Beschreibung

Mit neuer exklusiver Kurzgeschichte "Shopaholic in den Flitterwochen"

Shopaholic Rebecca Bloomwood ist im siebten Himmel: Sie hat nicht nur ihren Traumjob in New York gefunden, jetzt hält auch noch Luke Brandon um ihre Hand an. Einer grandiosen Hochzeit im Plaza - die Idee ihrer Schwiegermutter - steht nichts mehr im Wege. Außer den Plänen ihrer eigenen Mutter, die zur selben Zeit in England alles für die Feier vorbereitet. Rebecca will keine der beiden enttäuschen, und die Katastrophe scheint unausweichlich. Doch wer sagt eigentlich, dass man nur einmal heiraten kann?

Neu mit romantischer Kurzgeschichte "Shopaholic in den Flitterwochen"!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 694

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Buch

Rebecca Bloomwood ist wahrlich zu beneiden: Sie hat es geschafft, aus ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Einkaufen, einen Beruf zu machen, und das auch noch in New York, der Metropole des Shoppens. Als Modeberaterin für vermögende Kundinnen verdient sie ihr Geld damit, das anderer Leute auszugeben. Sie genießt ihr Leben in vollen Zügen. Natürlich auch ihre Beziehung zu Luke Brandon, der wie Rebecca aus beruflichen Gründen von London nach New York gekommen war. Als ihr Luke auch noch einen Heiratsantrag macht, scheint Rebeccas Glück perfekt. Ihrer Schwiegermutter schwebt eine grandiose Hochzeitsfeier im Plaza vor, inszeniert und arrangiert mit fachkundiger Hilfe und generalstabsmäßig geplant. Aber auch Rebeccas Mutter ist im englischen Oxshott heftig mit den Vorbereitungen für die Hochzeit ihrer einzigen Tochter zugange. Leider ohne von den Aktivitäten im fernen New York zu ahnen. Und Rebecca bringt es einfach nicht übers Herz, ihr davon zu erzählen. Je näher der Tag der Trauung rückt, desto aussichtsloser wird ihre Lage, bis nur noch ein Wunder Rebecca vor einer Katastrophe am schönsten Tag in ihrem Leben

bewahren kann…

Sophie Kinsella

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Hochzeitzu verschenken

Roman

Aus dem Englischenvon Marieke Heimburger

Die Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel»Shopaholic Ties the Knot«bei Black Swan, London

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe September 2003

Copyright © der Originalausgabe 2002

by Sophie Kinsella

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2003

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Design Team München

Umschlagfoto: Zefa

Satz: Uhl+Massopust, Aalen

Redaktion: Martina Klüver

AB · Herstellung: Str

ISBN 978-3-641-17537-5www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für Abigail,der die geniale Lösungnatürlich soforteingefallen wäre.

SECOND UNION BANK

300 WALL STREETNEW YORK NY 10005

Miss Rebecca BloomwoodApt B251 W 11th StreetNew YorkNY 10014

7. November 2001

Konto-Nr. 5039 2566 2319

Sehr geehrte Miss Bloomwood!

Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie unter der o. g. Kontonummer nunmehr über ein gemeinsames Bankkonto mit Mr. Luke J. Brandon verfügen, und übermitteln Ihnen anbei einige Informationen zu dieser Kontoform. Eine Kreditkarte wird Ihnen mit separater Post zugestellt.

Die Second Union Bank ist stolz auf ihre individuelle Kundenberatung und -betreuung. Sollten Sie zu irgendeinem Zeitpunkt eine Frage haben, wenden Sie sich bitte jederzeit an mich persönlich. Ich werde alles tun, um Ihnen zu helfen. Ich nehme jedes noch so gering erscheinende Problem meiner Kunden ernst.

Mit freundlichen Grüßen,SECOND UNION BANK

Walt PitmanLeiter Kundendienst

SECOND UNION BANK

300 WALL STREETNEW YORK NY 10005

Miss Rebecca BloomwoodApt B251 W 11th StreetNew YorkNY 10014

12. Dezember 2001

Sehr geehrte Miss Bloomwood!

Vielen Dank für Ihr Schreiben vom 9. Dezember bzgl. Ihres gemeinsamen Kontos mit Mr. Luke J. Brandon. Ich stimme Ihnen vollkommen zu, wenn Sie schreiben, dass zwischen einer Bank und ihren Kunden ein freundschaftliches, kooperatives Verhältnis herrschen sollte, und um Ihnen an der Stelle auch gleich Ihre Frage zu beantworten, meine Lieblingsfarbe ist Rot.

Ich bedauere jedoch sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich mich außer Stande sehe, die Posten auf Ihrem nächsten Kontoauszug wie von Ihnen gewünscht umzubenennen. Der Posten, auf den Sie sich beziehen, wird auf Ihrem nächsten Kontoauszug als »Prada, New York« erscheinen. Er kann nicht in »Stromrechnung« geändert werden.

Mit freundlichen GrüßenSECOND UNION BANK

Walt PitmanLeiter Kundendienst

SECOND UNION BANK

300 WALL STREETNEW YORK NY 10005

Miss Rebecca BloomwoodApt B251 W 11th StreetNew YorkNY 10014

7. Januar 2002

Sehr geehrte Miss Bloomwood!

Vielen Dank für Ihr Schreiben vom 4. Januar bzgl. Ihres gemeinsamen Kontos mit Mr. Luke J. Brandon. Vielen Dank auch für die Pralinen, die ich Ihnen aber leider zurückgeben muss. Ich stimme durchaus mit Ihnen überein, dass es schwierig ist, ständig über jede Kleinigkeit, die man einkauft, Buch zu führen, und es tut mir aufrichtig Leid, dass es zwischen Ihnen und Mr. Brandon zu einer »kleinen Unstimmigkeit« deswegen gekommen ist.

Ihr Vorschlag, die Kontoauszüge aufzuteilen und Ihnen die eine Hälfte und Mr. Brandon die andere Hälfte zu schicken, sodass diverse Kleinigkeiten »unter uns bleiben« ist leider nicht umsetzbar. Sämtliche Zahlungseingänge und -ausgänge werden auf einem gemeinsamen Kontoauszug aufgelistet.

Darum heißt diese Kontoform »gemeinsames Konto«.

Mit freundlichen GrüßenSECOND UNION BANK

Walt PitmanLeiter Kundendienst

1

Okay. Keine Panik. Ich schaffe das schon. Nichts ist unmöglich. Ist alles nur eine Frage der Technik. Ein bisschen nach links, ein wenig hochheben, ein bisschen fester schieben… Ich bitte Sie! Es kann doch wohl nicht so schwer sein, einen Cocktailschrank in ein New Yorker Taxi zu kriegen!

Ich packe das lackierte Holz etwas resoluter an, hole tief Luft und schiebe noch einmal kräftig. Vergebens. Der Himmel ist an diesem Wintertag in Greenwich Village herrlich blau, und die kalte Luft fühlt sich im Mund an wie scharfe Zahnpasta. Jeder Atemzug schnürt einem fast die Luft ab, und die Leute haben sich ihre Schals bis kurz unter die Augen um die Gesichter gewickelt. Die Einzige, die schwitzt, bin ich. Mein Gesicht ist hochrot, die Haare fallen mir wirr unter meinem neuen Kosakenhut heraus, und ich spüre ganz deutlich, wie die Leute, die auf der anderen Straßenseite in Jo-Jo’s Café an den Fenstern sitzen, mir amüsiert zusehen.

Aber ich gebe nicht auf. Ich weiß ganz genau, dass ich es schaffen kann.

Ich muss es schaffen, schließlich sehe ich es überhaupt nicht ein, Unsummen dafür hinzulegen, dass mir das Ding nach Hause geliefert wird, wenn ich direkt um die Ecke wohne.

»Der passt nicht rein.« Der Taxifahrer steckt den Kopf zum Fenster raus und sieht mich unbeteiligt an.

»Doch! Zwei Beine habe ich schon drin…« Ich schiebe noch einmal verzweifelt. Wenn ich die anderen beiden Beine doch nur irgendwie ins Taxi zwängen könnte. Ich komme mir vor wie jemand, der seinen Hund zum Tierarzt bringen will.

»Außerdem bin ich nicht versichert«, fügt der Fahrer hinzu.

»Das macht nichts! Ich wohne nur zwei Straßen weiter. Ich halte ihn die Fahrt über fest. Wird schon gehen.« Der Taxifahrer zieht die Augenbrauen hoch und stochert sich mit einem ziemlich gebraucht aussehenden Zahnstocher zwischen den Zähnen herum.

»Und Sie meinen, dass Sie selbst auch noch reinpassen?«

»Ich mach mich ganz klein! Das haut schon hin!« Völlig frustriert schubse ich den Cocktailschrank noch einmal kräftig an. Er rammt den Beifahrersitz.

»Hey! Wenn an meinem Taxi was kaputtgeht, müssen Sie dafür bezahlen!«

»Tut mir Leid«, sage ich atemlos. »Okay, wissen Sie was, ich probier’s noch mal von vorne. Ich glaube, ich habe die Sache irgendwie falsch angepackt…«

Mit größtmöglicher Vorsicht hebe ich die Vorderseite des Cocktailschrankes aus dem Taxi und stelle das gute Stück wieder auf den Bürgersteig.

