Holunderliebe - Katrin Tempel - E-Book

Holunderliebe E-Book

Katrin Tempel

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Beschreibung

Geschichtsstudentin Lena stößt während der Recherchen zu ihrer Doktorarbeit im Klostergarten von Reichenau am Bodensee auf eine Pflanze, die in der Gartenchronik nie erwähnt wurde. Doch keiner will ihr im Kloster Auskunft geben. Ihre Suche führt Lena zurück in eine Zeit, in der allein die Kräuterkunde Rettung bei schweren Krankheiten bot. Und zu einem vergessenen Heilkraut, das ein junger Adeliger einst aus dem Emirat von Cordoba mitgebracht und heimlich im Garten gepflanzt hatte. Der Kraft dieser Pflanze verdankte seine große Liebe das Leben. Ganz allmählich kommt Lena dem uralten Geheimnis des Klosters auf die Spur – und entdeckt dabei auch ihre eigenen Wurzeln...

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.piper.de

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

2. Auflage 2013

ISBN 978-3-492-96117-2

© 2013 Piper Verlag GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Autoren- und Projektagentur Gerd F. Rumler (München).

Die Hortulus-Passagen sind zitiert aus: »Der Hortulus des Walahfrid Strabo. Aus dem Kräutergarten des Klosters Reichenau«, von Hans-Dieter Stoffler. Sigmaringen: Thorbecke, 1996.

Umschlaggestaltung: bürosüd°, München

Umschlagabbildung: Levi + Lo/plainpicture

Der Hortulus des Walahfrid Strabo: Lorenz & Zeller, Inning am Ammersee

Datenkonvertierung E-Book: Kösel, Krugzell

Für meine Mutter, die mich mehr als Kochen und die Liebe für den Garten gelehrt hat.

Für meinen Vater, der mir mehr als nur das Talent für die Schreiberei vererbt hat.

Und für Georg und Emma.

1.

Der dünne, helle Stängel reckte sich aus der dunklen Erde dem Licht entgegen, drei Blättchen versorgten ihn mit der nötigen Energie. Noch vor wenigen Wochen hatte ich mich auf den Frühling gefreut und mir ausgemalt, wie ich irgendwann die sonnenwarmen Tomaten von dieser Pflanze essen würde. Jetzt wollte ich mir die nächsten Monate lieber nicht vorstellen. Nach diesem Start konnte das Jahr nur noch schrecklich werden.

Mit einer kleinen Hacke lockerte ich die Erde im Frühbeet und bohrte dann mit dem Finger ein Loch, in dem die winzige Tomatenpflanze Wurzeln schlagen sollte. Vorsichtig setzte ich sie hinein, drückte die Erde ein bisschen fester und strich mit dem Zeigefinger sanft über ein Blättchen. Die Pflanzen sollten nicht leiden müssen, nur weil ich in diesem Augenblick die Zukunft rabenschwarz sah. Sie hatten sich aus den winzigen Samen hervorgekämpft und hatten ein Recht darauf, der Sonne entgegenzuwachsen.

Während ich die nächste Pflanze in die Hand nahm, verschwamm alles vor meinen Augen. Und das wegen dieses Professors, der offenbar gar nicht verstanden hatte, worum es mir in meinem Vortrag gegangen war. »Liebe Frau Opitz, Ihr Referat entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Sie haben sich mit Alltagsfragen verzettelt und dabei das große politische Geschehen außer Acht gelassen. Dafür kann ich Ihnen leider keinen Schein ausstellen.«

Mit Alltagsfragen verzettelt – was er damit meinte, war mir klar. Ihn, den Fachmann für die Zeit der Rosenkriege, interessierten natürlich nur die Stammbäume der Tudors und Lancasters oder Yorks, die Schlachten und Kriege. Was die einfachen Menschen der damaligen Zeit bewegte – dafür hatte er keinen Blick. Dabei hatten die damals ganz sicher nicht die Muße gehabt, auch nur eine Sekunde über das Weltgeschehen nachzudenken.

Zornig strich ich mir die Tränen aus dem Gesicht. Keine Ahnung hatte dieser Professor. Nur leider hing mein Fortkommen in Sachen Geschichtsstudium von ihm ab. Wenn er mir keinen Schein für mein Referat ausstellte – und zwar möglichst mit einer ordentlichen Note –, dann würde aus meinem geplanten Abschluss im kommenden Jahr nichts werden.

Langsam fuhr ich mit der Hacke durch die Erde. Meine Tomaten würden keinen Tag früher oder später reifen, egal wie ich in diesem Augenblick die Erde bearbeitete. Das Geheimnis lag nicht in der Geschwindigkeit und der Kraft, sondern in der Liebe und der Sorgfalt. Dann wurde aus jedem Garten ein kleines Paradies.

Wobei ich aus meinem persönlichen Paradies gerade vertrieben worden war. In meinen Gedanken verschwand das Gesicht des Professors. Stattdessen stellte ich mir Erik vor. Meinen Freund. Oder besser Exfreund? Oder vielleicht sogar nur »besten Freund«? An diesem Nachmittag hatte er mich mit ernstem Blick angesehen, war sich mit der Hand durch das raspelkurze Haar gefahren und hatte dann erklärt: »Weißt du was, ich brauche mehr Zeit für mein Studium. Mir ist schon zu viel Zeit verloren gegangen, das muss anders werden. Ich hoffe, du verstehst, dass ich dich deswegen in den nächsten Wochen nicht mehr so oft sehen kann. Das siehst du doch ein, oder?«

Was sollte ich dazu sagen? Ich gehöre keineswegs zu diesen besitzergreifenden Zicken, die glauben, man könne einen Menschen voll und ganz zu seinem Eigentum zählen. Aber Erik hatte sich noch nie auch nur eine einzige Sekunde auf sein Studium konzentriert. Auf ein Turnier in Kickboxen, das vielleicht. Oder auf ein Praktikum bei irgendeiner Zeitschrift, immer in der Hoffnung, dass er als Gottes Geschenk an den Journalismus entdeckt werden würde. Um dann doch nur irgendwelche Allgemeinplätze von sich zu geben, die er aus dem Internet zusammengeklaubt hatte. Wissenschaftliche Ergüsse waren von ihm ebenso wenig zu erwarten wie ein richtig guter Artikel. Das war zumindest meine Meinung.

Mühsam genug hatte ich lernen müssen, dass Erik seine Fähigkeiten am besten auf der Jagd nach einer coolen Party entfalten konnte. Oder beim Erobern eines Mädchens, dem es reichte, dass sie den gut aussehenden Typen aus dem Mittelalterseminar an ihrer Seite hatte. Wenn auch nur für kurze Zeit. Wie war noch der Name seiner neuen »Studienkollegin«? Silke? Erstes oder zweites Semester, große Augen, lange Beine und irgendwo unter den langen Haaren ein bisschen Hirn.

Ich schob eine Haarsträhne hinters Ohr und atmete durch. Das war ungerecht. Bestimmt war Silke einfach nett, ein Kumpel, mit dem man viel lachen konnte. Doch in meine Phantasie drängten sich Silke und Erik, leidenschaftlich küssend, auf einem Bett, das ich unschwer als Eriks identifizieren konnte. Mit einem Kopfschütteln vertrieb ich das Bild und meine Eifersucht. Er wollte sich auf sein Studium konzentrieren, sonst nichts. Außerdem hatte ich doch gar keinen Anspruch auf Erik. Wir waren Freunde seit dem ersten Semester, hatten immer schon viel Zeit miteinander verbracht. Und hin und wieder teilten wir eben das Bett. Das hatte jede Menge Vorteile, die mir in diesem Moment jedoch allesamt entfallen waren.

Stattdessen saß ich heulend in dem kleinen Garten vor meinem Studentenzimmer und kümmerte mich um mickrige Tomatenschösslinge. Die rannten mir nicht davon oder konnten mir auch nicht vorwerfen, dass ich zu unwissenschaftlich sei. Mit einem Seufzer sah ich mir mein kleines Paradies an. Es war erst Mitte März, da konnte noch nicht viel wachsen. Aber in meinem selbst gebauten Frühbeet direkt an der Hauswand würden meine Tomaten sicher überleben. Die Erfahrung zeigte, dass sie durch das frühere Aussetzen einen Vorsprung vor jeder anderen Pflanze hatten, die man in ein paar Wochen im Supermarkt kaufen konnte.

Mit einem kleinen Seufzer setzte ich die letzte Pflanze in ihr neues Zuhause im Frühbeet und schloss den Glasdeckel, der sich schräg über die Setzlinge senkte und in den nächsten Wochen jeden einzelnen Sonnenstrahl in reine Wärme verwandeln würde. Dann erhob ich mich langsam. Die vorwitzige Ranke eines Geißblatts hing in der Luft und suchte nach Halt. Sie war durch die Wärme der letzten Tage wohl übermütig geworden. Vorsichtig legte ich sie zurück an das Rankgitter und wickelte den Trieb zwei- oder dreimal um das raue Holz. Dann bückte ich mich und räumte noch einen Haufen vertrockneter Blätter zur Seite, die verhinderten, dass ein paar Märzenbecher ihre Blüten entfalten konnten. Als ich in mein Zimmerchen kam, hatte sich mein Atem wieder beruhigt.

