Horst Bieber Krimi Koffer 2018 - 6 Krimis - 1000 Seiten - Horst Bieber - E-Book

Horst Bieber Krimi Koffer 2018 - 6 Krimis - 1000 Seiten E-Book

Horst Bieber

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Beschreibung

Horst Bieber Krimi Koffer 2018 von Horst Bieber Dieses Buch enthält folgende Krimis: Ein Hauch von Wahrheit Verlorene Sicherheit Mord beginnt im Herzen Bolzenschüsse Niemand kommt so leicht davon ...acht, neun, aus? Krimi-Spannung pur - auf über 1000 Taschenbuchseiten! Alle Titel auch einzeln lieferbar. Ein Mord ist ein Mord und bleibt ein Mord - kein Vertun! Doch was den ermittelnden Beamten wie ein einfacher Fall erscheint, entpuppt sich als der Stich in ein Wespennest.Ein toter "Verfahrenstechniker", ein revolutionärer neuer Kunststoff und der "Bolzen", ein sicherer Akku mit ungeahnten Speicherleistungen, die uns endlich die Unabhängigkeit von den weltweiten Erdöllieferanten ermöglichen würden - das sind die Zutaten zu Biebers neuem Roman.Irgendwann hängt alles an einem seidenen Faden. Politik, internationale Konkurrenz, die Polizei. Gewalt überall, wo sich die Konfliktparteien in die Quere kommen - und nur ein vorbestrafter Taschendieb bleibt als Zünglein an der Waage übrig.Nicht alle Beteiligten werden überleben, aber vielleicht glückt es ja Gero Ackermann, der immer wieder auf der falschen Seite zu stehen scheint. Darum geht es in dem in diesem Band enthaltenen Thriller BOLZENSCHÜSSE - einen von fünf Kriminalromanen, die in dieser einzigartigen Sammlung enthalten sind.

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Horst Bieber Krimi Koffer 2018

von Horst Bieber

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Ein Hauch von Wahrheit

Verlorene SicherheitMord beginnt im HerzenBolzenschüsseNiemand kommt so leicht davon...acht, neun, aus?Krimi-Spannung pur - auf über 1000 Taschenbuchseiten!Alle Titel auch einzeln lieferbar.Ein Mord ist ein Mord und bleibt ein Mord - kein Vertun! Doch was den ermittelnden Beamten wie ein einfacher Fall erscheint, entpuppt sich als der Stich in ein Wespennest.Ein toter "Verfahrenstechniker", ein revolutionärer neuer Kunststoff und der "Bolzen", ein sicherer Akku mit ungeahnten Speicherleistungen, die uns endlich die Unabhängigkeit von den weltweiten Erdöllieferanten ermöglichen würden - das sind die Zutaten zu Biebers neuem Roman.Irgendwann hängt alles an einem seidenen Faden. Politik, internationale Konkurrenz, die Polizei. Gewalt überall, wo sich die Konfliktparteien in die Quere kommen - und nur ein vorbestrafter Taschendieb bleibt als Zünglein an der Waage übrig.Nicht alle Beteiligten werden überleben, aber vielleicht glückt es ja Gero Ackermann, der immer wieder auf der falschen Seite zu stehen scheint.Darum geht es in dem in diesem Band enthaltenen Thriller BOLZENSCHÜSSE - einen von fünf Kriminalromanen, die in dieser einzigartigen Sammlung enthalten sind.

COPYRIGHT

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author/ COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Ein Hauch von Wahrheit

von Horst Bieber

Drei Stücke frei nach Karl Kraus: „Das Wort Familienbande hat einen Hauch von Wahrheit.“

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Pixabay mit Kathrin Peschel, 2018

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Klappentext:

Die Familie: Jeder hat sie und erträgt sie notgedrungen, mal dankbar für Hilfe und Aufmunterung, mal zähneknirschend mit dem Gedanken, dass Sippenhaft eigentlich verboten sei. Aber man kann sie sich eben nicht aussuchen, eine Familie wird man ein Leben lang nicht los. Wohl dem, bei dessen Abnabelung kein Blut fließt …

***

I. Meike wirbelt Staub auf

Vor vierzehn Jahren ist Meike Stumm entführt worden und auch nach Zahlung eines Lösegelds nicht zurückgekommen. Jetzt steht sie plötzlich vor ihrem Elternhaus und jetzt will die Kripo es wissen.

II. Lene und der „Keltenkönig“

Ein vorbestrafter Schlosser wird in seiner Wohnung ermordet. Hat er was mit einem spektakulären Bankraub zu tun, bei dem auch ein sagenhafter Schatz aus keltischer Zeit „verschwindet“?

III. Wenn die Kirche brennt

Ein Blitz schlägt in einen Kirchturm ein und weckt Erinnerungen, unter anderem an ein ungeklärtes Verbrechen, mysteriöse Vermisstenfälle und fast vergessene Schulzeiten.

