Hoffnung ist ein weites Feld - Erster Teil des Auswanderer-Krimis - Kai Blum - E-Book
Beschreibung

Nord-Dakota im Sommer 1881. Tausende deutschsprachige Einwanderer erhalten von der US-Regierung kostenloses Ackerland in der scheinbar endlosen Prärie. Geschäftsleute mit großen Träumen gründen mitten in den frisch besiedelten Landstrichen kleine Städte, die sich schon bald zu ländlichen Zentren des Wohlstands entwickeln sollen. Himmelsfeld ist einer dieser Orte. Doch der friedliche Name täuscht. Der Hoffnung auf ein neues Leben stehen alte und neue Rechnungen gegenüber, die zu Mord und Totschlag führen. Mit "Hoffnung ist ein weites Feld" beginnt eine Reihe von Auswanderer-Krimis, die dem Leben der Familie Sievers sowie ihrer Verwandten, Freunde und Nachbarn von den 1880er Jahren bis ans Ende des Zweiten Weltkriegs folgen.

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Seitenzahl:168

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Beliebtheit


Inhalt

Tod

Neubeginn

Spätsommer

Kaltfront

Präriewinter

Heiligabend

Ausblick: Erntezeit

Impressum

Über das Buch

Über den Autor

Tod

Heiligabend 1881. Himmelsfeld, Nord-Dakota

Hans Sievers stürmte die Außentreppe an der Rückseite des Hauses hinauf. Hierher waren die Flammen noch nicht gelangt. Er rutschte auf den schneebedeckten Stufen aus, fing sich wieder und erreichte mit Müh und Not die Tür zur Wohnung über dem Laden. Als er sie öffnete, schlug ihm starker Rauch entgegen.

Er rief mehrmals den Namen seines Onkels. Keine Antwort.

Halb gebückt, einen Arm schützend vor dem Gesicht, wagte er sich hinein in den rabenschwarzen, verqualmten Gang. Weit kam er nicht: Er stolperte und stürzte.

Nach einem Moment der Besinnung tastete er nach dem Hindernis am Boden. Er erschrak heftig, als seine Hände zuerst eine Nase und dann einen Mund mit Bart berührten.

Hans rang nach Luft. Er kroch um den leblosen Körper herum, hob ihn an den Schultern ein wenig an, griff ihm von hinten unter die Arme und zog ihn mit letzter Kraft in Richtung Tür. Als er sie schließlich erreicht hatte und ihm das Schneegestöber in den Nacken peitschte, sank er erschöpft auf dem Treppenabsatz auf die Knie.

Der Onkel begann röchelnd nach der kalten Luft zu schnappen. Sein weißes Hemd war über dem Bauch blutgetränkt. Die großen Schneeflocken, die darauf landeten, färbten sich in Sekundenschnelle rot. Er flüsterte etwas. Hans beugte sich dicht an den Mund des Verletzten, aber er verstand nur Bruchstücke:

»Clara ... das Kind ... du musst ...«

Dann nichts mehr. Kein Flüstern, kein Röcheln. Nur das Geräusch des Windes, der den Schnee gegen die Hauswand trieb.

Hans richtete sich auf. Sein Onkel lag tot vor ihm, den Kopf leicht zur Seite gerollt und die Augen weit aufgerissen.

Neubeginn

Etwa ein halbes Jahr früher, 26. Juli 1881

Die Bremsen quietschten ohrenbetäubend und der Zug begann heftig zu ruckeln. Marie Sievers öffnete die Augen und schloss sie schnell wieder, geblendet vom grellen Sonnenlicht. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn und wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Ihr war, als hätte sie auf der wochenlangen Reise jedes Zeitgefühl verloren.

Hans war schon auf den Beinen. Er hielt Emma auf dem Arm und bemühte sich, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Als er sah, dass Marie wach war, setzte er ihr die Kleine auf den Schoß. Das Mädchen schmiegte sich an Marie, die schlaftrunken wahrnahm, wie Hans damit anfing, die schweren Gepäckstücke zur bereits weit geöffneten Tür des umgebauten Güterwaggons hin zu wuchten, und wie ihr Sohn Martin seinem noch schlafenden Bruder Christian in die Rippen stieß: »Los, wir müssen raus!«

Auch die anderen Fahrgäste waren hektisch mit dem Aussteigen beschäftigt, obwohl Eile eigentlich nicht geboten war, denn die Fahrt endete hier – weiter nach Westen waren noch keine Schienen verlegt worden. Aber nach der langen Reise konnten es alle kaum erwarten, endlich am Ziel zu sein.

