Hochzeit der Vampire ... - Hagen Ulrich - E-Book

Hochzeit der Vampire ... E-Book

Hagen Ulrich

4,8

Beschreibung

Single, schwul und Vampir. Als ob das nicht reichen würde. Ein furchtbares Unglück, bei dem ein Großteil des marokkanischen Buchari-Vampir-Clans ums Leben kommt, katapultiert den 22jährigen Oud-Musiker Elias in die Rolle des Erben der Familienstiftung, denn Lalla Sara, die 800 Jahre alte Vorsitzende der Stiftung, möchte sich eigentlich zur Ruhe setzen.Elias aber träumt von einem Leben als Musiker und Lalla Sara sieht, dass Elias in Depressionen versinkt und schickt ihn mit seiner Zwillingsschwester Mounia zum Studium nach Bonn. Dort begegnet Elias dem Studenten Jan Meyer-Frankenforst und es funkt kräftig zwischen den beiden. Aber ganz anders, als Elias sich das wünscht. Trotzdem lässt sich Elias nicht unterkriegen, obwohl er manchmal fast verzweifelt an dem blonden Idioten, wie seine Schwester Mounia den eitlen Kraftsportler und oberflächlichen Modefetischisten Jan abfällig nennt. Doch der hat ganz andere Ängste, die er hinter seinem arroganten Gehabe versteckt. Er befürchtet, mit Al-Quaida unter einem Dach zu leben und macht den Zwillingen das Leben zur Hölle.Als Jan merkt, dass Elias kein verkappter Attentäter ist, ist es fast zu spät. Jan hat mit dem ganzen romantischen Vampirquatsch wie er es nennt nichts am Hut und macht nach einem Kinobesuch eine dumme Bermerkung über Vampire. Ohne zu wissen, was Elias und seine Schwester sind, verletzt er den jungen Musiker damit und treibt ihn in die Fänge einer kriminellen Schlägertruppe in Bad Godesberg. Der alte Hausarzt der Familie Meyer-Frankenforst muss sein ganzes Können aufbieten, um den jungen Vampir zu retten, denn so hieb- und stichfest sind die Buchari-Vampire nun auch wieder nicht. Doch dieses Ereignis hat überraschende Folgen für die Beziehung der beiden jungen Männer.

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Hochzeit der Vampire

Hagen Ulrich

 

Kontakt zum Autor:

www.hochzeit-der-vampire.com

www.twitter.com/HagenUlrich

www.facebook.com/Hagen.Ulrich

 

 

 

Himmelstürmer Verlag, part of Production House GmbH

20099 Hamburg, Kirchenweg 12

www.himmelstuermer.de

E-Mail: [email protected]

 

2. überarbeitete Ausgabe, November 2014

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage

 

Coverfoto: www.istockphoto.com

 

Das Modell auf dem Coverfoto steht in keinen Zusammenhang mit dem

Inhalt des Buches und der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Modells aus. 

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

 

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de

 

ISBN Print 978-3-86361-190-3

ISBN ePub 978-3-86361-191-0

ISBN PDF 978-3-86361-192-7

Vorwort zur zweiten Auflage

Als ich 2011 eines Abends in eine Ladys Night zu Twilight geriet, und mir zwischen 400 Fans bissiger Jungs und zotteliger Werwölfe die Idee zu den Geschichten über meine liebenswerten Buchari-Vampire kam, dachte ich nicht daran, wozu das alles führen würde. Mittlerweile arbeite ich am dritten und vierten Band und es liegen noch einige Ideen auf Halde. Das Schreiben macht mir Spaß, sehr viel Spaß sogar.

Was wäre, wenn es diese Fantasyfiguren wirklich gäbe? Wären es die Superhelden, von denen Mann/Frau manchmal träumt? Die melancholischen Vampire oder machohaften Werwölfe? Oder hätte der Vampir von heute auch nur gern seine Ruhe samt Geranien vor der Gruft? Doch keine Weltmachtphantasien? Was ist mit Magie? Das Bild des Vampirs in der Literatur wandelt sich gerade sehr. Früher war es das Monster, und man rief die Kirche, um sich vor Vampiren zu schützen. Und heute? Eine Umfrage von Infratest würde vermutlich ergeben, dass ein Großteil der Bevölkerung mit einem freundlichen Vampir in der Nachbarschaft keine Schwierigkeiten hätte.

Zusammen mit anderen Fantasyautoren habe ich 2013 das Bundesamt für magische Wesen (BAfmW) gegründet, um deutschsprachige Fantasy ein wenig bekannter zu machen. Auch ein abendlicher Einfall mit überraschenden Folgen, denn mittlerweile wurde ein kleiner Kinospot gedreht. Es ist amüsant, Fantasy und Realität zu verknüpfen. Noch amüsanter ist es, wenn man erlebt, wie viele Leute wirklich glauben, dass das BafmW eine echte Behörde ist und für Vampire und andere magische Wesen zuständig ist. In Deutschland wird eben alles geregelt, auch die Angelegenheiten unserer bissigen Helden.

 

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Hagen Ulrich

Handelnde Personen

Die Meyer-Frankenforsts

Jan Meyer-Frankenforst, 26Für Jan zählen sein Studium, sein Auto und sein Fitnesscenter. Wenn er gerade mal nicht mit einem der drei Aspekte seines Lebens beschäftigt ist, hilft ihm sein Kater, sich zu entspannen. Er und seine Schwester Nina wachsen bei Großonkel und –tante auf, ihre Eltern sind vor fünfzehn Jahren bei einem Attentat islamistischer Extremisten in Ägypten ums Leben gekommen. Jan hat Vorurteile, geht nicht gern Bindungen ein, die Zahl seiner Freundinnen ist enorm und sein Onkel betrachtet den Frauen-Verschleiß seines Großneffen mit Sorge. Seit dem Verlust seiner Eltern geht er nicht gerne raus und hat Angst vor öffentlichen Plätzen.

 

Nina Meyer-Frankenforst, 21 Die kleine Schwester von Jan arbeitet als Krankenschwester und will noch Medizin studieren. Nachdem sie ihre Pubertät überlebt hat, dabei ihren Bruder und den Rest der Familie in den Wahnsinn getrieben hat, ist sie etwas ruhiger geworden, kann aber immer noch innerhalb von fünf Minuten alles auf den Kopf stellen. Wenn es sein muss, sagt sie auch ihrem großen Bruder die Meinung.

 

Clemens Meyer-Frankenforst, 74Großonkel von Jan und pensionierter Lehrer. Er ist frühzeitig in den Ruhestand gegangen, nachdem er dem Schulalltag nicht mehr gewachsen war. Im Ruhestand hat er aus seinem Hobby eine tagesfüllende Tätigkeit gemacht und züchtet Bienen. Wenn an den Bienen nichts zu tun ist, genießt er Oud-Musik im Wintergarten bei seinem zweiten Hobby, der Orchideenzucht. Als Jan und Ninas Eltern als Unbeteiligte einem Attentat zum Opfer fallen, hat er sofort die verwaisten Geschwister aufgenommen und bemüht sich, ihnen den Vater zu ersetzen. Als junger Lehrer lernte er Faris Lamine kennen und hat seitdem ein Faible für klassische arabische Musik.

 

Monika Meyer-Frankenforst, 72Großtante von Jan und Nina. Sie ist die gute Seele der Villa Meyer-Frankenforst und mütterlicher Ansprechpartner für die jungen Leute, die ihr Mann einlädt. Clemens und sie konnten keine Kinder bekommen und haben die verwaisten Kinder gern aufgenommen.

 

Dr. Hubert Schäfer, 78Nachbar, Hausarzt und Mediziner im Ruhestand, verwitwet. Der alte Herr lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Er glaubt, sich im Leben durch nichts mehr erschüttern lassen zu können und schätzt ein Schwätzchen mit den Nachbarn. Ebenso genießt er das offene Klima in der Godesberger Villa mit seinen zahlreichen Besuchern.

 

 

Die Bucharis

Elias Al-Buchari, 22 Erbe der Familie Al-Buchari. Elias ist der auserkorene Erbe einer alten Familie. Mit seiner Bestimmung ist Elias unglücklich, fühlt er sich doch nicht in der Lage, den Erwartungen des Clans zu genügen.

 

Mounia Al-Buchari, 22Elias Zwillingsschwester. Sie kam zwölf Minuten nach Elias auf die Welt, liebt Shopping und Partys, ist aber nicht nur ein Partygirl. Sie weiß was sie will und vor allem, was sie nicht will. Anders als ihr Bruder kann sie mit dem Familienschicksal umgehen und sieht kein Drama in ihrem Schicksal, dem sie nicht entkommen kann.

 

Kerim Al-Buchari, 19Kerim ist der Cousin der Geschwister Elias und Mounia. Sein Weltbild ist einfach und teilt sich in jagen oder gejagt werden auf. Er zieht es vor, der Jäger zu sein.

 

Lalla Sara Al-BuchariDie Matriarchin. Niemand weiß, wie alt die Matriarchin des Clans ist. Sie war schon immer da und bestimmt die Geschicke des Clans. Sie achtet darauf, dass das Geheimnis der Familie gehütet wird.

 

Jacob Mierscheid, 63 Anwalt und Freund der Familie Meyer-Frankenforst

 

Henning von Leistikow, 61Graf v. Leistikow steht kurz vor der Pensionierung in einer der Regierung nachgeordneten Behörde. So genau weiß niemand, was er macht, aber irgendwas mit Nachrichten, wie er immer sagt. Gern besucht er das Haus der Familie Meyer-Frankenforst und schätzt die jungen Leute, die dort ein- und ausgehen.

