Höllenschmerz - Silvia Bacher - E-Book

Höllenschmerz E-Book

Silvia Bacher

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Beschreibung

Isabells persönliche Hölle… Ein geheimnisvoller, gut versteckter Keller. Dunkel, dreckig und kalt. Isabell ist gefangen, angekettet und erleidet unvorstellbare Qualen. Ihr Peiniger nimmt unerbittlich Rache. Entkommt Isabell? Bekommt sie Hilfe? Das nervenaufreibende Finale entscheidet über Leben und Tod… Silva Bachers Kriminalromane gehen unter die Haut. Sie nennt die Dinge beim Namen, verschönt und verschlüsselt nicht. Der Leser fühlt und leidet mit. Das ist auch das Besondere an Silvia Bachers Romanen. Sie erzählt aus der Sicht der Protagonistin. Da ist es unerheblich, dass der Kommissar nur eine Nebenrolle spielt. Aufregung und Spannung bis zur letzten Zeile.

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Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Prolog
1. KAPITEL
Ein Freitagnachmittag im August
Seine Rache ist gekommen ...
Am Abend
2. KAPITEL
Montagmorgen
Beobachtung
Mittwochnachmittag
Er ist da
3. KAPITEL
Freitag
Jetzt
Es geschah
4. KAPITEL
Freitagnacht
5. KAPITEL
Mitternacht
Samstag früher Morgen
Samstagmittag
Samstagabend
Sonntag, in den frühen Morgenstunden
Sonntag
Sonntagnachmittag
Sonntagabend
Montag, früher Morgen
6. KAPITEL
Montagvormittag
Patricks Suche
Montagmittag
Tom
Vorher: Ein ungeplanter Mord geschieht
7. KAPITEL
Montagabend
Montagnacht
Der Mord – oder die Verteidigung?
Früher Dienstagmorgen
8. KAPITEL
Drei Wochen später, Dienstagnachmittag
Dienstagabend
Ein Kaffee mit Folgen
Der erste gemeinsame Abend
9. KAPITEL
Der Arzttermin
Tod dem Kind im Bauch
Eine offene Wunde
10. KAPITEL
Das Déjà-vu
Im Krankenhaus
Der Mörder
Danksagung

Impressum

 

Silvia Bacher

Höllenschmerz

 

ISBN 978-3-903095-08-3

© 2018 Love Boom Bang

www.loveboombang.at • [email protected]

 

Satz & Layout: Ralph Edenhofer

Cover: Love Boom Bang, Fotolia

 

 

 

 

 

 

 

Silvia Bacher

 

Höllenschmerz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Tag, und Isabells Leben gerät abermals aus den Fugen ...

 

Ich widme dieses Buch

allen Freunden spannender Krimiliteratur.

Ihr habt mich immer wieder motiviert,

Isabells Geschichte weiterzuerzählen.

 

Und natürlich Daniel,

meinem größten Fan und ehrlichen Kritiker!

 

 

 

„Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.“

Elias Canetti, 1905-1994

Prolog

 

Wo bin ich?

Isabell konnte sich nicht bewegen, war an Armen und Beinen gefesselt. Wie ein Paket verschnürt lag sie am Rücken da. Und es war dunkel, nicht ein Lichtstrahl durchbrach diese dicke, schwarze Finsternis. Es stank nach Schimmel, alten Lebensmitteln und ganz sicher war da noch Unappetitlicheres dabei. Sie versuchte sich zu orientieren, irgendein Detail zu erkennen. Lag sie auf einem Bett? Einer Matratze auf dem Boden? Sie bewegte ihre Finger, Gott sei Dank, das funktionierte. Sie versuchte selbiges mit ihren nackten Zehen. Auch die ließen sich bewegen. Wo waren bloß die Schuhe geblieben? Hatte sie sie verloren, wenn ja wann, wo? Isabell drehte den Kopf auf die Seite und versuchte trotz der undurchdringlichen Dunkelheit etwas zu erkennen. Einen Lichtstrahl unter einer Tür vielleicht. Irgendetwas, woran sie ihre Augen heften konnte. Aber da war nichts. Auch auf der anderen Seite ihres Lagers nur Schwärze. Ihre Hände waren vorne am Körper gefesselt und sie konnte die Arme bewegen, auch wenn ihr dabei ein scharfer Schmerz bis in die Schultern fuhr. Sie führte die Hände zum Mund, um herauszufinden, womit sie eigentlich gefesselt war und schmeckte Metall. Handschellen also, nichts wovon man sich einfach mal so befreien konnte. Nun versuchte sie die Knie anzuziehen und die Beine abzuwinkeln, aber das ging nicht. Ein klein wenig konnte Isabell ihre Füße bewegen, aber weit kam sie nicht. Es schepperte dabei. Nicht gut, meine Beine sind angekettet. Isabell versuchte den Oberkörper anzuheben und sich aufzusetzen, aber sofort unterließ sie das, denn unerträgliche Schmerzen vom Hals abwärts am Rücken ließen sie innehalten. Um welche Art Verletzungen es sich handelte, konnte sie nur mutmaßen, es fühlte sich aber absolut grauenhaft an, wie Millionen Messerstiche, die gleichzeitig auf ihren Körper trafen. Isabell schnüffelte, ob sie Blut riechen konnte, aber nein, kein Blut. Dafür andere, sehr unangenehme Gerüche, einer davon kam direkt von ihrer Unterlage. Es stank grässlich, nach alten, vergammelten Kleidungsstücken, die wohl auch mit Urin und anderen, noch weniger erfreulichen Ausscheidungen beschmutzt waren. Kurz wurde ihr übel, allein der Gedanke, worauf sie da lag, verursachte Brechreiz. Doch Isabell war eine rationale Frau und wollte nicht auf die ohnehin schon abscheuliche Unterlage kotzen. Sie schluckte ein paarmal und konzentrierte sich wieder. Wie nur kam sie hierher? Sie musste versuchen sich zu erinnern. Weißt du noch wer du bist? Witzig. Obwohl momentan konnte sie selbst das nicht ganz genau sagen, wusste nur, dass irgendjemand sie in ein großes Auto gezerrt hatte, von der Straße weg. Am Tag, am helllichten Tag! Sie war doch gerade einkaufen, kam aus der Apotheke. Hatte sich mal wieder über den langhaarigen Typen drinnen geärgert, weil er immer so doofe Fragen stellte. Ob sie das Medikament wohl auch keinem Kind geben würde, wie urkomisch. Ihr Sohn war bereits 22 Jahre alt. Und als sie aus der Apotheke zu ihrem Auto gehen wollte, das schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite parkte, da wurde sie plötzlich von hinten gepackt und in einen Wagen geworfen, einem Van oder wie die Dinger heißen. Oder besser noch einem Kastenwagen, denn als die Tür zuging, war es stockdunkel. Sie wusste auch nicht, ob ihre gerade gekauften Kopfschmerztabletten und die Brieftasche mit in den Lieferwagen geworfen wurden oder auf der Straße liegen geblieben sind. Handtasche hatte sie wie üblich keine dabei. Das wäre gut, dann würde jemandem die pinke Geldbörse und die Packung Tabletten auffallen, einem Passanten oder einem Kunden, der wie sie aus der Apotheke kam oder hineinging. Wahrscheinlich war die Polizei ohnehin schon auf der Suche nach ihr. Auch ihr Sohn musste ja bemerken, dass sie nicht heimkam. Wie viel Zeit war vergangen? Das wusste Isabell nicht, es konnte eine Stunde her sein oder aber auch einen Tag. Sie war betäubt worden, spürte einen Einstich im Oberarm und dann nichts mehr. Daran konnte sie sich jetzt jedenfalls wieder klar erinnern. Auch die Trockenheit im Mund war wohl ein klares Indiz dafür, dass ihr irgendein Mittel verabreicht wurde, von dem sie erstmals selig schlief. Um dann in einem Albtraum aufzuwachen. Isabell hörte Schritte.

