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Wir leben Tür an Tür mit unserem Nachbarn und haben meist keine Ahnung was er treibt. Nur hier lauern Gefahren, an die wir nicht einmal im Alptraum denken möchten. Alles begann, als ich nach einem turbulenten Jahr beschloss die Weihnachtsfeiertage alleine zu verbringen. Bloß machte ich die Rechnung ohne den Wirt, denn auch die Nervensäge von Nachbar ist zu Hause und der Lärm lässt nicht lange auf sich warten. Ich frage mich, warum er selbst am Weihnachtsabend keine Ruhe gibt? Ständig dieses dumpfe Poltern und Trampeln. Was macht er da unter mir, vergräbt er einen Schatz oder foltert er Menschen? Schon meine letzte Vermieterin meinte, ich solle mir eine Wohnung am Land nehmen, da ich so lärmempfindlich sei. Ich reagierte mit Unverständnis, da wohl jeder sein Revier vor eindringendem Lärm schützt. Hätte ich jedoch gewusst wohin mich das führt, nähme ich heute zweifellos ihren Rat an. Aber im Nachhinein ist man immer klüger… Kurzerhand beschließe ich den Nachbarn mit meiner Spion-Videokamera auszuspionieren. Auch ist der Augenblick günstig, denn die anderen Nachbarn sind offenbar ausgeflogen. Nach dem Ausrichten der Videokamera am Balkon luge ich von oben in seine Wohnung. Nicht lange und er taucht auf. Plötzlich kriegt er Besuch und etwas Fürchterliches geschieht. Völlig außer mir, versuche ich mich trotz allem der Situation zu stellen. Doch je näher ich dem Geheimnis auf die Spur komme, desto mehr gerate ich in Gefahr. Hätte ich bloß nicht bei ihm reingeschaut! Jetzt hängt mein Leben am sprichwörtlich seidenen Faden…
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Vin Cent
Hör nicht auf deinen Nachbarn!
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Hinweis
Inhalt
Impressum neobooks
Dieses Buch erhebt keinen Faktizitätsanspruch, obwohl reale Unternehmen und realistische Abläufe thematisiert werden, die es so oder ähnlich geben kann. Die beschriebenen Personen, Begebenheiten, Gedanken und Dialoge sind fiktiv.
Ich öffne meine Augen und sehe rings um mich geschlossene Wände. Gefangen wie in einem Käfig nehmen sie mir die Luft zum Atmen und Beklemmung macht sich breit. Ferner vermisse ich jegliches Geräusch, es ist totenstill. Einzig eine flache Leuchte ober mir hüllt den wenigen Raum in ein fahles weißes Kunstlicht und lässt die blanke Metallverkleidung im chromfarbenen Glanz erscheinen. Unwirklich zeichnet sich im Augenwinkel eine kleine farbige Kontur ab. Ich drehe mich hin und erkenne an der Wand eine gelbe Leuchtziffer in einer Schalttafel. Sieht aus wie in einem Aufzug. Nur höre ich weder Geräusche noch spüre ich Vibrationen, als gleite er wie von Geisterhand ohne jeden Widerstand. Was zum Henker mache ich hier? Ich habe keinen Schimmer, wie ich hier reinkomme, noch was mich erwartet. Ehe ich mich versehe, verlangsamt sich scheinbar die Geschwindigkeit nach oben. Ein letzter Ruck und die Schiebetür öffnet sich. Eine schwüle, warme Luft kommt mir entgegen und geblendet vom grellen Licht halte ich mir die Hände vor Augen. Allmählich lichtet sich der Schleier und ich traue meinen Augen nicht. Vor mir breitet sich eine endlos scheinende, afrikanische Savanne aus. Die Sonne brennt gnadenlos und die spärlichen kargen Bäume spenden kaum Schatten. Zu meinem Erschrecken entdecke ich in der Nähe einen ausgewachsenen Löwen. Er kauert unter einem der Bäume im flachen ausgedörrten Gras. Meine Gliedmaßen erstarren und die Angst in mir steigt unaufhaltsam hoch. Sicher hat mich der Löwe schon als Futter erkannt! Das Maul halb offen, sabbert er unentwegt Speichel. Als könne er meine Gedanken lesen, rappelt er sich auf und bewegt sich zielstrebig in meine Richtung. Verzweifelt drücke ich abwechselnd den Tür-zu-Knopf und auf andere Stockwerke. Der Löwe sprintet wie in Rage, es fehlen nur mehr wenige Meter. In letzter Sekunde schließt sich unter dem kratzenden Geräusch seiner Pranken die Schiebetür. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals und droht zu zerbersten. Just in dieser schier ausweglosen Lage höre ich von weiter Ferne, aber greifbar nahe die Klänge eines Weihnachtsliedes.