 

Dr. Klöbner, Abteilungsleiter im Amt für Militärkunde

 

Oberst Bachem, Leiter des Amtes für Militärkunde

 

Faris Lamine, 70Musiklehrer im Ruhestand. Lamine-Bey wird von seinen Studenten verehrt und hat die klassische arabische Musik wiedererweckt. Er ist ein Virtuose auf der Oud und war als Student Stipendiat der Stiftung der Al-Bucharis, die auch weiterhin sein Institut fördert.

 

 

Orte der Handlung:

Die Villa Meyer-Frankenforst, Godesberg-Villenviertel

Institut für klassische Musik, Tunis

Tal der Bucharis, Atlas-Gebirge

Ein Jahr zuvor

Als die Nachricht im alten Palast des Paschas von Marrakesch eintraf, versammelte man sich im Diwan beim Gouverneur und beriet die Situation.

„Wer sagt es ihr?” Unbehaglich wanden sich seine Berater auf ihren Sesseln im Diwan und schwiegen. „Ich will mir nicht vorstellen, wie sie reagieren könnte.”

Auch dem Gouverneur war nicht wohl zumute. Niemand war gern der Überbringer solch schlechter Nachrichten. Und Nachrichten konnten kaum schlimmer sein, als es diese waren.

„Ist Scherif[1] Musa in seiner Residenz?”

Einer der Beamten nickte.

“Dann bitten Sie ihn, die traurige Botschaft an Lalla[2] Sara zu überbringen. Die Regierung sichert alle nötige Aufklärung zu, man hat schärfstens bei der US-Botschaft protestiert und den Botschafter einbestellt.”

„Was nichts bringen wird, wie wir alle wissen. Die Amis machen, was sie wollen”, entgegnete einer der Berater zynisch. Zustimmendes Gemurmel ertönte und der Gouverneur nickte ebenfalls betroffen.

„Es ist ein riesiger Verlust für die Gegend und wir müssen schauen, wie Lalla Sara reagieren wird.”

Scherif Musa war ein Nachfahre Ben Arafas, den der alte Pascha von Marrakesch mithilfe der ihm ergebenen Berber-Stämme in den 50ern eine Zeit lang als Marionetten-Sultan hatte installieren können. Doch das war mittlerweile Geschichte und Mohamed VI., der Enkel des damals zeitweise abgesetzten Sultans, war nicht so nachtragend wie sein Vater, der Marokko die bleiernen Jahre der Unterdrückung beschert hatte. M6, wie der junge König kurz genannt wurde, war offener und bescherte dem Land eine Reihe von Reformen. Sein entfernter Cousin, der Scherif, war die Verbindung der Regierung zum Al-Buchari-Clan. Der Clan der Al-Buchari war eine ganz besondere Familie rund um eine uralte Matriarchin, die schon alt war, als die letzten Kreuzzüge stattfanden. Die Familie und ihre Stiftung hüteten einen Teil des kulturellen Erbes des Landes, in ihren Archiven schlummerten Schriften und Dokumente aus mehr als tausend Jahren. Und sie bemühten sich, der Jugend des Landes dieses Erbe zu vermitteln. Umso schwerer wog der Verlust eines Großteils der Familie.

Scherif Musa reagierte entsetzt, als er die Nachricht hörte. Im Gegensatz zu den jungen Technokraten rund um den Gouverneur kannte er auch das eigentliche Geheimnis des Al-Buchari-Clans, wusste um die Macht der alten Lalla Sara und worauf sie sich begründete. Der Scherif ließ einen Hubschrauber kommen und wurde in die Kasbah Al-Buchari geflogen, wo er im privaten Diwan der Lalla empfangen wurde. Als er sie sah, erkannte er, dass sie Bescheid wusste. Sie war in tiefer Trauer und ihre Stimme war heiser.

„Lalla, das Land trauert mit euch. Wir wissen, was das für einen Verlust für Ihre Familie darstellt.”

„Wissen Sie das wirklich? Können Sie das auch nur erahnen? Neun Mitglieder meiner Familie, mein Erbe, drei Generationen meiner Kinder sind tot, unrettbar verbrannt in den Trümmern der Maschine. Ich habe ihre Schreie gespürt, als es passierte.”

In diesem Augenblick betraten vier junge Leute den Empfangsraum der Lalla und begrüßten den Scherifen höflich. Dieser blickte fragend zu der alten Matriarchin, die den Kopf schüttelte. „Sie wissen es noch nicht. Sagen Sie es ihnen.”

„Was wissen wir noch nicht? Grandmère, was ist passiert?”, fragte einer der jungen Leute und wandte sich mit düsterer Miene an den ehrwürdigen Scherifen.

„Ich bringe traurige Nachrichten. Es hat ein furchtbares Unglück gegeben. Das Flugzeug mit eurer Familie, das gestern nach Katar startete, ist verunglückt. Niemand hat überlebt.”

Entsetzte Rufe und Schreie gingen durcheinander. Die Zwillinge Mounia und Elias umarmten sich weinend, und die beiden älteren Brüder Kerim und Ali, Cousins der Zwillinge, standen wie erstarrt da und schluckten entsetzt, ohne einen Ton herauszubekommen. Mitarbeiter der Stiftung hörten die Nachricht und verbreiteten sie in Windeseile weiter. Bald kündete der Widerhall der Klagerufe von draußen davon, dass in den Dörfern der Umgebung das Unglück bekannt wurde.

Der Scherif wandte sich erneut an Lalla Sara. „Die Regierung wird alles tun, um den Vorfall aufzuklären und Entschädigung verlangen. Man hat den US-Botschafter einbestellt und wird scharf protestieren.”

„Das macht meine Familie nicht wieder lebendig. Hat denn wirklich niemand überlebt? Auch Samy …? Elias, dem die Tränen über die Wangen rannen, versuchte vergeblich, sich unter Kontrolle zu bekommen. Er schluckte traurig und dachte an seinen Cousin, der auch in der verunglückten Maschine gesessen hatte. Es hatte Mitglieder des Al-Buchari-Clans nach Katar bringen sollen. Nun waren diese Familienmitglieder tot, verbrannt in der abgeschossenen Maschine.

„Nein, es hat niemand überlebt. Eine Drohne der Amerikaner traf das Flugzeug. Es war gerade nach einem Zwischenstopp voll aufgetankt und ist in der Luft explodiert. Das konnte niemand überleben, selbst für einen Al-Buchari gab es keine Möglichkeit. Es tut mir sehr leid.”

„Moment mal. Eine Drohne der Amerikaner? Soll das heißen, die Amis haben das Flugzeug absichtlich abgeschossen?”, fragte Kerim Al-Buchari, selbst Pilot bei der Armee, fassungslos. „Warum das denn? Wer schießt denn ein Privatflugzeug absichtlich ab? Unsere Eltern wollten zu einer Versteigerung. Das ist doch kein Grund für einen Angriff auf eine Zivilmaschine?”

„Es war gleichzeitig eine Maschine unterwegs, die aus dem Jemen kam und gesuchte Terroristen an Bord hatte. Sie kreuzten sich und der Soldat, der die Drohne steuerte, hat die Flugnummern verwechselt. Es war ein tragisches Versehen.”

„Ein Versehen? Ein Versehen hat unsere Familie getötet? Ein Versehen hat meinen Freund, meine Eltern, meine Onkel und Tanten getötet? Na dann ist ja alles gut, wenn es nur ein Versehen war”, presste Elias wütend zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er stand auf und verließ den Raum, ohne auf die Rufe seiner Schwester zu reagieren. Draußen lief er zu den Stallungen, pfiff, und als ein Gepard angesprungen kam, schnappte er sich einen Jeep. Mit der großen Katze auf der Ladefläche fuhr er los.

Er wollte allein sein, allein und keine Familie um sich sehen. Elias stellte den Wagen ab und stieg aus. Jeder Schritt fiel ihm schwer und halb blind vor Tränen stolperte er vom Rand der Wüste über verschlungene Pfade zu seinem Ziel, begleitet von seiner großen, gefleckten Katze. An diesem Ort hatte er sich immer mit seinem Cousin Samy nach der Jagd aufgehalten. Es war ein überdachtes Plateau am Berg. Abends hielt dort noch lange die Wärme vor, und die beiden Jungs hatten sich dort gern nach der Jagd erholt.

Er betrat das Plateau und erinnerte sich an jeden Winkel, den er zusammen mit Samy erforscht hatte. Der Anblick jedes Fleckchens ließ Erinnerungen hochkommen, an das fröhliche Lachen seines Cousins, an gemeinsame Erlebnisse und dann übermannten ihn diese Erinnerungen. Er rutschte mit dem Rücken entlang der Wand und vergoss bittere Tränen, als er auf dem Boden saß.

„Ach Samy, Samy, wie konnte das passieren?”

Manchmal hatte Elias die Saiten seiner Oud gezupft, sein Kopf hatte dabei an der Schulter seines Cousins gelehnt. Gelegentlich hatten sie dort auch übernachtet und abends am Feuer über die Zukunft nachgedacht. Bei dem zwei Jahre älteren Samy hatte die Veränderung natürlich eher begonnen, und Elias war schon fast ein wenig neidisch gewesen, bis auch bei ihm über Nacht plötzlich die Zähne spitzer wurden, er einen Appetit auf Blut verspürte und sein Babyspeck verschwand. Über den hatte er sich immer etwas geärgert, er konnte trainieren und laufen, wie er wollte, noch mit fünfzehn sah er aus wie ein Dreizehnjähriger. Mit neunzehn aber war das lange vorbei, als die Umwandlung einsetzte. Denn das war das eigentliche Geheimnis des Al-Buchari-Clans. Die Al-Bucharis waren Vampire.