 

1. KAPITEL

 

„Vergessen ist Gefahr und Gnade zugleich.“

Theodor Heuss, 1884-1963

 

Ein Freitagnachmittag im August

 

In der Kirche war es sehr still, dunkel und kühl. Es roch nach Weihrauch und altem Holz. Isabell ging nicht hierher um zu beten. Sie war nicht gläubig. Und kannte keine Gebete mehr so richtig. Damals, als Kind, da hatte sie gebetet, aber eigentlich nur weil sie musste. In der Schule oder vor der Erstkommunion oder der Firmung. Ihre Eltern legten Wert auf diese Traditionen. Danach ging sie nie mehr in die Kirche, außer zu Hochzeiten oder Taufen in ihrer Familie. Doch heute stand sie da und ganz bewusst hatte sie diesen heiligen Ort betreten. Heilig zumindest für die, die daran glaubten, an Gott, Jesus, an all diese doch eher brutalen biblischen Geschichten von Mord und Verrat. Sie kam heute hierher, um eine Kerze anzuzünden und den Geist zu vertreiben. SEINEN Geist. ER war jetzt schon sieben Jahre tot und doch suchte er sie in ihren Träumen immer wieder heim. Sie fand keine Ruhe. ER wohl auch nicht, was vielleicht angesichts der Tatsache, wie er starb, nicht weiter verwunderlich war. Doch daran wollte Isabell jetzt nicht denken, jetzt musste er aus ihrem Kopf und ihrem Leben endlich endgültig verschwinden. Sie nahm eine der Kerzen, nicht ohne vorher ein 50-Cent-Stück in den Geldkasten geworfen zu haben, und stellte sie zu den vielen anderen, bereits brennenden. Mit ihrem Feuerzeug entzündete sie das Teelicht und schloss die Augen. Geh weg, geh weg, finde deinen Frieden! Ein paarmal hintereinander sagte sie sich diesen Spruch in Gedanken. Dann öffnete sie die Augen, blickte noch einmal in Richtung Altar, der schon sehr protzig mit viel Gold und handgemalten Figuren beeindruckte, und mit dem durchscheinenden, bunten Tiffanyglas im Hintergrund beinahe strahlte, und verließ den ruhigen Ort. Heute schien die Sonne, es war heiß, fast unerträglich nach der angenehmen Kühle in der Kirche. Isabell wandte sich nach links zur Parkgarage, wo sie ihr Auto parkte. Sie nahm die Menschen um sich nicht wahr, die lachten, stritten oder einfach nur miteinander redeten. Sie hörte nichts und konnte auch nicht sehen, ob sie beobachtet wurde. Mit gesenktem Kopf gelangte sie an den Eingang zur Tiefgarage und betrat diesen ohne sich noch einmal umzusehen. Sie lief die Treppen nach unten zum Geldautomaten, steckte den Parkschein in den Schlitz, zahlte vier Euro, was für ein Wucherpreis, und ging eine weitere Etage nach unten zu ihrem Auto. Sie bemerkte nicht den Mann, der ihr schon von der Kirche weg gefolgt war, der leise denselben Weg nahm. Isabell stieg in ihren alten Audi und fuhr zum Ausgang. Noch immer war ihr nicht bewusst, dass sie beobachtet wurde. Sie fuhr nach Hause und hoffte, dass SEIN Geist sie nicht mehr in ihren Träumen bedrängte. Doch der Mann, der ihr nachstarrte, war alles andere als ein Geist. Sehr dünn und ausgemergelt lehnte er an einer kalten Betonsäule. Vom Gesicht war nur der untere Teil zu sehen, ein unrasiertes, ungepflegtes Kinn, der Rest wurde von einer überdimensionalen Sonnenbrille verdeckt. Die bereits ergrauten Haare standen kurz geschoren vom Kopf ab und waren fettig. Alles in allem erweckte der Mann keinen besonders gesunden oder erfreulichen Eindruck, weswegen er sich auch in der dunklen Ecke hinter der Säule versteckte, bis er sich von ihr löste und hinter den Autos durch den Ausgang verschwand.