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Argwöhnisch und aufgewühlt öffne ich meine Augenlider. Im Flachbildfernseher vor mir spielt ein Weihnachtsorchester. Ich sehe dutzende Spieler, ihre Musikinstrumente und den Dirigenten wild fuchtelnd mit seinem Stab. Entgegen ihrer Klänge wirken ihre Bewegungen angestrengt und die Gesichter verraten mir den unbändigen Willen ihr Bestes zu geben. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn ohne ihr Zutun hätte mich der Traum wohl buchstäblich verschlungen. Mit Erleichterung würdige ich die Harmonie und Präzision ihres Zusammenspiels. Es folgt ein langes, ausgedehntes Gähnen und meine Gliedmaßen strecken sich. Infolge der verrutschten Liegehaltung schmerzen spürbar die Lendenwirbel. Als ich mich im Schaukelstuhl aufrichte kehrt wieder Entspannung ein. Einmal mehr rumort der Bauch und ruft den Weihnachtsschmaus meiner Freundin ins Gedächtnis, ein saftiger Entenbraten mit Orangensauce. Lecker! Ich habe anständig zugelangt. Bevor ich einnickte, dachte ich noch an die Feiertage und welchen Hobbys ich frönen werde. Und ehe ich mich versehe lande ich in dem Aufzug. Nicht viel, und ich wäre dort der Entenbraten gewesen... Nach dem turbulenten Jahr heuer wollte ich dem weihnachtlichen Rummel entfliehen, keinen Verpflichtungen nachkommen. Folglich entschloss ich mich, und weil es sich ergab, die Feiertage mal alleine in der Wohnung zu verbringen. Denn wir zogen erst vor einigen Monaten nach Wien und arbeiten seitdem bei unseren neuen Arbeitgebern. Tajana meine Freundin, als Lebensmitteltechnologin, ich als Softwareentwickler im Gesundheitsbereich, obwohl ich Physiker bin. Es fällt mir nicht leicht. Ein Blick auf die Armbanduhr genügt und mir wird erneut vor Augen geführt wie schnell die Zeit vergeht, insbesondere Freizeit. Es ist eben alles relativ. In Bälde ist der erste Urlaubstag vorüber und schon naht der große Augenblick. Der Moment auf den alle hinfieberten. Die Bescherung! Von früher her weiß ich, dass eine Stadt jetzt einen ganz besonderen Charme hat und eine sanftmütige Seite offenbart. Wo man auch hingeht ist es seelenruhig, und verborgen hinter dem schwachen Licht der Vorhänge schlagen Kinderherzen hoch. Diese Stimmung möchte ich einfangen. Eben als ich mir die warme Daunenjacke anziehe und die Schnürsenkel binde läutet das Telefon. Meine Mutter ist am anderen Ende der Leitung. «Wie geht’s dir mein Sohn, so ganz alleine?» Wir plaudern wie immer über die Familie und das vergangene Jahr und wünschen uns viel Gesundheit. Auf die Geschenke verzichten wir, dennoch hoffe ich insgeheim.