Elias hatte darüber hinaus noch ein Geheimnis, das er Samy anvertraut hatte. Der Ältere hatte es sich schon gedacht, denn ein paar Mal waren sie miteinander intim geworden, wenn sie an ihrem Lieblingsplatz übernachtet hatten. Anfangs hatte Samy das mitgemacht, doch irgendwann hatte er gemerkt, dass er seinen Cousin Elias zwar liebte, aber doch etwas anders, als der sich das wünschte. Eher wie einen Bruder. Mehr war nicht drin, denn Samy stand auf Frauen. Elias nicht, und das war eine Zeit lang ein Problem gewesen, bis beide lernten, damit umzugehen. Elias hatte Glück gehabt mit seinem Cousin, der ihn so akzeptierte, wie er war.

„Und jetzt bist du tot, tot, tot”, schrie Elias wutentbrannt. Vielfach hallte das Echo von den Bergen zurück und klang grausam in seinen Ohren. Als ob ihn jemand verhöhnen wollte, so klangen die sich überlagernden Echos, die langsam schwächer wurden.

„Nie wieder werde ich für dich spielen können, Samy!”, weinte er und dachte daran, dass er es doch nur seinem Cousin zu verdanken hatte, dass aus seinem Interesse an der Oud mehr geworden war. Der Ältere hatte sein Talent erahnt und ihn gedrängt, mehr daraus zu machen. Und jetzt war Samy tot und würde nie mehr den Geparden kraulen oder mit ihm um die Wette durch die Wüste laufen. Wegen eines Versehens! Weil jemand Flugnummern verwechselt und das falsche Ziel getroffen hatte.

Wut brodelte in Elias wie die kochende Lava im Krater eines Vulkans, eine gnadenlose und eiskalte Wut auf den unbekannten Menschen, der ihm mit einem Knopfdruck das Wertvollste genommen hatte, das er besaß. Freund und Familie waren verbrannt und heiß tropften Elias Tränen auf den Pelz des Gepards, der nervös mit dem Schwanz schlagend an seiner Seite lag.

Elias konnte es kaum fassen, dass sein bester Freund, den er geliebt hatte, jetzt tot war. Wegen eines dummen Versehens! Zahlen sollte er, der Unbekannte, mit dem Blut seiner eigenen Verwandten. Er sollte selbst erleben, wie es war, einen Bruder zu verlieren. Oder die Eltern. Der junge Vampir überlegte, wie er herausfinden könnte, wer für das sinnlose Massaker die Verantwortung trug.

Stundenlang trauerte und brütete Elias vor sich hin, unterbrochen von Erinnerungen an die zärtlichen Gesten seines Cousins, wenn der ihn im Arm gehalten hatte oder sie sich lachend nach einem Wettlauf am Ziel getroffen hatten. Abwechselnd weinte und tobte er, brüllte seine Wut und seine Trauer aus sich heraus, sein Gepard saß hinter ihm und knurrte gelegentlich.

 

Spät am Abend weinte Elias sich in den Schlaf und wachte auf, als ihm jemand sanft über die Wange streichelte. Müde setzte er sich auf und blinzelte, als er Lalla Sara erkannte.

„Grandmère! Was machst du denn hier?”

„Ich habe mir Sorgen um dich gemacht und Ali meinte, du seiest hier zu finden.”

„Wir waren immer hier, das war unser Platz, wenn wir allein sein wollten.” Elias schluckte, als ihn wieder die Erinnerungen überkamen. Die alte Dame zog ihn in ihre Arme.

„Ich habe gespürt, was dir durch den Kopf geht, Elias. So sehr ich es verstehen kann, dass du Vergeltung willst, aber das bringt nichts, glaub es mir.”

„Soll dieser Mörder ungestraft davonkommen? Er hat einen großen Teil unserer Familie auf dem Gewissen und das nur durch ein Versehen!”, knurrte ihr Enkel wütend.

„Das habe ich nicht gesagt. Aber es ist nicht an dir, Vergeltung oder gar Rache zu üben.” Sie machte eine Pause, bevor sie fortfuhr. „Elias, vor vierhundert Jahren habe ich meine beiden Brüder verloren, auch durch ein Missverständnis. Ich habe damals grausame Rache geübt. Du weißt, was wir können, und dass uns kein Mensch gewachsen ist, wenn wir kämpfen. Es hat mir meine Brüder nicht wiedergegeben, aber ich träume heute noch von meinen Taten. Ich sehe die Leichen und höre die Schreie. Tu dir das nicht an und behalte deine Familie in guter Erinnerung.”

„Ich weiß nicht, ob ich das so einfach kann. Wenn ich an Samy denke, dann möchte ich am liebsten losziehen und Vergeltung fordern.”

„Nein!“ unterbrach die Matriarchin und griff an seinen Kopf. Sie zog ihn mit unbarmherziger Kraft zu sich heran. „Dann musst du sehen, an was ich mich erinnere.”

Elias erstarrte, als die Matriarchin ihn zwang, an ihren Erinnerungen teilzuhaben. Wie sie die Nachricht erhielt, dass man ihre Brüder mit jemandem verwechselt hatte und das Haus, in dem sie schliefen, angezündet hatte, sodass sie ums Leben kamen. Einen Tag später war sie über das Dorf hergefallen und hatte es dem Erdboden gleichgemacht. Er sah zerrissene Körper und hörte die Schreie der Opfer. Der Junge hörte das Brausen des Sturms, als der sie über dem Dorf tobte, und fühlte ihr Toben. Er hörte ihre düstere Stimme, die über dem Dorf ertönte, während sie Rache übte. Sie hatte keine Gnade gekannt und mit ihren Kräften das Dorf und seine Bewohner mit Sand und einem Steinhagel bedeckt, sodass nichts mehr an das Dorf erinnerte.

„Willst du das? Willst du dich lebenslang daran erinnern müssen? Und wissen, dass es falsch war? Es bringt dir niemanden zurück. Aber es tötet ein Stück von dir. Elias, tu dir das nicht an. Du bist mein Enkel und jetzt der Erbe!”

Sie ließ ihn los, aber als sie das sagte, war Elias schwer geschockt. Er und jetzt der Erbe?

„Grandmère! Ich will das nicht! Ich bin doch gar nicht in der Lage, die Arbeit zu machen. Das kannst du nicht von mir verlangen!”

„Nicht jetzt, aber irgendwann schon. Du wirst dich vorbereiten müssen, und wen sollte ich sonst fragen? Du und deine Schwester, ihr seid die jüngste Generation der Al-Bucharis und es wird an euch sein, unser Erbe zu bewahren.”

„Ich habe mir dein Leben auch anders vorgestellt, das kannst du mir glauben”, meinte die alte Dame traurig. „Nun komm, nimm deinen Kater. Lass uns heimkehren.”

 

In den kommenden Wochen wurde getrauert in der Kasbah Al-Buchari. Irgendwann brachte ein Hubschrauber Urnen mit den sterblichen Überresten, die man hatte bergen können. Zur Beisetzung erschienen die Caids der Umgebung, Scherif Musa und ein Vertreter der US-Botschaft, der wortreich die Entschuldigung und eine Entschädigung seiner Regierung überbrachte.

Nach dem Begräbnis versuchte jeder, wieder in den Alltag einzutauchen. Den beiden Brüdern Kerim und Ali gelang es noch am leichtesten. Ihre Arbeit half ihnen bei der Bewältigung der Verluste und der Trauer. Auch Mounia, Elias Schwester, war pragmatisch genug, den Blick nach vorn zu richten. Sie sah aber mit Sorge auf ihren Bruder, denn dieser konnte sich nicht so schnell wieder ins Leben eingliedern. Er vernachlässigte die Oud und spielte kaum noch. Mehr und mehr versank er in seiner Trauer. Zwar hatte er sich von Rachegedanken verabschiedet, aber er war völlig aus der Bahn gerissen.

Lalla Sara betrachtete das mit Sorge und überlegte, wie sie den jungen Mann wieder aufrichten könnte. Nach einem halben Jahr war Elias völlig in Lethargie versunken. So konnte es nicht weitergehen. Sie dachte bei sich, dass ihrem Erbe und seiner Schwester vielleicht eine Ortsveränderung guttun würde.

Es lag nahe, dass ein Aufenthalt in den USA nicht infrage kam, und sie richtete ihre Gedanken auf Europa. Von Elias‘ Lehrer Faris Lamine, einem ehemaligen Stipendiaten, wusste sie, dass er Freunde in Deutschland hatte, und nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es schon mal einen guten Kontakt dorthin gegeben. Eines Abends rief sie die Zwillinge zu sich und eröffnete ihnen ihre Pläne.

„Kinder, ich möchte, dass ihr eine Zeit lang ins Ausland geht. Was haltet ihr davon, in Deutschland zu studieren?”

„Ich denke, ich soll die Stiftung übernehmen?”

„Nicht heute und nicht morgen. Irgendwann einmal. Ich kann euch sicher noch zehn Jahre geben, bis wir das klären müssen. Elias, wir sind nur noch zu fünft in unserer Familie, nie waren wir so wenig. Und ich werde auch nicht ewig leben. Irgendwer von euch Jüngeren muss dann meine Arbeit übernehmen können.”

„Hast du schon eine Idee, wo Elias und ich in Deutschland studieren sollen? Das würde mich sehr interessieren.”

