Hitman - Felix A. Münter - E-Book
Beschreibung

Carter ist käuflich. Bei seinem Einsatz im Kongo, hat Carter eine junge Journalistin kennengelernt, die ihn um seine Hilfe bittet. Das führt ihn nach Malta. Dort hat sich die Journalistin mit den falschen Leuten eingelassen und steht mit dem Rücken zur Wand. Doch ehe sich Carter versieht, befindet er sich selbst mitten in einem Netz aus Vertuschung und Mordaufträgen.   "Carter ist übrigens nicht mein richtiger Name." Weitere aktuelle Titel von Felix  A.  Münter:    Die Carter-Akten (Thriller-Serie): - Mercenary - Hunter - Hijacker - Bloodhound - Hitman - Lone Wolf Dynastie (Episches Fantasy Drama): - Königsretter - Königsfreund - Königsbote Westrin (High-Fantasy-Saga): - Kaisersturz - Exil - Schicksal - Kaisergardist - Legionär - Phoroi Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Ann-Kathrin Karschnick): - Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow  - Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Troubleshooter (Weird Horror Western Serie): - Das Aufgebot - Jäger und Gejagte - Ein Funken Wahrheit Archon (Science Fiction Serie): - Vermächtnis - Höhere Macht - Per Aspera - Eingungskrieg - Ad Astra Einzelbände: Der kleine König - High Fantasy  All about the Money - Thriller Vita - Steampunk-Thriller Prepper - Endzeit-Thriller Nulllinie - Thriller  

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Seitenzahl:181


Inhaltsverzeichnis
Hitman (Carter- Akten V)
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Felix A. Münter

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

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Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-615-6

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Für Katharina;

die mich auf diesem Abenteuer so wunderbar begleitet.

Ich liebe dich.

Unerwartete Post

Kapitel I

Was ist richtig und was ist falsch? Bisher war die Frage für mich immer schnell und einfach zu beantworten. Alles, was mir meine Taschen füllte, war richtig. Das Problem ist nur: Die Menschen mit viel Geld sind selten die, die Gutes im Sinn haben. Und manchmal kommst du auch in diesem Beruf an eine Grenze, an der du dich fragen musst, ob du dein Gewissen mit dem nächsten Scheck wirklich beruhigen kannst.

Das Leben als Freelancer ist in erster Linie eins: schwer planbar. Es gibt Zeiten, in denen kannst du dich vor Kontrakten nicht retten und hast die freie Auswahl, an welchem Ort der Welt du für jemanden dein Leben riskierst. Und dann gibt es Zeiten, in denen scheint der Markt übersättigt. Wochenlange Zeitfenster, in denen kaum Anfragen reinkommen und du ganz automatisch beginnst, die Nachrichten zu durchforsten, nur um festzustellen, dass die Welt über Nacht doch nicht zum friedlichen Ort geworden ist. Es ist ein stetes Auf und Ab – wie in anderen Branchen gibt es Leistungsspitzen und Flauten.

Je länger man dabei ist, umso einfacher sind diese Zeiten zu überstehen, denn irgendwann kommt man an den Punkt, an dem die eigenen Konten gut gefüllt sind und sich das Bargeld in den Tresoren stapelt. An diesem Punkt hat man etwas Wertvolles erreicht, nämlich Unabhängigkeit. Es tut gut, nicht mehr jeden Job annehmen zu müssen, sondern eben nur noch die, die man will. Romantiker würden jetzt wohl sagen, dass diese Begleitumstände der richtige Moment wären, um den Absprung zu wagen, die Branche und das Blutvergießen ein für alle Mal hinter sich zu lassen und etwas anderes zu tun. Die Sache ist nur die: Wenn man so lange in der Branche aktiv war wie ich, dann hat man sich an fast alles gewöhnt. Und in der Tiefe seines Herzens liebt man seinen Job. Es gibt also keine Notwendigkeit, sich etwas anderes zu suchen.

