem ranzigen Persisch: »Hat Mahin denn gesagt dass sie nicht möchte? Warum? Vielleicht …«, wollte sie ja gar nicht heiraten, wollte ich sagen, aber da fuhr meine Mutter schnell dazwischen, wedelte mit der Hand, dass ich aufhören sollte, und zischte schnell und sehr böse auf Deutsch: »Hör sofort auf damit!« So konnte ich das Rätsel meiner Tante nie für mich und alle lösen. Aber Maman war dennoch sehr knauserig.

Ich hatte in dem großen Haus ein eigenes Zimmer, in dem ich aber nur schlief, denn es war mit glänzenden, braunen Möbeln eingerichtet, und in einer großen Vitrine stand jede Menge Zeug aus Glas, Porzellan und Kristall, das in die vielen Vitrinen im Salon und in der Empfangshalle nicht mehr hineingepasst hatte. Ich hatte Angst vor den Vitrinen, weil ich mir vorstellte, wie sie eines Tages, während ich in der Nähe saß, unter der Last ihrer Ladung zusammenbrechen und mich unter Millionen Scherben begraben würden. In derVitrine in meinem Zimmer standen zwei große, bunte Porzellanpapageien, die ich am allerfurchteinflößendsten fand, ich stellte mir vor, wie die beiden einfach losflattern würden, um mir die Augen auszuhacken, weil sie so lange in der Vitrine eingesperrt waren.

Tagsüber langweilte ich mich ununterbrochen, lief meiner Großmutter und Mutter hinterher, nölte so viel wie möglich und ging allen absichtlich auf die Nerven. Fernsehen konnte ich auch nicht, die persische Synchronisation verstand ich nicht, den englischen Sender auch nicht. Bei fast allem, was ich tun wollte, war ich auf die Hilfe meiner Mutter angewiesen, in der ersten Zeit sogar auf der Toilette. Damals gab es in Teheraner Häusern meistens eine europäische Toilette und ein arabisches Bodenklo. Das Plumpsklo, wie ich es nannte, war ein Loch im Boden aus Porzellan, rechts und links hatte es geriffelte Stellen für die Füße, damit man nicht seitlich wegrutschte, wenn man sich darüber hockte. Zum Glück gab es eine ganz normale Spülung und zusätzlich einen Aluminiumschlauch an der Wand, mit dem man sich nach getaner Arbeit waschen konnte. Klopapier gab es allerdings nicht. Meine Großmutter hatte zwar auch eine ganz normale europäische Toilette, aber die durfte man nicht benutzen, obwohl sie immer sagte, ich könnte ruhig hingehen, aber das lief wieder unter Taarof. Ich musste wie alle das Plumpsklo besuchen. Meine Mutter kam anfangs immer mit und wurde wütend, wenn mein Urinstrahl meine Füße und die Jeans nassspritzte. Sie wurde dann immer gleich sehr sauer und schrie herum:»Schweinerei! Jetzt pass doch einmal auf. Alles ist voller Pisse.«

Das umgangssprachliche persische Wort für Pisse ist Schaasch, und so musste ich mehrmals am Tag hören: »Schaaschi« und »Schaaschu«, was »vollgepisst« und »Pisser« bedeutet. Badde und Schaaschi, das war ich.

Abgesehen von der Schaaschi-Situation konnte ich noch nicht einmal allein an die Straßenecke gehen, um Kaugummis zu kaufen oder herauszufinden, was in der Gegend los war. Die Nähe und Abhängigkeit von meinen Eltern war ich nicht gewohnt, in Deutschland hatte mich nie jemand gefragt, was ich machte und wo ich hinging, solange ich bei Einbruch der Dunkelheit zu Hause war. Aber in ganz Teheran wimmelte es angeblich von Kinderdieben und Sexualtätern, und ich durfte als Kind nicht allein raus und als Mädchen sowieso nicht. Ich saß oft am leeren Pool und las immer wieder dieselben beiden Micky-Maus-Hefte, die ich in der Zeitschriftenabteilung des Kourousch-Kaufhauses in unserer Straße entdeckt und begeistert gekauft hatte.