 

Isabell kam vor ihrem Haus an, einem kleinen Bauernhäuschen am Stadtrand, welches sie mit ihrem erwachsenen Sohn Patrick bewohnte. Sie liebte das kleine Haus und den Garten, wo sie viele Rosen gepflanzt hatte. Es war zwar nicht besonders luxuriös und ihre Mitbewohner bestanden aus Ameisen, Spinnen und ab und zu Mäusen, aber sie hatte eine schöne Terrasse und wenige Nachbarn. Seit sie hierhergezogen waren, versuchte Isabell möglichst ruhig und unauffällig zu leben, ihr Freundeskreis hielt sich in überschaubaren Größen. Erst seit zwei Jahren pflegte sie wieder intensivere freundschaftliche Kontakte und zog sich nicht mehr komplett aus dem sozialen Leben zurück. Vorher, vor jetzt fast sieben Jahren, musste sie sich erst wieder finden, musste einen Weg finden ihre Vergangenheit so gut als möglich zu vergessen, um weiterleben zu können. Denn vor sieben Jahren geschah das Unaussprechliche, geschah das, was sie sich selbst nie verzeihen konnte und können wird. Aus, Schluss, nicht schon wieder. Lass endlich los. Sie musste sich jedesmal gedanklich zwingen, nicht an diesen einen Tag im Sommer vor sieben Jahren zu denken, nicht an all das Blut, ihre grausame Tat, und alles was darauf folgte. Den Albtraum, der sie nach wie vor in ihren Träumen verfolgte. Sie durfte aber zu keiner Therapie, die ganz bestimmt helfen würde. Nein, es wäre ja möglich, dass sie sich verquatschte, dass der Psychologe Dinge aus ihrem vergangenen Leben, die sie so belasteten, in einer Gesprächstherapie oder bei einer Hypnose erfragte. Und auch wenn Ärzte zur Geheimhaltung gegenüber ihren Patienten verpflichtet waren, das, was sie zu erzählen hatte, würde vielleicht nicht beim Therapeuten bleiben. Nicht wenn er ein reines Gewissen behalten wollte.

 

Isabell sperrte die Tür auf, was sich jedes Mal aufgrund des verzogenen Schlosses schwierig gestaltete. Sie musste kräftig gegen die Holztür drücken, nur so ließ sich der Schlüssel im Schloss drehen. Einer ging bereits kaputt, denn sie musste auch ganz schön viel Kraft anwenden. Drinnen angekommen steckte sie den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn sofort zweimal um. Nie fühlte sie sich sicher. Das Sicherheitsschloss ließ sie noch auf, immerhin kam Patrick bald von seiner Vorlesung an der Uni zurück. Isabell hatte unterwegs noch eingekauft und stellte die Sachen auf der Küchenplatte ab. Die Küche liebte sie, sie war klein, aber gut ausgestattet, hell und bereits im Haus, als sie hier einzogen. Sie räumte Hähnchenfilets, Tomaten, Milch und Sahne in den Kühlschrank, das Kochen konnte noch warten. Im Kühlschrank fand sie eine geöffnete Flasche Roséwein, genau das Richtige jetzt. Sie schenkte sich ein Glas ein und ging damit durch den großen Wohn/Schlaf/Arbeitsraum, der den Großteil des Hauses einnahm. Hier fand das hauptsächliche Leben statt, hier setzte sie sich mit Patrick auf die Couch und schaute sich mit ihm einen Film oder eine Dokumentation an, hier arbeitete sie nach wie vor als Texterin und hier schlief sie auch in ihrem romantischen Himmelbett. Der Raum maß fast fünfzig Quadratmeter, eierschalengelb gestrichen, und mit den Raumteilern und den urgemütlichen Holzmöbeln ließ es sich hier sehr gut wohnen. Der Hauptraum hatte eine Tür zum Bad und dahinter befand sich Patricks Zimmer. Eine Glastür führte auf die Terrasse. Die Terrasse mit Garten war eindeutig Isabells Lieblingsort. Hier hatte sie keine Nachbarn, sondern nur eine große, eingezäunte Wiese mit Bäumen am Rand. Ihr kleiner Garten war außerdem mit einem Holzzaun umgeben, ein Zaun im Zaun sozusagen. Aber die Wiese gehörte nicht zum Grundstück. Hin und wieder kam der Besitzer, ein Bauer, und mähte das Gras, wenn es gar zu hoch wurde, ansonsten sah Isabell keine Menschenseele hier. Ihr Reich liebte sie, die gemütlichen Möbel ebenso wie die wunderschönen Rosen, die gerade in Weiß, Gelb, Rosa, Pink und Rot blühten. Dazwischen wuchsen Spieren, Lilien, Flachs und allerhand Bodendecker. Große Blumentöpfe mit Fuchsien, Palargonien und Margeriten rundeten das Gesamtbild ab, es blühte an allen Ecken und Enden. Isabell setzte sich und blickte auf all das Grün und die Blüten und versuchte ein wenig abzuschalten. So sehr sie den Sommer liebte, immer wieder kam auch die Erinnerung zurück. An die Nacht im Wald, die Angst danach. Die vielen Vorwürfe und ungezählten Tränen. Seit damals trug sie keine Shorts mehr. Gut, so ganz passte sie wohl auch nicht mehr in kurze Hosen, aber nicht ein dickerer Hintern war der Grund, dass sie ihren Kleidungsstil geändert hatte. Noch war sie schlank. Doch sie ging bereits mit Riesenschritten auf die fünfzig zu. Da mussten Shorts oder Miniröcke nicht mehr sein. Aber vielmehr wog, dass sie in jener verhängnisvollen Nacht Jeansshorts getragen hatte, die danach im Müll landeten, denn sie konnte sie nicht einmal mehr ansehen. Heute kleidet sie sich eher sittsam, auch im Sommer reichten ihre bequemen Hosen bis zum Knie, mindestens. Überhaupt mochte sie lieber Kleidung, die mehr verhüllte als preisgab. Weite Blusen, weite Kleider, weite, lange T-Shirts, damit der Po auch bedeckt war. Damit fühlte sie sich wohler. Und so ziemlich alle ihre Kleidungsstücke waren schwarz. Die einzige Farbe, die sie mochte. Auch jetzt, auf der Terrasse, trug sie ein schwarzes Top und Jeans. Sie legte die Beine über einen zweiten Rattansessel und nahm einen Schluck vom Wein. Gar nicht schlecht, lässt sich trinken. Sie versuchte so wenig wie möglich ihr Heil im Alkohol zu finden, wohin das führte wusste sie. Aber so ganz konnte und wollte sie die irgendwie barmherzige Betäubung nicht aufgeben, immerhin dachte sie so wenigstens nicht permanent an das Unaussprechliche. Manchmal schweiften ihre Gedanken dann hin zu Männern, hin zu einer schönen, befriedigenden Beziehung. Aber auch das blieb ihr verwehrt, nicht dass es die letzten Jahre an Interessenten gemangelt hätte. Sie war nicht bereit, mehr als unkomplizierten Sex wollte sie nicht. Sobald ein Mann aber eine Partnerschaft anstrebte, zog Isabell sich zurück, nicht ohne den Mann zu verletzen. Aber das konnte sie nicht verhindern. Niemand durfte ihr zu nahe kommen und ihre Vergangenheit kennenlernen, das Monster in ihr aufspüren.

