Hinter den Augen Angst - Milena Gernsheim - E-Book

Hinter den Augen Angst E-Book

Milena Gernsheim

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Beschreibung

Hannah ist Anfang 20, Einser-Abiturientin und Vorzeigetochter. Sie gilt als hübsch, umgänglich und außerordentlich intelligent. In der süddeutschen Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist, würde niemand für möglich halten, dass sie in Berlin mächtig durchhängt und das Studium nach drei Semestern geschmissen hat. Sie schämt sich so sehr für ihr Scheitern, dass sie keinem davon erzählt. Nicht mal ihrer jüngeren Schwester Clara, die schon immer stolz darauf war, das schwarze Schaf der Familie zu sein. Da lässt Clara überraschend durchblicken, dass sie in Problemen steckt, mit denen sie nicht fertig wird. Hannah springt über den Schatten ihres falschen Stolzes und will sich offenbaren. Zu spät. Als sie mit dem Zug in der Nacht am Bahnhof eintrifft, ist Clara nicht da, um sie abzuholen. Nur ihr iPhone liegt verlassen auf dem menschenleeren Parkplatz. Außer Hannah glaubt anfangs keiner, dass Clara das Opfer eines Verbrechens wurde. Zu oft ist sie bereits abgehauen und wohlbehalten aufgetaucht. Allein macht Hannah sich auf die Suche, die sich schnell zu einem blutigen, lebensgefährlichen und verstörenden Horrortrip entwickelt. Ob in Hannahs Familie, in ihrem Freundeskreis der Schulzeit oder bei der Polizei - niemand ist der, der er vorgibt zu sein. Jeder verbirgt dunkle Geheimnisse, nicht zuletzt Clara selbst. Die Nachforschungen abzubrechen, kommt für Hannah trotzdem nie in Frage. Sie stellt sich der grausamen Wirklichkeit und ist bereit zu sterben, um herauszufinden, was ihrer Schwester widerfahren ist.

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Seitenzahl: 549

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


Hinter

den

Augen

Angst

Roman

von

Milena Gernsheim

INHALT

I.

Es ist ein großes Glück …

II.

Wo es am hellsten ist …

III.

Wir sind alle Darsteller …

IV.

Küsse, Bisse, das reimt sich …

V.

Wenn der Wunsch zu töten …

VI.

O hätt ich doch nie gehandelt …

VII.

Einander kennen?

VIII.

You have to die a few times …

I.

„Es ist ein großes Glück, dass man in gewissen Augenblicken gar nicht weiß, was einem eigentlich begegnet. Wenn man die Unheimlichkeit solcher Augenblicke nämlich sofort so stark empfände, wie man sie später in der Erinnerung empfinden wird, oder wie man sie in der Erwartung empfunden hat, - man würde verrückt.“

(Arthur Schnitzler, Der Weg ins Freie.)

1

Berlin, den 12. Juli 2013

Mein Handy vibriert und reißt mich aus dem Halbschlaf. Das Seidentuch, das ich um meine Augen gebunden habe, um ihnen vorzugaukeln, dass es noch tiefe Nacht sei, ist verrutscht. Die Sonne steht über den Dächern der Stadt und scheint durch die Ritzen der Jalousie in mein WG-Zimmer. In ihren Strahlen tänzeln Staubflusen.

Ich pelle das Laken von der schweißnassen Haut und krabbele aus dem Bett, das aus zwei Euro-Paletten besteht, auf die ich eine Matratze gelegt habe. Ich muss nicht auf das Display schauen, um zu wissen, wer mich angerufen hat: meine Schwester Clara. Seit Tagen versucht sie, mich zu erreichen. Seit Tagen weiche ich dem Gespräch aus, was weniger mit ihr zu tun hat als mit meiner erbärmlichen Situation in Berlin. Ich fühle mich ihrer Energie einfach nicht gewachsen.

Clara macht aus allem eine Riesenshow: Ihren Siegen, ihren Niederlagen, aus jedem noch so langweiligen Remis. Alles ist bei ihr immer gigantisch und aufregend und einzigartig und wird mit großem Tamtam in die Welt geblasen.

Wenn ich Maybritt Glauben schenken kann, war Clara schon so, bevor sie das Licht der Welt erblickt hatte. Während ich im Bauch unserer Mutter geduldig darauf gewartet haben soll, geboren zu werden, strampelte Clara angeblich Tag und Nacht derart wild, dass Maybritt bis heute der Überzeugung ist, mit ihr die beschwerlichste aller Schwangerschaften durchgemacht zu haben.

Für meinen Vater waren die „Launen der Genetik“ sogar Anlass für psychologische Untersuchungen. Wie kann es sein, dass seine Töchter aussehen wie eineiige Zwillinge, aber so voller Gegensätze sind? Prof. Dr. Hans-Werner Jäger, Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche und seit einigen Jahren Leiter des psychiatrischen Klinikums in Hellberg, geht den Dingen eben gerne auf den Grund. Egal welchen Persönlichkeitstest wir als Kinder auch absolvierten, das Ergebnis war immer das Gleiche: Ich galt als ruhig, besonnen, zielstrebig, fleißig und vernünftig; Clara als laut, sorglos, sprunghaft, faul und übermütig.

Kein Test aber konnte je Zweifel wecken, dass wir uns abgöttisch lieben, einander blind vertrauen und füreinander durch die Hölle gehen werden, wenn es notwendig ist!

„He! Schlampe! Wieso gehst du nicht an dein Handy? Wieso rufst du nicht zurück?“, kommt Clara auf meiner Mailbox gewohnt überdreht auf den Punkt. „Was treibst du? Selbst eine Strebersau wie du kann nicht nur studieren! Oder bist du sauer auf mich?“ Die Pause, die auf die Frage folgt, ist so lang, dass ich annehme, Clara habe aufgelegt. Ich täusche mich. „Wenn ich dich irgendwie verletzt habe oder so, dann tut mir das leid“, fährt sie mit belegter Stimme fort. „Echt, Hannah. Ich will einfach nur mit dir reden. Ich … vermisse dich. Ich … brauche dich.“

Ich brauche dich? Von einer Sekunde zur nächsten bin ich hellwach. Das letzte Mal als Clara die Maske des coolen Mädchens, das mit allem allein klarkommt, fallen ließ, ist sie ungewollt schwanger gewesen. Die Beziehung mit Wilfried war noch keine zwei Monate alt, und da sie noch über unsere Eltern versichert war, gab es nur eine Möglichkeit, den Fötus wegmachen zu lassen, ohne dass Hans-Werner oder Maybritt etwas davon erfahren hätten: Clara musste sich als mich ausgeben und mit meiner Versichertenkarte den Abbruch vollziehen.

Ich ahne also das Schlimmste. Bevor ich zurückrufe, brauche ich aber erst eine Dusche, um einigermaßen klar im Kopf zu werden. Die Flasche Rosé, die ich in der Nacht zuvor bis auf einen spießigen Anstandsrest geleert habe, benebelt mich mehr als mir lieb ist. Ich krame ein frisches T-Shirt und einen Slip aus dem Chaos meiner mit Jugendstilornamenten verzierten Klamottentruhe, die ich in einem Trödelladen in der Flughafenstraße billig erworben habe. Das einzige Möbelstück in dem schlauchartigen Zimmer, das mir etwas bedeutet. Das restliche Mobiliar besteht aus Ikea-Regalen, Ikea-Stühlen und einer Tischplatte auf zwei Böcken, die mir als Schreibtisch dienen.

„Morgen, Hannah. Na? Alles klar?“

Gegenüber von meinem Zimmer liegt die Küche, deren Tür sperrangelweit offensteht. Frank Böger, Mitbewohner und Informatikstudent im sechsten Semester, sitzt am Tisch, als habe er nur auf mein Erscheinen gewartet. Ich quäle mir ein Lächeln ins Gesicht. Hätte ich gewusst, dass er da ist, wäre ich sicher nicht halbnackt aus dem Zimmer spaziert.

„Magst n Kaffee? Hab gerade einen gemacht.“

„Danke. Aber ich muss erst mal duschen.“

„Deine Schwester hat gestern Abend auf dem Festnetz angerufen …“

„Ich weiß. Ich ruf sie gleich zurück.“

„Sie meint, dass dein Handy irgendwie kaputt ist oder so. Wenn du magst, schau ich mir das an.“

„Nicht nötig, Frank. Alles fein.“

Ich gehe den Gang entlang zum Badezimmer und meine zu spüren, dass sein Blick auf meinem Po kleben bleibt.

„Ich hab gestern mit Clara ein bisschen gequatscht und so. Also, ich glaub, es ist wirklich wichtig“, ruft er mir hinterher.

Ich verschwinde ins Bad. Frank ist mit Abstand der Letzte, mit dem ich über Clara reden würde.

Da der Schlüssel mal wieder spurlos verschwunden ist, ziehe ich die Tür bloß zu, dann meinen Slip und das alberne Micky-Mouse-Schlafshirt aus, auf dem die Comic-Figur die Zähne fletscht und dem Betrachter den Mittelfinger zeigt. Eigentlich nicht mein Stil. Clara hat es mir vor Jahren geschenkt.

Ich höre, dass Frank über die knarzenden Dielen schleicht und vor dem Bad innehält. „Deine Schwester ist nett. Und richtig witzig“, redet er weiter.

Ich antworte nicht, aber hülle mich in ein Badetuch, falls er „aus Versehen“ hereinplatzen sollte.