»Wer liest denn hier hinterm Mond deutsche Micky-Maus-Hefte …?«

»Ich denke, die persischen Kinder kaufen das und sehen sich nur die Bilder an«, sagte meine Mutter, die sich auch wunderte. Ein weiterer Beweis für die Blödheit persischer Kinder, fand ich. Ich kaufte mir auch keine französischen Comics und sah mir die Bilder an. Comics anschauen, ohne Sprechblasen zu lesen, machten für mich nur Idioten.

Ich war soweit, dass ich mich sogar auf die Schule freute. Die Schule würde mir meine Identität zurückgeben und mich aus dem Elend mit Großeltern, Eltern, Tanten, Cousinen und Verwandten befreien, hoffte ich. Und ich brauchte dringend gleichaltrige Menschen um mich herum.

Es gab 1974 ziemlich viele Auslandsschulen in Teheran. Eine amerikanische, eine britische, eine italienische, eine französische und eine internationale. Alle Erwachsenen gaben immer damit an, auf welche Schule sie ihr Kind schickten, wie schwer es war, dort aufgenommen zu werden, und wie teuer das war. Es war selbstverständlich, auf eine Privatschule zu gehen, aber eine Auslandsschule war der nächsthöhere Level, darauf bildeten sich alle so richtig viel ein. Madressehe Charedschi, sagten sie dann beeindruckt nickend. Dann gab es eine Schule, auf die die Superreichen gingen, die sehr teuer und berüchtigt war, weil dorthin die Kinder der Hofschranzen des Schahs gingen: Iransamin School. Meine Eltern sollten mich dorthin schicken, sagten manche. Da wären die Kinder der Brüder des Schahs und die der Minister und wer sonst noch etwas zu melden hatte. Da wäre ich in den besten Kreisen. Als ob es jemand interessieren würde, auf was für eine blöde Schule man geht, dachte ich. Es gab nichts Langweiligeres als Schule, wie konnte man damit angeben? Jedenfalls waren Auslandsschulen der Gipfel der Angeberei, weil man dafür nicht nur viel Geld brauchte, sondern auch richtig gute Sprachkenntnisse.