I. Meike wirbelt Staub auf

Kriminalroman

Personen

Meike Stumm: Vor vierzehn Jahren entführt worden, jetzt plötzlich vor ihrem Elternhaus

Vera Stumm: Meikes Tochter

Liane Stumm, geborene Grote: Meikes Mutter

Alexander Stumm: Meikes Vater

Elmar Stumm: Meikes Großvater

Ulrike Stumm: Meikes verstorbene Tante, Schwester ihres Vaters

Markus Demel: Trauzeuge von Meikes Eltern und Schulfreund von Alexander Stumm

Malte Sobiok: Meikes vier Jahre älterer Ex-Schwarm auf dem Reiterhof Schlüter

Uwe Sobiok: Zehn Jahre älterer Bruder von Malte

Sylvia Köhler: Im Jahr 2004 Uwes (berufsmäßige) Freundin

Erwin Grote: Lianes Vater, Meikes Großvater

Kurt Venna: Verwalter im Bienenkorb

Marlene (Lene) Schelm: Erste Kriminalhauptkommissarin im Tellheimer Referat R – 11

Ingo Baratsch: jüngster Kommissar im R – 11

Mia Hollweg: Kommissarsanwärterin im R – 11

Jürgen Sandig: Staatsanwalt in Tellheim

Egon Kurz: Leiter der Tellheimer Kriminaltechnik

Dr. Xaver Rupp: Gerichtsmediziner in Tellheim

Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Die Handlung spielt im Jahr 2018 ff.

Erstes Kapitel

Viele Menschen sahen ihr neugierig, einige auch empört nach. Ihre feuerroten langen Haare waren ungekämmt, verfilzt und mussten unbedingt geschnitten und gewaschen werden. Ob die Jeans modische Löcher und Risse aufwiesen oder aus Altersgründen ausfransten, blieb das Geheimnis der vielleicht dreißig Jahre alten, an sich hübschen, langbeinigen, aber ungepflegten und leicht verlotterten Frau, die nicht in das „feine“ Quellenviertel passte. Sie trug einen schreiend bunten Kunststoff-Rucksack über der linken Schulter und zerrte ein vielleicht sechs oder sieben Jahre altes Mädchen hinter sich her, das häufig stolperte und langsamer gehen wollte, aber das Tempo mithalten musste.

Die Rothaarige und das Kind steuerten auf die Villa Lendersweg 11 zu und sie klingelte dort. Keine Minute später öffnete eine elegante Frau die Haustür, warf einen indignierten Blick auf die Rothaarige und das greinende Kind und sagte fest: „Wir geben nichts.“

„Guten Tag, Liane. Ich wollte dir nur deine Enkelin Vera vorstellen und ich muss mal ganz dringend in mein altes Bad.“ Damit drängte sie sich an der vor Überraschung erstarrten Frau vorbei, warf den Rucksack in der Diele auf den Boden und lief eilig die Treppe hoch in das Obergeschoss. Die mit Liane angesprochene Frau nahm das kleine Mädchen an die Hand, brachte es in ein Speisezimmer, setzte es auf einen Stuhl und sagte freundlich: „Du wartest hier.“ Im Bad oben rauschte schon die Dusche und die Frau rief laut: „Kommen Sie sofort da raus oder ich hole die Polizei.“

„Das ist eine gute Idee, Mutter. Ich glaube, die Polente brauchen wir ohnehin.“

So wurde Marlene, genannt Lene, Schelm keine zehn Minuten später von einer vor Erregung stotternden und stammelnden Frau angerufen.

„Schelm.“

„Guten Tag, Frau Kommissarin. Hier ist Liane Stumm. Sie erinnern sich noch an mich?“

„Aber ja. Was ist passiert, Frau Stumm?“

„Stellen Sie sich vor, eine junge Frau mit einem kleinen Kind an der Hand klingelt an der Haustür und sagt: „Ich wollte dir nur deine Enkelin Vera vorstellen und jetzt muss ich einmal dringend in mein Bad.“

„Enkelin? Dann war das Ihre Tochter Meike?“

„Ich weiß es nicht sicher. Es ging alles so schnell. Die Ähnlichkeit ist groß, und sie kennt sich im Hause aus. Sie wusste auch meinen Vornamen. Aber sicher bin ich mir nicht. Was soll ich denn jetzt machen?“

„Ich muss mich bei meinem Kommissar vom Dienst abmelden, dann komme ich sofort zu Ihnen. Okay?“

„Vielen Dank, Frau Schelm.“

Vor vierzehn Jahren, 2004, war die damals sechzehnjährige Meike Stumm entführt worden und nicht mehr aufgetaucht. Lene Schelm hatte damals die Sonderkommission geleitet, die das Mädchen gesucht, aber keine Spur von ihm gefunden hatte. Elf Jahre nach ihrem Verschwinden, 2015, war die heute dreißigjährige Meike Stumm amtlich für tot erklärt worden.

Die Polizei hatte spät, zu spät, von der Entführung erfahren.