„Ich fände es ja klasse, wenn sie uns mal besuchen kommt. Wir könnten Berlin zusammen unsicher machen.“

Uns besuchen? Berlin zusammen unsicher machen? Clara würde die Klette nicht mit dem Arsch anschauen. Sie sagt immer, was sie denkt, im Gegensatz zu mir. Ich gehe Konflikten lieber aus dem Weg. Wahrscheinlich hält mich deswegen alle Welt zu Hause für so ungeheuer vernünftig. Zu Hause?! Obwohl ich seit bald zwei Jahren in Berlin lebe, ertappe ich mich immer wieder dabei, von Hellberg wie selbstverständlich als von meinem zu Hause zu sprechen. In Hellberg bin ich in den Kindergarten gegangen, dort habe ich Abitur gemacht, meine erste Liebe gefunden und verloren. Dort würde niemand für möglich halten, dass ich ziellos in den Tag hineinlebe, mein Psychologiestudium geschmissen und einen Mitbewohner habe, dessen einziger Vorzug ein günstiger Hauptmietvertrag ist.

Ich nehme mir nicht zum ersten Mal vor, mich nach einer neuen Bleibe umzuschauen, und weiß zugleich, dass ich eine so billige und zentral gelegene WG nur schwer würde finden können. Selbst in Nord-Neukölln ziehen die Preise neuerdings brutal an. Zu brutal für eine Kleinstadtprinzessin wie mich, die sich geschworen hat, Papas Schecks abzulehnen und auf eigenen Füßen zu stehen.

Nach einer Weile presse ich ein Ohr an die Tür. Frank scheint verschwunden, sodass ich das Badetuch ablege und hinter den milchig durchsichtigen Vorhang in die Wanne steige.

Das Wasser, das wie ein warmer Sommerregen über meine Haut gleitet, weckt nicht nur mich, sondern auch mein schlechtes Gewissen. Warum habe ich meine Schwester so lange nicht zurückgerufen? Ihr muss ich nichts vorspielen. Ihr hätte ich einfach sagen können, dass ich durchhänge und nicht weiß, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Wer, wenn nicht Clara, hätte das verstanden? Sie stolpert schließlich von einer Krise zur nächsten. Schulkrisen. Liebeskrisen. Krach mit den Eltern. Stress mit den Bullen. Meist kommt alles zusammen. Trotzdem ist sie immer gut drauf und voller hochfliegender Pläne, die sie meist in dem Moment fallen lässt, wenn sie Gestalt anzunehmen drohen.

Vor ein paar Monaten etwa war sie fest entschlossen, mitten in der 11. Klasse die Schule zu schmeißen, um einen Blumenladen zu eröffnen. Doch als Claras Freund Wilfried seinem stinkreichen Dad das nötige Kleingeld dafür aus der Tasche geleiert hatte, änderte sie ihre Meinung und fand nichts lächerlicher, als Blumengebinde zu verkaufen. Was den Sinneswandel hervorrief, konnte niemand sagen, am wenigsten wohl Clara selbst.

Wovor also habe ich Angst? Wieso schenke ich meiner Schwester nicht dieselbe Offenheit, die sie mir bei all ihren Fehlschlägen entgegenbringt? Vielleicht warte ich nur auf die passende Gelegenheit. Vielleicht aber kann mein gekränkter Stolz nicht mal gegenüber Clara zugeben, dass ich in Berlin gescheitert bin und nach drei Semestern weder an der Uni Fuß gefasst noch echte neue Freunde kennengelernt habe.

Das Klingeln des WG-Telefons, das Frank ganz allein bezahlt und zumeist auch nutzt, reißt mich aus meinen Gedanken. Ich stelle sofort das Wasser ab und springe aus der Wanne. Ich bin mir sicher, Clara ist am anderen Ende der Leitung und wünsche mir in dem Moment nichts mehr, als mit ihr zu reden. Notdürftig rubbele ich mich mit einem Frotteetuch trocken und ziehe die frischen Klamotten an.

„Hallo. Gratuliere. Du hast die coolste WG in Berlin angerufen“, springt der AB an, dessen Text mich jedes Mal aufs Neue Fremdschämen lässt. „Leider sind wir gerade chillen, aber wenn du genauso easy drauf bist wie wir, rufen wir dich ganz bestimmt zurück.“ Das kommt dabei heraus, wenn Informatikstudenten locker sein wollen.

Ich schlüpfe in meinen Bademantel und bin im Begriff, aus dem Raum zu stürmen, als ich bemerke, dass zwischen Tür und Rahmen ein Spalt klafft. Hat ein Luftzug die Tür aufgestoßen? Ich spüre nicht den leisesten Windhauch, der Kühlung hätte bringen können.

2

Frank plauderte in der Küche angeregt am Telefon. Ich stehe mucksmäuschenstill im Gang. Wenn er mir tatsächlich wie ein Spanner bis ins Bad gefolgt ist, dann habe ich jedes Recht der Welt, ihn zu belauschen.

„Ich hab deiner Schwester ausgerichtet, dass du angerufen hast. Keine Ahnung, warum sie dich nicht zurückruft. Sie ist total einsilbig in letzter Zeit.“

Frank tut so, als spräche ich mit ihm wie mit einem Vertrauten?! Unfassbar!

„Ich komm nicht mehr an sie ran. Also wenn du mich fragst, ich glaub, sie hat im Moment echt Probleme. Gut möglich, dass sie …“

Er wird mitten im Satz abgewürgt. Ich und Probleme, das kann für meine Schwester nicht zusammenpassen.

„Keine Ahnung. Es ist nur so ein Gefühl. Wieso kommst du nicht einfach mal vorbei? Unser Mitbewohner Chrissy ist so gut wie nie da. Du kannst sein Zimmer haben.“

Frank lacht. Clara muss eine ihrer anzüglichen Bemerkungen gemacht haben.

„Klar ist mein Bett groß genug für zwei“, geht er mit belegter Stimme auf die Avancen ein. „Aber … hm … ich könnte mir vorstellen, dass Hannah was dagegen hätte.“

Was für eine eingebildete Luftpumpe! Ich habe ein innigeres Verhältnis zum inkontinenten Kater der Nachbarin als zu Frank.

„Na ja. Zusammen sind wir nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden …“, flötet er ins Telefon.

Ich schließe demonstrativ laut die Badezimmertür. Er soll erst gar nicht auf die Idee kommen, dass ich auch nur ein Wort mitgehört habe.

„Ich glaub, sie ist gerade rausgekommen. Warte einen Augenblick.“

Frank hebt die Stimme und ruft meinen Namen. Ich lasse ein paar Sekunden verstreichen, dann strecke ich den Kopf zur Küche herein und blicke fragend.

„Es ist Clara. Deine Schwester.“

„Ich weiß, wer Clara ist!“

Ich nehme das Telefon entgegen, hauche ein „Dich wollte ich gerade anrufen, Schlampe“ in den Hörer und verziehe mich in mein Zimmer.

„Ich dachte schon, du sprichst nicht mehr mit mir“, macht Clara kein Geheimnis daraus, dass mein langes Schweigen sie kränkt.

„Hey! Clara! Ich wollte dich zurückrufen. Ich … hatte einfach zu viel zu tun. Hausarbeiten. Deadlines. Klausuren.“Ich bin nicht stolz darauf, meine Schwester zu belügen, aber Clara mit meinen Problemen beladen will ich genauso wenig.

„Warst eben schon immer ein Streber, der für die eigene Karriere über Leichen geht!“, gibt Clara sich versöhnt. „Dein Mitbewohner ist übrigens ein kompletter Vollidiot. Das weißt du, oder?“

„Ja, sicher“, druckse ich herum.

„Allein der AB-Text. Für so was sollte man öffentlich ausgepeitscht werden.“

Wer könnte dem widersprechen? Ich jedenfalls nicht.

„Mach dir nichts draus. So was kommt vor. Hauptsache … der Sex ist okay.“

Ich bin irritiert. Sex? Welcher Sex? Wovon, zum Henker, spricht Clara?

„Ich verstehe das. Wilfried ist auch oft total peinlich, kennst ihn ja, aber er sieht gut aus, hat Kohle und fickt gar nicht mal soooo übel.“ Clara legt eine Kunstpause ein, als lasse sie den Sex in Gedanken Revue passieren. „Doch. Im Prinzip war das immer ganz okay.“

„Ich hab nichts mit Frank! Ich bin nicht wie du! Ich geh nicht mit jedem in die Kiste!“

Ich weiß sofort, dass der Schlampen-Vorwurf aus meinem Mund sie getroffen haben muss. Was ist bloß los mit mir? Ich ärgere mich über mich selber. Nichts liegt mir ferner, als mich über meine Schwester zu erheben. Ich habe erst mit läppischen zwei Kerlen geschlafen oder sollte ich besser sagen: mit zwei läppischen Kerlen? Egal. Ich will auf keinen Fall eine dieser boshaften Zicken sein, die sich als Moralapostel aufspielen, nur weil sie neidisch sind.

„Ich wollte dich nicht beleidigen“, entschuldige ich mich. „Es ist nur … mein Mitbewohner … er ist irgendwie unheimlich. Du darfst ihm kein Wort glauben.“

„Willkommen im Club, Prinzessin“, sagt Clara mit einer Bitterkeit, die mich aufhorchen lässt.

„Was meinst du? Was ist passiert?“

Clara schweigt, was für sich genommen schon außergewöhnlich ist.

„Ich verurteile dich nicht. Du kannst mir alles sagen.“

„Ich weiß“, antwortet Clara und fügt dunkel hinzu: „Du bist vielleicht die Einzige, der ich noch trauen kann.“

„Clara?! Was ist los?“

„Das ist nicht so einfach zu erklären“, antwortet sie anstelle einer Erklärung.