Meine Mitbewohner hatten schon vor Jahren dieses Hexenhäuschen außerhalb von Münster gefunden. Drei relativ große Zimmer, eine Wohnküche, eine Abstellkammer – und dann noch meine mickrige Zehn-Quadratmeter-Kammer, gerade genug für Schrank, Bett und Schreibtisch. Aber eine Tür hinaus in den Garten, für den sich außer mir seit Jahren keiner interessiert hatte. Bei meinem Einzug herrschte da draußen eine Hölle aus Brombeeren und Brennnesseln, die jeden Eindringling erbarmungslos angriff. Ich durfte damit seit zwei Jahren machen, was ich wollte. Meine erste Tat war damals die Anschaffung einer Elektrosense gewesen, mit deren Hilfe ich die stachelige Wildnis beseitigt hatte. Meine Mitbewohner nutzten den Garten höchstens für sommerliche Grillfeste, bei denen sie von ihren Freunden für das Gemüse, das Obst und die vielen Blumen bewundert wurden. Sie waren ehrlich genug, dann immer auf mich zu deuten und zu erklären: »Das macht alles Lena!« Und ich heimste das Lob reinsten Gewissens ein. Diese knapp zweihundert Quadratmeter Paradies waren ganz allein mein Verdienst.

Der Garten war makellos aufgeräumt, hier konnte ich mich beim besten Willen nicht mehr weiter beschäftigen. Trotzdem stand die Sonne immer noch hoch am Himmel. Was konnte ich jetzt noch tun, damit meine Gedanken nicht wieder um den Professor und meine Unwissenschaftlichkeit oder um Erik und seine Silke kreisten? Ein Spaziergang im nahe gelegenen Wald wäre wahrscheinlich eine gute Idee. Oder gleich in die Joggingschuhe und etwas für die Gesundheit tun?

Mein Gewissen meldete sich. Ich sollte mich vielleicht etwas mehr in das Treiben der Plantagenets oder der Tudors vertiefen und mir einen Überblick über deren politische Schachzüge verschaffen. Dann hätte ich vielleicht eine kleine Chance, doch noch einen Schein für das Seminar zu ergattern. Das Referat war schließlich nur die halbe Miete, die andere Hälfte der Note basierte auf der schriftlichen Hausarbeit. Damit würde ich diesen auf Stammbäume und Schlachten versessenen Professor womöglich noch beeindrucken können. Ich biss die Zähne zusammen. Das hieß, ich musste noch einmal in die Bibliothek und alles zum zweiten Mal durcharbeiten. Staubige Bücher, genervte bibliothekarische Hilfskräfte, altmodische Karteikartensysteme, nach denen die Bücher geordnet waren. Das klang nach ganz wenig Spaß – aber wenigstens wäre ich von Erik gründlich abgelenkt. Wenn es etwas gab, worauf ich mich verlassen konnte, dann darauf, dass Erik ganz sicher nicht in der Bibliothek sein würde. Nicht an einem der ersten schönen Frühlingstage, wenn die Studenten sich in Straßencafés und am Ufer des Aasees die Sonne auf die Nase scheinen lassen.

Mit einem kleinen Seufzer wusch ich meine Hände, kümmerte mich nur wenig um die Erdreste, die sich unter den Fingernägeln angesammelt hatten und für ordentliche Trauerränder sorgten, bürstete meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und schwang mich auf mein Fahrrad. Das war der unschlagbare Vorteil von Münster: Fahrradwege, so weit das Auge reichte. Die Strecke von meinem Hexenhäuschen bis zur Uni konnte ich locker in einer halben Stunde fahren. Noch schneller ging es, wenn ich die Abkürzung durch den Wald nahm, die tagsüber romantisch und ruhig war – und nachts unheimlich und dunkel.

Die Bewegung tat mir gut. Vor dem historischen Seminar sprang ich von meinem Fahrrad, stellte es zu den Hunderten von anderen Rädern und betrat beschwingt die Bibliothek. Hier blieb meine Laune im staubigen Geruch jahrhundertealter Gelehrsamkeit hängen. Doch bevor ich mir selbst auch nur die Chance gab, über eine Rückkehr in meinen Garten oder wenigstens in die Frühlingssonne nachzudenken, machte ich mich an die Arbeit.

In welchen Büchern hatte ich bisher noch nicht nachgesehen, wo würde ich noch ein paar langweilige Fakten über die Pläne der alten Engländer finden, was hatte ich bisher übersehen, weil ich es für fade Machtpolitik hielt? Eine halbe Stunde später lag ein Stapel von dicken Wälzern vor mir auf dem Tisch. Mit Machtpolitik hatten sich die Historiker offenbar schon seit Jahrhunderten beschäftigt. Ich schlug den ersten Band auf und machte mich an die Arbeit … und versank wie so oft in einer fremden Zeit.

Reiche Händler und zwei rivalisierende Herrscherhäuser sorgten dafür, dass am Ende niemand mehr wusste, wer eigentlich die Macht hatte. Wahnsinnige und Machtbesessene – viel hatte sich in dieser Hinsicht seit dem 15. Jahrhundert nicht geändert. In meiner Phantasie entstanden dichte Wälder und kleine Städte, in denen die Menschen dieser fremden Zeit lebten und arbeiteten.

Erst als es allmählich dämmerte, hob ich das erste Mal meinen Kopf, um die kleine Lampe an dem Tisch anzuknipsen. Die meisten Studenten waren längst verschwunden. Klar, es war Freitagnachmittag, viele waren längst auf dem Weg nach Paderborn, Lippstadt oder wie auch immer die Städte der Umgebung hießen, in denen ihre Mütter darauf warteten, endlich wieder Wäsche zu waschen oder Kinder zu bekochen. Mir war das ein Rätsel. Ich liebte meine Eltern aus vollem Herzen. Aber als es darum ging, einen Studienort auszuwählen, war es mir wichtig gewesen, ein paar Hundert Kilometer zwischen mich und meine Eltern zu bringen. Das beschauliche Kaff an der Weinstraße war mir zu klein und zu langweilig – ich wollte mich ordentlich abnabeln und nur zu Weihnachten und in den Semesterferien zu Hause vorbeikommen. Nicht an jedem einzelnen Wochenende, das der Kalender hergab.

Ich griff nach dem nächsten Buch auf dem Stapel. Keines, auf das ich große Hoffnungen setzte. Im Gegenteil: Dieses Buch hatte ich eher aus Versehen bestellt, denn es war mir entgangen, dass es aus dem 16. Jahrhundert stammte und damit wohl kaum den neuesten Forschungsstand wiedergab. Aber jetzt, wo es schon auf meinem Tisch lag, wollte ich wenigstens kurz hineinsehen, ob sich nicht doch irgendetwas Verwertbares darin fand.

Ein paar Minuten später rutschte ich auf meiner Stuhlkante hin und her. Ausgerechnet in dieser alten Quelle hatte ein Autor alle Kriege und Konflikte aus der Zeit der Rosenkriege genau aufgezeichnet. In schwer lesbarer alter Schrift – aber sie enthielt genau die Information, die meiner Seminararbeit womöglich doch noch den richtigen wissenschaftlichen Anstrich geben würde. Eine alte Quelle über eine noch ältere Zeit – und es ging ausschließlich um Militärstrategie und den Einsatz von Waffen. Genau das, worauf mein Professor abfahren würde. Und das Buch gab mir die Chance, in meiner Seminararbeit die im Laufe der Jahrhunderte veränderte Einschätzung historischer Begebenheiten zu thematisieren. Das klang so langweilig, dass es einfach gut sein musste.

Es knisterte im Lautsprecher. »Liebe Benutzer unserer Bibliothek, diese Einrichtung wird in wenigen Minuten geschlossen. Wir bitten Sie, die Leihobjekte zurückzugeben und die Räumlichkeiten zu verlassen.«

Abgesehen von mir war nur noch ein einziger anderer Student bei der Arbeit. Vielleicht schlief er auch, ich konnte nur den Schein der Lampe und die Füße auf dem Boden sehen. Das Mädchen an der Ausgabe sah konzentriert auf ihr Smartphone und tippte auf der Oberfläche herum. Wahrscheinlich verabredete sie sich gerade mit Freunden für den Abend. Oder twitterte in die Welt hinaus, dass ihr Feierabend bevorstand. Zumindest verschwendete sie keinen Blick auf mich oder das, was ich in diesem Augenblick tat.