Die Hauptkommissarin Lene Schelm wurde an einem Sonntagvormittag vom KvD zur Burgruine Falkenweide geschickt. Spaziergänger hatten am Fuße der Burgmauern, unterhalb der als Kemenaten-Balustrade bezeichneten Brüstung, eine männliche Leiche gefunden. Der Tote konnte schnell identifiziert werden, Alexander Stumm, Lendersweg 11. Der Gerichtsmediziner legte sich sofort fest. Stumm war am Vortag gegen 23 Uhr erschossen worden. Was hatte er bei Dunkelheit in oder an einer Ruine zu suchen, die zu betreten wegen Einsturzgefahr verboten war?

Lene war in den Lendersweg gefahren und hatte dort zwei Frauen angetroffen, die Ehefrau Liane Stumm geborene Grote, und die ledige Schwester des Toten, Ulrike Stumm, die eine Mittelmeerkreuzfahrt abgebrochen hatte und erst vor einer Stunde zurückgekommen war.

„Entschuldigen Sie, wer sind Sie?“

„Stumm, Ulrike Stumm. Meine Nichte Meike ist am vorigen Montag entführt worden. Bitte lesen Sie doch einmal diese beiden Briefe.“

Beide Schreiben waren wohl mit einem Laserdrucker auf normales weißes DIN A4-Papier gedruckt worden: „Wir haben Ihre Tochter Meike entführt und verlangen eine Million in kleinen, gebrauchten, nicht markierten und nicht fortlaufend nummerierten Scheinen. Keine Presse, keine Polizei. Geldübergabe und Freilassung am Freitag dieser Woche ab 22 Uhr. Nähere Einzelheiten zur Übergabe schriftlich rechtzeitig. Achtung, es gibt nur einen Übergabeversuch. Sonst kaufen Sie besser eine Grabstelle.“

„Das kann jeder Idiot getippt haben“, sagte Lene etwas verärgert und versuchte sich zu erinnern, woher sie den Namen Stumm kannte.

„Ja. Mein Mann hat diesen Brief am Montagabend in unserem Hausbriefkasten gefunden. In dem Umschlag lag auch Meikes Ausweis für den Reiterhof Schlüter. Dort war sie am Montagnachmittag nach der Schule zum Reiten gewesen und von dort ist sie nicht mehr nach Hause gekommen.“

„Am Montagabend?“

„Ein unbekannter Mann hat gegen 21 Uhr angerufen und gesagt: ‚Schauen Sie in Ihren Hausbriefkasten‘.“

„Am Montag?“

„Ja.“

„Ja. Mein Bruder Alexander hat diesen Brief am Montagabend in seinem Hausbriefkasten gefunden. In dem Umschlag lag auch Meikes Ausweis für den Reiterhof Schlüter. Dort war sie am Montagnachmittag nach der Schule zum Reiten gewesen und von dort ist sie nicht mehr nach Hause gekommen.“

„Am Montag? Und warum erfahren wir das erst jetzt?“

„Weil mein Bruder und meine Schwägerin sofort entschlossen waren zu zahlen. Und erst gestern traf mit der normalen Post vormittags das zweite Schreiben ein.“

Wieder die Kopie eines per Laser ausgedruckten Briefes auf normalem DIN A4-Papier.

„Bringen Sie das Geld in einem verschlossenen Metallkoffer zur Ruine Burg Falkenweide. Auf der Außen-Galerie an der Kemenate finden Sie einen roten Leinenbeutel der Firma Oppeln. Darin liegen die Schlüssel zum Versteck der Meike Stumm und natürlich eine Wegbeschreibung und die Adresse.“

„Ihr Bruder wollte das Geld selbst überbringen?“

„Ja.“

„Wir haben an der Falkenweide kein Geld und keinen roten Beutel gefunden. Auch keine Spur von einem Mädchen.“

Beide Frauen brachen erneut in wildes Schluchzen aus. Lene veranlasste noch, dass die Spurensicherung Material sicherstellte, damit die Hunde eine Spur aufnehmen konnten oder – aber das verschwieg sie lieber – später bei einer Mädchenleichte mittels DNA zweifelsfrei festgestellt werden konnte, ob es sich um Meike Stumm handelte. Die Kollegen würden Bilder und Fotos einsammeln. Jetzt lag das Kind im Brunnen, und jetzt machte es wenig Sinn, der Mutter und der Tante vorzuwerfen, dass sie nicht sofort zur Polizei gegangen waren. Wer jetzt die Gefangene Meike freiließ, riskierte, dass die sich genug gemerkt hatte, um ihre Entführer wegen Mordes lebenslang hinter Gitter zu bringen.

Die beiden Briefe waren durch zu viele Hände gegangen, um noch hilfreiche Spuren zu sichern.