Trotzdem waren alle Auslandsschulen total überfüllt, denn in den fünfziger und sechziger Jahren wurde es nicht nur in meiner, sondern in allen Teheraner Familien mit Geld Mode, die Söhne zum Studium nach Europa und Amerika zu schicken, damit sie danach in ihrer Heimat schön abposen konnten und die Familie zu noch mehr Geld und Ruhm kam. Dass Töchter weggeschickt wurden, war eher selten, die heirateten lieber im Iran und bekamen Kinder. Aber die Söhne brachten fast immer neben einem Diplom eine ausländische Ehefrau und ein, zwei Kinder mit, die kein Farsi sprachen, so wie ich. Und genau diese Kinder waren die vielen Schüler auf den teuren Auslandsschulen. Die Deutsche Schule gehörte zu den Top-Schulen unter den Top-Auslandsschulen, und alle taten schon so schrecklich elitär, bevor wir uns die Schule überhaupt angesehen hatten, dass ich beschloss, allein schon deshalb diese Schule zu hassen. Ich wollte auf keinen Fall ein kleines elitäres Arschloch sein, mit dem Erwachsene angeben konnten. Jeder, dem wir erzählten, dass ich auf die »Madressehe Almani« gehen sollte, fiel fast um vor Ehrfurcht und sah mich dann an, als wäre ich so was wie ein bescheuertes Wunderkind, dabei war es doch nur eine Schule, auf der die Schüler vom Kindergarten bis zum deutschen Abitur von deutschen Pädagogen und Studienräten auf Deutsch unterrichtet wurden. Persischunterricht fand nur am Rande statt und hatte zum Glück keine weitere Bedeutung. Die Angeberwunderschule befand sich auf einem sehr großen Areal im hohen Norden der Stadt, am Fuße des Elburz-Gebirges, wo der kaiserliche Palast und die Villen der Reichsten waren. Hier oben war es im Sommer viel kühler als in der heißen City. Je weiter im Norden, desto besser war das Klima, desto frischer war es im Sommer und desto pompöser und größer wurden die Villen hinter den hohen Mauern. Die Deutsche Schule war eigentlich eine riesengroße, sehr alte Villa mit einem Park voll hoher Bäume. Der Park mit den hohen Bäumen war das Schulgelände, wo lauter kleine Bungalows standen, in denen die Klassenzimmer waren. Am Eingang des Areals war ein riesiger Bushof, in dem eine Flotte dottergelber Magirus-Deutz-Busse mit verschiedenen Nummern in großen Lettern darauf warteten, die Kinder nach dem Unterricht nach Hause zu bringen. Vom Bushof aus konnte man einen mit diesen alten Bäumen gesäumten Weg bis an das andere Ende des Grundstücks gehen. Rechts und links waren jeweils die Bungalows, in jedem Bungalow waren ein bis zwei Klassenräume untergebracht. Das Grundstück war treppenartig angelegt, man musste immer wieder ein paar Stufen steigen, um auf die nächste Ebene zu gelangen. Ich sah an diesem ersten Tag, an dem ich mit meinen Eltern die Schule besuchte, wie die Kinder mit ihren Bonanza-Rädern die Stufen hoch und runter fuhren. Weiter oben verwandelten sich die alten Bungalows in neue, zweistöckige Häuser aus weißen Fertigplatten. Und obwohl Unterrichtszeit war, lungerten draußen überall Schüler herum. Sie waren alle viel älter als ich und hatten meistens lange Haare, auch die Jungs, und trugen enge Jeans mit weitem Schlag und dazu lange Schals, die sie lässig um den Hals geworfen hatten. Sie sahen alle irre cool aus, gar nicht wie die Perser, die ich bis jetzt gesehen hatte, es waren auch viele blonde dabei. Die Mädchen hatten alle schon Busen, ich achtete genau auf so etwas. Viele von ihnen rauchten Zigaretten, einige der Mädchen saßen bei den langhaarigen Jungs auf dem Schoß. Ein Paar küsste sich hingebungsvoll. Ich kannte solche Szenen nur aus einer Bravo, die wir in Deutschland von der älteren Schwester meiner Freundin Annette geklaut hatten. Wir hatten das zerfledderte Heft, halb geifernd, halb entsetzt durchgeblättert. Es ging nur um irgendwelche Popstars, die ich nicht kannte, oder um halbnackte Jungs und Mädchen, die die Hand in der Hose des anderen hatten. Was ich an diesem ersten Tag auf dem Schulhof der Deutschen Schule in Teheran sah, erinnerte mich an diese Bravo. Ich hatte noch nie solche Teenager in echt gesehen, in meiner alten Grundschule in Sandhorst gab es keine höheren Klassen. Meine Mutter fing leise an zu fluchen: »Ist das hier eine Schule oder ein Sexclub … ich möchte gar nicht, dass du hierher kommst …« Mein Vater sagte nichts und klopfte an das Rektoratszimmer. Eine graue deutsche Frau in einem grauen Rock und einem braunen Pulli bat uns herein und sagte: »Dr. Walter kommt gleich.«

Dr. Walter hatte einen Bart und war sehr ernst und sehr langweilig. Er hielt einen Vortrag darüber, was für ein hohes Bildungsniveau die Schule hatte, welches Ansehen unter anderen Deutschen Auslandsschulen und wie leicht man in Deutschland jederzeit den Anschluss finden könnte. Er laberte noch irgendetwas über deutsche Demokratie, bikulturelle Erziehung und über seine Studienräte und Oberstudienräte und über den Gymnasial-, Realschul- und Hauptschulzweig. Bei Realschulzweig schüttelte meinVater den Kopf und murmelte: Das kommt für unsere Tochter nicht in Frage. Und bei Hauptschule verzog er sogar angewidert das Gesicht. Meine Mutter hielt die ganze Zeit ihre braune Krokodilledertasche auf dem Schoß fest und blickte den Rektor arrogant an. Danach musste ich in einen anderen Raum und zusammen mit anderen Kindern einen Aufnahmetest machen, damit festgestellt werden konnte, ob ich der deutschen Sprache mächtig und damit wert sei, dass meine Eltern das teure Schulgeld für mich bezahlten. Der Test war für geistig Behinderte gemacht. Eine von den Fragen war: Wenn du weißt, wie du heißt, dann schreib deinen Namen über den Strich. Wenn du es nicht weißt, dann mach ein Kreuz unter den Strich. Ich war ein wenig beleidigt, dass man mir erst große Angst wegen der Aufnahmeprüfung gemacht hatte, um mir dann so etwas hinzulegen.

