Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
«Holzers letzter Krimi» erzählt sec und witzig vom Zürich der Zünfte, Banken und Galerien. Es sind weder Geld noch Macht, die die Figuren Grenzen überschreiten lassen, sondern Liebe und Hass. Mehr Action und Sex fordert der Verleger Meier vom Krimiautor M. Holzer. Talentiert, aber erfolglos sitzt Holzer jeden Tag im Zürcher Café Odeon und sucht nach neuem Stoff. Unerwartet bringen zwei Frauen die Wende. Er trifft die Galeristin Annabelle Curti und erfindet die Privatdetektivin Gerda Lutz, die mit ihrem Dackel Tilly einem rätselhaften Doppelmord nachgeht. Mit der Inspiration kehrt auch die Liebe in Holzers Leben zurück. Er beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit der verheirateten Galeristin. Affäre und Krimi entwickeln sich im Gleichschritt, aber Holzer merkt nicht, dass das zurückgekehrte Glück nicht nur zerbrechlich, sondern auch gefährlich ist.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
PHILIPPE VETTERLI, 1952 in Zürich geboren, war während mehr als dreissig Jahren als Anwalt in Zürich tätig. Unter dem Pseudonym M. Holzer hat er 2018 den Roman «Null Risiko» publiziert. Daneben hat er für seine Enkel die illustrierte Geschichte «Als Gipsy beschloss nach Hause zu gehen und Sandra alleine liess» verfasst. Philippe Vetterli lebt in Stallikon bei Zürich und in Benissa, Spanien.
Für Mireille
Weiss gekachelte Wände, Betonsäulen, sechs Oberfenster und kaltes Neonlicht. Regale, auf denen Laborflaschen, Messkolben, Reagenzglasständer, Präparategläser, Edelstahlbehälter und medizinische Instrumente stehen. Der Sektionssaal. Die Atmosphäre ist klinisch, und es riecht penetrant nach Desinfektionsmittel.
Auf einem Edelstahltisch liegt die Leiche eines jungen Mannes. 171 Zentimeter gross, schlank, blondes langes Haar. Hinter dem linken Ohr befindet sich eine kleine Tätowierung: eine rote ungebundene Schleife.
Nach dem äusseren Erscheinungsbild zu urteilen, muss die Leiche zwischen zwei und drei Wochen im Wasser gelegen haben. Ihre Haut ist ausgelaugt und blass. An einigen Stellen hat sich die Oberhaut bereits in Fetzen abgelöst. Die Kopfhaare lassen sich leicht ausreissen. Das Gesicht ist stark zerfressen.
Prof. Dr. Peter Bienenstock, der Institutsleiter, sowie sein Stellvertreter, Oberarzt Dr. Alfred Kull, beugen sich über die Leiche. Ihre Schutzanzüge rascheln leise bei jeder Bewegung. Jeder hat ein Mikrofon umgehängt.
Nach Abschluss der äusseren Besichtigung diktiert Kull ins Mikrofon: «Die Leiche weist keine oberflächlichen Anzeichen von Gewalteinwirkung auf.»
Bienenstock nickt und beginnt mit der inneren Besichtigung: Er öffnet den Brustkorb, schneidet die Organe heraus, betrachtet sie sorgfältig und protokolliert deren Zustand, bevor er sie an Kull weiterreicht. Der entnimmt von jedem Organ drei Gewebeproben, die er für weitere Untersuchungen in Formalin fixiert.
Nachdem Kull fertig ist, legt Bienenstock die Organe in den Körper zurück und näht den Brustkorb wieder zu. Nach drei Stunden ist die Obduktion abgeschlossen, und die Leiche kann vom Präparator, einem kleingewachsenen Bodybuilder, zurück in den Kühlschrank gebracht werden.
Zwei Tage später liegen die Befunde der mikroskopischen, mikrobiologischen und toxikologischen Untersuchungen vor. Im Gewebe des Opfers fanden sich Spuren eines Nervengiftes, das auch in Pflanzenschutzmitteln Verwendung findet.
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
PROLOG
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
Montag, 19. April. Kein gewöhnlicher Montag. Nein, es war Sechseläutenmontag. Und die Stadt Zürich war in Festlaune. Der Holzstoss auf dem Sechseläutenplatz war aufgeschichtet. Zuoberst thronte der Böögg und blickte zur Altstadt hinüber. Seine Augen waren auf den Turm von St. Peter gerichtet, wo die Glocken des St. Peter um sechs Uhr seine letzte Stunde einläuten würden.
Holzer sass, wie jeden Vormittag, zuhinterst im Odeon an demselben kleinen Bistrotisch. Von diesem Platz hatte er den besten Überblick. Ein idealer Ort, um die Gäste diskret zu beobachten. Oder, wie er es nannte, Feldstudien zu betreiben. Vor ihm lag ein Stapel Tageszeitungen und, weil Sechseläuten war, stand daneben ein Glas Chardonnay. Obwohl er ein gebürtiger Zürcher war, befand er sich nicht in Feierstimmung. Missmutig schaute er aus dem Fenster. Die miserablen Verkaufszahlen seines letzten Krimis und die Vertragsauflösung, die ihm sein Verleger angedroht hatte, setzten ihm zu. Aus Verzweiflung hatte er ihm beim letzten Treffen einen Bestseller angekündigt und für Mitte April die ersten drei Kapitel in Aussicht gestellt. Ein Versprechen, das er heute sehr bereute, denn er hatte noch keine einzige Zeile zu Papier gebracht. Seit Wochen wartete er vergeblich auf den erlösenden Einfall. Holzer war frustriert.
Plötzlich betraten zwei Kostümierte das Odeon und setzten sich an den Nebentisch. Ein angeklebter Bart unterteilte das braun gefärbte Gesicht des Grösseren, der in ein arabisches Gewand gehüllt war. Der Kleinere trug ein weisses Hemd, die Hemdsärmel hochgekrempelt, eine schwarze Krawatte und eine schwarze Zipfelmütze. Ein bodenlanger Lederschurz komplettierte das Kostüm.
Ein Kämbler und ein Schmidenzünfter, dachte Holzer und brummte: «Schönes Sechseläuten!»
«Schönes Sechseläuten!», riefen die beiden fröhlich zurück und setzten, nachdem sie eine Flasche Riesling Sylvaner bestellt hatten, ihre Diskussion über die hohen volkswirtschaftlichen Kosten fort, die die Negativzinsen verursachten.