 

Von ihrer einstigen umwerfenden Schönheit, die Männer in ihren Bann ziehen konnte, war nicht mehr viel zu sehen, zumindest dachte Isabell das. Ihr Haar musste regelmäßig gefärbt werden, da ihr Naturhaar mittlerweile schlohweiß nachwuchs. Sie trug einen schulterlangen Bob. Und konnte sich nicht so recht im Spiegel ansehen, denn blondes Haar stand ihr einfach nicht. Schon lange hatte sie sich für diese Haarfarbe entschieden, es machte die aufwändige Färberei einfacher. Isabell dachte pragmatisch und praktisch. Und doch: dunkle Haare standen ihr einfach besser. Auch die ersten Fältchen zeigten sich, besonders um die Mundpartie, was ihr einen strengen Ausdruck verlieh, und überhaupt wurde ihre vormals so schlanke Figur rundum irgendwie breiter. Alles in allem aber sah man auf dem schwarzen Gartenstuhl eine attraktive Blondine in mittleren Jahren, nur sie selbst sah sich nicht so. Isabell nahm noch einen Schluck Wein und stand auf, hatte sie doch neben dem weißen Zierstein ein Unkrautpflänzchen ausgemacht. Das musste sofort entfernt werden, freier Nachmittag hin oder her. Ordnung musste sein, auch wenn sie diese im Haus manchmal etwas schweifen ließ. Vor ein paar Jahren durfte kein Staubkörnchen in der Wohnung zu sehen sein, jetzt nahm sie das schon wesentlich lockerer. Und das tat irgendwie auch gut. Nicht immer perfekt zu sein ersparte doch einigen Stress. Isabell setzte sich zurück auf den Stuhl und genoss den Blick über die Wiese zu den Bäumen. Plötzlich lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Ein ungutes Gefühl in der Magengegend machte sich breit, doch sie wusste nicht woher das kam. Schnell stand sie auf und ging zum Zaun um in alle Richtungen zu blicken. Sie fühlte es, sie wurde beobachtet. Doch konnte sie niemanden ausmachen, die Baumstämme verdeckten keinen ganzen Menschen und ansonsten gab es keine Verstecke auf der Wiesenfläche. Doch das Gefühl blieb, jemand kam ihr ziemlich nahe, näher als sie es sich wünschte. Sie spürte die Gefahr und konnte sie doch nicht einordnen. Isabell hastete in die Wohnung und überprüfte die Haustür und jeden einzelnen Raum. Niemand, wie auch. Die Tür war verschlossen. Kein Fenster geöffnet. Die Rollos unverändert. Sie hob ein Rollo ein Stück an, um nach draußen zu sehen. Nichts. Doch in der näheren Umgebung konnte sich ein Stalker ganz gut verstecken. Nur wieso spürte sie das so intensiv? Ganz langsam, aus den Tiefen ihres Gehirns, bahnte sich ein Gedanke an die Oberfläche: ihr Peiniger, der, den sie fast und doch nicht ganz getötet hatte. Sie hatte es immer gefühlt, er lebte. Und er würde Rache nehmen. Oh nein. Er hatte sie gefunden. Konnte das sein? Wie? Sie wohnte seit Jahren nicht mehr in der Stadt, in der alles geschah. Noch nicht einmal denken konnte sie den Stadtnamen. Wie war es möglich, dass er sie aufspüren konnte? Nein, nein, das ist einfach nicht möglich. Du hast nur ein Geräusch gehört, darum hat sich eine Gänsehaut gebildet und es ist dir kalt den Rücken runtergelaufen. Das ist doch schon seit Urzeiten so, ein reiner Schutzmechanismus aufgrund unerklärlicher, möglicherweise gefährlicher Geräusche. Könnte ja ein wildes Tier kommen. Doch tief im Innern blieb dieses klitzekleine Körnchen, dieser Same der Angst, dass ihr ganz persönlicher Feind sie gefunden hatte, hier in Dillingen, wohin sie nach vielen Jahren zurückgekehrt war. Nein, nein, nein. Dieser Albtraum konnte nicht von vorn beginnen, mit der Vergangenheit zu leben war dramatisch genug. Isabell schaute sich abermals in der Wohnung um, sogar unter die Betten und in die Schränke, aber hier drin war niemand außer sie selbst. Das ungute Gefühl jedoch ließ sich nicht vertreiben und so ging sie auf die Terrasse und in den Garten. Alles war ruhig, friedlich. Ein paar Vögel zwitscherten vergnügt, eine Biene summte irgendwo in den Rosenblüten. Idyllisch, fast schon kitschig. Schwer ließ sie sich in ihren Stuhl fallen und konnte das Zittern nicht vermeiden. Sie versuchte sich eine Zigarillo anzuzünden, vor ein paar Jahren hatte sie mit dieser unguten Eigenschaft begonnen, aber ihre Hände konnten den Glimmstängel nicht halten. Die Zigarillo fiel zu Boden. Na Klasse. Als sie es endlich geschafft hatte, die kleine Zigarre vom Boden aufzuheben, zündete sie diese mit viel Mühe mit ihrem Benzinfeuerzeug an. Erstmal ein tiefer Zug, beruhige dich. Doch wie sich beruhigen, wenn das Gefühl nicht nachließ, die Gewissheit, dass ihr ein Kampf bevorstand, wahrscheinlich der Letzte. Für sie oder ihn, ihr Monstrum aus der Vergangenheit. Isabell inhalierte den Rauch tief. Sie wusste nicht, wie nahe ihr der Kontrahent bereits gekommen war.

