Hochsommermord - Jochen Frech - E-Book

Hochsommermord E-Book

Jochen Frech

4,8
8,99 €

oder
  • Herausgeber: btb
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Der Debüt-Roman des Polizisten und ehemaligen SEK-Beamten

Nach seinem Studienabschluss an der Hochschule der Polizei tritt Moritz Kepplinger seinen Dienst bei der Kriminalpolizei in Göppingen an, einer kleinen Stadt am Rande der Schwäbischen Alb. Doch gleich sein erster Fall erweist sich als unerbittliche Zerreißprobe. Ein kleines Mädchen wird vermisst, es fehlt jede Spur von ihr. Für Kepplinger beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn der Täter hat bereits sein nächstes Opfer im Visier …

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Seitenzahl: 357

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»Man sieht nur, was man weiß.« – Diese gern zitierte Redensart seines Kriminologie-Dozenten begleitet den frischgebackenen Kriminalkommissar Moritz Kepplinger in seinem ersten Fall auf Schritt und Tritt. Gleich am ersten Arbeitstag überreicht ihm sein neuer Chef eine Vermisstenanzeige. Gesucht wird ein zehnjähriges Mädchen. Es gibt weder Zeugen noch Hinweise, und die üblichen Fahndungsmaßnahmen enden in einer Sackgasse. Moritz weiß: mit jeder Minute, die vergeht, schwinden die Chancen, das Mädchen lebend zu finden. Der Fall entwickelt sich für ihn zu einer unerbittlichen Zerreißprobe und konfrontiert ihn mit seiner eigenen Vergangenheit – seinem letzten Einsatz beim SEK, dessen katastrophaler Ausgang tiefe Narben zurückgelassen hat. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Ein Pädophiler rückt in den Fokus der Polizei. Während ein Unwetter in der Gegend wütet, beginnt ein Wettlauf mit dem Tod …

© Fotowerkstatt Sonja Abraham

JOCHEN FRECH, geboren 1967, ist Polizeibeamter und studierter Diplom-Verwaltungswirt. Fünf Jahre lang war er beim SEK der Polizei des Landes Baden-Württemberg. Nach einem anschließenden Studium an der Hochschule der Polizei und seiner Tätigkeit als Fachlehrer bei der Bereitschaftspolizei leitet Frech seit 2009 die Sportbildungsstätte der Polizei des Landes Baden-Württemberg. »Hochsommermord« ist sein erster Roman.

Jochen Frech

Hochsommermord

Kriminalroman

Die Handlung dieses Romans ist fiktiv. Alle Ähnlichkeiten mit realen Personen und Ereignissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1. AuflageOriginalausgabe Januar 2014 Copyright © 2014 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: semper smile, MünchenUmschlagmotiv: © plainpicture/Mark OwenSatz: Uhl + Massopust, AalenLW · Herstellung: scISBN 978-3-641-11250-9www.btb-verlag.dewww.facebook.com/btbverlagBesuchen Sie unseren LiteraturBlog www.transatlantik.de

Für Bernhard Matt

PROLOG

Das Unglück ereignete sich an einem der schönsten Sommertage des Jahres 1997, noch dazu an einem Sonntag.

Es kam ohne Vorwarnung und so unerwartet wie die erste Erschütterung eines Erdbebens in der Nacht.

Die Burg thronte wie ein Adlerhorst auf einem schroffen Felsabsatz am Ende eines weitläufigen Tals. Hunderte Meter hoch über einigen Buchenwäldern, die von oben wie die Dekoration einer Spielzeugeisenbahn wirkten.

In den Bäumen zwitscherte eine Schwalbenkolonie, und ein Sportflugzeug durchkreuzte wie ein riesiges Insekt den wolkenlosen Himmel.

Der Junge mit dem Bürstenhaarschnitt sah dem Flieger hinterher und zählte dabei laut rückwärts. Bei eins angekommen, trat er hinter einem großen Felsblock hervor. Er ging in die Mitte des oberen Burghofes und überlegte, wo er mit der Suche nach den Spielkameraden beginnen sollte. Dann rannte er zu einem Mauervorsprung, den er im Laufe des Nachmittags entdeckt hatte. Von hier aus konnte er einen Großteil der mittelalterlichen Anlage überblicken.