Wenige Minuten später standen Hans und Marie Sievers mit ihren Kindern und ihrem wenigen Gepäck auf dem schattenlosen Platz neben dem Zug. Ein Bahnhofsgebäude gab es nicht. Die Präriesonne sengte auf sie herab und der heiße Wind blies ihnen unablässig Staub von den umliegenden Feldern in die Augen.

Die anderen Leute, die meisten ebenfalls Familien mit kleinen Kindern, schleppten mühsam ihre Sachen an ihnen vorbei; ihr Ziel war eine aus groben Brettern gezimmerte Baracke, über deren Eingang ein Schild mit der Aufschrift Land Office angebracht war.

Hans schob sich die Mütze ins Genick, blickte sich um und sagte entschlossen: »Wartet hier! Ich werde mal schauen, ob uns jemand mitnehmen kann.«

Zielstrebig marschierte er los. Er wusste wohin: Kurz vor dem Halten des Zuges hatte er ein Dutzend Pferdefuhrwerke vor einem Getreidehandel stehen sehen. Dort wollte er fragen gehen.

Als er sich dem Gebäude näherte, stellte er überrascht fest, dass sich die wartenden Bauern, deren Wagen bis zum Brechen mit Getreide beladen waren, auf Deutsch unterhielten. Nach den Gesprächsfetzen zu urteilen, ging es um Weizenpreise. Die Männer riefen in verschiedenen Mundarten wild durcheinander.

Als sie Hans wahrnahmen, hielten sie inne. Auf einen Schlag waren alle Blicke auf ihn gerichtet und er fragte daher unverzüglich mit lauter Stimme: »Fährt hier vielleicht jemand nach Himmelsfeld?«

Ein Bauer, der sich gerade anschickte, seine Pferde zum Getreideschuppen hinaufzuführen, winkte ihn heran.

»Konrad Meier«, stellte er sich vor, als Hans vor ihm stand und zu ihm hinunterschaute. Er war kaum größer als ein zwölfjähriger Junge und hatte eine recht hohe Stimme, fast wie eine Frau. Das passte so gar nicht zu seiner Glatze, die zum Vorschein kam, als er seinen Strohhut abnahm und sich mit einem Tuch über den verschwitzten Kopf wischte.

»Angenehm, Hans Sievers. Du wohnst in Himmelsfeld?«

»In der Nähe.«

»Kannst du uns vielleicht mitnehmen?«

»Uns?«

»Meine Familie und mich. Wir sind zu fünft.«

»Gerade erst angekommen?«

»Vor ein paar Minuten.«

»Und woher kommt ihr?«

»Aus Mecklenburg«, antwortete Hans, nicht ganz sicher, ob der kleine Bauer sie nun mitnehmen würde.

»Haben die dich also auch bequatscht, herzukommen«, schmunzelte Konrad Meier.

Hans wusste, wer die waren: Die Werber der Eisenbahngesellschaften, die den Einwanderern bereits im Hamburger Hafen und dann auch gleich nach dem Anlegen in New York preiswertes Ackerland und hervorragendes Wetter im Dakota-Gebiet versprachen. Hans war diesen Leuten mehrmals in die Arme gelaufen, allerdings musste er nicht mehr überredet werden: Er wollte sowieso hierher. Schließlich wohnte hier schon sein Onkel, der ihn seit Langem gedrängt hatte, ebenfalls auszuwandern, und der bereits ein gutes Stück Land für ihn ausgesucht hatte.

»Ich komme aus der Altmark«, sagte Konrad Meier und riss Hans aus seinen Gedanken. »Bin seit drei Jahren hier.« Er behielt den Eingang des Getreideschuppens im Auge. »Viel, viel Arbeit, aber ich bin mein eigener Herr.« Mit diesen Worten setzte er seine Pferde in Bewegung. »Wenn ich den Weizen hier abgeliefert habe, nehme ich euch auf meinem Wagen mit. Himmelsfeld liegt auf dem Weg zu meiner Homestead.«

Hans war erleichtert. Onkel Karl hatte ihm in seinem letzten Brief geraten, beim Getreidehandel nach Bauern aus der Umgebung zu fragen. Ein guter Rat, wie sich erwiesen hatte. Was für ein Glück, dass der Onkel schon hier war und sich so gut auskannte! Das sollte eigentlich auch Marie beruhigen, die nur widerwillig mit nach Amerika gekommen war.

