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Hanna verlor ihren Ehemann bei einem dubiosen Autounfall. Wochen danach stand sie an seinem Grab und hörte plötzlich seine Stimme klar und deutlich. Auf der Suche nach der Wahrheit begegnete sie dem Psychologen Felix, dem wiener Unterweltboss Dimitri und dem genialen Hacker und Computernerd Elias. Das Vierergespann suchte unermüdlich nach Antworten. Dabei entdeckten sie ein beunruhigendes Netzwerk aus Macht- und Geldgier, Manipulation und kriminellen Machenschaften.
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Seitenzahl: 375
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Kira Medami ist 1975 in Niederösterreich
geboren. In ihrer Teenagerzeit entdeckte sie
ihre Liebe zum Schreiben. Sie besuchte die
Handelsschule in Retz, arbeitete später in der
Krankenpflege und machte nebenbei die
Ausbildung zur Fachfrau für Medientechnik.
Krankheit und einige Schicksalschläge ließen
sie ihren Lebensstil überdenken. Heute
verbringt sie, so oft es ihr möglich, Zeit mit
ihrem Lebenspartner, 5 Hunden, 4 Katzen und
3 Ziegen in einem kleinen Dorf am Land.
»Ich bin nicht perfekt, aber darin bin ich konsequent!«
Kapitel: Tage wie dieser
Kapitel: Graue Eichhörnchen
Kapitel: Butterblumen
Kapitel: Die Voodoo Priesterin
Kapitel: Freund oder Feind?
Kapitel: Das trügerische Herz
Kapitel: Die Wiedergutmachung
Kapitel: Marie Luise
Kapitel: Die Rückholaktion
Kapitel: Ferdinands Erbe!
Kapitel: Der Plan!
Kapitel: Der Sturm vor dem Hurrikan!
Kapitel: Kriminelle Energien
Kapitel: «Action und los!«
Kapitel: »Sympathiesanten«
Kapitel: In der Höhle des Löwen!
Kapitel: Das Feuerwerk!
›So ein Mist, die ist hinüber, wieder eine Pflanze von ihrem Elend erlöst!‹, dachte Hanna und stellte die Reste ihres Ficus samt Übertopf auf die Kommode im Vorraum. ›Jetzt waren es nur noch vier, vielleicht kann ja Eveline sie noch retten, ich bringe sie ihr einfach mal vorbei, wenn sie von ihrer Raucherentwöhnung zurück ist.‹
Hanna hatte ein gutes Händchen für Tiere und auch mit Menschen konnte sie gut umgehen, wenn sie dazu Lust hatte, aber Pflanzen waren ihr immer schon suspekt. Sie roch gerne an ihnen, bewunderte auch ihre Schönheit, doch hatte sie keinen grünen Daumen.
Pflanzen schrieen einfach nicht, wenn sie mehr Wasser oder Sonnenlicht brauchten, in der Natur suchten sie sich aus, wo sie leben wollten. Das war auch der Grund, warum Hanna Pflanzen lieber in deren natürlicher Umgebung bestaunte, als zu Hause am Fensterbrett, in meist viel zu kleinen Töpfen und überdüngt mit chemischen Düngemitteln, um überhaupt eine Überlebenschance zu haben. Und da waren noch die allseits beliebten Schnittblumen. Hanna hat es nie verstanden, wie jemand Freude daran haben konnte, eine Woche lang zuzusehen, wie ein wunderschönes, duftendes Gewächs langsam verwelkte und zu miefen begann.
Juri sah das ein bisschen anders. Er kümmerte sich meist, um die Zimmerpflanzen, er war fest der Überzeugung, dass Pflanzen das Raumklima verbessern würden und ein angenehmes Raumklima höbe die allgemeine Stimmung. Er kaufte die Pflanzen strikt nach seinen vorgegebenen Kriterien: - einfach zu pflegen, - hübsch anzusehen und - groß mussten sie sein. Die Pflege selbst verlief dann eher minimalistisch, überlebten sie, war es gut und wenn nicht wurden sie ausgetauscht. Er war eher der pragmatische Typ, der sich nie lange Gedanken über Dinge machte, die er nicht verstand oder nicht ändern konnte. Eigentlich waren Hanna und Juri vom Wesen, wie Feuer und Wasser, doch irgendwie ergänzten sie sich perfekt.
Während Juri sich auf die wesentlichen Dinge des Lebens konzentrierte, immer sehr beherrscht, korrekt und lösungsorientiert wirkte, war Hanna damit beschäftigt alles zu hinterfragen, oft mit einer gehörigen Portion Zynismus, aber immer voller Emotion. Sie selbst war ihre schärfste Kritikerin.
Hätte sich Hanna selbst beschreiben müssen, hätte sie gesagt: »Ich bin nicht perfekt, aber darin bin ich konsequent.«
Konsequenz war wohl ihre hervorstechendste Eigenschaft. Immer versuchte sie alles und jeden zu verstehen, immer versuchte sie Menschen und Situationen etwas Gutes abzugewinnen und wenn ihr das nicht gelang suchte sie den Grund dafür, denn ein Arsch war niemals nur ein Arsch, er wurde zumindest nicht als solcher geboren, es musste einen Grund geben, warum er sich wie einer verhielt oder zu einem wurde. Juri hätte Hanna beschrieben, als eine kopfgesteuerte, emotionale, dezent aufbrausende Träumerin mit einem riesigen Herz. Einmal verglich er sie im Scherz mit Cäsar und meinte:
»Cäsar kam, sah und siegte - Hanna kommt, analysiert und liebt!«
Was die Beiden am meisten verband, war ihre Liebe zur Sprache, nicht zu einer bestimmten, sondern es war einfach nur die Genialität und die Auswirkung von aneinandergereihten Worten, die sie faszinierten.
Stundenlange Gespräche mit einer schier unendlichen Themenvielfalt waren ihr liebstes Hobby. Obwohl oder vielleicht gerade weil, Juri Russe war und deutsch nicht seine Muttersprache, beherrschte er die deutsche Sprache grammatikalisch perfekt und sein dezenter, russischer Akzent belebte seine Reden, und Juri hörte sich wirklich extrem gerne reden. Obwohl Hanna und Juri unterschiedlicher kaum sein konnten, war da ein Gleichklang, unglaublicher Respekt und innige Liebe zwischen ihnen, was sich auf ihr ganzes, gemeinsames Leben auswirkte.