Er kniff die Augen zusammen und suchte die Umgebung ab.

Nichts. Noch nicht einmal ein Huschen über einen der Burghöfe oder entlang der inneren Ringmauer. Die anderen mussten sich in einem Gebäude oder hinter einem der Mauerdurchbrüche versteckt haben. Aus der Ferne hörte er leise die Stimmen der Erwachsenen, die auf einer Wiese außerhalb des Burggeländes Kaffee tranken und Kuchen aßen. Das Versteckspiel in der verwinkelten Burgruine war der spannendste Teil des Familienausflugs. Auf leisen Sohlen betrat er die Kapelle, in der er selbst in der Runde davor unauffindbar geblieben war.

Da! Hinter einem Mauerabsatz lugte der Schuh von Dennis hervor. Leise näherte er sich dem Kameraden von hinten.

Buh! Hab dich!

Dennis schrie vor Schreck auf.

Mann, hast du mich erschreckt!

Komm, hilf mir, die anderen zu finden.

Sie vereinbarten, Ebene für Ebene abzusuchen und dabei den anderen jede Fluchtmöglichkeit zu verbauen, indem sie abwechselnd die Steintreppen bewachten. Die einzigen Verbindungen zwischen den Innenhöfen. Kevin kam freiwillig hinter einem Dornenbusch hervor, als er die Schritte seiner Verfolger hörte.

Spielverderber.

Als Nächstes entdeckten sie Vanessa, die sich auf das Abdeckgitter einer Zisterne gelegt hatte. In der Tiefe hörte man das Glucksen einer Quelle.

Kommt! Jetzt fehlt nur noch Lisa, die Angeberin!

Lisa, das Mädchen mit den blonden Haaren und dem hellblauen Kleid, die von ihrer Mutter herausgeputzt worden war, als ginge es auf eine Hochzeit. Außer Hörweite der Erwachsenen hatten die Spielkameraden sie aufgezogen. Lisa reagierte schnippisch. Eines Tages würde sie einen der beiden englischen Prinzen heiraten, William oder Harry, in einem wunderschönen Brautkleid. Dann würde ihnen das Lachen vergehen. Du bist eine blöde Angeberin, hatte der Junge mit dem Bürstenhaarschnitt gesagt, und Kevin hatte richtig dreckig gelacht.

Wo war sie, die blöde Angeberin?

Lisa hatte sich durch eine Schießscharte an der Südseite der äußeren Ringmauer gezwängt. Ein Bekannter der Familie hatte ihr die Stelle mit einem Augenzwinkern gezeigt. Da findet dich niemand, hatte er gesagt und gelacht. Nur mutig müsste man sein.

Lisa hatte allen Mut zusammengenommen und stand jetzt auf einem schmalen Felsvorsprung der Außenmauer. Unter ihr fiel das Gelände senkrecht in die Tiefe.

Nur nicht hinunterschauen!

Die anderen suchten vergeblich nach ihr. Keiner kam auf die Idee, sich aus einer der Fensteröffnungen zu lehnen und die Außenmauern der Burg abzusuchen. Nach einer Viertelstunde gaben sie auf.

Du hast gewonnen, Lisa.

Komm raus!, riefen sie immer wieder.

Lisa spürte, dass sie beinahe keine Kraft mehr in ihren Fingern hatte. Ihre viel zu dünnen Arme zitterten vor Anspannung. Um zurück in den sicheren Innenhof zu klettern, müsste sie sich an den Felsvorsprüngen oberhalb der Scharte festhalten können. Aber ob sie das schaffen würde? Vergeblich rief sie um Hilfe. Aber der Wind, der vom Tal den Steilhang hinaufglitt, trug ihr Rufen ungehört fort. Schließlich wagte sie einen Versuch. Ein Bein glitt auf einem winzigen Steinchen aus und pendelte gefährlich über dem Abgrund. Dann verlor sie das Gleichgewicht. Verzweifelt suchten die Hände nach Halt. Rutschten über den schroffen Fels. Bluteten und schmerzten. Sie konnte nicht mehr.