Konrad führte die beiden Gäule, die den schweren Wagen zogen, langsam die Rampe hinauf zum Eingang des Schuppens. Hans begleitete ihn neugierig.

Der Getreideaufkäufer war ein großer, dürrer Mann.

»Das ist Ingo Helmerson«, stellte Konrad den hageren Dänen vor.

»Hans Sievers.«

»Immer mehr Deutsche«, schmunzelte Ingo Helmerson und fragte nach dem Woher und Wohin.

»Mecklenburg? Sind da überhaupt noch Leute übrig oder sind jetzt alle hier?« Ingo Helmerson sprach tadellos Deutsch. Bevor Hans etwas antworten konnte, hatte sich der Getreideaufkäufer bereits abgewandt. »So, dann mal los!«, kommandierte er Konrad, der sofort damit begann, die Weizensäcke abzuladen. Hans half ihm dabei. Nächstes Jahr werde ich hier auch meine Ernte abliefern, freute er sich.

Auf dem Weg zum Bahnhof hielten sie bei einem Holzhandel. Dort kaufte Konrad zwei Dutzend Bretter.

»Das ganze Holz muss von den Großen Seen herangeschafft werden und ist schweineteuer, das kann ich dir sagen«, erklärte er beim Aufladen.

Hans dachte an die Waggons voller Bretter und Balken, die an das Ende ihres Zuges angehängt gewesen waren.

»Gott sei Dank!«, entfuhr es Marie, als sie Hans auf dem Wagen zurückkommen sah. Er saß neben einem freundlich aussehenden Mann, der wohl einige Jahre älter und zwei Köpfe kleiner als Hans war und die ganze Zeit redete. Hans nickte hin und wieder, während er sich vom Kutschbock aus aufmerksam die Gegend anzusehen schien.

Als sie ihren Vater entdeckten, sprangen Martin und Christian auf und liefen dem Wagen aufgeregt entgegen. Emma spielte weiter gedankenverloren im Sand. Die Kinder waren der einzige Grund, warum Marie sich letztendlich doch hatte überreden lassen, nach Amerika auszuwandern. Sie sollten einmal ein besseres Leben haben. Aber war es wirklich die richtige Entscheidung gewesen, die Heimat zu verlassen? Die Zweifel kamen schon wieder. Ihre Eltern hatten sie gewarnt, dass Karl Wolter ein gewaltiger Aufschneider war, dem man besser nicht alles glaubte, was er den lieben langen Tag von sich gab. Hatte er ihnen in seinen Briefen tatsächlich zu viel versprochen?

Marie stand auf, als das Fuhrwerk mit den beiden Männern vor ihr hielt. Hans schaute sie fragend an. Hatte er ihr etwas angemerkt? Sie wollte ihm mit ihren Sorgen nicht zur Last fallen. Denn nun war ja doch nichts mehr zu ändern. Jetzt waren sie hier und ein Zurück kam nicht infrage. Sie lächelte Hans an und spürte, wie erleichtert er daraufhin war.

»Mein lieber Mann«, murmelte Konrad, als er Marie erblickte. Er dachte an seine Christine. Der schwere Anfang hier hatte sie sehr mitgenommen und sichtbare Spuren hinterlassen. Die Hoffnung auf Nachwuchs hatte er mittlerweile auch begraben und er fragte sich manchmal, ob der Preis der Auswanderung nicht zu hoch gewesen war.

Nach dem Aufladen des Gepäcks hob Hans die Kinder in den Kastenwagen und half Marie, auf den Bündeln einen halbwegs bequemen Platz zum Sitzen zu finden. Schließlich begab er sich wieder nach vorn zu Konrad auf den Kutschbock und die Pferde setzten sich langsam in Bewegung.

»Warum wollt ihr denn eigentlich nach Himmelsfeld?«, erkundigte sich Konrad.

»Mein Onkel wohnt dort«, erwiderte Hans. »Vielleicht kennst du ihn ja, er heißt Karl Wolter.«

»Und ob ich den kenne!« Konrads Stimme klang in diesem Moment noch ein wenig höher als zuvor und Hans sah, wie sich der Blick des kleinen Bauern für eine Sekunde lang verdunkelte. Aber er wollte lieber nicht fragen, warum. Jetzt war er erst einmal froh, dass ihn jemand nach Himmelsfeld mitnahm.