»Was zum Teufel ist das überhaupt?«

»Das ist ein Cocktailschrank aus den 30er Jahren! Sehen Sie mal, man kann ihn hier aufklappen…« Ich öffne den Haken der Klappe und platze fast vor Stolz, als die verspiegelten Art-déco-Elemente im Inneren des Schrankes zum Vorschein kommen. »Hier stellt man die Gläser hin… und hier sind zwei zum Schrank passende Cocktailshaker…«

Bewundernd streiche ich über die glatte Oberfläche. Kaum hatte ich diesen Schrank im Schaufenster von Arthur’s Antiques gesehen, wusste ich auch schon, dass ich ihn haben musste. Gut, natürlich ist mir klar, dass Luke und ich eigentlich eine kleine Absprache getroffen haben, wonach wir vorläufig keine weiteren Möbel für unsere Wohnung mehr anschaffen wollen – aber das hier ist etwas anderes. Bestimmt. Ein echter Cocktailschrank, so wie in den Filmen mit Fred Astaire und Ginger Rogers! Dieser Schrank wird unsere gemeinsamen Abende vollkommen verändern. Luke und ich werden jeden Abend Martinis mixen, zu altmodischer Musik tanzen und den Sonnenuntergang beobachten. Das wird wahnsinnig stimmungsvoll werden! Wir müssen nur noch einen von diesen altmodischen Plattenspielern mit den riesigen Schalltrichtern kaufen und anfangen, Schellackplatten zu sammeln. Und ich werde mich mit umwerfenden alten Spitzenkleidern eindecken.

Und dann werden immer mehr Leute Abend für Abend auf einen Cocktail bei uns vorbeischauen. Wir werden für unsere geistreichen Soirées bekannt werden. Die New York Times wird über uns schreiben! Ja! Die Cocktailkultur ist im West Village zu neuem Leben erwacht. Das stilbewusste, ursprünglich aus Großbritannien stammende Paar Rebecca Bloomwood und Luke Brandon…

Ich höre ein dumpfes Geräusch, als die Taxitür sich öffnet, und sehe etwas benommen auf. Der Taxifahrer steigt aus.

»Ach, danke«, freue ich mich, »ich könnte wirklich ein bisschen Hilfe gebrauchen. Wenn Sie ein Seil hätten, könnten wir den Schrank vielleicht auf dem Dach festbinden…«

»Ich hab kein Seil. Vergessen Sie’s.« Er schmeißt die Hintertür zu, und ich sehe ihm entsetzt nach, als er sich wieder hinters Steuer setzt.

»Sie können doch nicht einfach so wieder wegfahren! Das ist verboten! Sie müssen mich mitnehmen! Das ist Vorschrift!«

»Es gibt aber keine Vorschrift, dass ich Cocktailschränke mitnehmen muss.« Er verdreht die Augen und lässt den Motor an.

»Aber wie soll ich ihn denn dann nach Hause schaffen?«, rufe ich empört. »Warten Sie! Kommen Sie zurück!« Aber das Taxi braust schon die Straße hinunter, während ich mutterseelenallein auf dem Bürgersteig zurückbleibe, mich an den Cocktailschrank klammere und überlege, was ich jetzt tun soll.

Vielleicht könnte ich ihn nach Hause tragen. So weit ist es ja nicht.

Ich mache die Arme so lang wie möglich und schaffe es tatsächlich, den Schrank zu umfassen. Ganz langsam hebe ich ihn hoch, mache einen Schritt nach vorn – und lasse das Ding sofort wieder fallen. Mann, ist der Schrank schwer. Ich glaube, ich habe mir einen Muskel gezerrt.

Okay, also dann trage ich ihn vielleicht doch nicht. Aber ich kann ihn trotzdem ganz einfach nach Hause bekommen. Ich könnte die Beine immer ein paar Zentimeter nach vorne schieben…

Ja. Das funktioniert. Wunderbar. Geht zwar ein bisschen langsam, aber wenn ich einfach immer weiter mache… wenn ich erst mal einen Rhythmus gefunden habe…

Der Trick dabei ist natürlich, nicht darüber nachzudenken, wie weit ich mit jedem Mal vorwärts komme, sondern ganz einfach gleichmäßig weiterzuschieben: Dann bin ich vermutlich in Null Komma nichts zu Hause.

Zwei Teenagerinnen in dicken Daunenmänteln kommen an mir vorbei und kichern, aber ich bin viel zu beschäftigt, um darauf zu reagieren.

»Entschuldigen Sie«, blafft mich eine genervte Stimme von hinten an. »Würden Sie bitte nicht den gesamten Bürgersteig versperren!« Ich drehe mich um – und sehe mich einer Frau in Baseballkappe und Turnschuhen gegenüber, die ungefähr zehn Hunde unterschiedlichster Rasse und Größe an zehn einzelnen Leinen hat.

Oh, Gott. Ich verstehe einfach nicht, wieso die Leute nicht mit ihren eigenen Hunden Gassi gehen können. Ich meine, wenn man nicht gerne spazieren geht, dann wäre es doch sinnvoller, sich eine Katze anzuschaffen oder vielleicht ein Aquarium mit exotischen Fischchen, oder?

Und jetzt stürzen sie sich auch noch auf mich. Kläffen und bellen und zerren an ihren Leinen… Und da! Ich fasse es nicht! Ein Pudel hebt das Bein und pinkelt meinen wunderschönen Cocktailschrank an!

»Weg da!«, quietsche ich. »Holen Sie den Hund da weg!«

»Komm her, Floh«, sagt die Frau und wirft mir einen bösen Blick zu, als sie die Hunde weiterzerrt.

Ach, es ist hoffnungslos. Ich bin noch nicht mal ganz an Arthur’s Antiques’ Schaufenster vorbei und schon völlig erledigt.

»Na?«, erklingt hinter mir eine trockene Stimme. »Vielleicht soll das gute Stück doch nach Hause geliefert werden?«

Ich drehe mich um und sehe mich Arthur Graham gegenüber, dem Inhaber von Arthur’s Antiques. Er steht gepflegt in Anzug und Krawatte gegen den Türrahmen seines Ladens gelehnt da.

»Ich weiß nicht.« Ich lehne mich gegen den Cocktailschrank und bemühe mich, ganz lässig auszusehen. So, als wenn ich eine Menge anderer Optionen hätte – unter anderem die, einfach eine Weile so auf dem Bürgersteig stehen zu bleiben. »Vielleicht.«

»Fünfundsiebzig Dollar. Ganz gleich, wo in Manhattan.«

Ich wohne aber nicht ganz gleich, wo in Manhattan!, will ich jaulen. Ich wohne gleich hier um die Ecke!

Arthur lächelt mich unerbittlich an. Er weiß, dass er gewonnen hat.

»Okay.« Endlich gestehe ich meine Niederlage ein. »Ist vielleicht doch keine schlechte Idee.«

Ich sehe dabei zu, wie Arthur einen Mann in Jeans holt, der zu meinem Verdruss den Schrank anpackt und hochhebt, als wenn er aus Pappe wäre. Dann folge ich den beiden in das warme Durcheinander im Inneren des Geschäftes, wo ich mich sofort schon wieder dabei ertappe, wie ich mich interessiert umsehe. Dabei war ich doch erst vor zehn Minuten hier drin! Aber ich liebe dieses Geschäft. Ganz egal, wo man hinguckt, immer sieht man etwas, das man gerne haben möchte. Zum Beispiel der tolle geschnitzte Stuhl da drüben! Und der handbemalte Samtüberwurf! … Und sehen Sie doch mal, die traumhafte Standuhr! Die haben hier wirklich jeden Tag neue Sachen.

Nicht dass ich jeden Tag hier wäre.

Ich… Sie wissen schon. Könnte ich mir vorstellen.

»Da haben Sie wirklich ein Schnäppchen gemacht«, sagt Arthur und zeigt auf den Cocktailschrank. »Sie haben ein gutes Auge.« Er lächelt mich an und schreibt dann etwas auf einen Zettel.

»Ach, ich weiß nicht…«, antworte ich und zucke bescheiden mit den Schultern.

Aber in Wirklichkeit glaube ich selbst auch, dass ich ein gutes Auge habe. Früher habe ich jeden Sonntag zusammen mit meiner Mutter den Antiquitäten-Flohmarkt geguckt, und wahrscheinlich ist mir da der Sachverstand einfach in Fleisch und Blut übergegangen.

»Wirklich ein exquisites Stück«, sage ich wissend und nicke in Richtung des großen, in einem vergoldeten Rahmen steckenden Spiegels.

»Ja, ja«, sagt Arthur. »Ziemlich modern natürlich…«

»Natürlich«, beeile ich mich zu sagen.

Als wäre mir das nicht auch klar gewesen, dass das Ding modern ist. Ich meinte ja auch bloß, dass es ein exquisites Stück ist, wenn man bedenkt, wie modern es ist.

