Historical Weihnachten Band 11 - Michelle Willingham - E-Book
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Beschreibung

MEIN ENGEL DER WEIHNACHT von D'ALESSANDRO, JACQUIE Wird er an Heiligabend um Graces Hand anhalten? Lady Adelaide befürchtet, dass Sebastian, der Mann, den sie liebt, ihre jüngere Schwester bevorzugt. Aber Weihnachten ist nicht umsonst die Zeit der Wunder! EIN HEIRATSANTRAG ZUM FEST DER LIEBE? von WILSON, GAYLE Sechs Jahre ist es her, seit Isabella einem Verletzten half. Jetzt erwartet sie eine Überraschung: Gesund und munter steht Lord Easton vor ihr - attraktiv und sehr entschlossen, sie an Weihnachten zu erobern. WIKINGER-WEIHNACHT von WILLINGHAM, MICHELLE Ein Wolf! Unvermittelt greift das Raubtier die junge Heilerin Rhiannon an. Im letzten Moment rettet sie ein blonder Wikinger. Als Ausgestoßener lebt er im Wald - doch Rhiannon bereitet ihm ein Fest der Liebe … EIN EARL UNTERM MISTELZWEIG von ALLEN, LOUISE Diese Frau muss ein Weihnachtsengel sein! Davon ist der Earl of Burnham überzeugt, als er die schöne Wirtin Emilia kennenlernt - und spontan um ihre Hand anhält. Doch warum weist Emilia ihn weinend ab?

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EPUB

Seitenzahl:0


Jacquie D’Alessandro, Gayle Wilson, Michelle Willingham, Louise Allen

Historical Weihnachten BAND 11

IMPRESSUM

HISTORICAL WEIHNACHTEN erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: kundenservice@cora.de
Geschäftsführung:Ralf MarkmeierRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

Neuauflage in der Reihe HISTORICAL WEIHNACHTENBand 11 - 2018 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

© 2010 by Jacquie D’Alessandro Originaltitel: „Today’s Longing“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Eleni Nikolina Deutsche Erstausgabe 2011 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe HISTORICAL WEIHNACHTEN, Band 4

© 2010 by Mona Gay Thomas Originaltitel: „The Soldier’s Christmas Miracle“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Vera Möbius Deutsche Erstausgabe 2011 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe HISTORICAL SAISON, Band 7

© 2012 by Michelle Willingham Originaltitel: „The Holly And The Viking“ erschienen bei: Mills & Boon, London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Gisela Grätz Deutsche Erstausgabe 2012 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe HISTORICAL SAISON, Band 5

© 2012 by Melanie Hilton Originaltitel: „An Earl Beneath The Mistletoe“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Corinna Wieja Deutsche Erstausgabe 2013 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe HISTORICAL SAISON, Band 19

Abbildungen: Harlequin Books S. A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 10/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733735906

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, TIFFANY

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Mein Engel der Weihnacht

PROLOG

MacPherson und Tochter, Buchhändler

Covent Garden, London

23. Dezember 1890, drei Uhr dreißig nachmittags

Ich reise nach Paris, um Kunst zu studieren“, verkündete Lady Adelaide Kendall den beiden Freundinnen, mit denen sie dicht am knisternden Kaminfeuer der Buchhandlung saß und Tee trank. „In fünf Tagen ist es so weit, und ich werde mehrere Monate fort sein.“

Adelaides Schutzengel Rose zuckte entsetzt zusammen. Bis zu diesem Moment hatte sie zufrieden auf einem der Regale gesessen. „Habt ihr das gehört?“, fragte sie die beiden Engelsnovizinnen, die neben ihr schwebten. „Meine Addie verlässt England – noch dazu für einige Monate!“ Rose zog die Stirn kraus, und eine tiefe Falte bildete sich zwischen ihren Brauen. Sie rang die Hände so heftig, dass glitzernder rosa Funkenregen durch die Luft wirbelte. „Wie kann ich hoffen, die sowieso schon unmögliche Aufgabe zu erfüllen, sie mit ihrer einzig wahren Liebe zu vereinen, wenn sie sich nicht einmal im selben Land aufhalten? Oh, du meine Güte!“

„Das erschwert die Sache wirklich ein bisschen“, stimmte Engel Periwinkle voller Mitgefühl zu. „Und ich hielt meinen Auftrag mit Claire schon für schwierig“, fügte sie hinzu und deutete mit dem Kopf auf ihren Schützling mit dem rotbraunen Haar, „aber dein Problem …“

„Ist unmöglich zu lösen“, jammerte Rose. „Ich ertrage ein weiteres Jahrhundert als Novizin einfach nicht mehr! Und genau das steht mir bevor, wenn ich das Liebespaar nicht vor Neujahr vereine. Wieder keine Flügel! Ich bin zu alt und zu müde für so ein grausames Schicksal!“

„Du wärst nicht so alt und müde, wenn du bei deinen früheren Versuchen, sie zusammenzuführen, nicht versagt hättest“, hob Engelnovizin Fern auf ihre unverblümte Art hervor. „Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass du dich irrst bei der Frage, wer denn nun Addies wahre Liebe ist.“

Rose fuhr empört auf, und wieder flog der rosafarbene Glitzerstaub. „Sehr viel mehr Erfolg hast du auch nicht aufzuweisen. Deine Fiona ist auch noch nicht mit ihrer großen Liebe verbunden. Und ich irre mich ganz gewiss nicht!“ Trotzdem erfasste sie eine gewisse Unruhe. Könnte sie sich doch getäuscht haben? Ach, wenn ihre Kräfte es ihr nur erlauben würden, menschliche Gefühle zu beeinflussen. Leider war das nicht möglich.

„Ich irre mich nicht“, wiederholte sie. Wenn sie es nur oft genug sagte und ganz fest daran glaubte, würde es sicher auch wahr sein. „Ich bin seit Jahren bei Addie. Ich kenne ihr Herz. Ich weiß, wen sie liebt.“

„Das bedeutet aber nicht, dass er ihre Liebe erwidert“, meinte Fern rundheraus.

Alles in Rose sträubte sich gegen diese fürchterliche Möglichkeit. Sie schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre Brille bis zur Nasenspitze rutschte. „Er muss ihre Gefühle einfach erwidern.“ Und zwar schnell. Die Aussicht auf ein weiteres Jahrhundert ohne Flügel ließ Rose schaudern. Ein solcher Ausgang der Dinge wäre unerträglich. Langsam wuchs die Verzweiflung in ihr, und sie wies auf Addie, die gerade im Begriff war, Zucker in die Teetasse zu löffeln. „Seht sie euch doch an. Sie ist schön, gebildet, geistreich und charmant. Noch dazu freundlich und liebevoll. Und stammt aus sehr guter Familie. Welcher Idiot würde sich denn nicht in sie verlieben?“

„Die Männchen der menschlichen Spezies sind berüchtigt dafür, sich sehr idiotisch zu benehmen, wenn es um Frauen geht“, sagte Periwinkle weise, obwohl sie sehr viel kürzere Zeit Engelnovizin war als die anderen beiden.

„Claire und Fiona werden ihr die Reise doch gewiss ausreden“, überlegte Rose hoffnungsvoll. „Sie können unmöglich mehrere Monate auf ihre Leseabende verzichten, nicht wahr?“

„Wenn du mit deinem ständigen Geplapper aufhören würdest, könnten wir hören, was sie sagen“, fuhr Fern ihr schroff ins Wort.

„Ich habe bisher nicht von meinen Reiseplänen gesprochen, da ich nicht sicher war, ob ich rechtzeitig alle Vorbereitungen treffen würde“, hörten sie Addie ihren Freundinnen erklären. Rose hielt den Atem an. „Meine Tante Margaret hilft mir bei den Einzelheiten. Ich erhielt gerade, bevor ich herkam, einen Brief von ihr, in dem sie bestätigt, das alles geregelt ist.“

„Du wirst uns fehlen“, bemerkte Fiona McPherson, Besitzerin der gemütlichen Buchhandlung, in der die Frauen sich vor zwei Jahren begegnet waren. Die Liebe zum Lesen hatte sie zusammengeführt und, unabhängig von ihren unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellungen, in einer engen Freundschaft miteinander verbunden.

Addie lächelte. „Ihr mir auch. Unsere monatlichen Begegnungen bedeuten mir sehr viel. Aber ich freue mich darauf, das Studium der Kunst zu vertiefen.“

„Ich habe mich immer danach gesehnt, auf Reisen zu gehen“, sagte Claire Halliday mit einem wehmütigen Seufzer. „Wird deine Schwester dich begleiten?“ Sie legte die ledergebundene Ausgabe von Charles Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“, den Gegenstand ihrer heutigen Diskussion, beiseite.

Addie schüttelte den Kopf, und eine kastanienbraune Locke, die ihr immer wieder hartnäckig in die Stirn fiel, ließ sich auch jetzt nicht bändigen. „Nein. Grace wird in den nächsten Monaten mit ihren eigenen Plänen beschäftigt sein.“

Claires Miene hellte sich auf. „Hat Lord Channing um ihre Hand angehalten?“

„Noch nicht. Doch nun, da die Trauerzeit um seine Mutter offiziell vorbei ist, wird Sebastian gewiss während der Weihnachtszeit um Grace anhalten.“

Rose stieß einen spitzen Schrei aus. „Lieber Himmel, habt ihr das gehört?“, rief sie. „Ich hatte ganz vergessen, dass Sebastians Trauerzeit zu Ende geht. Und nun wird Addies einzige wahre Liebe sich mit ihrer Schwester verloben! Wie kann ich das verhindern, bevor Addie nach Paris abreist? Du liebe Güte, was für eine Katastrophe epischen Ausmaßes!“

„Das ist wirklich ein ziemliches Durcheinander“, stimmte Fern zu.