 

Seine Rache ist gekommen ...

 

Er stand im meterhohen Gras, versteckt hinter einer baufälligen Steinmauer im Areal einer unbenutzten Tischlerei, oder was auch immer dieses Objekt einmal gewesen war. Das alte Holzgebäude am östlichen Rand des Anwesens bot ihm einen Unterschlupf und zugleich einen hervorragenden Blick auf ihre Terrasse. Jetzt hab ich dich, Miststück. Lange hatte es gebraucht, sich zu erholen, der Tod war ihm näher als das Leben damals, als sie versuchte, ihn zu töten. Irgendwie hatte er aber überlebt, in seiner Höhle, und sich wieder gefangen. Frauen, wie sollte eine dumme Pute wie sie es auch schaffen, ihn umzubringen? Lachhaft. Besonders gut erging es ihm allerdings nicht die letzten Jahre und seine Leidenschaft, Frauen zu erniedrigen, ihnen Gewalt anzutun, musste zu oft hintangestellt werden. So staute sich eine ganze Menge auf, bis er endlich wieder zuschlagen konnte. Die Flucht danach aber benötigte seine ganze Kraft, denn die letzte misshandelte Frau hatte sein Gesicht gesehen, die Narbe, die Augen, die Nase. Sie konnte ihn beschreiben, kam sein Gesicht dem ihren doch sehr nahe. Außerdem schaffte er es nicht mehr, so wie einst, im tiefen Wald versteckt zu campieren. Er erholte sich nie ganz von den schweren Verletzungen von damals. Manche Stellen, wo ihn der Schürhaken, oder war es das Messer, am Rücken getroffen hatte, heilten nicht, entzündeten sich und schmerzten auch heute noch, Jahre danach. Schuld daran war diese eine Frau da drüben, diese Schlampe. Sie würde all seine Wut, seinen Hass zu spüren bekommen und diesmal wäre nicht er es, der wie ein verletztes Tier in den Untergrund abtauchen muss.

 

Noch einmal führte er sich jene schicksalhafte Nacht vor Augen, wo er nicht einmal von den Polizisten im Haus entdeckt wurde und auf nächtlichen Spaß mit der Auserwählten hoffte. Sie mehrmals zu vergewaltigen, in ihr schmerzverzerrtes, um Hilfe bittendes Gesicht zu blicken, in schreckgeweitete Augen, das war sein persönlicher Antrieb, sein Motor, seine Sucht. Alles wäre perfekt gewesen, hätte das Luder ihn nicht stattdessen überwältigt und schwer verletzt. Mit Wehmut dachte er an den Augenblick zurück, wo er sie im Wald das erste Mal entdeckte. Mitten in der Nacht, bei der Beseitigung ihres Ehemannes. Allein die Tatsache, dass sie ein mordendes weibliches Wesen war, erregte ihn dermaßen, dass er nicht an sich halten konnte und sie noch im Wald angriff. Welch köstliche Minuten waren das, mitten im Dickicht, nur er und sie und ein paar Tiere, die teilnahmslos aus den geheimnisvollen Schatten zusahen. Ihr Geruch nach Angst, ihr verzweifelter Versuch, sich zu wehren und doch keine Chance zu haben, regten ihn an. Sie musste wie er sein, noch schlimmer, denn sie hatte ihren Mann ermordet. Das hatte er noch nie getan, eine Frau umgebracht. Er verletzte, vergewaltigte, aber er tötete nicht. Er hatte sich wohl in diesem Augenblick in die kleine zarte Frau verliebt, sie war ihm gleichgestellt und das war seine Definition von Liebe, eine andere kannte er nicht. Er war ohne Zuneigung aufgewachsen, erlebte nur Prügel und ein Leben im dunklen, kalten Keller auf einer dreckigen Pritsche. Lernte von seiner Mutter nur Grausamkeit. Einen Vater hatte er nicht und die vielen Männer, die seine Mutter besuchten, sahen ihn nicht. Auch wenn sie direkt neben ihm standen. Sie hatten anderes im Sinn. Wollten harten Sex für Geld, nicht mehr. Als seine Mutter ihn einmal an einen Mann verkaufte und dieser ihn auf die schrecklichste Weise missbrauchte, die sich ein Kind nur vorstellen kann, entwickelte er sich wahrscheinlich zu dem Menschen, der er heute war. Er wusste, dass er ein Monster war, ein böser Wolf in Menschengestalt, ein Soziopath, aber das störte ihn nicht. Er führte ein Leben, das ihm gefiel und noch viel besser wurde, als er auf sie traf. Er konnte nach der Vergewaltigung im Wald nicht von ihr lassen, verfolgte sie. Fand sie. Und musste sie abermals spüren. Doch er trieb es auf die Spitze, hinterließ kleine Botschaften, um ihre Angst zu schüren und bis ins Unerträgliche zu steigern, wenn er dann endlich über sie herfallen konnte. Nur er wusste, dass sie ihren Mann entsorgt hatte, damit konnte er sie erpressen. Alles war plötzlich so wundervoll, doch diese Hure machte ihm einen Strich durch die bestens durchdachte Rechnung. Mit dem Angriff hatte er nicht gerechnet und schon gar nicht damit, dass sie ihm noch einmal in den Wald folgen würde und erneut zustach. Ihn unbedingt töten wollte. Ja, Pech für dich, Schätzchen. Ich habe überlebt. Und warte jetzt auf dich, ich habe Geduld. Ich kriege dich und diesmal wirst du nicht vorbereitet sein.

 

Am Abend

 

Patrick und seine Mutter hockten gemütlich auf der maisgelben Couch vor dem Fernseher und lachten über einen der unzähligen Pointen einer amerikanischen Fernsehserie. Zwar kannten sie die Witze schon auswendig, denn die Serie lief seit Jahren an jedem Nachmittag, aber das gemütliche Zusammensitzen gehörte zu den alltäglichen Traditionen der beiden. Sie besprachen den Tag, wie es an der Uni so gelaufen ist oder mit welchen Kunden Isabell sich herumärgern musste, weil diese die Textanforderungen plötzlich änderten. Diese gemütliche Zweisamkeit liebten sie. Gerade mussten sie über einen Dialog lachen, als es an der Tür läutete. Isabell zuckte zusammen, Patrick fragte:

„Wer kann das sein?“

„Keine Ahnung, kannst du mal nachsehen?“

Widerwillig stand Patrick auf, denn soziale Kontakte, vor allem die Kommunikation mit Fremden, zählten nicht zu seiner Leidenschaft. Er öffnete die Tür, ein Mann stand da.