Ein letzter markerschütternder Schrei durchbrach die Stille des Waldes, während sie langsam nach hinten fiel. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die Fensteröffnung, die sich längst außerhalb ihrer Reichweite befand.

Als ihr Körper kurz vor dem Aufprall die Wipfel der Bäume berührte, spürte sie bereits nichts mehr.

Das Gesicht blieb wie durch ein Wunder unverletzt.

Als sie später gefunden wurde, sah es so aus, als ob sie lächeln würde.

Als ob es ein schöner Tag gewesen wäre.

Ein schönes Spiel.

FREITAG19. Juli 2013

Der ehemalige SEK-Beamte und frischgebackene Kriminalkommissar Moritz Kepplinger trug die verbliebenen Gepäckstücke aus der kleinen Studentenbude, in der er die vergangenen zweieinhalb Jahre seines Studiums an der Hochschule der Polizei verbracht hatte. Er schleppte die schweren Taschen voller Bücher bis vor die Tür des Treppenhauses. Dann wischte er sich mit dem Handrücken einen Schweißtropfen von der Stirn und kehrte ein letztes Mal um.

Der Sommer schien nun richtig in die Gänge zu kommen. Moritz trug ein braunes T-Shirt, passende Karo-Shorts und weiße Sneakers. Im Zimmer warf er einen letzten prüfenden Blick ins Bad, zupfte einen Fussel vom Teppichboden und öffnete anschließend das Fenster über dem Schreibtisch. Der Blick hinab auf das Hochschulgelände löste ein Gefühl der Vertrautheit aus. Wie eine schöne Kindheitserinnerung. Liebevoll musterte er das Lehrsaalgebäude, das wie ein riesiger Campanile zwischen den sechs ringförmig angeordneten Unterkunftsgebäuden herausragte. Der Elfenbeinturm, dachte er und musste lächeln. Dahinter konnte man einen Teil der Kantine und das Dach der Sporthalle erkennen. Links davon das rote Oval der Vierhundert-Meter-Bahn, auf der er oft gelaufen war. Er erinnerte sich daran, wie er während des Examens bis spät in die Nacht gelernt hatte. Bevor er anschließend zu Bett ging, hatte er regelmäßig zehn Stadionrunden in völliger Dunkelheit absolviert. Danach konnte er schlafen. Einmal war er beinahe mit einem anderen Studenten zusammengestoßen, der dieselbe Idee gehabt hatte und in entgegengesetzter Richtung lief.

Er schloss das Fenster und setzte sich auf das Bett. In der Hand hielt er einen Schnellhefter, in dem sich alle Bachelorunterlagen befanden, die er bei der gestrigen Abschlussfeier erhalten hatte. Stolz las er zum wiederholten Mal den Text der Ernennungsurkunde, die auf dicken Karton gedruckt war:

Ich ernenne

Herrn Kriminalhauptmeister

Moritz Kepplinger

geb. 17.02.1980

mit Wirkung vom 18.07.2013

zum

Kriminalkommissar

Darunter befanden sich ein Siegel des Landes Baden-Württemberg und die Unterschrift des Rektors der Hochschule in Villingen-Schwenningen.

Moritz Kepplinger legte die Mappe zur Seite und betrachtete eine helle Stelle an der gegenüberliegenden Wand, wo bis gestern ein gerahmter Kunstdruck der Proportionsstudie Vitruvian von Leonardo da Vinci gehangen hatte. Jetzt erkannte er deutlich, wie sich die Raufaser entlang der Ränder des Bilderrahmens dunkel verfärbt hatte. Er musterte die übrigen Wände im Raum und bemerkte noch weitere solcher Abdrücke.

Alles hat sich verfärbt, dachte er. Vermutlich werde ich dieses Zimmer nie mehr betreten. Ist das alles, was nach meiner dreißigmonatigen Anwesenheit von mir zurückbleibt? Eine graue Patina an den Wänden und eine Erinnerung, die zunehmend verblassen wird? Warum fällt es mir immer so schwer loszulassen?