„Jetzt sag schon. Du hast doch nicht ohne Grund so oft angerufen?“

„Ja. Schon. Aber was hältst du davon, wenn ich dich besuchen komme. In zwei Wochen sind Ferien. Da könnte ich in Berlin sein … natürlich nur, wenn du nicht zu viel zu tun hast.“

„Zu viel zu tun? Quatsch! Dasselbe wollte ich dir vorschlagen. Ich freu mich wahnsinnig auf dich. Trotzdem kannst du mir doch sagen, was los ist?“

„Sicher. Klar. Aber nicht am Telefon. Ich meine … ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen soll.“

„Du hast Ärger mit Wilfried? Hat er ne andere?“, beginne ich, die Baustellen in Claras Leben durchzugehen.

„Nee. Das ist es nicht.“

„Wilfried ist schwul!?“

„Wie kommst du darauf?“, antwortet Clara, die allein bei dem Gedanken schon lachen muss.

Immerhin. Sie lacht noch.

„Okay. Verstehe. Es geht um die Schule. Deine Versetzung ist gefährdet. Mal wieder. Wegen der Fehlstunden, die im Klassenbuch vermerkt sind. Du hast es geklaut und an Ort und Stelle verbrannt. Das Feuer griff über. Teile der Schule sind in Mitleidenschaft gezogen worden. Und die Polizei fand am Tatort deinen Ausweis neben dem Brandbeschleuniger, den du – blöd wie du bist - mit deiner EC-Karte bezahlt hast. Dumme Geschichte.“

Es ist ein altes Spiel, das wir früher gerne spielten, wenn eine von uns in der Bredouille steckte. Wir haben uns ausgemalt, wie viel schlimmer alles tatsächlich hätte sein können und fühlten uns danach wie gesegnet vom Glück. Meist gipfelten die Abschweifungen in nichts Geringerem als der totalen Apokalypse. Diesmal ist es anders.

„Du wirst es nicht glauben, Hannah, aber es sieht so aus, als würde ich die elfte Klasse schaffen – ganz ohne irgendwelche kriminellen Aktionen.“

„Du wirst doch nicht zum Streber werden?“

„Na ja. Um den üblichen Sex mit dem Rektor komme ich nicht herum. Aber, glaub mir, die zwei Minuten gehen schnell vorbei.“

„Solange du es nicht mit dem Physiklehrer treiben musst. Der soll ja unangenehm lange brauchen.“

„Woher weißt du das?“, entgegnet Clara gespielt geschockt.

„Nicht nur du hast Geheimnisse, also, warum erleichterst du nicht dein Gewissen und sagst mir, was du verbockt hast?“

„Nichts. Gar nichts hab ich verbockt“, macht Clara wieder dicht.

Ich lasse sie trotzdem nicht von der Angel. „Okay. Okay. Ich glaub, ich weiß, was du hast“, suche ich nach etwas besonders Abwegigem, um sie aus der Reserve zu locken. „Du hast es gefunden. Hab ich recht?“

„Was gefunden?“

„Papas Testament, in dem er … dich enterbt hat.“ Ich lache glucksend auf.

„Ich weiß, du meinst es gut. Aber … ehrlich gesagt … ich bin nicht in Stimmung für so was.“

„Clara?! Du machst mir langsam Angst!“

„Ich mache dir Angst? Ich? Hannah! Mach die Augen auf! Dein Mitbewohner ist nicht das einzige verlogene Arschloch. Alle sind so. Jeder hat irgendwelche widerlichen Geheimnisse. Niemand ist der, der er vorgibt zu sein.“

3

Was ich auch versucht habe, um die Wahrheit herausbekommen, Clara weigerte sich, am Telefon darüber zu reden und beendete das Gespräch schließlich mit tränenerstickter Stimme. Es gab kein Vertun: Meine Schwester brauchte mich. Und das so schnell wie eben möglich.

Am anderen Morgen breche ich auf. Obwohl ich viel zu früh am Bahnsteig eintreffe, ist der schon gerammelt voll. Der ICE, der die Strecke eine Stunde zuvor fahren sollte, konnte nicht „bereitgestellt werden“, heißt es in einer Durchsage. Jeder, der keine Sitzplatzreservierung hat und im Besitz robuster Ellbogen ist, fährt diese dementsprechend aus. Ohne blaue Flecken, aber dafür als Letzte an meiner Tür, besteige ich den Zug und nehme meinen Platz ein. Auf dem Boden. Zwischen Gepäckstücken. Unweit der Toiletten, wo es bestialisch stinkt.

Ich bin zu müde, um mir einen besseren Flecken zu suchen, den es sicher irgendwo gegeben hätte. Wie es mittlerweile in meinem Alltag Brauch ist, habe ich mich nach dem Gespräch mit Clara am Abend mit einer Flasche Rosé aus dem Späti meines Vertrauens in meinem Zimmer abgeschossen und auf meiner illegalen Lieblingsplattform die dritte Staffel True Blood gestreamt. Meinem nervigen Mitbewohner bin ich aus dem Weg gegangen. Als ich schließlich am frühen Mittag verkatert und mit prall gepackter Reisetasche aus dem Zimmer schlich, fand ich in der Küche nur einen Zettel von ihm vor: „Liebe Hannah, musste kurzfristig weg. Wir sehen uns die Tage. Big Hug, Frank.“

Ich habe ihm keine Nachricht hinterlassen. Ich bin ihm keine Rechenschaft schuldig. Allein, dass ich das überhaupt in Betracht zog, ärgert mich noch jetzt. Ich nehme mir vor, zukünftig weniger zuvorkommend zu sein und mache mich so klein wie ich kann, um die Fußtritte all jener Passagiere, die auf dem Weg zum Speisewagen an mir vorbeimüssen, zu minimieren. Ich ziehe die Beine an den Körper und bette meinen Kopf auf die Arme, die ich über den Knien verschränkt habe.

Die meiste Zeit rast der Zug mit mehr als 200 Stundenkilometern über das Land, dennoch hängt er eine halbe Stunde dem Fahrplan hinterher, wie die digitale Anzeige verrät, die über mir in die Wand eingelassen ist. Gegen 18 Uhr 30 beschließe ich, Clara zu verständigen. Wir hatten verabredet, dass sie mich am Bahnhof in Hellberg gegen halb acht abholen käme.

„Sag nicht, dass dir was dazwischengekommen ist“, eröffnet sie das Gespräch.

„Natürlich nicht. Ich komme nur ein bisschen später.“

„Dann ist ja gut!“

„Ich ruf dich wieder an, sobald ich absehen kann, ob ich meine Anschlüsse kriege. Sollst ja nicht ewig am Bahnhof auf mich warten.“

„Okay. Tu das. Wilfried und die anderen werden bestimmt total überrascht sein, dich zu sehen.“

„Wir sind mit Wilfried verabredet?“, frage ich irritiert nach.

„Nein. Das nicht. Aber ich hab ganz vergessen, dass Willi eine Poolparty schmeißt.“

„Oh nein!“, seufze ich.

Wilfrieds Poolpartys sind legendär. Vor vier Jahren hatte ich dort zum ersten Mal Sex mit Stefan. Ob er auch da sein würde?

„Ich hab da auch keine große Lust drauf. Aber ich muss da hin, Hannah. Wenigstens kurz“, rechtfertigt sich Clara.

„Kein Problem. Willi ist dein Freund. Und in seinem bescheidenen Palast finden wir sicher ein Eckchen, wo wir ungestört quatschen können.“

„Ja. Bestimmt. Ich freu mich auf dich. Ruf an, sobald du weißt, wann du da sein wirst.“

„Du machst es ganz schön spannend, Clara“, zögere ich das Ende des Gesprächs hinaus. „Hast du nicht vielleicht einen klitzekleinen Hinweis, was mich erwartet?“

„Ich will dich nicht beunruhigen oder so. Aber du wirst mich verstehen, wenn ich dir alles gesagt habe …“

Bevor ich antworten kann, fährt der Zug in einen Tunnel und reißt die Verbindung ab.

In Frankfurt beträgt die Verspätung nur noch fünf Minuten. Ich bin wieder guter Dinge, doch noch pünktlich in Hellberg anzukommen. Der Zugchef begrüßt die zugestiegenen Fahrgäste und teilt mit, in Mannheim würden voraussichtlich sämtliche Anschlusszüge erreicht werden.

Ich starre durch das Bullauge der Waggontür ins Freie. Bäume, Masten, Häuser und Lärmschutzwälle ziehen so rasend schnell an mir vorbei, dass die Gegenstände ihre Konturen verlieren und zu einer formlosen Masse verschmelzen. Ich bin im Begriff, Clara erneut anzurufen, als ein dumpfer Schlag den Zug für einen Augenblick erzittern lässt. Nicht viel anders hört es sich an, wenn im Sommer eine fette Fliege gegen die Windschutzscheibe eines Autos klatscht. Mit dem Betätigen des Scheibenwischers ist es hier aber nicht getan. Der Zug stoppt so abrupt, dass ich gegen die Wand gepresst werde. Infernalisch schrill kreischten die Bremsen. Der beißende Geruch verschmorten Plastiks dringt in meine Nase. Gepäck fällt aus den Ablagen, einige Passagiere schreien. Kinder weinen. Der Zug kommt mitten im Nirgendwo zum Stehen.

Wie alle anderen Fahrgäste habe auch ich nicht gesehen, was passiert ist. Aber ich kann mir gut vorstellen, wie es dem Lokführer gehen muss, der sich außerstande sieht, weiter zu fahren, auch wenn ihm kein Vorwurf gemacht werden kann. Wer trägt Schuld daran, wenn ein verzweifelter Mensch kein Problem damit hat, dass das Letzte, was er in seinem Leben sehen würde, ein auf ihn zurasender Triebwagen ist?