Die von der Hitze geplagten Gäule trotteten den staubigen Feldweg entlang.

»Gab wohl lange keinen Regen?«

»Von wegen! Heute Morgen hat es wie aus Eimern gegossen. Aber bei der Hitze sieht es zwei Stunden später wieder so aus, als habe es seit Wochen nicht geregnet.« Konrad seufzte.

»Aber das ist gar nichts im Vergleich zu den Wintern«, fuhr er nach einigen Augenblicken des Schweigens fort. »So viel Schnee wie hier habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen!«

Hans nickte. Auch davon hatten sie schon aus den Briefen des Onkels erfahren.

Marie hatte gehofft, dass die Schilderungen der schneereichen Winter zu jenen Übertreibungen gehörten, mit denen Karl Wolter oft dick auftrug. Dass das Gegenteil der Fall war, konnte sie nicht ahnen. Karl hatte nichts von den wirklichen Schrecken des Winters, von Hunger, Kälte und Tod, geschrieben und auch Konrad wollte jetzt lieber nicht weiter daran denken, geschweige denn versuchen, diesen Neuankömmlingen zu erklären, was da auf sie zukam. Sie waren ohnehin viel zu sehr damit beschäftigt, sich die Gegend anzusehen und gegenseitig auf Besonderheiten hinzuweisen.

Das Land war flacher als zu Hause und die Felder schienen endlos. Keine Spur von einem Wald, wohin sie auch blickten. In großen Abständen ragten Häuser mit Scheunen und Ställen aus den Weizenfeldern hervor. Oft stand ein Windrad auf langen Stelzen neben den Gebäuden. Konrad erklärte, dass damit das Wasser aus den Brunnen gepumpt wurde. Sandige Wege, die schnurgerade die Felder durchzogen, führten zu den Höfen.

»Dörfer wie zu Hause gibt’s hier nicht.« Konrad trank einen Schluck Wasser und reichte die Flasche an Hans weiter. »Hier musst du mitten auf deinen Feldern wohnen, fünf Jahre lang, dann gehört die Homestead endgültig dir.«

»Was gehört mir?«

»Die Homestead. So nennt man hier das Stück Land, das du bekommst und wo du dein Haus bauen musst.«

Ja richtig, davon hatte der Onkel geschrieben, nur dass das Wort anders klang, als er gedacht hatte. Hans hielt sich die Hand über die Augen, um sie vor der Sonne zu schützen, und sah sich um: Die Häuser waren alle aus Holz und weiß gestrichen, die Scheunen zumeist dunkelrot. Keine Ziegelsteine weit und breit. Strohdächer wie zu Hause konnte er auch nicht entdecken. Um die meisten Gehöfte herum waren junge Bäume in zwei oder drei Reihen gepflanzt worden. Er fragte Konrad, was es damit auf sich hatte.

»Hier gab’s früher nicht einen einzigen Baum«, erklärte dieser. »Nur Gras, von einem Ende des Horizonts zum anderen.« Er ließ seinen Blick über die Weizenfelder streichen, über denen die heiße Luft flimmerte. »Die Bäume sollen die Häuser in ein paar Jahren vor Schneestürmen schützen. Und Schatten spenden im Sommer.« Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Diese verfluchte Hitze!«

Nach einer Weile gab es keine Häuser und Weizenfelder mehr, sondern nur noch winzige Hütten und kleine Ackerflächen inmitten von hüfthohem Präriegras, in dem vereinzelt Kühe und Pferde grasten oder Bauern mit Ochsengespannen pflügten. Hans konnte sich nicht sattsehen an der schwarzen Erde, die viel fruchtbarer als der braune Boden in der Heimat ausschaute.

»Diese Leute hier sind auch alle erst vor ein paar Wochen angekommen«, meinte Konrad. »Zu spät für die Aussaat, aber genug Zeit, um noch reichlich Gras unterzupflügen.«

»Das sind ja merkwürdige Häuser!« Christian war auf der Ladefläche nach vorn gekrochen und stand jetzt gleich hinter den Männern.