„Dr. Lamine hat Freunde in Bonn. Ich habe Nachforschungen anstellen lassen. Bonn hat eine gute Universität, und in der Nähe liegen Köln und Düsseldorf, große Städte mit vielen Sehenswürdigkeiten. Was haltet ihr davon?”

Elias‘ Schwester klatschte begeistert in die Hände. „Das hört sich gut an! Bruderherz, was sagst du dazu?”

„Meinetwegen. Soll mir recht sein. Wenn du das für richtig hältst, Grandmère.”

„Dann werde ich alles veranlassen. Elias, sei doch nicht so gleichgültig. Ich bin sicher, dass es euch guttun wird”, sagte die alte Matriarchin freundlich.

„Soll ich jubeln?”, fragte Elias gleichgültig. „Maschallah! Alhamdulillah!”

Er stand auf und verließ den Diwan, die missbilligenden Blicke seiner Schwester und Lalla Saras nicht wahrnehmend.

Frühling in Bonn

Eigentlich hatte der Tag gar nicht schlecht angefangen. Es war Anfang Mai, der Winter war endgültig vorbei. In den Ästen zwitscherten die Vögel, die ersten Kirschbäume blühten und in der Luft lag ein frischer Duft nach Frühling.

Im Garten der Villa Meyer-Frankenforst in der Godesberger Kronprinzenstraße blickte der alte Clemens Meyer-Frankenforst wohlgefällig auf die Flugbretter seiner Bienenvölker im Garten und registrierte das geschäftige Treiben seiner Bienen. Die Sammlerinnen trugen Pollen in Massen ein. Manchmal sah es fast so aus, als seien die Bienen überladen, so schwer landeten sie auf den Landebrettern der Bienenstöcke. Der Winter hatte lange genug gedauert. Dieses Jahr war für die normalerweise warmen Verhältnisse im Rheintal alles etwas später zum Blühen gekommen, doch mittlerweile war es kurz vor Mittag, die Temperatur lag bei gefühlten 20 °C, und keine Wolke war am Himmel zu sehen. Es sah nach einem guten Tag aus für die Bienen und den Gartenfreund.

Er würde im Laufe des Nachmittages nach den anderen Ständen seiner Imkerei schauen, die sich an den Hängen des Siebengebirges befanden und bis in den benachbarten Kottenforst reichten.

Nach seiner Pensionierung als Lehrer an einer Hauptschule hatte der Ex-Lehrer sein Hobby zur Berufung gemacht. Grimmig dachte er an seine Zeit als Lehrer zurück und an das Chaos, das das System an seinen Schülern angerichtet hatte. Er hatte an einer Hauptschule unterrichtet und vor seinen Schülern kapitulieren müssen. Überfüllte Klassen, schlecht ausgestattete Schulen und Dienst nach Vorschrift ohne Rücksicht auf Verluste. Als er vor der Wahl stand, sich ein Magengeschwür, einen Herzinfarkt oder Depressionen einzuhandeln oder sich noch einmal neu zu orientieren, hatte seine Frau insistiert und ihm mit Scheidung gedroht, wenn er nicht einen Schlussstrich zöge. Allein könne er diese Lasten nicht schultern, und wenn er ernsthaft ein längeres Leben mit ihr in Betracht zöge, müsse er sein Leben überdenken.

Da hatte er nicht lange gezögert, war zu seinem Arzt gegangen und hatte sich krankheitsbedingt in den vorzeitigen Ruhestand versetzen lassen. Gerührt dachte er an die Szene, die sein Hausarzt und Freund ihm gemacht hatte. Ohne Punkt und Komma war Dr. Schäfers Litanei erklungen.

„Mein Lieber, ich sage es dir jetzt zum letzten und einzigen Mal. Du bist näher an den sechzig als an den fünfzig, hast einen Stressjob, du reißt dir permanent den Arsch auf und wofür? Medizinisch gesehen bist du ein Minenfeld. Ich kann dir nicht sagen, was dich zuerst umbringen wird. Entweder das sich entwickelnde Magengeschwür - hier, sieh dir mal das Bild von der Magenspiegelung an, das sieht sogar ein medizinischer Laie, ein Herzinfarkt oder deine Frau. Und die hat jedes Recht dazu. Du machst Über- und Vertretungsstunden en masse, wann wart ihr das letzte Mal gemeinsam im Theater, im Kino oder in der Oper? Und erzähl mir nichts von Urlaub, ich weiß genau, wann ihr das letzte Mal im Urlaub wart. Das war kurz nach der deutschen Vereinigung, ihr wart eine Woche auf Fuerteventura. Wärst du ein Schiff und ich der Reeder, dann müsstest du in spätestens fünf Jahren abgewrackt werden! Hier meine ärztliche und freundschaftliche Anordnung. Du bist ab sofort vom Dienst suspendiert, hier ist das Attest, das dir der Amtsarzt genauso bestätigen wird, dann reichst du deinen Antrag auf Entlassung in den vorzeitigen Ruhestand ein. Dann gehst du mit Monika ins Reisebüro am Theaterplatz und fährst mindestens vier Wochen irgendwohin, wo es keine Schüler gibt. Ich ordne eine Woche Strandruhe an, schlaf dich aus, frühstücke lange, genieß den Tag. Und wenn dir die Decke auf den Kopf fällt, mach mit deiner Frau ein paar Touren, geht Kirchen und Klöster besichtigen oder was man sonst so im Urlaub macht. Wenn du zurückkommst, suchst du dir ein Hobby, züchte meinetwegen Bienen oder sammle Orchideen, lerne Sprachen, weiß der Geier was. Und jetzt raus!”

Schmunzelnd dachte Clemens an seinen verdrießlichen Freund, er fühlte sich immer an den Bordarzt aus der Star-Trek-Serie erinnert. In den 60ern war die Serie zum ersten Mal ausgestrahlt worden, und er hatte die Figur des „Pille” genannten Bordarztes immer besonders geschätzt. Und als Dr. Hubert Schäfer später das Nachbarhaus in der Kronprinzenstraße bezog, dort seine Praxis eröffnete und ihm kurz nach der ersten Begegnung sagte, er wolle ihn am nächsten Tag in seiner Praxis sehen, andernfalls er sich genötigt sähe, einen Hausbesuch zu machen, war das der Beginn einer guten freundschaftlichen Beziehung. Hubert Schäfer hatte ihm immer klar gesagt, was er von seinem Einsatz als Lehrer hielt. Über die Jahre hinweg waren sie enge Freunde geworden. Der knorrige Mediziner hatte sich gelegentlich gern von seinen Nachbarn und Freunden zum Essen einladen lassen oder sie bekocht.

Als Clemens sich nach dem Urlaub dann tatsächlich Bienen zulegte und zunächst drei Bienenvölker aufstellte, aus denen dann später fünf und nach ein paar Jahren fünfzehn wurden, hatte Hubert allerdings die Augen aufgerissen. Clemens kicherte immer noch, wenn er an das Gesicht des Arztes dachte, als der die Bienen zum ersten Mal fliegen sah. Als kleine Rache hatte er die Bienenkästen so aufgestellt, dass die Bienen direkt Richtung Südosten starteten und damit über die Terrasse seines Nachbarn flogen. „Mein Bester, es war deine Anordnung, dass ich mir eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zulegen sollte und wer bin ich, dass ich den Rat meines Arztes nicht befolge?”

Sicherheitshalber hatte er den Bienenzüchter, von dem er die Bienen gekauft hatte, nach einer friedlichen Rasse gefragt. Dieser Imker hatte ihm eine englische Klosterrasse empfohlen, mit der auch die Profis arbeiten würden. Friedlich gestimmt, gut zu halten und nicht allzu viel Arbeit machend, sorgten diese Bienen mittlerweile dafür, dass auf dem Frühstückstisch der Meyer-Frankenforsts immer diverse Honigsorten standen. Bald profitierte auch die Nachbarschaft davon. Vorher hatte sich Clemens mit Fachliteratur eingedeckt und Kurse besucht, um mit der Biologie der Bienen, der Diagnose von Krankheiten und der Verarbeitung der Bienenprodukte vertraut zu werden. Außerdem hielt er Kontakt zu anderen Imkern, las Fachzeitschriften und besuchte Imker-Kongresse.

Mittlerweile hielt Clemens neunzig Bienenvölker und hatte sich zum Bio-Imker qualifizieren lassen. Hilfe bekam er von seinem Neffen Jan, der genau wie sein Großonkel die Ruhe und Konzentration erfordernde Arbeit an den Bienen schätzte, um sich nach der Schule und später nach dem Studium zu entspannen. Die kleinen gestreiften Biester hatten verdammt stichhaltige Argumente, mit denen sie ihren Haltern Hektik und Nervosität alsbald austrieben. Bienen schätzen ruhige, fließende Bewegungen, helle Farben und gute Stimmung. Die ersten Stiche hatten noch geschmerzt, aber irgendwann hatte sich der Körper daran gewöhnt, und einen Schutz für das Gesicht oder gar Handschuhe benutzte keiner mehr an den Bienen.

Liebevoll blickte der kleine grauhaarige Bienenvater zu seinen Immen hinüber und genoss das beruhigende Summen und den Duft des eingetragenen Nektars, der mit dem leichten Wind herüberwehte.