Keine Ahnung, was mich dazu trieb, das Buch einfach in meine geräumige Tasche fallen zu lassen. Wenn ich mich richtig erinnere, dann war es einfach die Erkenntnis, dass ich am Wochenende genug aus diesem Buch notieren könnte, um es in meine Arbeit einzubauen. Ordentlich mit Fußnoten, um zu beweisen, dass ich auch vor den unleserlichen Schinken in der Bibliothek des Historischen Seminars nicht zurückscheute. Mit einem Blick vergewisserte ich mich, dass niemand meine »Wochenendausleihe« bemerkt hatte. Aber die Blondine hämmerte weiter auf ihrem Smartphone herum, und der andere Student war schon verschwunden. Zumindest waren seine Füße nicht mehr zu sehen.

Ich stand auf, zog meine Jacke über und warf den Trageriemen meiner Tasche über die Schulter. Mit einem lässigen Winken verließ ich den Raum. So einfach ging es also, einen alten Wälzer zu klauen. Es piepste nicht, und es tauchten auch keine zornigen Aufseher aus dem Nichts auf. Mal ganz abgesehen davon, dass ich dieses Buch ja gar nicht klauen wollte, sondern nur am Wochenende ein paar Sachen abschreiben wollte. Immerhin war mir klar, dass man aus diesen alten Dingern nichts kopieren durfte – der Rücken wäre beim Aufbiegen sicher gebrochen.

Ein Anflug von schlechtem Gewissen befiel mich, während ich das Schloss an meinem Fahrrad öffnete. Würde dieses alte Buch nicht vielleicht doch leiden, wenn es zwei Nächte in meinem Zimmer lag? Dunkel erinnerte ich mich an ein Proseminar, bei dem es um den Erhalt alter Schriften und Dokumente ging. Hatte dieser Mensch nicht etwas von gleichbleibender Luftfeuchtigkeit erzählt? Meine Tasche lag im Fahrradkorb, während ich nachdenklich den Eingang zur Bibliothek musterte. Die Blondine von der Ausleihe kam gerade mit wippendem Gang heraus, lief an mir vorbei und brauste auf einem Motorroller davon.

Der Moment der Entscheidung war vorbei. An diesem Wochenende würde der alte Schinken bei mir sein. Mit dem beruhigenden Gedanken, dass ich ihn gleich am Montagmorgen wieder an seinen Platz legen würde, machte ich mich auf den Nachhauseweg. Und kam keine hundert Meter weit.

»Lena!«

Erik stand vor einer der Kneipen und winkte mit beiden Armen, damit ich ihn ja nicht übersehen konnte. Nur für den Fall, dass ich sein Gebrüll nicht hörte. Er strahlte mich an, als hätte er vollkommen vergessen, was er mir noch am Vormittag alles gesagt hatte.

»Du musst einfach mit reinkommen, wir haben gerade total viel Spaß! Du wirst nicht glauben, wer heute Abend hier ist … Komm schon!«

Bedauernd klopfte ich auf meine Tasche. »Tut mir leid, aber ich muss heute Abend wirklich an mein Studium denken. Das wirst du sicher verstehen. Manchmal muss man einfach Prioritäten setzen, oder?«

Damit trat ich in die Pedale. Dieser Idiot sollte ja nicht glauben, dass ich einfach so über sein Geschwätz von heute Vormittag hinweggehen würde, um dann am Abend wieder mit ihm zusammenzusitzen, Alt zu trinken und einen auf beste Freunde zu machen! Nicht mit mir. Leise murmelte ich eine Schimpftirade vor mich hin. Fast so wie die alten Damen, die vor dem Joghurtregal im Supermarkt leise mit sich selber diskutieren, ob sie heute lieber Erdbeer- oder Pfirsichjoghurt haben wollen.

»Wie kann er es nur wagen? Wie ich Erik kenne, sitzt drinnen seine Silke, und ich soll mich dazusetzen und ein bisschen über Professor A und Dozent B schimpfen und so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Aber so ist Erik eben. Er denkt nur an sich selber und versteht nicht einmal, was daran verkehrt sein soll. Dauert gar nicht lange, dann steht er wieder auf der Matte und redet, bis meine Ohren glühen. Weil Silke keine Zeit oder keine Lust mehr auf ihn hat …«

Unwillkürlich hatte ich die Abzweigung durch den Wald genommen, die ich nachts normalerweise eher mied. Zu allem Überfluss hatte auch noch ein leichter Nieselregen eingesetzt, der dafür sorgte, dass es noch kühler und unfreundlicher wurde. Der Frühling hatte offensichtlich eine Pause eingelegt. Außer meinem kleinen LED-Licht, dessen einziger Vorteil war, dass es beim Anhalten an der Ampel weiterleuchtete, war weit und breit nichts zu sehen. Ein Knistern hinter einem Baumstamm sorgte dafür, dass ich noch mehr in die Pedale trat. Dann ein sirrendes Geräusch von hinten, das immer näher kam. Ein Schulterblick – und mir war klar: Ich wurde verfolgt. Ein anderer Radfahrer war schneller als ich. Ein Mann, der gesehen hatte, dass ich mir diese finstere Strecke ausgesucht hatte?

Ich fuhr schneller und merkte, dass mein Atem hektisch wurde. Ein Schweißtropfen lief über meine Schläfe, während ich mit der einen Hand in der Tasche nach dem Tränengas tastete, das ich immer bei mir trug. Man wusste ja nie, was einem so passieren konnte.

Augenblicke später flog der Fahrradfahrer an mir vorbei und raste weiter. Von wegen Vergewaltiger. Nur ein anderer Radfahrer, der offenbar besser trainiert war als ich. Womöglich war ich doch ein wenig paranoid. Mit einem halben Lächeln richtete ich mich wieder im Sattel auf. Das Tränengas würde ich gleich wieder in meine Tasche stecken – ich konnte sowieso schon wieder die ersten Laternen am Ende der Abkürzung sehen.

In diesem Augenblick tat es einen Schlag, mein Lenkrad drehte sich um neunzig Grad zur Seite und blockierte, woraufhin mein Fahrrad mit einem hässlich metallisch kratzenden Geräusch auf den Schotterboden schlug, während ich selber über den Lenker ging und mir auf dem Rest Wintersplitt meine Handflächen aufriss.

Einige Sekunden lag ich fluchend auf der Seite und rang wieder nach Atem. Meine linke Handfläche brannte, ebenso meine linke Gesichtshälfte und das Knie. Behutsam bewegte ich erst das Bein, dann den Arm und fasste mir vorsichtig ins Gesicht. Ein brennender Schmerz ließ meine Hand zurückzucken. Offensichtlich hatte ich mir die Haut abgeschürft. Es tat höllisch weh, würde mir aber ganz sicher keinen Aufenthalt im Krankenhaus einbringen.

Im Dunkeln tastete ich nach meinem Fahrrad und erhob mich mühsam. Als ich das Teil aufrichtete, merkte ich, dass der Lenker verdreht war – und der Fahrradkorb leer. Meine Tasche war durch den Sturz offensichtlich herausgeschleudert worden. In dieser Sekunde fiel mir das alte Buch ein. Hektisch suchte ich den Boden ab. Auf dem Weg war nichts zu finden. Angestrengt starrte ich in die Richtung, wo die Tasche gelandet sein musste – und tatsächlich: Im hohen nassen Gras, direkt neben dem Weg, lag sie.

Offen.

»Mistmistmistmist!«, schimpfte ich und spähte in die Tasche. Das alte, wertvolle Buch musste hier irgendwo auf dem nassen Boden liegen, wo es im Nieselregen mit jeder Sekunde, die ich es nicht finden konnte, noch mehr durchweichen würde. Hektisch fuhr ich mit meinen Fingern durch das Gras am Wegesrand. Steine, ein dorniger Ast, der mir in den Finger piekste. Irgendetwas eklig Weiches blieb an meinen Fingern kleben, und ich versuchte, es an meinen Hosenbeinen abzuwischen. Dabei stellte ich fest, dass die Hose am Knie zerrissen war.

Schließlich stieß ich auf das Buch. Hektisch nahm ich es hoch und versuchte das Ausmaß des Schadens einzuschätzen. Sinnlos. Viel zu dunkel, aber zumindest fühlte es sich für den ersten Eindruck fast unversehrt an. Immerhin fiel es nicht auseinander, als ich es in die Hand nahm. Schnell stopfte ich es wieder in meine Tasche, die ich wieder im Fahrradkorb verstaute. Dann fuhr ich weiter. Das Schutzblech knatterte ohrenbetäubend laut an den Speichen, der Lenker saß schief – aber das Fahrrad bewegte sich.

Während ich weiter nach Hause fuhr, wurde aus dem Nieseln ein echter, kalter Landregen, der wirklich nichts Frühlingshaftes an sich hatte. Bis ich endlich vor unserem Hexenhäuschen anhielt, war ich bis auf die Knochen durchweicht, mein Gesicht brannte vor Kälte, und meine Finger waren steif und rot.