«Es braucht sie nicht. Die Wirtschaft hat sich den aktuellen Bedingungen angepasst. Der Wirtschaft geht es blendend», stellte der Kämbler zufrieden fest.
Und der Schmidenzünfter wetterte: «Negativzinsen sind blanker Unsinn. Denk nur an die Pensionskassen. Wo sollen die das Geld der Versicherten zinsbringend anlegen? Die müssen immer höhere Risiken eingehen, wollen sie eine Rendite erzielen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen!»
Der Kämbler stimmte ihm vorbehaltlos zu. Dann hob er sein Glas und sagte: «Auf ein schönes Sechseläuten, Fritz!»
«Prost, Boris. Auf ein schönes Sechseläuten!», erwiderte der Schmidenzünfter.
Immer mehr Kostümierte strömten jetzt ins Odeon. Sie grüssten und prosteten mit derselben Losung. Aus der Ferne hörte man den Sechseläutenmarsch. Ein Zunftspiel marschierte zu seinem Zunfthaus.
Holzer sass schon lange nicht mehr alleine an seinem Tisch. Ein Wiediker, der ihn in seinem Jägerkostüm und den braunen Strumpfhosen an Robin Hood erinnerte, ein Härdler mit weisser Perücke, Kniehose, Weste und kragenlosem Rock sowie ein Riesbächler mit feingefädelten Pluderhosen, hatten sich zu ihm gesetzt. Sie redeten über das gestrige Fussballspiel zwischen dem FC Zürich und dem FC Basel, das die Zürcher, wie so oft in der Vergangenheit, verloren hatten, über den Ausgang der Gemeinderatswahlen vom letzten Wochenende und besprachen – mit gedämpfter Stimme – noch einmal die Details des von ihnen bei den Schiffleuten geplanten Saubannerzugs. Zu guter Letzt wetteten sie, wie lang es dieses Jahr dauern würde, bis der Kopf des Bööggs explodierte.
«21 Minuten und 12 Sekunden», sagte der Härdler, «denn das Holz ist noch nass.»
Der Riesbächler widersprach. Siegessicher behauptete er: «Ach was, bei dem schönen Wetter dauert es bis zum finalen Knall höchstens 11 Minuten!»
Gespannt blickten jetzt beide auf den Wiediker Jägersmann. «Und, was meinst du?», fragte der Härdler.
Der Wiediker überlegte kurz, dann antwortete er: «Exakt 13 Minuten und 13 Sekunden ... das stimmt zwar garantiert sicher nicht, aber es tönt verdammt gut.»
«Aha, unser Paragrafenreiter!», stellte der Härdler fest und grinste. Und der Riesbächler meinte: «Okay, die Wette gilt!» Daraufhin reichten sich die drei die rechte Hand.
Holzer konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Als sie aufbrachen, rief er ihnen «Schönes Sechseläuten!» zu.
Kurz nach zehn war das Odeon wie ausgestorben. Die Zünfter hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen, denn um elf begann auf den Stuben das Mittagessen.
Holzer blieb als Einziger im Odeon zurück. Hier wartete er immer noch darauf, dass ihn der langersehnte Geistesblitz treffen würde.
Der 69-jährige Walter Fankhauser, von seinen Freunden Wafa genannt, hatte nach Abschluss der Kochlehre in Spitzenrestaurants auf der ganzen Welt gearbeitet. Vor 34 Jahren wurde ihm eine Liegenschaft an der Dammstrasse im Kreis 10 samt einer heruntergekommenen Quartierbeiz zum Kauf angeboten. Da die Eheleute Walter und Martha Fankhauser-Hediger ohnehin die Absicht hatten, sich in der Stadt Zürich, wo sie sich heimisch fühlten, niederzulassen, und der Preis äusserst attraktiv war, kauften sie kurzerhand das Haus. Ein Entscheid, den die beiden bis heute nie bereut hatten. Seit das Paar das Zepter übernommen hatte, hatte sich das Neubrück zu einem Spitzenrestaurant mit 18 Gault-Millau Punkten sowie zwei MICHELIN Sternen entwickelt. Das Stammpublikum setzte sich aus der städtischen Prominenz zusammen, und wer einen Tisch reservieren wollte, musste mit langen Wartezeiten rechnen. Das Restaurant war auf Wochen hinaus ausgebucht.
Seit vier Jahren blieb das Restaurant allerdings an drei Tagen die Woche geschlossen, nämlich von Sonntag bis und mit Dienstag. Walter Fankhauser hatte seiner Frau Martha versprochen, nach Erreichen des AHV-Alters kürzerzutreten. Dennoch brannte jeden Montagabend im hinteren Säli das Licht. Hier trafen sich zu Wochenbeginn Wafas Freunde zum gemeinsamen Pokerspiel: Franco Curti, Boris Blaser, Peter Bienenstock, Gregor Christen und Roland Hauri. So auch an diesem Sechseläutenmontag. Mit einer Ausnahme: Boris Blaser. Der war an diesem Abend im Haus zur Haue, dem Zunftlokal der Zunft zum Kämbel.
Während in der Küche Walter und Martha Fankhauser die letzten Vorbereitungen für den kleinen Imbiss trafen, sass der Rest vorfreudig am runden Tisch, der von Martha stilvoll gedeckt worden war, und unterhielt sich. «Kann mir einer sagen, wann der Kopf des Bööggs explodiert ist?», wollte Franco wissen.
Franco Curti war selbständiger Vermögensverwalter und Inhaber der Curti Financial Solutions. Er war Mitte fünfzig, grossgewachsen und hatte trotz seiner hundert Kilo eine sportliche Figur. Es war offensichtlich, dass er grössten Wert auf ein ästhetisches Erscheinungsbild legte, denn er trug ausschliesslich massgeschneiderte Anzüge. Er und Boris Blaser, Direktor und Verwaltungsratsmitglied der Privatbank Fortune Now, kannten sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei der Credit Suisse.
«Wenn’s einer ganz genau weiss, dann der Boris. Der stand an vorderster Front», antwortete Peter. Prof. Dr. Peter Bienenstock war Vorsteher des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Zürich und seit vielen Jahren ein guter Freund von Franco Curti. Sie waren Mitglieder desselben Golfclubs.