Aber das ist nur ein Aspekt der schweren Planbarkeit. Der andere ist, dass du am Anfang eines Monats eigentlich nie so genau weist, wo du die nächsten Wochen verbringen wirst. Vielleicht siehst du dein Haus für ein paar Tage nicht, vielleicht auch für Wochen oder Monate. Auch das sind Dinge, die dir eigentlich vom ersten Moment an klar sind – und hier ähnelt der Beruf des Söldners wohl dem des Soldaten. Beide verbringen den Großteil ihrer Zeit fernab von dem Ort, an dem sie leben. Das führt zu zwei anderen Aspekten. Viele Kollegen wissen nicht, wohin mit ihrem Geld. Welchen Sinn hat es denn, sich von seinem Sold irgendwo ein Haus in die Landschaft zu stellen, wenn man es die meiste Zeit des Jahres nicht nutzt? Ich kenne genug Söldner, die in diesem Gesichtspunkt eine Mischung aus Pragmatismus und Geiz an den Tag legen. Sie ziehen kleine, unscheinbare Wohnungen vor, mieten sich irgendwo ein, um die Kosten gering zu halten. Am Ende des Tages stellt sich mir dann immer die Frage, warum man dann überhaupt ein Vermögen ansammelt, wenn man es doch nicht ausgibt. Bestimmt nicht, um es zu vererben.

Und damit wäre ich beim nächsten Aspekt. Das Leben, das ein Söldner sich ausgesucht hat, ist in allen Belangen schwer planbar – und das betrifft natürlich auch das Zwischenmenschliche. Die Söldner, die sich in intakten und funktionierenden Beziehungen befinden, kann ich an einer Hand abzählen. Oftmals ist das Gegenteil der Fall. Die Arbeitsweise, die langen Abwesenheitszeiten von zu Hause, die Dinge, die man während der Einsätze gesehen und vielleicht selbst vollführt hat – sie alle sorgen dafür, dass der Söldner Schwierigkeiten damit hat, eine Beziehung aufzubauen. Oder anders gesprochen: Andere Menschen haben ein Problem damit, eine Beziehung mit ihm aufzubauen. Und wer kann ihnen das verübeln? Das Leben mit der Waffe in der Hand formt einen, lässt einen gleichzeitig abstumpfen. Kaum verwunderlich ist die Zahl der PTBS-Diagnosen. Sie ist enorm hoch, ganz zu schweigen von den physischen Verletzungen und ihren Folgen. Es gibt viele Söldner, die nur noch mit Xanax oder Ambien über den Tag kommen – und so von einem Problem in das nächstgrößere marschieren. Aber irgendwoher muss ja die Opioid-Krise dieses Landes kommen, nicht wahr? Eine Vielzahl an Veteranen entwickelt sich zu tickenden Zeitbomben. Sie sind nicht in der Lage, Partnerschaften zu führen, und können sich noch viel weniger um Kinder kümmern. Ich habe viel zu viele Beziehungen auf eine ganz üble Art und Weise zerbrechen sehen.

Man ist also gut beraten, sich schon lange im Vorfeld Gedanken darüber zu machen und sein Leben letztlich nach diesem Kodex auszurichten. Ich habe mich daher vom vorgelebten Idealbild der amerikanischen Familie mit mindestens zwei Kindern schon früh verabschiedet. Letztlich ist die Fertilitätsrate der USA hoch genug, da kommt es auf mich wohl nicht an, oder? Das Alleinleben erscheint als beste Wahl für diesen Job – ich kann mir gut vorstellen, dass Väter oder Mütter im Einsatz nicht die volle Leistung bringen, da ein Teil der Gedanken automatisch bei den eigenen Kindern verweilt. Das ist eine Feststellung, keine Abwertung.