Wenn Meike jetzt wirklich in ihr Elternhaus zurückgekehrt war, musste sie amtlich wieder zum Leben erweckt werden. Wo hatte sie die ganze Zeit über gesteckt? Vor einigen Monaten war eine Geschichte durch die Presse gegeistert, dass eine Vermisste aus Niedersachsen nach dreißig Jahren durch puren Zufall in Düsseldorf von der Polizei entdeckt worden war. Lene Schelm konnte sich aber nicht mehr daran erinnern, ob diese junge Frau auch amtlich für tot erklärt gewesen war. Die meisten Vermissten kehrten nach einigen Monaten zu ihren Familien zurück, einige – zum Glück nur wenige – wurden später als Leichen gefunden und durch moderne DNA-Methoden identifiziert. Liane Stumm hatte nie glauben wollen, dass ihre Tochter tot sein könnte und hatte sich mit der Hauptkommissarin Lene Schelm wahrscheinlich so gut verstanden, weil die das auch nicht wahrhaben wollte. Anders als Lianes Schwiegervater Elmar Stumm, der ziemlich schnell überzeugt schien, Meike würde nicht mehr zurückkommen, bitter – aber damit müsse man sich abfinden. Lene und die Kollegen aus der SoKo Meike hatten sich dieser Vermutung widerwillig angeschlossen, weil sie sich die Hacken krumm gelaufen, aber kein Motiv gefunden hatten, warum Meike aus dem Elternhaus weggelaufen sein sollte. Das Mädchen war geistig, körperlich und seelisch gesund gewesen, hübsch, umschwärmt und beliebt, eine gute Schülerin mit vielen Freunden und Freundinnen, ohne erklärte Feinde. Ob jemand ein Motiv hatte, sich an ihren Eltern zu rächen, blieb ungeklärt, und von einer großen überwältigenden Liebe, die alle Dummheiten erklären würde, war nichts bekannt. Tante Rike formulierte das so: „Meike interessiert sich mehr für vierbeinige Pferde als für zweibeinige Esel.“ Für den Millionär Elmar Stumm war das Hauptproblem gewesen, in so kurzer Zeit so viel Bargeld in der vorgeschriebenen Stückelung aufzutreiben. Nach Wochen intensiver Recherche blieb ein bis dahin unbekanntes Verbrechen die logischste Erklärung, und als sich Liane Stumm nicht länger gegen diese Erklärung sträuben konnte, hatte sie einen Selbstmord versucht. Lene Schelm hatte sie gerade noch rechtzeitig gefunden.

Liane Stumm kam an die Haustür, als Lene klingelte, weinte und umarmte die Kommissarin.

„Schön, dass Sie gekommen sind.“

Lene Schelm hatte die lebende Meike Stumm nie gesehen, was die Mutter natürlich wusste. „Wo ist sie, Frau Stumm?“

„Hier bin ich“, sagte eine helle Frauenstimme. Die junge Frau Ende zwanzig kam an die Haustür; sie hatte geduscht und trug noch immer einen hellen Bademantel und ein zu einem Turban gebundenes Handtuch über den feuchten Haaren.

Lene gab ihr die Hand: „Guten Tag, Sie sind also Meike Stumm. Ich heiße Lene Schelm. Und habe Sie vor vierzehn Jahren lange erfolglos gesucht.“

„Und ich bin Vera Stumm“, piepste das kleine Mädchen, das sich an die Beine der Mutter klammerte, aber furchtlos die fremde Frau musterte. „Und wer bist du?“

„Entschuldigung, Vera“, sagte Lene zerknirscht. „Ich heiße Lene Schelm und kenne deine Oma schon seit vielen Jahren.“

„Kommen Sie doch herein. Wir haben frischen Kaffee gekochte.“ Meike fischte in der Diele aus einem Häufchen getragener Kleidung einen Rucksack hervor und holte aus einer der aufgesetzten Taschen einen Personalausweis heraus, den sie Lene in die Hand drückte.

„Meike Stumm.“

„Danke. Den bringen Sie morgen bitte ins Präsidium mit und dazu alle Urkunden und Dokumente zu Ihrer Person und zu Vera.“

„Glauben Sie mir nicht, dass ich Lianes Tochter bin?“

„Ich möchte Sie auf keinen Fall beleidigen, aber Urkunden wie Perso und EC-Karten kann man finden oder klauen oder von gewerbsmäßigen Dieben beschaffen lassen.“

„Sie sind Polizistin, stimmt’s?“

„Ja.“

„Ewiges Misstrauen als Voraussetzung für den Beruf?“

„So ähnlich, ja. Lassen Sie sich mal von Liane Stumm erzählen, was wir vor vierzehn Jahren alles unternommen haben, um Sie zu finden. Außerdem sind Sie seit Jahren amtlich tot, und wir müssen Sie amtlich wieder zum Leben erwecken. Es gibt also noch eine Menge zu tun.“