„Hallo, was gibt’s?“

„Guten Tag, ist Ihre Mutter zuhause? Ich bin von der Polizei, genauer Kriminalpolizei, Chris Peters mein Name.“

Patrick dreht sich direkt um und rief nach seiner Mutter. Isabells Herz sank in Richtung Bauch.

„Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“

„Sind Sie Frau Bach?“

„Ja.“

„Es gab vor ein paar Jahren einen Vorfall, in den Sie involviert waren. Ein Einbrecher. Die Kollegen vermuteten damals einen sehr gefährlichen Mann, der schon länger sein Unwesen trieb. Dann wurde es still bis vor ein paar Tagen hier in Dillingen eine Frau brutal vergewaltigt wurde und wir vermuten, es handelt sich beim Täter um eben diesen Mann.“

Isabell schluckte.

„Er dürfte hier in der Gegend sein und da ich von meinen Kollegen erfahren habe, dass er damals sogar in Ihrem Haus war, dachte ich, ich sehe bei Ihnen vorbei.“

„Und machen mir Angst.“

„Entschuldigen Sie, das war nicht meine Absicht. Aber irgendwie sah es damals so aus, als wenn er Sie ausgesucht hätte und es nicht dazu kam, weil die Polizisten ihn vertrieben haben. Sie wohnten nicht mehr lange auf dem Bauernhof, habe ich erfahren, zu der Zeit ist Ihr Mann tragisch zu Tode gekommen und Sie sind weggezogen. Kein guter Ort für Sie.“

Wenn du wüsstest ...

„Es tut nicht gerade gut zu hören, dass ich möglicherweise schon wieder in Gefahr bin.“

„Wir können nichts ausschließen, aber auch nichts Definitives sagen, außer vielleicht, dass eventuell Vorsicht geboten ist.“

Welch hochtrabende Worte. Vorsicht geboten ist, dass ich nicht lache. Isabell musterte den Polizisten in Zivil genauer. Groß, breite Schultern, stahlblaue Augen, unrasiertes eckiges Kinn. Er sah sehr gut aus, sehr männlich.

„Ist Ihnen in letzter Zeit etwas aufgefallen? Ein Mann, der Sie vielleicht beobachtet?“

„Nein, allerdings hatte ich heute das Gefühl beobachtet zu werden, obwohl ich nichts sehen konnte. Also Niemanden.“

„Inwiefern Gefühl?“

„Naja, ich bekam eine Gänsehaut um ehrlich zu sein, es lief mir eiskalt den Rücken runter. Ein ungutes Gefühl eben, aber es gab keinen Grund dafür.“

Patrick stand nicht weit weg von den beiden und hörte alles mit.

„Wir werden die Gegend hier absuchen, da stehen ein paar leerstehende Häuser und Scheunen herum, ideale Verstecke.“

„Gut. Ich habe keine Waffe, wenn er kommen sollte bin ich hilflos.“

Ganz spontan kamen die Worte aus ihrem Mund. Patrick nahm seine Mutter in die Arme.

„Ich bin ja da und wenn ich nicht da bin, sperrst du dich ein!“

Der Kriminalist beobachtete Mutter und Sohn. Wie schön, dachte er, das ist ehrliche Liebe. Die gibt es nur zwischen einem Kind und seiner Mutter. Sein eigener Sohn sprach seit Jahren kein Wort mit ihm, weil seine Mutter ihm den Floh ins Ohr gesetzt hatte, dass er ein echtes Arschloch ist. Prima. Polizisten sind ja immer schlechte Menschen, vernachlässigen die Familie. Ein Klischee, aber aus seiner Sicht komplett unwahr. Er dachte, dass es das schönste für ihn wäre, eine Familie zu haben.

„Genau, Sie sind einfach vorsichtig und wir machen unseren Job und durchsuchen die Umgebung. Keine Sorge, wenn er hier irgendwo ist, werden wir ihn finden!“

Bullshit, er hat sich damals auf meinem Dachboden versteckt und selbst die Spezialeinheit hat ihn nicht gefunden. Aber das sagte Isabell natürlich nicht laut.

„Ist es okay wenn ich mir Pfefferspray besorge?“

„Absolut in Ordnung. Wissen Sie wo Sie es kaufen können?“

„Ja, im Jagdshop.“

„Ich melde mich nochmal, wenn wir mit der Durchsuchung fertig sind.“

„Gut. Auf Wiedersehen.“

Isabell hätte am liebsten die Tür mit ganz viel Schwung zugeschlagen, aber das wäre wohl unhöflich gewesen. Er konnte nichts dafür und er sah gut aus. Komisch, Polizisten fand sie immer attraktiv, nur außer diejenigen, die einen dicken Bauch vor sich hertrugen. Grundsätzlich aber war sie Männern und Beziehungen bisher erfolgreich aus dem Weg gegangen. Komisch, wieso kribbelte es in ihrem Bauch? Das ist ein Polizist, hallo, gerade er kann dir gefährlich werden! Patrick blickte sie besorgt an.

„Kann es echt sein, dass dieser Typ von damals dir hinterherspioniert hat?“

„Ich weiß es nicht, aber möglich ist alles. Oh Gott, bitte nicht!“

„Warten wir mal ab, ob die Polizisten ihn hier in der Gegend finden.“

Die Sitcom flimmerte ungesehen im Fernseher vor sich hin, Isabell und Patrick setzten sich zwar wieder auf die Couch, aber ohne Interesse an dem, was sich vor ihnen tat.