Konrad wandte sich dem Jungen zu: »Wie schon gesagt, Bäume gab’s hier nicht und Holz ist sehr teuer. Die meisten Leute bauen deshalb erst mal eine Erdhütte.«

Er beschrieb, wie man das macht: »Zuerst mähst du das Gras. Dann reißt du den Boden mit dem Pflug auf und stichst mit dem Spaten armlange Erdblöcke zurecht. Die vielen Graswurzeln halten die Erde zusammen wie Kleister. Man kann diese Blöcke ganz einfach zu Wänden aufstapeln.«

Er sah Hans an und drehte sich dann zu Marie um. »Ihr glaubt gar nicht, wie die dicken Wände im Winter die Hütte warm halten und im Sommer schön kühl. Na, ihr werdet schon sehen!« Er nahm den Hut ab und fächelte sich Luft zu.

»Ach ja, das Dach ist selbstverständlich aus Brettern und obendrauf kommt Dachpappe und eine Schicht aus dünnen Grasplatten.«

Wenn Konrad erst einmal zu reden anfing, war er nicht mehr zu bremsen: »Einen Brunnen solltest du auch gleich graben. Zwei Ochsen und eine Kuh musst du natürlich kaufen und einen Pflug und Saatgut. Dann pflügst du so viel Land wie möglich. Die Hütte baust du nebenbei. Und einen Stall mit Heuschober, und zwar gleich ans Haus, so sparst du eine Wand. Wenn du später mehr Geld hast, kannst du ein richtiges Haus bauen. Da fange ich gerade mit an.« Er deutete auf die Bretter im Wagen.

Kurz darauf hielten sie bei den Johannsons, die vor zwei Jahren aus Norwegen gekommen waren. Konrad Meier tränkte die Pferde und die Reisenden nahmen von dem Kuchen, den ihnen die netten Eheleute, die auch zwei Jungen und ein Mädchen hatten, anboten. Marie war froh, ein paar Minuten im Schatten sitzen zu können, während Ole Johannson ihrem Mann den Hof zeigte. Konrad begleitete die beiden und unterhielt sich mit dem Norweger auf Englisch. Dabei fiel der Name Karl Wolter und Ole Johannson sah Hans eine Sekunde lang skeptisch an. Der fragte sich, wie das wohl zu deuten sei. Konrad Meier hatte auch schon so merkwürdig reagiert, als er den Namen des Onkels gehört hatte. Hans hatte allerdings keine Gelegenheit, weiter darüber nachzudenken, denn die Führung über den Hof nahm seine Aufmerksamkeit voll und ganz in Anspruch.

Die Johannsons bewohnten ein Haus, das aus Grasblöcken errichtet war, so, wie es Konrad beschrieben hatte. Beim Betreten des Hauses betrachtete Hans im Eingangsbereich die Wände aus der Nähe. Sie waren wirklich unheimlich dick und innen mit Lehm verputzt sowie mit Kalk geweißt worden. Der Fußboden bestand aus festgetretener Erde.

An das Haus hatte Ole Johannson einen Heuschober gebaut. Einige Schritte entfernt gab es einen Stall, ebenfalls aus Erdblöcken errichtet, und einen kleinen Fluss, an dessen Ufer etwas Gestrüpp wuchs. Ein halbes Dutzend Kühe hatte dort Zuflucht vor der Sonne gesucht.

Ole Johannson war gerade dabei, einen Schweineauslauf einzuzäunen. Als er Konrad Hafer für die Pferde zum Verkauf anbot und die beiden über den Preis verhandelten, lehnte sich Hans an einen der Zaunpfähle und träumte davon, in zwei, drei Jahren auch so einen Hof zu besitzen.

Zum Abschied reichte ihm Ole Johannson die Hand und gab dem deutschen Neuankömmling einige Worte auf Englisch mit auf den Weg. Konrad übersetzte: »In Norwegen hatte ich nichts, und jetzt habe ich diesen Hof. Du wirst es auch nicht bereuen, dass du nach Amerika gekommen bist.«

Wieder auf dem Wagen unterwegs, meinte Konrad: »Ich habe noch nie einen Menschen mit so einer Arbeitswut gesehen. Wir schuften ja alle bis zum Umfallen, aber was der Ole hier in zwei Jahren aufgebaut hat, ist schon fast unheimlich.«

Na, dann warte mal, bis ich loslege, dachte Hans. Er drehte sich zu Marie um. Sie lächelte und strich Emma über den Kopf. Martin und Christian ließen ihre Beine hinten vom Wagen baumeln.

Am späten Nachmittag tauchten am Horizont einige dunkle Punkte auf, die sich gegen den hellblauen Himmel abhoben.

»Das da hinten ist Himmelsfeld.« Konrad deutete mit einer leichten Kopfbewegung in Richtung des noch kaum erkennbaren Ortes.