»Interessieren Sie sich für Original-Barzubehör aus den Dreißigern, mit dem Sie den Schrank ausstatten könnten?« Arthur sieht zu mir auf. »Highballgläser… Karaffen… Wir bekommen manchmal wunderschöne Stücke herein.«

»Au ja!« Ich strahle ihn an. »Auf jeden Fall!«

Highballgläser aus den Dreißigern! Ich meine, wer will denn schon aus irgendwelchen blöden neuen Gläsern trinken, wenn es viel schönere antike gibt?

Arthur schlägt ein großes, in Leder eingebundenes Buch auf, auf dem »Sammler« steht, und ich platze fast vor Stolz. Ich bin ein Sammler! Ich gehöre dazu!

»Miss R. Bloomwood… Barzubehör aus den Dreißigern. Ich rufe Sie dann an, wenn wir etwas hereinbekommen.« Arthur lässt den Blick über die Seite schweifen. »Sie interessieren sich auch für venezianische Glasvasen?«

»Oh! Ähm… ja.«

Das hatte ich ja fast vergessen, dass ich auch venezianische Glasvasen sammele. Offen gestanden, weiß ich auch gar nicht mehr, wo die erste Vase inzwischen gelandet ist.

»Und Taschenuhren aus dem neunzehnten Jahrhundert…« Er lässt den Finger über die Liste gleiten. »Shaker-Gussformen… Nadelspitzenkissen…« Er sieht auf. »Sind Sie an diesen Dingen immer noch interessiert?«

»Nun ja…« Ich räuspere mich. »Ehrlich gesagt, die Taschenuhren interessieren mich nicht mehr ganz so sehr. Und diese Shaker-Dinger auch nicht.«

»Verstehe. Und die viktorianischen Marmeladenlöffel?«

Marmeladenlöffel? Was zum Himmel wollte ich denn bloß mit einem Haufen alter Marmeladenlöffel?

»Wissen Sie was?«, sage ich nachdenklich. »Ich glaube, ich halte mich in Zukunft einfach an das Barzubehör aus den Dreißigern. Ich konzentriere mich darauf und lege eine richtig schöne Sammlung an.«

»Sehr weise.« Er lächelt mich an und streicht die anderen Sachen in seinem Buch durch. »Bis bald.«

Als ich aus dem Laden auf die Straße komme, ist es klirrend kalt, und einzelne Schneeflocken segeln von oben herab. Aber ich bin hochzufrieden. Mal im Ernst, das war doch eine irre Investition! Ein Original-Cocktailschrank aus den Dreißigern – und bald habe ich auch noch das passende Zubehör dazu! Ich bin ja so zufrieden mit mir.

So. Warum war ich doch gleich kurz rausgegangen?

Ach ja. Ich wollte zwei Cappuccinos holen.

Luke und ich leben jetzt seit einem Jahr zusammen in New York. Wir haben eine Wohnung in der West 11th Street, das ist eine richtig grüne, bezaubernde Gegend. Die Häuser haben alle so hübsche, verzierte Balkone, zu jeder Haustür führt eine Steintreppe, und alle paar Meter steht ein Baum im Bürgersteig. Uns direkt gegenüber wohnt einer, der Jazzklavier spielt, und im Sommer gehen wir dann immer hoch auf die Dachterrasse, die wir uns mit unseren Nachbarn teilen, und setzen uns mit Kissen auf den Boden, trinken Wein und hören zu. (Na gut, bis jetzt haben wir das erst ein Mal gemacht.)

Als ich zur Haustür hereinkomme, liegt im Flur ein ganzer Stapel Post für uns. Ich sehe ihn schnell durch.

Langweilig…

Langweilig…

Die britische Vogue! Ha!

Langweilig…

Oh. Die Rechnung für meine Kundenkarte bei Saks Fifth Avenue.

Ich sehe den Umschlag einen Moment an, ziehe ihn dann aus dem Stapel und stecke ihn in die Handtasche. Nicht, weil ich etwas zu verbergen hätte. Aber es gibt nun mal keinen wirklich einleuchtenden Grund, weshalb Luke diese Rechnung sehen sollte. Ich habe neulich einen richtig guten Artikel in einer Zeitschrift gelesen, der hieß »Zu viel Information?«. Es ging darum, dass man das, was man im Laufe eines Tages so erlebt hat, filtern sollte, und dass man seinem Partner (oder seiner Partnerin) bloß nicht jede klitzekleine Kleinigkeit erzählen sollte, weil das ihn (oder sie) nur unnötig belasten würde. In dem Artikel stand, das Zuhause sollte ein Zufluchtsort sein, ein Ort der Ruhe und der Geborgenheit, und dass niemand alles wissen muss. Eigentlich ganz schön vernünftig, wenn man mal drüber nachdenkt.

Darum habe ich in der letzten Zeit eigentlich eine ganze Menge herausgefiltert. Natürlich nur so öde und profane Dinge wie… na ja, wie Kundenkartenrechnungen zum Beispiel oder den genauen Preis für ein Paar Schuhe, das ich mir gekauft habe… Und wissen Sie was? Der Artikel stimmt. Unsere Beziehung verläuft seitdem nämlich viel harmonischer.

Den Rest der Post klemme ich mir unter den Arm, und dann gehe ich die Treppe hoch. Keine Briefe aus England, aber für heute hatte ich auch keinen mehr erwartet. Weil wir nämlich heute Abend… jetzt raten Sie mal! Wir fliegen nach Hause! Zur Hochzeit meiner besten Freundin Suze! Ich kann es kaum abwarten.

Suze heiratet Tarquin, einen wirklich süßen Kerl, den sie schon ihr ganzes Leben lang kennt. (Genau genommen ist er ihr Cousin. Aber es ist legal! Sie haben das überprüfen lassen.) Die Hochzeit findet in ihrem Elternhaus in Hampshire statt, es wird massenweise Champagner geben, sie werden in einer Pferdekutsche fahren… und das Beste von allem ist, dass ich Brautjungfer sein werde!

Allein der Gedanke daran löst eine fast unstillbare Sehnsucht in mir aus. Ich freue mich so darauf! Nicht nur darauf, dass ich Brautjungfer sein werde, sondern auch darauf, Suze zu sehen, meine Eltern und meine Heimat. Gestern fiel mir auf, dass ich schon seit über einem halben Jahr nicht mehr in England war, und auf einmal kam mir das wie eine Ewigkeit vor. Ich war gar nicht dabei, als Dad endlich an die Spitze des Golfclubs gewählt wurde – davon hatte er sein Leben lang geträumt. Und ich habe den Skandal verpasst, als Siobhan die Kollekte aus der Kirche stahl, um damit nach Zypern zu fliegen. Aber was das Schlimmste war: Ich war nicht bei Suzes Verlobung dabei. Suze war aber so nett, zwei Wochen später mal eben nach New York zu kommen, um mir ihren Ring zu zeigen.

Nicht dass mich das irgendwie bedrücken würde – mir geht es ja wirklich fantastisch hier in New York. Mein Job bei Barneys ist perfekt, unser Leben im West Village ist perfekt. Ich liebe es, durch die winzigen Straßen zu spazieren, samstags morgens in der Magnolia-Bäckerei Cupcakes zu kaufen und über den Markt zurück nach Hause zu laufen. Im Grunde liebe ich alles, was ich hier in New York habe. Na ja, bis auf Lukes Mutter vielleicht.

Aber trotzdem. Daheim ist daheim.

Als ich im ersten Stock ankomme, höre ich durch unsere Wohnungstür Musik, und auf einmal habe ich so ein freudiges Kribbeln im Bauch. Das ist bestimmt Danny! Sitzt bei uns und arbeitet. Wahrscheinlich ist er jetzt endlich fertig! Mein Kleid ist fertig!

Danny Kovitz wohnt in der Wohnung über uns bei seinem Bruder, und er ist einer meiner besten Freunde hier in New York. Er ist ein begnadeter Designer, wirklich ein Riesentalent – er hat nur noch nicht den entsprechenden Erfolg.

Also, um ehrlich zu sein, er hat überhaupt keinen Erfolg. Er hat vor fünf Jahren die Modeschule abgeschlossen, und seitdem wartet er auf den großen Durchbruch. Aber wie er mir immer wieder erklärt: Sich als Designer zu etablieren ist noch viel schwerer, als sich als Schauspieler zu etablieren. Wenn man nicht die richtigen Leute kennt oder zufällig einen Ex-Beatle zum Vater hat, kann man es eigentlich genau so gut vergessen. Er tut mir so Leid, weil ich wirklich finde, dass er Erfolg verdient hat. Und darum habe ich ihn sofort nachdem Suze mich gebeten hatte, ihre Brautjungfer zu sein, gefragt, ob er mein Kleid machen möchte. Auf Suzes Hochzeit wird es nämlich nur so wimmeln vor reichen, wichtigen Gästen. Und die werden mich dann hoffentlich alle fragen, wer mein Kleid gemacht hat, und dann geht die Mundpropaganda los, und Danny ist ein gemachter Mann!