Nach etwa einer Stunde meldet sich ein DB-Krisen-Manager über Lautsprecher, entschuldigt sich für den Zwischenfall und die Unannehmlichkeiten. Sobald der Sicherheitscheck am Zug abgeschlossen sei und die Polizei die Strecke freigegeben habe, würde die Reise schnellstmöglich fortgesetzt werden. Das ist vage. Zu vage für die meisten Fahrgäste, die schon bald wieder zu den Kotzbrocken werden, die sie waren, bevor der arme Schlucker sich vor den Zug geworfen hat.

Die einen ergehen sich in Vorwürfen gegen ihn. Wie kann man so rücksichtslos sein, Hunderte von Unbeteiligten in den eigenen Abgang mit hineinzuziehen? Wozu gibt es Schlaftabletten? Wieso hat der Loser sich nicht erhängt? Oder sich die Pulsadern aufgeschnitten? Andere haben nichts Besseres zu tun, als mit den Schaffnern zu feilschen, wie viel Preisnachlass ihnen von der Deutschen Bahn für den unplanmäßigen Halt erstattet werden muss. Wieder andere ergötzen sich an den Gerüchten, die über den Selbstmörder in Umlauf sind. Er ist … wie ein Luftballon geplatzt … Matsch … überall Körperteile … man weiß noch nicht einmal, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.

Ich krame meine Kopfhörer aus dem Gepäck, drehe den Sound meines Handys so laut auf, dass ich nichts und niemanden mehr hören muss, und starre aus dem Bullauge in die untergehende Sonne, die von dem flackernden Licht eines Polizeiwagens bläulich eingefärbt wurde.

4

Mit über drei Stunden Verspätung treffe ich um kurz nach halb elf in der Nacht am Bahnhof in Hellberg ein. Völlig fertig von der langen Fahrt steige ich aus der S-Bahn. Die Türen schließen hinter mir. Der Zug setzt sich in Bewegung. Bald sind seine roten Rücklichter im Dunkel der Nacht verschwunden. Ich stehe allein auf dem Bahnsteig, den schummrige Laternen erhellen. Ich fächere mir Luft zu. Mein T-Shirt klebt schweißnass auf meinem Rücken wie eine zweite Haut, die abgestoßen werden will. Kein einziges Auto wartet auf dem Parkplatz, der wie eine Schneise in den Wald geschlagen wurde. Meine Schwester Clara glänzt mal wieder durch Abwesenheit, obwohl ich ihr vor knapp einer halben Stunde auf dem Smartphone hinterlassen habe, wann ich ankommen würde.

„Clara?! Hey! Wo, zur Hölle, steckst du, hm?“, quatsche ich ihr auf die Mailbox. „Ich warte auf dich, hörst du? Am Bahnhof. Die ganze Fahrt war ein Albtraum! Also - komm - bitte - her!“

Ich schultere meine Reisetasche und gehe den Bahnsteig entlang zur Unterführung, die mich zum Vorplatz bringt, wo eine friedliche Stille herrscht, einzig unterbrochen durch den Ruf einer Eule in der Ferne.

Ohne Clara hänge ich definitiv hier fest. Der Hellberger Bahnhof liegt verlassen in einem Waldstück hinter dem Industriegebiet. Er hat kein Personal. Kein Taxi wartet. Kein Bus fährt nach 19 Uhr 30. Seit der deutsche Softwareproduzent SSC (Solid Software Corporation AG) vor gut 20 Jahren seine Zentrale in Hellberg errichtet hat, ist die Region schlicht zu reich, um über ein vernünftig ausgebautes Busnetz zu verfügen. Wer hier lebt, besitzt ein eigenes Auto oder geht nicht mehr aus dem Haus.

Die Minuten verstreichen. Es ist mittlerweile kurznach elf, und die Nacht will nicht abkühlen. Wohl oder übel muss ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass Clara nicht mehr kommen wird. Ich googele die Nummer der hiesigen Taxizentrale und erfahre von deren Bandansage, dass ich außerhalb der Öffnungszeiten anrufe.

„So eine Scheiße. Was für ein Scheißtag!“, schreie ich über den Parkplatz. Dann sehe ich, dass die Anzeige des Handyakkus blinkt. Noch 3 % Restenergie. Schnell kappe ich die Verbindung. Mehr als ein oder zwei Gespräche werde ich nicht mehr führen können. Dennoch sträube ich mich, meine Eltern anzurufen. Wie sollte ich ihnen erklären, dass ich Berlin überstürzt verlassen habe? Nichts zwang mich dazu. Auch Clara nicht, obwohl ich sie noch nie zuvor so bedrückt und verstört wie gestern erlebt habe. Trotzdem weigerte sie sich, mir am Telefon mitzuteilen, was genau mit ihr los sei, was schief lief in ihrem Leben und weswegen sie der Meinung ist, dass sie niemandem mehr trauen könne und keiner der sei, der er vorgebe zu sein.

Ich gehe das Adressbuch meines Handys durch, in dem meine alten Schulfreunde noch immer gespeichert sind. Auch Wilfried, der heute Geburtstag hat und auf dessen sicher rauschender Party Clara versackt sein muss.

Ich kenne Wilfried Dennerlein seit der 5. Klasse des Gymnasiums. In der Oberstufe habe ich mit ihm und seiner Clique bald jedes Wochenende verbracht. Wo Wilfried war, wurde es nie langweilig. Gesetze und Regeln waren für ihn nur dazu da, gebrochen zu werden. Wirklich riskiert hat er nie etwas. Er wusste von klein auf, dass die schützende Hand seines Vaters über ihm ruht. Der alte Dennerlein ist einer der Gründer von SSC. Ihm gehört die eine Hälfte von Hellberg, die andere Hälfte ist von ihm abhängig. Es gibt keinen Bürgermeister, der gegen seinen Willen gewählt werden kann, keinen relevanten Beschluss des Gemeinderats, der nicht mit ihm abgesprochen wäre, und kein Schulrektor konnte sich erlauben, seinem Sohn Wilfried den Arschtritt zu verpassen, den er verdient hatte. Als Wilfried einmal dabei erwischt wurde, wie er das Chemielabor leerräumen wollte, gab es statt eines Schulverweises für Wilfried eine neue Sporthalle für das Gymnasium. Ein Deal, mit dem jeder sehr gut leben konnte.

„The number you have dialed is currently not available …”

Okay. Ich habe es wahrscheinlich nicht anders verdient. Das ist die Quittung dafür, dass der Kontakt zu den alten Schulfreunden mit der Zeit eingeschlafen ist. Na ja, streng genommen habe ich ihn abgebrochen, indem ich meine E-Mail-Adresse aus Kindertagen ([email protected]) durch eine neue ersetzte (hannahjä[email protected]), was für eine Studentin der Psychologie sicher angebracht war. Statt jedoch meine Hellberger Freunde darüber zu informieren, habe ich zusätzlich den Facebook-Account kommentarlos gelöscht. Es wollte einfach nichts Spannendes passieren, worüber ich hätte schreiben können. Und das in Berlin. Ich schämte mich, dass ich so langweilig bin, um nicht einmal in der Hauptstadt, wo es für jede Randgruppe genug Orte gibt, um dort die Mehrheit zu stellen, Freunde zu finden und Party zu machen. Selbst mein Vater ließ es angeblich als Student „so sehr krachen“, dass er beinahe sein Studium geschmissen hätte. Wichtig sei nur, die Kurve zu kriegen, gab er mir bei meinem Auszug als Rat mit. Nun, ich verließ meine Gerade erst gar nicht.

Ich sollte nicht abschweifen, sondern mir lieber überlegen,mit wem ich in Hellberg noch so verbunden bin, um ihm oder ihr in den wenigen Sekunden, die mir das Handy lässt, zu erklären, dass ich am Bahnhof abgeholt werden will.Stefan Weller wäre ein vielversprechender Kandidat, stünde er nicht ganz oben auf der Liste der Leute, die ich vor den Kopf gestoßen habe. Mit ihm war ich von der 10. Klasse bis kurz vor dem Abitur zusammen. Das ist jetzt gut drei Jahre her. Wie aus dem Nichts habe ich ihm damals den Laufpass gegeben. Und was tat er? Er reagierte so gefasst darauf, dass ich beinahe ein wenig eingeschnappt war. Nahtlos ging unsere Beziehung in eine solide Freundschaft über, bis ich in Berlin alle Brücken hinter mir abbrach.

„Hallo, Stefan. Ich bin`s, Hannah … ja, ich weiß, ich hab mich ewig nicht mehr bei dir gemeldet … ja, sorry, ich hab auf keine deiner Anrufe reagiert, das tut mir leid, aber es wäre total nett, wenn du mich am Bahnhof abholen könntest … Wirklich, Stefan … Ich wäre dir auf ewig dankbar …“

Ich belasse es dabei, den Anruf bloß in Gedanken durchzuspielen. Zum einen hätte ich kaum genügend Zeit für die lauen Entschuldigungen, zum anderen habe ich auch meinen Stolz und zwei Beine, die sich sehen lassen können und die es mir möglich machen sollten, die fünf, maximal sechs Kilometer bis zu Wilfrieds Villa in einer Stunde zu schaffen. Bewegung hat noch keinem geschadet, Hannah-Baby, rede ich mir das Vorhaben in den Worten meines Vaters schön und tausche die Sandalen gegen meine Halbschuhe in der Reisetasche. Vielleicht habe ich ja sogar Glück und es hält jemand an und nimmt mich mit. Ich muss mich nur vor den Jungmännern vorsehen, die die Landstraße nachts als Rennstrecke nutzen, um die Mädels zu beeindrucken, die sie in den Dorfclubs betrunken gemacht und abgeschleppt haben. Da mein Handy noch 2 % Restenergie anzeigt, beschließe ich vor dem Fußmarsch, die minimale Chance zu ergreifen, dass meine Schwester in der Zwischenzeit aus dem Koma auf Wilfrieds Party erwacht ist. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Die Klingeltöne, die ich über den Lautsprecher meines Smartphones höre, signalisieren mir, dass es eine Verbindung zu Claras Handy hergestellt hat. Zur gleichen Zeit ertönt keine 20 Meter entfernt Kurt Cobain: Taste it. Do it and do it again, my friend. Hate me. Rape me, my friend. I’m not the only one … I’m not the only one!

