Beschreibung

Wenn der Heiligenschein eine Macke hat ... ... ist die Stimmungslage teils besinnlich, teils heiter bis ausgelassen und ein bisschen frech.  Elf weihnachtliche Geschichten zum Schmunzeln, in denen Engel ihre Flügel im Spiel gehabt haben könnten. 

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Rita Roth

Ho Ho Ho! Klingelingeling!

Weihnachtliche Kurzgeschichten

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Widmung

 

 

 

Für alle

Engelchen und Schutzengel

Weihnachtsmänner und Weihnachtsfrauen

Christkindchen und Nikoläuse

 und die kleinen Teufelchen, die uns in Versuchung führen

(denn ohne sie wären die Engel bald arbeitslos!)

 

D A N K E

 

Ho ho ho! - Klingelingeling!

Christine warf einen letzten prüfenden Blick in den Schminkspiegel und lächelte sich zufrieden zu. Die Engelsflügel in Kombination mit dem Heiligenschein standen ihr verdammt gut. Das weiße Gewand saß wie angegossen und mit ihren langen blonden Locken sah sie aus wie ein Christkind aus einem Bilderbuch.

Mit der offiziellen Einladung zur Weihnachtsfeier hatte ihr Chef das ›Himmlische Outfit‹ in einem Päckchen zusammen mit der Dienstpost geschickt. Das Rundschreiben an alle Mitarbeiter glich eher einer Vorladung, in Christines Augen war das ein Drohbrief, eine absolute Frechheit. Mit vielen Ausrufungszeichen und im Fettdruck hatte er darauf hingewiesen, dass ein Fernbleiben beim gemütlichen Beisammensein zur Weihnachtszeit sich bei der nächsten Beurteilungsrunde gar nicht gut machen würde.

So viel zum Thema Wertschätzung, hatte sie gedacht und packte die Süßigkeiten ein, die sie mitbringen sollte. Wie sehr sie diese verdammte, jährliche Weihnachtsfeier hasste!

»Ein letztes Mal«, seufzte Christine und eilte zur Tür. Vor dem Haus stand nicht etwa ein Weihnachtsschlitten, oder eine Kutsche, wie sie erwartet hatte. Nein, da knatterte ein erleuchteter Traktor mit Anhänger, auf dem ihr Chef im Nikolauskostüm samt Rute thronte und in einer Tour Hohoho grölte. Mann, war das peinlich! Christine huschte so unauffällig wie möglich hinaus, ihr war klar, dass die Nachbarn in der Siedlung hinter den Fenstern standen und sich königlich amüsierten.

 

***

 

»Hohoho mein Engelchen! Ich wusste gleich, dass dir diese Rolle wie auf den Leib geschneidert ist«, brummte er und drückte ihr ein Glöckchen in die Hand. »Und nun pass gut auf, mein Engel. Auf der Fahrt wirst du jedes Mal das Glöckchen läuten, wenn ich Hohoho rufe.« Schon ertönte sein Hohoho. »Na, wo bleibt das Klingelingeling? Muss ich denn erst zur Rute greifen und ein wenig nachhelfen?« Süffisant grinste er sie an und wedelte mit der Rute durch die Luft.

 

Seit Monaten machte Christines Chef immer wieder anzügliche Bemerkungen. Sie traute ihm zu, dass er das wirklich tun und zur Rute greifen würde. Also nahm sie brav das Glöckchen und schon ging es los. Während der gesamten Fahrt erschallte das Hohoho-Klingelingeling aus dem Lichtermeer des Traktors. Lichterketten blinkten dazu abwechselnd in rot, grün und gelb. Chrissi kam sich vor wie auf einem Wagen bei einem Karnevalsumzug.

In den Pausen, wenn er zwischen seinem Hohoho Luft holte, musste sie ihrem Chef Glühwein reichen, sollte mit ihm anstoßen und ihn mit weihnachtlichen Süßigkeiten füttern. Mit spitzen Fingern, die er jedes Mal abzuschlecken versuchte, steckte sie ihm ihre selbst gemachten Pralinen in den Mund. Sie waren aus feinsten Zutaten hergestellt, alles Bio, völlig ohne Chemie! Mit jedem Schlückchen verfärbte sich sein Gesicht unter dem Rauschebart und nahm immer mehr das dunkle Rot des Glühweins an. Chrissi hingegen kippte den Punsch bei jedem Hohoho blitzschnell weg. Ihr war ohnehin schon übel.

 

***

 

Die Kollegen erwarteten das weihnachtlich aufgemotzte Gefährt schon ungeduldig vor der festlich illuminierten Partyscheune. Chrissi atmete erleichtert auf, endlich konnte sie ihm und seiner Tatscherei entkommen.

 

»Hohoho-Klingelingeling! Liebe Mitarbeiter, jetzt geht der Spaß erst richtig los!«, rief der Chef seinen Leuten zu und rieb sich die Hände.

Die Weihnachtsfeier konnte endlich beginnen. Die feinen Leckereien auf dem Buffet sahen so verlockend aus, dass einem das Wasser im Munde zusammenlief. Der Chef ließ es sich aber wie in jedem Jahr nicht nehmen, zunächst eine Ansprache zu halten, bevor das Buffet gestürmt werden durfte. Erst wenn alle applaudierten und in sein Hohoho einstimmten, wurde gespeist und dann ging es los mit der Bescherung.

Nikolausi, so nannte er sich selbst, fing reichlich unverständlich an zu reden. Er verschluckte Silben, seine Wortfindungsstörungen unterbrachen den Redefluss und wenn man nicht weihnachtlich milde gestimmt war, könnte man sagen Nikolausi lallte. Jeder Satz von ihm begann mit einem Hohoho-Klingelingeling. Als Chrissi einmal das Klingelingeling vergaß, klatschte er ihr allen Ernstes vor dem versammelten Team mit der Rute auf den Hintern und grinste feist in die Runde. Engelchens unschuldiger Blick verfinsterte sich, die Kollegen sahen peinlich berührt zu Boden. Am Schluss der Ansprache hob Nikolausi das Glas und schaute Chrissi tief in die Augen.

In dem Augenblick als er mit ihr anstoßen wollte, ging das Licht aus, schlagartig war es stockfinster. Sämtliche Beleuchtung, die Musik, alles fiel aus. Stromausfall! Unruhe machte sich breit, Feuerzeuge flackerten auf, Handys verbreiteten spärliches Licht. Doch das vertraute Hohoho erklang immer noch. Der Chef leerte sein Glas in einem Zug, dann hörte man ein Hohoho-Plumps-Klingelingeling.

Das Licht ging wieder an und beleuchtete das wilde Durcheinander in der Scheune. Ein paar besonders hungrige Kollegen hatten die Chance genutzt und labten sich bereits am Buffet. Die Stimmung heizte sich auf, die Weihnachtsfeier kam in Gang, manche trällerten Weihnachtslieder und das Hohoho-Klingelingeling vermisste anscheinend niemand. Erst als das Dessert aufgetischt wurde, bemerkte man, dass Nikolausi seelenruhig unterm Tisch lag.

Kein Hohoho. Kein Atemzug mehr.