Ich kann es kaum abwarten, das fertige Kleid zu sehen. Die vielen Entwürfe, die er mir gezeigt hat, waren echt beeindruckend – und so ein handgenähtes Kleid ist natürlich von einer viel höheren Qualität und fällt viel detailreicher aus als eins von der Stange. Das Oberteil zum Beispiel wird eine handbestickte Fischbeinstäbchenkorsage sein – und Danny hat vorgeschlagen, einen winzigen Liebesknoten aus den Monatssteinen aller Angehörigen und Freunde der Braut zu fertigen und darauf anzubringen – ist das nicht originell?

Meine einzige leichte Sorge – wirklich nur eine winzige Beunruhigung – ist, dass die Hochzeit in zwei Tagen stattfindet und ich das Kleid noch nicht mal anprobiert habe. Geschweige denn gesehen. Heute Morgen habe ich bei ihm geklingelt, um ihn daran zu erinnern, dass ich heute abreise, und nachdem er sich schließlich und endlich an die Tür geschleppt und aufgemacht hatte, versprach er mir hoch und heilig, das Kleid bis mittags fertig zu haben. Er erklärte mir, dass er seine Ideen immer bis zur allerletzten Minute reifen lasse – und dass er dann einen Adrenalinstoß bekomme, der wiederum einen Inspirationsschub auslöse, und dass er dann unglaublich schnell arbeite. So sei es nun mal bei ihm, versicherte er mir. Und dass er noch immer seine Termine eingehalten habe.

Ich mache die Tür auf und rufe fröhlich »Hallo!«. Keine Antwort. Ich öffne die Tür zu unserem multifunktionellen Wohnzimmer. Madonna plärrt aus dem Radio, auf dem Fernseher zuckt MTV, und Dannys neuer Roboter-Hund versucht, aufs Sofa zu krabbeln.

Danny liegt mit dem Oberkörper auf einer Wolke goldener Seide über der Nähmaschine und schläft.

»Danny?«, sage ich entsetzt. »Hey, aufwachen!«

Danny schrickt auf und reibt sich das magere Gesicht. Seine Locken sind völlig zerzaust, und seine hellblauen Augen sind noch mehr gerötet als heute Morgen, als er mir die Tür aufmachte. Sein dünner Körper steckt in einem alten grauen T-Shirt und das eine knochige Knie guckt aus dem Riss in seiner Jeans hervor – komplett mit der verschorften Wunde, die er sich letztes Wochenende beim Rollschuhlaufen zugezogen hat. Er sieht aus wie ein zehnjähriger Junge mit Bartstoppeln.

»Becky!«, sagt er getrübten Blickes. »Hi! Was machst du denn hier?«

»Ich wohne hier. Schon vergessen? Du arbeitest hier, weil in deiner Wohnung eine Sicherung durchgebrannt ist.«

»Ach. Ja.« Benommen sieht er sich um. »Stimmt.«

»Alles in Ordnung?« Ich beäuge ihn misstrauisch. »Ich habe Kaffee geholt.«

Ich reiche ihm einen Becher, und er trinkt gleich mehrere große Schlucke. Dann erblickt er den Stapel Post in meiner Hand und macht zum ersten Mal heute einen einigermaßen wachen Eindruck.

»Hey, ist das die britische Vogue?«

»Äh… ja«, sage ich und lege sie außerhalb seiner Reichweite ab. »Und – wie geht’s meinem Kleid?«

»Hervorragend! Alles unter Kontrolle!«

»Kann ich es schon anprobieren?«

Kurze Pause. Danny guckt den Haufen goldener Seide vor sich an, als wenn er ihn noch nie in seinem Leben gesehen hätte.

»Nein, noch nicht«, sagt er schließlich.

»Aber es wird rechtzeitig fertig?«

»Natürlich! Selbstverständlich.« Er tritt auf das Pedal, und die Nähmaschine rattert augenblicklich los. »Weißt du was?«, ruft er mir zu, um den Lärm zu übertönen. »Ich könnte wirklich ein Glas Wasser vertragen!«

»Kommt sofort!«

Ich eile in die Küche, drehe den Wasserhahn auf und warte, bis kaltes Wasser kommt. Die Wasserleitungen in diesem Haus sind ein bisschen exzentrisch, und wir liegen Mrs. Watts, der Vermieterin, ständig in den Ohren, dass die Dinger repariert werden müssen. Aber sie lebt ja Tausende von Kilometern von hier entfernt in Florida und hat anscheinend nicht das große Interesse. Aber abgesehen davon, ist unsere neue Bleibe ein Traum. Unsere Wohnung ist für New Yorker Verhältnisse riesig, hat Holzfußboden und einen Kamin und große, vom Fußboden bis zur Decke reichende Fenster.

(Mum und Dad waren natürlich gar nicht begeistert, als sie uns besuchten. Erstens verstanden sie nicht, wieso wir nicht in einem eigenen Haus wohnen. Dann verstanden sie nicht, wieso die Küche so klein ist. Dann fingen sie an darüber zu reden, wie schade es sei, dass wir keinen Garten haben – und ob ich schon gehört hätte, dass unser Nachbar Tom jetzt in einem Haus mit einem 1000 m2 großen Grundstück wohnt? Also ehrlich. Wenn jemand in New York ein Grundstück von 1000 m2 hätte, würde man da sofort zehn Büroblocks draufknallen!)

»Okay! Und wie läuft’s –« Als ich das Wohnzimmer betrete, versagt mir die Stimme. Die Nähmaschine schweigt und Danny liest die Vogue.

»Danny!«, jaule ich. »Was ist mit meinem Kleid?«

»Hast du das gesehen?«, fragt Danny und haut auf die aufgeschlagene Seite. »›Hamish Fargles Kollektion zeigte wieder einmal, wie talentiert und geistreich der Designer ist‹«, liest er laut vor. »Ach, hör schon auf! Der hat doch null Talent! Null. Der war mit mir auf der Modeschule. Hat sich ständig meine Ideen abgeguckt –« Er sieht zu mir auf und kneift die Augen zusammen. »Führt Barneys den etwa?«

»Öh… weiß ich nicht«, lüge ich.

Danny ist wie besessen davon, seine Kollektion bei Barneys unterzukriegen. Das ist sein absoluter Wunschtraum. Und nur weil ich da als persönliche Einkaufsberaterin arbeite, glaubt er anscheinend, dass ich irgendwelche Treffen zwischen ihm und unserer Chefeinkäuferin arrangieren könnte.

Das heißt, ich habe sogar schon Treffen zwischen ihm und unserer Chefeinkäuferin arrangiert. Beim ersten Mal kam er eine Woche zu spät, und sie war inzwischen nach Mailand gereist. Beim zweiten Mal zeigte er ihr eine Jacke, und als sie sie anprobierte, sind sämtliche Knöpfe abgefallen.

Oh, Gott. Wie kam ich bloß darauf, mein Kleid von ihm nähen zu lassen?

»Danny, sag mir jetzt bitte die Wahrheit. Wird mein Kleid rechtzeitig fertig?«

Lange Pause.

»Muss es denn wirklich heute fertig werden?«, fragt er schließlich. »Ich meine, wirklich und buchstäblich heute?«

»Mein Flug geht in sechs Stunden, Danny!« Meine Stimme verzerrt sich zu einem Quietschen. »Ich brauche das Kleid in weniger als…« Ich breche ab und schüttele den Kopf. »Weißt du was, ist schon okay. Dann ziehe ich eben was anderes an.«

»Was anderes?« Danny lässt die Vogue sinken und starrt mich entgeistert an. »Was willst du denn damit sagen?«

»Na ja…«

»Sag mal, willst du mich etwa feuern?« Er sieht mich an, als hätte ich ihm gerade mitgeteilt, dass unsere zehnjährige Ehe vorbei ist. »Nur weil ich ein kleines bisschen zu spät dran bin?«

»Ich feuere dich nicht! Aber ohne Kleid kann ich wohl kaum Brautjungfer sein, oder?«

»Und was willst du stattdessen anziehen?«

»Na ja…« Ich verknote verlegen die Finger. »Ich habe da noch so ein kleines Reservekleid im Schrank…«

Ich kann ihm ja schlecht sagen, dass ich sogar drei habe. Und zwei habe ich sicherheitshalber bei Barneys zurücklegen lassen.

»Von wem?«

»Äh… Donna Karan«, gestehe ich schuldbewusst.

»Donna Karan?« Ihm bricht die Stimme, so sehr trifft ihn der Verrat. »Du trägst lieber ein Kleid von Donna Karan als eins von mir?«

»Natürlich nicht! Aber das Kleid ist wenigstens hier, und es ist schon zusammengenäht und alles…«

»Trag mein Kleid.«

»Danny –«

»Trag mein Kleid! Bitte!« Er schmeißt sich auf den Boden und kommt auf Knien zu mir gerutscht. »Es wird fertig. Ich werde Tag und Nacht daran arbeiten.«

»Aber wir haben nicht mehr Tag und Nacht Zeit! Wir haben noch ungefähr… drei Stunden.«

»Dann arbeite ich eben die ganzen drei Stunden daran. Das schaffe ich!«

»Du kannst innerhalb von drei Stunden eine bestickte Fischbeinstäbchenkorsage herstellen?«, frage ich ungläubig.