Ich gab den Test als Erste ab und ging zurück zu meinen Eltern, die auf einer Bank neben dem Sportplatz auf mich warteten.

Zwei Tage später rief die graue Sekretärin an und teilte meiner Mutter mit, dass ich als Testbeste abgeschnitten hatte. Meine Mutter hatte die letzten zwei Tage nicht aufgehört, über die Schule zu schimpfen. So etwas sei keine Schule, sondern ein Puff, so etwas habe sie selbst in Deutschland nicht erlebt. Sie fand, so eine Schule habe keinen Sinn. Mein Vater war der Meinung, dass eine gute Schulbildung wichtig sei, und die Deutsche Schule habe nun mal den besten Ruf unter allen Auslandsschulen, sogar besser als die feine Französische, Lycée Razi. Aber Französisch konnte ich ja gar nicht. Ich konnte nur Deutsch.

Dann geht sie eben auf eine persische Schule, sagte meine Mutter kalt.

Eine persische Schule! Auf persischen Schulen waren Jungs und Mädchen getrennt, und man musste hässliche Uniformen tragen. Eine solche Schule mit stinkenden persischen Kindern, die Naan mit Schafskäse aßen, kam überhaupt nicht in Frage.

»Woher willst du wissen, dass persische Kinder stinken?«, fuhr meine Mutter mich an.

»Susan stinkt.«

Meine Cousine stank tatsächlich nach Kinderschweiß und Kopftalg.

»Kein Theater, auf diese unsittliche Schule gehst du nicht. Das hat gerade noch gefehlt.«

Es war ja nicht so, dass ich überhaupt gerne auf eine Schule gegangen wäre. Ich wusste, ich würde auch diese Schule hassen. Aber ich brauchte Freunde und die Gelegenheit, jeden Tag von zu Hause zu verschwinden. Eine persische Schule wäre kein Zufluchtsort, sondern noch schlimmer, als mit meiner Mutter zu Hause zu sein.

Meine Mutter hatte Termine bei ein paar angesehenen persischen Privatschulen gemacht und mich gezwungen, meine verwaschene Lieblingsjeans mit den Nieten und dem breiten Ledergürtel mit dem schweren Micky-Maus-Kopf und die Turnschuhe auszuziehen und ein Kleid anzuziehen. Dazu flocht sie aus meinen langen, immer ungekämmten Haaren einen festen, spießigen Zopf.

Die erste persische Schule, die wir besuchten, war ein niedriger Backsteinbau. Draußen war ein asphaltierter Handballplatz, und an einem Fahnenmast wehte die grün-weiß-rote iranische Flagge mit dem goldenen Löwen in der Mitte. Auf dem Schulhof und auf den Fluren war es wie ausgestorben, alle Schüler saßen im Unterricht, niemand lungerte draußen herum. Ich sah durch die Fenster die Uniform der Mädchen: blaue Kleider mit weißem Kragen. Sie sahen aus wie Häftlinge, fand ich. Ich würde das nie anziehen, niemals, dachte ich und wurde immer wütender. Ich begann, mir verschiedene Fluchtversuche auszumalen. Wie konnte ich heimlich aus diesem Land ausreißen? Vielleicht wollten mich ja die Eltern von Annette adoptieren?

Warum musste man als Kind immer dasselbe machen wie die Eltern? Ich wollte lieber alleine und ohne Eltern sein. Meine Mutter konnte zwar gut kochen und manchmal auch sehr liebevoll sein, aber sie war es in der letzten Zeit immer seltener. Seit wir in Teheran waren, eigentlich gar nicht mehr. Die Direktorin war eine hässliche Frau mit einer schmalen Hakennase, extrem dünn gezupften, gelb gefärbten Augenbrauen, orange blondierten Haaren, einem schlecht sitzenden Kostüm und dicken Füßchen in engen, hohen Pumps. Ich ekelte mich vor ihr und bildete mir ein, sie würde nach Küchendunst riechen. Wir saßen in einem kahlen, mit billigen braunen Büromöbeln eingerichteten Büro. Hinter ihr war ein goldgerahmtes Bild vom Schah.