Peter Bienenstock war Pathologe aus Leidenschaft. Man erzählte sich, dass er als 11-Jähriger den Nachbarn, einen Kettenraucher und Trinker, nach einem Herzinfarkt tot im Garten gefunden hatte. Doch statt seiner Grossmutter, die im Haus nebenan wohnte, zu rufen, hatte er aus seinem Kinderzimmer seine Kodak Instamatic 100 geholt und Bilder vom toten Nachbarn gemacht. Auch während des Medizinstudiums interessierte er sich mehr für die Toten als für die Lebenden. «Leichen beklagen sich nicht. Leichen jammern nicht», pflegte er zu sagen.
«Hoffentlich hat es unserem Kameltreiber nicht den Bart verbrannt», spöttelte Gregor Christen mit einem hämischen Grinsen. Gregor Christen hatte 19 Semester Philosophie studiert und stand ein Jahr vor seiner Pensionierung. Nach Abschluss seines Studiums fand er keine Anstellung, die ihn befriedigte. Der Zufall wollte es, dass zur selben Zeit die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich mit dem Slogan «Bewege Zürich, komm zur VBZ!» neue Trampiloten suchten. Gregor Christen bewarb sich. Mehr so zum Spass. Und wurde prompt angestellt. Seither war er auf den Strassen Zürichs als Tramführer unterwegs.
Christen hatte die Entwicklung seines Stammlokals vom Quartierspunten zum Gourmetrestaurant hautnah miterlebt, und obwohl er dieser Entwicklung anfänglich skeptisch gegenüberstand, blieb er Stammgast. Schon wenige Wochen nach der Übernahme des Neubrück durch die Fankhausers freundete er sich mit dem Ehepaar an. Eine Freundschaft, die bis zum heutigen Tag anhielt.
«18 Minuten und 29 Sekunden. Haben sie im Radio 24 gesagt», meldete sich Roland Hauri zu Wort. «Da können wir uns aber auf einen schönen Sommer freuen», war er überzeugt.
Roland Hauri, Witwer seit sieben Jahren, war etwas über siebzig und hatte schlohweisse, schüttere Haare, die ihm in die Stirn hingen. Während mehr als vierzig Jahren war er Buchhalter bei der Kantonalen Drucksachen- und Materialzentrale gewesen. Nach seiner Pensionierung machte er für ein paar ausgewählte Privatkunden, zu denen auch Walter Fankhauser gehörte, weiterhin die Buchhaltung. Nur so zum Zeitvertreib, wie er stets beteuerte. Aber alle wussten, dass diese Beschäftigung für ihn die einzige Möglichkeit war, um über den Tod seiner Frau hinwegzukommen.
Unvermittelt öffnete sich die Tür zur Küche und Wafa betrat den Raum. Aus einem alten CD-Player dröhnte der Sechseläutenmarsch. «Weil heute Sechseläuten ist», rief er seinen staunenden Kollegen zu. In den Händen hielt er eine grosse silberne Platte, auf der delikate Häppchen kunstvoll um einen kleinen Scheiterhaufen, auf dem ein Miniatur-Böögg thronte, angeordnet waren. «Hey, Wafa, das sieht ja mega aus! Wie in echt!», schrien die anderen begeistert und klatschten im Takt des Marsches.
Bei der anschliessenden Pokerrunde sprang Martha für den abwesenden Boris ein. Sie war eine überaus gewiefte Spielerin, und im Bluffen konnte ihr niemand das Wasser reichen. Nicht einmal Boris, der von seinen Kollegen scherzhaft das «Pokerface» genannt wurde. So war niemand erstaunt, dass Martha, als Wafa die Runde um 23.00 Uhr auflöste, als Gewinnerin feststand.
Zehn Minuten später verliessen vier Männer das Neubrück und machten sich auf den Heimweg. Bis auf Franco Curti.
Franco Curti hatte seinen Maybach in der Blauen Zone der Habsburgstrasse parkiert. Vom Neubrück bis zum Wagen waren es lediglich ein paar Schritte. Die Nacht war sternenklar und für die Jahreszeit aussergewöhnlich mild. Curti ertappte sich, wie er auf dem Weg zum Auto Only God can judge me now summte. Er freute sich auf das bevorstehende Treffen mit Roy. Entspannt setzte er sich hinters Lenkrad und fuhr los. Um diese Zeit waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs, und er hoffte, in einer Viertelstunde im Hyatt einzutreffen. Zu seiner Verwunderung hatte sich auf der Bahnhofbrücke ein Rückstau gebildet und verunmöglichte ein zügiges Fortkommen. Die Zünfte auf ihrem nächtlichen Auszug blockierten die Strassen rund um den Bahnhofplatz. Curti wurde unruhig, denn er hatte Roy versprochen, um halb zwölf bei ihm zu sein. Eilig kramte er aus der Tasche seines Jacketts sein Handy hervor und wählte Roys Nummer. Doch statt Roys Stimme kam die Combox. Genervt legte er auf. In diesem Augenblick pochte ein Beduine an das Seitenfenster seines Maybachs. Curti zuckte zusammen. Erschrocken blickte er durch das geschlossene Fenster und stellte erleichtert fest, dass es Boris war, der mit seinen Mitzünftern vor dem Schweizerhof darauf wartete, eingelassen zu werden. Curti liess die Scheibe runter, und die beiden Freunde tauschten ein paar belanglose Worte aus. Endlich, nach einer Viertelstunde konnten die Kämbler in den Schweizerhof eintreten und Curti seine Fahrt fortsetzen.
Trotz der späten Stunde war die Parkgarage des Park Hyatt immer noch gut besetzt. Wahrscheinlich wegen des Sechseläutens, mutmasste Curti und lenkte seinen Maybach ohne Umschweife zu den Parkplätzen, die den Dauermietern vorbehalten waren.
Wie jeden Montag hatte er die Ambassador Suite im fünften Stock gebucht. Curti nahm den Lift, der ihn von der Garage direkt in den fünften Stock führte. Das Einchecken erübrigte sich. Curti war seit Februar Stammgast. Lautlos öffnete er die Tür zur Suite. Das Licht war gedämpft. Die Vorhänge zurückgezogen. Die grosszügigen Fenster gaben den Blick frei auf die Lichter der Stadt Zürich. Aus der Ferne drangen Fetzen des Sechseläutenmarsches bis ins Zimmer.