Danach erstarb die Unterhaltung. Der Kaffee im Hause Stumm war wie früher von erlesener Stärke, Vera trank Milch, als würde sie vom Bauernverband für die Ankurbelung der darniederliegenden Milchviehwirtschaft bezahlt. Alle warteten wortlos darauf, dass sich vielleicht Meikes Großvater Elmar Stumm noch melden würde. Als Elmar Stumm erschien, winkte er seiner Enkelin nur zu; „Hei, Meike.“

Sie antwortete genau so lässig: „Hallo. Opa.“

Für seine Schwiegertochter Liane hatte er nicht einmal ein „Guten Tag übrig“, aber für die Besucherin Lene Schelm, die gerade gehen wollte, hatte er etwas parat: „Na, zufrieden?“

„Worüber sollte ich zufrieden sein?“

„Dass Sie und meine Schwiegertochter recht behalten haben, Meike lebt noch. Merkwürdig, dass Sie meine Enkelin damals nicht gefunden haben.“

In seinen Worten schwang ein Unterton mit, der Lene daran erinnerte, dass sie damals schon gedacht hatte, Elmar Stumm und seine Enkelin Meike verstünden sich so wenig wie – nach Aussagen vieler Zeugen – Alexander Stumm mit seiner Tochter Meike und seiner Frau Liane. Elmar Stumm und Marlene Schelm würden auch jetzt keine Freunde mehr werden. Seine inzwischen verstorbene Tochter Ulrike schien es geahnt zu haben; sie war um Klassen freundlicher und angenehmer zu ertragen als ihr Bruder Alexander. Warum diese kluge, hilfsbereite und bis ins hohe Alter schöne Frau ledig und ohne festen Freund geblieben war, begriff Lene bis heute nicht.

Also stand sie auf: „Okay, dann lasse ich Sie jetzt mal alleine. Meike, wir sehen uns morgen Vormittag im Präsidium. Denken Sie bitte an Ausweise und Dokumente! Tschüss Vera und schlaf’ gut.“

„Tschüss, Tante Lene.“

Donnerwetter, die Kleine hatte ja ein bombiges Gedächtnis. Uropa Elmar hatte sie nicht weiter beachtet. Ein Egozentriker und Narziss wie er wurde von einer Enkelin ja nur gestört, erst recht, wenn sie einmal im Mittelpunkt stand. Lene überlegte auf der Fahrt, wie schlecht das Verhältnis Elmar Stumm zu seiner Schwiegertochter Liane sein musste, wenn er für sie kein Wort der Begrüßung oder Freude über die unerwartete Rückkehr einer Totgeglaubten hatte. Familienbande sind eben auch eine solche, wie schon Karl Kraus gefunden hatte.

Kommissar Ingo Baratsch war seit vielen Jahren der erste Mann im R – 11, (Gewaltsamer Tod und Entführung). Lene hätte gerne wieder eine junge Frau in ihr Team geholt, doch Kriminalrat Karl Dembach, Leiter der Abteilung Eins (Gewaltkriminalität) im Tellheimer Präsidium, hatte auf einen Mann „fürs Grobe und die Prügeleien“ bestanden, was Lene Schelm ihm lange Zeit verargt hatte. Dabei wurde sie angenehm enttäuscht. Nach Dembachs Worten hatte sie sich einen jungen, hitzigen Raufbold vorgestellt, der schneller schießen als denken konnte. Doch Ingo Baratsch entpuppte sich als ein muskulöser und gut durchtrainierter, zuverlässiger Kollege der eher bedächtigen Art und als loyaler Mitarbeiter, der seine eigenwillige und oft launenhafte und manchmal sogar boshafte Chefin gutmütig ertrug, auch wenn sie ihn gelegentlich wie einen grünen Anfänger behandelte. Baratsch war an die zwanzig Jahre jünger als Marlene Schelm, die er an sich bewunderte. So richtig warm waren sie bisher miteinander nicht geworden; sie redete ihn mit „Baratsch“ an; er sagte „Frau Schelm“ oder auch mal „Chefin“ und wenn er Trost im oft grauen Berufs-Alltag suchte, war er bei ihrer jüngsten Kommissarsanwärterin Mia Hollweg fündig geworden, die wie ein süßes unbedarftes Püppchen aussah, aber Leininger Landesmeister im Judo war, sehr gut schoss und eine steile sportliche Karriere im Polizei-Fechtclub begonnen hatte. Zudem besaß sie eine große Klappe und ließ sich nichts gefallen, was Ingo schon hatte lernen müssen.