Bei Rektor Walter herrschte eine leise, akademische Eleganz, die fehlte hier völlig. Meine Mutter erklärte der zu dünn Gezupften wohl unsere »Situation«, mit einer für ihre Verhältnisse sogar erstaunlich devoten und freundlichen Art. Als sie fertig war, nickte die Direktorin, blickte mich freundlich an und sagte etwas zu mir. Ich sah sie verblödet an und rutschte auf meinem Stuhl herum. Sie sagte noch einmal etwas, ich schaute noch verblödeter und scharrte dazu mit dem Fuß und starrte dann auf den Boden. Dann sah sie meine Mutter an und schüttelte mit einem entschuldigenden Lächeln den Kopf.

Ich kam in die Klasse 4d der Grundschule der Deutschen Schule. Es war mittlerweile Ende November, das Schuljahr hatte schon vor fast drei Monaten angefangen, so stieß ich als Letzte in eine bereits eingeschworene Gemeinschaft. Nach wenigen Tagen wusste ich, wo ich gelandet war. Es war die schlimmste von allen vierten Klassen, die, in der kein Lehrer unterrichten wollte. Wir waren 34 Schüler, der Großteil waren iranisch-deutsche Mischlinge, und alle waren wild. Unser Klassenlehrer war Herr Lies, ein schlanker, blonder, schlaksiger Hüne in hellen, sehr engen Jeans, den ich zwanzig Jahre später sicher sehr sexy gefunden hätte.

Oft musste Herr Lies minutenlang laut schreien, damit ein wenig Ruhe einkehrte und er mit dem Unterricht anfangen konnte. Die Kinder benahmen sich zum Teil, als hätten sie Tollwut. Es gab ein Mädchen in der Klasse, Parissa, sie war der Klassenstar. Sie hatte lange, schwarze Locken, trug kitschige Kleider, die ich schrecklich peinlich fand, und redete immer kokett, flirtete eigentlich mit allen Lehren und natürlich mit den Mitschülern. Sie war die, in die alle Jungen offiziell verliebt waren, der alle Jungen in der Pause hinterherliefen. Dabei war sie nur ein langweiliges, ziemlich dummes Mädchen, das nichts konnte außer mit Babystimme blödes Zeug von sich zu geben, ständig an seinen schwarzen Locken drehte und sich superhübsch fühlte. Ich kannte es nicht, dass ein Mädchen beachtet wurde, nur weil es wie eine Puppe aussah. Puppe sein war doch doof. Dass überhaupt jemand wegen seiner Schönheit gelobt wurde, war befremdend für mich. Ich wurde in Deutschland ständig von deutschen Frauen wegen meiner großen dunklen Augen und meiner langen dichten Haare beneidet. Einige fragten mich devot, ob sie meine Haare anfassen dürften, fanden es aber okay, wenn ich »nein« rief und wegrannte. Meine Mutter hatte mir erzählt, dass die anderen deutschen Mütter früher immer in meinen Kinderwagen starrten und dann stammelten: »Unglaublich hübsch! Diese Augen.« Aber man belästigte mich nicht weiter. Jetzt war das anders. Tante Mahin sagte ununterbrochen Sachen wie: Sie würde sich gern opfern für meine dünnen, langen Beine, meinen kleinen Arsch oder sich als Märtyrerin hingeben, weil meine Haare so schön wären. Ich musste nur sagen: Durst, und sie flippte total aus und fing damit an, sie würde gern für mich in der Wüste verdursten oder so ähnlich, und während ich das Glas kalte Milch trank, bedauerte sie, dass ihre Brüste keine Milch für mich hätten. Meine Mutter hat es mir irgendwann übersetzt. Mir war vollkommen klar, dass die arme Mahin eine Schraube locker hatte.