Auf dem Bett fläzte sich ein junger, sehniger Mann, das Champagnerglas in der Hand. Er war nackt. «Du bist heute spät dran», monierte Roy mit einem vorwurfsvollen Unterton in seiner Stimme. «Tut mir leid. Ich habe versucht, dich anzurufen, aber du hast nicht abgenommen. Die Zünfte auf ihrem Auszug verstopften die Strassen. Es gab kein Durchkommen», entschuldigte sich Curti und warf ein Briefchen mit Kokain sowie sechshundert Franken auf den Salontisch. «Da, nimm!»
«Endlich!» Roy griff hastig nach dem Briefchen, riss das Papier auf und zog mit einem Aluminiumröhrchen, das er wie ein Amulett um den Hals trug, gierig das weisse Pulver ein. «Ah ... jetzt geht’s mir schon wieder viel besser.» Er lächelte entspannt und machte sich an Curtis Kleidung zu schaffen. Mit wenigen Handgriffen zog er ihm Blazer, Hemd, Hose und Unterwäsche aus. Sekunden später lagen sie nackt im Bett.
Als Curti nach Hause kam, war alles dunkel. Mit Rücksicht auf seine schlafende Frau zog er sich im Badezimmer aus und schlich sich auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer. Er wollte Annabelle nicht wecken. Zu seiner Verwunderung lag seine Frau jedoch nicht im Bett. Er zündete das Licht an und stellte fest, dass sie nicht zu Hause war. Jetzt erinnerte er sich: Annabelle wollte sich zusammen mit Yvonne Bienenstock den Zug der Zünfte anschauen und abends in der Zürcher Altstadt die Zünfte auf ihrem Auszug begleiten. Er wusste aus Erfahrung: Wenn Annabelle mit Yvonne unterwegs war, wurde es regelmässig spät. Beruhigt legte er sich ins Bett und schlief sofort ein.
Yvonne Bienenstock liebte das Sechseläuten. Ihr Vater war stolzer Hottinger Zünfter und hatte mit seiner Begeisterung fürs Zunftleben seine Tochter angesteckt. Seit ihrem fünften Altersjahr hatte Yvonne kein Sechseläuten verpasst. Als Kind durfte sie sowohl am Kinderumzug als auch am Zug der Zünfte mitmarschieren. Später war sie sogar Ehrendame und konnte die Ehrengäste auf ihrem Marsch zum Böögg begleiten. Noch immer denkt sie mit Wehmut an diese Zeit zurück. Heute sass sie zusammen mit den anderen Zünftersfrauen am Strassenrand, verteilte Rosen und Küsschen und bedauerte, dass ihr Mann keinerlei Interesse am Zunftleben zeigte. Dabei hätte er als Tochtermann problemlos der Zunft beitreten können.
Annabelle kam gegen vier Uhr nach Hause. Sie war aufgekratzt und hatte Lust auf Sex. Sie stürmte ins Schlafzimmer und zog mit einem Ruck Francos Deckbett weg.
«Was soll der Quatsch?», zischte Franco mit schlaftrunkener Stimme.
«Hallo, Schatz. Ich bin’s. Ich will mit dir schlafen!», rief sie erregt.
«Lass mich gefälligst in Ruhe. Ich bin müde und habe morgen früh einen wichtigen Termin», brummte Franco verärgert und deckte sich wieder zu.
Enttäuscht schlief Annabelle ein.
Angespannt sass Holzer an diesem regnerischen Dienstagvormittag im 5er und fuhr in Richtung Bahnhof Enge. Er war total übernächtigt. Die ganze Nacht hatte er an seinem Schreibtisch gesessen und fieberhaft gegrübelt. Gegen drei Uhr morgens hatte er mit dem Schreiben angefangen.
Auf dem Sechseläutenplatz stieg aus der Asche des Bööggs noch dünner Rauch auf. Durch die beschlagenen Scheiben des Trams erspähte Holzer geisterhaft ein paar kostümierte Gestalten. Vermutlich waren es Zünfter, die sich nach einer durchzechten Nacht auf dem Heimweg befanden. In der ausgebeulten Mappe aus grobem Leder, die er unter den rechten Arm geklemmt hatte, befanden sich der Text, den er vor wenigen Stunden mühevoll zu Papier gebracht hatte, sowie ein bruchstückhaftes Inhaltsverzeichnis. Es sollte das Gerüst für einen packenden Krimi sein. Zu mehr hatte es in dieser Nacht nicht mehr gereicht.
Holzer hatte sich für halb elf mit seinem Verleger verabredet, dessen Büro sich am Bleicherweg 49 befand. Er klingelte bei einer Jugendstilvilla. Ein Summton gab ihm das Zeichen, dass er die Eingangstür aufdrücken konnte.
Die Büroräumlichkeiten der Arco Verlags GmbH befanden sich im dritten Stock. Auf der gleichen Etage befanden sich eine Arztpraxis sowie eine Anwaltskanzlei. Holzer nahm den Lift. Drei goldene, gleich grosse Schilder, alle mit derselben Schriftart versehen, zierten die drei Eingangstüren. Auf der linken Seite einer jeden Tür war ein Klingelknopf mit dem Hinweis «Bitte läuten und eintreten» angebracht. Holzer trat ein, ohne zu klingeln.
Christine Dörig, Meiers langjährige Assistentin, war gerade am Telefon. Als sie Holzer erblickte, gab sie ihm das Zeichen, sich zu setzen. Er nickte und nahm auf einem der beiden Stühle Platz, aber nur auf der Kante und in verkrampfter Haltung. Die Ledermappe hielt er mit beiden Händen fest umklammert, als müsste er etwas Wertvolles schützen. In Wirklichkeit wollte er sich bloss an etwas festhalten.
Nach langen zwei Minuten legte Christine auf. «Eric ist heute miserabel aufgelegt. Ich hoffe, dein Manu wird ihn aufheitern!»
Toll, dachte Holzer und hätte am liebsten rechtsumkehrt gemacht. Stattdessen fragte er: «Und, wie geht’s dir?» Doch statt zu antworten, sagte sie: «Ich melde dich an.»
Eric Meier, ein kleiner bulliger Mann mit einem fast kahlen Schädel, thronte auf seinem klobigen Chefsessel hinter einem wuchtigen Schreibtisch aus massiver Eiche. Links und rechts türmten sich die Manuskripte. «Setz dich!», befahl er gereizt und wies Holzer mit einer autoritären Handbewegung an, auf einem der beiden Besuchersessel Platz zu nehmen. «Zeig her, was du hast!», forderte er barsch. Nervös öffnete Holzer seine Mappe, entnahm dieser die wenigen Seiten und überreichte sie Meier.