„Ich mach dir einen Tee.“

„Danke.“

Während Patrick sich in der Küche zu schaffen machte, hing Isabell ihren Gedanken nach. Alles stürzte auf einmal auf sie ein. Die schreckliche Nacht im Wald, wo sie nach der unaussprechlichen Sache am Fluss auf ihren Peiniger traf, die brutale Vergewaltigung, den Psychoterror danach und wie sie dem Mann Tage danach in den Wald gefolgt war, um ihn zu töten. Was ihr wohl nicht gelang. Sie hatte es geahnt, gespürt. Er lebte noch. Nun verfolgte sie nicht nur ihr toter Mann in ihren Träumen, jetzt verfolgte sie ein ziemlich realer Mann und wollte höchst vermutlich nur eines: Rache. Isabell schüttelte sich, aber das Zittern ließ nicht nach. Und er war ihr bereits so nahe gekommen! Sie konnte Patrick all das aber nicht erzählen, er wusste von nichts. Nicht dass sie die Leiche ihres Mannes in den Fluss geschafft hatte, nicht dass sie danach vergewaltigt wurde, nicht wie sie ihren Kontrahenten im Haus, in dem sie damals lebten, mit einem Schürhaken fast außer Gefecht gesetzt hatte. Aber eben nur fast. All das und natürlich auch die schreckliche Wahrheit, dass sie ihren Mann umgebracht hatte, all das wusste ihr Sohn nicht und das musste auch so bleiben. Die ganzen Jahre hatte sie ihre Geheimnisse gut verbergen können, niemand schöpfte Verdacht. Sie lebte zurückgezogen, arbeitete hart und wenn sie traurig war, konnte das jeder nachvollziehen. Auch wenn sie wütend war. Immerhin hatte sie ihren Mann unter tragischen Umständen verloren. Wie tragisch wusste allerdings niemand, außer ihr. Und ein Geheimnis dieser Dimension jahrelang mit sich herumzutragen war schon schwer genug. Dass nun alles von vorne beginnen würde, das war kaum zu ertragen. Dieser schreckliche Mensch hatte sie beobachtet, wie sie die Leiche entsorgte, allein das bedeutete Gefahr, denn er kannte ihr Geheimnis. So wie es aussah, vergewaltigte er öfter Frauen, was für ein entsetzliches Monster in Menschengestalt. Sie stand keinem Laien gegenüber, keinem Amateur, der sie einfach weil sie da war, damals im Wald, vergewaltigt hatte. Hier handelte es sich um einen Gewaltverbrecher mit Erfahrung, mit keinem Fünkchen Menschlichkeit, frauenverachtend obendrein. Auch wenn es noch keinen Beweis gab, wusste sie, dass er da war. Sie hatte ihn gefühlt. Das Finale konnte beginnen. Besser es wird beginnen, auch wenn mir so gar nicht danach ist.

„Ich hab dir einen Kräutertee gemacht, das beruhigt.“

„Danke, bist ein Schatz.“

„Du brauchst keine Angst haben, ich bin ja auch noch da.“

Gerade das machte die Sache noch gefährlicher, ahnte sie doch, dass er ihren Sohn bestimmt nicht zimperlich behandeln würde, wenn er sich ihm in den Weg stellen sollte.

„Das ist ein gutes Gefühl“, sagte sie stattdessen. Wozu auch noch Patrick Angst machen? Sie umarmte ihren Sohn, den erwachsenen jungen Mann, voller Kraft und Energie. Er ist mir gut gelungen, brav, fleißig, respektvoll mit anderen und er sieht auch noch gut aus. Ein wenig stolz war sie schon auf ihren Sohn. Und sie liebte ihn unendlich, nicht auszudenken, wenn ihm etwas passieren würde. Nein, niemals. Es galt zu verhindern, dass ihr Sohn und das Monster aufeinander trafen, aber höchstwahrscheinlich suchte sich ihr Feind einen Zeitpunkt aus, wo sie allein im Haus oder wo auch immer war, wenn er zuschlug. Sie musste ab jetzt echt vorsichtig sein, denn er verfolgte sie bestimmt überallhin. Außer er hatte kein Auto, dann konnte sie ihm vielleicht damit entkommen. Sie musste unbedingt eine Liste erstellen, schließlich war sie ja die Königin der To-Do-Listen. Im Grunde hatten ihr genau diese exakt aufgeschlüsselten Listen das Leben gerettet. Aber sofort konnte sie nicht loslegen, Patrick saß neben ihr und durfte nichts mitbekommen. Das musste warten.

„Ich geh mal alle Fenster und Türen kontrollieren. Die Klimaanlage werde ich wegräumen, dann können wir das Fenster auch ganz schließen.“

Das Schlauchende der mobilen Klimaanlage ragte aus dem gekippten Fenster, hier konnte ein Mann mit Leichtigkeit einbrechen. Genau genommen konnte er das bei jedem der Fenster, denn sie waren uralt, aus Holz und ließen sich nach außen öffnen. Ja, nach außen, was an sich schon ein Witz war. Eine komplette Fehlkonstruktion und kein Mensch wusste, was sich der Architekt dabei gedacht hatte. Leider sah der Vermieter keinen Grund, die Fenster zu erneuern. Zumindest versprach er zwar dauernd, das ganze Haus zu revitalisieren, nun, geschehen war bis heute nichts. Mit einem entsprechenden Werkzeug war es bestimmt ein Leichtes, eines der Fenster aufzustemmen. Das einzig Gute dabei war, dass sämtliche Fenster auf den Parkplatz und die Zufahrt ausgerichtet waren. Also ungesehen konnte niemand so einfach einbrechen, denn die Nachbarhäuser standen ziemlich nah, nur durch die schmale Straße und ein paar Büsche getrennt. Nachts würde sie ab sofort das Gassenlicht anlassen, egal wenn sich die Stromrechnung dadurch erhöhte. Das gab immerhin ein wenig Sicherheit, aber nicht gerade viel. Sie wusste, nichts wird ihren Todfeind davon abhalten, sie zu erwischen. Mit ihr all das zu tun, was er sich wahrscheinlich schon jahrelang ausmalte und die Vergewaltigung an sich war höchstwahrscheinlich die geringste Peinigung. Allein daran zu denken, jagte ihr Schauer über den Rücken.

„Ich lasse mir ein Bad ein“, sagte Isabell und stand auf. Es war zwar noch nicht spät, aber bei einem Bad konnte sie immer gut entspannen.