„Es hat noch nie einen unfähigeren Schutzengel gegeben als mich“, jammerte Rose. „Wie oft habe ich schon versucht, Adelaide und Sebastian zusammenzubringen? Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, so oft war es! Und jetzt bleibt mir kaum noch Zeit.“

Sie schwebte aufgeregt hin und her, wobei sie einen Wirbelwind rosafarbener Funken verursachte. Ihr Blick fiel auf Addies Ausgabe der „Weihnachtsgeschichte“. Rose hielt inne. Die Damen hatten das Buch wegen seines Themas gewählt, und die Geschichte hatte Addie tief bewegt – Addie, gefangen in der Gegenwart und hin und her gerissen zwischen ihrer Liebe für Sebastian und ihrer völligen Hingabe an ihre Schwester. Sie würde nie etwas tun, das Grace verletzen könnte. Nicht einmal im Traum würde sie daran denken, Graces Glück aufs Spiel zu setzen – Rose allerdings hatte da weniger Skrupel. Ein Besuch von einem Geist der gegenwärtigen Weihnacht, in diesem Fall wohl eher Engel, könnte doch gewiss alles in Ordnung bringen. Oder?

Rose war nicht sicher, allerdings verzweifelt genug, um wirklich nichts unversucht zu lassen, wenn sie nur Addie mit ihrer wahren Liebe vereinen – und sich selbst vor einem weiteren Jahrhundert ohne Flügel bewahren könnte.

1. KAPITEL

Drei Uhr fünfundvierzig nachmittags.

Addie stellte ihre Teetasse sorgfältig auf die Untertasse zurück, insgeheim erleichtert, dass kein Zittern ihren inneren Aufruhr verriet. Auf keinen Fall durften Fiona und Claire auch nur ahnen, wie zutiefst unglücklich sie in Wirklichkeit war. Gerade hatte sie ihnen eröffnet, dass sie nach Paris reisen wollte, und nun wurde es Zeit, das Gespräch wieder auf Mr. Dickens’ Geschichte zu bringen. Nur noch ein kleines Weilchen musste sie die höfliche Konversation aufrechterhalten, dann würde sie die ganze lange Zugfahrt bis zum Landsitz ihrer Familie im verschlafenen Dörflein Buntingford in East Hertfordshire nutzen können, um ihre Gedanken zu sammeln – und keine Fröhlichkeit mehr vorzuspielen brauchen, die sie ganz und gar nicht empfand. „Meine Lieblingsfigur in der Geschichte ist …“

„Glaubst du, die Verlobung zwischen Grace und Lord Channing wird morgen beim Heiligabendfest deiner Familie bekannt gegeben?“, fiel Claire ihr allerdings interessiert ins Wort.

Sosehr es Addie zuwider war, über die Verlobung ihrer Schwester zu sprechen, rührte sie doch die Freude in den Augen ihrer Freundin. Weihnachten war für Claire immer eine schwierige Zeit, da ihr Verlobter eine Woche vor ihrer Hochzeit, also Weihnachten vor genau vier Jahren, auf tragische Weise ums Leben gekommen war.

„Sehr wahrscheinlich.“ Addies Stimme brach, und sie räusperte sich hastig. „Und nun, da ich euch meine Neuigkeiten mitgeteilt habe, wollen wir uns wieder der Geschichte zuwenden, ja? Ich halte Mr. Dickens’ Verwendung der Geister für äußerst geschickt. Damit veranschaulicht er …“

„Aber was ist mit Evan?“, unterbrach Fiona sie.

Addie hatte gewusst, dass sie bald jemand auf Sebastians jüngeren Bruder ansprechen würde, und auch, dass dieser Jemand Fiona sein würde. Einerseits empfand sie großes Mitgefühl für ihre Freundin, die ihren Vater verloren hatte und nun die schwere Bürde der Verantwortung für ihren Lebensunterhalt ganz allein tragen musste. Andererseits beneidete Addie sie um ihre Unabhängigkeit und Offenheit. Fiona würde sich niemals in einer so unhaltbaren Situation wiederfinden. Im Gegensatz zu ihr selbst hätte Fiona schon vor Jahren ihren Gefühlen Luft gemacht. Leider hatte Addie sich nie dazu durchringen können, und nun war es zu spät. Wie mochte es sich anfühlen, genau das auszusprechen, was man empfand? Addie wusste es nicht, und sie würde es wohl auch nie erfahren. Sollte sie jemals verraten, was in ihrem Herzen vor sich ging … Ein Schauder durchlief sie bei dem Gedanken daran, dass sie ausgerechnet die Menschen, die sie am meisten liebte, zutiefst damit verletzen könnte.

„Addie? Hörst du mir überhaupt zu?“ Fionas Worte rissen sie aus ihren Gedanken. „Was ist mit Evan?“

„Was meinst du?“

Fiona machte eine ungeduldige Handbewegung. „Er muss doch unglücklich darüber sein, dass du gleich mehrere Monate lang in Paris bleiben willst.“

„Ich habe es ihm noch nicht gesagt. Doch ich bin sicher, er wird sich für mich freuen. Was die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht angeht …“

„Da das Trauerjahr für seine Familie jetzt vorüber ist, wird Evan sicher bei der Weihnachtsfeier verkünden, dass er gedenkt, dir den Hof zu machen“, fuhr Fiona fort.

Claire lächelte. „Ja. Es wäre das vollkommene Weihnachtsfest.“

Um nicht sofort antworten zu müssen, nippte Addie an ihrem Tee. Gewiss, ihre Familie wäre entzückt, sollte Sebastians jüngerer Bruder ein Interesse für sie bekunden. Tatsächlich erhofften sich so ziemlich alle eine solche Entwicklung. „Nein“, sagte sie zögernd. „Zwar liebe ich Evan sehr, aber mehr wie einen Bruder, nicht wie einen zukünftigen Gatten. Und die Vorbereitungen für eine Hochzeit sollten doch erst einmal genügen.“ Sie lächelte und fügte entschlossen hinzu: „Nun zu Mr. Dickens’ Geschichte …“

„Und was für eine wundervolle Hochzeit das werden wird“, schwärmte Claire.

Addie unterdrückte einen Seufzer und wappnete sich für die Unterhaltung, die sie ganz offensichtlich nicht verhindern konnte und die ihr auch während des Weihnachtsfests gewiss nicht erspart bleiben würde. Nur noch fünf Tage blieben bis zu ihrer Abreise nach Paris. Sie würde sie durchstehen. Schließlich verbarg sie seit Jahren ihre innersten Gefühle – was waren da weitere fünf Tage? Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Es wird das Ereignis der Saison.“

„Grace und Lord Channing. Auf jeden Fall werden sie das schönste Paar im gesamten Königreich sein“, bemerkte Fiona.

Addie nickte, brachte aber kein Wort hervor. Auch wenn sie allein einen Raum betraten, gelang es ihrer wunderschönen Schwester und dem umwerfend attraktiven Viscount immer, jedermanns Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Gemeinsam würden sie einen ganzen Ballsaal voller Menschen in Staunen versetzen. Addie schluckte mühsam und sagte dann leise: „Sie werden sehr glücklich werden.“

Und so soll es auch sein, fügte sie innerlich hinzu. Grace und Sebastian waren füreinander bestimmt. Ihre Familien hatten vor Jahren inoffiziell eine Verbindung zwischen ihnen gutgeheißen. Schon damals war allen klar gewesen, dass sie das vollkommene Paar abgeben würden. Und seit Grace vor zwei Jahren in die Gesellschaft eingeführt worden war, hatte man allgemein mit der Bekanntgabe der Verlobung gerechnet. Nur der plötzliche Tod von Sebastians Mutter hatte das Unvermeidliche hinausgezögert. Doch nun war das Trauerjahr um. Nichts stand der ungeduldig erwarteten Verlobung mehr im Wege, die jeden in Entzücken versetzen würde.

Jeden – außer mir, dachte Addie traurig.

„Ihre Kinder werden sicher genauso schön sein“, sagte Fiona und riss Addie aus ihren Gedanken. Sie sprach im selben wehmütigen, fast neidischen Ton, den die meisten Menschen anschlugen, wenn sie von Grace und Sebastian sprachen.

„Ja, gewiss.“ Addie stellte sich eine Schar von Miniaturausgaben von Grace und Sebastian vor. „Ich kann es kaum erwarten, Tante zu werden.“

„Du wirst eine wunderbare Tante abgeben.“ Claire beugte sich vor und tätschelte Addie die Hand. „Und eines Tages eine wundervolle Mutter.“

Natürlich sollten ihre Worte ein Kompliment sein, doch für Addie waren sie wie ein Dolchstich mitten ins Herz. „Danke“, brachte sie mühsam hervor. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren brauchte sie vielleicht noch nicht ganz die Hoffnung auf einen Gatten aufzugeben, doch ihr war klar, dass sie ihr Dasein als eine alte Jungfer fristen würde.