«Ist das alles? Das sind ja nur vier Seiten!», stellte Meier empört fest.
«Und das Inhaltsverzeichnis», ergänzte Holzer kleinlaut. «Ja, aber du hast mir für Mitte April die ersten drei Kapitel in Aussicht gestellt!», antwortete Meier spitz. Holzer schwieg und lächelte gequält. Meier überflog die paar Seiten. Und je mehr er las, desto stärker verdüsterte sich seine Miene.
«Das soll ein Krimi werden?», schimpfte er. «Ich will Action kombiniert mit einer gehörigen Portion Sex! Verstehst du? Action und Sex! Und das ab der ersten Seite! Ich will auf der ersten Seite mindestens eine Leiche haben. Hast du kapiert? Spannung und Sex müssen her, sonst verkauft sich das Buch nicht. Mit diesem Schwachsinn lockst du keinen Hund hinter dem Ofen hervor!», tobte Meier. Er zerknüllte die Seiten und schmiss sie im hohen Bogen in den Papierkorb, den er wie gewohnt zielsicher traf.
Mit einem derart vernichtenden Urteil hatte Holzer nicht gerechnet. Er war der Meinung, mit der Geschichte vom Pfarrer, der im Hauptbahnhof von einem Unbekannten, der, wie sich später herausstellen sollte, der rechten Szene angehörte, vor den einfahrenden Zug gestossen wurde, eine ausbaufähige Grundlage für eine mitreissende Story zu haben. Frustriert senkte er seinen Blick und schwieg.
«Was ist? Hat es dir die Sprache verschlagen?», polterte Meier. «Ich weiss, dass du Talent hast. Ich glaub an dich. Genau darum gebe ich dir noch einmal eine Chance, wenn auch eine allerletzte. Spätestens Ende Juli will ich dich wiedersehen. Aber dann mit einem Knüller! Hast du verstanden?»
Holzer wirkte ernüchtert. Wortlos erhob er sich von seinem Sessel, klemmte seine Ledermappe unter den Arm und schlich sich gesenkten Hauptes davon. Beim Vorbeigehen wünschte ihm Christine alles Gute.
Holzer stand auf dem Trottoir vor dem Haus Zur Bleiche. Noch immer prasselte der Regen nieder. Er wusste nicht so recht, wohin er gehen sollte. Er war den Tränen nahe und musste zuerst die Fassung wiederfinden. «Komm schon, Holzer, gehen wir ins Odeon! Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um sich gediegen volllaufen zu lassen!», schlug ihm seine innere Stimme vor.
Weil gerade kein Tram in der Nähe war, machte er sich zu Fuss auf den Weg. Unvermittelt blieb er vor dem Schaufenster der Kunstgalerie ARTE.44 stehen. Holzer war nicht gerade ein Liebhaber zeitgenössischer Kunst, doch das ausgestellte Bild faszinierte ihn, und er betrachtete es intensiv.
«Gefällt es Ihnen?», hörte er eine Stimme hinter sich fragen. Er zuckte zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass sich die Galeristin neben ihn gestellt hatte. «In der Galerie habe ich noch mehr davon, falls es Sie interessiert.» Ihr Lächeln war charmant.
«Und ob es mich interessiert. Diese Art Bilder gefällt mir», antwortete er und betrat die Galerie. Sieben weitere Werke des gleichen Künstlers waren hier ausgestellt. Holzer war beeindruckt.
«Sind Sie auch Kunstschaffender?»
«Ich? Nein, wo denken Sie hin? Ich schreibe Kriminalromane. Ich weiss nicht, ob man das als Kunst bezeichnen kann», lautete Holzers zurückhaltende Antwort.
«Ich liebe Krimis! Wie ist Ihr Name?»
«Holzer.»
«Holzer? Tut mir leid. Noch nie gehört.»
«Kein Wunder. Mein letzter Krimi war ein Flop.»
«Oh je, das tut mir leid. Aber der Holzer hat bestimmt auch einen Vornamen?»
«Selbstverständlich ... M.»
«M? Das ist aber ein merkwürdiger Vorname.»
«Ich weiss. Darum nennen mich alle nur Holzer.»
«Und ich heisse Annabelle.»
«Annabelle! Was für ein schöner, zutreffender Name!» Annabelle lächelte geschmeichelt.
Kappelergasse 16 in Zürich 1. Im siebten Stock befand sich seit über zwanzig Jahren der Sitz der Curti Financial Solutions. Die Räume waren modern eingerichtet, aber bewahrten dank den alten Holzböden, den hohen Fenstern und den Stuckdecken den Charme der Jahrhundertwende. An den Wänden hingen die Originale junger, unbekannter Künstler sowie teure Reproduktionen alter Meister. Eine Kombination, die wunderbar harmonierte. Die Auswahl der Bilder hatte Annabelle getroffen.
Franco Curti, Boris Blaser und Jorge Rodríguez, Abgeordneter im venezolanischen Parlament sowie CEO der Banco de Desarrollo Económico y Social de Venezuela und verantwortlich für die Finanzen des Sanchiz-Clans, hatten sich an diesem Mittwochmorgen im Besprechungszimmer versammelt. Sie wollten neue Anlagemöglichkeiten besprechen. «Ihr wisst: Die Sicherheit des Geldes hat oberste Priorität. Die Rendite ist zweitrangig», betonte Rodríguez. In seinem Aktenkoffer, der offen auf dem Besprechungstisch lag, befand sich schön gebündelt eine Million US-Dollar. Curti schaute Rodríguez prüfend in die Augen. «¿Como siempre?»
«¡Claro!», antwortete Rodríguez, «wie immer», und grinste. Daraufhin schloss Blaser den Aktenkoffer und nahm ihn an sich. Gemeinsam verliessen die drei Männer das Haus. Am Paradeplatz trennten sich ihre Wege. Blaser kehrte in sein Büro zurück. Curti und Rodríguez begaben sich ins Restaurant Heugümper, wo sie von Annabelle und Olivia bereits erwartet wurden.