Zusammengefasst ist der Kreis vertrauter Menschen um mich herum klein und überschaubar. Schon vor vielen Jahren habe ich die Entscheidung getroffen, die meisten Menschen nicht nah an mich heranzulassen. Ein Schutzmechanismus für mich, aber auch für die anderen. Jedenfalls rede ich mir das immer wieder ein und glaube deswegen auch daran. Bisher lebe ich ganz gut damit. Ob dieser Lebensentwurf natürlich über die weite Distanz trägt, das gilt noch abzuwarten.

***

Jedes Leben besteht aus Ritualen. Das mag der morgendliche Kaffee nach dem Aufstehen sein, die Zigarette danach, der Kirchgang am Sonntag: Wir haben uns unsere Leben in überschaubare Segmente eingeteilt und schaffen Vertrautheit dadurch, dass wir die gleichen Handlungen fortlaufend wiederholen. Niemand kann sich davon freisprechen, und unsere Leben wären ein ziemliches Chaos, wenn wir es nicht tun würden.

Auch ich hatte meine Rituale. Nach Beendigung eines Kontrakts flog ich zurück nach Denver, brachte meine Ausrüstung nach ausgiebiger Funktionsprüfung (man will ja vorbereitet sein) in einem meiner Lager unter und fuhr nach Haus. Dann spielte sich der immer gleiche Ablauf ab. Mit einer einstündigen Dusche trieb ich meine Wasserrechnung in die Höhe. Das prasselnde, heiße Wasser half mir dabei, meine Gedanken zu ordnen, und es spülte den Dreck des letzten Auftrags ab – physisch, wie auch psychisch. War ich damit fertig, schlüpfte ich in frische Klamotten. Wobei das ein Euphemismus ist: Seit Jahren nutze ich dafür die gleiche Kombination aus ausgewaschener Cargo und verblichenem Hoodie. Sie sind sauber, aber abgetragen. In ihnen fühle ich mich wohl, in ihnen stellt sich das Gefühl ein, angekommen zu sein.

Es folgt meine Tour durch Denver. Es gibt drei Restaurants, die ich immer ansteuere: Das »Guard and Grace«, ein Steakhouse; den »Atomic Cowboy«, eine Pizzeria und den »Burger Baron«. Mein Körper kann eine ganze Menge Kalorien vertragen und nach Tagen und Wochen im Einsatz, sind diese drei Restaurants eine echte Offenbarung für den Gaumen. Man kennt mich dort, und ich bin mir sicher, man freut sich über meinen Besuch, nicht zuletzt wegen des Trinkgelds, bei dem ich mich nicht an 15 bis 20 Prozent-Intervalle halte.

Danach geht es für mich zum nächsten Walmart, denn es gibt Einkäufe zu erledigen. Abschluss meines – wie ich es nenne – Homecoming-Rituals ist mein Bett. Kontrakte sorgen meist dafür, dass man fortlaufend übermüdet ist. Ich bin immer gewillt, meinem Körper zu geben, nach was er verlangt. Wenn ich dafür Zeit habe. Vollgefressen versenke ich mich dann also die nächsten 48 Stunden in mein Bett und verlasse es nur, um auf die Toilette oder zum Kühlschrank zu gehen.

In dieser Zeit bin ich nicht erreichbar. Mein Smartphone schalte ich ab, sobald die Ausrüstung verstaut ist, meinen Computer schalte ich erst gar nicht an. Wer auch immer etwas von mir will – er wird warten müssen.

So war es auch diesmal. Etwa drei Tage, nachdem ich nach einem Kontrakt in Mittelamerika wieder im Lande war, schälte ich mich aus dem Bett, genoss einen starken Kaffee und vollzog mein morgendliches Programm. Ein weiteres Ritual, zumindest dann, wenn ich nicht im Einsatz bin. Zwei Stunden ausgiebiger Sport im eigenen Fitnessraum. Dieses Ritual wurde von meinem Frühstück und einem ersten Blick in die Nachrichten und mein Postfach unterbrochen, bevor ich mich an einen Ausdauerlauf in Halbmarathonlänge machte. Ein fitter Körper ist eben das, was dich da draußen am Leben hält. Bevor ich also in die Laufschuhe stieg, sichtete ich meine Mails. Für Antworten gab es später noch Zeit.