Gebannt beobachte ich den intensiven Schneefall durch die weite Fensterfront vor dem Balkon. Das ruft Erinnerungen aus meiner Kindheit wach. Ist lange her, dass es am Heiligabend schneite. Kurzerhand verschiebe ich den Ausflug und trete raus auf den Balkon. Der Duft von Schnee und ein kalter Wind wehen mir entgegen. Kaum vorstellbar, wie heiß es hier noch im Sommer war. An ein Barfußgehen auf den dünnen Steinplatten war nicht mehr zu denken. Ich blicke in den Hof und sehe wie sich eine erste Schneedecke bildet. Rundherum stehen ältere Häuser und in der Mitte thront ein riesiger Baum. Dieser verdeckt gewöhnlich einen Großteil der Häuserfront vis-à-vis und ich sehe nur vereinzelte Lichtpunkte und kleinere Fensterbereiche. Der Baum verlor aber längst seine Blätter, trotzdem ist es fast durchwegs dunkel. Auch aus Richtung der anderen Häuser ist nicht viel zu erkennen, bis auf ein paar verlassen wirkende, schwach leuchtende, kleine Christbäume an den Fensterbänken. Viele der Menschen sind wohl auf Urlaub beziehungsweise besuchten ihre Familie oder Verwandtschaft. Ein Lichtstrahl aus der Wohnung unter mir durchbricht die Winteridylle. Der Nachbar kommt nach Hause. Dabei wünschte ich mir heute einen ruhigen Abend. Schon die Vorvermieterin meinte, ich solle mir eine Wohnung am Land nehmen da ich so lärmempfindlich sei. Das war unser letztes Telefonat. Nach einer Weile geht die Balkontür auf und ein klickendes Geräusch wie vom Zahnkranz eines Fahrrades ist zu hören. Ich sehe zwar nur vage ein paar Schatten im Lichtkegel auf dem verschneiten Boden des Hofs, aber vermutlich stellt der Nachbar gerade sein Mountainbike auf den Balkon. Jetzt hätte ich auch Lust ein paar Spuren durch den knirschenden Neuschnee zu ziehen. Dabei beschaffte ich Tajana erst kürzlich Spikes für ihr Mountainbike. Allmählich kriecht die Kälte in meine Füße und ich beginne durch das Hemd zu frösteln. Es ist Zeit wieder ins Wohnzimmer reinzugehen und sich aufzuwärmen. Vorher noch ein kurzer Blick nach oben, hier ist alles dunkel, niemand zu Hause.
Ein gelungener Tag. Keine hektischen Last Minute Einkäufe, sondern ein Ausflug mit Tajana zu einem altertümlichen Weihnachtsmarkt auf einem der Hügel nahe der Stadt. Wir schlenderten an den Weihnachtsständen vorbei, schlürften heißen Punsch mit Früchten und genossen den winterlichen Ausblick auf Wien. Anschließend fuhren wir nach Hause und feierten unsere Bescherung. Etwas später besuchte sie ihre Familie. In Gedanken versunken unterbricht mich ein nerviges Geräusch. Ich kenne es gut. Sobald es mir zu Ohren kommt, steigt mir die Grausbirne auf und ich zweifle ernsthaft an dem Nachbarn. Mann, kann er nicht einmal heute Ruhe geben? Laufend dieses dumpfe Poltern und Trampeln. Was macht er da unter mir, vergräbt er einen Schatz oder foltert er Menschen? Ich gebe ein kräftiges Lebenszeichen und stampfe entschlossen mit den Fersen auf den Boden. Das war nicht zu überhören, das Haus ist hellhörig. Ein Neubau durchzogen mit kilometerlangen metallischen Rohren und Leitungen. Zusammen mit den Fußbodenheizungen übertragen sie den Bodenlärm, als klopfe jemand auf die Außenhülle eines U-Bootes. Bestätigt in meiner Lärmabwehr zippe ich noch gereizt auf der Fernbedienung die Programme durch. Tajana ruft an. «Wie hat dir mein Weihnachtsschmaus geschmeckt?» Ich erwidere ohne mir was anmerken zu lassen, denn sie kennt die Situation hier. «Lecker, aber offen gesagt habe ich nichts anderes von dir erwartet.» Wir reden über Geschenke und das Schmücken ihres Weihnachtsbaumes, und von der geselligen Runde mit ihrer Mutter, Bruder und den beiden Neffen in ihrer Wohnung. Auch sie genoss den Ausflug.