Olivia war Rodríguez’ Geliebte, die ihn auf all seinen Auslandreisen begleitete. Heute trug sie einen kurzen, enganliegenden schwarzen Rock, eine rote Seidenbluse und darüber einen schwarzen Blazer. Ihre langen schwarzen Haare fielen über ihre Schultern. Mit ihren roten Highheels überragte sie Rodríguez um Haupteslänge, was diesen nicht weiter zu stören schien.
Während die Männer ihre geschäftlichen Angelegenheiten geregelt hatten, kümmerte sich Annabelle um Olivia. Sie hatte ihr die neu eingetroffenen Bilder gezeigt. Olivia war von Annabelles Sachkenntnis tief beeindruckt. Staunend fragte sie, woher sie dieses Know-how hatte. Dabei erfuhr sie, dass Annabelle an der Universität Zürich Kunstgeschichte studiert und zum Thema «Die Rolle der Frau in der Malerei des 18. Jahrhunderts» eine Dissertation geschrieben hatte.
«Und, wie haben dir die Bilder gefallen?», wollte Jorge wissen, als er sich neben Olivia an den Tisch gesetzt hatte.
«¡Fantastico!»
«Sie gehören dir, mein Schatz!»
«¿Todas?», fragte sie ungläubig.
«¡Si, todas!», antwortete er und lächelte.
Von Jorges Grosszügigkeit überwältigt fiel ihm Olivia spontan um den Hals und küsste ihn innig, während ihre Hand unter den Tisch rutschte. Annabelle schaute beschämt weg. Sie hätte von Jorges junger Gespielin etwas mehr Taktgefühl erwartet.
Am nächsten Donnerstag sass Holzer an seinem Stammplatz im Odeon und durchforstete die Tageszeitungen nach möglichen Ideen für einen blutgeilen und mit Sexszenen gespickten Krimi. Die Rubriken Unglücksfälle und Verbrechen gaben einmal mehr nicht viel her: Zwei Verletzte bei Messerstecherei an der Langstrasse. 87-jähriger Mann nach Überfall blutüberströmt angetroffen. Frau kommt bei Wohnungsbrand ums Leben. Segelflugzeug stürzt bei Landung ab und bleibt in den Bäumen hängen. Ehemaliger Finanzchef von Citronelle hat Millionen für Fussball abgezweigt.
Alles abgedroschen. Alles schon da gewesen. Zu wenig spektakulär. Holzer suchte weiter und stiess in der WOZ auf folgende Überschrift: Unschuldig verurteilt. Wie ein Compliance Officer als Bauernopfer vorgeschoben wurde.
Geldwäscherei? Unschuldig verurteilt? Das ist es! Das ist der Stoff für einen guten Zürcher Krimi. Ein Mord, nein, mehrere Morde, Holzer dachte dabei an barbarische Rachemorde, verübt von einem zu Unrecht verurteilten Banker. Das würde das Kernstück der Story bilden, und als Zugabe durfte der von Meier geforderte Sex selbstverständlich nicht fehlen. Die Idee für den perfekten Krimi war in diesem Augenblick geboren. «WOZ sei Dank!», rief er begeistert. Sein Ausruf bewirkte, dass sich einige Gäste verdutzt nach ihm umsahen. Sogar Giovanni wurde von diesem Gefühlsausbruch überrascht und warf ihm einen entgeisterten Blick zu.
Holzer, erleichtert, endlich die Lösung für sein Problem gefunden zu haben, riss den Artikel aus der WOZ heraus und verstaute ihn in seiner Ledermappe. Danach winkte er Giovanni zu sich, bezahlte seine Konsumation, einen Cappuccino sowie zwei Gipfeli, und trat ins Freie.
Das schöne Wetter motivierte Holzer zu einem Spaziergang am See. Auf dem Weg zur Seepromenade überquerte er den Sechseläutenplatz und das Utoquai. Er schlenderte am Seebad Utoquai vorbei, wo die ersten Gäste auf den Planken lagen. Zum Schwimmen war der See zwar noch viel zu kalt, aber ein Sonnenbad tat es allemal. Die frisch herausgeputzten Pedalos schwankten sanft auf den Wellen, während der Bootsverleiher auf Mieter wartete. Aus kleinen Boxen in der Ecke eines Wurststandes dudelte Volksmusik. Zwar war es erst Donnerstagnachmittag, nichtsdestotrotz war die Seepromenade stark bevölkert. Die Sonne hatte nach dem Dauerregen der letzten Tage die Menschen aus ihren Wohnungen gelockt.
Holzer spazierte bis zum Strandbad Tiefenbrunnen, wo er ein belegtes Brötchen ass und ein Bier trank. Er war gut gelaunt. Seine Idee vom Biedermann als gedungener Rachemörder stimmte ihn fröhlich.
Auf einmal verspürte er ein heftiges Verlangen, Annabelle wiederzusehen. Kurzerhand ging er zum Bahnhof Tiefenbrunnen. Mit dem 2er fuhr er bis zum Paradeplatz. Beim Aussteigen beschlich ihn ein mulmiges Gefühl. Wie sollte er Annabelle seinen Überraschungsbesuch erklären? «Ich war grad in der Nähe, da habe ich mir gedacht, ich ...», sprach er zu sich selbst und verwarf sogleich diese Form der plumpen Anmache. Sein nächster Gedanke war: Sag ihr doch einfach, dass du sie sehen wolltest. Das ist ehrlich und wirkt nicht gekünstelt.
Holzer trat ein. Annabelle, sie trug einen marineblauen Businessanzug und eine rosa Bluse, die einem Herrenhemd ähnlichsah, war gerade dabei, einem interessierten Besucher ein Bild zu zeigen. Sie stand mit ihrem ausgestreckten rechten Arm vor einem riesigen Gemälde und deutete mit dem Zeigfinger auf ein Detail am oberen linken Bildrand. Holzer verstand nicht, was sie sagte, aber ihre anmutige Körperhaltung faszinierte ihn. Und ohne es zu wollen, stellte er sich Annabelle nackt vor.
Als Annabelle seiner Gewahr wurde, rief sie laut: «Hallo, M!» Holzer fühlte sich bei seinen frivolen Gedanken ertappt und spürte, wie ihm die Hitze in den Kopf schoss. «Darf ich dir Peter Bienenstock vorstellen. Er ist ein enger Freund meines Mannes und ein Aficionado zeitgenössischer Kunst. Genau wie du ...»
Bienenstock machte einen Schritt auf Holzer zu. Der streckte ihm zum Gruss seine Hand entgegen und Bienenstock ergriff sie kraftvoll.