Gelächter auf der Straße vor der Buchhandlung zog Addies Aufmerksamkeit auf sich. Durch das Fenster konnte sie die Kutschen sehen, die vorüberratterten. Die vielen Fußgänger hatten sich mit dicken Mänteln, Mützen und Schals gegen die Kälte und den heftigen Wind vermummt. Gedämpfte Stimmen, das Klappern der Pferdehufe, das Knarren der Wagenräder und sogar der entfernte Gesang der Weihnachtssänger drangen bis zu ihnen in die wundervoll warme Buchhandlung. Ein zufrieden lächelndes Paar ging am Fenster vorbei, die Arme voller Geschenke. Heftiger Neid durchfuhr Addie. Wie wunderschön musste es sein, den Menschen, den man liebte, für sich gewinnen zu können.

„Vorbereitungen für eine Hochzeit“, sagte Claire leise. „Wie romantisch. Vielleicht erlebt ihr beide diese Weihnachten ja auch eine Liebesgeschichte.“

„Um den lieben Scrooge zu zitieren: Bah, Humbug!“, meinte Fiona spöttisch. „Ich bin vielmehr ganz erschöpft davon, jedes Jahr um diese Zeit eine Fröhlichkeit zu heucheln, die ich einfach nicht empfinde.“

„Dir scheint aber der tiefere Sinn von Dickens’ Geschichte zu entgehen“, gab Claire zu bedenken. „Unter all dem ‚bah, Humbug‘ geht es in der Weihnachtsgeschichte doch vor allem um Hoffnung und Liebe, Buße und Wiedergutmachung. Lasst uns nicht vergessen, dass Liebe Wunder bewirken kann.“

„Unsinn“, meinte Fiona auf ihre unverblümte Art. „Was glaubst du, Addie?“

„Wunder sind möglich“, meinte diese zögernd. Doch ihr Gewissen versetzte ihr einen Stich, denn in Wirklichkeit glaubte sie selbst nicht, was sie sagte. Die Erfahrung hatte ihr vielmehr gezeigt, dass Liebe statt eines Wunders Unmengen von Leid verursachte. Addie sehnte das Ende der Weihnachtstage herbei, damit sie nach Paris fahren und den bevorstehenden Hochzeitsplänen entfliehen konnte. Sie ertrug es einfach nicht länger, gefangen zu sein zwischen ihrer Liebe für ihre Schwester und ihrer hoffnungslosen, unerwiderten Leidenschaft für Sebastian.

2. KAPITEL

KendallManor, Buntingford, Heiligabend

Sebastian Hartley, Viscount Channing, ging den langen Korridor hinunter, der zum Ballsaal von Kendall Manor führte. Die anerkanntermaßen schönste Frau von ganz England hatte ihm die zarte, behandschuhte Hand auf den Arm gelegt. Sebastian betrachtete die zierliche Gestalt und wusste, dass er sich den Neid jedes einzelnen Mannes im Ballsaal zuziehen würde, sobald er mit Lady Grace Kendall an seiner Seite über die Schwelle trat.

Sie sah lächelnd zu ihm auf. Kleine entzückende Grübchen erschienen in ihren Wangen. Sebastian war oft Zeuge gewesen, wie deren Anblick so manchen sonst völlig vernünftigen Mann in einen liebestrunkenen Narren verwandelt hatte.

„Es ist schön, dich zu sehen, Sebastian“, sagte sie und drückte leicht seinen Arm. „Du hast uns gefehlt.“

Er erwiderte ihr Lächeln. „Du hast mir auch gefehlt, Schätzchen.“

Das Kosewort vertiefte noch ihr Lächeln. Sebastian hatte sie schon bald nach ihrer Geburt so genannt, als er selbst bereits das reife Alter von sechs erreicht hatte. Seitdem hatte er sie von einem süßen, gutmütigen Kind zu einer liebreizenden jungen Frau heranwachsen sehen, die trotz ihrer Schönheit freundlich und liebevoll geblieben war. Heute trug sie ein elegantes türkisfarbenes Kleid aus Satin und Spitze, das ihre Augen, das blonde Haar und die zarte Haut wundervoll zur Geltung brachte. Grace war der Inbegriff von Schönheit, Charme und Eleganz. Sie an seiner Seite zu haben … er war wirklich zu beneiden, wie er selbst fand.

Die melodischen Klänge eines Walzers drangen bis zu ihnen durch und nahmen an Lautstärke zu, je näher sie dem Ballsaal kamen. Schließlich erreichten sie den breiten Türbogen zum Ballsaal. Er erinnerte an eine wunderschöne Winterlandschaft im glühenden Schein der vielen hundert Kerzen, der die Kristalllüster über ihnen zum Glitzern brachte. Die Wände und der Kaminsims waren mit duftenden Tannenzweigen und Kiefernzapfen geschmückt. Dazwischen sorgten Orangen, Beeren und Granatäpfel für bunte Farbtupfer. Der lange Buffettisch, an dem die Gäste sich an Glühwein, Nüssen, Pralinen, Obst oder Gebäck gütlich tun konnten, war mit Girlanden aus glänzenden Stechpalmenzweigen dekoriert worden.

Sebastian schätzte, dass mehr als zweihundert Gäste den riesigen Raum füllten. Was ihn auch nicht überraschte, da das Weihnachtsfest des Earl of Gresham jedes Jahr das größte gesellschaftliche Ereignis in dem kleinen Dörfchen Buntingford darstellte. Nicht einmal der dichte Schneefall, der vor einer Weile begonnen hatte, hatte die Menschen davon abhalten können, in Scharen zu erscheinen. Er und Grace blieben nur wenige Sekunden am Eingang zum Saal stehen, doch es genügte, um jeden Anwesenden auf sie aufmerksam zu machen. Satzfetzen drangen an Sebastians Ohr, während sie weitergingen, Weihnachtswünsche tauschten und sich einen Weg auf die Tanzfläche bahnten.

„Da sind sie endlich!“

„Sie ist bezaubernd, nicht wahr?“

„Er sieht so gut aus!“

„Ein vollkommenes Paar.“

„Das schönste Paar in ganz England! Kein Wunder, dass ihre Familien glauben, sie seien füreinander geschaffen.“

„Glaubst du, sie werden heute ihre Verlobung bekannt geben?“

„Hast du gesehen, wie er sie anhimmelt? Wie verliebt er sein muss.“

„Hast du ihren Blick gesehen? Sie muss ihn anbeten.“

„Er ist der größte Glückspilz im ganzen Königreich.“

„Sie ist die glücklichste Frau auf der Welt.“

Als sie die Tanzfläche erreichten, hörte die Musik auf, und einen Moment lang herrschte Stille. Das erdrückende Gefühl, dass die Blicke aus zweihundert Augenpaaren auf ihn gerichtet waren, nahm Sebastian regelrecht den Atem. Er spürte direkt die erwartungsvolle Hoffnung, die ihn umgab wie ein allgegenwärtiger, erstickender Nebel. Natürlich wusste er, was man von ihm wollte. Und da nun das Trauerjahr nach dem Tod seiner Mutter vorüber war, gab es keinen Grund mehr, Grace nicht die Frage zu stellen, die jeder von ihm erwartete. Keinen Grund, nicht den Wunsch zu erfüllen, den seine Mutter auf ihrem Sterbebett an ihn gerichtet hatte – Grace zu heiraten und so für immer die Familien Hartley und Kendall zu vereinen, die seit Generationen Nachbarn und Freunde waren. Keinen Grund, die Verlobung nicht zu verkünden, die alle herbeisehnten – vor allem sein Vater, der ihn seit seinem vierzehnten Lebensjahr regelmäßig daran erinnert hatte, wie sehr eine Verbindung zwischen ihm und Grace von allen erwartet wurde.

Nein, es gab keinen Grund, der dagegen spräche.

Bis auf die Tatsache, dass er in eine andere Frau verliebt war.

Das Streichquartett intonierte einen weiteren Walzer, die Unterhaltungen wurden leise weitergeführt, und Sebastian atmete erleichtert auf. Eine kleine Gnadenfrist war ihm gegeben worden. Er wandte sich an Grace, um sie um den Tanz zu bitten, doch dann erstarb ihm die Frage auf den Lippen, als er Evan erblickte, der in diesem Moment direkt auf sie zukam. Sein sonst so herzlicher Bruder sah heute blass und angespannt aus, der Blick hinter dem Drahtgestell seiner Brille wirkte unruhig.

„Freut mich, dich zu sehen, Sebastian“, sagte Evan und reichte ihm die Hand. „Frohe Weihnachten.“

„Dir auch.“ Jetzt, da sie nahe voreinanderstanden, spürte Sebastian die Verzweiflung des Bruders noch deutlicher.

Bevor er ihn jedoch fragen konnte, fuhr Evan fort: „Nachher tauschen wir unsere Neuigkeiten aus, wenn du möchtest, zunächst aber …“ Er wandte sich an Grace: „Ich glaube, dieser Walzer ist mir versprochen.“

Grace warf einen Blick auf die Tanzkarte an ihrem Handgelenk und nickte. „Ja, das stimmt.“

„Darf ich sie dir entführen?“, fragte Evan seinen Bruder.

„Aber natürlich. Genießt euren Tanz.“

Evan streckte den Arm aus, woraufhin Grace reizend errötete und ihre Hand darauflegte. „Addie steht neben der Terrassentür“, bemerkte Evan noch, doch in einem rauen Ton, der Sebastian endgültig davon überzeugte, dass mit seinem Bruder etwas nicht stimmte. „Sie hat noch keinen Partner, falls dir der Sinn nach einem Walzer steht.“ Und so begleitete er Grace zu den übrigen Paaren, die sich bereits auf der Tanzfläche befanden.