„Na, Chefin, wie war Ihr Tag? Viel Ärger?“

„Jein, Mia. Ich habe ein echtes Wunder erlebt.“

„Einen ehrlichen Betrüger? Lassen Sie mal hören!“

„Nein, eine seit Jahren amtlich tote Frau ist heute mit einer kleinen Tochter an der Hand wieder in ihrem Elternhaus erschienen.“

„Toll! Wie wär’s mit einigen Einzelheiten, Frau Schelm?“

„Die müssen Sie sich selber besorgen, die stehen alle in der Akte Meike Stumm und diese Akte schlummert schon im Archiv. Mia, Sie müssen die Akte ohnehin weiterführen. Lesen Sie also gründlich und vertrauen Sie einer geübten Aktenleserin: Rotwein, mäßig genossen, beflügelt das Verständnis.“

„In Maßen genossen?“

„Natürlich. Sagt Ihnen der Name Theophrastus Bombastus von Hohenheim etwas?“

„Paracelsus, nicht wahr: Allein die Menge macht, dass ein Ding ein Gift sei.“

„Denken Sie daran!“

Auf dem Weg zu Marcello ging Lene die fast groteske Szene nicht aus dem Kopf: Der Großvater erscheint und hat für seine seit vierzehn Jahren vermisste Enkelin nur ein „Hallo“ übrig und kein Wort für seine Schwiegertochter oder seine Urenkelin. Lene war eine geübte Egozentrikerin und mochte deshalb keine Egozentriker oder Egoisten und hielt Narzissmus eigentlich für einen erlaubten Mordgrund.

Als Meike verschwand, lebte Tante Rike noch, eine Schwester ihres Vaters Alexander, und die hatte Lene erzählt, dass es zwischen ihrem Bruder Alexander und seiner Tochter Meike häufiger heftig gekracht und gekriselt hatte. Wenn Mutter Liane nicht mehr vermitteln oder schlichten konnte, war Meike häufiger zu Tante Rike gelaufen, hatte sich dort ausgeweint und auch schon mal in Tante Rikes Haus übernachtet.

Schon aus diesen Gründen war das zuständige Referat anfangs davon ausgegangen, dass es sich um einen nicht seltenen Fall eines schweren pubertären Vater-Tochter-Konflikt handelte: Die Tochter hatte einen dicken Kopf und der Vater vertrug keinen Widerspruch. Doch Meikes Vater Alexander hatte noch einen Vater Elmar, der das Familienvermögen angehäuft hatte und in Tellheim Einfluss besaß und ausübte. Eine ganze SoKo für ein sechzehnjähriges Mädchen, das vermisst wurde und von dem niemand wusste, in wen es sich vielleicht unsterblich verknallt hatte? Unter Umständen zu einem heißgeliebten Klassenkameraden gelaufen war und Trost und Liebe unter seinem Deckbett gesucht hatte? Bis dann R – 11 zu einer Leiche am Fuße der Burgruine Falkenweide gerufen wurde und die Kripo von der Entführung der Meike Stumm erfuhr, für deren Freilassung der Vater mit dem Lösegeld zur Falkenweide unterwegs gewesen war.

Einen Heißgeliebten hatten sie damals nicht gefunden, den hat es wohl auch nicht gegeben. Tante Rike hatte es ja ausgedrückt: „Meike liebt eben vierbeinigen Pferde mehr als zweibeinige Esel.“ Immerhin hatte Tante Rike durchgesetzt, dass Meike die Pille nahm und regelmäßig zur Frauenärztin ging. Nein, die SoKo war weniger Meikes wegen entstanden als auf diskreten Druck ihres Großvaters Elmar Stumm. Stumm & Sohn war damals größter Arbeitgeber und der größte Gewerbesteuerzahler am Ort. Elmar Stumm war ein Studienfreund der Oberbürgermeisterin Irmgard Messing, wichtigster und großzügiger Mäzen in der Stadt, Multi-Millionär, wichtiger Parteispendenzahler. Lene kniff noch heute der Magen, wenn sie in einer Mischung aus Zorn über den Misserfolg ihrer SoKo und ihrer Wut über die demütigende Verachtung zurückdachte, mit der Elmar Stumm sie behandelt hatte. Die Kollegen hatten nur einen billigen Trost für sie: „Alle Menschen sind gleich, aber einige eben gleicher als andere.“

Lene war mehrfach mit Elmar Stumm zusammengerasselt, und seine Art änderte sich erst, als sie am Ende eines wüsten Gebrülls drohte: „Ich werde alles, was mir bei Ihnen auffällt und komisch vorkommt, dem Finanzamt melden.“ Für diese haltlose Drohung gab es keinen Anlass, bis auf eine Bemerkung ihres Freundes Arne Wilster, der ebenfalls früher dienstlich mal mit Elmar Stumm zusammengestoßen war: „Ein Widerling, Lene. Ein Macho ohne Manieren und ein menschenverachtender Schürzenjäger, der aber stets mächtig um seinen guten Ruf und seine saubere Weste besorgt ist.“

Welchen heiklen Punk Lene mit ihrer aus der Luft gegriffenen Drohung getroffen hatte, blieb unbekannt, aber danach änderte Elmar Stumm seinen Ton.