Eveline war Hannas beste Freundin seit frühester Jugend an. Das Besondere an dieser Freundschaft war: Eveline und Juri konnten sich nicht ausstehen. Alle anderen Freunde von Hanna, waren auch Juris Freunde, doch Eveline hatte Hanna ganz für sich allein. ›Ich denke schon, dass Eveline dem Ficus wieder Leben einflößen wird, die hat eindeutig den besseren Draht zu Blumen, als ich‹, dachte Hanna, als sie zurück ins Schlafzimmer ging, um ihr Armband aus der Nachttischlade zu nehmen und es sich um ihr Handgelenk zu legen. Hanna liebte dieses Armband und auch, wenn sie manchmal vergaß die Blumen zu gießen oder ihre Tabletten zu nehmen, das Armband legte sie nur zum Schlafen ab und am Morgen wieder um ihren Arm. Es war ein Sammelarmband mit inzwischen 18 unterschiedlichen Anhängern darauf. Jedes Stück erhielt sie zu einem besonderen Anlass und jedes Teil war ein Geschenk von Juri. Den letzten Anhäger brachte ihr ein Polizist, drei Wochen nach Juris tödlichen Unfall, vorbei. Verpackt in einem hübschen purpurroten Kästchen mit einer Schleife daran, so fanden sie es in Juris Autowrack. Obwohl sie sich versprachen sich nichts zum Valentinstag zu schenken, war es wohl als Geschenk an sie gedacht. Es war ein relativ großes, batteriebetriebenes Herz, welches rot leuchtete, wenn Hanna auf den kleinen Knopf auf der Rückseite drückte. Eigentlich war es ziemlich kitschig und so gar nicht nach Hannas Geschmack, aber es war von Juri und das alleine zählte. Wenn sie traurig oder nervös war, spielte sie immer an ihrem Kettchen herum und irgendwie beruhigte sie das.
Hanna ging ins Bad, um sich für ihren Termin bei Mag. Rossmann fertig zu machen, alle ein bis zwei Wochen ging sie zum Psychotherapeuten, um Juris Tod besser verarbeiten zu können. An diesem Tag stand ihre fünfte Sitzung an, sie hatte jedoch das Gefühl, dass er ihr nicht wirklich helfen konnte. Doch die Tabletten waren Klasse, seit sie die nahm konnte sie sich wieder besser konzentrieren, sie fühlte sich entspannter und trotzdem wacher.
Vor dem Spiegel stehend, kämmte sie ihr dunkelbraunes, langes Haar nach hinten, band es zu einem Zopf und begann sich zu schminken. Dunkle, dicke Augenringe zierten nicht unbedingt ihre sonst so klaren grün-braunen Augen und auch ihre blassen Lippen und ihre eingefallenen Wangen, schrieen förmlich: »Helft mir, ich bin ja so arm!«
Hanna hasste es Mitleid zu erregen und auch, wenn es ihr wirklich beschissen ging, musste das doch nicht gleich jeder sehen, nicht einmal ihr Therapeut.
12 Kilo hatte Hanna seit Juris Tod abgenommen, natürlich nicht an den Stellen, wo sie es ihrer Meinung nach nötig gehabt hätte. Im Gesicht merkte man es sofort, und sie selbst speziell an ihrer Körbchengröße und der überflüssigen Haut an ihren Oberarmen.
Noch ordentlich Wimperntusche und einen dicken Lidstrich, um ihre müden, traurigen Augen, durch die dunkle Umrandung ein wenig zum Strahlen zu bringen, dann war die Maske fertig. Sie öffnete den Zopf wieder, frisierte gründlich ihr Haar durch, zupfte sich ein paar Haarsträhnen in die Stirn, um die Beule an ihrem Haaransatz zu verdecken, einwenig Haarspray und fertig war sie.
Apropos Beule, die war wirklich nicht schön anzusehen. Drei Tage nach Juris Tod stürzte Hanna auf einer Rolltreppe, als sie zur U-Bahn ging, sie war sogar bewusstlos und wurde mit der Rettung ins Krankenhaus gebracht. Eine Gehirnerschütterung und eine klaffende Platzwunde, waren das Ergebnis ihres angeblich spektakulären Stunts, an den sie sich so überhaupt nicht erinnern konnte. Die riesige Beule stand in keinem Verhältnis zu der winzigen Naht von vier Nadelstichen, doch das Seltsamste an dieser Beule war, sie ging nicht zurück. Hanna war seit dem Sturz schon zwei Mal bei der Kontrolle, doch ihr Arzt Dr. Beck, Psychiater und Neurochirurg meinte, das sei völlig normal und so ließ sie sich Stirnfransen schneiden, um die Beule zu kaschieren.
Das war die einzige Veränderung seit Juris Tod, sie brachte es nicht übers Herz an ihr oder der Wohnung irgendetwas zu verändern, auch wenn sie fast jeder Gegenstand und sogar ihr eigenes Gesicht ständig an Juri erinnerten. Es gab zu allem eine Geschichte und eine Erinnerung, die ganz eng mit Juri verbunden war, genauso wie sie selbst.
Sieben Wochen war es her, doch Hanna konnte es immer noch nicht realisieren, dass Juri nicht mehr da war. Fast jede Nacht träumte sie von ihm, und immer öfter hörte sie sogar seine Stimme. Andere Menschen wären wahrscheinlich verunsichert gewesen, doch Hanna dachte das sei normal.
Es gab in ihrem Leben nie einen Trauerfall in der Familie, ihre Großeltern väterlicherseits starben lange vor ihrer Geburt und zu den Eltern ihrer Mutter hatte sie niemals Kontakt, ihre eigenen Eltern lebten noch und Geschwister hatte sie keine.
Unwillig zog Hanna wieder die dunklen Klamotten über, ungern hielt sie sich an gesellschaftliche Regeln und Vorgaben, aber um sich nicht unnötigen Diskusionen stellen zu müssen, ordnete sie sich unter, denn als junge Witwe hatte sie nun mal Trauer zu tragen, mindestens drei Monate lang.Hanna hatte die Klinke der Wohnungstür schon in der Hand, als sie wieder Juris Stimme ganz leise flüstern hörte: »Hanna, es
regnet, vergiss den Schirm nicht!« Schnell griff sie nach dem Regenschirm, der an der Garderobe hing, schloss die Tür von außen und ging gemächlich die Stiegen hinunter.
Sie war wie immer ein wenig spät dran, als sie an Mag. Rossmanns Praxistür klingelte. Die Sprechstundenhilfe der Gemeinschaftspraxis schickte Hanna gleich in den Praxisraum des Magisters.
Mag. Rossmann war ein schon in die Jahre gekommener grauhaariger Mann, der wie er immer wieder erwähnte, viel Erfahrung mit ähnlichen Fällen, wie Hanna einer war, hatte.
Er saß in seinem ledernen Armsessel, die Beine übereinander geschlagen, die Brille vorgerutscht auf seine Nasenspitze und in der Hand hielt er Hannas Akte, die im Laufe der letzten Sitzungen erstaunlich umfangreich wurde.
»Grüße Sie Frau Worobjowa!« begrüßte er Hanna, während er ihr seine Hand entgegenstreckte, aber es nicht für notwendig erachtete für die Begrüßung aufzustehen oder sie wenigstens anzuschauen. Hanna erwiderte die Begrüßung und schüttelte seine Hand.
Er kramte in Hannas Akte herum, als ob er etwas Bestimmtes suchen würde, dabei murmelte er vor sich hin: »Aha, aha hier ist es nicht, aha na gut dann anders!«
»Frau Worobjowa, wie geht es Ihnen, wie fühlen Sie sich!«
Hanna erschrak, als er sie ansprach, war er doch sicher fünf Minuten mit seiner Suche beschäftigt.