Danny sieht mich verschämt an.

»Na ja… also… vielleicht müssten wir das Design dann doch noch mal ein klein wenig verändern…«

»Und wie?«

Er trommelt eine Weile mit den Fingern, dann sieht er auf. »Hast du ein schlichtes weißes T-Shirt?«

»Ein T-Shirt?« Ich kann meine Enttäuschung nicht verbergen.

»Es wird klasse. Versprochen.« In dem Moment hören wir einen Lieferwagen vorfahren. Danny sieht aus dem Fenster und fragt: »Hey, hast du wieder was bei dem Antiquitätenhändler gekauft?«

Eine Stunde später betrachte ich mich fasziniert im Spiegel. Ich trage einen langen, üppigen Rock aus goldener Seide – und dazu mein altes weißes T-Shirt, das jetzt nicht mehr wiederzuerkennen ist. Danny hat die Ärmel abgerissen, Pailletten darauf genäht, hier gekräuselt und dort gerafft, Falten kreiert, wo gar keine waren – und ganz einfach das fantastischste Top daraus gemacht, das ich je gesehen habe!

»Ich bin begeistert.« Ich strahle Danny an. »Ich bin absolut begeistert! Und ich werde die coolste Brautjungfer der Welt sein!«

»Ja, nicht schlecht, oder?« Danny zuckt ganz lässig mit den Schultern, aber ich sehe ihm an, wie stolz er auf sich ist.

Ich trinke noch einen kräftigen Schluck von meinem Cocktail und leere dann das Glas. »Köstlich. Wollen wir noch einen trinken?«

»Was war denn in dem drin?«

»Ähm…« Ich schiele in Richtung der Flaschen, die sich auf dem Cocktailschrank aneinander reihen. »Weiß nicht so genau.«

Es hat ein bisschen gedauert, bis wir den Cocktailschrank die Treppe hinauf und in unsere Wohnung geschafft hatten. Offen gestanden ist er ein klein wenig größer, als ich ihn in Erinnerung hatte, und ich bin mir nicht mehr so sicher, ob er wirklich in den kleinen Alkoven hinter dem Sofa passt, wo ich ihn hinstellen wollte. Aber er sieht trotzdem genial aus! Steht jetzt gerade mitten im Wohnzimmer, und wir haben ihn bereits gebührend eingeweiht. Kaum war das gute Stück da, ist Danny auch schon nach oben gegangen und hat die Bar seines Bruders Randall geplündert, während ich sämtlichen Alkohol, den ich in unserer Küche finden konnte, holte. Bis jetzt haben wir beide einen Margarita und einen Gimlet getrunken und meine eigene Erfindung, einen Bloomwood, der aus Wodka, Orangensaft und M&Ms besteht, die man mit einem Löffel herausschaufelt.

»Gib mir noch mal das Top. Ich möchte die Schulter noch etwas enger ziehen.«

Ich schäle mich aus dem Top, gebe es Danny und nehme mir meinen Pulli, ohne mich auch nur ansatzweise genant zu geben. Ist ja bloß Danny. Er fummelt einen Faden durchs Nadelöhr und fängt ausgesprochen geschickt an, am Saum des T-Shirts herumzustochern. »Jetzt erzähl doch mal von diesen seltsamen, intra-familiär heiratenden Freunden von dir«, sagt er. »Worum geht es da eigentlich?«

»Die sind nicht seltsam!« Doch dann zögere ich einen Moment. »Na gut, okay, Tarquin ist ein klein wenig seltsam. Aber Suze ist überhaupt nicht seltsam. Sie ist meine beste Freundin!« Danny zieht eine Augenbraue hoch.

»Ja, und – konnten die beiden denn partout niemand anderen finden? Müssen sie denn unbedingt jemanden aus der eigenen Familie heiraten? Nach dem Motto: ›Okay, Mum ist schon vergeben… meine Schwester ist zu fett… der Hund… hm, da gefällt mir die Haarfarbe nicht…‹?«

»Hör auf!« Aber ich muss trotzdem kichern. »Sie haben halt einfach plötzlich gemerkt, dass sie füreinander bestimmt sind.«

»Wie in Harry und Sally.« Danny verstellt die Stimme zu einer dramatischen Kino-Erzählerstimme: »Sie waren Freunde. Sie stammten aus dem gleichen Genpool.«

»Danny…«

»Okay.« Er nimmt sich zurück und schneidet den Faden ab. »Und was ist mit dir und Luke?«

»Was soll mit uns sein?«

»Meinst du, dass ihr heiratet?«

»Ich… Keine Ahnung!« Ich spüre, wie mir eine sanfte Röte ins Gesicht steigt. »Darüber habe ich noch nie nachgedacht.«

Und das ist die absolute Wahrheit.

Na gut, okay. Es ist nicht die absolute Wahrheit. Vielleicht ist es mir doch schon vereinzelte Male durch den Kopf gegangen. Vielleicht habe ich doch schon ein-, zweimal »Becky Brandon« auf meinen Block gekritzelt, nur um zu sehen, wie das aussieht. Und möglicherweise habe ich auch schon mal flüchtig eine von diesen Hochzeitszeitschriften durchgeblättert. Aus reiner Neugierde.

Vielleicht ist mir auch schon mal der Gedanke gekommen, dass Luke und ich schon viel länger zusammen sind als Suze und Tarquin, und dass Suze jetzt heiratet.

Aber Sie wissen schon. Nicht dass das ein Problem wäre. Ich halte auch gar nicht viel von Hochzeiten. Und wenn Luke mich fragen würde, würde ich sogar höchstwahrscheinlich Nein sagen.

Obwohl… Okay. Ich würde wahrscheinlich Ja sagen.

Aber der Punkt ist, dass es ohnehin nicht dazu kommen wird. Luke will nämlich »in den nächsten Jahren ganz sicher nicht heiraten, und möglicherweise überhaupt nicht«. Das hat er vor drei Jahren in einem Interview mit dem Telegraph gesagt, das ich neulich in seiner Pressemappe fand. (Ich habe nicht geschnüffelt. Ich war auf der Suche nach einem Gummiband.) In dem Interview ging es in erster Linie um sein Geschäft, aber natürlich wurde er auch ein paar private Sachen gefragt – und dann haben sie sein Bild unterschrieben mit Brandon: Heiraten ist das Letzte, woran ich denke.

Und damit habe ich absolut kein Problem. Das ist auch das Letzte, woran ich denke.

Während Danny mein Kleid fertig stellt, widme ich mich der Hausarbeit. Was so viel heißt wie: Ich stelle das schmutzige Frühstücksgeschirr zum Einweichen in die Spüle, wische einen Fleck auf der Arbeitsplatte weg – und verbringe dann eine ganze Weile damit, die Gewürzgläser im Gewürzregal neu zu arrangieren. Dieses Mal nach Farbe. Eine wirklich befriedigende Arbeit. Fast so gut wie Filzstifte sortieren. Damals.

»Findet ihr beiden es eigentlich schwierig, zusammenzuleben?«, fragt Danny, der in die Küche kommt und mich beobachtet.

»Nein.« Überrascht sehe ich ihn an. »Wieso?«

»Meine Freundin Kirsty hat versucht, mit ihrem Freund zusammenzuwohnen. Das komplette Desaster. Haben sich nur noch gestritten. Sie hat gesagt, sie hat keine Ahnung, wie das überhaupt irgendjemand auf die Reihe kriegen kann.«

Ich schiebe das Kumin-Glas neben das Glas mit Fenchelsamen und empfinde eine leichte Selbstgefälligkeit. Luke und ich haben nämlich so gut wie gar keine Probleme miteinander gehabt, seit wir zusammengezogen sind. (Na ja, abgesehen von der Geschichte, als ich das Badezimmer neu angestrichen habe und aus Versehen etwas von der Farbe mit dem Goldglitzer auf seinem neuen Anzug landete. Aber das zählt eigentlich gar nicht, weil Luke nämlich hinterher selbst eingesehen hat, dass er völlig überreagiert hat und dass es natürlich offensichtlich war, dass die Farbe noch nicht trocken war.)

Jetzt, wo ich darüber nachdenke, könnte es natürlich sein, dass wir auch schon mal einen winzig kleinen Disput darüber hatten, wie viele Klamotten ich so kaufe. Es könnte sein, dass Luke schon mal meinen Kleiderschrank geöffnet und verzweifelt gefragt hat: »Wann willst du das eigentlich alles tragen?«

Vielleicht haben wir hin und wieder auch schon mal darüber gestr… diskutiert, wie viel Luke arbeitet. Luke hat ein eigenes, ausgesprochen erfolgreiches PR-Unternehmen, Brandon Communications, das Zweigstellen in London und New York hat und ständig expandiert. Er liebt seine Arbeit, und vielleicht habe ich ihm schon ein- bis zweimal vorgeworfen, seine Arbeit mehr als mich zu lieben.