Sofort wandte Sebastian sich der hohen Glastür zu, die auf die Terrasse führte. Und da sah er sie. Was nicht besonders schwierig war, da Addie zu ihrem eigenen Kummer so manchen Mann überragte.

Sein Herz machte einen Satz, sekundenlang fiel ihm das Atmen schwer – wie jedes Mal, wenn er sie sah. Ihr Anblick genügte, um ihn in Verwirrung zu stürzen und alles vergessen zu lassen bis auf sie und seine unmögliche, hoffnungslose Liebe zu ihr. Monate waren vergangen, seit er ihr das letzte Mal begegnete, doch es wunderte ihn nicht, dass diese Trennung nicht vermocht hatte, seine Gefühle zu verändern oder sein Verlangen nach ihr abzumildern. Früher hatte er Jahre bei der Royal Navy verbracht, und auch damals war Addie ihm nie lange aus dem Sinn gegangen. Dabei hatte er nichts unversucht gelassen, um sie nicht mehr zu lieben, keine Sehnsucht mehr nach ihr zu verspüren. Doch es hatte nichts genützt. Sein ganzes Leben lang hatte er sie geliebt, und seit jenem Sommertag vor zwölf Jahren, als sie im Garten von Kendall Manor einen ersten zarten Kuss getauscht hatten, war er bis über beide Ohren in sie verliebt.

Trotz des Schwurs am Sterbebett seiner Mutter, trotz der Erwartungen, die alle an ihn stellten, und des Pflichtgefühls, das ihm seit seiner Jugend eingetrichtert worden war, hätte er alles ohne zu zögern beiseitegefegt, um die Frau, die er liebte, für sich zu fordern – nur eins konnte er nicht übersehen.

Evan liebte Addie, und er selbst liebte Evan und könnte nie etwas tun, das seinen jüngeren Bruder verletzen würde. Dennoch kämpfte Sebastian jeden Tag gegen die Versuchung an, ihm Addies Liebe zu stehlen. Und jeden Tag stand er Todesängste aus, er könnte den Kampf doch noch verlieren. Obwohl er wusste, dass Addie Evans Liebe erwiderte. Daran konnte er nichts ändern.

Ihm blieb nur eins, ihr so oft wie möglich aus dem Weg zu gehen. Meistens gelang es ihm auch, bei der Weihnachtsfeier allerdings konnte er sie nicht ignorieren.

Und so stand er jetzt wie angewurzelt da, mit wild klopfendem Herzen und flachem Atem, den Blick sehnsüchtig auf Addie gerichtet. Lieber Gott, wie wunderschön sie doch war! Allgemein hielt man Grace für die Schönheit der Familie, und ohne Zweifel war sie hinreißend. Dennoch war es Addie mit ihren weniger vollkommenen Zügen, dem zauberhaften Lächeln und dem Anflug von Übermut in den hübschen Augen, die ihn schon beim ersten Mal, da sie sich als Kinder begegnet waren, in ihren Bann gezogen hatte. Er erinnerte sich an jenen Moment, als würde er in diesem Augenblick noch einmal passieren.

„Möchtest du mit mir und meinen Puppen spielen?“, hatte Addie gefragt und ihm eine Puppe mit bemaltem Porzellangesicht hingehalten.

„Bestimmt nicht“, hatte Sebastian mit all der Geringschätzung eines Fünfjährigen erwidert. „Ich spiele nicht mit Puppen.“

Addie hatte ihn nur ruhig mit ihren großen braunen Augen angesehen und ihre Puppe hingelegt. Dann hatte sie gelächelt, und es war ihm vorgekommen, als wäre die Sonne durch eine Wolkendecke gebrochen und hätte sein Herz erwärmt. „Dann lass uns in den Garten laufen und auf einen Baum klettern!“, hatte sie gerufen, seine Hand gepackt und ihn in ihrer Begeisterung fast zum Stolpern gebracht. Sebastian war eine solche Freimütigkeit nicht gewohnt gewesen, war Addie aber gefolgt, sofort zutiefst fasziniert von ihr. Und war zum ersten Mal in seinem Leben auf einen Baum geklettert.

Erst neun Jahre später, mit vierzehn, hatte seine Liebe für sie sich in etwas anderes, sehr viel Tieferes verwandelt. Er wurde sich Addies Gegenwart fast schmerzhaft bewusst. Tiefe Sehnsucht erfüllte ihn, sie zu berühren, ihr Lächeln zu sehen, ihr Lachen zu hören und sich jede nur vorstellbare Ausrede einfallen zu lassen, um bei ihr sein zu können. Er konnte kaum an etwas anderes denken als daran, sie zu küssen. In jenem Sommer am letzten gemeinsamen Tag mit ihr, bevor er die ländliche Idylle Buntingfords verlassen musste, um nach Eton zurückzukehren, hatte er ihr einen Kuss gestohlen. Noch heute erinnerte er sich an die kleinste Einzelheit, an sein vor Seligkeit klopfendes Herz, an das überwältigende Gefühl, endlich gefunden zu haben, was ihm zu seinem Glück gefehlt hatte.

Den Rest der Schulzeit hatte er die Tage bis zu den Weihnachtsferien gezählt, weil er Addie dann endlich wiedersehen würde. Immer wieder waren ihm dieselben Fragen durch den Kopf gegangen. Fehlte er ihr? Dachte sie auch nur halb so oft an ihn wie er an sie? Bedeutete er ihr ebenso viel wie sie ihm? Er hatte ein Geschenk für sie gekauft, das sie an jenen letzten Sommertag erinnern sollte, und konnte es kaum erwarten, es ihr zu geben. Noch nie hatte er sich so sehr auf Weihnachten gefreut wie in jenem Jahr.

Doch dann hatte es sich als das schlimmste Weihnachtsfest seines Lebens erwiesen.

Er und Addie hatten ihre Geschenke ausgetauscht, und alles war vollkommen gewesen. Bis sein Vater ihm am zweiten Weihnachtstag eröffnet hatte, dass er und Addies Vater beschlossen hatten, aus Sebastian und Grace ein Paar zu machen. So würden zwei einflussreiche Familien, deren Ländereien noch dazu aneinandergrenzten, auf die vollkommenste Weise vereint werden.

Sebastian war zu entsetzt gewesen, um Einwände zu erheben. Und er hatte bisher auch noch nie gegen die Wünsche seines Vaters aufbegehrt. Sein ganzes Leben hatte man ihn dazu erzogen, nichts vor Ehre und Pflicht zu stellen. Im jugendlichen Alter von vierzehn wäre es ihm daher nie in den Sinn gekommen, seinem Vater zu widersprechen.

Auch Addie war am selben Tag von dem Willen ihrer Väter in Kenntnis gesetzt worden, und zu Sebastians Entsetzen entstand eine nie gekannte Verlegenheit zwischen ihnen. In den folgenden Jahren hatte er vorgegeben, alles wäre in bester Ordnung, ging Addie aber geflissentlich aus dem Weg, wann immer er konnte. Nur seinen Gefühlen für sie konnte er nicht entfliehen, die noch stärker zu werden schienen, je mehr er sich bemühte, sie zu unterdrücken. In seiner Verzweiflung war er der Royal Navy beigetreten, sobald er die Zeit in Eton abgeschlossen hatte, nur um Addie nicht begegnen zu müssen. Nach einer Weile, so hatte er gehofft, würde seine Liebe für sie schwächer werden.

Doch er hatte sich getäuscht.

Stattdessen wuchs seine Liebe so sehr, dass er sich schließlich hatte eingestehen müssen, wie völlig ohnmächtig er dagegen war. Die Zeit bei der Navy hatte aus ihm einen selbstbewussten, starken Mann gemacht, der entschlossen gewesen war, sich dem Befehl seines Vaters zu widersetzen und um die Frau zu werben, der seine Liebe gehörte. Sein Vater würde einfach begreifen müssen, dass er Addie liebte und Grace unmöglich heiraten konnte, für die er nur Zuneigung wie für eine kleine Schwester empfand. Sehr große Widerstände dürfte es eigentlich nicht geben, davon war Sebastian überzeugt gewesen, denn auch mit einer Heirat zwischen ihm und Addie würde das Band zwischen ihren Familien noch enger werden.

Doch seine Pläne waren auf die grausamste Weise fehlgeschlagen, denn an jenem diesem Weihnachtsfest war ihm klargeworden, dass Evan und Addie einander liebten – so fröhlich waren sie in der Gesellschaft des anderen, so glücklich lachten sie miteinander, so offensichtlich nahe standen sie einander. Sebastian musste erkennen, dass er zu spät gekommen war. Er hatte Addie verloren. An seinen eigenen Bruder.

Und danach, im vergangenen Dezember, hatte seine Mutter ihn kurz vor ihrem Tod gebeten, Grace zu heiraten. Während des Trauerjahrs hatte er sich immer wieder gesagt, er müsse tun, was von ihm erwartet wurde. Er hatte sein Bestes getan, Addie zu vergessen und sich in Grace zu verlieben. Doch es war ihm nicht gelungen. Also war er zu dem Schluss gekommen, dass er, sosehr er seinen Vater damit auch enttäuschen würde, Grace einfach nicht heiraten konnte. Nicht, wenn er ihre Schwester liebte. Es wäre weder ihm selbst noch Grace gegenüber fair, die einen Gatten verdient hatte, der sie von ganzem Herzen liebte. Einen solchen Mann zu finden, würde sicherlich nicht schwierig sein. Sebastian wusste zwar nicht, wer dieser Mann sein würde. Er wusste nur, dass er selbst es nicht sein konnte. Zwischen ihm und Grace funkte es nicht, das hatten sie beide bei einem unschuldigen Kuss in den Ställen letzte Weihnachten erkannt.