»Bitte? Ach ja, eh, danke den Umständen entsprechend!«
»Nehmen sie, die Tabletten, die ihnen Dr. Beck gegeben hat?«
»Ja, doch, meistens schon!«
»Wie oft?« bohrte Rossmann nach.
»Täglich zwei eine am Morgen und eine am Abend«, entgegnete Hanna verwundert.
»Wie lange nehmen Sie sie schon?« fragte er interessiert weiter.
»Seit er sie mir gegeben hat, ich denke seit sieben Wochen.«
»Und?« wollte er wissen.
»Was und?« verstand Hanna die Frage nicht.
»Und wieviele haben Sie noch?«
Hanna fühlte sich wie bei einem Verhör, versuchte aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ehrlich zu antworten: »In der Dose waren 120 Stück und ich habe etwa noch 20. Am Anfang habe ich sie nicht regelmäßig genommen, aber seit fünf Wochen nehme ich zwei am Tag.«
»Gut so, wie geht es Ihnen damit?« fragte er weiter, während er seine Brille abnahm.
»Womit?«
»Mit dem Medikament, fühlen Sie sich wohl, oder haben Sie irgendwelche Nebenwirkungen entdeckt?«
drängte Rossmann auf mehr Informationen.
Hanna war verwirrt: »Nein?! Haben die Tabletten denn Nebenwirkungen, ich dachte die wären rein homöopathisch, auf rein pflanzlicher Basis angereichert mit Vitaminen.«
»Auch wenn sie homöopathisch sind, schließt diese Tatsache Nebenwirkungen nicht aus, also ist irgendetwas anders als sonst?«
Hanna wurde etwas ungehalten und verstand die Art der Befragung so überhaupt nicht: »Herr Mag. Rossmann, natürlich mein Mann ist gestorben, natürlich ist ALLES anders, als sonst!«
Hanna atmete tief durch und sprach dann etwas ruhiger weiter: »...Aber nein, ich habe weder einen Ausschlag, noch Übelkeit oder etwaige andere Nebenerscheinungen.«
Daraufhin murmelte Mag. Rossmann leise: »...Hm Halluzinationen?«
»Wie bitte? Halluzinationen? Warum das denn?«
Hanna sah ihren Therapeuten entsetzt an.
»Es können auch psychische Nebenwirkungen auftreten, auch bei der Einnahme von homöopathischen Mitteln, wie zum Beispiel: Gemütsschwankungen, Konzentrationsschwierigkeiten und so weiter.«
»Nein, habe ich nicht«, antwortete Hanna schnell, sie wollte Mag. Rossmann nichts von ihren Träumen und Juris Stimme, die sie ab und an hörte, erzählen, außerdem war er an diesem Tag sehr eigenartig.
»Also, Sie sind nicht mehr traurig und fühlen sich gut?« ging seine Befragung weiter.
»Ja, es geht mir gut«, log sie ihn an.
»Frau Worobjowa, durch meine langjährige Erfahrung mit Fällen, wie Ihrem, muss ich Ihnen raten, verdrängen Sie nicht Ihre Gefühle, lassen Sie den Schmerz zu, lassen Sie die Trauer zu, Sie dürfen traurig sein, denken Sie an ihren Mann, denken Sie daran was Sie verloren haben. Ich habe Ihnen doch von den vier Phasen der Trauerbewältigung erzählt, gehen sie diese Phasen Schritt für Schritt durch, ganz bewusst und ohne Scharm.«
Hanna sah Rossmann verwundert an und dachte bei sich: ›Nimmt der Mann eigentlich heimlich Drogen, was will er von mir? Ich versuche seit sieben Wochen mit allem fertig zu werden, ohne den ganzen Tag über heulen zu müssen und er erzählt mir so einen Bockmist!‹
»Frau Worobjowa, schauen Sie mich nicht so entsetzt an, Sie sind doch eine gebildete Frau, als Sprachwissenschaftlerin - «, dann schloss er Hannas Akt und setzte seine Brille wieder auf, um zu lesen, was auf dem Deckblatt stand und meinte: »Warum steht eigentlich Ihr akademischer Grad nicht auf Ihrem Akt, ich muss, glaube ich dann ein Wörtchen mit Waltraud sprechen.«
Waltraud war die Sprechstundenhilfe.
»Bitte nicht Herr Magister Rossmann, ich lege keinen Wert auf irgendwelche Titel, ich habe einen ganz normalen Job als Englischdolmetscherin, also nichts besonderes.«
»Genau und Ihr Ehemann war Dolmetscher für russisch und hebräisch...«, meinte der Therapeut, als Hanna ihn unterbrach: »Woher wissen Sie das?«
»Das haben Sie mir gleich bei der ersten Sitzung erzählt.«
»Nein, das habe ich nicht!« Hanna hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis.
»Doch doch, aber es ist normal, dass Sie so nebensächliche Dinge, in Anbetracht Ihres traumatischen Erlebnisses, vergessen haben«, versuchte Rossmann sie zu beruhigen.
»Aber ich bin mir sicher, dass wir weder über meinen, noch über Juris Job gesprochen haben.«
»Liebe Frau Magistra Worobjowa, Sie haben doch auch sämtliche Erinnerungen an den Sturz auf der Rolltreppe vergessen«, dabei schaute er Hanna ganz mitleidig an.
Verunsichert antwortete sie: »Vielleicht haben Sie ja recht.«
»Wollen Sie darüber sprechen?«
»Eigentlich nicht«, war ihre kurze Antwort.
»Wenn Sie Ihr Erinnerungsdefizit belastet, würde ich Ihnen empfehlen die Dosierung von Kraviplex zu erhöhen, machen Sie doch einen Termin bei Dr. Beck aus und sprechen Sie mit ihm darüber«, riet der Therapeut.
»Ja, vielleicht«, Hanna fühlte sich so gar nicht wohl bei diesem Gespräch.
»Ich möchte ja keinen zu hohen Druck auf Sie ausüben, doch wenn Sie wollen, dass es Ihnen bald besser geht, müssen Sie daran arbeiten! Ich sage es noch einmal, setzen Sie sich ganz intensiv und bewusst mit Ihrem Problem auseinander. Ich gebe Ihnen nun eine Hausaufgabe bis zu unserem nächsten Treffen am 21.
April, Sie haben fast zwei Wochen Zeit. Nehmen Sie ihre Medikamente regelmäßig und besuchen Sie das Grab Ihres Mannes und..« - Hanna unterbrach den Therapeuten ein weiteres Mal: »Nein, das kann ich nicht, soweit bin ich noch nicht!«
dann begann sie zu weinen und Mag. Rossmann lächelte sie freundlich an und reichte ihr ein Taschentuch. Er sprach ganz sanft mit ihr und versuchte Hanna davon zu überzeugen, dass der Besuch von Juris Grab der einzig richtige und höchst notwendige Schritt am Weg ihrer Genesung sei.
»Und wenn Sie nach Hause kommen, machen Sie sofort einen Termin bei Dr. Beck, Sie müssen doch ohnehin Ihren Krankenstand verlängern«, empfahl der Therapeut in einem für Hanna ungewohnten Befehlston.