«... Holzer ist Autor. Er schreibt Krimis», setzte Annabelle die Vorstellung fort.
«Krimis? Womöglich mit vielen Toten?», fragte Bienenstock und schmunzelte.
«Du musst wissen, Peter Bienenstock ist Gerichtsmediziner. Er liebt Leichen über alles», erklärte Annabelle und sah ihn dabei augenzwinkernd an.
«Ach was, die Zahl der Leichen ist zweitrangig. Viel wichtiger ist es, Spannung aufzubauen und den Leser zu fesseln ...», erklärte Holzer.
«... und wie immer wird am Ende jeder Fall gelöst», fuhr der Rechtsmediziner fort.
«So ist es. Jeder Täter macht irgendwann mal einen Fehler, der ihm früher oder später zum Verhängnis wird. Der Mensch ist von Natur aus nicht perfekt. Darum kann es den perfekten Mord nicht geben», stimmte Holzer ein.
«Genau! Davon lebt ein guter Krimi: Es braucht immer einen smarten, wenn möglich etwas schrägen Kommissar und zu guter Letzt einen überführten Täter ...» Das Klingeln seines Handys unterbrach Bienenstocks Ausführungen. Nach einer einsilbigen Antwort verabschiedete er sich von der Runde.
«Darf ich dich zum Nachtessen einladen?», fragte Annabelle aus heiterem Himmel und schob sogleich eine Erklärung nach: «Ich habe jede Menge Zeit. Mein Mann kommt am Montag nie vor Mitternacht nach Hause.»
Holzer, von Annabelles spontaner Einladung überrumpelt, konnte seine Verlegenheit nicht verbergen. «Sehr gerne ... aber dein Mann? ... Hat er nichts dagegen?», stammelte er unbeholfen.
«Franco? Nein, nein ... und wenn, wäre Franco meine Sorge ... die Galerie ist bis sieben geöffnet. Ich warte auf dich!»
Holzer, immer noch sprachlos, strahlte übers ganze Gesicht. Annabelle faszinierte ihn. Noch nie hatte er eine Frau getroffen, die das Damen- und Mädchenhafte auf so verwirrende Art in sich vereinigte wie sie. In der Zwischenzeit waren zwei weitere Besucher in die Galerie eingetreten. Er verabschiedete sich und trat vor die Tür. Von draussen beobachtete er Annabelle diskret, wie sie den beiden die ausgestellten Werke verständlich machte.
Pünktlich um sieben war Holzer zurück in der Galerie. Annabelle stand hinter der Theke und ordnete Papiere. Sie hatte ihre Jacke schon angezogen und war bereit zum Gehen. «Toll siehst du aus», sagte sie, als sie ihn erblickte. «Man tut sein Bestes», erwiderte Holzer in seiner bescheidenen Art, und lächelnd fügte er hinzu: «Das Mindeste, was man tun kann, wenn man von einer schönen Frau eingeladen wird.»
«Charmeur!», konterte sie mit einem herzhaften Lachen.
«Ich habe im Metropol für uns einen Tisch reserviert», sagte sie beim Verlassen der Galerie. «Ich hoffe, du magst die japanische Küche. Du wirst sehen, der Koch ist ein wahrer Künstler.»
Holzer lächelte. «Da bin ich aber gespannt.»
Das Metropol war nur wenige Schritte von der Galerie entfernt und bekannt für seine authentische japanische Küche. Die Atmosphäre war eher cool und kreativ als ruhig und romantisch. Annabelle war Stammgast und wurde vom Küchenchef persönlich begrüsst. «Was kannst du uns heute empfehlen?», fragte sie auf dem Weg zur Champagnerbar.
«Ich habe frischen roten Thunfisch. Vor zwei Stunden eingetroffen», schwärmte er. «Wie wär’s mit einem Tuna Tataki, einem kurz angebratenen Thunfisch, als Hauptgang?»
«Super. Das tönt sehr verlockend. Und zur Vorspeise ein KarottenIngwer-Süppchen und danach die lauwarme Sesam-Aubergine», setzte sie ihre Aufzählung fort. «Was meinst du?»
«Einverstanden!», antwortete Holzer gut gelaunt, obwohl ihm sämtliche Gerichte fremd waren.
«Eine vortreffliche Wahl. Ihr werdet nicht enttäuscht sein», versprach der Küchenchef und verschwand in Richtung der Küche. Vor der Küchentür drehte er sich ein letztes Mal um und rief den beiden zu: «Geniesst in der Zwischenzeit den Champagner!»
«Wieso Champagner?», wunderte sich Holzer.
Annabelle antwortete mit einem strahlenden Lächeln: «Weil ich mit dir auf dein neues Krimi-Projekt anstossen will.»
Während des Nachtessens erfuhr Annabelle, dass Holzer seit mehr als zwanzig Jahren geschieden war und eine erwachsene Tochter hatte. «Sie heisst Valery. Sie hat Germanistik und Pädagogik studiert und unterrichtet seit drei Jahren in Obfelden an der Oberstufe. Hier hat sie auch Cyrill, ihren zukünftigen Ehemann, kennengelernt. Die beiden werden anfangs August heiraten», erzählte er mit leuchtenden Augen.
«Und du? Hast du nie daran gedacht, eine neue Beziehung einzugehen?», wollte Annabelle wissen.
«Als Autor ist man viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das hält auf Dauer keine Frau aus.»
«Und Freundinnen?»
«Ich kenne viele Leute, auch Frauen», lautete seine sibyllinische Antwort.
«Und jetzt kennst du eine Weibsperson mehr», fügte sie an und lächelte verführerisch.
Holzer schwieg. Annabelles Direktheit verwirrte ihn.
Der Küchenchef hatte nicht zu viel versprochen. Das Essen war himmlisch und begeisterte Holzer unerwartet.
«Soll ich dich nach Hause fahren?», fragte Annabelle, als sie auf die Fraumünsterstrasse hinaustraten.
«Ein bisschen frische Luft könnte mir nicht schaden», antwortete Holzer und lehnte Annabelles Angebot dankend ab.
«Wenn du meinst.»
Holzer glaubte, in ihrer Stimme Zeichen leichter Enttäuschung ausmachen zu können. «Ich schaue in den nächsten Tagen bei dir vorbei», versprach er. Im Innersten ärgerte er sich, dass er ihr Angebot ausgeschlagen hatte.