Aber unter dem Strich sind wir nun mal ein reifes und flexibles Paar, das in der Lage ist, miteinander zu reden. Neulich sind wir zusammen Mittag essen gegangen und haben sehr lange miteinander geredet, und ich habe ernsthaft versprochen, in Zukunft weniger einzukaufen, und Luke hat ernsthaft versprochen, etwas weniger zu arbeiten. Dann ist Luke zurück ins Büro gegangen, und ich war bei Dean and DeLuca, um fürs Abendessen einzukaufen. (Dabei stieß ich auf dieses tolle extra native Olivenöl mit gepressten, biodynamischen Blutorangen, für das ich bei Gelegenheit unbedingt mal ein Rezept finden muss.)

»Zusammenleben muss gestaltet werden«, doziere ich weise. »Man muss flexibel bleiben. Und man muss genau so viel geben wie nehmen.«

»Ach, ja?«

»Oh, ja. Luke und ich zum Beispiel, wir haben eine gemeinsame Kasse, und wir teilen uns die Hausarbeit… Teamwork heißt das Zauberwort. Der springende Punkt ist nämlich, dass man nicht davon ausgehen darf, dass alles einfach so weiterläuft wie bisher. Man muss sich schon anpassen.«

»Ach, ja?« Danny sieht mich interessiert an. »Und wer von euch meinst du passt sich mehr an? Du oder Luke?«

Ich denke einen Moment nach.

»Schwer zu sagen. Ich glaube, das hält sich in etwa die Waage.«

»Das heißt… dieser ganze Kram hier.« Danny lässt einen Blick über die voll gestopfte Wohnung schweifen. »Ist das vor allem deiner oder seiner?«

»Ääähmmm…« Ich sehe mich um. Da sind die Aromatherapiekerzen, die auf alt gemachten Spitzenkissen und die vielen Zeitschriftenstapel. Eine Sekunde lang muss ich an das blütenreine, minimalistische Apartment denken, das Luke seinerzeit in London hatte.

»Ach, weißt du…«, sage ich schließlich. »Sowohl als auch…«

Und das stimmt auch irgendwie. Ich meine, Luke hat schließlich immer noch seinen Laptop im Schlafzimmer.

»Der Punkt ist, dass es zwischen uns überhaupt keine Reibereien gibt«, setze ich meinen Vortrag fort. »Wir denken immer das Gleiche. Wir sind eine Einheit.«

»Klasse«, sagt Danny und nimmt sich einen Apfel aus der Obstschale. »Da habt ihr ja ein wahnsinniges Glück.«

»Ich weiß.« Ich sehe ihm tief in die Augen. »Weißt du, Luke und ich sind so miteinander im Einklang, dass da manchmal fast so was wie… ein sechster Sinn zwischen uns besteht.«

»Wirklich?« Danny starrt mich an. »Im Ernst?«

»Ja, sicher. Dann weiß ich genau, was er jetzt gleich sagen will, oder ich spüre förmlich, dass er in der Nähe ist…«

»So wie Die Macht in Star Wars?«

»Kann schon sein.« Ich zucke lässig mit den Schultern. »Ist so etwas wie eine Gabe. Ich hinterfrage das normalerweise nicht genauer –«

»Sei gegrüßt, Obi Won Kenobi«, ertönt eine tiefe Stimme hinter uns, und Danny und ich erschrecken uns fast zu Tode. Ich wirbele herum – und sehe Luke mit einem amüsierten Grinsen im Gesicht in der Tür stehen. Er hat ganz rote Wangen von der Kälte, seine dunklen Haare sind voller Schneeflocken, und er ist so groß, dass der Raum auf einmal viel kleiner erscheint.

»Luke!«, quietsche ich. »Hast du uns erschreckt!«

»Tut mir Leid«, sagt er. »Ich dachte, du würdest meine Gegenwart spüren.«

»Ja. Also, ich habe auch irgendetwas gespürt…«, versuche ich mich zu verteidigen.

»Aber natürlich.« Er gibt mir einen Kuss. »Hi Danny.«

»Hi«, sagt Danny und sieht dabei zu, wie Luke seinen dunkelblauen Kaschmirmantel auszieht, dann die Manschettenknöpfe öffnet und gleichzeitig die Krawatte löst, und das alles mit den gleichen zielgerichteten, flinken und geschickten Bewegungen, mit denen er immer alles macht.

Einmal, als Danny und ich tierisch betrunken waren, fragte er mich: »Ist Luke im Bett eigentlich genau so, wie wenn er eine Flasche Champagner aufmacht?« Und obwohl ich empört aufschrie, Danny mit Fäusten bearbeitete und ihm sagte, dass ihn das gar nichts angehe, konnte ich doch irgendwie verstehen, was er meinte. Luke fackelt nie lange herum oder zögert oder sieht verwirrt aus. Er weiß immer ganz genau, was er will, und im Großen und Ganzen bekommt er das auch immer – ganz gleich, ob es darum geht, eine Flasche Champagner geräuschlos zu öffnen oder einen neuen Kunden anzuwerben oder im Bett eine…

Ähem. Wie dem auch sei. Lassen Sie es mich so formulieren: Seit Luke und ich zusammenwohnen, hat sich mein Horizont erstaunlich erweitert.

Jetzt nimmt er die Post in die Hand und sieht sie schnell und zielsicher durch. »Und, wie geht’s, Danny?«

»Gut, danke«, sagt Danny und beißt vom Apfel ab. »Und wie geht es der Welt der Hochfinanz? Hast du meinen Bruder heute gesehen?« Dannys Bruder Randall arbeitet bei einem Finanzunternehmen, und Luke hat schon ein paarmal mit ihm zu Mittag gegessen.

»Heute nicht, nein.«

»Okay, aber wenn du ihn das nächste Mal siehst«, sagt Danny, »dann frag ihn mal, ob er zugenommen hat. So ganz nebenbei. Sag einfach so was wie ›Sag mal, Randall, du siehst ja ganz schön füllig aus‹. Und dann könntest du vielleicht noch einen Kommentar zum Fettgehalt seiner Vorspeise abgeben. Randall ist zurzeit total paranoid und glaubt, dass er fett wird. Ich lache mich tot.«

»Geschwisterliebe«, sagt Luke. »Ist das nicht wunderbar?« Luke ist am Ende des Poststapels angekommen und sieht mich mit gerunzelter Stirn an.

»Ist der Kontoauszug für unser gemeinsames Konto noch gar nicht gekommen, Becky?«

»Äh… nein. Noch nicht.« Ich lächele ihn entwaffnend an. »Kommt bestimmt morgen!«

Das stimmt nicht ganz. Der Kontoauszug ist nämlich eigentlich gestern gekommen, aber ich habe ihn schnurstracks in meine Unterwäscheschublade befördert. Es gibt da so ein paar Posten, die mir ein klein wenig Sorge bereiten, und ich möchte mir lieber in Ruhe überlegen, wie ich diese Ausgaben rechtfertigen kann. Offen gestanden finde ich die Sache mit dem gemeinsamen Konto nämlich ganz schön lästig. Ganz gleich, was ich vorhin zu Danny gesagt habe.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde es ganz toll, wenn Paare ihr Geld teilen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich es total klasse, dass Luke sein Geld mit mir teilt. Echt cool. Weniger klasse finde ich es allerdings, wenn er dann plötzlich fragt »Was hast du denn für siebzig Dollar bei Bloomingdales gekauft?« und ich mich nicht mehr daran erinnern kann. Und aus genau diesem Grund habe ich mir eine ganz neue Taktik ausgedacht. Die ist so simpel, dass sie geradezu brillant ist.

Die Taktik lautet: Irgendetwas so auf dem Kontoauszug verschütten, dass er ihn nicht mehr lesen kann.

»Ich gehe duschen«, sagt Luke und nimmt die Post mit. Er ist schon fast zur Tür hinaus, als er plötzlich innehält. Er dreht sich ganz langsam um und betrachtet den Cocktailschrank, als würde er ihn zum ersten Mal sehen.

»Was ist das?«, fragt er langsam.

»Das ist ein Cocktailschrank!«, antworte ich fröhlich.

»Wo kommt der her?«

»Der… ähm… also, den habe ich heute gekauft.«

»Becky…« Luke schließt die Augen. »Ich dachte, wir hätten gesagt, dass Schluss ist mit diesem Plunder.«

»Das ist kein Plunder! Der ist original aus den 30er Jahren! Mit dem können wir jeden Abend grandiose Cocktailpartys feiern!« Sein Gesichtsausdruck macht mich ein klein wenig nervös, darum fange ich an wie ein Wasserfall zu plappern. »Ja, ich weiß, wir hatten gesagt, dass wir keine Möbel mehr kaufen. Aber in diesem Fall ist das etwas anderes. Ich meine, wenn man eine so einmalige Gelegenheit wie diesen Schrank sieht, muss man einfach zuschlagen!«

Ich verstumme und beiße mir auf die Lippe. Luke geht schweigend auf den Schrank zu. Er streicht über das Holz und nimmt dann schmallippig einen Cocktailshaker in die Hand.