»Aber ich möchte doch nächste Woche wieder arbeiten gehen!« entgegnete sie ihm aufgeregt.
»Frau Magistra Worobjowa, ich halte das für eine äußerst schlechte Idee.«
»Ich bin seit fast zwei Monaten krank geschrieben, mein Chef kündigt mich, wenn ich nicht bald wieder ins Büro komme, außerdem fällt mir langsam, aber sicher zu Hause die Decke auf den Kopf.«
»So so, Ihr Chef weiß anscheinend Ihre Arbeit nicht gebührend zu schätzen, wenn er Ihre Situation nicht verstehen kann und Sie deshalb kündigt. Sie finden sicher bald einen besseren Job. Krank zu sein bedeutet in Ihrem Fall ja nicht, dass Sie nicht außer Haus gehen dürfen. Wann haben Sie denn zuletzt Ihre Eltern besucht? Abwechslung und ein wenig Zuspruch würde Ihnen sicher gut tun, das wäre auf jeden Fall besser, als sich in der Arbeit zu verkriechen«, meinte Rossmann.
Hanna zuckte zusammen, denn ihre Eltern zu besuchen war wesentlich anstrengender für sie, als zu arbeiten: »Ich habe kein sehr gutes Verhältnis zu meiner Mutter und bin ehrlich gesagt froh, wenn ich sie nur dreimal im Jahr sehen muss.«
»Wollen Sie mit mir darüber sprechen?«
»Nein danke, ich bin ganz zufrieden, wie es läuft, meine Eltern und ich haben uns arrangiert.«
»Na gut, wie sieht es mit Freunden aus?« fragte Rossmann weiter nach.
»Ich telefoniere öfter mit Freunden, aber die brauchen auch noch etwas Zeit, um Juris Tod zu verarbeiten. Sie trauern auch noch um ihn und wissen nicht wie sie mit mir umgehen sollen, weshalb die Komunikation zwischen uns meist schwieriger ist, als Sie sich vielleicht vorstellen können.«
»Wollen Sie das ein wenig genauer ausführen?«
Rossmann drückte sich gerne etwas gewählter aus, um extra seriös und gebildet zu wirken.
»Ähm, wenn ich mit meinen Freunden, die auch Juris Freunde waren, rede fällt das Thema meist auf Juri, und dann werde ich traurig, und dann werden meine Freunde traurig und das ist eigentlich ziemlich furchtbar!«
»Ja, das ist verständlich, vielleicht sollten Sie abschließen und einen Neuanfang starten, vielleicht würde Ihnen ein Orts- und Jobwechsel gut tun, natürlich nicht sofort, erst wenn Sie Ihre Trauerbewältigung abgeschlossen haben! Denken Sie einmal darüber nach.«
Sie nickte und sah demonstrativ auf die Uhr über der Tür, um dem Therapeuten zu zeigen, dass sie der Meinung war, es wäre Zeit die Sitzung zu beenden.
»Na gut Frau Woro.. äh Frau Magistra, ich glaube das war heute ein sehr konstruktives Gespräch, bitte vergessen Sie Ihre Hausaufgaben nicht und kommen Sie heil nach Hause«, dabei streckte Rossmann ihr wieder die Hand entgegen.
»Danke, auf wieder sehen!« erwiderte Hanna eilig, schüttelte zögerlich Rossmanns Hand und war rasch aus der Tür.
Als Hanna wieder zu Hause ankam, war sie völlig erschöpft und 164,- Euro ärmer. Das war wohl eines der seltsamsten und unnötigsten Gespräche, die sie je geführt hatte und dennoch ging ihr die eigenartige Frage bezüglich der Nebenwirkungen des Kraviplex nicht aus dem Kopf. Sie öffnete ihren Laptop und googelte nach dem Medikament. Doch sie fand nichts, gar nichts. Vielleicht sollte sie doch einen Termin bei Dr. Beck ausmachen, um mehr darüber zu erfahren, dachte sie bei sich, während sie ihr Handy aus der Tasche kramte. Sie hatte seine Telefonnummer sogar eingespeichert.
Es läutete zweimal und dann hörte sie die Ansage des ABs.
»Ordination von Dr. Wilhelm Beck, leider ist die Ordination auf Grund eines Weiterbildungsseminares bis zum 15. April geschlossen. Bitte hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Telefonnummer nach dem Piepston, dann rufen wir Sie gerne zurück.....Piep....«
»Äh, hier spricht Hanna Worobjowa ich hätte gerne einen Termin bei Dr. Beck, bitte rufen Sie mich zurück. Danke! Ähm ... auf wieder hören«, stammelte Hanna in ihr Telefon.
Kaum hatte sie aufgelegt, läutete ihr Handy, am Display stand MUTTER. ›Um Himmels Willen!‹ dachte Hanna, ›das hat mir gerade noch gefehlt!‹. Dennoch ging sie widerwillig ran.
»Hallo Mutter«, sagte sie und sofort wurde sie von einem Wortschwall ihrer Mutter überflutet.
»Grüß Dich Johanna, wie geht es Dir, anscheinend gut, sonst hättest Du Dich sicher gerührt, aber es ist ja offensichtlich zu viel verlangt, ab und zu einmal mit seiner eigenen Mutter zu telefonieren. Glaubst Du denn ich und Dein Vater machen uns keine Sorgen um Dich! Jetzt wo Juri nicht mehr Deine ganze Zeit beansprucht, könntest Du Dich schon öfter bei uns melden. Oder vielleicht einmal Fragen, wie es uns denn so geht....«
Hanna unterbrach ihre Mutter kleinlaut: »Wie geht es Euch denn?«
»Tu nicht so, als ob Dich das interessieren würde, Dein Vater leidet ziemlich unter Juris Tod, er spricht zwar nicht darüber, aber ich kann das sehen. Wie geht es Deinem Kopf kann man die Narbe noch sehen, hast Du die Verkehrslinien verklagt oder stört es Dich nicht, dass Du Dich den Rest Deines Lebens verunstaltet in der Öffentlichkeit zeigen musst? Arbeitest Du eigentlich schon wieder?«
»Nein, Mutter ich bin noch krank gemeldet und die Verkehrslinien habe ich auch nicht verklagt, das würde doch nichts ändern, passiert ist passiert.«
»Die sollen Dir eine plastische Korrektur bezahlen, so kannst Du doch nicht herum laufen, nur gut, dass Du noch nicht arbeitest.«
»Man sieht die Narbe doch kaum seit ich Stirnfransen habe.«
»Wie Du meinst, Du hörst doch sowie so nicht auf mich. Das hast Du nie getan, wie konnte ich nur denken, dass sich das ändern könnte!«
»Ja, Mutter ich weiß, entschuldige.«
»Ich mache mir doch nur Sorgen um Dich, Johanna Kind, Du weißt das einfach nicht zu schätzen. Ich weiß echt nicht, was ich bei Dir falsch gemacht habe?«
»Doch Mutter ich weiß das zu schätzen, aber Du musst Dir keine Sorgen um mich machen, ich schaffe das schon«, versuchte Hanna ihre Mutter zu besänftigen.