Er verdrängte die düsteren Gedanken und dachte daran, dass er endlich geschafft hatte, was er sich vom ersten Tag seiner Einstellung in den Polizeidienst an vorgenommen hatte. Er dachte an die schwierige Zulassungsprüfung, die dem Studium vorausgegangen war, die Anspannung zu Beginn des ersten Semesters. Daran, dass nach diesem Wochenende ein neuer Abschnitt seiner Polizeiarbeit beginnen würde. Seine Gedanken schweiften zu seiner neuen Wohnung in Göppingen, die er in den kommenden Tagen einrichten musste.

Noch einmal ging er durch den Raum und sah in allen Schubladen und Schränken nach, ob er etwas vergessen hatte. Er öffnete sogar den Bettkasten, obwohl er ihn nie benutzt hatte. Alles war sorgfältig leergeräumt. Zuletzt hob er die gummierte Schreibtischunterlage an, die zum Inventar des Zimmers gehörte. Darunter lag das Foto einer jungen, hübschen Frau mit blonden, schulterlangen Haaren. Das Bild zeigte sie im Halbprofil. Den Kopf leicht zur Seite geneigt blickte sie lächelnd in Richtung des Betrachters. Er seufzte.

»Dich habe ich beinahe vergessen«, murmelte er.

Die Vorstellung, dass er und Valerie getrennt waren, tat immer noch weh. Sie hatte ihn am Wochenende vor den schriftlichen Prüfungen gebeten, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich mit einer Mischung aus Wut und Schmerz durch das Examen zu quälen. Es war ihm sehr schwergefallen. Dennoch hatte er das Studium mit einer guten Note abgeschlossen.

Ungläubig schüttelte er den Kopf, steckte das Bild in seine Hosentasche und verließ den Raum. Seine Kommilitonen hatten ihre Zimmer im Laufe des Vormittags verlassen oder waren bereits am Vorabend nach Hause gefahren. Gut gelaunt gab er an der Pforte seine Zimmerschlüssel ab und leistete die notwendigen Unterschriften. Anschließend ging er zu seinem Wagen, verstaute das Gepäck und blickte ein letztes Mal zurück.

Vom Parkplatz aus wirkten die Gebäude der Hochschule wie eine moderne Festung oder der Hauptsitz eines Geheimdienstes.

Moritz startete den Motor und fuhr in Richtung Autobahn. Im Radio kündigte der Moderator irgendeinen neuen Song von will.i.am an. Das Lied gefiel ihm nicht, und er schaltete das Radio aus. Später erinnerte er sich daran, wie er vor Jahren auf derselben Strecke häufig an den Bodensee gefahren war.

Der Brief kam an einem Freitag.

Vierundfünfzig Wochen nach der Katastrophe.

Nachdem er ihn gelesen hatte, warf er ihn in den Mülleimer.

In der Nacht stand er auf und kramte das Schreiben wieder heraus.

Bis auf einen Kaffeefleck war es unversehrt.

Drei Wochen später nahm er die Einladung an.

Die Erinnerung verblasste. Er legte eine CD ein, die er sich selbst vor einer Woche nach der mündlichen Prüfung als Belohnung gegönnt hatte. Radiance, ein Solo-Klavierkonzert von Keith Jarrett. Nach ein paar Takten hörte er nur noch die Musik, den Klang des Flügels und das gelegentliche Seufzen des Interpreten während seines Spiels.

Die Autobahn einundachtzig in Richtung Stuttgart war an diesem Freitagmittag beinahe leer.

Manuela Jessen wartete auf den Pausengong. Sie freute sich auf das Wochenende. Nur noch acht Schultage bis zu den Sommerferien. Während die anderen Kinder bereits anfingen, heimlich ihre Schulranzen zu packen, schrieb sie sorgfältig die Hausaufgaben in ihr Heft. Ihre Tischnachbarin steckte ihr einen Papierschnipsel zu.

Kommst du noch mit auf den Spielplatz?