Das Fahrrad lehnte ich einfach gegen den Gartenzaun und verschwand so schnell wie möglich im Inneren des Hauses. Aus der Küche sahen mich drei Augenpaare neugierig an.

Tom hob eine Augenbraue. »Was hast du denn gemacht? Ringkampf mit den Waldgeistern? Brauchst du Hilfe?«

Ich winkte ab. »Halb so schlimm. Habe die Abkürzung durch den Wald genommen und bin über eine Wurzel oder so gefahren und dabei umgefallen.« Ich wollte möglichst schnell in mein Zimmer und mir das alte Buch ansehen, da wollte ich mich mit dem Mitleid meiner Mitbewohner nicht aufhalten.

Aber so schnell konnte ich sie nicht abschütteln. Sandra deutete auf mein Gesicht. »Bist du dir sicher, dass du nicht zum Arzt musst? Das sieht gar nicht gut aus!«

»Ich stell mich erst einmal unter die Dusche«, wehrte ich ab. »Ich friere wie ein Schneider, und ich wette, wenn das erst einmal ordentlich sauber ist, sieht das nur noch halb so wild aus.«

»Wenn du meinst«, sagte Sandra zögernd. »Aber wenn du doch noch in die Notaufnahme möchtest, dann gib Bescheid. Ich fahre dich eben hin, kein Problem.« Demonstrativ schob sie ihre Bierflasche weg. »Ich trinke nichts, bis du geduscht hast und dir sicher bist, dass du keine Hilfe brauchst. Sei vorsichtig – von so etwas kann man hässliche Narben behalten.«

»Dann muss Lena eben doch mit ihrem schönen Charakter überzeugen«, feixte Ben, dem es ohnehin schwerfiel, irgendetwas mit dem nötigen Ernst zu betrachten.

Ich streckte ihm die Zunge heraus. »Idiot. Und danke für dein Mitgefühl!«

Damit verschwand ich in meinem Zimmer, machte hektisch Licht und holte das Buch aus meiner Tasche. Für einen Moment war ich erleichtert. Der lederne Umschlag war etwas feucht und dreckig – aber sah unversehrt aus. Vorsichtig schlug ich das Buch auf. Und holte tief Luft. Der Buchdeckel hing nur noch mit ein paar Fasern am Buchrücken fest. Durch die Wucht des Aufpralls war er fast vollständig abgerissen. Das war mehr als nur ein bisschen Schmutz. Das war ein Buch, das ordentlich restauriert werden musste.

Vorsichtig drehte ich es um. Quer über die Rückseite ging ein Riss, in dem noch etwas Erde und Gras klebte. Meine dreckigen Finger hinterließen auf dem Papier der Innenseite einen dunklen Abdruck. Entsetzt schloss ich die Augen. Ich konnte dieses Wrack auf gar keinen Fall unauffällig wieder ins Regal zurückstellen.

Aus dem Spiegel an meinem Kleiderschrank sahen mich erschrockene grüne Augen an, der Rest des Gesichts war wegen des Drecks und des Blutes fast nicht zu erkennen. Ich sah mindestens so schlimm aus wie das Buch auf meinem Schreibtisch. Mit dem Unterschied, dass sich für meine Verletzungen wohl kaum eine Universität interessieren würde.

Entschlossen öffnete ich eine Schublade, holte ein sauberes Handtuch heraus und wickelte das Buch erst einmal ein. Als Erstes sollte ich mich um mich selbst kümmern. Dann würde ich weitersehen.

Schnell streifte ich mir die nasse Kleidung vom Körper, schnappte mir ein weiteres Handtuch und verschwand in unserem Badezimmer. Vorsichtig ließ ich mir das warme Wasser über das Gesicht laufen. Es brannte wie Hölle, aber der Spiegel zeigte mir, dass ich nur eine harmlose Schürfwunde auf dem Wangenknochen hatte. Sah hässlich aus, aber würde sicher wieder ordentlich verheilen. Ich tupfte mir ein wenig Ringelblumensalbe darauf, die ich auch bei kleinen Kratzern aus dem Garten immer einsetzte.

Das Knie wurde allmählich dicker und war auch ein wenig blau – aber ich beschloss, es unter »Prellung« zu verbuchen. Während ich den tiefen Kratzer an meiner linken Hand untersuchte, hörte ich auf dem Flur unser Telefon. Sekunden später klopfte es.

»Deine Mutter. Kannst du sprechen?« Toms Stimme.

Ohne lange nachzudenken, öffnete ich die Tür und streckte meine Hand heraus. »Sicher, immer her damit.«

»Hallo, Schatz, wie geht es dir?«

Erst als ich die mitfühlende Stimme meiner Mutter hörte, wurde mir wieder bewusst, wie schrecklich dieser Tag verlaufen war. Probleme an der Uni, Streit mit Erik, Gesicht und Knie zerschrammt – und jetzt auch noch das Buch … Mir stiegen die Tränen in die Augen. Ich wickelte mich fest in mein feuchtes Badehandtuch und ließ mich langsam auf den Boden gleiten. Mit dem Rücken gegen die Badewanne gelehnt, holte ich tief Luft.

»Nicht so gut …«

2.

Kein Mensch auf dieser Welt kennt und versteht mich so gut wie meine Mutter. Das sagt wahrscheinlich jeder, aber bei mir stimmt es wirklich. Als ich noch kleiner war und ständig mit aufgeschlagenen Knien aus dem großen Garten hinter dem Haus angerannt kam, hielt sie Pflaster und Arnikatinkturen für mich bereit. Später, als ich mich ständig unglücklich in die Jungs verliebte, die sich kaum an meinen Namen erinnerten, konnte ich mir immer sicher sein, dass sie mit wenigen Worten meinen Weltschmerz lindern würde.

Meine Eltern leben in einem alten renovierten Bauernhof. Wobei »renoviert« ein relativer Begriff ist. Tatsächlich ist es eine Dauerbaustelle, die sie – so lange ich denken kann – mit wechselndem Elan bearbeiten. Immer, wenn ich mir sicher war, dass sie endlich fertig sein müssten, fing meine Mutter ein neues Projekt an. Ein schöneres Badezimmer, eine neue Küche, Parkett im Wohnzimmer oder auch nur ein frischer Anstrich im Ziegenstall – bei jedem Besuch entdeckte ich etwas Neues. Immer mit einer begeisterten Mutter mitten im Geschehen. Nach ihrer Arbeit als Lehrerin im nahe gelegenen Gymnasium entspannte sie sich mit Pinsel, Schleifpapier oder einem Spachtel in der Hand.

Für mich als Kind hatte dieser Bauernhof das Paradies bedeutet: eine Streuobstwiese hinter dem Haus, ein Hund, ein paar Katzen und eben die drei Ziegen, die das Gras kurz halten sollten. In Wirklichkeit fraßen sie immer genau die Triebe, die eigentlich weiterwachsen sollten, aber bis wir das bemerkten, hatten wir die drei schon viel zu sehr ins Herz geschlossen, als dass wir sie wieder verkauft hätten.

Und natürlich hörte meine Mutter am Telefon sofort, dass ihre Tochter gerade alles andere als eine fröhliche Studentin war. »Was ist denn passiert? Du klingst ja, als wäre der Weltuntergang nahe!«

Ich schluckte. Und dann brach es aus mir heraus. Alles. Erik und Silke und seine Ansage, dass er künftig mehr Freiheit brauchte. Der Professor, der meine Arbeit nicht verstand. Und dann dieser blöde Einfall, das alte Buch übers Wochenende mitzunehmen. Der Sturz, der Regen, das verdreckte und zerrissene Buch.

»Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll!«, bekannte ich schniefend und kam mir wieder vor wie ein kleines Mädchen, das seiner Mutter ein aufgeschlagenes Knie zeigt und um ein Pflaster bittet.

Für einen Moment war es still im Hörer. Dann erklang ein leises Seufzen. »Mein armer Schatz.« Ich konnte förmlich hören, wie meine Mutter um ein paar sinnvolle Lösungen rang. Dann holte sie tief Luft und legte los.

»Als Erstes schlage ich vor, dass du diesen Erik vergisst. Was willst du von dem? Er hat doch ganz offensichtlich eher seinen Spaß im Kopf als dein Wohlergehen. Hör endlich auf, sein Trostpreis zu sein, wenn Silke das Interesse an ihm verliert. Streich ihn aus deinem Gedächtnis, hörst du?«

Ihr Ratschlag klang vernünftig, doch leider wusste ich jetzt schon, dass Erik bei mir wieder offene Türen einrennen würde, sobald er wieder auftauchte. Immerhin hatte ich ihn an diesem Abend vor der Kneipe stehen lassen, das war schon mal ein Anfang, fand ich.