»Ja ja, Du bist ja sooo erwachsen, Du brauchst von niemanden Hilfe, Vater läßt Dich grüßen und ruf öfter an. Tschüß!«
»Mach ich, lass Papa auch lieb grüßen von mir. Tschüß!«
So in etwa liefen die Gespräche zwischen Hanna und ihrer Mutter immer ab und ganz gleich was auch passieren würde, das würde sich niemals ändern. Nie durfte Hanna zu ihrer Mutter, Mama sagen, denn das hört sich so billig an und immer wurde sie von ihrer Mutter Johanna genannt, denn auf diesen Namen wurde sie schließlich und endlich getauft, hätte ihre Mutter sie Hanna nennen wollen, stünde dieser Name auch in Hannas Geburtsurkunde. Zum Glück hatte Hanna einen sehr liebevollen Vater, der sie meist 'meine kleine Hanni‘ nannte, er war Hannas Ruhepol in ihrer Kindheit. Leider war er kein gesprächiger Mann, was Niemanden wunderte, bei so einem Drachen an seiner Seite.
Hanna drehte ihr Handy auf lautlos, legte sich auf ihr Sofa, sie hatte definitiv genug von Tagen wie diesen und wollte nur noch entspannen.
Bevor ihre Augen vor Erschöpfung zufielen, hörte sie noch ganz leise Juris Stimme flüstern: »Schlaf gut und träum‘ was Schönes meine liebe, gequälte Butterblume!«
Obwohl es schon fast zwei Monate her war, als sie diesen Weg zum ersten und bisweilen einzigen Mal ging, kannte Hanna jede Abzweigung, jedes Gebäude, jeden kleinen Platz, den sie queren und sogar jede einzelne Toilettenanlage, an der sie vorbei gehen musste.
Sogar die unterschiedlichen Gerüche blieben ihr im Gedächtnis. So einfach schien es diesen Weg zu gehen und dennoch war dieser Gang noch genauso schmerzhaft, wie beim ersten Mal.
Wann wird es besser werden? Wann wird dieses erdrückende Gefühl in ihrem Brustkorb leichter werden? Am Liebsten hätte sie lauthals losgeweint, doch es schien als wären ihre Tränensäcke leer, zuviel hatte sie in den letzten Wochen geweint. ›So ein Unsinn!‹,
dachte sie - ›..diese in vier Phasen strukturierte Theorie der Trauerbewältigung ist wirklich nur Theorie, wie kann man solche Gefühle schubladieren und wie eine Liste zu erledigender Arbeiten nach und nach abhaken und im Optimalfall auch noch in der richtigen Reihenfolge? Das ist einfach nur Schwachsinn!‹
Hanna hatte in den letzten zwei Monaten so viele unterschiedliche Gefühlsphasen bunt gemischt, da waren Verzweiflung eng gefolgt von Wut durchsetzt mit einer gehörigen Portion Selbstmitleid und der Hoffnung, dass dies alles nur ein böser Traum wäre, aus dem sie bald aufwachen würde. Aber ganz sicher war da weder Akzeptanz, loslassen können noch ein optimistischer Blick in die Zukunft.
Ihr Psychotherapeut gab Hanna den Rat an Juris Grab zu gehen, um sich von ihm bewusst zu verabschieden, doch tief in ihrem Herzen wollte sie das nicht und war sicher, dass sie das auch nicht könne. Fast 19 Jahre waren sie ein Paar mit allen Höhen und Tiefen und auch, wenn es mal Streit gab, wie in allen Beziehungen üblich, war er ihre große und einzige Liebe. Nie wieder würde sie Jemanden so lieben können und nie wieder würde sie sich von einem Menschen so sehr geliebt fühlen können, wie von ihm.
Der Friedhof war riesig, von der U-Bahn bis zu seinem Grab ging man sicher eine gute halbe Stunde. Hanna war jedoch schon eine Stunde unterwegs, immer wieder blieb sie stehen, immer wieder überlegte sie umzukehren. Tausende unterschiedliche, wirre Gedanken kreisten und rasten in Blitzgeschwindigkeit durch ihr Gehirn: ›Was soll ich ihm sagen? Wie soll ich mich verabschieden? Was werde ich heute zu Abend essen? Was würde Juri tun? Oh, süß ein Eichhörnchen, sogar ein rotes, von denen gibt es nicht mehr viele, die grauen haben sie vertrieben, die sind größer und töten sogar die roten. Ob es wohl einen Himmel für Eichhörnchen gibt, kommen dort auch die grauen hin, obwohl sie die roten gekillt haben? Blödsinn, es gibt sicher keinen Himmel, auch nicht für herzige Nager.
Juri wo bist Du jetzt? Gibt es überhaupt ein Jenseits, lebt Deine Seele weiter? Verdammt noch mal werde ich Dich irgendwann, wieder sehen?...‹
Ihre Beine wurden immer schwerer, ihre Schritte kürzer und das erdrückende Gefühl in ihrer Brust stärker, je näher sie zu seinem Grab kam. Irgendwann stand sie davor, starr wie eine Säule und starrte auf den Grabstein, ihr Kopf war leer, kein Gedanke kreiste mehr.
Es war ein schönes, schlichtes Grab. Hanna wusste nicht ob es Juri gefallen hätte, über solche Dinge hatten sie nie gesprochen. Das gemeinsame Leben schien unendlich, nie hatten sie über den Tod oder eine Trennung spekuliert, alles war gut.
Der Grabstein war ein unbehandelter kleiner Granitblock mit einem kleinen, angeschliffenen Fenster auf dem eingraviert zu lesen war:
R.I.P.
Juri Worobjow
19.08.1972 - 14.02.2015
Juri war nicht besonders gläubig, das passte auch nicht zu seiner Lebenseinstellung, er war für Alles offen und genoss in vollen Zügen die schönen Dinge des Lebens. Probleme waren stets nur da, um sie schnell möglichst zu lösen, um wieder lachen zu können. Und dennoch war er nicht oberflächlich, doch hatte er es aufgegeben sich von Dingen und Situationen, die er nicht ändern konnte, zermürben zu lassen.
Diese naturgegebene Gelassenheit fehlte Hanna, sie neigte eher dazu alles zu analysieren und verstehen zu wollen. Doch wie kann man den Tod eines geliebten Menschen verstehen?
Das Erdgrab selbst, war mit einem immergrünen Bodendecker bepflanzt und Hanna hatte dafür gesorgt, dass der Friedhofsgärtner regelmäßig nach dem Rechten schaute.
Nach einiger Zeit löste sich Hannas Starre und eine Träne kullerte über Ihre Wange, eine Einzige, die hatte sie sich wohl aufgespart für diesen Moment. Der salzige Tropfen kitzelte ihre Haut und dennoch wischte sie ihn nicht weg, sondern lies ihn langsam über ihre Wange laufen und auf ihre Jacke tropfen.
Sie schaute sich um, weit und breit war niemand, der sie hätte hören können, dann begann sie zögerlich und leise zu sprechen.