Ob mich alle hübsch fanden oder nicht, war mir egal, ich fand mich selbst ziemlich hübsch, das reichte, und das Getue nervte einfach nur. Aber ich wollte ganz gerne respektiert werden, weil ich cool war oder irgendetwas besser konnte als die anderen, aber nicht angehimmelt wegen meiner Haare und Augen. Das war peinlich und brachte mich nicht weiter.

Um die Spiele der Jungs zu spielen, hatte ich mich in Deutschland ziemlich anstrengen müssen. Mädchenspiele kannte ich nicht, weil immer Jungs dabei waren. Auch wenn wir unter uns Mädchen spielen wollten, kamen die Jungs dazu, es wurde schnell wild, und einer lief blutend davon. Es ging darum, ob man stark und tapfer war oder schnell rennen konnte, nicht darum, hübsch zu sein.

In meiner neuen Klasse saßen die Mädchen und die Jungs zwar zusammen, aber gemeinsam gespielt wurde nicht. Die Mädchen waren nur darauf bedacht, von den Jungs beachtet und geärgert zu werden. Ich wusste nicht, wozu dieses peinliche Theater gut sein sollte. Ich langweilte mich, auch deshalb, weil fast alle Kinder, mit Ausnahme der Deutschen natürlich, in den Pausen nur Persisch sprachen. Das nervte mich. Wozu war ich auf einer deutschen Schule, wenn fast keines der Kinder Deutsch sprechen wollte?

Wir hatten nur sechs Stunden in der Woche Persischunterricht, an dem alle, die einen iranischen Vater hatten, teilnehmen mussten, das war von der iranischen Regierung so festgelegt. Die Deutschen hatten dann eine Freistunde und konnten in der Sonne sitzen, Eis essen oder spielen. Iranische Kinder wie ich, die ohne Persischkenntnisse aus Deutschland kamen, mussten zwar im Persischunterricht dabei sein, aber nur, um zuzuhören. Ich hatte eine sogenannte »Frist«, um mich auf das Niveau der anderen zu bringen. Wenn mich Herr Tehrani drannehmen wollte, schrien die anderen Kinder: »Nein, die ist doch ein Fristi!«

Ich war also ein Fristi und musste zusehen, diese komische Sprache mit den vielen verwirrenden Schriftzeichen, die man von rechts nach links schreiben musste, möglichst bald zu beherrschen. Meine Eltern besorgten mir eine Persischlehrerin, die zweimal die Woche in das Haus meiner Großmutter kam, um mit mir Lektionen aus dem Erstklässler-Buch durchzunehmen. Es war mühsam und sehr langweilig, und die Lehrerin war mir nicht gewachsen. Wir quälten uns endlos viele Stunden mit den gemeinen Schriftzeichen, nur um am Ende lesen zu können, dass Dara seinem Vater ein Stück Brot gegeben hat.

Vom restlichen Unterricht bekam ich so gut wie gar nichts mit. Ich rutschte von meiner mühsam erkämpften Vier im Rechnen innerhalb von wenigen Wochen auf eine stabile Sechs.

Als Herr Lies einmal die Klassenarbeiten zurückgab, sagte er mit meinem Blatt in der Hand: »Mal hier ein Punkt, mal da ein Punkt, ergibt insgesamt eine Sechs.«

Ich war schockiert. Eine Vier in Rechnen war auf einer niedersächsischen Grundschule schon außergewöhnlich, denn wir mussten eigentlich nur mit bunten Klötzen spielen, und Mengenlehre nicht zu checken war irgendwie okay, denn meine Eltern checkten es natürlich auch nicht. Aber hier gab es gar keine Mengenlehre, hier blies ein schärferer Wind. Und zwar in allen Fächern. Nur in Deutsch war ich die Einzige, die genau wusste, worüber unser Deutschlehrer sprach, und schrieb eine Eins nach der anderen.