Meistens ist der Inhalt meines Postfachs überschaubar. Diesmal erwartete mich ein kurzes Abschlussdossier des letzten Kontrakts, die Bestätigung der Zahlungsanweisung meines Solds, zwei Mails von Waffenhändlern, bei denen ich seit Jahren meine Ausrüstung beziehe (und die mir ihre Ware schmackhaft machen wollten) und eine Mail ohne Betreff. Mit dem Cursor fuhr ich darüber und ließ mir die Absenderadresse anzeigen.

E.Castillo@ec.net

Ich hielt inne. Ein Jahr war es her, dass ich Eva Castillo nach einem Einsatz im Kongo – der anders als erwartet endete – meine Adresse gegeben hatte. Ich hatte dem nicht viel beigemessen und nicht damit gerechnet, jemals wieder von der Journalistin zu hören. Jetzt aber schlummerte da eine Mail von ihr in meinem Postfach. Nachdenklich nahm ich meinen Kaffee, schlürfte, betrachtete die Mail, öffnete sie aber nicht. Die Journalistin hatte es geschafft, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber ich sah keinen Grund, wegen einer einzelnen Mail meine Routinen zu unterbrechen. Ich ließ die elektronische Post daher unberührt und machte mich an mein Laufpensum.

Zwei Stunden später kam ich wieder zurück und musste anerkennen, dass die plötzliche und unerwartete Meldung der Journalistin mich stärker beschäftigte, als ich zuerst angenommen hatte. Normalerweise ist es mit dem Laufen ganz einfach: Man findet seinen Rhythmus, die Landschaft zieht an einem vorbei und man lässt alle Gedanken hinter sich. In diesem Fall jedoch war es anders. Während ich meine Meilen abriss, hatte ich gespürt, dass ich mich nicht von der Frage lösen konnte, was wohl in der Mail stand. Ich verzichtete daher auf die Dusche, schnappte mir eine Wasserflasche und hängte mich wieder vor den Monitor. Die Mouse klickte und ich öffnete die Mail.

~~~

An: Solutions@Carter.fk

Von: E.Castillo@ec.net

Carter,

damals im Kongo sagtest du, dass ich mir Hilfe bei jemandem holen soll, wenn ich mich wieder mit den Reichen und Mächtigen anlege. Ich habe lange überlegt, ob es ein Scherz war. Nun bin ich an dem Punkt angelangt, an dem mir das eigentlich egal ist.

Ich brauche Hilfe.

Eva

~~~

Ich las die Zeilen mehrfach und ließ sie auf mich wirken. Nachdenklich presste ich einen Schluck Wasser immer und immer wieder durch die Zähne und kam zu keinem Schluss. Was mochte die Journalistin angestellt haben, dass sie so verzweifelt war, mir eine Mail zu schreiben? Und ging es wirklich darum, dass sie Probleme hatte? Immerhin war sie die einzige Zeugin dafür, dass ich Lionel Okoye erschossen hatte – vielleicht ging es genau um diese Sache. Vielleicht suchte sie einen Vorwand, um mit mir in Kontakt zu treten?

Meine Finger senkten sich auf die Tastatur, doch bevor ich den ersten Buchstaben eintippte, hielt ich inne. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, ihr zu antworten – und oft ist es das Beste, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen. Solange ich nicht mehr über ihre Motive wusste, war es voreilig, zu reagieren. Ich schloss daher das Mailprogramm, realisierte, dass meine schweißnasse Kleidung immer noch an mir klebte, und beschloss, eine Dusche zu nehmen.