Eine verschissen zynische Drehbuchautorin hätte sich das nicht schlimmer einfallen lassen können. Ich erstarre und lausche der Musik, die von irgendwo auf dem Parkplatz zu mir dringt. Ich schalte mein Handy aus. Sekunden später verstummt auch Nirwana und macht einer gespenstischen Stille Platz.

5

„Clara!? Clara! Bist du da?!“, rufe ich in die Dunkelheit. „Das ist nicht witzig, hörst du?! Du machst mir Angst!“

Meine Hoffnung, dass sie mit einem albernen Kichern aus der Deckung käme, erfüllt sich nicht. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, bleibe ich einige Zeit wie angewurzelt stehen, ehe ich noch einmal die Nummer anwähle und dem Klingelton folge. Er führt mich zu einer der Hecken, die die Parkbuchten trennt. Auf allen vieren krieche ich den Boden entlang, wühle im Dreck und halte schließlich Claras iPhone in den Händen, das in der pinkfarbenen Hülle steckt, die ich ihr vor zwei Jahren geschenkt habe. Im gleichen Augenblick gibt mein Handy seinen Geist auf und verstummen Cobains unverwechselbare Riffs.

Umso lauter rast mein Herz. Fragen flippern wie Billardkugeln durch mein Hirn und hämmern gegen die Schädeldecke: Ist Clara das Opfer eines Verbrechens geworden? Hat ihr jemand aufgelauert? Hat sie jemand niedergeschlagen und in den Wald geschleppt? Was, wenn derjenige noch hier ist? Wenn ER nur darauf wartet, sich auch auf mich zu stürzen?

Die Stille kommt mir plötzlich ganz und gar nicht mehr friedlich vor. Jedes Knacken, jeder Luftzug, jeder Schatten, kann von IHM herrühren.

Ich renne blindlings los.

Ich habe meine Tasche zurückgelassen und folge dem Zubringer, der auf beiden Seiten von dichtem Wald umschlossen ist und den Bahnhof mit der Landstraße verbindet. Ohne nach rechts oder links zu schauen, lege ich die gut 400 Meter im Sprint zurück.

Meine Haut glüht, als ich die Ampel erreiche, die am Abzweig zum Bahnhofzubringer steht. Auch wenn sie nachts nichts zu regeln hat und außer Betrieb ist, fühle ich mich sicher genug, um eine Pause einzulegen. Wenn ER nicht vollkommen irre ist, wird er es nicht riskieren, aus der Deckung zu kommen. Meine Augen suchen den Wald ab. Beobachtet ER mich? Oder bilde ich mir seine Anwesenheit nur ein und hat ER längst das Weite gesucht? Wenn ER überhaupt da ist?! Komm runter! Alles kann auch ganz anders sein!

Wenn ich etwas hasse, sind es Filme mit hysterischen Scream-Queens, die bei jeder Gelegenheit den Teufel an die Wand malen und immer genau das tun, was ganz sicher ins Verderben führt. Ich zwinge mich, auch jenen Teil meines Hirnes wieder einzuschalten, der mir immerhin ein Eins-Komma-Eins-Abitur eingebracht hat. Und dieser Part sagt mir: Clara braucht ihr Handy wie ein Junkie seine tägliche Dosis Gift. Das ist so gültig wie ein Naturgesetz. Vielleicht hat sie nicht mitbekommen, wo es ihr aus der Tasche gefallen ist und fährt gerade mit dem alten Peugeot, den unsere Eltern ihr zum achtzehnten Geburtstag überlassen haben, alle Stationen ab, an denen sie es verloren haben könnte. Hat sie darüber die Zeit und ihre große Schwester vergessen? Wundern würde mich das bei ihr nicht. Langsam beruhigen sich mein Puls und mit ihm meine Gedanken. Meine Beine zittern zwar noch immer, aber es ist Erschöpfung, die die Muskeln vibrieren lässt, nicht mehr Angst.

Die wenigen Autofahrer, die um diese Zeit unterwegs sind, haben keine Veranlassung, an der Ampel die Geschwindigkeit zu drosseln. Es ist nicht so, dass keiner mein Winken wahrgenommen hätte, aber wegen einer verstörten Frau mitten in der Nacht anzuhalten, sprengt offenbar den Rahmen des Vorstellbaren. Andererseits wirkt mein Anblick womöglich wenig vertrauenerweckend. Man sieht es einem Menschen schließlich nicht an, was er im Schilde führt. Niemand ist der, der er vorgibt zu sein.

Ich gehe auf dem Seitenstreifen in Richtung Hellberg und komme zügig voran. Die Nacht kühlt ab. Ein frischer Wind weht über das Land. Zu meiner eigenen Verwunderung bin ich nicht halb so verzweifelt wie es in meinem Zustand zu erwarten wäre. Würde Clara plötzlich neben mir anhalten und sich alle Befürchtungen in Nichts auflösen, ich wäre nicht nur maßlos erleichtert (und natürlich stinksauer auf die Bitch); ich würde mich so lebendig fühlen wie seit Monaten nicht mehr. Ich nehme mir vor, das erhebende Gefühl des Am-Leben-Seins nicht zu vergessen, wenn der triste Alltag mich wiederhaben würde.

Ich habe bereits ein gutes Stück des Weges zurückgelegt, sodass ich das mächtige Hauptgebäude der Solid Software Corporation in seiner ganzen Pracht im Industriegebiet hinter dem Bahnhof emporragen sehe. Ich habe aufgehört, mich nach den Wagen umzudrehen, deren Scheinwerfer in meinem Rücken auftauchen. Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit mehr. Ich kann die Lichter der Häuser am Stadtrand bereits sehen.

„Rape me!“, meldet Claras Handy sich in meiner Jackentasche zu Wort.

„Fuck! Hannah! Fuck! Wie bescheuert bist du eigentlich?!“ Wieso um alles in der Welt habe ich das iPhone nicht genutzt? Ich kenne das Passwort. 0 – 0 - 0 – 0. Die einzige Zahlenkombi, die Clara sich merken kann.

„Clara? Clara bist du es?“, gehe ich ran.

Am anderen Ende der Leitung atmet jemand.

„Wer ist da?“

Jemand räuspert sich.

„Wer sind Sie?“

Ich bekomme keine Antwort.

„Was wollen Sie?“

Der Anrufer legt auf.

6

Die Nummer ist nicht unterdrückt. Die Vorwahl deutet auf einen Telefonanschluss in Hellberg hin. Ich rufe zurück. Niemand nimmt ab und kein AB verrät, wem der Anschluss gehört. Ist IHM aufgefallen, dass Clara kein Handy bei sich hat? Vermutet ER, dass sie es auf dem Parkplatz bei seinem Angriff verlor? Suchte ER dort danach? Und sucht nun nach der Finderin? Nach mir?

Die Angst meldet sich zurück.Vielleicht hat sie mich auch nie verlassen. Wieso sonst bin ich nicht auf die Idee gekommen, mit Claras iPhone Hilfe zu rufen? Panik und Vernunft. So hieß einer der wenigen Kurse, die ich an der Uni im ersten Semester besucht habe. Die Quintessenz, die ich mit nach Hause nahm, war wenig überraschend: Hat die Panik einen Menschen erst mal erfasst, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jede Entscheidung die falsche. Kein Automatismus greift, Intelligenz spielt keine Rolle, der gesunde Menschenverstand, sofern er ohnehin nicht bloß eingebildet ist, quittiert den Dienst. Auf diese Weise fliegen totsichere Atomkraftwerke in die Luft und sinken unsinkbare Schiffe.

Noch aber hat ER mich nicht.

Ich rufe meine Eltern zu Hause an. Schon nach drei Klingeltönen meldet sich der Anrufbeantworter. Es ist mittlerweile nach Mitternacht. Entweder schlafen Maybritt und Hans-Werner tief und fest, oder sie sind außer Haus. Auf dem Festnetz eine Nachricht zu hinterlassen würde also wenig Sinn ergeben.

Ich öffne das Adressbuch auf der Suche nach der Handynummer meines Vaters, aber bleibe bei Tom hängen.

„Clara?“

Toms Stimme am anderen Ende der Leitung klingt ebenso verdutzt wie wach. Bloß wieso hat er Claras Nummer gespeichert? Steht er mit meiner kleinen Schwester in Kontakt? Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mir davon etwas erzählt hätte.

„Hey! Clara? Jetzt sag endlich, was willst du mitten in der Nacht?“

Ich widerstehe dem Impuls, sofort wieder aufzulegen. Toms Stimme berührt mich auf eine seltsam vertraute Weise.

„Tom! Ich bin´s, Hannah“, bringe ich schließlich so leise über die Lippen, als wollte ich es der Qualität seines Gehörs überlassen, ob das Gespräch weiter ginge.

Er schweigt. Kramt er in seiner Erinnerung, um dem Namen eine Person zuordnen zu können? Selbst wenn dem so wäre, könnte ich mich nicht darüber beklagen. Mir wäre es nicht anders gegangen, hätte Tom mich in Berlin angerufen.