Was mich total verwirrte, war die Anordnung der Woche. Ich ging von Samstag bis Donnerstag zur Schule, und Freitag hatten wir frei. Ich hatte lange Zeit große Mühe, mich daran zu gewöhnen, dass am Wochenende die Woche losging. Außerdem war es lustig, dass freitags die Muezzins morgens und abends mit Alla oh Akbar zum Gebet riefen. Vielleicht haben die auch sonst immer gerufen, und ich hörte es nur freitags, weil da die Stadt nicht so laut war. Wenn man das penetrante Alla-oh-Akbar-Gejaule in der Abendsonne über die ganze Stadt zu hören bekam, merkte man erst, wie viel Moscheen und Minarette es gab.

Wir waren mittlerweile in eine eigene Villa gezogen, sehr weit im Norden der Stadt, so weit und so neu, dass die Straßen um das neugebaute Haus herum noch nicht asphaltiert waren, sondern nur aus Lehm und Schlamm bestanden. Der Volvo meines Vaters war nicht mehr grün, sondern elefantenfarben, weil er immer durch die vielen tiefen Schlammpfützen fahren musste. Die Wohnung war sehr groß, und überall standen die Umzugskisten und originalverpackten Möbelteile herum, die meine Mutter sich weigerte auszupacken, weil sie die neue Wohnung nicht mochte. Nur mein Zimmer war einigermaßen mit einem Teil meiner neuen weißen Möbeln eingerichtet, die ich mir vor unserer Abreise ausgesucht hatte. Ich fand die neue Wohnung super, allein schon, weil ich weg war von Maman und den vielen ermüdenden Regeln und Lügen und endlich meine Ruhe hatte. Das Haus hatte einen Garten, und in dem Garten war ein großer Pool, ich freute mich auf den Sommer mit dem Pool.

Meine Eltern und ich lebten inzwischen aneinander vorbei, morgens holte mich einer von den gelben Bussen ab, ich verbrachte den Vormittag in der Schule, und gegen zwei brachte mich der Bus wieder nach Hause, wo ich die Tür mit meinem Schlüssel aufschloss, mir allein mein Mittagessen warm machte und dann den Nachmittag mit Comics und Fernsehen verbrachte, bis meine Eltern gegen Abend eintrudelten. Ich war wohl damals das einzige Schlüsselkind Teherans, aber das war keinem von uns bewusst. Meine Tante war völlig schockiert, als sie davon erfuhr, dass meine Eltern keine Zeit für mich hatten, weil sie mit der Suche nach passenden Praxisräumlichkeiten, mit dem Zoll, wo noch ein Container mit Möbeln festhing, und anderen Genehmigungen und Beglaubigungen beschäftigt waren, dass das arme Kind mittags mutterseelenallein essen musste. Alleine sein ist für Perser das Traurigste, was einem Menschen zustoßen kann, Alleinsein hatte bei Persern einen ähnlich schlechten Beigeschmack wie der Tod. Tante Mahin schrie hysterisch, dass sie ab jetzt an jedem Bissen ersticken wollte, nie wieder etwas essen könnte und sich für mich opfern würde, wenn ich noch einmal alleine essen müsste. Sie bestand mit lautem Geschrei und Androhung von Selbstgeißelung bei ihrem Leben darauf, ich solle nach der Schule mit dem Schulbus direkt zu ihr und meiner stinkenden Cousine gefahren werden. Man würde niemanden alleine essen lassen, und ihre neunjährige Nichte sei ihr mehr wert als ihr Augenlicht, lieber wäre sie blind, als das mitanzusehen. Als ich merkte, dass meine Eltern schwach wurden, zog ich eine Riesenshow ab, weinte laut und schrie auf Deutsch, dass ich lieber sterben wollte, als zu meiner Tante zu gehen, und im Gegensatz zu ihr meinte ich das ernst. Sie war dann natürlich beleidigt und ließ von mir ab, aber nicht, ohne immer wieder davon anzufangen, dass sie eigentlich gegeißelt gehöre, weil sie ihre Nichte und so weiter. Das war die Zeit, in der meine Mutter anfing, grundsätzlich jeden anzulügen, der etwas über mich oder unseren Lebensstil wissen wollte. Langsam konnte ich verstehen, warum jeder jeden die ganze Zeit belog. Die Leute vertrugen einfach alle die Wahrheit nicht. Sie wollten belogen werden.