Ich merkte, wie die Mail mich nicht losließ, wie mein Blick wieder zum Monitor glitt, als ich aus dem Bad kam. Was genau steckte hinter der Anfrage? Und viel wichtiger: Wo steckte Castillo? In der Mail hatte sie keine Adresse genannt, und es gab auf der Welt ziemlich viele düstere Ecken, in die sich eine Journalistin mit zu hohen Idealen verirren konnte. Erneut war ich versucht, ihr auf die Schnelle eine Antwort zu schreiben, ließ dann aber wieder davon ab. Irgendetwas wollte mir an der ganzen Angelegenheit nicht schmecken, doch so sehr ich mir auch den Kopf zerbrach, ich kam nicht dahinter, was.

Vielleicht würden mich meine Routinen etwas ablenken. Denn eine andere Sache, die fest in meiner Planung verankert war und immer schnell erfolgte, wenn ich wieder in Denver war, war ein Besuch in der Gemeinde. Ich bin letztlich weder religiös noch gläubig, aber wenn du jüdischen Glaubens bist und nicht hin und wieder in der Gemeinde auftauchst, wirst du schneller zum Gespräch, als dir lieb ist. Es war daher eine Art Höflichkeitsbesuch. Ich ließ mich blicken, führte belanglose Gespräche, durfte mir vom Rabbi anhören, wie es der Gemeinde in der letzten Zeit ergangen war und wurde zu dem einen oder anderen Essen eingeladen. Ich war gut darin, die meisten dieser Einladungen auszuschlagen, ohne jemandem vor den Kopf zu stoßen.

Schon länger frage ich mich, was genau die Verbindung zur Gemeinde eigentlich für mich ist. Tatsächlich zerbrach ich mir schon ein paar Jahre den Kopf darüber, war aber noch zu keiner zufriedenstellenden Antwort gekommen. War es eine Art Rettungsanker? War es einfach nur eine Routine, die mich beschäftigt hielt und dazu diente, eine Fassade der Normalität aufrechtzuerhalten? Ich hatte nie wirklich erzählt, was ich beruflich machte – das Söldnertum ist eben kein Beruf, mit dem man hausieren geht – und ich war mir auch nicht sicher, ob irgendjemand eine Ahnung hatte. Wenn jemand fragte, dann war ich in vielen Ländern als Berater tätig. Eine Berufsbezeichnung die, wenn man es genauer betrachtete, sogar nicht einmal gelogen war. Jedenfalls war die Gemeinde nicht nur eine Verpflichtung, es war auch ein bisschen Kompensation dafür, dass es irgendwo in der Welt Menschen gab, die einen kannten und die sich vielleicht auch – irgendwie–sorgten.

Letztlich nahmen Rabbi und Gemeindemitglieder mich über drei Stunden in Beschlag und das Treffen endete, wie es immer endete: Ich beteuerte, bei den nächsten Veranstaltungen oder Einladungen zu versuchen, vor Ort zu sein, ließ ein paar Hunderter als Spende da und machte mich wieder auf den Heimweg.

Es war wenig verwunderlich, dass mein Blick zum Smartphone glitt, nachdem ich wieder im Auto saß. Es war eine rein mechanische Handlung, zumindest versuchte ich mir das zu erzählen. Tatsächlich aber war es Neugierde. Ich wollte wissen, ob Castillo sich noch einmal gemeldet hatte. Und wirklich, das hatte sie. Noch bevor ich den Wagen startete, nahm ich mir die Zeit, ihre Nachricht auf dem kleinen Bildschirm zu lesen.

~~~

An: Solutions@Carter.fk

Von: E.Castillo@ec.net

Carter,

ich hoffe, dass du dir keinen bösen Scherz erlaubt hast, als du mir diese Adresse gegeben hast. In der Hoffnung, dass meine erste Mail vielleicht in einem Spamfilter steckenblieb, versuche ich es noch einmal.

Ich brauche Hilfe. Dringend. Ich sitze an etwas Großem und man beginnt, mich in die Zange zu nehmen. Ich habe Angst, mir die Finger zu verbrennen.

Eva

~~~

Ich schaltete das Smartphone aus und schnalzte mit der Zunge. Wenn man sie in die Zange nahm – und ich wusste immer noch nicht, wo sie war oder mit wem sie es zu tun hatte – dann war ihre Angst unbegründet. Denn dann hatte sie sich bereits die Finger verbrannt.