Marcello war sehr beunruhigt: „Sie sind so still heute, Signora. Stimmt was mit dem Essen oder dem Wein nicht?“

„Nein, Marcello. Alles so perfekt wie immer. Habe ich Ihre neue Mitarbeiterin richtig verstanden? Heißt sie wirklich Despina? Passen Sie nur auf, dass Sie nicht krank werden.“ Marcello teilte mit Lene die Liebe für die Oper. Deswegen erwiderte er beruhigt: „Keine Sorge, ich gehe dann in eine Klinik und übernehme dort die Küche.“

Zweites Kapitel

Gegen elf Uhr rief die Pforte bei Lene Schelm an: „Eine Meike Stumm und ihre Tochter Vera möchten mit Ihnen sprechen.“

„Danke. Bringen Sie Mutter und Tochter bitte hoch?“

Mia Hollweg, ihre jüngste Kommissarsanwärterin, hatte bereits die Mikrofone und Aufzeichnungsgeräte vorbereitet und brachte nun Vera in die Präsidiums-Kita und organisierte für das Kind ein Mittagessen. Danach übernahm sie die Papiere und Urkunden, die Meike Stumm mitgebracht hatte, und verteilte sie an die Kollegen, die sie nun kopieren und prüfen sollten. Lene setzte sich mit Meike Stumm in das Vernehmungszimmer, Mia würde sie durch den Einweg-Spiegel aus dem Nebenraum beobachten können.

„Na, wie war die erste Nacht im Elternhaus?“

„Zu kurz, weil der Abend davor zu lang und zu feucht war. Wir hatten uns natürlich eine Menge zu erzählen.“

„Klar.“

„Und als Erstes sind Vera und ich heute Morgen zum Grab von Tante Rike gegangen.“

„Sie wussten nichts von dem Tod Ihrer Tante Ulrike?“

„Nein. Seit vierzehn Jahren hatte ich keinen Kontakt mit meiner Familie, habe nur einmal im Fernsehen mitbekommen, dass das alte Rathausviertel abgebrannt ist und auf dem Gelände der alten Feinmechanischen Fabrik Stumm & Söhne Wohnungen gebaut werden sollen.“

„Ja. Würden Sie mir bitte einmal erzählen, wie Sie und wo Sie entführt worden sind?“

„Ich wollte vom Reiterhof mit dem Fahrrad nach Hause fahren, und über eine Steigung zum Steg habe ich das Rad geschoben. Drüben stand ein Mann, der eigentlich ganz freundlich aussah: ‚Wenn du willst, bringe ich dich nach Hause? Du wohnst doch im Lendersweg, nicht wahr? Wir haben ein Haus in der Winkelgasse gemietet, sind also jetzt Nachbarn.‘“

„Hatten Sie den Mann schon früher mal gesehen?“

„Ja, glaube ich wenigstens. Auf dem Lendersweg.“

„Können Sie ihn beschreiben?“

„Ja, so etwa. Ich würde denken um die dreißig, ein Meter achtzig bis fünfundachtzig groß, schlank, helle Haare, braune Augen.“

„Er sprach Deutsch?“

„Ja, ohne Akzent oder Fehler.“

„Wir werden uns später Fotos ansehen müssen. Trauen Sie sich zu, nach der langen Zeit ein Phantombild anzufertigen?“

„Doch ja.“

„Wunderbar. Wie ging’s weiter?“

„Er hat mein Fahrrad in den Kofferraum gelegt, und ich bin eingestiegen.“

„Haben Sie Autotyp, Farbe und Kennzeichen behalten?“

„Leider nein, Autos haben mich nie interessiert. Ein hellbrauner Kombi mit einem Kennzeichen aus Lörrach.“

„Das haben Sie behalten?“

„Ja, ich habe mir noch gedacht: Da muss er den Karren aber bald ummelden, sonst gibt’s Ärger.“

„Bis Sie losfuhren hatte er Sie aber noch nicht bedroht oder zu etwas gezwungen oder sexuell belästigt?“

„Nein. Dann fiel mir auf, dass er nicht die kürzeste Strecke zum Lendersweg fuhr. Ich habe ihm gesagt: ‚Wir hätten eben nach links abbiegen müssen.“‘Er hat nur geknurrt: ‚Wir nehmen noch jemanden mit. Sie will uns helfen, Gardinen aufzuhängen.‘“

„Sie?“, vergewisserte sich Lene

„Ja, in der Pelkerstraße stand eine junge Frau auf dem Bürgersteig und wartete auf uns. ‚Das ist Sylvia‘ hat er gesagt, ‚rutsch mal rüber.‘ Ich saß hinten rechts und bin dann auf den Sitz hinter ihm gerutscht. Die junge Frau hat die Tür aufgemacht und ist eingestiegen. ‚Du bist also die Meike.‘“

„Ich habe mich etwas gewundert, dass sie meinen Namen kannte.“

„Freut mich, dich kennenzulernen. Ich heiße Sylvia und wir machen jetzt eine kleine Spazierfahrt.“