Aus dem Wintergarten ertönte der Ruf seiner Gattin, die ihn zum Mittagessen rief. Monika sorgte für einen reibungslosen Tagesablauf im Haus. Er hatte immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn er an die Jahre vor seiner Pensionierung dachte. Wie selbstverständlich hatte er sich darauf verlassen, dass sie das große Haus seiner Eltern managte. Die alte Villa forderte ständige Pflege und Instandhaltung. Seine Eltern hatten ihm genug hinterlassen, um das Haus zu unterhalten, doch die alte Fabrikantenvilla aus dem 19. Jahrhundert war ursprünglich mal für eine große Familie samt Hauspersonal geplant worden. Drei Etagen, von denen er mit Monika das Erdgeschoss bewohnte. Jan und seine Schwester Nina nutzten jeweils drei Zimmer als Schlaf- und Arbeitszimmer mit Bad im ersten Stock, und die kleinen Zimmer unter dem Dach wurden gelegentlich an Studenten vermietet. Glücklicherweise waren der erste und zweite Stock über ein separates Treppenhaus erreichbar, denn die beiden Kinder kamen manchmal etwas spät nach Haus und das auch nicht immer allein.

So kam es, dass gelegentlich ein fremdes Gesicht mit am Frühstückstisch saß. Besonders Jan hatte da einen hohen Umsatz. Nina kommentierte das Auftauchen seiner jeweiligen Flamme mit herrlich spitzen Bemerkungen, die Clemens amüsiert zur Kenntnis nahm, wiewohl er sich bemühte, keine Miene zu verziehen und damit womöglich Partei zu ergreifen. Jans jüngere Schwester war im Vergleich zu früheren Zeiten schon sehr pflegeleicht geworden, hatte aber immer noch die Gabe, sich binnen Sekunden von einem lauen Lüftchen in einen Hurrikan zu verwandeln, wenn ihr danach war.

Wenn er an die Zeit zurückdachte, als die beiden zu ihm und Monika kamen, völlig verschreckt nach dem Attentat in der Hotelanlage in Ägypten, das ihnen die Eltern geraubt hatte, wurde ihm immer noch schwer zumute. Sie gingen völlig unterschiedlich mit dem schrecklichen Ereignis von damals um. Jan war still und wollte das Haus kaum allein verlassen, er nahm kaum Kontakt zu anderen Personen außer seiner Schwester, Clemens und Monika auf. Er ging zur Schule, brachte hervorragende Leistungen, trieb Sport wie ein Besessener und ging später an die Uni, um dort zu studieren. Aber er hatte kaum Freunde und blieb Fremden gegenüber immer höflich distanziert. Clemens hoffte immer noch, dass sein Großneffe sich öffnen würde.

Nur manchmal konnte man hinter seine Fassade blicken: wenn der Junge beim Sport war und sich abmühte, seinem Körper Muskelwachstum abzuverlangen. Inzwischen hatte er Muskeln entwickelt, von denen Clemens nicht geglaubt hätte, dass es sie überhaupt gab. Sein Onkel konnte nicht umhin, die Ausdauer und Hingabe zu bewundern, mit der sein Neffe an seinem Körper arbeitete. Glücklicherweise entsprach Jan nicht dem Klischee des tumben Muskelboliden. Er hatte in der Schule eine Sprachbegabung für romanische Sprachen gezeigt und deshalb Spanisch, Französisch und Italienisch gelernt. Von da war es nur ein kurzer Schritt bis zum Romanistik- und Übersetzerstudium an der Bonner Uni gewesen, das Jan in zwei Jahren beenden wollte. Mit seinen 1,85m, seiner sportlichen Erscheinung samt breiten Schultern und schmalen Hüften, den blauen Augen und blonden Haaren, die ein markantes Gesicht einrahmten, war es verständlich, dass ihm die Mädchen zu Füßen lagen. Aber für eine Beziehung hatte es nie gereicht.

So verbissen, wie Jan seine Energie in Sport und Lernen gesteckt hatte, so intensiv war die jüngere Nina in ihrer Außenwirkung. Jeden Besucher pflückte sie alsbald auseinander, und in den Jahren der Pubertät, besonders zwischen vierzehn und sechzehn, war sie schlichtweg unerträglich gewesen. Sie hatte eine unglaubliche Aggressivität an den Tag gelegt, bezog jeden Satz als Kritik an sich selbst und fand alles ungerecht. In der Schule sackten ihre Leistungen ab, und sie hatten das Mädchen in ein Internat stecken müssen, damit sie das Gymnasium überhaupt schaffte. Dr. Schäfer hatte ihnen einen Therapeuten empfohlen, damit Nina lernte, mit ihren Aggressionen umzugehen. Ihre Wut war Ausdruck ihres Unvermögens, den Verlust der Eltern zu akzeptieren. So sehr sich Monika und Clemens bemühten, den Geschwistern die Eltern zu ersetzen, und ihr alles an Liebe entgegenbrachten, was sie zu bieten hatten, bei Nina kapitulierten sie fast. Der Therapeut hatte es geschafft, in zahlreichen Sitzungen Nina ein gewisses Maß an Selbstdisziplin beizubringen und ihr Energielevel zu senken. Sie explodierte jetzt nicht mehr so schnell und nahm nicht alles persönlich. Im Internat hatte sie Abitur gemacht und danach eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert, die sie mit Bravour abgeschlossen hatte. Mittlerweile war sie in der Intensivpflege tätig.

Manchmal half sie dem alten Dr. Schäfer in der Praxis aus, der noch immer einen gewissen Stamm an Privatpatienten pflegte, die nicht von ihm lassen wollten. Der alte Hausarzt und Chirurg, dem man sein Alter nicht ansah, hatte mit Erreichen der Pensionsgrenze seine Kassenzulassung abgegeben, aber noch lange keine Lust, Skalpell und Tupfer endgültig aus der Hand zu legen. Clemens hatte ihn im Verdacht, bei der Erziehung seiner Großnichte ein wenig mitzuwirken.

„Clemens, du übersiehst mal wieder völlig, dass der Junge ein viel größeres Problem hat als Nina. Hinter seiner Fassade aus Leistung, Fleiß und Arbeit steckt eine große Baustelle und sie wird größer, je mehr die Fassade wächst. Nina ist da viel weiter, sie weiß schon längst, in welche Richtung sie will. Um sie mache ich mir keine Sorgen, aber wenn Jan nicht bald eine Basis findet und weiß, was er vom Leben will, dann wird er sich nicht weiter entwickeln. Er ist eitel, nicht beziehungsfähig und wechselt die Mädchen wie andere die Unterwäsche. Hoffentlich kommt mal jemand, der das ändert.”

Clemens seufzte und hoffte, dass sein alter Freund sich irrte. Er wollte sich Jan nicht als Baustelle vorstellen, der Junge war doch schon fast fertig mit seinem Studium, hatte gute Aussichten und der Rest würde sich auch noch einstellen. Mit ihren vierundsiebzig Jahren fühlten sich Clemens und Monika dann doch etwas alt, um einem Mittzwanziger den Weg zu weisen.

Nach drei Jahren hatten sie die beiden Geschwister adoptiert. Die Behörden hatten zwar wegen des etwas vorgerückten Alters der künftigen Adoptiveltern einige Bedenken geäußert, letztendlich aber doch ihr Einverständnis gegeben. Jan und Nina wollten von Onkel und Tante sowieso nicht weg, und Clemens wünschte sich außerdem, dass das große Haus in der Familie bleiben solle. Die rein materielle Zukunft ihrer Kinder hatten die beiden gesichert, und die beiden Alten hofften insgeheim, vielleicht noch Enkel zu erleben.

Der Brief

„Clemens, da ist ein Brief an dich aus Tunis, sieht so aus, als ob Faris geschrieben hat. Der Brief liegt auf dem Tisch neben der Tür. Komm doch zum Essen.”

Monikas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Auf dem Weg zum Mittagessen nahm er noch den Brief mit. Sicher wollte auch seine Frau wissen, was Faris zu schreiben hatte.

„Komme sofort”, rief er, als er das Esszimmer betrat, um am Tisch Platz zunehmen. Den Brief legte beiseite und begann zu essen.

Clemens, Monika und Faris hatten sich bei einem Urlaub in Tunis kennengelernt. Dr. Faris Lamine war Musiklehrer und Literaturdozent an der Hochschule in Kairouan und unterrichtete Studenten den Umgang mit der klassischen Laute, einem Saiteninstrument, das entfernt an die Gitarre erinnerte. Seine eigene Virtuosität auf der Oud war mittlerweile legendär und Schüler strömten in Scharen zu ihm, um von ihm zu lernen. Er archivierte das alte Liedgut und hatte insbesondere ein Faible für die klassische arabische Literatur von Abu Nuwas, dessen teilweise recht frivolen Wein-, Jagd- und Liebesgedichte er vertonte. Der zur Zeit des Kalifen Harun Al-Raschid lebende Dichter hatte so manches Stück Literatur verfasst, das damals wie heute konservative islamische Kreise erblassen ließ.

Einige der Gedichte hatte Faris inmitten seiner Studenten bei einem Privatkonzert auf der Oud vorgetragen. Die beiden Meyer-Frankenforsts, des Arabischen nicht mächtig, hatten anhand der sehr unterschiedlichen Reaktionen der Zuhörer mitbekommen, dass auch 1200 Jahre alte Gedichte nach wie vor Sprengstoff in sich tragen können. Faris‘ sanfte Stimme, von den Klängen der Oud mehr umschmeichelt als begleitet, hatte auch die beiden deutschen Urlauber von der Straße in das Café gezogen, wo Faris sein kleines Konzert gab.

Neugierig geworden, waren die beiden mit dem Musiklehrer ins Gespräch gekommen, hatte sein Institut besucht und seine Arbeit kennengelernt. Seitdem waren sie oft in Tunesien und den anderen Ländern des Maghrebs gewesen und hatten Faris im Gegenzug eingeladen. Auch den Kindern hatte Faris angeboten, zu ihm nach Tunis und Kairouan zu kommen und das Land kennenzulernen. Nina war zweimal dort gewesen und hatte sich in das Land verliebt.