Die Kinder versuchten, unter dem Kutschbock und durch die Beine der beiden Männer hindurchzublicken.

»Noch macht der Ort nicht viel her«, sagte Konrad. »Aber falls man eurem verehrten Herrn Onkel glauben darf, dann fährt die Eisenbahn ab nächstes Jahr durch Himmelsfeld.« Er lachte. »Und wenn nicht, dann können dort alle einpacken.«

Er erklärte sogleich in allen Einzelheiten, dass die fünfzehn Meilen weiter nördlich gelegene Stadt Miller ebenfalls den Anschluss an die Bahn wolle, wenn deren Bau nach Westen hin im Frühjahr fortgesetzt wird.

Es wäre eine Frage des Überlebens für beide Städte, denn durch die niedrigeren Transportkosten sei in Orten mit Bahnanschluss alles wesentlich billiger, sodass die Bauern der Umgebung dann alle dort einkaufen würden.

Um die Dakota Railroad Company günstig zu stimmen, hätten die Bewohner von Miller, das müsse man sich einmal vorstellen, ihre Stadt kurzerhand nach dem Vermessungsingenieur der Bahngesellschaft benannt.

Als sie Himmelsfeld fast erreicht hatten, stand Marie ebenfalls auf, um die Stadt zu sehen. Hans hörte, wie sie etwas flüsterte: »Um Gottes willen.« Er ahnte, was ihr durch den Kopf ging. Auch er hatte sich den Ort anders vorgestellt. Nichts als eine einzige breite Straße mit nur drei Gebäuden auf jeder Seite, umgeben von Präriegras und Feldern. Sicher, der Ort war gerade einmal zwei Jahre alt, aber den Briefen des Onkels nach zu urteilen, schien es sich doch um die wichtigste Stadt weit und breit zu handeln. Dass Himmelsfeld viel kleiner als das heimatliche Dorf sein würde, war nun wirklich nicht zu erwarten gewesen. Marie kamen wieder die Warnungen ihrer Eltern in den Sinn. Sie hatten recht gehabt: Karl Wolter war tatsächlich ein gewaltiger Aufschneider!

Konrad steuerte auf ein zweigeschossiges Haus mit der Aufschrift Wolter’s General Store zu und noch bevor sie hielten, kam Karl Wolter aus der Ladentür geschossen und war sogleich am Wagen. »Hans, mein Junge!« Freudig ergriff er den Arm seines Neffen. Als das Fuhrwerk gehalten hatte, begrüßte er auch Marie und die Kinder. »Schön, dass ihr endlich da seid!«

»Clara!«, rief er zum Laden. »Sie sind hier!«

Konrad band die Pferde an und lud mit Hans und Karl das Gepäck vom Wagen. Karl, ein Hüne mit tiefer Stimme, weißem Haar und grauem Vollbart, fragte den kleinen Konrad dabei scheinbar beiläufig: »Du hast wohl Weizen abgeliefert?«

Konrad murmelte: »Ja.«

Karl hielt beim Abladen inne und sah Konrad prüfend an: »Hast alles gleich für Bretter ausgegeben?«

»Du bekommst ja dein Geld«, erwiderte Konrad leise und vermied es, Karl in die Augen zu blicken.

Marie bemerkte sofort den gespannten Ton. Hans jedoch bekam das nicht mit, er freute sich viel zu sehr, hier in der Fremde endlich das vertraute Gesicht des Onkels zu sehen. Vier Jahre war es her, seit er ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Er ist alt geworden, dachte Hans. Und trotzdem: Der Onkel schien immer noch den jugendlichen Schwung zu haben, der die ganze Familie mütterlicherseits auszeichnete.

Hans schaute sich um: Alle Gebäude hatten weiß gestrichene Bretterfassaden. Der General Store seines Onkels war mit seinen zwei Geschossen und der breiten Ladenfront das größte Haus auf dieser Seite der weitläufigen Straße. Das höchste Bauwerk der jungen Stadt stand genau gegenüber. Es wirkte mit seinen drei Stockwerken irgendwie fehl am Platz. Eine massive schwarze Aufschrift wies das Gebäude als Hotel aus. Daneben kauerten zwei einstöckige Häuser: die Dakota Bank und weiter rechts ein Hardware Store, vor dem zwei Männer damit beschäftigt waren, einen gusseisernen Herd auf einen Ochsenkarren zu wuchten. Gleich neben Onkel Karls General Store befanden sich ein Drug Store