»Hallo Juri, kannst Du mich hören? Wenn ja.« - sie stockte, atmete tief ein und wieder aus, ihr Herz pochte - »Wenn ja - ich liebe Dich!«
Nach diesen drei Worten überkam sie Wut gemischt mit einer fast hysterischen Verzweiflung und sie wurde lauter und vehementer in ihrem Tonfall: »Ja, Juri ich liebe Dich, ich habe Dich immer geliebt, wie konntest Du mir das antun. Warum?«
Sie beruhigte sich wieder, starrte auf das Immergrün und sprach weiter: »Ich weiß, Du konntest es nicht verhindern und ich weiß auch, dass Du sicher nicht sterben wolltest, es war Schicksal oder der Wille eines Gottes, den ich nicht kenne und ganz gleich, ob es einen Plan gibt, der den Lauf des Lebens regelt, ich will und ich kann es nicht verstehen und schon gar nicht akzeptieren und so tun, als wäre nichts gewesen.
Ich habe sogar überlegt mir das Leben zu nehmen, um bei Dir sein zu können, sollte es ein Leben nach dem Tod geben. Doch diese Wahrscheinlichkeit scheint mir äußerst gering, ich denke es gibt keine Alternative zum Leben, danach ist alles aus. Vielleicht ist es besser, wenn alles vorbei ist, vielleicht ist dann auch der Schmerz weg. Ich vermisse Dich so unsagbar.«
Plötzlich wurde ihre Tränenproduktion wieder massiv angeregt, und sie begann zu schluchzen.
»Deshalb gehe ich zur Therapie, zu Mag. Rossmann, er meinte, er kann mir meine Trauer und meinen Schmerz nicht nehmen, aber er kann mir helfen, damit es leichter wird damit zu leben. Er hat mich hierher geschickt, um mich von Dir zu verabschieden - bewusst verabschieden, Dir alles sagen, was ich Dir immer schon sagen wollte, doch da gibt es nichts, ich habe keine Geheimnisse vor Dir, ich habe Dir immer alles erzählt. Ich glaube nicht, dass er mir wirklich helfen kann. Fakt ist Du bist nicht mehr da, Du hast mich verlassen und ich ertrage es kaum und verstehen kann ich es schon gar nicht!«
Hanna wischte sich mit dem Ärmel ihrer Jacke die Tränen aus ihrem Gesicht und sprach weiter: »Ich weiß so Dinge passieren, Menschen sind alt, krank und sterben, Menschen haben Unfälle und sterben, - sterben jung und unerwartet. - Doch ganz ehrlich, warum gerade am Valentinstag. Ich hatte gekocht, alles schön dekoriert und auf Dich gewartet. Als es dann an der Tür geläutet hatte, dachte ich Du hättest Deinen Schlüssel vergessen. Doch es war die Polizei, die vor der Tür stand und sagte, dass Du einen Unfall hattest, schwer verletzt wärst, eine Notoperation hättest und die Chance, dass Du überleben würdest, sehr gering wäre.«
Wieder stockten ihre Worte, dann hob sie ihren Kopf und richtete ihren Blick weg vom Immergrün - hin zum Grabstein. Fast wütend kniff sie ihre Augen zusammen und auf ihrer Stirn zwischen den Brauen bildete sich eine tiefe Falte, dann sagte sie ruhig und dennoch sehr bestimmt: »Juri, ich habe die Nacht des Valentinstages im Krankenhaus verbracht und musste zusehen, wie der Mann, den ich mehr als alles andere auf der Welt liebe, am Tag der Liebe, einfach starb.
An jeden anderen Tag hätte es wahrscheinlich nicht viel weniger weh getan, doch an keinem anderen Tag hätte es mehr schmerzen können, als am Valentinstag!«
Plötzlich hörte Hanna wieder Juris Stimme, dieses Mal so laut und klar, als würde er hinter ihr stehen: »Wohl kaum, es gibt keinen guten Tag, keinen guten Zeitpunkt, um in ein Baugerüst zu krachen und sein Leben und alles was man daran liebt zu verlieren!« Hanna drehte sich blitzschnell um und schaute erschrocken um sich: »Was? Wer ist da? Juri?«
Doch da war niemand nur ein kalter Schauer, der ihr über den Rücken lief und eine Stimme, die ihr vertraut war und ihr Herz zum Rasen brachte.
Wieder hörte sie ihn unverkennbar, laut und deutlich: »Hanna? - Hanna kannst Du mich hören?!«
Völlig verunsichert antwortete sie: »Ja? - Ich höre Dich - warum auch immer?«
Dann schüttelte sie ihren Kopf, als wollte sie sich selbst wach rütteln. Sie dachte, das kann nicht sein, irgendjemand erlaubt sich einen kranken Scherz mit ihr.
»Nein, Hanna das ist kein Scherz ich kann Deine Gedanken lesen und Du die Meinen! Wie cool ist das denn?«
Da war sie wieder die Stimme in ihrem Kopf.
»Du kannst was? Meine Gedanken lesen und ich Deine? Das kann nicht sein, was immer auch gerade passiert, das ist nicht Juri, den ich da höre, das ist ein Tumor oder ein posttraumatisches Stresssyndrom, oder vielleicht werde ich auch nur langsam, aber sicher irre oder Kraviplex erzeugt diese Nebenwirkungen von denen Rossmann gesprochen hatte.«
Juris Stimme wurde lauter und flehender: »Hanna, bitte, bitte glaube mir, ich bin es, ich kann mit Dir kommunizieren, ich bin so froh, dass Du mich hören kannst!«
»Nein«, dachte Hanna, »..das ist nicht real, das spinne ich mir zusammen, die Situation wächst mir über den Kopf, ich wünschte es wäre wahr, doch ich habe Juri sterben gesehen, ich war auf seiner Beerdigung, ich sah seinen Leichnam im offenen Sarg und ich sah, wie er in diesem Grab, im Erdloch versenkt wurde.
Oder gibt es wirklich Geister? Da gäbe es sicher Beweise dafür, klar gibt es Menschen, wie Eveline, die an Geister glauben, aber ich gehöre nicht zu denen.
Unsere Wissenschaft kann so Vieles plausibel erklären, den Urknall, die Evolution, teilweise die Entstehung des Universums, aber keine wissenschaftliche Theorie endet damit, wenn man tot ist lebt der Geist des Verstorbenen weiter und spricht mit den Hinterbliebenen über Telepathie. Ich bilde mir Juri nur ein, das ist einfach nur eine chemische Fehlfunktion in meinem Gehirn, oder was auch immer, auf jeden Fall ist das alles nicht real.«
Und prompt bekam sie eine schnippische Antwort: »Hanna, Du hast eben sicher 10 Minuten mit einem Granit-Brocken gesprochen, ist das normal? Hast Du Dir eine Antwort von einem Stein oder vom Immergrün erwartet? Ich spreche mit Dir, warum kannst Du Dich nicht darüber freuen, so wie ich es tue?«
Wieder schüttelte Hanna ihren Kopf, in der leisen Hoffnung, die Stimme ihres geliebten Juris würde rauspurzeln.