Eben als sich meine Laune wieder bessert beginnt der Nachbar aufs Neue zu lärmen, er ignoriert einfach meinen Wink. Dabei zählt bekanntlich Lärmbelästigung zu den größten Stressfaktoren. Jeder verteidigt sein Revier vor ungebetenen Gästen und einfallendem Lärm. Klar, als Jüngerer kümmerte mich das auch nicht sonderlich. Ich denke an die ausgelassenen Feiern mit Alkohol und Marihuana während der Studienzeit. Doch mit fortschreitendem Alter werden wir offenbar lärmempfindlicher. Selbst der Nachbar ist längst dem Studentenalter entwachsen und auch das Gesetz ist auf meiner Seite, pflichte ich mir wohlwollend bei. Ungeachtet dessen will ich zu Weihnachten einen ungestörten Abend verbringen. Folglich schnappe ich mir die Jogging Weste, laufe die Treppen hinunter und postiere mich vor seiner Eingangstür. Ich höre ihn schnaufen und mit lauten Schritten durch die Wohnung trampeln, mal lauter, mal leiser. Bis auf eine vage Vermutung habe ich keinen Schimmer was er da treibt. Erneut wird das Trampeln lauter, er scheint sich zu nähern. Plötzlich Stille! Ich habe das unsägliche Gefühl, als stünde er direkt hinter der Eingangstür. Gespannt starre ich auf den Türspion und horche auf ein verdächtiges Knirschen der Klappe. Was wenn er mich hier sieht ohne dass ich läutete? Ich bin doch kein Spanner oder Türfetischist! Kurz bevor ich klingle schallt durch die Wohnungstür das harte Rauschen eines Wasserstrahls. Als schösse dieser mit hohem Druck aus einem schmalen Rohr auf die Schaufeln einer Wasserturbine. Doch hier ergießt sich das Wasser nur in seine Badewanne. Der Wasserdruck im Haus ist enorm, auch unsere Badewanne ist in null Komma nichts aufgefüllt. Bei Volllast habe ich das Gefühl als risse es den Wasserhahn aus seiner Verankerung. Bleibt zu hoffen, dass ihn das warme Wasser beruhigt und sein Gemüt besänftigt, beschwichtige ich mich. Unverrichteter Dinge drehe ich wieder ab und schlapfe zurück in die Wohnung.
Während ich es mir in Tajanas Sitzsack gemütlich mache und genüsslich an einem Glas Rotwein nippe kommt mir meine Spion-Videokamera in den Sinn. Ich habe sie vor wenigen Monaten günstig erworben, um der Lärmquelle endlich auf die Spur zu kommen und natürlich damit herum zu spielen. Vor dem eigentlichen Feldtest kamen allerdings Zweifel auf, da ich nicht ins Visier der Nachbarn geraten wollte und mögliche rechtliche Konsequenzen scheute. Ich beließ es dabei. Heute Abend jedoch könnte ich ungestört spionieren, denn in faktisch allen Wohnungen ist es dunkel. Ich nutze die Gunst der Stunde, um endlich zu klären was er da unten treibt. Entschlossen gehe ich hinüber ins Nebenzimmer und durchstöbere ein paar Umzugskartons. Im Vorletzten finde ich die Verpackung mit der Aufschrift Endoskop-Videokamera mit USB. Ich schließe sie am Computer an und auf dem Monitor poppt ein Video mit der aktuellen Kameraperspektive auf. Für eine größere Helligkeit könnte ich eine kleine Beleuchtung dazuschalten. Kommt natürlich für meinen Zweck nicht in Frage. Zusammen mit einem fünf Meter USB-Kabel und zwei Meter Endoskop reicht die Videokamera direkt vom Computer über den Balkon bis zum Nachbarn runter. Ich bin bereit.
Entgegen meinen Erwartungen ist es bereits einige Zeit ruhig und ich überlege die Videokamera schon jetzt anzubringen, nur für einen ersten Testlauf. Neugierig, ob das Vorhaben funktioniert greife ich mir die Daunenjacke und schlüpfe in warme Schlapfen. Dann öffne ich die Balkontür und ziehe das Kabel so lang als notwendig nach. Es schneit noch immer und ist kalt, das verleiht mir einen zusätzlichen Thrill. Ich wickle das Kabel einmal um den kleinen Balkontischfuß, damit die Videokamera nicht runterfällt und biege das Endoskop in die nötige Form. Schließlich lege ich es auf den Balkonboden und straffe noch vorsichtig das Kabel. Das Endoskop wölbt sich nun u-förmig über die Balkonkante und kiebitzt von oben auf die Fensterfront des Nachbarn. Ich gehe rein zum Computer und betrachte das Video, die Qualität ist akzeptabel trotz Dunkelheit. Doch dummerweise ist die Außenjalousie herunten, und die Aktion ist gescheitert noch bevor ich einen Blick erhaschen konnte. Natürlich musste ich damit rechnen, aber wie so oft stirbt die Hoffnung als Letzte. Geschlagen räume ich das Feld und beginne das Endoskop einzuholen.