Auf der gesamten Fahrt und während ich den Wagen in die Garage fuhr, fragte ich mich, warum mich die beiden Mails so stark bewegten. Da war einerseits mein Bauchgefühl, das mir riet, nicht auf die Anfragen zu antworten, andererseits war da aber auch diese Neugier. Ein wenig verfluchte ich schon, ihr seinerzeit im Kongo eine Kontaktmöglichkeit hinterlassen zu haben. Andererseits hatte mein Job mich in der Vergangenheit gelehrt, auszuharren. Der Drang, mehr über ihre Anfrage und die mutmaßlich üble Situation zu erfahren, in die sie sich manövriert hatte, war zwar vorhanden, aber nicht so groß, dass ich ihn nicht kontrollieren konnte.

Den Rest des Nachmittags bis in den frühen Abend hinein verbrachte ich mit einigen Telefonaten. Man kann sich kaum vorstellen, wie viele Dinge sich in wenigen Wochen auftürmen können. Es waren die Notwendigkeiten, die ein fester Wohnsitz mit sich brachte: Rechnungen und Papierkram warteten bereits. Ich bin ziemlich dankbar darüber, dass vieles davon heute allein mit einem Telefon oder einem Computer funktioniert und man nicht mehr persönlich bei irgendwelchen überfüllten Behörden erscheinen muss. Am Abend jedenfalls waren die meisten Dinge geklärt. Ich ziehe diesbezüglich Ordnung vor, denn sie erspart Probleme.

Und dann meldete sich mein Smartphone erneut, wieder mit einer Mail von Castillo. Seit ihrem letzten Versuch waren etwas mehr als vier Stunden vergangen.

~~~

An: Solutions@Carter.fk

Von: E.Castillo@ec.net

Carter,

ich meine es ernst. Wenn mir jemand anderes einfiele, der mir in dieser Situation helfen könnte, dann würde ich dich nicht fragen. Doch wie es aussieht, sind die meisten meiner »Freunde« und »Kontakte« bereits eingeschüchtert. Mit ihnen ist es wie mit dir gerade: Sie antworten nicht mehr auf meine Anfragen.

Bitte lass mich nicht hängen. Was muss ich tun, um dich von der Ernsthaftigkeit meines Anliegens zu überzeugen? Bitte, gib mir eine Rückmeldung – irgendeine. Wenn du gerade irgendwo auf der Welt im Einsatz bist, dann lass es mich wissen. Dann weiß ich, dass ich keine Hoffnung mehr hegen muss.

Carter, ich hänge auf Malta fest. Hast du die Nachrichten in letzter Zeit verfolgt? Die großen Enthüllungen? Die Panama- oder Paradise-Papers? An so einer Sache bin ich dran. Und ich bin fündig geworden. Seitdem versuchen sie, mich auseinanderzunehmen. Sie haben meine Konten eingefroren, so dass ich Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte. Von der Insel verschwinden kann ich ohne Geld auch nicht – außerdem glaube ich, dass man mich am Flughafen aufhalten wird. Sie bombardieren mich mit anonymen Mails, die ich für eindeutige Drohungen halte. Welchen Grund hätte man sonst, mir Videos von Leichenfunden zu schicken?

Normalerweise würde ich mit diesen Drohungen zur Polizei gehen. Aber ich glaube, die stecken mit drin. Ich habe jedenfalls kein Vertrauen, dass es besser wird.

Du bist das einzige Ass, das ich noch im Ärmel habe. Deshalb hoffe ich darauf, dass du mich nicht hängen lässt.

Eva

~~~

Es war also – mehr oder minder – so, wie ich angenommen hatte. Ihre Ideale und ihr Ehrgeiz hatten sie in eine Situation gebracht, aus der sie sich selbst nicht mehr befreien konnte. Ihre Not musste in der Tat groß sein, wenn sie sich an mich wandte.