Schnell ließ sie den Zettel unter der Bank verschwinden und wandte sich flüsternd ihrer Freundin zu: »Nur kurz. Ich habe versprochen, pünktlich nach Hause zu kommen.« Dann klingelte es.

»Nehmt alles mit nach Hause, vergesst nichts«, rief die Lehrerin, aber ihre Mahnung ging im Gekreische der Viertklässler unter.

Das Klassenzimmer leerte sich schneller als bei einer Brandschutzübung.

Draußen spielten sie Fangen. Manuela ließ sich ein paarmal abklatschen, dann machte sie sich alleine auf den Nachhauseweg.

»Aber heute Mittag kommst du?«, rief ihre beste Freundin Annika ihr hinterher.

»Na klar. Um drei.«

»Bis dann.«

»Tschüss.«

Sie rannte bis zum Zebrastreifen und hielt den Arm nach vorne. Ein Lieferwagen donnerte vorbei.

»Blödmann«, rief sie dem Fahrer hinterher und hüpfte anschließend von einem weißen Feld zum nächsten über die Fahrbahn. Dann rannte sie weiter. Kurz bevor sie zu Hause ankam, fiel ihr ein, dass sie ihre Trinkflasche auf dem Spielplatz vergessen hatte. Verärgert stampfte sie mit dem Fuß auf den Boden, drehte sich um und ging zurück. Auf einem kleinen Stellplatz in Sichtweite der Schule parkten einige Fahrzeuge. Als sie daran vorbeiging, hörte sie jemanden ihren Namen rufen.

Plötzlich roch es verbrannt. Susanne Jessen warf die Fernsehzeitschrift auf den Boden, sprang von der Couch auf und humpelte so schnell sie konnte in die Küche. Die Behinderung war das Ergebnis der letzten Auseinandersetzung mit ihrem Exmann. Er hatte ihr mit einem Bügeleisen den Mittelfuß zertrümmert. Die Ärzte hatten ihr prophezeit, dass das Gelenk nie wieder voll funktionsfähig sein würde. Hastig nahm sie den Topf mit dem Milchreis von der Herdplatte und drehte das Gas ab.

»Mist«, fluchte sie, als sie den Deckel hob und ihr der Geruch von verbrannter Milch in die Nase stieg. Sie öffnete das Fenster. Es war bereits nach eins. Manuela müsste längst zu Hause sein, dachte sie, während sie in ihr Schlafzimmer ging und aus dem Fenster sah. Von dort aus konnte sie beinahe den gesamten Schulweg ihrer zehnjährigen Tochter überblicken. Nur dreihundert Meter lagen zwischen dem Mehrfamilienhaus und der vor wenigen Jahren neu gebauten Grundschule am Ortsrand von Süßen. Die Gegend um den fünfstöckigen Wohnblock wirkte wie ausgestorben. Die Mittagshitze hatte die Menschen von den Straßen vertrieben. Susanne Jessen brachte das Fenster in Kippstellung und ließ den Rollladen herunter. Dann fiel ihr etwas ein. Im Flur blätterte sie den Wandkalender um, an dem noch die beiden Seiten der Vormonate hingen, und betrachtete die mit Leuchtstift markierten Tage. Sie fühlte sich bestätigt, als sie den Namen ihres geschiedenen Mannes las, der quer über das bevorstehende Wochenende geschrieben war. Bestimmt hat er sie wieder direkt von der Schule abgeholt, dachte sie verärgert und musterte die gepackte Sporttasche, die an der Wohnungstür lehnte. Einen Moment lang überlegte sie, ihn anzurufen, und griff nach dem Telefon. Eigentlich wollte sie nicht mit ihm reden. Die Gespräche endeten meist in einer Auseinandersetzung. Sie betrachtete eines der Bilder an der Wand. Manuela an ihrem ersten Schultag. Sie sieht so hübsch aus, dachte sie. Und so glücklich. Bestimmt war sie bei ihm und würde das Gespräch mitbekommen. Susanne Jessen legte das Telefon wieder auf die Ablage und beruhigte sich mit der Annahme, dass er in seiner Wohnung noch einige Kleidungsstücke ihrer Tochter vorrätig hatte. Dann ging sie zurück in die Küche und kippte den verbrannten Milchreis in den Mülleimer.