Doch Jan war um nichts in der Welt zu bewegen gewesen, nach Tunesien zu reisen. Als Clemens und Monika es ihm vorgeschlagen hatten, war er blass geworden und hatte das Angebot brüsk abgelehnt. Auch später hatte er nicht mit sich darüber reden lassen. Wenn Faris zu Besuch war, war Jan von ausgesuchter Höflichkeit, aber mehr war nicht aus ihm herauszuholen.

 

Als sie das Essen beendet hatten, griff Clemens zu dem Brief, öffnete den Umschlag und eine CD fiel auf den Tisch. Und ein mehrseitiger Brief, den er entfaltete.

 

Le Carthage, 15. April

Cher Clemens,

wie geht es dir und Monika? Ich hoffe, dass euch mein Brief bei guter Gesundheit erreicht. Richte ihr bitte meine herzlichsten Grüße aus und auch meinen Wunsch, euch mal wieder bei uns begrüßen zu können. Ich habe wieder einige Gedichte vertont, anbei findest du eine Aufnahme meiner letzten Stücke, die wie ich hoffe, dir und Monika gefallen. Genieße sie ganz im Sinne Abu Nuwas bei einem guten Wein nach einem guten Essen auf der Terrasse eures Gartens und trinke in meinem Namen ein Glas Wein auf die bigotten Spießer, die mir was von klassischer arabischer Literatur erzählen wollen und vom Leben in all seinen Facetten keine Ahnung haben. Sie gehen mit Scheuklappen durchs Leben und sehen nicht rechts und nicht links. Aber ich will euch nicht mit meinen Malaisen langweilen.

Wie ich weiß, haben du und deine Gattin stets ein offenes Haus für junge Leute, ich habe Eure beiden Kinder kennengelernt und sehe, wie ihr sie gefördert habt. Sie sind noch jung und ich bin sicher, aus ihnen werden gute Menschen. Die schrecklichen Ereignisse, die ihnen die Eltern genommen haben, ließen sie nicht zerbrechen, woran ihr einen großen Anteil tragt.

Wir haben uns ja schon öfter gegenseitig Schüler und Studenten zugeschickt.

Nun möchte ich euch einen jungen Studenten empfehlen, der seit einigen Monaten bei mir im Institut lernt. Ich habe noch nie eine solche Begabung unter meinen Studenten gesehen und in nahezu 40 Jahren Lehrtätigkeit habe ich sehr viele begabte junge Leute gesehen. Elias Al-Buchari ist ein Artist auf der Oud, er entlockt dem Instrument Klänge, die ich kaum selbst zustande bringe. Der Junge ist 22 Jahre alt und hat noch eine Zwillingsschwester, Mounia, ebenfalls ein sehr nettes Mädchen. Es ist für einen Lehrer immer eine Befriedigung, wenn der Schüler den Lehrer überholt und Elias kann ich nicht mehr viel beibringen.

Ich kenne die Familie Al-Buchari seit meiner Studentenzeit, sie leben seit langer Zeit in unserem Land, waren immer der Kultur zugetan.

Seinerzeit als Student hatte ich es einem ihrer Stipendien zu verdanken, dass ich mich ganz dem Studium der klassischen arabischen Literatur und der Musik widmen konnte. Auch später hat die Stiftung der Al-Bucharis meinem Institut immer wieder Unterstützung zukommen lassen. Einer der Vorfahren der Al-Bucharis hat mit seinem Besitz seinerzeit eine Stiftung gegründet. Von diesen im islamischen Recht verankerten Stiftungen, waqf genannt, gibt es nur noch sehr wenige im Maghreb. Sie widmen sich meistens der Kultur und dem Sozialwesen, manchmal werden von ihnen auch Schulen und Moscheen gefördert oder sie sind diesen angegliedert.

Die derzeitige Vorsitzende der Stiftung ist Lalla Sara, eine ehrwürdige alte Dame, die ich selbst noch nie gesehen habe. Sie tritt in der Öffentlichkeit nicht in Erscheinung und lebt auf dem Familiensitz im Atlasgebirge.

Gewöhnlich sucht sich die Stiftung ihre Kandidaten selbst aus, keiner kennt die Auswahlkriterien. Ich weiß auch nicht so recht, wie ich damals auf die Liste der Kandidaten kam.

Einer der Mitarbeiter der Stiftung hat mich letztens besucht und bat mich um Hilfe. Lalla Sara ist der Meinung, dass ihr Enkel Elias und seine Schwester Mounia langsam flügge werden sollen. Du musst wissen, dass die beiden jungen Leute keine Eltern mehr haben, genau, wie Jan und Nina, und Lalla Sara sich deshalb um sie kümmert. Sie sollen in ein europäisches Land, um dort zu studieren, Land und Leute kennenlernen, den Horizont erweitern und selbstständig werden.

Dabei dachte ich an euch und wollte euch fragen, ob ihr euch vorstellen könnt, die beiden Kinder für eine Zeit aufzunehmen und ihnen ein Heim zu geben. Überlegt es euch doch mal, ich glaube, dass die beiden gut in eure Familie passen würden. Eure Kinder sind auch in dem Alter, und ich glaube, dass es besonders Jan gut tun würde. Der Junge muss dringend seine Einstellung überarbeiten und einen Weg aus seinem Schneckenhaus finden.

Wenn ihr einverstanden seid, gebt mir Bescheid, ich leite es dann an die Stiftung weiter und man wird sich melden.

Der Segen Allahs, des Allbarmherzigen, ruhe über euch und spende euch Frieden.

Euer Faris

 

Clemens ließ den Brief sinken und überlegte. Was würde Monika dazu sagen? Sie waren beide nicht mehr die Jüngsten, um Heranwachsenden die Eltern zu geben. Andererseits hatte es ihn immer gereizt, ein wenig noch den Lehrer zu spielen. Faris und er hatten die gleiche Einstellung gegenüber dem Lehrberuf. Sie sahen beide ihre höchste Belohnung darin, wenn sie Schülern eine Basis legten, von der ausgehend die Studenten irgendwann ihre Lehrer überrundeten.

„Was schreibt Faris? Hat er wieder neue Stücke vertont? Habe ich da eine CD gesehen?”

„Dir entgeht nichts, nicht wahr?”, fragte ihr Mann belustigt. „Ja, es stimmt, es ist eine CD dabei. Aber lass mich den Brief zu Ende lesen.”

„Nächste Woche wollte ich eigentlich wieder einmal unsere Freunde zum Abendessen einladen. Wir haben länger nichts mehr von Oleg gehört und dein Freund Hubert ließ auch schon wieder mal durchblicken, dass er Appetit verspürt auf rheinische Küche”, redete sie munter weiter. „Nach dem Essen im Wintergarten könnten wir seine Stücke bei Wein und Kaffee genießen, Oleg schätzt Faris‘ Musik genauso wie du.”

 

Monika runzelte verwundert die Stirn, als sie sah, wie der anscheinend in den Inhalt versunkene Clemens nachdenklich auf den Brief starrte und ihn dann zu ihr rüberschob.

„Lies selbst, ich mache uns derweil einen Kaffee”, antwortete ihr Mann und ging in die Küche. Das Essen war wie immer ein Genuss gewesen, seine Frau kochte gern und oft, probierte neue Rezepte aus und hatte lange Übung darin, auch eine größere Anzahl Gäste zu verpflegen.

In früheren Zeiten, wenn sie die obere Etage an Studenten vermietet hatten, brachten diese gelegentlich Kommilitonen zum gemeinsamen Lernen mit und irgendwann standen dann hungrige Gesichter in der Küche. Oder Monika unterbrach die Lernenden nach einer gewissen Zeit und forderte zum Essen auf.

Mit leerem Magen lernte es sich schlecht, davon war sie fest überzeugt. Ihre Küche hatte sie entsprechend eingerichtet. In der Mitte stand ein großer Herd unter einer Dunstabzugshaube. Die an den Wänden stehenden Zubereitungsflächen waren flankiert von Tischen und Vorratsschränken. Clemens fand sich da kaum zurecht und hatte sich ausbedungen, den Kaffee weiterhin ganz altmodisch mit kochendem Wasser und einem alten Porzellanfilter von Melitta zuzubereiten.

In letzter Zeit war das Esszimmer aber meistens nur von ihnen beiden benutzt worden. Nina aß irgendwo während der Arbeit, und Jan ging mittags in die Mensa. Lediglich am Abend wurde das Abendessen gemeinsam eingenommen, Clemens legte Wert auf seine abendlichen Rituale. Dazu gehörte, dass spätestens um halb acht gegessen wurde, denn um 20 Uhr stand die für Clemens heilige Tagesschau auf dem Programm. Er wurde zappelig, wenn er sich während der Nachrichten nicht ein wenig über die Tagespolitik aufregen konnte.

„Was hältst du von Faris‘ Idee?”, fragte er, während das heiße Wasser durch den Filter tropfte.

Während das Wasser kochte, dachte Clemens nach. Es wäre tatsächlich nett, mal wieder die Freunde einzuladen. Vielleicht nach den Eisheiligen, dann könnte man eventuell schon draußen auf der Terrasse essen. Im Rheinland hielt der Frühling immer schon ein paar Wochen früher Einzug, es konnte sein, dass der Mai schon einen Hauch von Frühsommer mit sich brachte.