„Lass den Scheiß, Clara!“

Er fühlt sich verarscht, was nicht von Ungefähr kommt. Clara und ich sehen nicht nur aus wie eineiige Zwillinge, auch unsere Stimmen klingen zum Verwechseln ähnlich. Früher hat Clara sich oft einen Spaß daraus gemacht, sich am Telefon als ihre große Schwester auszugeben und die wildesten Geschichten erfunden, die ich dann wieder geraderücken musste: Nein, ich bin nicht schwanger und einen neuen Lover hab ich auch nicht, wirklich nicht, Stefan, davon wüsste ich.

„Tom! Ich bin es! Und ich … brauche dich.“

„Das ist nicht komisch, Clara.“

„Ich bin nicht Clara. Du … musst mir helfen. Mich abholen. Bitte!“

„Okay. Gut.“ Tom scheint noch nicht restlos überzeugt, aber bereit, sich zum Deppen zu machen. „Wo bist du … Hannah?“

„Ich bin auf der Landstraße. Ich schätze, es ist etwa der halbe Weg zwischen Bahnhof und Ortseingang“, beschreibe ich ihm meinen Standort präzise wie die sprechende Ausgabe von Google-Earth. „Ich stehe am Seitenstreifen an der Leitplanke. Ich trage ein helles T-Shirt. Blaue Jeans. Du kannst mich gar nicht übersehen.“

„Nimm es mir nicht übel. Aber ein paar mehr Infos brauch ich schon. Welcher Ort? Welche Straße? Welcher Bahnhof? Welche Jeans-Marke?“

„Oh. Mist. Klar“, stammele ich. „Ich bin in … Hellberg. Ich bin mit der letzten S-Bahn am Bahnhof angekommen. Clara wollte mich abholen. Aber sie ist … sie hat mich versetzt.“

„Warum bist du nicht am Bahnhof geblieben? Die Straße ist nachts scheiße gefährlich.“

„Ja. Ich weiß.“

„Und warum rufst du von Claras Handy an?“

„Ich erklär dir alles, wenn du hier bist.“

„Wo ist Clara denn?“

„Wirst du kommen oder muss ich jemand anderes bitten?“, mache ich schroffer Druck, als ich beabsichtigt habe.

„Hannah! Du bist es wirklich?!“, antwortet Tom und atmet einmal hörbar durch. „Bin schon unterwegs. Ich muss nur vorher in meinen Laden. Die Alarmanlage ist losgegangen. Wahrscheinlich wieder falscher Alarm. Das dauert sicher nicht lange. Okay?“

„Ja. Okay. Danke.“

Eine dürftige Reaktion. Ich weiß. Aber auch wenn mir eine ganze Steinlawine vom Herzen fällt, lasse ich mir das nicht gerne anmerken.

Mein Blick schweift zwischen zwei alten Kirschbäumen hindurch über einen Spargelacker. Tom ist hier vor Jahren einmal von der Straße abgekommen und mit seinem klapprigen Pickup zwischen den Bäumen hindurch gerast und auf dem Feld gelandet.

„Hey, Tom. Du findest mich genau an der Stelle, wo du deinen Unfall gehabt hast. Du erinnerst dich bestimmt, oder?“

„Stehen die Kirschbäume noch?“ Tom lacht auf.

Auch ich muss schmunzeln. Zu jener Zeit hatte ich zwar schon keinen richtigen Kontakt mehr zu ihm, aber sein Unfall war Stadtgespräch. Maßlos besoffen hat er damals an der keineswegs extremen Kurve das Lenkrad verrissen und ist frontal auf eine Spargelfurche zugerast, die ihn wie eine Rampe abheben ließ. Toms Pickup flog einige Meter durch die Luft und landete inmitten des Ackers, als wäre er vom Himmel gefallen. Ein surreales Bild.

„Ich hoffe, du hast etwas aus deiner Flugeinlage gelernt, hm?“

„Klar. Ich weiche nie wieder einem Reh aus.“

„Ein Reh? Davon wusste ich nichts.“

„Wie auch? Du hast nicht gefragt. Keiner hat das. Und, na ja, total nüchtern war ich sicher auch nicht. Aber egal. Pass auf dich auf. Ich bin gleich bei dir.“

Ich habe mich tatsächlich nie danach erkundigt, was passiert ist; ich habe dem Gerede geglaubt.

Die Kirschbäume in meinem Rücken schaue ich in Erwartung von Tom Richtung Hellberg. Während des Gesprächs mit ihm habe ich für einen Augenblick Clara und ihr mysteriöses Verschwinden fast vergessen. Allein die Aussicht, ihn bald an meiner Seite zu wissen, beruhigt mich. Ist das der Grund, weswegen mein vorlautes Unterbewusstsein ihn und nicht meine Eltern angerufen hat? Fürchte ich, dass meine Eltern mich nur noch mehr verrückt machen würden? Oder will ich Maybritt und Hans-Werner nicht unnötig beunruhigen? Beides erklärt nicht, warum meine Wahl auf Tom als Retter fiel.

Eine Familienkutsche mit Platz für locker sechs Leute kommt im Schneckentempo angefahren. Hat Tom geheiratet? Hat er Kinder? Ich gehe einen Schritt auf die Fahrbahn, um mich bemerkbar zu machen. Vielleicht ist er ja auch kurzsichtig geworden. Der Wagen hat mich so gut wie erreicht. Hinterm Steuer sitzt ein älterer Herr mit Brille und Vollglatze, den ich mit meiner bloßen Gegenwart schon erschreckt haben muss. Er macht einen weiten Bogen um mich und zeigt mir aufgeregt einen Vogel.

Ich lasse mich wieder auf der Leitplanke nieder und frage mich, wie ich Tom begreiflich machen soll, dass ich Hals über Kopf den Bahnhof verlassen habe. Okay. Die Umstände sind merkwürdig: Claras verstörende Andeutungen. Ihre Scheu, sich mir am Telefon zu offenbaren, als habe sie Angst davor, dass ich sie verlachen könnte. Ihr Handy im Dreck auf dem Parkplatz. Der seltsame Anrufer, der sich nicht zu erkennen gab. Aber ist all das so merkwürdig, dass es mein panisches Verhalten rechtfertigt? Streng genommen ist nichts geschehen, was eindeutig auf ein Verbrechen hinweist. Bei Clara muss man schließlich immer mit allem Möglichen und Unmöglichen rechnen. Das weiß nicht zuletzt Tom aus eigener Erfahrung.

Am besten, ich behalte die Einzelheiten meiner konfusen Reaktion für mich! Bloß was habe ich zu verlieren? Mein Gesicht? Toms Wertschätzung? Seine Sympathie? Obwohl die Verbindung zu ihm schon vor meinem Umzug nach Berlin abgerissen ist, bedeutet mir seine Meinung offenbar noch immer eine Menge.

Ich bin sogar ein wenig aufgeregt wie vor einem „blind Date“. Nicht dass ich mich auf ein Rendezvous dieser Art schon mal eingelassen habe. Ich weiß, es ist grotesk und unpassend, aber ich bekomme die Vorstellung seines … Penis‘ nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe ihn einmal fasziniert wie eine Forscherin, die in unbekannte Welten vorstößt, mit meinen Fingern berührt. Steif und fest hatte er sich in meiner Hand aufgerichtet. Ich war da gerade mal acht, Tom zwölf Jahre alt.

Wir sind zusammen aufgewachsen und hatten keine Geheimnisse voreinander. Auch wenn ich das damals so nicht gesagt hätte, Tom war mehr als ein Forschungsobjekt unschuldiger Doktorspiele: Er war meine erste große Liebe.

Ich verdanke seine Bekanntschaft letztlich meiner Mutter. Besser gesagt ihrer Überforderung. Kurz nachdem ich zur Welt gekommen bin, begriff Maybritt, dass Kinder nicht von allein groß werden, und stellte Toms Mutter Barbara als Tagesmutter ein. Da Hans-Werners sich anbahnende steile Psychologen-Karriere ein Engagement zu Hause wie von selbst ausschloss, hatte er sowohl das nötige Kleingeld als auch kein Recht, dagegen Einspruch zu erheben. Barbara, die von allen - mal liebevoll, mal abschätzig – „die Babs“ genannt wurde, verdingte sich zu dieser Zeit als Hilfskraft bei SSC und musste sicher nicht lange überredet werden, um den großzügig bezahlten Fulltime-Job anzutreten.Sie übernahm alle nicht repräsentativen Erziehungsaufgaben wie Kochen, Putzen, Windeln wechseln und die Kinder in den Schlaf-Singen. Einzig das Jammern darüber, wie viel Arbeit, Sorgen und Dreck Kleinkinder machen, überließ sie bis zu ihrem tragischen Tod Maybritt, die darin voll und ganz aufging. Neben der eigenen Tanzschule selbstverständlich, die sie kurz nach meiner Geburt gegründet hat.

Ich bin ungerecht. Ich weiß. Ich habe schließlich keinen blassen Schimmer, was es heißt, Mutter zu sein! Aber auch wenn ich das Proseminar zum Verhältnis von Mutter und Tochter in der postpatriarchalischen Kleinfamilie nicht besucht habe, ist mir bewusst, dass Töchter ihre Mütter im Rückblick häufig unfair beurteilen. Auch Maybritt liebt ihre Kinder. Auf ihre Weise. Das stellt sicher selbst Clara nicht in Abrede.

Motorgeräusche in meinem Rücken unterbrechen meine Gedanken. Keine 20 Meter von mir entfernt hält auf der gegenüberliegenden Fahrbahnseite ein protziger SUV mit abgedunkelten Scheiben. Was immer Tom in seinem Laden verkauft, es scheint gut zu laufen. Bloß worauf wartet er? Dass ich sein Statussymbol bewundere?