Meine Mutter erwartete keine Antwort, sondern wandte sich dem nächsten Problem zu. »Wenn ich die Sache mit deinem Prof richtig verstanden habe, dann will er eine langweilige Arbeit über Herrschaftsverhältnisse, Kriege und Stammbäume. Das kannst du doch mit links – du schreibst ihm jetzt eine Seminararbeit, die vor langweiligen Fakten nur so strotzt und in der die Zahl der Fußnoten die Seitenzahl um ein Vielfaches übersteigt. Er will fade Fakten? Dann gib sie ihm. Hör auf, solche Menschen mit deinen originellen Ideen von Geschichtsbetrachtung zu überfordern. Er will kleine Häppchen? Kann er haben. Nächstes Semester suchst du dir dann aber bitte genauer aus, bei wem du deine Zeit verschwenden willst.«

Bei ihr klang alles so unendlich einfach. Fast peinlich, dass ich so ein Drama daraus gemacht hatte. Aber jetzt wurde ihre Stimme weniger bestimmt. »Das mit dem alten Buch ist natürlich schlimm. Von wann ist der Band, hast du gesagt?«

»Aus dem 16. Jahrhundert.« Meine Stimme klang kläglich. »Ich weiß, dass das eine dumme Idee war. Aber immerhin ist es kein besonders großartiger Codex oder so etwas. Nur eine Aufzeichnung über die Kriege der Lancasters. Ich habe mir vorgestellt, dass sich das gut in einer Seminararbeit macht. Ein paar Fakten, die mittlerweile vielleicht längst widerlegt worden sind, und so könnte ich die Rezeption des Frühmittelalters …«

»Quatsch«, unterbrach mich meine Mutter. »Du musst dir in dieser Seminararbeit nicht beweisen, dass du doch noch eine geniale Historikerin wirst. Diesen Professor wirst du ohnehin nicht mehr von dir überzeugen können. Du weißt doch: Männer tun sich schwer darin, ihre Meinung zu ändern. Das würde bedeuten, dass sie nachdenken müssen. Und das ist den meisten bei Weitem zu anstrengend!«

»Hin und wieder finde ich deine Weltsicht etwas sehr vereinfachend«, wagte ich zu widersprechen.

»Unsinn. Ich kenne diese weltfremden Wissenschaftler. Sie suchen nach einer Lösung, einer Antwort. Wenn sie eine gefunden haben, dann ist ihre Neugier befriedigt, und sie hören auf zu suchen. Ich denke, das gilt nicht nur für ihre Forschung, sondern auch für ihren Auftrag, an der Universität ein Fach zu lehren. Was aber nichts daran ändert, dass du ein wertvolles Buch aus der Bibliothek hast mitgehen lassen. Wann fällt das auf? Was denkst du?«

Ich dachte nach. »Na ja – spätestens wenn jemand anders das Buch braucht. Wenn man es dann nicht findet, fällt der Verdacht auf den Letzten, der in dem Buch gelesen hat. Und ich habe das Buch bestellt. Also ist jedem klar, dass ich es auch in der Hand hatte. Dafür gibt es diese wunderbaren Ausleihsysteme.«

»Aber ein paar Monate hast du noch, bevor deine Uni dich verdächtigt, ein altes wertvolles Buch gestohlen zu haben, oder?« An ihrer Stimme konnte ich hören, dass sie eine Idee hatte.

»Ich denke schon. Wahrscheinlich sind es eher Wochen als Monate, aber in den nächsten Tagen habe ich Ruhe. Was hast du vor? Glaubst du nicht, dass ich am besten alles zugeben sollte? Vielleicht wird der Schaden ja sogar von meiner Haftpflicht gedeckt.«

»Vielleicht ist der Schaden ja gar nicht so groß, den du da angerichtet hast. Ich habe eine Bekannte, die ist Buchbinderin. Was bei der hin und wieder auf dem Arbeitstisch landet, sieht nach nicht sehr viel mehr als Altpapier aus. Womöglich kann sie uns helfen.«

»Und diese Bekannte würde nichts weitererzählen? Immerhin ist es ein ziemlich altes Buch!« Ich wagte kaum, an eine so einfache Lösung zu glauben.

»Nein. Wem sollte sie es erzählen? Wir ziehen sie ins Vertrauen. Was soll denn mehr passieren, als dass sie zugibt, dieses Buch nicht mehr retten zu können? Dann haben wir immer noch Zeit genug, uns zu überlegen, mit welcher Erklärung du das Buch an die Universität zurückgeben kannst.«

»Wie soll ich dir das Buch denn schicken?«, fragte ich vorsichtig nach.

Meine Mutter war jetzt richtig in Fahrt. »Wickel es einfach in eine Decke oder ein dickes Handtuch, und schick es mir per Paketpost. Ich bringe es der Buchbinderin. Dann rufe ich dich an und erzähle dir, wie sie die Lage einschätzt.«

Mir blieb nichts anderes übrig, als zu nicken. Nicht nur, dass ich ein wertvolles altes Buch geklaut hatte – jetzt würde ich also auch noch verschweigen, welchen Schaden ich verursacht hatte. »Mach ich, Mama.«

»Und vergiss nicht, auf deine Kratzer und Schrammen ein bisschen Ringelblume oder Arnika zu geben. Du willst doch nicht, dass hässliche Narben bleiben. Das kann gerade im Gesicht ganz schnell passieren.«

Hier konnte ich sie beruhigen. »Habe ich schon gemacht. Tut auch fast nicht mehr weh, ich glaube, ich muss nicht ins Krankenhaus. Was sollen die schon machen? Ist ja keine Platzwunde, die man nähen kann.«

»Dann bin ich beruhigt.« Die Stimme meiner Mutter wurde weicher. »Und du meldest dich, wenn du mit jemandem reden willst, ja? Bloß nicht wieder bei diesem Erik anrufen, das bringt einfach nichts. Versprichst du mir das?«

»Mal sehen«, murmelte ich. »Bin nicht so gut darin, irgendwelchen Menschen eine Absage zu erteilen.«

»Musst du aber«, erklärte meine Mutter in diesem Tonfall, den sie auch unserem Hund gegenüber anwandte. Ich wagte keinen Widerspruch mehr. Stattdessen merkte ich, dass mir in meinem feuchten Badehandtuch ganz schön kalt geworden war.

»Ich muss mir jetzt was Warmes anziehen«, erklärte ich. »Die anderen sollte ich wohl auch beruhigen, die haben sich ganz schön Sorgen gemacht, als ich gerade eben so nass, zerschrammt und dreckig eingelaufen bin. Nicht, dass die mir doch noch den Notarzt rufen …«

Mit einem letzten »Pass auf dich auf!« verabschiedete sich meine Mutter. Einen kurzen Augenblick saß ich noch auf dem Badezimmerboden und sah den Telefonhörer in meiner Hand an. Warum nur konnte meine Mutter alle Bedenken und alle Sorgen im Handumdrehen auflösen?

Langsam erhob ich mich, bürstete meine nassen Haare durch und schlüpfte in meinem Zimmer in ein paar weiche Jogginghosen und einen kuschligen Pullover. Dann ging ich langsam in die Küche, wo die anderen längst beim zweiten oder dritten Bier angekommen waren. Auch Sandra hatte ihren Vorsatz, nüchtern zu bleiben, wieder aufgegeben. Wahrscheinlich hatte sie sich ausgerechnet, dass ich heute in keine Notaufnahme mehr wollte. Womit sie ja auch völlig richtiglag.

Ben musterte mein Gesicht und meinte zufrieden: »Ohne Dreck sieht das ja wirklich nicht so schlimm aus. Da müssen wir keine Angst haben, dass dein Wikinger dich nicht mehr haben will.«

Wikinger, so nannten meine Mitbewohner Erik – wegen seines Namens, der breiten Schultern und der blonden Haare. Sie fanden ihn zu laut, und außerdem hatte Tom festgestellt: »Erik kennt nur ein einziges Gesprächsthema. Und das ist Erik. Finde ich etwas ermüdend auf die Dauer!«

Womöglich hatte er sogar recht. Ich griff nach einer Flasche Bier, lächelte in die Runde und erklärte: »Ich brauche jetzt ein Beruhigungsmittel. Meine Mutter hat gesagt, ich soll es mit Hopfen versuchen!«

»Und man sollte seiner Mutter nie widersprechen!«, meinte Sandra grinsend und prostete mir zu.

Als ich eine Stunde später ins Bett ging, verschwendete ich wirklich keinen Gedanken mehr an das Buch, das in Handtücher eingeschlagen auf meinem Schreibtisch lag. Ich fiel in einen tiefen und traumlosen Schlaf.

Erst am nächsten Morgen verpackte ich das Buch in trockene Küchenhandtücher und bettete es dann in ein Paket, in dem ihm nichts Schlimmes passieren konnte. Nachdem ich es in der Post abgegeben hatte, fühlte ich mich erleichtert. Jetzt musste ich mich wenigstens ein paar Tage lang nicht mehr darum kümmern.