Andernfalls würde das Esszimmer oder Wintergarten herhalten müssen. Im Wintergarten müsste er ein paar der Blumenbänke mit den Orchideen beiseite räumen, aber dafür wäre es angenehm warm, ein Hauch von Tropen zwischen den blühenden Cattleya- und Cimbidium-Orchideen. Sein Freund Oleg von Leistikow blickte immer etwas neidisch auf seine Cattleya Irene Finney, wenn diese aus ihren lila Blüten einen leicht süßlichen Duft verströmte. Einmal im Jahr blühte die Orchidee, mittlerweile eine große Pflanze, die er schon über zwanzig Jahre hatte.

Monikas Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen. „Clemens, das hört sich doch gar nicht schlecht an. Wenn ich mir vorstelle, zwei von Faris‘ Schützlingen bei uns zu beherbergen, dann kommt wieder Leben ins Gemäuer. Es wäre Gesellschaft für unsere Kinder, vielleicht freunden sie sich miteinander an. Die Armen haben ihre Eltern verloren und du weißt doch noch, wie verloren Nina und Jan damals ankamen.”

„Ja, aber das war vor fünfzehn Jahren. Wir sind nicht mehr die Jüngsten. Kannst du dir vorstellen, noch einmal Kinder aufzuziehen, mit all den Problemen, wie wir sie mit Nina hatten?”

„Es geht doch gar nicht um Kinder aufziehen. Die beiden sind doch deutlich älter, als es Jan und Nina damals waren. Ich kann mich gut an die anderen Schüler und Studenten von Faris erinnern. Sie begegneten ihrem Lehrer immer mit Respekt und ich kann mir nicht vorstellen, dass er uns zwei schwer erziehbare Jugendliche schickt. Das hat er in der Vergangenheit auch nicht getan.”

„Nun, da magst du recht haben. Aber denk doch mal an Jan. Er hat immer noch nicht vergessen, wie seine Eltern umkamen, und sieht in jedem aus der arabischen Welt stammenden Besucher einen potenziellen Terroristen, der einen unsichtbaren Bombengürtel trägt. Jetzt sollen wir zwei junge Nordafrikaner bei uns einquartieren. Du weißt, wie impulsiv er sein kann. Meinst du, dass wir das riskieren sollen?”

Jan war nicht direkt fremdenfeindlich. Seine Einstellung zu rechten Themen war genauso eindeutig wie die seines Großonkels. Beide lehnten Rassismus ab, doch beim Thema islamische Welt gingen ihre Ansichten auseinander. Monika hatte jedoch gemeint, dass Jan ein unbearbeitetes Problem vor sich herschob, das auf das schreckliche Attentat zurückging, dem seine Eltern zum Opfer gefallen waren. Islamistische Fundamentalisten, junge Leute allesamt, hatten eine Hotelanlage in die Luft gesprengt. Jan war erst elf gewesen und völlig schockiert. Es hatte lange gedauert, bis er sich vor die Tür getraut hatte.

Bonn war damals noch Regierungssitz gewesen, und in Bad Godesberg hatten sich die Residenzen vieler arabischer Botschaften befunden, die algerische Botschaft beispielsweise war nur ein paar Straßen entfernt gewesen. Man lief damals hier vielen Arabern über den Weg. In den Augen des elfjährigen Jan alles potenzielle Bombenleger.

In den ersten Jahren nach dem Verlust der Eltern hatte Jan manchmal nachts schreiend um sich geschlagen, wenn seine Ängste hochkamen. Hatten Clemens oder Monika den Jungen beruhigt und er schlief wieder, schien am nächsten Morgen alles wieder in Ordnung zu sein. Jan wollte nicht darüber sprechen. Zu seinem Vater hatte er eine enge Beziehung gehabt. Clemens kam nicht so nah an ihn heran, ihm schien es, als hätte Jan Angst, wieder jemanden zu verlieren und wollte vermeiden, diese Ängste erneut durchleben zu müssen.

Clemens seufzte. Jan gäbe eine harte Nuss ab, das war mal sicher.

„Es ist jetzt lange her, dass die Eltern der Kinder umkamen. Das vergisst man nicht. Aber es ist nicht gut, wenn Jan diesen Weg weitergeht. Er muss damit arbeiten und leben. Er ist jetzt Mitte zwanzig und noch formbar. Je älter er wird, desto schwerer wird es für ihn, seine Einstellung zu ändern. Wie viele Freundinnen hat er in den letzten Jahren angeschleppt, und nach zwei, drei Wochen hörte man nichts mehr von ihnen? Du weißt, dass ich mit Hubert einer Meinung bin. Der Junge hat Vorurteile und Bindungsängste, die ihm das Leben nicht leichter machen werden.”

 

Monika war seit Langem besorgt, dass ihr Großneffe allein durchs Leben würde gehen müssen. Sie wusste aber auch, dass durch Zwang nichts erreichbar sein würde. Sie hatten mit dem Psychologen gesprochen, der Nina während ihrer schwierigen Phase behandelt hatte. Auch er hatte gemeint, dass Jan der schwerere Fall sei. Doch solange der Junge nicht freiwillig reden wollte und nicht zumindest eine kleine Lücke in den Wall aus selbst errichteten Schutzwänden riss, solange würde niemand an ihn herankommen.

Dr. Pfeiffer, der Psychologe, hatte empfohlen, dem Jungen zu signalisieren, dass man für ihn da sei und es für ihn einen Hafen gäbe. Metaphorisch gesehen würde Jan irgendwann den Fuß ins Wasser stecken, und wenn es nicht zu kalt sei, werde er schwimmen lernen wollen, hatte Dr. Pfeiffer gesagt.

Bislang war davon aber nichts zu sehen gewesen. Jan hatte sich eingeigelt in einem Bau aus guten Leistungen an Schule und Uni. Seine Freizeit verbrachte er beim Kraftsport, und ansonsten bastelte er an seinem Auto herum. Zwischendurch tauchte mal das eine oder andere Mädchen auf, das er für ein, zwei Nächte mit nach Hause brachte, aber Monika und Clemens hatten es sich abgewöhnt, sich die Namen der Mädchen zu merken. Abends war Jan meistens zu Hause, wenn er nicht zum Training, ins Kino oder zu Konzerten ging. Ansonsten hatten die beiden Alten nicht den geringsten Grund zur Klage. Der Junge hatte keine besondere Vorliebe für Alkohol, das Wort Drogen schien er nicht einmal zu kennen, er rauchte nicht und achtete schon fast fanatisch auf seine Gesundheit. Fast schon langweilig. Bis auf Onkel und Tante ahnte kaum einer, was unter der Oberfläche des Jungen abging.

Einen gab es, dem Jan sich zu öffnen schien. Als der Junge siebzehn wurde, war die Familie auf einer Katzenausstellung gewesen und Jan hatte sich in ein Kätzchen verguckt. Aus dem Kätzchen war mit den Jahren ein großer Kater geworden. Wer hätte auch ahnen können, dass das Tier von der Nasen- bis zur Schwanzspitze einmal satte 1,20 m messen würde? Dazu kamen fast 10 Kilo Kampfgewicht und krallenbewehrte Pfoten, die es in sich hatten, wenn der Kater übellaunig war. Jan gegenüber blieb der Stubentiger immer liebevoll und zutraulich. Die anderen Familienmitglieder wurden von dem Kater als Mitbewohner akzeptiert und ebenfalls begrüßt. Fremde hatten es schwerer. Sie wurden beobachtet und zur Kenntnis genommen. Der Postbote war ziemlich unbeliebt, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Jans Schwester war dem Kater anscheinend zu lebhaft. Kam sie, flüchtete er auf den großen Kratzbaum, den Jan in seinem Wohnzimmer aufgestellt hatte.

Kam Jan nach Haus, galt der erste Blick dem Kater. Der Kater erkannte den Schritt schon von weitem und sprang auf, sobald er ihn vernahm. Rief Jan seinen Namen, so kam er sofort und begrüßte ihn mit einem zarten Stupser auf die Nase oder strich ihm um die Beine. Lag Jan abends im Bett, kam der Kater zu ihm und legte sich in die Armbeuge des Jungen, um sich etwas kraulen zu lassen. Clemens hatte den Eindruck, dass Jan mit seinem Kater redete und vielleicht ihm gegenüber das Herz ausschüttete. So manches Mal hatte er jedenfalls Jans leise Stimme aus dem Schlafzimmer gehört.

„Okay, Monika, grundsätzlich bin ich auch einverstanden und hoffe, dass du recht hast. Wir werden mit den Kindern darüber reden und auch mal Hubert, Oleg und Jakob fragen. Lass uns nächste Woche alle zum Abendessen einladen.” Clemens war sich immer noch nicht sicher, ob es eine gute Idee war.

Jan

Jan schloss den Deckel seines Laptops und lehnte sich vergnügt zurück. Die Vorlesung war vorbei, er musste nur noch Katzenfutter besorgen und hatte den Rest des Tages ansonsten frei. Er wollte Katzenfutter für seinen Stubentiger kaufen und überlegte, was er seinem Liebling Gutes tun könnte. Sein pelziger Freund war anspruchsvoll und ließ sich mit gewöhnlichem Dosenfutter nicht abspeisen. Jan hatte nicht vor, es sich mit seinem Kater zu verderben.

„Ich glaube, ich mache einen Abstecher zu Merzbachs nach Mehlem und besorge dir noch etwas frisches Fleisch, bevor ich zum Sport gehe”, murmelte er gut gelaunt vor sich hin, als er den Hörsaal verließ.

Er spürte, wie ihm einige seiner Kommilitonen hinterher sahen. Er war es gewöhnt, dass Jungs wie Mädchen ihn attraktiv fanden, und seine Eroberungsrate bei den Erstsemesterpartys war legendär.