Das Fernlicht geht an. Geblendet stehe ich im Fokus der Scheinwerfer.

„Tom! Was soll das?!“ Ich halte die Hände vor die Augen.

Der Motor heult auf. Die Reifen drehen durch. Der SUV beschleunigt und steuert auf mich zu. Wie ein Rehkitz erstarre im Lichtkegel.

7

In sprichwörtlich letzter Sekunde, bevor ich von der Stoßstange erfasst werde, springe ich zur Seite. Zum Glück zur richtigen, denn auch der Fahrer reißt das Steuer herum und schnellt an mir vorbei. Die Bremsen quietschen. Das Heck schlingert. Der Wagen dreht sich einmal um die eigene Achse.

Entsetzt blicke ich auf die dunkle Frontscheibe, die nicht einmal die Silhouette des Fahrers preisgibt. Er drückt das Gaspedal erneut durch, doch der Motor säuft ab.

Ich renne los. Am Seitenstreifen entlang. Dem Fahrer ist es gelungen, den Motor wieder zu starten. Höchste Zeit, über die Leitplanke zu springen, wo allerdings ein Abhang auf mich wartet. Ich knicke um und stürze ihn hinab. Der Geländewagen hält mit laufendem Motor oberhalb der Böschung.

Mein Knöchel schmerzt etwas, aber ich bin wohlauf, suche Schutz hinter einem dornigen Busch und höre, dass eine Tür geöffnet wird und der Fahrer den Wagen verlässt. Schritte auf der Fahrbahn. Steine knirschen unter Schuhabsätzen. Mir ist so, als überquerte ER die Leitplanke. Ich wage kaum zu atmen und traue mich nicht, den Kopf zu heben. Ich mache mich klein, rolle mich wie ein Embryo zusammen, schlage die Hände vors Gesicht und schließe die Augen. Regression. Wen ich nicht sehen kann, der kann auch mich nicht sehen. Mein Herz schlägt so laut, dass ich nichts anderes mehr höre. Ich warte und warte. Nichts geschieht.

Renn um dein Leben, sagt die Stimme meiner Vernunft. Ich rege mich nicht, ich blinzle nicht einmal. Ich meine, SEINEN Atem bereits in meinem Nacken zu spüren, ich wähne IHN direkt über mir. Wenn du erst tot bist, ist es zu spät, um zu flüchten! Meine Vernunft ist oft zynisch, aber meist überzeugend.Ich will ihren Rat beherzigen und darauf vertrauen, dass ich schneller bin als ER. Mein Heil in der Flucht suche ich dennoch nicht. Stattdessen greife ich mir einen Stein, der so perfekt in meine Hand passt, als wäre er nur für mich angefertigt worden. Ich gehe auf meine Kniee und hebe vorsichtig den Kopf. ER hat mich noch nicht entdeckt. Wenn es mir gelingt, IHN zu überraschen, mich IHM von hinten zu nähern, sollte ich alle Vorteile auf meiner Seite haben!

Wieso um alles in der Welt tue ich nie das, was ich beabsichtigt habe zu tun? Ich wollte meinen Vater anrufen und landete bei Tom. Ich habe mich entschieden zu flüchten und sehe mich plötzlich kampfbereit auf Leben und Tod. Auf die Theorie, dass der Wille des Menschen nicht frei sei, habe ich nie was gegeben. Für mich hat jeder Mensch zu jeder Zeit eine Wahl, die er bewusst trifft. Jetzt, da ich durchs Dickicht pirsche, um meinen Angreifer zu erledigen, bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Ich habe IHN im Visier. ER steht mit dem Rücken zu mir am Straßenrand und raucht in aller Seelenruhe eine Zigarette. Ich höre in mich und stelle fest, dass ich bereit bin, ihm mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft den Stein über den Schädel zu ziehen.

Bis auf wenige Meter habe ich mich IHM genähert. Noch vier Schritte. Noch drei. Das Knirschen von Steinchen unter meinen Schuhsohlen verrät mich. Ich erstarre.

ER dreht sich um. ER schaut mich an. ER ist Tom. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Nicht Tom. Bitte nicht Tom. Da bemerke ich, dass der Geländewagen weg ist und an seiner statt Toms Pickup parkt.

„Wo hast du gesteckt? Was ist eigentlich los mit dir?“, fragt er mich, mehr verwirrt als verärgert.

Der Stein gleitet mir aus der Hand. Ich beginne, wie ein kleines Kind zu weinen.

Tom nimmt mich in den Arm. Er sagt kein Wort. Er hält mich nur fest. Ich bette meinen Kopf an seine Brust und schluchze weiter. Es ist mir plötzlich völlig egal, was er von mir denken mag. In seinen Armen fühle ich mich geborgen. Seine Wärme, sein Geruch beruhigen mich. Ich habe völlig vergessen, wie gut er riecht.

Tom drängt mich nicht, mich zu erklären. Er streicht mir unbeholfen über den Kopf. Er will mich trösten, aber weiß nicht, wie. Er kramt in seiner Jackentasche nach einem Taschentuch. Ich löse mich aus seiner Umarmung, ergreife das Taschentuch, aber ziehe den Rotz die Nase hoch und sehe ihm dabei erstmals in die Augen. Tom ist schön. Noch schöner, als ich ihn in Erinnerung habe. Er ist definitiv kein Junge mehr. Er trägt sein schwarzes Haar kurz, es lichtete sich etwas. Vorn an der Stirn.

„Ein bisschen anders hab ich mir unser Wiedersehen schon vorgestellt“, sagt er und lächelt wie früher. Schüchtern, suchend, ganz und gar nicht aufdringlich. Nach seinem Lächeln zu urteilen, ist er noch immer der Junge, den ich in meiner Kindheit vergöttert habe.

„Wo warst du nur so lange?“, frage ich ihn.

„Hey! Du bist nach Berlin gegangen. Nicht ich. Ich bin mein ganzes Leben lang in Hellberg gewesen!“, scherzt Tom, der natürlich begriffen hat, dass meine Frage nicht auf seinen Lebensmittelpunkt abzielt. Er will mich aufheitern, so wie er es in unserer Kindheit immer getan hat. Ich gönne ihm den kleinen Erfolg und lächele.

„Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“ Tom nimmt mich bei der Hand und führt mich zu seinem mittlerweile uralten Pickup. „Mein Burger-Laden. Jemand hat eine Scheibe eingeworfen. Ich musste das Fenster irgendwie geschlossen kriegen.“

„Du hast einen Burger-Laden?“, höre ich mich fragen, als wäre das die News des Tages.

„Direkt an der Hauptstraße. Beste Lage. Hat Clara dir nichts erzählt?“

Nicht ein Wort hat Clara über Tom verloren.

„Deine Schwester war in letzter Zeit oft da. Sicher nicht nur weil meine Burger so gut sind. Bei mir darf sie anschreiben, wenn sie ihr Taschengeld mal wieder für einen Haufen Mist aus dem Fenster geworfen hat.“

„Clara schuldet dir Geld?“

„Ich hab die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sie ihren Deckel irgendwann bezahlt.“

Tom grinst vielsagend und hält mir die Beifahrertür auf, deren Quietschen verrät, dass der Wagen seine beste Zeit lange hinter sich hat.

„Ein echter Oldtimer!“

„Ich bin eben eine treue Seele. Aber … du hast mich angerufen, Hannah. Das ist ein … Anfang.“

Unter anderen Umständen hätte ich sicher versucht, mich dafür zu entschuldigen, dass ich ihn aus meinem Leben verbannt habe, auch wenn keine Erklärung mich in einem guten Licht dastehen ließe. Was Tom betrifft, bin ich eine treulose Seele.

Nachdem er hinter dem Steuer Platz genommen hat, greift er auf den Rücksitz, wo einige Paletten mit Limo-Dosen liegen, und reicht mir eine davon. Ich bedanke mich mit einem Nicken und schütte die klebrige Flüssigkeit gierig in mich hinein. Er öffnet eine weitere Dose. Auch diese leere ich in einem Zug.

„Hab ganz vergessen, dass ich am Verdursten bin.“

„Es ist genug da, wie du siehst.“

Tom ist nicht nachtragend. Gut möglich, dass er anders reagiert hätte, wenn ich ihm unter weniger dramatischen Umständen wieder begegnet wäre. So aber stehe ich wohl unter dem Schutz meiner Verzweiflung.

„Willst du mir nicht sagen, was passiert ist?“

Ich weiß, dass ich um die Beantwortung dieser Frage nicht herumkommen werde. Doch wo soll ich anfangen zu berichten? Was ist wichtig? Was aus der Kette der verstörenden Ereignisse hat mit Clara zu tun? Was ist einfach so passiert und erscheint nur im Nachhinein wie das bösartige Omen einer unheilvollen Geschichte, die auch ganz ohne mein Zutun passiert wäre?

8

Was wäre geschehen, wenn der Selbstmörder einen anderen Zug ausgewählt hätte? Oder ein glücklicher Mensch gewesen wäre, der das Leben mit seinen Liebsten genossen hätte? Ich wäre pünktlich um halb acht in Hellberg angekommen. Clara hätte bei Tageslicht am Bahnhof gewartet und wäre von Berufspendlern umringt gewesen. Vielleicht wäre ihr ein Mann aufgefallen, der sie gierig anstarrte. Vielleicht hätte sie ihn sogar heiß gemacht, die Knöpfe ihrer Sommerbluse geöffnet, ihm einen Blick auf ihre Brüste gestattet, ehe sie ihm den Mittelfinger gezeigt und ihm zu verstehen gegeben hätte, dass sie es zum Kotzen findet, von ihm angegafft zu werden. Vielleicht hätte er sich vor den Umstehenden bloßgestellt gefühlt, eingeschüchtert von Claras Selbstbewusstsein, hätte er vielleicht von seinem kranken Vorhaben Abstand genommen und zukünftig einen weiten Bogen um sie gemacht. Es kam anders. Clara war allein am Bahnhof. Allein mit IHM?