«Das will ich auch hoffen», erwiderte Annabelle und gab ihm zum Abschied einen herzhaften Kuss.
Um Mitternacht traf Holzer in seiner Wohnung an der Gloriastrasse ein. Obwohl er müde war, setzte er sich an seinen Schreibtisch. Er wollte sich unbedingt noch heute Nacht die wichtigsten Stichworte für seinen Krimi notieren. Als er zu Bett ging, war es fast vier.
Ein lautes Hupen riss Holzer aus seinen Träumen. Der Blick auf den Wecker zeigte ihm, dass er verschlafen hatte. Mit einem Satz sprang er aus dem Bett, eilte ins Bad, duschte, kleidete sich an, steckte noch schnell den WOZ-Bericht in die Ledermappe, holte sein Fahrrad aus dem Unterstand hervor und pedalte ins Odeon.
Giovanni, der langjährige Kellner, schaute Holzer, als dieser um fünf vor elf das Lokal betrat, verblüfft an. «Dormire troppo?»
«Si», antwortete Holzer und bestellte einen doppelten Espresso.
«Heute keine Tageszeitungen?», fragte Giovanni, als er den Kaffee servierte. Holzer verneinte und nahm stattdessen seinen Computer sowie den Zeitungsartikel aus der Ledermappe. Danach las er noch einmal den Bericht über den unschuldig verurteilten Banker und musste erkennen, dass er ohne Beizug eines rechtskundigen Experten nicht weiterkam. Begriffe wie Compliance und Compliance Officer waren ihm fremd. Zum Glück hatte er einen Freund, der Strafverteidiger war und den er bei seinen Recherchen schon oft zu Rate gezogen hatte. Er nahm sein Handy und rief ihn an. Sie vereinbarten, sich am nächsten Tag um die Mittagszeit im Odeon zu treffen.
Dr. Antoine Egli, Strafverteidiger mit dem Spezialgebiet Wirtschaftsstrafrecht und Privatdozent an der Fachhochschule Luzern, war Partner einer angesehenen Anwaltskanzlei im Zürcher Seefeld. Seine einst dunklen Haare waren angegraut, aber immer noch dicht. Beim Betreten des Odeons trug er einen massgeschneiderten dunkelblauen Nadelstreifanzug. Giovanni, von Holzer instruiert, ging sofort auf den Neuankömmling zu und fragte ihn: «Sind Sie Dottore Egli?» Der bejahte. Daraufhin wurde er von Giovanni zu Holzers Tisch geführt.
«Danke, dass du dir Zeit nehmen konntest», begrüsste ihn Holzer, «ich weiss das sehr zu schätzen!»
Egli winkte ab und sagte: «Ist doch selbstverständlich. Allerdings habe ich um zwei einen Termin bei der Staatsanwaltschaft. Eine Zeugeneinvernahme.»
«Kein Problem», antwortete Holzer verständnisvoll, «die Zeit reicht.»
Noch bevor Holzer eine Frage stellen konnte, legte Egli, der es gewohnt war zu dozieren, los: «Im Prinzip geht es bei der Geldwäscherei darum, die durch Straftaten erlangten Bargeldmengen in den Finanz- oder Wirtschaftskreislauf einzuspeisen. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, erfolgt dies meistens in kleineren Teilbeträgen. Zu diesem Zweck kann zum Beispiel ein Netz von Kunstgalerien aufgebaut werden. Aber auch Immobilien und Luxusgüter sind interessant. Wichtig dabei ist, dass diese Güter stets bar bezahlt werden. In einem nächsten Schritt werden diese Gelder in einer Vielzahl von Transaktionen hin- und hergeschoben, bis deren kriminelle Herkunft nicht mehr nachgewiesen werden kann.»
Holzer hörte ihm interessiert zu und machte sich eifrig Notizen.
«Und dann?», fragte er.
«Ist das Geld erst einmal gewaschen, wird es wie das Ergebnis rechtmässiger Geschäftstätigkeit genutzt.»
«Das heisst, es werden Firmenanteile, Liegenschaften, Wertschriften oder Lebensversicherungen erworben», schlussfolgerte Holzer.
«So ist es.»
«Und was muss ich unter Compliance verstehen?»
«Hier geht es darum, dass geprüft wird, dass Gesetze, Richtlinien und freiwillige Verhaltensregeln, die sich die Unternehmen selber auferlegt haben, von den Unternehmen auch tatsächlich eingehalten werden. Diese Aufgabe obliegt regelmässig dem Compliance Officer.»
«Und der sitzt auf einem Pulverfass», stellte Holzer kurz und bündig fest.
«Wenn man den in der WOZ geschilderten Fall analysiert: Ja! Da wurde tatsächlich ein Unschuldiger verurteilt. Ein veritables Skandalurteil!», ereiferte sich Egli.
«Für mich das ideale Motiv für einen Rachemord. Jedenfalls in meinem Krimi», meinte Holzer mit einem vielsagenden Grinsen.
«Du weisst, ich erwarte ein Exemplar deines neuen Buches, und zwar mit einer persönlichen Widmung!», forderte Egli, als er sich von seinem ehemaligen Schulkameraden verabschiedete.
«Ehrensache!», gab Holzer zurück.
Unmittelbar nachdem sich Egli verabschiedet hatte, verliess auch Holzer das Lokal. Sein Ziel war die Kunstgalerie ARTE.44. Er wollte Annabelle besuchen.
Wie immer, wenn das Wetter trocken war, war er mit dem Fahrrad unterwegs. Er fuhr zum Paradeplatz, wo er sein Fahrrad direkt vor dem Schaufenster der Kunstgalerie abstellte und es mit einem altertümlichen Kettenschloss aus schwerem Stahl sicherte. Durch das Schaufenster konnte er sehen, dass sich Annabelle alleine in der Galerie aufhielt. Er freute sich.
Die Eingangstür öffnete automatisch, und er trat ein. Eine Glocke meldete seine Ankunft. «Einen wunderschönen guten Tag», rief er gutgelaunt.
Als ihn Annabelle erblickte, lächelte sie. «Was für eine Überraschung!», rief sie erfreut und ging auf ihn zu. Sie begrüssten sich, wie alte Freunde, mit einer Umarmung.
«Lust auf einen Kaffee?»
«Gerne!»
«Cappuccino oder Latte macchiato?»
«Einen Espresso. Ohne Zucker. Bitte.»