Den Rest des Wochenendes lenkte ich mich mit meiner Seminararbeit ab, während mein Knie dank eines Quarkwickels wieder auf normalen Umfang abschwoll. Als ich am Montag als eine der ersten Studenten in die Bibliothek kam, konnte ich nichts Ungewöhnliches bemerken. Es sah nicht so aus, als ob irgendjemand das alte Buch vermisste. Wahrscheinlich war ich seit Jahren die Erste, die diesen unbedeutenden alten Schinken aus dem Regal gezerrt hatte. Und so vertiefte ich mich in leichter verdauliche moderne Fachliteratur über die Rosenkriege und das Machtstreben der Heinrichs und Richards. Meine Notizen füllten die Seiten, ich war bester Dinge und davon überzeugt, dass ich den Plan meiner Mutter einfach perfekt umsetzte.

Bis mein Handy zwei Tage später mit einer neu erhaltenen Nachricht leise in meiner Tasche vibrierte. Sie war von Erik.

»Heute Abend Party bei mir. Kommst du? Bring Bulgursalat mit!«

Was war das? Ein Friedensangebot? Oder wieder einmal mein gedankenloser Freund, der sich nicht vorstellen konnte, dass ich in diesem Augenblick möglichst wenig von ihm sehen wollte. Die mahnenden Worte meiner Mutter klingelten in meinen Ohren, als ich auf dem Nachhauseweg im Supermarkt schnell noch Bulgur, Tomaten, Gurken, Zitronen und einen großen Bund Petersilie einkaufte. Eine Party hatte ich mir nach den letzten Tagen verdient, redete ich mir selber ein. Ich würde mich bestimmt gut amüsieren und musste ja nicht unbedingt mit Erik reden.

Und so schnipselte ich die Zutaten für den Bulgursalat und freute mich auf einen Abend, den ich nicht in Gesellschaft der angestaubten Lancasters verbringen würde. Eine Menge Studenten aller möglichen Fachrichtungen, alle fröhlich und in Feierlaune – das würde mir sicher guttun.

Mit meiner Salatschüssel in der Hand drückte ich zwei Stunden später auf die Klingel zu Eriks Wohnung. Er öffnete und strahlte mich offensichtlich nicht mehr ganz nüchtern an. »Lena! Was hast du denn gemacht? Hat sich eine deiner Tomaten mit dir angelegt?« Er lachte, als wäre ihm da ein besonders toller Scherz gelungen.

Mir gelang nur ein windschiefes Lächeln, während ich mit der freien Hand nach meinem Gesicht griff, das immer noch von Schrammen und grüngelben Flecken verziert war. »Ach, das ist nichts!«, erklärte ich mit einem Schulterzucken. »Ich bin vor ein paar Tagen im Regen vom Fahrrad gefallen.«

Ich drückte ihm die Salatschüssel in die Hand und marschierte an ihm vorbei in die Küche, wo ich auf ein Glas kalten Wein hoffte. Das hätte es sicher auch gegeben. Aber leider saß Silke am Küchentisch, vertieft in ein Gespräch mit einem dunkelhaarigen Betriebswirtschaftler, den ich von irgendwelchen Partys kannte. Ich wich zurück und versuchte im Wohnzimmer mein Glück. Schummriges Licht, ein Pärchen küsste sich auf einer Couch, ein anderes tanzte zu der Musik, die Erik für romantische Stunden reserviert hatte. Schrecklich. Wo war hier die Party mit den gut gelaunten Studenten, auf die ich gehofft hatte?

Ohne dass ich es bemerkt hatte, tauchte Erik hinter mir auf. »Die meisten kommen erst später«, erklärte er auf meinen fragenden Blick hin. »Bis dahin können wir doch schon mal was trinken? Was kann ich dir bringen?« Er sah mich dabei völlig unbefangen an – und ich fragte mich für einen Augenblick, ob ich mir seine Rede vor ein paar Tagen womöglich eingebildet hatte. Ich griff nach dem Glas, das er mir hinhielt.

»Was feiern wir eigentlich?«, erkundigte ich mich. Sein Geburtstag war erst im August, das konnte es also nicht sein.

»Habe ich das nicht gesagt?« Einen winzigen Augenblick lang wirkte Erik verwirrt. »Silke hat ihre Zwischenprüfung bestanden. In ihrem Wohnheim ist nicht genug Platz, deswegen habe ich ihr angeboten, bei mir zu feiern. Die Wohnung ist schließlich groß genug.«

Mein Bulgursalat war also für Silkes Feier gedacht? Auf einen Schlag schmeckte der Weißwein nur noch sauer. Vorsichtig stellte ich das Glas in ein Regal, versuchte ein Lächeln, das mir völlig misslang, und machte mich auf in Richtung Ausgang. Erik lief neben mir her.

»Warum willst du denn schon wieder gehen? Du bist doch gerade eben erst gekommen? Ist es wegen Silke? Das ist Blödsinn, das weißt du doch. Das mit uns ist doch ganz etwas anderes, wir sind doch wirkliche Freunde!« Er stellte sich mir in den Weg.

Entschlossen ging ich an ihm vorbei. »Aha, und echte Freunde bringen auch noch das Essen zu einer Party mit, die für die neue Freundin gegeben wird? Das ist lächerlich!«

Ich riss meinen Parka vom Kleiderhaken, holte aus der Küche den Salat, von dem bis zu diesem Augenblick noch niemand probiert hatte, und verließ Eriks Wohnung, keine zehn Minuten nachdem ich sie betreten hatte. Bebend vor Zorn stand ich auf der Straße.

Meine Mutter hatte recht behalten. Ich musste Erik vergessen. Aus meinem Leben streichen. Er sah in mir wohl wirklich nur die beste Freundin, mit der er aus Versehen oder mangels anderer Gelegenheit ein paarmal ins Bett gegangen war. Und ich Idiot hatte mir die ganze Zeit eingeredet, dass ich diese Art von Freundschaft ganz wunderbar fand. Jetzt reichte es mir!

Wütend schwang ich mich auf mein Fahrrad, vermied die Abkürzung und fand meine WG-Genossen wie immer in der Küche vereint. »Habe ich für die falsche Party gemacht, lasst es euch schmecken!«, verkündete ich und verschwand in meinem kleinen Zimmer. Für heute waren die Lancasters vielleicht doch die einzige Gesellschaft, auf die ich mich verlassen konnte. Wütend schmiss ich mich aufs Bett und fiel innerhalb von Sekunden in einen tiefen Schlaf.

Das Klingeln meines Handys weckte mich. Während ich noch in meiner tiefen Tasche nach dem Ding wühlte, sah ich aus dem Fenster und versuchte einzuschätzen, wie viel Uhr es wohl war. Die Sonne schien und versprach einen schönen Frühlingstag, die Geräusche aus unserer Küche und der Geruch nach frischem Kaffee zeigten mir, dass es womöglich nach neun Uhr war. Wie hatte ich nur so lange schlafen können? Das halbe Glas Weißwein, das ich gestern bei Erik getrunken hatte, konnte wohl kaum daran schuld sein.

Endlich fand ich das Telefon und presste es ans Ohr. Meine Mutter. Genauer: Meine aufgeregte Mutter, die kaum einen geraden Satz herausbrachte.

»Lena, du musst nach Hause kommen. Schnell!«

»Warum?«

»Meine Freundin, die Buchbinderin … Sie hat etwas gefunden, als sie das Buch wieder herrichten wollte.«

»Kann sie es denn überhaupt wieder herrichten?« Das war in meinen Augen die entscheidende Frage.

Fast konnte ich vor mir sehen, wie meine Mutter am anderen Ende der Leitung ungeduldig den Kopf schüttelte. »Darum geht es doch gar nicht! Brunhilde hat etwas gesehen, was sie dir unbedingt zeigen muss. Nur dir, niemandem sonst. Sie sagt, es sei eine echte Sensation!«

»Die einzige Sensation ist, dass ich so doof war, dieses Buch zu klauen und es dann auch noch kaputt zu machen«, erklärte ich trocken.

»Nein, es muss etwas anderes sein.« Die Stimme meiner Mutter wurde drängender.

»Mama, bitte, ich muss diese Seminararbeit fertig schreiben. Wenn ich jetzt nach Hause fahre, dann schaffe ich das nicht mehr rechtzeitig. Ich habe nur noch knapp vier Wochen, dann ist die Frist abgelaufen! Nein, ich kann jetzt wirklich nicht weg.«

»Aber …«, versuchte es meine Mutter ein letztes Mal.