Um seinem Vater nicht das Fest zu verderben, wollte er bis zum nächsten Tag damit warten, ihm seine Entscheidung mitzuteilen. Wenn er Glück hatte, würde Evan bis dahin bereits um Addie angehalten haben und damit den Schlag für seinen Vater mildern.

Evan würde um Addie anhalten … der Gedanke daran ließ Sebastian regelrecht zusammenzucken. Lieber Himmel, läge dieses Weihnachtsfest doch nur schon hinter ihm!

In diesem Moment drehte Addie sich zu ihm um, als spürte sie seine Nähe, und ihre Blicke trafen sich. Die Zeit schien stillzustehen. Sebastian stellte sich vor, wie er entschlossen und ohne sich um die Meinung der Menge zu kümmern auf Addie zuschritt, sie in die Arme riss und küsste, bis sie keine Luft mehr bekam. In seiner Vorstellung hieß sie ihn willkommen, als würde auch sie ihn lieben.

Dann blinzelte sie, und der Bann war gebrochen. Ihre Wangen überzogen sich mit zarter Röte, und sie machte fast den Eindruck, sie geriete in Panik. Hatte seine Miene ihn verraten? Gleich darauf fasste Addie sich jedoch wieder. Sie nickte ihm zu und lächelte.

Langsam ging Sebastian auf sie zu. Er konnte nicht den Blick von ihr nehmen, von ihrem süßen Gesicht, das ihn weder am Tag noch in der Nacht zur Ruhe kommen ließ. Warum musste er ausgerechnet die Frau so verzweifelt lieben, die er niemals haben konnte?

Einen halben Meter von ihr entfernt blieb er stehen und unterdrückte die Worte, die ihm auf der Zunge lagen. Du bist die schönste Frau auf der Welt für mich. Ich sehne mich so sehr nach dir, dass es wehtut. Ich werde dich bis an mein Lebensende lieben.

„Guten Abend, Addie“, begrüßte er sie stattdessen und deutete eine Verbeugung an.

„Guten Abend, Sebastian.“

Sie brauchte nur seinen Namen auszusprechen, und schon schnürten ihm Verlangen und Sehnsucht die Kehle zu.

„Frohe Weihnachten“, brachten sie gleichzeitig hervor und mussten lächeln.

„Wir sagen immer noch dasselbe zur gleichen Zeit“, meinte er leise. Das hatten sie schon als Kinder getan.

„Na ja, du weißt ja, zwei Seelen, ein Gedanke.“ Sie verzog den Mund zu dem leicht neckenden Lächeln, das er so liebte. „Obwohl du zugeben musst, dass es unter den Umständen nichts wirklich Außergewöhnliches ist, wenn wir uns gleichzeitig frohe Weihnachten wünschen.“

„Stimmt. Wenn wir beide ‚Frohe Ostern‘ gesagt hätten, das wäre wirklich außergewöhnlich gewesen.“

Sie ließ ihr hinreißendes Lachen hören, das ihn auch jetzt wieder verzauberte. Sebastian ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten, um nicht seinem Impuls zu folgen und Addie in die Arme zu ziehen. Aber die Sehnsucht, sie zu berühren, war zu groß, um völlig unterdrückt zu werden. „Darf ich um diesen Tanz bitten?“

Sie zögerte sichtlich, und ihr Blick ging zur Tanzfläche. Zweifellos sah sie sich nach Evan um. Eifersucht durchzuckte ihn, doch er war es gewohnt, dieses Gefühl zu ignorieren. Bevor er ihr sagen konnte, dass Evan bereits mit Grace tanzte, wandte sie sich an ihn und lächelte. „Es wäre mir ein großes Vergnügen.“

Sie gingen an den Rand der Tanzfläche, und Sebastian legte die Hand auf ihren Rücken, genau über der kleinen Tournüre ihres grün-weiß gestreiften Seidenkleids. Eine Wärme, die ihn nur in Addies Nähe durchströmte, gab ihm das beglückende Gefühl, nach einer langen, anstrengenden Reise am Ziel seiner Wünsche angekommen zu sein. Sie legte die Hand auf seine Schulter, er nahm ihre freie Hand, und sie begannen, sich im Rhythmus der Musik unter die Tanzenden zu mischen.

Zunächst sprachen sie kein Wort. Sebastian erlaubte sich einige wenige Momente, einfach die Tatsache zu genießen, dass er Addie in seinen Armen hielt, ihre Hand in seiner lag, ihr Kleid beim Tanzen seine Beine streifte. Ihre Blicke trafen sich, und er verlor sich in ihren Augen. Lieber Himmel, er könnte sie stundenlang einfach nur anschauen! Ihre wunderschönen topasfarbenen Augen, die ihn an Karamell erinnerten, ihre von der Mode so verpönten blassgoldenen Sommersprossen, die ihre Nase zierten, weil Addie weder Hüte noch Schirme besonders gerne trug. Aus Erfahrung wusste Sebastian, dass es viel wahrscheinlicher wäre, sie würde einen Schirm benutzen, um ihn in seine Schranken zu verweisen, statt sich damit vor der Sonne zu schützen.

Sein Blick verweilte etwas länger auf ihrem Mund, der ein bisschen zu groß war, um der Mode zu entsprechen, den er allerdings vollkommen fand. Einmal hatte er diese sinnlichen Lippen berührt, und seitdem hatte ihn der Kuss keiner anderen Frau so bewegen können wie der von Addie. Ihre glänzenden braunen Locken, die er so gern streicheln würde und über die sie sich ärgerte, weil sie sie für zu störrisch und von undefinierbarer Farbe hielt, hatte sie heute hochgesteckt, sodass nur einige Strähnen auf ihre Schultern fielen. Plötzlich erschien deutlich ein Bild von Addie vor seinem inneren Auge, wie sie als junges Mädchen auf ihn zugelaufen war, lachend und mit fliegendem Haar, das in allen Nuancen von Braun bis zum hellsten Gold in der Sonne geleuchtet hatte.

„Du siehst reizend aus, Addie.“

Zarte Röte stieg ihr in die Wangen. „Danke.“ Ihr Blick glitt kurz über seinen eleganten schwarzen Anzug. „Du auch.“

„Danke.“ Er beugte sich leicht vor, als wolle er ihr ein Geheimnis zuflüstern, und atmete dabei tief den zarten Duft nach Jasmin- und Rosenblüten ein. „Obwohl ich nicht glaube, dass man einen Gentleman gemeinhin als reizend bezeichnet.“

Sie lächelte amüsiert. „Verzeih mir bitte. Ich meinte natürlich ‚abscheulich‘.“

Er zuckte zusammen. „Aua. Es muss doch etwas zwischen ‚reizend‘ und ‚abscheulich‘ geben.“

„Ach? Und was schlagen Sie also vor, Mylord?“

„Nichts dergleichen, meine Liebe. Da ich deine Neigung kenne, mich mit den unmöglichsten Titeln zu bedenken, wollte ich nur vermeiden, dass du mich womöglich noch mit Lord Reizend ansprichst.“

„Du musst aber zugeben, Lord Reizend besitzt ein gewisses Flair.“

Er hob spöttisch die Augenbrauen. „Nein, tut es nicht. Wie wäre es mit … elegant?“

Nach einem scheinbar ungehaltenen Blick an die Decke, stieß sie einen Seufzer aus, der wohl ausdrücken sollte, wie sehr Sebastian ihre Geduld auf die Probe stellte. „Na schön. Du siehst ja auch wirklich sehr elegant aus.“ Und mit einem Schmunzeln: „Lord Reizend.“

„Schelm.“

„Schuft.“

„Unruhestifterin.“

Sie spitzte die Lippen, als müsse sie überlegen, und lachte dann. „Na gut, ich bekenne mich schuldig.“

Ihr Lachen war unwiderstehlich. Sebastian ertappte sich dabei, wie er es erwiderte, und genoss die ungezwungene Kameradschaftlichkeit, die ihn an die Zeit erinnerte, als sie noch über alles und jeden gesprochen, miteinander gelacht und ihre Geheimnisse miteinander geteilt hatten.

Wie auch einen Kuss im Garten.

Die Erinnerung daran traf ihn unvorbereitet. Unwillkürlich blickte er auf ihre Lippen, die Lippen, von denen er so oft träumte. Sie waren so weich gewesen und hatten leicht nach dem Apfel geschmeckt, den Addie gerade aß …

„Was hast du eigentlich so getan in den vergangenen Monaten?“

Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Hastig hob er den Blick. „Getan?“

„Ja, getan“, wiederholte sie belustigt. „Deine Tätigkeiten. In den letzten zwei Monaten. Seit ich dich das letzte Mal traf.“

Ihr letztes Treffen lag mehr als nur zwei Monate zurück. Es war der vierzehnte April gewesen und vor Gunter’s Eiskaffee am Berkeley Square. Er war gerade aus dem Geschäft herausgekommen, als Addie mit ihrer Tante Margaret eintreten wollte. Sie hatten sich nur kurz freundlich begrüßt und waren dann jeder ihrer Wege gegangen. Doch diese unerwartete Begegnung hatte Sebastian in all den vielen Wochen seitdem nicht mehr losgelassen.