„Das ist nur eine Vermutung! Nichts weiter!“, hakt Tom ein, nachdem er mir lange und aufmerksam zugehört hat. Selbstverständlich habe ich ihm nur die notwendigen Fakten geschildert und alles ausgespart, was mich, meinen Mitbewohner und mein erbärmliches Scheitern in Berlin betrifft.

„Das hab ich mir auch einzureden versucht, bis mich ein Kerl mit seinem Geländewagen überfahren wollte.“

„Deswegen hast du dich versteckt?“

Ich nicke und blicke ins Leere.

„Vielleicht hat er dich nur übersehen. Die Straße ist unbeleuchtet. Und ich bin bestimmt nicht der Letzte gewesen, der hier mal besoffen langgefahren ist.“

„Nein, Tom. Es war kein Versehen. Wahrscheinlich hat er mich kurz vorher sogar auf Claras Handy angerufen. Er muss mich gesucht haben.“

„Hast du das Kennzeichen gesehen? Konntest du ihn erkennen?“ Tom schaut mir nachdenklich in die Augen.

„Nein. Es ging alles verdammt schnell. Die Scheiben waren getönt. Und ich dachte ja auch, dass du es bist.“

„Ein SUV mit getönten Scheiben? Du kennst mich so schlecht?“

„Jeder kann sich ändern“, sage ich.

„Niemand ändert sich“, kontert Tom.

Es ist wie früher. Wir waren selten einer Meinung, aber das kategorisch.

„Pass auf. Wer immer dir auf der Straße Angst machen wollte, er muss nichts mit Claras Verschwinden zu tun haben“, nimmt Tom den Gesprächsfaden wieder auf.

„Er wollte mir keine Angst machen, er wollte mich überfahren.“

„Du kennst Clara besser als ich“, ignoriert Tom meinen Einwand. „Du weißt besser als ich, dass sie manchmal völlig bescheuerte Dinge tut.“

Eine rhetorische Frage. Ich schweige. Aber worauf will Tom hinaus?

„Ich erzähle dir doch kein Geheimnis, dass Clara gerne jedem … Impuls nachgibt, der ein bisschen Spaß verspricht.“

„Ja. Schon.“

„Wo könnte Clara stecken? Wer könnte sie davon abgebracht haben, ihre große Schwester am Bahnhof abzuholen?“

„Na ja“, druckse ich herum. „Wilfried wäre ne Möglichkeit. Er wird heute 22.“

„Das Arschloch hat Geburtstag?“

„Willi ist im Prinzip ganz okay“, nehme ich meinen alten Klassenkameraden aus alter Gewohnheit in Schutz.

„Von mir aus. Aber Hannah! Hallo!? Hast du ihn angerufen? Hast du gefragt, ob Clara bei ihm ist?“

„Ja … Nein … Ich hab … seine Nummer nicht.“ Mein Blick fällt auf Claras Handy. „Ich hatte sie nicht.“

Bin ich rot geworden? Wahrscheinlich. Ziemlich sicher sogar. Allein schon um Tom keine Gelegenheit zu geben, auf seinen vorwurfsvollen Blick ebensolche Worte folgen zu lassen, hole ich den Anruf augenblicklich nach. Ohne Erfolg. Wer hört schon im Trubel einer Party sein Mobiltelefon klingeln.

Tom macht kein großes Aufheben davon, dass ich das Naheliegende nicht in Betracht gezogen habe. Er will den Pickup wenden, um mich zu Wilfried zu fahren, als ihm auffällt, dass ich kein Gepäck dabeihabe.

„Hast du nicht zugehört? Ich bin geflüchtet. Da schien mir eine Tasche eher hinderlich zu sein“, gebe ich mich selbstironisch.

Die Kette an Fehlleistungen, die ich in seiner Gegenwart produziert habe, treibt meine Körpertemperatur in die Höhe. Ich kurbele die Scheibe herunter. Der kühle Fahrtwind tut mir gut. Ich lege den Arm auf den Türrahmen. Meine Haut klebt fest.Bin ich dermaßen verschwitzt? Ich bin versucht, verschämt unter meiner Achsel zu riechen, als ich eine dunkle Flüssigkeit registriere, die als schmales Rinnsal an der Autotür klebt. Ich muss nicht davon kosten, um zu wissen, dass es Blut ist.

9

Claras Worte schießen mir durch den Kopf. Dein Mitbewohner ist nicht das einzige verlogene Arschloch. Hatte sich das auf Tom bezogen? Ich sträube mich gegen den Gedanken und suche dennoch den Wagen mit meinen Augen nach einem Gegenstand ab, den ich als Waffe nutzen kann. Zugleich rufe ich mir ins Gedächtnis, neben wem ich sitze. Meinem Sandkastenfreund. Wenn ich als kleines Mädchen Alpträume hatte, bin ich zu ihm ins Bett geschlüpft und habe mich in seine Arme gekuschelt. Er kann das Blut sicher gut erklären.

Hat er sich in seinem Burger-Laden verletzt, als er das Fenster verbarrikadierte? Ich mustere seine Arme, kann aber keine Schnittverletzung erkennen. Vielleicht transportierte er auch kurz zuvor jemanden, der einen Unfall hatte? Das Blut muss nichts mit Clara zu tun haben. Es muss nicht ihr Blut sein. Und eines steht fest: Tom hat definitiv nicht in dem SUV gesessen! Es gibt keinen Hinweis, der nahelegt, dass er für Claras Verschwinden verantwortlich ist!

„Ist dir eigentlich an meiner Schwester irgendwas aufgefallen?“, breche ich das Schweigen und die Suche nach einer Waffe ab.

„Was sollte mir aufgefallen sein?“

„Dass sie Probleme hat. In Schwierigkeiten steckt. Was in der Art.“

Tom denkt nach. „Eigentlich nicht. Aber ich hab auch nicht so viel mit ihr zu tun gehabt. Vielleicht weiß Lena mehr. Ich hab sie ein paarmal mit Clara zusammen gesehen.“

„Deine Schwester ist wieder in Hellberg?“

„Eigentlich lebt sie in Mannheim. Aber zwei, drei Tage die Woche ist sie hier. Sie hat ein paar Kurse in der Tanzschule deiner Mutter übernommen.“

Maybritt hatte mir tatsächlich vor geraumer Zeit am Telefon berichtet, dass der „Trampel“ sich ganz gut gemacht habe. Ich habe nur mit einem halben Ohr zugehört. Ich konnte nie viel mit Lena anfangen, obwohl sie keine fünf Monate jünger ist. Lena hat sich mir und Tom bei unseren Streifzügen durch die Stadt zu oft aufgedrängt. So ist es mir damals jedenfalls vorgekommen. Damals wollte ich Tom mit niemandem teilen, auch nicht mit seiner pummeligen Schwester. Da Lena nicht aufs Gymnasium wechselte, habe ich sie als Teenager aus den Augen verloren. Ich könnte nicht sagen, wann ich das letzte Mal mit ihr sprach.

Wir erreichen die Ampel am Abzweig zum Bahnhofszubringer. Tom drosselt das Tempo, setzt vorbildlich den Blinker, als wolle er seiner Beifahrerin beweisen, dass seine Irrfahrt in den Spargelacker ein einmaliger Ausrutscher war.

In meinem Kopf tobt ein vielstimmiges Chaos. Claras mahnende Worte, dass niemand der wäre, der er vorgebe zu sein, haben sich ein festes Plätzchen in meinem Hirn gesichert. Andererseits will auch das Gefühl der Vertrautheit mit Tom nicht verschwinden. Darauf baue ich. Jetzt, da wir den menschenleeren Bahnhofsvorplatz erreicht haben, ist es ohnehin zu spät, um zu türmen.

„Hannah! Hey?! Wo hast du es abgestellt?“

Ich verstehe die Frage nicht.

„Dein Gepäck!“

Ich kriege kein Wort heraus und deute bloß auf die Stelle, wo ich meine Reisetasche zurückgelassen habe. Tom zögert auszusteigen. Ist nun der Moment gekommen, an dem er mir an die Gurgel geht?

„Ich pass auf dich auf.“ Tom legt seine Hand auf meinen Arm. Eine Geste, die mich beruhigen soll.

Ich zucke zusammen, als habe er mir einen Stromschlag verpasst.

„Du hast Angst … vor mir!?“ Tom sieht mich konsterniert an.

Ich schaffe es weder zu widersprechen noch den Pick-up fluchtartig zu verlassen. Ich schaue nur auf die blutbefleckte Beifahrertür.

„Mein Gott! Wie kannst du nur glauben … Das ist Schweineblut. Hörst du?“

„Schweineblut?“ Mir wird schummrig vor Augen.

„Ja. Ich habe geschlachtet. Heute früh.“

„Du machst Schweine-Burger?“, höre ich mich fragen.

„Natürlich nicht. Aber … das Geschäft mit den Burgern läuft noch nicht besonders. Ich verkaufe deswegen auch Hausmacherwurst. Hundert Pro Bio. Frag deine Mutter. Sie ist Stammkundin!“

Tom schüttelt den Kopf, schnappt sich eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach, steigt aus dem Wagen und sucht den Parkplatz nach meinem Gepäck ab. Es steht noch dort, wo ich es abgestellt habe.