Entnervt raunzte ich in den Apparat: »Kriegt sie das Buch denn wieder hin?«

»Ja, sicher. Sie meint allerdings …«

»Erklär mir das ein anderes Mal, ja, Mama? Ich habe heute wirklich keine Nerven für irgendwelche außergewöhnlichen Buchbindetechniken oder was auch immer sie da gefunden haben mag. Mach’s gut, Mama.«

Damit legte ich auf und ließ mich wieder auf mein Bett fallen. Die Hauptsache war doch, dass diese Frau das Buch wieder in seinen Urzustand zurückversetzen würde. Da kam es nun wirklich nicht darauf an, was sie dabei gefunden haben mochte. Was sollte in so einem Buch auch schon an verborgenen Dingen stecken?

Der Duft aus der Küche war einfach unwiderstehlich. Ich zog mir ein weites Hemd über den Kopf und machte mich auf den Weg, um noch eine Tasse Kaffee abzubekommen. Auf dem alten Holztisch in der Mitte des Raumes stand noch die leer gegessene Schüssel, in der ich gestern den Bulgursalat durch Münster gefahren hatte.

Tom sah mich, schenkte mir eine Tasse ein und nickte in Richtung Schüssel. »Hat gut geschmeckt, vielen Dank! Und so viele Vitamine, mir ist heute noch ganz gesund zumute.« Er grinste mir zu und verschwand, während ich aus meinem Zimmer schon wieder den Klingelton meines Handys hörte. Meine Mutter zeigte heute eine wirklich überraschende Hartnäckigkeit. Ich umklammerte meine Tasse und nahm einen großen Schluck. Sie sollte sich erst einmal beruhigen, dann würde ich schon zurückrufen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte das Klingeln wieder auf – um nur wenige Sekunden später wieder loszugehen. Entnervt stand ich auf. Offensichtlich verlegte sich meine Mutter jetzt auf Telefonterror. »Was soll das denn?«, knurrte ich in den Hörer.

»Entschuldigen Sie bitte die Störung. Spreche ich mit Lena Opitz?« Eine freundliche Stimme, die sicher einer älteren Dame gehörte. Ganz bestimmt nicht die Stimme meiner Mutter. Erschrocken sah ich für ein paar Sekunden den Hörer an. Dann erinnerte ich mich an meine guten Manieren.

»Verzeihen Sie. Ich habe mit jemand anderem gerechnet. Ja, ich bin Lena Opitz. Was kann ich denn für Sie tun?« Dabei bemühte ich mich um meinen nettesten Ton.

»Mein Name ist Brunhilde Reich. Sie kennen mich nicht, aber ich bin eine Bekannte Ihrer Mutter. Sie hat mir vor ein paar Tagen dieses alte Buch gebracht, das wohl durch eine Unachtsamkeit …«

»Selbstverständlich weiß ich, wer Sie sind. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie dankbar ich bin, dass Sie dieses Buch wieder restaurieren können. Was kann ich denn für Sie tun?« Schon wieder dieser dämliche Satz, der so klang, als würde ich für ein Callcenter arbeiten.

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann wieder die Stimme, die nun etwas unsicher klang. »Ich habe da etwas entdeckt, als ich den Einband entfernt habe, um ihn zu reparieren.«

»Entdeckt? Hat das Buch etwa Ungeziefer?«

»Nein, nein«, meinte meine Retterin lachend. »Das Buch war in einem einwandfreien Zustand, bis es durch Ihr Missgeschick auf dem Boden landete. Deswegen hat wohl noch nie jemand den Einband entfernt. Ich weiß nicht, inwieweit Sie mit den Gebräuchen im Hochmittelalter vertraut sind, wenn es um die Gewinnung von Papier und Pergament ging?«

»Das Zeug war sehr teuer?«, versuchte ich zu raten.

»Stimmt. Deswegen hat man gerne alte Schriften wiederverwendet, die man nicht mehr brauchte. Manche Schriften wurden getilgt, dann hat man einfach darübergeschrieben. Oder wenn es sich um besonders feste Papiere handelte, wurden sie zu einem neuen Einband weiterverwendet.«

»So eine Art frühes Recycling. Stimmt, ich habe mal davon gelesen. Wie heißt das noch? Palimpsest?«

»Genau. Bei der Restaurierung von Büchern tauchen immer mal wieder solche Palimpseste auf. Meistens sind die alten Schriften unleserlich oder unwichtig. Aber dieses Mal habe ich das Gefühl, es könnte sich um einen bedeutenden Fund handeln.«

»Das heißt, Sie haben in dem alten Band ein verborgenes älteres Buch entdeckt? Was ist es denn?«

»Kein komplettes Buch. Nur eine große Seite, das ist alles. Ich bin mir nicht sicher, aber die Schrift sieht für mich aus wie karolingische Minuskel. Ich kann mich aber auch täuschen, ich bin auf diesem Gebiet wirklich keine Expertin.«

Karolingische Minuskel? Wenn diese Buchbinderin auch nur im Ansatz recht hatte, dann war das ursprüngliche Buch etwa zwölfhundert Jahre alt. Aus dieser Zeit gab es nicht allzu viele Originaldokumente, dafür hatte es in Europa zu oft gebrannt, geregnet oder Krieg geherrscht. Jedes Schriftstück aus dieser Zeit war eine Kostbarkeit. Garantiert wichtiger als ein ziemlich langweiliges Buch, in dem es lediglich um Kriegsverläufe und Stammbäume ging. Ob meinen Professor so eine wissenschaftliche Entdeckung beeindrucken würde?

»Liebe Frau Reich, das konnte ich nicht ahnen. Ich steige noch heute Vormittag in den Zug, dann bin ich heute Abend bei Ihnen.«

»Dann wäre mir morgen früh eigentlich lieber«, sagte die Frau. »Ich gehe früh ins Bett, eine alte Gewohnheit. Kommen Sie doch nach dem Frühstück, und ich zeige Ihnen, was ich gefunden habe.«

»So lange möchte ich eigentlich nicht warten. Ich verspreche auch, es wird nicht zu spät. Und noch eine Bitte: Sagen Sie niemandem, was für einen Schatz Sie in Ihrer Werkstatt liegen haben. Wenn ich es mir angesehen habe, können wir uns immer noch überlegen, was wir damit anfangen, und vor allem, wie ich am besten erkläre, dass dieses Buch plötzlich bei mir gelandet ist …«

»Gut, dann sehen wir uns heute Abend. Ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen, Ihre Mutter hat so viel von Ihnen erzählt. Geben Sie ihr Bescheid, dass Sie kommen?«

»Ja, das mache ich«, versprach ich. »Aber erst einmal muss ich mir ansehen, was Sie da gefunden haben.«

Damit legte ich auf. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mich ganz langsam aufs Bett setzte. Mit diesem Fund musste mir der Professor doch einen ordentlichen Schein geben. Und damit stand nichts mehr zwischen mir und meinem Abschluss an der Uni.

Ich sah auf die Uhr. Wenn ich jetzt möglichst schnell duschte und meine Sachen zusammenpackte, konnte ich in zwei Stunden im Zug sitzen. Sechs Stunden später wäre ich dann bei meinen Eltern. Ein Blick auf den Fund der Buchbinderin, und mir wäre klar, was ich da in Händen hielt – da war ich mir ganz sicher. Wenn die Einschätzung der Buchhändlerin sich als richtig erwies, dann … Für einen Augenblick stöhnte ich auf. Dann musste ich mir etwas einfallen lassen. Denn es gab keinen einzigen vernünftigen Grund, warum ich ein knapp fünfhundert Jahre altes Buch in tadellosem Zustand bei einer Buchbinderin zur Restauration gegeben hatte. Dann musste ich meinen »Diebstahl« gestehen und würde wahrscheinlich aus diesem Grund unehrenhaft von der Uni fliegen. Höchstens mit einem Vermerk über meine Meriten beim Auffinden eines alten Manuskripts.

Ich schüttelte den Kopf, um diese trüben Gedanken wieder zu vertreiben. Bestimmt würde ich feststellen, dass Brunhilde Reich einem großen Irrtum aufgesessen war. In jedem Fall blieb mir nichts anderes übrig, als nach Hause zu fahren und dieses Pergament in Augenschein zu nehmen.

Acht Stunden später kletterte ich aus dem Vorortzug, der mich in den kleinen Ort an der Weinstraße gebracht hatte, wo meine Eltern lebten. Ich eilte durch die schmalen Gassen, bis ich die hell erleuchtete Werkstatt von Frau Reich gefunden hatte. An der Tür hing ein handgeschriebener Hinweis auf eine Katze im Laden – Hunde sollten deswegen bitte draußen bleiben.

Ich fand mich in einem kleinen Raum wieder, wo auf einer Werkbank lauter Bücher in unterschiedlichstem Zustand lagen. Keines davon war mein Werk aus dem 16. Jahrhundert – und doch wusste ich, dass es hier irgendwo sein musste. In einer Klemme eingespannt, sah ich ein älteres Buch, es roch schwach nach Leim. Neugierig sah ich mich um, als auch schon eine ältere Frau aus einem Nebenraum kam und mich mit ausgestreckter Hand begrüßte.