„Vor allem Spenden für das Royal Brompton Hospital gesammelt“, sagte er. Und versucht, dich zu vergessen, fügte er in Gedanken hinzu. Wobei seine Bemühungen um neue Spenden eindeutig mit größerem Erfolg gekrönt gewesen waren. „Und du?“

„Ich habe gemalt und gezeichnet. Vater ist so freundlich, mir zu erlauben, den Dachboden in unserem Londoner Stadthaus zu einem kleinen Atelier umzubauen. Dann sind da noch meine monatlichen Treffen mit der Gesellschaft für das Frauenwahlrecht und mein Leseklub.“

„Also bist du vor allem in London gewesen und weniger hier in Buntingford?“

„Ja. Tante Margaret wohnt mit mir zusammen in London. Sie wird auch mit mir nach Paris reisen.“

„Paris?“

„Ja. Wir reisen in vier Tagen ab und kehren erst im Sommer zurück.“

Sebastian war einen Moment lang sprachlos, dann sagte er verblüfft: „Ein recht ausgedehnter Urlaub.“

„Das ist kein Urlaub. Ich habe vor, Kunst zu studieren.“ Addies Augen strahlten, wie immer wenn sie von etwas sprach, das sie begeisterte. „In Paris gibt es unzählige Ausstellungen und so viele Gelegenheiten zu lernen. Ich möchte unbedingt meine Malkünste perfektionieren.“

Das Gefühl, einen schmerzhaften Verlust zu erleiden, sollte Addie wirklich so weit fortgehen, war natürlich völlig unvernünftig. Er sollte vielmehr erleichtert sein, denn wenn sie sich in Paris aufhielt, konnte er ihr nicht zufällig begegnen. Außerdem wäre es ihm unmöglich, ihr etwas zu missgönnen, das ihr offensichtlich so große Freude bereitete. „Ich habe schon immer deine Entschlossenheit bewundert, dein Talent zu fördern, und hoffe, du wirst den Erfolg erzielen, den du dir wünschst. Allerdings glaube ich, dass du schon jetzt eine großartige Künstlerin bist.“

Sie errötete heftig. „Danke, Sebastian. Das ist reizend von dir.“

„Nun, nicht umsonst werde ich Lord Reizend genannt.“

Ihr Lächeln brachte ihn fast aus dem Gleichgewicht. Hastig kaschierte er sein Stolpern mit einer schnellen Wendung und sagte leichthin: „Ich kenne deine künstlerischen Fähigkeiten. Immerhin besitze ich ein frühes Beispiel deines Talents.“

Plötzlich schien Addie blass zu werden, dann schoss ihr wieder Röte in die Wangen. „Das … das ist sehr lange her.“

Zwölf Jahre. Es war an jenem Weihnachtsfest gewesen, nachdem sie sich geküsst hatten. Ein Fest, das voller Hoffnung begonnen und so katastrophal geendet hatte. Addie hatte ihm eine kleine Zeichnung geschenkt, die sie vom Garten von Kendall Manor gemacht hatte. Dort hatten sie sich geküsst. Sebastians Geschenk für sie war ein kleiner Anhänger gewesen – ein winziger, angebissener Apfel aus Gold. Sebastian hatte sie damit an jene Frucht erinnern wollen, die zu ihrem Kuss geführt hatte.

„Ja“, stimmte er jetzt leise zu. „Sehr lange.“ Und doch, selbst wenn er hundert Jahre alt werden sollte, würde er diese glücklichen Augenblicke niemals vergessen.

Nach einer kleinen Ewigkeit, wie ihm schien, brach Addie das lastende Schweigen. „Ich hoffe, meine Maltechnik hat sich seit damals verbessert. Und in Paris werde ich gewiss noch vieles dazulernen können.“

Er nickte nur. Bei der nächsten Drehung befanden sie sich plötzlich ganz in der Nähe von Evan und Grace. Sein Bruder lächelte Grace an, aber das Lächeln erreichte nicht seine Augen. Evans gesamte Haltung kam Sebastian steif und angespannt vor. Und plötzlich wurde ihm bewusst, was los sein musste.

Addies bevorstehende Abreise und verlängerter Aufenthalt in Paris mussten ihn verstört haben. Natürlich wünschte er nicht, dass sie so lange fort blieb, besonders, da eine Hochzeit anstand. Warum hatte Addie sich nur zu dieser Reise entschlossen? Doch vielleicht würde Evan sie und ihre Tante begleiten. Zwar hatte er nichts erwähnt, allerdings war in letzter Zeit keine Gelegenheit gewesen, sich viel mit ihm zu unterhalten. Und bei jedem Gespräch achtete Sebastian meist darauf, nicht auf Addie zu sprechen zu kommen.

Gerade wollte er sie wegen der Reise befragen, da verstummte die Musik. Addie nahm die Hand von seiner Schulter, er gab sie langsam frei und trat zurück. Sofort fehlte ihm ihre Nähe, und er wünschte, er könnte noch ihre Wärme spüren. Wie auch die übrigen Tanzenden applaudierte er den Musikern und sagte: „Addie, warum willst du …“

„Der nächste Tanz ist eine Quadrille, Addie“, kam Evan ihm zuvor. Er und Grace gesellten sich zu ihnen. „Ich fürchte, ich bin dir als Partner zugewiesen worden“, fügte er mit einem tiefen Seufzer hinzu. „Aber ich werde versuchen, dir nicht auf die Zehen zu treten.“

„Wenn dir das gelingen sollte, wäre es jedenfalls das erste Mal“, bemerkte Addie neckend. „Jedes einzelne Paar Tanzschuhe, das ich besitze, weist den Abdruck deiner Schuhe auf.“

Evan nickte mit gespielter Zerknirschung. „Zumindest bin ich beständig, wie du zugeben musst. Wollen wir trotzdem?“

Sebastian sah die Frau, die er liebte, lächelnd am Arm seines Bruders davonschlendern.

3. KAPITEL

Addie konnte nicht schlafen.

Der letzte Gast war vor einer Stunde gegangen. Im ganzen Haus herrschte Stille. Und sie war allein mit ihren Gedanken, die ihr einfach nicht erlauben wollten, zur Ruhe zu kommen.

Tief aufseufzend schlug sie die schwere Brokatdecke zurück und erhob sich vom Bett. Sobald sie in Pantoffeln und Morgenrock geschlüpft war, ging sie über den weichen Orientteppich zum vereisten Fenster und sah hinaus. Der Mond warf sein silbernes Licht auf den schneebedeckten Garten, und wie immer wanderte ihr Blick zu der Ulme, die in der nordwestlichen Ecke majestätisch in die Höhe ragte.

Gequält schloss Addie die Augen, weil ihr in diesem Moment einfiel, was Sebastian ihr während des Walzers gesagt hatte. Ich kenne deine künstlerischen Fähigkeiten. Immerhin besitze ich ein frühes Beispiel deines Talents.

Sie hob die Hand und legte sie an die Fensterscheibe, als könnte sie den weit entfernten Baum von hier aus berühren. Zwölf Jahre waren vergangen, und doch blieb die Erinnerung an jenen Tag so lebendig, als wäre alles erst gestern geschehen. Sie hatte auf einem Ast gesessen, einen Apfel gegessen und sich von der Sonne das Gesicht wärmen lassen, ausgesprochen stolz auf sich, da sie so hoch geklettert war wie noch nie zuvor.

Dann hatte sie Sebastian entdeckt, der unter dem Baum daherkam. Er führte seine alte Stute am Zügel, die sehr wahrscheinlich keinen weiteren Sommer mehr erleben würde. Addie hatte schon immer die sanfte, mitfühlende Art geliebt, mit der Sebastian seine Tiere behandelte, doch in jenem Sommer war sie seiner auf eine ganz andere Weise bewusst geworden. Sein bloßer Anblick hatte genügt, um ihr den Atem zu nehmen und ihr Herz wild klopfen zu lassen. Sie sah zu, wie er der alten Stute zärtlich über die Flanken strich und sie mit einer Möhre fütterte, und seine offensichtliche Zuneigung für das Tier berührte sie zutiefst. Als er die Schultern hängen ließ und die Stirn an den samtigen Hals der Stute lehnte, sah er so ungewohnt verletzlich aus, so einsam und seltsam niedergeschlagen, dass ihr Herz einen Schlag aussetzte.

Als hätte er ihre Nähe gespürt, hob Sebastian den Kopf und sah sie hoch oben im Baum sitzen. Sofort kletterte er zu ihr hinauf, offenbar überzeugt davon, sie bräuchte seine Hilfe, obwohl sie ihm das Gegenteil versicherte. Er erklomm einfach den nächsten Ast und den nächsten, bis er ihr so nah war, so umwerfend gut aussah und so sauber roch, dass die Zuneigung, die Addie all die Jahre für ihn empfunden hatte, sich plötzlich in etwas viel Tieferes verwandelte. Sie fühlte auf einmal eine hilflose Sehnsucht, die sie nicht verstand.

Verwirrt über den seltsamen Wirbelwind der Gefühle in ihr und böse auf Sebastian, weil er an ihrer Verwirrung schuld war, bestand sie ärgerlich darauf, dass er sie allein ließ. Sebastian sah sie nicht minder ärgerlich an und folgte ihrer nicht sehr höflichen Aufforderung. Aus irgendeinem Grund machte sein Gehorsam sie sogar noch wütender, und sie kletterte aufgebracht hinter ihm her. Doch dann verfing sich ihr Rocksaum am untersten Ast, und sie saß fest. Sebastian wandte sich allerdings schon ab und achtete nicht auf ihre Rufe. In ihrer Wut nahm sie den angebissenen Apfel aus der Tasche und warf ihn nach Sebastian. Der Apfel traf ihn genau am Hinterkopf.