»Fuck, Juri Du bist nur mein persönliches Hirngespinnst. Mag sein, dass ich an einem Grab mit Dir gesprochen habe, so als ob Du mich hören könntest, aber das war nur ein Therapieansatz von Mag. Rossmann, um mich zu heilen.«
Nach einer kurzen Gedankenpause überlegte sie weiter: »...obwohl ganz ehrlich Trauer nicht heilbar ist und auch keine Krankheit, sondern einfach nur ein Prozess. - Was rede ich überhaupt mit Dir. Ich muss diese Stimme wieder loswerden, mein Leben ist im Moment schon schwierig genug. Mir ist schwindelig und übel, ich muss mich irgendwo hinsetzten.«
»Wenn Du ca. 40 Meter Richtung U-Bahn gehst ist links von Dir eine Bank, dort kannst Du Dich setzen, Hanna.«
»Ich weiß, ich habe sie gesehen, ich bin daran vorbei gegangen, Du nervst, verschwinde einfach aus meinem Gehirn!«
»Ich will Dir doch nur helfen.«
»Du hilfst mir nicht, Du treibst mich in den Wahnsinn. Ich muss hier weg, weg von Deinem Grab!«
Hanna rannte die 40 Meter des Weges zurück bis zur Parkbank, denn sie dachte, wenn sie laufen würde, hätte der Schwindel weniger Chance sie umzuwerfen. Am Ziel angekommen, ließ sie sich auf die Bank fallen und schnaufte, es war schon längere Zeit her, dass sie wirklich gelaufen war. Ihr Leben hatte sich eher verlangsamt seit Juris Tod, es fehlte einfach die Motivation sich schneller fortzubewegen, Hanna sah keinen Sinn darin zu laufen, wohin denn auch? Alle Ziele, die sie hatte, waren mit Juri gestorben. Und nun ist sie nach zwei Monaten zum ersten Mal wieder gelaufen, eigentlich weg gelaufen von Juris Grab und vor seiner Stimme in ihrem Kopf.
Ihre Atmung verlangsamte sich wieder und ihr Herz schlug gleichmäßig und fest. Hanna atmete tief ein und aus, um sich zu beruhigen und das Gefühl der Übelkeit und des Schwindels los zu werden. Sie konzentrierte sich nur auf ihren Körper, versuchte abzuschalten und an nichts zu denken, sich einfach auszublenden.
»Geht es Dir schon besser?« hörte sie wieder Juris Stimme.
»Geh‘ weg, ich rede nicht mit Dir, Du bist nicht echt!«
»Auch gut, dann kann ich in aller Ruhe mit Dir sprechen, ohne dass Du mich unterbrichst.«
»Nein, das wirst Du nicht, ich werde Dir einfach nicht zuhören.«
»Wolltest Du nicht schweigen?«
»Das darf doch nicht wahr sein, willst Du mich jetzt provozieren, hallo es gibt Dich nicht!!! Du kannst mich nicht wütend machen!«
»Doch! Offensichtlich kann ich das, findest Du es nicht seltsam, dass Dein Hirngespinnst Dich herausfordert? Das ein Produkt Deiner Fantasie Dich rasend macht? Wie erklärst Du mir das? Hanna ich bin echt, glaube mir doch.«
»Na gut - Juri oder komische Stimme in meinem Kopf - ich werde Dir oder mir selbst das alles erklären: Ich bin zutiefst traurig, dass mein Mann nicht mehr bei mir ist, bin traumatisiert, weil mein Mann plötzlich und unerwartet gestorben ist, nebenbei erwähnt, am Valentinstag! - Um das zu verarbeiten spielt mir mein Gehirn vor, dass ich mit Juri reden könne dass er immer noch existent sei. Weil ich aber weiß, dass mein Gehirn genial ist und sich nicht so leicht überlisten lässt, zieht es alle Register und versucht mich selbst auszutricksen. - Und außerdem...«
»Stopp - Hanna! Ich muss Dich unterbrechen, ganz ehrlich findest Du Deine Theorie nicht einwenig an den Haaren herbeigezogen, musst Du wirklich alles zerpflücken und analysieren? Nicht die Stimme in Deinem Kopf ist krank sondern Deine Theorie.«
»Nein, meine Theorie ist bewiesen, sie nennt sich posttraumatisches Stresssyndrom, und ich werde das meinem Gehirn beweisen. Ich mach mir einen Termin bei Dr. Beck aus, der wird mir andere Tabletten geben und ich werde Dich schnellstens wieder los!«
»O.k., wenn Du das willst, geh zum Psychiater, lass Dir bestätigen, dass Du psychisch krank bist, lass Dir Medizin verschreiben, nimm sie regelmäßig, Tag für Tag, für Tag wahrscheinlich bis an Dein Lebensende und ich werde dennoch da sein und mit Dir sprechen.
Tag für Tag, für Tag bis zu Deinem Lebensende oder bis zu dem Zeitpunkt an dem Du akzeptieren kannst, dass ich wirklich existiere und mit Dir kommuniziere.«
»Ernsthaft? Du drohst mir, die Stimme in meinem Kopf droht mir?! Was hast Du davon mich in den Wahnsinn zu treiben, warum tust Du das?«
Hanna begann zu weinen: »Ich soll mich mit Deinem Tod abfinden und ich versuche es seit dem 14. Februar, und jetzt soll ich mich von Deiner nicht realen Stimme davon überzeugen lassen, dass Du nicht für immer ganz und gar weg bist? - Wie soll das gehen, ich weiß doch, dass Du tot bist, mausetot, verstehst Du das denn nicht?«
»Nicht weinen Hanna, bitte! Ich will Dich nicht in den Wahnsinn treiben, aber was soll ich denn tun, ich verstehe es doch auch nicht, ich weiß, dass ich tot bin, ich war bei meiner Beerdigung, ich habe gesehen, wie sie meinen Körper begraben haben, ich habe es durch Deine Augen gesehen und durch die Augen der Anderen, die dort waren. Ich habe auch Deinen Schmerz gefühlt, Deine Gedanken gelesen, und ich kann es mir nicht erklären. Doch Du bist der einzige Mensch, der auch meine Gedanken zumindest teilweise lesen oder hören kann. Ich bin nur so unendlich froh, dass ich mit Dir kommunizieren kann, mit keinem anderen Menschen würde ich lieber sprechen, als mit Dir.«
Hanna riss erschrocken ihre Augen weit auf und wenn ihre Gedanken schreien hätten können, hätten Juris nicht vorhandenen Ohren geschmerzt.
»Du hast was? Du hast durch meine Augen gesehen und durch meine Ohren gehört? Das kann nicht sein!
Das macht mir Angst! Ich kann das nicht glauben!