»Du musst Lena Opitz sein, du siehst genauso aus, wie deine Mutter dich immer beschrieben hat. Ich darf doch Du sagen?«

Ohne weitere Vorreden schloss sie die Eingangstür ab und zog eine Jalousie nach unten – dann waren wir ungestört. Mit wenigen Handgriffen räumte sie alle halb fertigen Bücher zur Seite, griff in ein Fach unter der Werkbank und holte einen Kasten hervor, in dem ich sofort mein Handtuch wiedererkannte. Fast andächtig schlug Brunhilde den Stoff zur Seite, hob vorsichtig den Buchdeckel ab und legte ihn auf die Arbeitsfläche.

»Das ist es. Was meinst du?«

Vorsichtig trat ich näher. Überraschend klar und deutlich erkannte ich die Schrift auf dem alten Papier. Kaum ein Zeichen von Alter oder Unleserlichkeit. Ich fuhr neugierig mit den Fingerspitzen über das Papier – und hielt vor Überraschung für einen Augenblick die Luft an. Täuschte ich mich, oder ging von den sorgfältig geschriebenen Buchstaben so etwas wie ein magnetisches Feld aus? Es kribbelte fast unmerklich in meinen Fingern. Ich zog die Hand zurück und legte sie dann erneut auf das Pergament. Wieder ein leises Kribbeln.

Ich sah die Buchbinderin an. »Das fühlt sich ja fast so an, als wäre es elektrisch aufgeladen. Könnte das sein?«

Ein überraschter Blick hinter den Brillengläsern, dann ein Kopfschütteln. »Ich spüre nichts. Ich sehe nur eine alte Schrift in einem fast perfekten Erhaltungszustand. Was meinst du? Ist das echt? Ist es das, wofür ich es halte?«

Ich zwang mich, das leise Kribbeln in den Fingerspitzen zu ignorieren, und betrachtete die Buchstaben genauer. Das gestochen scharfe Schriftbild, die leicht lesbare Schrift – über diese Art des Schreibens gab es keinen Zweifel. Karolingische Minuskel in ihrer reinsten Form, die Vorform der modernen Druckschrift. Mit ihrer Einführung wurden damals Texte für jedermann lesbar. Das heißt, für jedermann, der lesen konnte. Und das waren wenige genug.

Ich neigte mich über die alte Schrift und fing an, die ersten Zeilen zu entziffern. Sie waren in klassischem Latein abgefasst.

Vorzug des ruhigen Lebens … Ein Gedicht? Ich versuchte ein paar Zeilen weiterzulesen. Über verschiedene Böden und ihre Früchte? Das konnte doch kaum sein. Gab es ein Gedicht, bei dem es ausschließlich um Böden ging?

Wieder strich ich mit den Fingerspitzen vorsichtig über die alten Buchstaben. Fast schien es mir, als ob mir Stimmen ins Ohr wisperten.

»Wie bitte?« Ich sah die Buchbinderin an. »Haben Sie etwas gesagt?«

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich warte auf deine Einschätzung. Könnte es so alt sein, wie ich glaube?«

Langsam nickte ich. »Von der Schrift her könnte das sein. Und wenn ich es richtig verstehe, dann ist es ein Gedicht. Es geht um das Erdreich und den Anbau von Früchten oder Pflanzen. Ich müsste nachsehen, ob es überhaupt so etwas gab. Irgendwie glaube ich nicht, dass diese Menschen damals über etwas so Banales geschrieben haben. Da ging es doch immer nur um Gott, Kriege, Gebete und Könige. Aber ich kann mich auch täuschen, ich bin ja nur eine Studentin …«

Aus meiner Tasche zog ich mein Smartphone. Sorgfältig zoomte ich verschiedene Ausschnitte der Handschrift heran und fotografierte sie. »Ich muss das übersetzen und dann ein bisschen im Internet herumsuchen, ob es so etwas gab.« Ich runzelte die Stirn, um ein Wissen hervorzulocken, das in irgendeiner vergessenen Hirnwindung schlummerte. Dann gab ich auf. Auf Anhieb zumindest wollte mir nichts Passendes einfallen. »Irgendwie habe ich da mal was gelesen. Aber ich kriege die Zusammenhänge einfach nicht hin … Merkwürdig, eigentlich kann ich mir alles merken, wenn es um Garten und Anbau geht.«

Die Buchbinderin sah mir neugierig zu. »Dann forsche doch ein wenig nach. Wenn du etwas herausfindest, kommst du wieder vorbei. Was denkst du, kannst du morgen mehr sagen?«

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon nach acht war. »Keine Ahnung. Meine Eltern werden erst einmal mit mir reden wollen, hoffentlich komme ich heute Nacht noch dazu, ein wenig zu recherchieren. Auf jeden Fall melde ich mich morgen, sobald ich mehr weiß. Leider ist mein Latein nicht das beste …«

Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht der Buchbinderin aus. »Das kann ich kaum glauben. Immerhin konntest du sofort sagen, dass es in diesem Text um Böden oder den Anbau von Früchten geht. Das finde ich vielversprechend.«

»Sie verraten doch niemandem von diesem Buch, bis ich herausgefunden habe, worum es dabei wirklich geht?« Bittend sah ich sie an.

Ein paar Lachfältchen vertieften sich um ihre Augen. »Keine Sorge. Ich finde das selber viel zu aufregend, als dass ich es einfach aus der Hand geben würde. Das Restaurieren von Büchern ist nur selten spannend. Ich bin mir sicher, diese Chance habe ich nur einmal in meinem Leben. Hauptsache, du verrätst mir, was du entdeckst!«

»Versprochen! Wahrscheinlich melde ich mich schon morgen Vormittag.«

Damit trat ich wieder auf die enge Gasse mit dem Kopfsteinpflaster und machte mich auf zu meinem Elternhaus, das nur wenige Hundert Meter entfernt lag.

Meine Mutter öffnete, umarmte mich und ging dann voraus in die Küche, wo mein Vater wie immer über eine Zeitung gebeugt am Tisch saß und erfreut aufblickte, als ich eintrat. Ich warf meine Tasche auf einen freien Stuhl, schenkte mir einen Tee ein und setzte mich dann zu ihnen.

Meine Mutter kam ohne Umschweife zur Sache. »Was hat Bruni denn da Geheimnisvolles gefunden? Ich konnte ihr einfach nichts entlocken.«

Fast hätte ich ihr alles erzählt. Aber dann machte ich nur eine wegwerfende Handbewegung. »Nichts Besonderes. Sie vermutet ein verborgenes Manuskript unter der Schrift des Buches. Jetzt geht es darum, diese ältere Schrift ordentlich zu datieren, damit wir da nichts durcheinanderbringen. Ist gar nicht so selten in diesen mittelalterlichen Schriften.«

Ich wollte die beiden nicht unnötig aufregen. Sie hatten schon immer die Neigung, an allen möglichen und unmöglichen Orten Gefahren für mich zu wittern, die sie mir dann nach Kräften aus dem Weg räumten, was mir oft unangenehm oder sogar peinlich war. Ich erinnerte mich an Gespräche mit meinen Lehrern, die mir heute noch die Schamesröte in das Gesicht trieben.

Mein Vater schien sich mit meiner lapidaren Aussage zufriedenzugeben, doch meine Mutter runzelte die Stirn. »Kann man so eine alte Schrift überhaupt leserlich machen, ohne die andere zu zerstören? Ist das nicht ein Risiko, das ihr da eingeht? Was, wenn das Buch sich nicht mehr wiederherstellen lässt?«

Beruhigend legte ich meine Hand auf die ihre. »Mama, jetzt zerbrich dir nicht meinen Kopf. Es geht im Moment nur darum, sich die Sache mal anzuschauen.« Um sie abzulenken, wechselte ich das Thema. »Wie geht es euch denn? Was macht der Kampf gegen die Brombeeren hinten im Garten?«

Mein Vater lachte. »Es ist noch so früh im Jahr, dass wir den Kampf noch gar nicht wiederaufgenommen haben.«

Den Rest des Abends verbrachten wir mit Erzählungen von den Marotten meiner Mitbewohner, von meinem Ärger mit Erik und meinem Verdruss mit dem Professor an meiner Universität. Dazu gab es mehrere Kannen feinen Kräutertee, den meine Mutter ungefragt immer wieder nachschenkte. Bis sie endlich auf die Uhr sah, die Hand vor den Mund schlug und erklärte: »Es ist schon nach Mitternacht! Ich muss morgen um acht vor meiner Klasse stehen. Höchste Zeit, ins Bett zu gehen!«

Sie küsste mich noch einmal zärtlich und verschwand dann. Mein Vater sah mich auf einen Schlag ernst an. »Ist es wirklich nichts Wichtiges, was ihr da in diesem Buch entdeckt habt? Oder willst du nur wieder einmal, dass sich deine Eltern keine Sorgen machen?«

Ende der Leseprobe