»Ach, Luke, ich dachte, ich würde dir damit eine Freude machen! Ich dachte, er würde dir gefallen. Der Typ in dem Laden hat gesagt, ich hätte ein wirklich gutes Auge…«

»Ein wirklich gutes Auge«, wiederholt Luke in merkwürdig ungläubigem Tonfall.

Mir stockt der Atem, dann schreie ich, als er den Cocktailshaker in die Luft wirft, und ich zucke schon prophylaktisch zusammen, bevor der Shaker mit lautem Getöse auf dem Holzfußboden landet – was er aber nicht tut, weil Luke ihn souverän auffängt. Danny und ich reißen die Augen auf, als Luke den Shaker noch einmal hochwirft, sich einmal um die eigene Achse dreht und den Shaker dann seinen Arm herunterrollen lässt.

Ich fasse es nicht. Ich bin mit Tom Cruise zusammen!

»Ich habe mal einen Sommer lang als Barkeeper gearbeitet«, sagt Luke und lässt sich zu einem Lächeln hinreißen.

»Das musst du mir zeigen, wie man das macht!«, rufe ich aufgeregt. »Ich will das auch können!«

»Ich auch!«, sagt Danny. Er schnappt sich den anderen Cocktailshaker, fängt an, ungelenk damit herumzuhantieren und wirft ihn dann mir zu. Ich versuche, ihn zu fangen, aber er landet auf dem Sofa.

»Gott, wie ungeschickt!«, ärgert Danny mich. »Also, hör mal, Becky. Da musst du aber noch ein bisschen üben, um bei der Hochzeit den Brautstrauß fangen zu können!«

»Nein, muss ich nicht!«

»Natürlich. Du willst doch die Nächste sein, oder?«

»Danny…« Ich lache leichtherzig auf.

»Ihr beide solltet unbedingt heiraten«, macht Danny weiter und ignoriert meine bösen Blicke. Er nimmt den Cocktailshaker und wirft ihn von Hand zu Hand. »Ist doch alles perfekt. Guckt euch doch mal an. Ihr wohnt zusammen, ihr wollt euch nicht gegenseitig umbringen, ihr seid nicht miteinander verwandt… Ich könnte dir ein atemberaubendes Kleid machen…« Etwas abrupt stellt er den Shaker ab und sieht auf einmal sehr ernst aus. »Hör mal, Becky. Du musst mir versprechen, dass ich dein Kleid machen darf, wenn du heiratest.«

Das ist doch wohl das Letzte. Wenn er so weitermacht, denkt Luke noch, ich wollte ihn zu irgendetwas drängen. Er könnte ja sogar auf den Gedanken kommen, dass ich Danny aufgetragen habe, das Thema ganz direkt anzusprechen.

Ich muss jetzt ganz dringend die Bombe entschärfen. Ganz schnell.

»Ach, weißt du, Danny, eigentlich will ich überhaupt nicht heiraten«, höre ich mich selbst sagen. »Jedenfalls nicht die nächsten zehn Jahre.«

»Was?« Danny sieht mich entsetzt an. »Im Ernst?«

»Wirklich?« Luke sieht mich mit einem undeutbaren Ausdruck in den Augen an. »Das wusste ich ja gar nicht.«

»Ach, nein?« Ich versuche, ganz lässig zu klingen. »Na, dann weißt du es ja jetzt.«

»Und warum willst du die nächsten zehn Jahre nicht heiraten?«, fragt Danny.

»Ich… ähm…« Ich räuspere mich. »Also, da sind noch so viele Sachen, die ich vorher unbedingt machen will. Ich will mich auf meine Karriere konzentrieren, und ich will… mein Potenzial voll ausschöpfen… und… herausfinden, wer ich wirklich bin… und… eine ganze… öm… abgerundete Persönlichkeit werden.«

Ich verstumme und begegne leicht trotzig Lukes verwundertem Blick.

»Verstehe«, sagt er und nickt. »Klingt sehr vernünftig.« Er sieht auf den Cocktailshaker in seiner Hand und stellt ihn ab. »Ich fang dann mal an zu packen.«

Moment mal! Er sollte mir doch nicht beipflichten!

2

Am nächsten Morgen um sieben Uhr kommen wir in Heathrow an und holen unseren Mietwagen. Auf dem Weg zu Suzes Eltern in Hampshire blicke ich aus dem Fenster auf die verschneite Landschaft, die vielen Hecken, Felder und kleinen Dörfer, als wenn ich all das vorher noch nie gesehen hätte. Nach Manhattan wirkt das alles hier so winzig und irgendwie… niedlich. Jetzt wird mir endlich klar, warum die Amerikaner immer alles in England reizend nennen.

»Wohin jetzt?«, fragt Luke, als wir wieder mal an eine kleine Kreuzung kommen.

»Ähm, also hier musst du ganz klar links abbiegen. Ich meine… rechts. Nein, ich meine links.«

Während der Wagen die Richtung ändert, suche ich in meiner Tasche nach der Einladung, um noch mal die genaue Adresse zu überprüfen.

Sir Gilbert und Lady Cleath-StuartBitten um die Ehre Ihrer Gesellschaft…

Gebannt starre ich auf die schwungvolle, elegante Schrift. Mein Gott, ich kann es immer noch nicht glauben, dass Suze und Tarquin heiraten.

Ich meine, natürlich glaube ich es. Schließlich sind die beiden jetzt schon über ein Jahr lang zusammen, und Tarquin ist im Grunde genommen in die Wohnung mit eingezogen, in der ich früher mit Suze wohnte – obwohl die beiden anscheinend immer mehr Zeit in Schottland verbringen. Die beiden sind total süß und echt cool, und alle finden, dass sie total gut zusammen passen.

Aber ab und zu, wenn ich mich gerade mal nicht richtig konzentriere, schreit es förmlich in meinem Kopf: »Waaaaaas? Suze und Tarquin?«

Schließlich war Tarquin immer Suzes seltsamer, freakiger Cousin. Jahrelang war er nichts anderes als der unbeholfene Kerl in der Ecke, der immer in einer uralten Jacke herumlief und in aller Öffentlichkeit Wagner-Arien vor sich hin summte. Er war der Typ, der sich nur äußerst selten aus dem sicheren Hafen seines schottischen Schlosses herauswagte – und als er es doch mal tat, hatte ich mit ihm das allerschlimmste Date meines Lebens (aber darüber sprechen wir nicht mehr).

Und jetzt ist er auf einmal… na ja, Suzes Freund. Er ist immer noch etwas unbeholfen. Und er trägt immer noch gerne die von seinem alten Kindermädchen selbst gestrickten Pullis. Er ist immer noch ein bisschen schmuddelig. Aber Suze liebt ihn, und das ist das Einzige, das zählt.

Genau wie ich meinen ollen Teddy liebe.

Oh, Gott, ich kann doch nicht jetzt schon anfangen zu heulen! Ich muss mich zügeln.

»Harborough Hall«, liest Luke laut vor, als er vor einem Paar in Auflösung begriffener Steinsäulen zum Stehen kommt. »Ist es das?«

»Ähm…« Ich schniefe und versuche, geschäftsmäßig zu gucken. »Ja, das ist es. Fahr einfach rein.«

Ich bin zwar schon tausendmal bei Suze gewesen, aber ich vergesse doch immer wieder, wie imposant das Haus ihrer Eltern ist. Wir fahren eine breite, lange Allee entlang, die in eine geschwungene Kiesauffahrt mündet. Das Haus ist riesig und grau, und sieht mit den Säulen an der Front und dem Efeu, der es überwächst, uralt aus.

»Hübsches Haus«, sagt Luke auf dem Weg zur Haustür. »Wie alt ist es?«

»Weiß nicht«, lautet meine präzise Auskunft. »Ist schon seit Jahren in Familienbesitz.« Ich ziehe an der Klingelschnur, um herauszufinden, ob das Ding – was höchst unwahrscheinlich ist – inzwischen mal repariert worden ist. Ist es aber anscheinend nicht. Ich klopfe ein paarmal mit dem schweren Türklopfer an, und als sich auch daraufhin nichts tut, betrete ich eigenmächtig die riesige geflieste Eingangshalle, in der ein alter Labrador vor dem knisternden Kamin schläft.

»Hallo?«, rufe ich. »Suze?«

Auf einmal bemerke ich, dass auch Suzes Vater neben dem Kamin schläft. Er sitzt in einem großen, ausladenden Sessel. Ich habe ein bisschen Angst vor Suzes Vater, und ich will ihn ganz bestimmt nicht aufwecken.

»Suze?«, wiederhole ich etwas leiser.

»Bex! Dachte ich es mir doch, dass ich etwas gehört hatte!«

Ich sehe auf – und da steht Suze auf der Treppe, in einem Hauskleid im Schottenmuster, mit offenen Haaren, die golden über ihren Rücken fallen. Aufgeregt lächelt sie mich an.