„Lass mich das machen. Ich geb dir Melisse rein, das magst du ja ganz besonders.“

„Oh ja, fein, danke.“

Jetzt wogen all diese Kleinigkeiten doppelt und dreifach: ein wohltuender Badezusatz, eine Kerze, ein wenig Harmonie. Lange werde ich so nicht mehr leben, nicht, wenn die Polizei den Typ nicht findet.

 

Ihr Bullen seid ja echt zu dumm. Er hockte in einem uralten, leeren, verstaubten Wandschrank. Da die Polizei keine Hunde dabei hatte, die ihn hätten aufspüren können, blieb er unbemerkt. Noch nicht einmal ins baufällige Gebäude kamen sie, weil die Tür verschlossen war. Die er natürlich zugesperrt hatte. Es war zum Lachen, ein altes, unbewohntes Haus, besser ein Nebengebäude, mit Schlüssel im Schloss! Besser konnte es nicht gehen. Aber fortan musste er wohl vorsichtig sein, im Dunkeln verharren, denn die Nachbarn würden jetzt mehr auf Fremde achten. Kein Problem, ich kann unsichtbar sein. Und ich kann warten.

 

2. KAPITEL

 

„Wer das Leben nicht schätzt,

der verdient es nicht“.

Leonardo da Vinci, 1452-1519

 

Montagmorgen

 

Isabell saß am Computer und arbeitete. Gerade zerbrach sie sich den Kopf, wie sie den Werbetext am besten hinbekam. Für einen Innenarchitekten. Er wollte einen schlagkräftigen Slogan und einen aussagekräftigen Flyertext. Soweit so gut, eigentlich stellten solche Anforderungen für sie kein Problem dar, denn sie hatte mittlerweile viel Erfahrung und verfügte über unbegrenzte Kreativität beim Schreiben. Doch heute lag die Sache anders, heute wusste sie, dass sie höchstwahrscheinlich beobachtet wurde. Und so schweiften ihre Gedanken dauernd ab, die Konzentration lag irgendwo bei Null. Patrick musste schon sehr früh zur Uni, eine Prüfung stand an und danach besuchte er eine Vorlesung. Nachdem er das Haus verlassen hatte, verschloss Isabell die Haustür, wie immer zweimal und auch das Sicherheitsschloss legte sie vor. Selbst die Terrassentür blieb zu, auch wenn Isabell beinahe erstickte, denn auch die Fenster bleiben ungeöffnet. Es war um neun schon extrem heiß und der Ventilator verteilte eigentlich nur die warme Luft im Raum. Egal. Isabell trug ein sommerlich leichtes Kleidchen in, natürlich, Schwarz, und Flip Flops. Damit ging es, die Hitze war erträglich. Sie suchte in ihren vorhandenen Dateien nach ähnlichen Texten, um eine Inspiration zu bekommen. Wie sie sich so durch die verschiedensten Dokumente klickte, hörte sie ein Geräusch. Was war das? Sie konnte es nicht einordnen. Kam es vom Parkplatz oder der Terrasse? Und überhaupt, was war das für ein Geräusch? Schritte, ein Kratzen? Isabell saß stocksteif da und lauschte. Sie rekapitulierte wie und von wo ihr Gegner kommen würde. Das Haus wurde links und rechts von einem anderthalb Meter hohen Maschendrahtzaun begrenzt, an den Vorderfronten befand sich einerseits der Parkplatz mit Zufahrt und andererseits die große Wiese mit den Fichten und Nussbäumen. Alles eingezäunt mit dem stabilen Maschendraht. Den zu überwinden konnte für einen erwachsenen Mann allerdings jetzt nicht die Herausforderung sein. Verstecke? Nun, auf der überdachten Terrasse standen eine Rattangarnitur mit vier Stühlen und eine Schwebeliege, drumherum hatte Isabell verschiedenste Blumen gepflanzt und Stauden und in den großen Blumenkübeln wuchs auch so einiges. Sich darin zu verstecken war unmöglich. Ihre Terrasse wurde begrenzt von einem zwei Meter hohen Holzzaun links mit wildem Weinbewuchs und rechts von einer Pergola mit echtem Wein. Daneben lag ein kleiner Schuppen, davor ihr Gemüsegarten und auf der anderen Seite stand eine weitere Sitzgarnitur in Plastik. Grün und auch schon ziemlich in die Jahre gekommen, aber mit den neuen Sitzpolstern, der Tischdecke und den Blumen am Tisch durchaus einladend. Keine Verstecke. Unter dem Tisch, lachhaft. Aber sie musste nachsehen. Ihr Garten wurde von einem etwa einen Meter hohen Lattenzaun umgeben. Ganz leicht zu überwinden. Aber immerhin da. Isabell ging zur Terrassentür, die völlig aus Glas mit einem weißen Kunststoffrahmen bestand und blickte hinaus, so weit es möglich war. Gerade als sie die Tür öffnen wollte, läutete es an der Tür. Isabell erschrak heftig und die Atmung setzte aus. Wahrscheinlich blieb auch das Herz kurzzeitig stehen, denn sie verspürte ein unangenehmes Ziehen in der Brust. Nimm dich zusammen, denkst du er läutet bevor er dich angreift? Schwachsinn, geh ruhig zur Tür und schau nach, wer da ist. Bestimmt die Post oder so. Es war nicht der Postbeamte, es war der Polizist von Freitag. Peters lächelte Isabell freundlich an.

„Guten Tag Frau Bach. Ich wollte vorbeikommen und Ihnen den Stand unserer Suche mitteilen.“

„Hallo, und?“

Sehr freundlich, was ist los mit dir? Der Typ ist doch schnuckelig und wird dir sicher nichts tun.

„Entschuldigen Sie, ich bin nur ein wenig durch den Wind. Möchten Sie einen Kaffee?“

„Danke, das wäre nett.“

Isabell öffnete die Tür etwas weiter und ließ den Kriminalbeamten eintreten. Während sie den Kaffee zubereitete stand Peters in der Küche und beobachtete Isabell, ihre zitternden Hände.

„Ist alles in Ordnung?“

„Nein, seit Freitag nicht mehr. Ich fühle mich beobachtet und ich habe gerade, bevor Sie geläutet haben, ein Geräusch gehört. Wahrscheinlich höre ich auch nur Gespenster.“

„Wo?“

„Ich weiß es nicht, aber ich denke draußen, im Schuppen.“