In letzter Zeit hatte er aber das Interesse mehr und mehr verloren. Irgendwie wurde es langweilig, ständig neue Mädchen kennenzulernen, aufzureißen, seinen Adoptiveltern vorzustellen und dann doch festzustellen, dass sie uninteressant waren. Sie wirkten auch nicht mehr so attraktiv auf ihn wie früher. Jan wunderte sich selbst ein wenig über sich, schob es aber auf das Studium und sein Training.

Kurz bevor er den Ausgang erreichte, ertönte eine Stimme, die ihn in gewohnt knapper Manier herbeizitierte.

„Jan?! Kommen Sie kurz zu mir!”

Was will die jetzt denn noch?, dachte er leicht genervt, ahnte aber schon, um was es gehen könnte. Er erinnerte sich an das letzte Gespräch mit seiner Professorin. Er sollte sich langsam ein Thema für seine Abschlussarbeit suchen.

„Und? Sind Sie endlich fündig geworden? Abschlussarbeit? Sie erinnern sich?”

„Um ehrlich zu sein ...”, druckste er etwas verlegen herum und erfand schnell etwas. „Ich dachte an die frühen Kapetinger und die Christianisierung Galliens ...”

„Langweilig. Dazu haben Sie mir oft genug etwas vorgelegt. Also nicht. Dachte ich mir schon. Dann helfe ich Ihnen auf die Sprünge. Al-Andalous. Spanische Omayyaden. Spannende Zeit, Schmelztiegel verschiedener Kulturen, das ist eine faszinierende Epoche.”

Er hatte sich wohl einen Augenblick nicht unter Kontrolle gehabt, ihrer Reaktion nach zu urteilen. Ein amüsiertes Funkeln stand in den Augen von Professorin Dr. Gudrun Blanke.

„Sie scheinen nicht begeistert zu sein? Warum?”

„Meinen Sie wirklich? Ich habe doch kaum ...”

„Genau deshalb, eben weil Sie dazu noch nicht viel gearbeitet haben, möchte ich, dass Sie sich in diesem Bereich umsehen. Ich habe meine Gründe dafür”, lächelte sie aufmunternd. „Zeigen Sie, was Sie können.”

Sie sah auf die Uhr.

„Oh je, ich muss noch ins Dekanat. Wir reden ein anderes Mal darüber weiter, wenn sie noch Fragen haben. Am Ende des Semesters möchte ich einen Vorschlag haben.”

Sprach es, griff nach ihrer Tasche und rauschte aus dem Hörsaal. Da geht sie hin, die McGonagall von Bonn, wandelnde Bibliographie der französischen Literatur des Hochmittalters und erbarmungslose Geißel der Studenten, dachte Jan etwas missmutig und verließ das Unigebäude, um mit der Stadtbahn nach Godesberg zu fahren.

 

Er würde mit seinem Onkel darüber reden, Clemens hatte ihm immer gute Tipps gegeben, was seine Studienplanung betraf. Vermutlich würde Clemens bei diesem Wetter bei seinen Bienen sein und den Frühling in vollen Zügen genießen. Wahrscheinlich rechnete er sich schon wieder die kommende Honigernte aus.

Auch Jan freute sich auf diese Zeit, es war schön, Clemens bei der Honigernte zu helfen. Er schob den Gedanken an den Vorschlag seiner Professorin erst einmal beiseite, als er an der Haltestelle Uni/Markt in die Linie 16 einstieg.

Die schweren Honigräume vom Transporter in die Schleuderräume zu tragen, die Waben in der modernen Entdeckelungsmaschine zu entdeckeln, dann in die Schleuder zu hängen und zuzusehen, wie der geschleuderte Honig in die Filteranlage lief und von dort aus in die großen Lagerbehälter gepumpt wurde, das hatte sich zu einem festen Bestandteil seines Lebens entwickelt.

Jan grinste, wenn er daran dachte, wie scheel ihr Nachbar und Hausarzt manchmal auf die Bienen blickte. Der alte Doc wusste genau, dass er es sich selbst eingebrockt hatte, als er seinem Nachbarn die Bienen quasi verschrieben hatte als Ersatzbeschäftigung für den aufgegebenen Lehrerberuf. Nun, Onkel Clemens machte keine halben Sachen und hatte sich eine Imkerei aufgebaut. Er musste nicht wirklich arbeiten. Er hatte mit Pension und ererbtem Vermögen genug Geld, um seine Ansprüche zu befriedigen und mit Tante Monika ein schönes Leben zu führen, sowie seinen Adoptivkindern eine solide Ausbildung zu finanzieren. Onkel Clemens fand aber, dass es seinem Neffen auch nicht schaden würde, wenn er sich das Geld für Auto, Fitnesscenter und sonstige Vergnügen ein wenig verdienen musste. Jan konnte diesen Argumenten nicht wirklich etwas entgegensetzen und half ihm gern.

Zuerst hatte er die Bienen misstrauisch betrachtet, immerhin hatten die kleinen Summsen einen Stachel, mit dem er auch hin und wieder Bekanntschaft machte. Aber die Stiche waren nicht so schlimm wie gedacht und er hatte sich daran gewöhnt. Mit der Erfahrung, die aus dem jahrelangen Umgang mit den Bienen erwuchs, wusste er auch, wie er vermied, die Bienen in Rage zu bringen, und es passierte nur noch selten, dass er gestochen wurde. Mit seinem Onkel zusammen kümmerte er sich jetzt um neunzig Bienenvölker und er überlegte schon, die Anzahl der Völker noch zu vermehren, da ihr Honighändler sie schon drängte, mehr Honig zu produzieren.

Er würde mit seinem Onkel darüber reden müssen und wollte ihn bald darauf ansprechen. Mit ihrer guten Qualität erzielten sie einen guten Preis für ihren Honig, und es blieb nach Abzug aller Kosten einiges übrig. Genug, um Stück für Stück das Auto zu restaurieren, das er als Schrotthaufen in einer Scheune in der Eifel entdeckt hatte.

Während er auf dem Weg nach Bad Godesberg mit der Bahn eine Haltestelle nach der anderen passierte, dachte er auch an sein Hobby. Eine wunderschöne alte S-Klasse, ein Traum in Lack, Wurzelholz und Leder stand vor seinem inneren Auge, wenn es denn mal fertig sein würde. Immerhin war die Karosserie schon fertig gesandstrahlt und konnte bald neu lackiert werden. Der Motor, ein alter Sechs-Zylinder mit Helix-Doppelvergaser, war auseinandergenommen und überholt worden. Noch stand er unter Tüchern verhüllt in der Garage seines Onkels. Gott sei Dank hatte die alte Villa eine geräumige Doppelgarage und einen zusätzlichen Stellplatz für den Transporter, den Clemens und sein Neffe für die Bienen nutzten.

Die Bienen waren schon Klasse, das stand mal fest. Nicht nur weil sie ihm das Taschengeld aufbesserten, sondern weil er durch sie auch gelernt hatte, ruhig zu arbeiten und Stress abzubauen. Hektik mochten die kleinen Bestäuber nicht und Hektik im Bienenkasten ging gar nicht. Das hatte er Stich für Stich schmerzhaft lernen müssen.

Mittlerweile war Jan bei der Bio-Metzgerei Merzbach im Godesberger Stadtteil angekommen, den ihm seine Adoptivmutter empfohlen hatte. Monika Meyer-Frankenforst schätzte das Angebot an Fleisch, das die Metzgerei hatte.

„Hallo, Jan, was soll es sein? Wieder etwas für ihren Kater?” Das Metzgerpaar kannte Jan schon lange, die Meyer-Frankenforsts gehörten zu den Stammkunden, seitdem es die Bioland-Metzgerei in Mehlem gab. Jan kam öfters nach der Uni vorbei und kaufte Kleinigkeiten ein für seinen Kater, den er, wie auch Merzbachs mittlerweile wussten, abgöttisch liebte.

„Ich hätte frische Leber, was halten Sie davon? Übrigens auch ein kleines Rezept, Sie sollten sich dafür noch frische Zwiebeln und Äpfel besorgen, aber ihre Tante dürfte das eigentlich im Haus haben.”

„Besten Dank, wie viel empfehlen Sie mir für ein Abendessen für vier Personen plus Kater?” grinste Jan den Metzger an.

„Ich packe Ihnen ein paar Stücke zusammen”, antwortete der Metzger und wog einige Stücke Leber ab, packte sie zusammen und gab Jan das Päckchen.

Jan bezahlte, bedankte sich und verließ den Laden. Er fuhr mit der Stadtbahn zurück und stieg am Bahnhof um in den Bus, der bis zur Rheinallee in Bad Godesberg fuhr. Von dort waren es nur wenige Minuten Fußweg bis zur Villa Meyer-Frankenforst im Villenviertel.

 

Die ersten Jahre nach dem Tod der Eltern waren schwer gewesen. Seine und Ninas Eltern waren völlig ohne Sinn und Verstand ums Leben gekommen. Einfach nur, weil irgendein fanatischer Koranheini radikalen Spinnern Flausen in den Kopf gesetzt hatte und Bombenleger meinten, sich direkt ins Paradies bomben zu können. Dort würden dann auf jeden dieser Spinner vierzig Jungfrauen warten, und was dann? Die künftige Existenz bestünde dann wohl aus einem fortwährenden Entjungfern und Quer-durch-das-Paradies-Vögeln.

Toll! Ganz toll! Jan hatte Fotos und Videos solcher Bombenleger gesehen, es waren allesamt junge Männer gewesen, alle Anfang zwanzig mit um den Kopf gewickelten Bändern und wirren Sprüchen auf den Lippen.