»Suze!«

Ich stürze die Treppe hinauf und falle ihr um den Hals. Als ich mich wieder von ihr löse, haben wir beide ziemlich gerötete Augen, und ich lache etwas wackelig. Mein Gott, ich habe Suze ja viel mehr vermisst, als mir selbst klar war.

»Komm mit in mein Zimmer!« Suze zieht mich an der Hand. »Du musst dir mein Kleid angucken!«

»Ist es wirklich so wunderschön?«, frage ich aufgeregt. »Auf dem Bild sah es umwerfend aus.«

»Es ist perfekt! Und außerdem musst du unbedingt sehen, was ich für untendrunter habe… ein total cooles Miederteilchen von Rigby and Peller… und einen so abgefahrenen Slip…«

Luke räuspert sich, sodass wir uns beide umsehen.

»Oh!«, sagt Suze. »Entschuldigung, Luke. In der Küche gibt es Kaffee und Zeitungen und so’n Kram. Da drüben.« Sie zeigt einen Flur entlang. »Mrs. Gearing macht dir auch bestimmt gerne eine Portion Bacon and Eggs, wenn du willst.«

»Dann ist Mrs. Gearing wohl genau die richtige Frau für mich«, entgegnet Luke und lacht. »Bis später.«

Suzes Zimmer ist hell und luftig und blickt direkt auf den Garten. Was sage ich, »Garten«! Ich meine die 5000 Hektar Land, die Rasenflächen, die sich von der Hinterseite des Hauses bis zu einem Zedernhain und einem See erstrecken, in dem Suze als Dreijährige mal fast ertrunken wäre. Links liegt ein von Mauern umgebener Rosengarten sowie ganz viele Blumenbeete und Kieswege und Hecken, und genau da hat Tarquin um Suzes Hand angehalten. (Sie hat mir erzählt, dass er vor ihr niedergekniet ist und dass dann, als er wieder aufstand, kleine Kiessteinchen an seiner Hose klebten. Das ist so typisch Tarquin.) Rechts ist ein alter Tennisplatz und dahinter eine Wiese, die sich bis zu einer Hecke erstreckt, hinter der die Dorfkirche samt Friedhof liegt. Als ich jetzt aus dem Fenster schaue, sehe ich, wie sich am anderen Ende des Hauses ein riesiges Festzelt aufbläht und wie ein Weg, der sich am Tennisplatz vorbei und quer über die Wiese bis zum Friedhofstor schlängelt, mit Zeltplanen überdacht wird.

»Du willst doch nicht etwa zur Kirche laufen?«, frage ich in plötzlicher Sorge um Suzes Emma-Hope-Schuhe.

»Ach, Quatsch, nein! Ich fahre mit der Kutsche. Aber die Gäste können ja alle zu Fuß hierher zurückkommen. Auf dem Weg wird heißer Whisky ausgeschenkt.«

»Mann, das wird wirklich sagenhaft!« Ich beobachte einen Mann in Jeans dabei, wie er einen Pfosten in den Boden hämmert. Ich kann mir nicht helfen, aber auf einmal verspüre ich tatsächlich einen Anflug von Neid. Ich habe schon immer von so einer Mega-Hochzeit geträumt, mit Pferdekutsche und dem ganzen Brimborium.

»Ja, nicht? Glaubst du nicht auch, dass es klasse wird?« Suze strahlt mich glücklich an. »So, jetzt muss ich mir mal eben die Zähne putzen…«

Sie verschwindet ins Badezimmer, und ich schlendere hinüber zu ihrer Frisierkommode, an deren Spiegel die Bekanntgabe der Verlobung klemmt. Baronesse Susan Cleath-Stuart und Baron Tarquin Cleath-Stuart. Mannomann. Ich vergesse immer wieder, wie vornehm Suze ist.

»Ich will auch einen Titel«, sage ich, als Suze mit einer Haarbürste in der Hand aus dem Bad kommt. »Ich fühle mich ausgeschlossen. Wie bekommt man so was?«

»Ach, so ein Quatsch, Bex!« Suze rümpft die Nase. »Titel sind totaler Mist. Ständig bekommt man Briefe, in denen man mit ›Verehrte Baronesse‹ angeschrieben wird.«

»Trotzdem. Das wäre doch cool. Was könnte ich sein?«

»Ähm…« Suze zieht an einer Haarsträhne. »Freifrau Becky Bloomwood? Aber jetzt komm endlich, ich will dein Kleid sehen!«

»Okay!« Ich wuchte meinen Koffer aufs Bett, öffne ihn und ziehe äußerst vorsichtig Dannys Kreation daraus hervor. »Na, was sagst du?« Stolz halte ich mir das Kleid an und wirbele mit der goldenen Seide herum. »Ganz schön cool, was?«

»Das ist ja der Hammer!« Suze starrt das Kleid mit weit aufgerissenen Augen an. »So etwas habe ich ja noch nie gesehen!« Sie berührt die Pailletten auf der Schulter. »Wo hast du das her? Ist das von Barneys?«

»Nein, von Danny. Ich hatte dir doch erzählt, dass er mein Kleid machen würde.«

»Ach, ja, stimmt.« Dann guckt sie mich angestrengt an. »Wer war noch mal Danny?«

»Mein Nachbar von obendrüber«, helfe ich ihr auf die Sprünge. »Der Designer. Der, den wir damals auf der Treppe getroffen haben.«

»Ach, ja.« Suze nickt. »Jetzt weiß ich wieder.«

Aber an der Art, wie sie das sagt, kann ich ablesen, dass sie sich nicht erinnern kann.

Ich mache ihr keinen Vorwurf – ihre Begegnung mit Danny dauerte ungefähr zwei Minuten. Er war auf dem Weg zu seinen Eltern in Connecticut, sie steckte mitten im Jet-lag, und sie wechselten kaum ein Wort miteinander. Aber trotzdem. Schon komisch, dass Suze Danny gar nicht richtig kennt, und dass er sie gar nicht richtig kennt, obwohl mir beide so wahnsinnig wichtig sind. Es ist, als hätte ich zwei komplett voneinander unabhängige Leben, und je länger ich in New York lebe, desto größer wird die Kluft zwischen ihnen.

»So, und hier ist meins«, verkündet Suze aufgeregt.

Sie öffnet den Schrank, macht den Reißverschluss an einem Kaliko-Kleidersack auf – und enthüllt ein absolut atemberaubendes Kleid, ganz in Weiß, aus massenweise Samt und Seide, mit langen Ärmeln und einer richtig langen Schleppe.

»Oh, Gott, Suze«, keuche ich. Es schnürt mir die Kehle zu. »Du wirst so wunderschön aussehen. Ich kann immer noch nicht glauben, dass du wirklich heiratest! ›Mrs. Cleath-Stuart.‹«

»Puuuh, hör bloß auf, mich so zu nennen!«, sagt Suze und rümpft die Nase. »Das hört sich ja an wie meine Mutter. Obwohl es ja ziemlich praktisch ist, jemanden aus der Verwandtschaft zu heiraten«, fügt sie hinzu, als sie den Schrank wieder schließt. »Ich meine, ich kann meinen Nachnamen behalten und gleichzeitig seinen annehmen. Und ich kann auf meinen Rahmen weiter die Initialien S C-S benutzen.« Sie fasst in einen Karton und holt einen wunderschönen Glasrahmen heraus, der mit lauter verschiedenen Muscheln verziert ist. »Guck mal, das ist die neue Kollektion –«

Beruflich entwirft Suze Bilderrahmen, die im ganzen Land verkauft werden, und letztes Jahr hat sie ihr Wirken auch noch auf Fotoalben, Geschenkpapier und Geschenkkartons ausgeweitet.

»Das Thema sind Muschelformen«, erklärt sie stolz. »Gefällt es dir?«

»Ich find’s klasse!« Vorsichtig berühre ich die Schalen. »Wie bist du darauf gekommen?«

»Weißt du, genau genommen hat Tarkie mich auf die Idee gebracht! Wir waren irgendwann mal spazieren, und er erzählte mir, wie er als Kind immer Muscheln gesammelt hat und wie faszinierend er das immer schon fand, dass sich in der Natur so unglaublich viele verschiedene Formen finden… Und da hatte ich die Eingebung!«

Ich sehe Suze an. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Auf einmal sehe ich sie und Tarquin vor mir, wie sie Hand in Hand in ihren weißen Aran-Pullovern von Scotch House über das stürmische Moor wandern.

»Suze, du und Tarquin, ihr werdet so glücklich miteinander werden«, quillt es von ganzem Herzen aus mir hervor.

»Meinst du?« Sie wird ganz rot vor Freude. »Wirklich?«

»Ganz bestimmt. Ich meine, guck dich doch mal an! Du blühst ja total auf!«

Und das stimmt. Es war mir bisher noch gar nicht so richtig aufgefallen, aber sie sieht irgendwie ganz anders aus als die alte Suze. Natürlich hat sie immer noch die gleiche, fein geschnittene Nase und die hohen Wangenknochen, aber ihr Gesicht ist irgendwie runder und weicher. Und sie ist immer noch schlank, aber plötzlich hat sie so etwas Rundes an sich… fast wie…

ENDE DER LESEPROBE