Die Frage war aber, was ich mit dieser Information anfing. Castillo bat nicht um Geld. So oder so: Sie würde sich meine Dienste nicht leisten können, selbst wenn ihre Konten frei zugänglich gewesen wären. In den vergangenen Jahren hatte ich mir eine Sache zum Grundsatz gemacht, nämlich nur dann meinen Arsch in die Schusslinie zu halten, wenn ich dafür auch bezahlt wurde. Pragmatisch gesehen gab es also nicht den geringsten Grund, nach Malta zu fliegen. Eigentlich war der Fall einfach. Castillo hatte sich wissentlich in Gefahr begeben und kämpfte mit den Folgen. Ich hätte Mitleid mit ihr haben können, aber das war keine Eigenschaft, die in diesem Job sonderlich hilfreich war.

Ich hätte die Sache damit einfach abhaken können. Ihre Mails löschen, Adresse blockieren und einfach weitermachen. Ich war mir sicher, dass es mir gelungen wäre. Doch irgendwie ließ mich der Fall nicht los. Auf die Panama- und Paradise-Papers folgten Enthüllungen mit enormer Schlagkraft, und ich hatte eine entfernte Ahnung, wen sich die Journalistin damit zum Feind gemacht hatte. Eigentlich war das der nächste Punkt, der dagegensprach, ihrer Anfrage zu folgen. Doch ich nahm mir Zeit, es aus einem anderen Blickwinkel zu bewerten. Welche Informationen sie auf Malta auch immer ausgegraben hatte, es gab bestimmt eine ganze Menge Menschen, die dafür gut zahlen würden.

Vielleicht war ihre Anfrage also lukrativer, als ich im ersten Moment angenommen hatte.

An: E.Castillo@ec.net

Von: Solutions@Carter.fk

Unterwegs

~~~

Ich brauchte noch eine halbe Stunde, um mir über den nächsten Schritt klar zu werden. Dann stand ich auf, ging zum Tresor, suchte mir den passenden Reisepass und schnappte mir ein Bündel Banknoten.

Ankunft

Kapitel II

In weniger als fünfzehn Stunden schaffte ich es von Denver, Colorado, nach Valletta, Malta. Führt man sich vor Augen, wie lange eine solche Reise noch vor hundert Jahren gedauert hätte, wird einem klar, in was für spannenden Zeiten wir eigentlich leben.

Ich hatte mich für die sinnvollste und schnellste, zugleich aber auch teuerste Route entschieden: von Denver mit Lufthansa bis nach München und von dort nach etwas mehr als zwei Stunden Aufenthalt weiter nach Valletta, diesmal mit – wie sollte es anders sein – Air Malta. Natürlich hätte ich den Flug auch günstiger bekommen können, keine Frage. Jedoch hatte ich Castillos Mail so gelesen, dass sie eher früher als später Hilfe brauchte. Und tatsächlich ertappte ich mich auf dem Flug bei dem Gedanken, dass ich vielleicht schon zu spät ankommen könnte. Ich versuchte mich an einem pragmatischen Gedanken. Wenn dem so war, dann war Malta sicherlich auch ein paar Tage Urlaub wert.

Ich reiste mit kleinem Gepäck, genauer gesagt einer einzelnen, kleinen Reisetasche, die noch unter die Handgepäcksreglung fiel. Auf diese Weise ist es viel komfortabler, eben nicht an alles denken (und dabei irgendetwas vergessen) zu müssen, sondern sich vor Ort mit dem nötigen Bargeld auszustatten. Davon ab hatte ich keine genaue Vorstellung davon, was mich auf Malta erwartete.