Kurz vor Mitternacht erreichte ein Luchs ein Waldgebiet am Rand der Schwäbischen Alb. Zwei Wochen lang war er seinem Spürsinn gefolgt und den weiten Weg aus dem Bayerischen Wald in den Südwesten des Landes gelaufen. Zumeist nachts und, so oft es ging, durch die scheinbar endlos zusammenhängenden Waldgebiete der oberschwäbischen Hügellandschaft. Durch das dichte Unterholz eines Mischwaldes umging er ein kleines Dorf. Der Geruch von Menschen brachte den Tod. Diese Erfahrung hatte er dort gemacht, wo er herkam und dem Gemetzel einer Treibjagd entkommen war. Er wusste nicht, dass er eine verräterische Spur zurückließ. Dort, wo seine Pfoten den feuchten Lehmboden berührten. Seiner Natur gemäß zog er die Krallen während des Laufens zurück. Später würden Jäger die Fährte deuten und Jagd auf ihn machen, weil er eine Bedrohung für das Niederwild der Gegend darstellte.

An einem Bach stillte er gierig seinen Durst. Obwohl er noch jung und kräftig war, machte ihm die Hitze der vergangenen Tage zu schaffen. Selbst in den Nächten war es so warm, dass er sich unwohl fühlte. Nachdem er getrunken hatte, stellte sich ein Hungergefühl ein. Sein Instinkt führte ihn durch eine Tannenschonung nach Norden. In der Nähe vernahm er Motorengeräusche. Auch davon hielt er sich, so gut es ging, fern.

Als er einen weiteren Kilometer gegangen war, witterte er einen Menschen. Er blieb stehen und streckte den Kopf nach oben. Der Geruch war schwächer, als er ihn für gewöhnlich kannte. Neugierig näherte er sich der Stelle, an der er die Person vermutete. In einigen Metern Entfernung sah er einen leblosen Körper am Boden liegen. Eine Zeitlang verharrte er regungslos auf der Stelle, lauschte mit seinen Pinselohren und witterte. Schließlich entschied er, dass keine Gefahr drohte, und näherte sich erwartungsvoll. Mehrere Male stieß er mit der Pfote gegen ein Bein. Immer auf Gegenwehr gefasst und bereit, einen Angriff zu parieren oder notfalls zu flüchten. Aber nichts passierte. Dann zerriss er mit seinen Schneidezähnen die Kleidung und begann, sich an dem warmen Fleisch satt zu fressen.

SAMSTAG20. Juli 2013

Polizeiobermeisterin Lea Thomann warf ihre verschwitzten Joggingklamotten in den Wäschekorb und schlüpfte in die Duschkabine. Sie genoss es, wie das heiße Wasser auf ihre Haut prasselte. Es gab wirklich nichts Entspannenderes als eine wohltuende Dusche nach einem Trainingslauf. Fehlt nur noch jemand, der mir die Kopfhaut massiert, dachte sie.

Lea stellte das Wasser ab und griff nach der rosafarbenen Tube des Duschpeelings von Shiseido. Die cremige Substanz roch nach Limetten und Vanille. Sie liebte diesen Geruch. Ebenso mochte sie das Kribbeln der sandigen Konsistenz und das Gefühl auf der Haut, wenn sich die Peeling-Perlen nach und nach auflösten. Anschließend kümmerte sie sich um ihre Haare. Die Spitzen reichten bis knapp über ihren Po und überdeckten den kleinen Skorpion, den sie sich vor einigen Wochen hatte tätowieren lassen.

Nachdem sie fertig geduscht hatte, griff sie nach einem Handtuch und wickelte es mit wenigen Handgriffen zu einem kleinen Turban. Sie musterte sich kurz kritisch im Spiegel. Eigentlich hätte sie sich an die Narbe längst gewöhnen müssen.

Sie trocknete sich ab, föhnte ausgiebig ihre Haare und schlüpfte in frische Unterwäsche.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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