Einen Augenblick blieb er regungslos stehen, dann drehte er sich langsam zu ihr um. Die Lippen fest zusammengepresst, kam er zum Baum zurückmarschiert, ganz offensichtlich entschlossen, ihr eine gehörige Standpauke zu halten. Addie zerrte noch einmal heftig an ihrem Rock, um sich zu befreien. Der Stoff riss, und plötzlich verlor sie das Gleichgewicht. Mit einem erschrockenen Aufschrei fiel sie.

Doch statt auf denkbar unelegante Weise auf der Erde zu landen, fand sie sich in Sebastians Armen wieder. Eine kleine Ewigkeit, wie ihr schien, hatte sie ihm einfach nur in die faszinierenden Augen gestarrt, die sie immer an die Abenddämmerung erinnerten – wenn der späte Nachmittag mit dem Abend verschmolz und dunkles Azurblau den Himmel überzog. Sebastian fragte sie leise, ob es ihr gut ging, und sie nickte, aber es war gelogen. Die Art, wie er sie ansah, nahm ihr den Atem und brachte ihr Herz so heftig zum Pochen, dass es fast wehtat.

Sebastian hatte sie langsam wieder auf die Füße gestellt, doch die Hände hatte er auf ihrer Taille gelassen, und auch sie hatte die Hände nicht von seinen Schultern genommen. „Addie.“ Er hatte ihren Namen leise, beinahe ehrfürchtig ausgesprochen, wie ein Gebet. Dann hatte er den Kopf gebeugt.

Nie hätte Addie sich vorstellen können, wie sehr Sebastians Kuss sie aufwühlen würde. Der Griff seiner Hände um ihre Taille war stärker geworden, und sie hatte sich an seinen Jackenaufschlägen festgehalten, weil sie gefürchtet hatte, ihre Beine würden sie nicht mehr tragen. Und dann war es vorbei gewesen.

Seufzend nahm Addie jetzt die Hand von der Fensterscheibe und wandte sich ab. An jenem Weihnachtsfest hatte sie für Sebastian ein kleines Bild von dem Baum gemalt, unter dem ein angebissener Apfel lag. Und er hatte ihr einen kleinen Goldanhänger geschenkt. Alles war wundervoll gewesen. Bis ihr Vater ihr am zweiten Weihnachtstag erzählt hatte, man sei übereingekommen, Sebastian und Grace würden ein großartiges Paar abgeben. Sobald Grace alt genug sei, ein oder zwei Jahre nach ihrer Einführung in die Gesellschaft, sollte sie Sebastian heiraten und somit zwei Familien endgültig miteinander verbinden, die schon seit Jahren befreundet waren.

Was wäre geschehen, wenn sie damals gesprochen hätte? Wenn sie Sebastian gesagt hätte, was sie für ihn empfand? Hätte es etwas geändert, wenn er gewusst hätte, dass sie ihn liebte? Aber das würde sie jetzt niemals erfahren. Es war zu spät.

Unwillkürlich befingerte Addie die zarte Goldkette um ihren Hals und zog den Anhänger unter ihrem Nachtkleid hervor – ein angeknabberter kleiner Apfel aus Gold ruhte in ihrer Handfläche, noch warm von ihrem Körper, wo er zwischen ihren Brüsten gelegen hatte. Es war Sebastians Geschenk an jenem Weihnachtsfest nach ihrem Kuss. Seitdem hatte sie die Kette keinen einzigen Tag abgenommen. Was natürlich lächerlich war, denn morgen oder spätestens übermorgen würde die Verlobung bekannt gegeben werden. Es hatte gewiss nicht nur sie überrascht, dass es nicht schon heute Abend beim Ball geschehen war. Und dennoch. Obwohl Addie wusste, wie dumm es von ihr war, sein Geschenk nach all diesen Jahren noch immer zu tragen, konnte sie sich nicht davon trennen. Obwohl Sebastian ihre Schwester liebte. Und obwohl ihre Schwester Sebastian liebte. Falls sie jemals daran gezweifelt hatte, so hatte ein Erlebnis beim Weihnachtsfest im letzten Jahr ihr die Augen geöffnet, als sie Sebastian und Grace versehentlich dabei ertappt hatte, wie sie sich im Stall küssten.

Dieser Anblick war für sie wie ein Schlag ins Gesicht gewesen und hatte jede ihrer albernen Hoffnungen im Keim erstickt, an die sie sich bisher verzweifelt geklammert hatte – dass Grace sich in einen anderen Mann verlieben würde. Und dass Sebastian vielleicht doch seine Liebe für mich entdecken wird, dachte sie wehmütig.

Sie seufzte erneut. Welch Ironie. Bei den beiden wichtigsten Momenten in ihrem Leben hatte jeweils ein Kuss von Sebastian eine Rolle gespielt. Leider galt sein Kuss beim zweiten Mal einer anderen Frau.

Addie steckte den Anhänger wieder in ihren Ausschnitt und warf einen Blick zu ihrem Bett hinüber. An Schlaf war nicht zu denken, das wusste sie, also verließ sie ihr Schlafzimmer, um in die Küche hinunterzugehen. Wann immer sie nicht schlafen konnte, half meist ein Glas Glühwein. Sie würde alles versuchen, nur um einschlafen und vergessen zu können.

Am Ende des breiten Ganges folgte sie der geschwungenen Treppe nach unten. Zimtduft hing in der Luft und vermischte sich mit dem harzigen Geruch der Tannenzapfen, mit denen das ganze Haus geschmückt worden war. Als sie sich dem Billardraum näherte, vernahm sie das Klicken der Kugeln, und ein Lächeln erschien um ihre Lippen. James übte offenbar für den traditionellen Weihnachtswettkampf, was sehr klug von ihm war. Ihr jüngerer Bruder hatte es bisher noch nicht geschafft, sie beim Billard zu schlagen, und mit seinen fünfzehn Jahren sah er es als seine männliche Pflicht an, diese schändliche Tatsache zu ändern.

Die Tür stand leicht offen. Addie ging auf leisen Sohlen näher, insgeheim schon schmunzelnd bei dem Gedanken, ihren frechen kleinen Bruder zu erschrecken, wie er es so oft mit ihr tat.

Vorsichtig spähte sie in den Raum und erstarrte. Es war nicht ihr Bruder, sondern Sebastian, der sich über den Tisch beugte, um seinen nächsten Stoß vorzubereiten. Er versenkte die rote Kugel und richtete sich langsam auf. Addie stockte der Atem. Sebastian hatte seinen Abendfrack und auch die Weste ausgezogen und die Ärmel seines schneeweißen Hemds hochgekrempelt, sodass sie die starken Arme sehen konnte. Das Hemd hatte er am Kragen gelockert. Fasziniert starrte Addie auf den kleinen Ausschnitt nackter Haut, der dort enthüllt wurde – viel mehr, als die Schicklichkeit erlaubte, und doch viel zu wenig für ihre sehnsüchtigen Blicke. Sein Haar war leicht zerzaust, als wäre er mit den Händen hindurchgefahren, und ein leichter Bartschatten lag um sein Kinn. Addie hatte ihn oft in legerer Kleidung gesehen, aber nicht mehr in letzter Zeit, und ganz gewiss nicht so aufregend leger wie jetzt – als befände er sich in seinem Schlafzimmer und hätte schon begonnen, sich allmählich auszuziehen.

Ihre innere Stimme riet ihr, sich schleunigst zurückzuziehen, und Addie beschloss – wenn auch mit größtem Widerwillen –, auf sie zu hören. Nach einem letzten verstohlenen Blick wollte sie sich schon abwenden, da ließ Sebastians tiefe Stimme sie zusammenzucken. „Hast du vor, dich die ganze Nacht hinter der Tür zu verstecken, Addie, oder möchtest du lieber ein Spiel mit mir wagen?“

Zum Kuckuck, der Mann musste Augen wie ein Luchs haben! „Ich verstecke mich nicht“, erwiderte sie stolz und trat hinter der Tür hervor. „Ich … stehe lediglich hier.“

„Ja, aber bevor du da gestanden hast, hörte ich dich den Gang hinuntergehen.“

Offenbar verfügte er auch über Ohren wie ein Luchs. „Woher wolltest du wissen, dass ich es bin?“

Er zuckte die Achseln. „Ich erkenne deine Schritte. Außerdem beherrschst du die Kunst des Anschleichens nun einmal nicht.“

Empört hob sie das Kinn. „Es gab ja auch gar keinen Grund für mich, mich heranzuschleichen, da ich ja nicht wusste, dass jemand da war. Was mich zu der Frage bringt, wieso du überhaupt hier bist.“

„Ich konnte nicht schlafen.“

Sein Blick glitt flüchtig über ihren weißen Baumwollmorgenrock, und obwohl er sie vom Hals bis zu den Knöcheln völlig bedeckte, so wie auch das Nachtkleid darunter, kam Addie sich plötzlich seltsam nackt vor.

„Und du?“, fragte er.