Lass mich doch einfach nur in Ruhe«
»Hanna, das kann ich nicht, hörst Du mir eigentlich zu oder hörst Du nur, was Du hören willst? Das was hier passiert, ist das Beste was mir seit meinem Tod widerfahren ist. Ich bin glücklich bei Dir sein zu können, doch alles was Du wahrnimmst ist, dass ich seit Wochen durch Dich sehen und wahrnehmen kann und fühlst Dich bedroht. Höre mir zu Hanna, ich brauche Dich und wenn Du mich jemals geliebt hast, hilf mir zu verstehen!«
Nach diesen Worten in Hannas Kopf, konnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen, sie wusste einfach nicht mehr, was sie denken sollte. Seit langem hatte sie keine Antwort, keine Theorie, nur die Erinnerung an ein Gespräch, dass sie vor Jahren mit Juri führte.
Er sagte damals zu ihr, sie solle nicht so viel denken, sondern einfach nur die guten und die schönen Dinge im Leben annehmen und genießen, schlimme Dinge bedürfen einer Erklärung, um besser damit umgehen zu können, schöne Dinge sind da, um sich daran zu erfreuen und Kraft zu schöpfen.
Hanna atmete wieder tief ein und aus, versuchte diese Erinnerung in ihr wirken zu lassen, seufzte und dachte: »O.k., was solls. Was habe ich schon zu verlieren?
Vielleicht sollte ich wirklich nicht immer versuchen alles zu verstehen.«
Dann machte sie eine kleine Gedankenpause und es kam, wie konnte es anders sein ein: »Aber, - so leicht lasse ich Dich nicht gewinnen, beweise es mir, beweise mir, dass Du es bist und nicht nur eine sehr real wirkende Fantasie.«
»Ach Hanna«, Juris Stimme klang dezent enttäuscht und ratlos, »wie soll ich Dir das beweisen, ich würde Dich so gerne in den Arm nehmen, Dich küssen, Dir meine Liebe zeigen, doch ich habe keine Hände, keinen Körper, keine Beine, noch nicht einmal einen Hintern, ich habe nur meine Gedanken und die sind bei Dir. Wie soll ich Dir beweisen, dass ich echt bin?
Soll ich Dir sagen, was Du heute gefrühstückt hast oder welches Fernsehprogramm Du Dir gestern angeschaut hast, was Du Deiner Freundin oder Deinem Psychotherapeuten erzählt hast?«
»Was? Du warst dabei als ich mit Mag. Rossmann gesprochen habe?« fragte Hanna erschrocken und aufgewühlt.
»Ja, Hanna ich war dabei, aber das ist nicht das Problem, das Problem ist, Du warst auch dabei, also sind all diese Dinge kein Beweis dafür, dass ich echt bin!«
»Ja ja Juri, dass mag schon so sein, aber noch einmal, Du warst dabei, als ich mit Rossmann und mit Eveline über Dich gesprochen habe? Was hast Du gehört?«
»Nur Bruchstücke, aber das spielt doch jetzt überhaupt keine Rolle.«
Hanna war echt sauer: »Für Dich spielt das vielleicht keine Rolle, aber hast Du schon mal etwas von Privatsphäre gehört?«
»Hörst Du Dir eigentlich zu? Vor wenigen Minuten wolltest Du noch, dass ich Dir beweise, dass ich wirklich existiere und jetzt regst Du Dich auf, dass ich Deine Privatsphäre nicht achte?«
»Ach, du heilige Schei....«
»Nicht fluchen Hanna, vielleicht gibt es ja einen Gott, der könnte Dir das übel nehmen.«
»..ße, ich glaube die Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht, ist im Moment mein geringstes Problem.
Ich bin im falschen Film, das ist ein Alptraum, wie soll ich das alles verkraften? Du versuchst mich vom Unmöglichen zu überzeugen und kannst es nicht beweisen. Was bist Du eigentlich? Eine Seele, ein Geist?
Was? Was bist Du, erkläre es mir?«
»Hanna, das kann ich nicht, weil ich es nicht weiß, ich kann nur spekulieren.«
»Na dann, spekuliere mal, was glaubst Du zu sein?«
»Ich weiß wer ich bin, ich bin Juri Worobjow Dein Spatz, ich hab Dir doch erzählt, das Worobjow vom russischen übersetzt Spatz heißt und ich..«
»Ja, ich erinnere mich Du bist der Vogel den ich hab«, dabei grinste sie nicht nur innerlich.
»Ja toll, mach Dich nur lustig über mich! Es freut mich ja, dass Du Dich amüsierst, aber das ist nicht so einfach für mich und es macht mich schon traurig, dass Du mich nicht ernst nimmst.«
Hanna grinste immer noch dezent.
»Sorry, ich konnte nicht anders, natürlich weiß ich noch, das Du mein Spatz bist. Aber kommt Dir dieses Gespräch nicht auch irgendwie seltsam vor?«
»Ja natürlich, liegt wahrscheinlich daran, dass es seltsam ist. Deine ironischen Kommentare machen es aber nicht unbedingt leichter für mich eine Erklärung zu finden.«
»O.k. Juri, sprich weiter, ich werde Dich nicht mehr unterbrechen, wer oder was glaubst Du zu sein?«
»Juri! Ich bin Juri, Dein Mann! Ich weiß nicht welche Form ich habe, aber ich glaube nicht, dass ich ein Geist bin, für das alles muss es eine natürliche, wissenschaftliche Erklärung geben. Alles was ich Dir sagen kann ist: Ich denke, also bin ich. Bitte lach nicht, doch es gibt keine bessere Erklärung, als die von Descartes. Wäre ich ein Geist, rein theoretisch, müsste ich doch auch einen sogenannten Astralkörper haben und bei den vielen Menschen die täglich sterben, müsste ich doch auch andere Geister sehen können, das kann ich aber nicht. Ich sehe nur Dinge durch lebende Menschen, irgendwie so, als ob ich mich in ihre Gehirne einklinken könnte, aber ich kann ihre Gedanken und Gefühle nicht beeinflussen nur sehen, hören, lesen und fühlen.«
»Ach ja, natürlich Du kannst sie nur ausspionieren.«
»Hanna bitte lass diese Scherze, das ist nicht lustig.« Hanna wurde wieder wütend und zynisch zugleich:
»Ja Juri, ich gebe Dir Recht, das ist nicht lustig und es erklärt gar nichts, gerade im Gegenteil, Deine Worte bestätigen lediglich, dass Du ein Gehirngespinnst von mir bist, eine Nebenwirkung von Kraviplex! Sei doch froh, dass ich darüber lache, andere würden sich verzweifelt von einer Brücke stürzen.«
Juris Stimme klang ganz sanft und ein wenig traurig: »Nein Hanna, das würdest Du nicht, weil Du tief in Deinem Herzen froh darüber bist, mit mir reden zu können.«
»O.k., dann suchen wir einen neuen Ansatz. Du sagst, Du kannst die Gedanken anderer lesen, was dachte Rossmann, als ich von Dir sprach?«
»Davon weiß ich aber nicht viel, ich weiß, was Du gedacht hast, aber ich bin doch nicht ständig zwischen Deinen und seinen Gedanken hin und her geswitcht. Und das was ich gelesen habe, willst Du nicht wissen. Außerdem ist es nicht beweiskräftig, ich könnte Dir doch alles Mögliche erzählen, wie willst Du wissen, dass ich die Wahrheit sage?«