„Ich wollte mir einen Glühwein machen.“

„Glühwein?“ Ohne den Blick von ihr zu nehmen, legte er seinen Queue auf den Billardtisch und kam mit einer Entschlossenheit auf Addie zu, die ihr seltsamerweise das Gefühl gab, er sei ein gefährliches Raubtier und sie ein winziges, hilfloses Mäuschen. Er blieb kaum eine Armlänge von ihr entfernt stehen – ein Abstand, der zu klein und gleichzeitig bei Weitem nicht klein genug war. „Hier gibt es keinen Glühwein, Addie“, sagte er mit leiser, rauer Stimme. „Nur mich.“

Ja. Nur ihn. Von dessen umwerfend attraktiven Anblick Addie sich nicht losreißen konnte. Und sie, nur in Nachtkleid und Morgenrock gekleidet und mit so laut klopfendem Herzen, dass sie fürchtete, Sebastian müsse es hören.

Sie räusperte sich, weil sie auf einmal keinen Laut herausbekam. „Ich war auf dem Weg in die Küche, als ich hier jemanden spielen hörte. Ich dachte, es sei James.“

„Und wahrscheinlich wünschst du, er wäre es wirklich gewesen.“ Er blinzelte ihr neckend zu. „Ihn kannst du nämlich schlagen.“

Addie hob die Augenbrauen. „Du glaubst, dich kann ich nicht schlagen?“

„Ja, genau das glaube ich.“

„Dir ist bewusst, dass du gerade den Fehdehandschuh hingeworfen hast.“

„So bin ich nun mal – Lord Fehdehandschuh.“

„Was dir sicher besser gefällt als Lord Reizend.“

„Darauf kannst du Gift nehmen. Nun bleibt nur noch zu sehen, ob du den Handschuh aufheben wirst.“

Sie verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Dir ist offenbar entgangen, dass ich die unangefochtene Billard-Meisterin in diesem Haushalt bin.“

„Das heißt nicht viel“, wandte er gelassen ein. „Dein Vater hasst das Spiel. Grace fürchtet sich, die Kugeln zu hart zu treffen, und James könnte nicht einmal zielen, wenn es um sein Leben ginge.“

Zu ihrem Ärger musste Addie ihm in allen Punkten recht geben. „Ich kann auch Evan schlagen.“

„Sogar Grace kann Evan schlagen.“

„Und ich bin besser als du. Früher habe ich dich oft besiegt.“

„Stimmt, aber das ist lange her. Seit damals habe ich ein paar Tricks dazugelernt.“ Ein selbstzufriedenes Lächeln erschien um seine Mundwinkel. „Möchtest du sie sehen?“

Lieber Himmel, sie würde alles sehen wollen, das er ihr gern zeigen wollte. Und das so inbrünstig, dass sie wusste, sie musste gehen. Sofort. Bevor sie etwas sagte oder tat, das sie bitter bereuen würde. Doch die Versuchung, wenigstens diese kurzen kostbaren Momente mit ihm zu verbringen, war unwiderstehlich. Außerdem wollte sie ihm beweisen, wie unrecht er hatte.

Sie setzte ebenfalls ein selbstgefälliges Lächeln auf. „Man gewinnt dieses Spiel mit Können, nicht mit Tricks.“

„Meine Tricks sind aber sehr gekonnt.“

„Und deine Überheblichkeit ist unglaublich. Ich glaube, ich werde dich von jetzt an Lord Hält-sich-für-den-Nabel-der-Welt nennen.“

„Ich besitze lediglich gesundes Selbstvertrauen.“

Sie schüttelte mitleidig den Kopf. „Ich hoffe, dein Selbstvertrauen ist stark genug, um die bittere Niederlage einzustecken, die dich erwartet.“

„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Es sei denn …“

„Es sei denn, was?“

Er kam noch einen Schritt näher und legte eine Hand an den Türrahmen hinter ihr. Addie vergaß einen Moment vollkommen, den nächsten Atemzug zu tun. Sebastian beugte sich vor. Der Duft nach frisch gewaschener Kleidung umgab ihn und nach etwas anderem, das Addie nicht definieren konnte, das aber so verführerisch war, dass ihr leicht schwindlig wurde. „Es sei denn, du hast Angst.“

Der Himmel mochte ihr beistehen, aber sie hatte sogar große Angst. Nicht vor Sebastian, sondern vor sich selbst, vor ihrer eigenen Sehnsucht und davor, wohin die sie führen könnte.

Doch sie warf ihm einen besonders hochmütigen Blick zu. „Ich habe keine Angst. Es ist nur …“, begann sie und sah an sich herab, „… nicht ganz schicklich.“

„Ich verrate nichts, wenn du es nicht tust.“

Addie musste trotz allem lächeln. Wie oft hatten sie diese Worte zueinander gesagt, eigentlich bei jedem Streich, den sie ausheckten – meist auf ihr Betreiben. Er erwiderte ihr Lächeln, und plötzlich hatte sie das Gefühl, sie seien wieder Kinder, die auf einen Baum kletterten oder auf Froschjagd gingen, obwohl sie wussten, dass ihre Eltern es missbilligen würden.

„Ich werde gewinnen“, behaupteten sie gleichzeitig und lachten dann leise.

„Nur einer von uns kann recht behalten“, gab Sebastian zu bedenken.

Addie verdrehte die Augen. „Nun, das ist ja wohl offensichtlich …“ Sie hielt abrupt inne und erstarrte, den Blick fasziniert auf das gerichtet, was direkt über ihrem Kopf am Türrahmen hing. „W…was ist denn das?“

Sebastian sah hinauf, und auch er verharrte einen Moment regungslos. „Es scheint ein Mistelzweig zu sein.“

In der Tat. Ein Mistelzweig mit Rosmarin, Salbei und getrockneten Lavendelblüten hing an einem grellroten Satinband.

„Aber … aber wie ist er da hingekommen?“

„Ich stelle mir vor, einer der Diener hat ihn dort aufgehängt.“

Addie schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe höchstpersönlich das Anbringen aller Mistelzweige überwacht, und hier hat es keinen gegeben.“

„Offenbar blieb einer übrig, und jemand hat ihn eben hier angebracht.“

„Und was schwebt da um den Zweig herum?“ Addie reckte den Hals. „Sieht aus wie …“

„Rosafarbene Funken“, sagten beide gleichzeitig.

Addie senkte den Kopf und bemerkte, dass Sebastian sie mit einem ganz seltsamen Ausdruck in den Augen ansah.

„Wenn eine junge Dame unter einem Mistelzweig steht und nicht geküsst wird, wird sie in jenem Jahr nicht mehr heiraten, heißt es“, wiederholte Sebastian, was man sich über diese alte Weihnachtstradition sagte.

Ein unbehagliches Lachen entfuhr Addie. „Da das Jahr schon fast vorbei ist, macht mir das keine besondere Sorge.“ Tatsächlich war es ihr vollkommen egal, ob sie jemals heiratete, da der einzige Mann, den sie liebte, bald ihre Schwester heiraten würde. Doch jetzt stand er dicht vor ihr, und sie sehnte sich so sehr danach, ihn zu küssen.

„Es heißt auch, eine junge Dame, die unter einem Mistelzweig steht, darf niemanden abweisen, der sie küssen möchte.“

Ja, so hieß es, und dieser geheimnisvolle Mistelzweig, der wie durch Zauberei hier erschienen war, lieferte ihr sogar die vollkommene Ausrede dafür, einen Kuss von dem Mann anzunehmen, den sie liebte.

Nur wusste sie, dass sie es auf keinen Fall tun durfte. Ein flüchtiges Küsschen unter dem Mistelzweig mochte zwar harmlos und unschuldig erscheinen, doch tief in ihrem Herzen musste Addie sich eingestehen, dass es nicht so sein würde. Nicht für sie. Was für Sebastian nichts weiter sein würde als eine alte Weihnachtstradition, wäre für sie von viel zu großer Bedeutung.

Sie wusste einfach, dass sie bei seinem Kuss nicht ihre Gefühle würde verbergen können. In diesem Moment waren sie so stark und überwältigend, Sebastian musste notgedrungen ihre Liebe erkennen. Und dann könnte sie weder ihm noch Grace je wieder in die Augen sehen.

Panik stieg in ihr auf. „Ich muss gehen“, sagte sie und zuckte zusammen, so gequält klang ihre Stimme.

„Addie, warte …“

Aber sie wartete nicht. Stattdessen schritt sie den Gang so schnell hinunter, wie es nur ging, ohne den Eindruck zu erwecken, sie sei auf der Flucht. Sie wurde erst langsamer, als sie ihr Zimmer erreichte, und schlug hastig die Tür hinter sich zu. Schwer atmend lehnte sie sich dagegen, schloss die Augen und kämpfte gegen das Schluchzen an, das in ihr aufstieg. Heftige Schuldgefühle quälten sie. Sie merkte nicht, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. Nur mit allerletzter Kraft war es ihr gelungen, vor dem Mann davonzulaufen, den ihre Schwester liebte und bald heiraten würde. Was für ein Mensch war sie nur?

In jedem Fall musste sie sich eingestehen, dass man ihr in Sebastians Nähe nicht trauen konnte. Nur noch ein paar Tage, dann würde dieses höllische Weihnachtsfest vorbei sein und sie wäre auf dem Weg nach Paris – weit fort von Sebastian. Dieser Gedanke hätte sie aufmuntern sollen, doch Addie konnte sich nicht selbst belügen. In Wirklichkeit brach ihr bei der Aussicht auf ein Leben ohne Sebastian das Herz.