„Ich wollte nicht durch die Gegend kutschieren, ich wollte nach Hause. Und diese Sylvia gefiel mir nicht. Rötlichbraune Haare mit vielen kleinen Locken. Sie roch und benahm sich wie eine billige Hure. Ich wollte aussteigen und habe ihm auf die Schulter getippt, er hat nicht reagiert und sie hat mich an den Haaren zurückgezogen und mir etwas feuchtes, ekelhaft süßlich Riechendes auf Mund und Nase gedrückt. Und dann wurde es ganz schnell dunkel um mich herum. Ich bin erst wieder zu mir gekommen, als die beiden mich auf einer Liege aus einer Garage ins Haus geschleppt haben. Die Treppe in den ersten Stock musste ich rauflaufen. Mir war schwindelig und kotzübel. Oben habe ich es gerade noch ins Bad geschafft und gereihert wie ein Weltmeister. Gemeinsam haben sie mich in ein Schlafzimmer gebracht und auf ein Bett gelegt. Geschlafen habe ich wie eine Tote. Und wissen Sie, was mich geweckt hat?“

Lene schüttelten den Kopf.

„Das Krähen eines Hahnes. Wie auf einem Bauernhof. Mich haben schon manche Geräusche aus dem Schlaf gerissen, aber noch nie ein Hahn. Wie im Märchen oder im Kino!“

„Also waren Sie auf einem Bauernhof gelandet.“

„Das glaube ich eigentlich nicht. Es war ein modernes Haus, mit Zentralheizung und fließend warmem Wasser. Aber die Bewohner hielten Tiere, Hühner und Schafe als Rasenmäher-Ersatz und zwei Pferde.

Auf der Stute durfte ich später sogar reiten.“

„Hat diese Sylvia fest in dem Haus gelebt?“

„In den ersten Tagen – ja.“

„Wissen Sie auch, wie der Mann hieß, der den Wagen gefahren hat?“

„Sie hat ihn mit Malte angeredet. Seinen Nachnamen habe ich nie erfahren.“

„Was haben die beiden beruflich gemacht?“

„Sie war Helferin in einer Arztpraxis in Tellheim, ist morgens pünktlich um neun Uhr weggefahren und abends meist zwischen achtzehn und neunzehn Uhr zurückgekommen.“

„Sylvia hatte ein Auto?“

„Ja, einen blauen VW-Polo.“

„Haben Sie sich das Kennzeichen gemerkt?“

„Ja. T-SK 555. Ganz stolz hat sie mir erzählt, dass sie für diese Kombination richtig gekämpft hat. SK wie Sylvia Köhler.“

„Und die 555?“, fragte Lene amüsiert?

„Die Zahlen waren ihr egal, so alt würde sie auf keinen Fall werden.“

„Und wie war das mit Malte?“

„Der ist auch jeden Tag wenigstens einmal weggefahren und nachmittags zurückgekommen, aber nicht so regelmäßig wie Sylvia. Was er in der Zeit gemacht hat, weiß ich nicht.“

„Aber das Kennzeichen seines Wagens haben Sie sich gemerkt?“

„Das hat häufiger gewechselt!“

„An dem hellbraunen Kombi?“, staunte Lene ungläubig.

„Ja, mal ein Kennzeichen aus Lörrach, dann mal aus Ludwigshafen oder auch aus Tellheim.“

„Hat er mal eine Erklärung dafür gegeben?“

„Nein.“

„Frau Stumm, wenn die beiden das Haus verlassen hatten, hätten Sie doch leicht fliehen können – oder?“

„Nein. Der Letzte, der ging, hat im Parterre und im ersten Stock alle Rollläden heruntergelassen und alle Türen nach draußen elektrisch verriegelt. In der ersten Woche habe ich tagelang im Dunkel gesessen, bis einer der beiden zurückkam.“

„Telefon gab es nicht?“

„Nein. Und mein Handy hatten Sie mir am ersten Tag weggenommen und vor meinen Augen zertreten. Außerdem wusste ich monatelang nicht, wo ich war. Weit und breit keine Häuser, auch keine Straße. Waren Sie schon mal so gefangen?“

„Ja“, sagte Lene zögernd, die sich nicht gern daran erinnerte.

„Zum Glück hatten meine Entführer das Wasser und den Strom für Fernseher und Radio nicht abgestellt. Aber ich war fast verhungert, als meine Kollegen mich endlich gefunden haben.“

„Scheußlich“, kommentierte Meike mitleidig.

„Wie war das bei Ihnen?“

„Der Kühlschrank war immer gut gefüllt. Aber ich habe mich lange nicht getraut, mir was zu kochen.“

„Und warum nicht?“

„Ich hatte und habe eine wahnsinnige Angst vor Feuer. Ich wäre in dem verschlossenen Haus wohl bei lebendem Leibe gegrillt worden. Türen und Fenster waren ja fest verschlossen.“

„Und wenn Sie mal was brauchten, Wäsche, was zum Anziehen oder Medikamente?“

„Habe ich das abends gesagt und am nächsten Tag hat mir einer etwas mitgebracht.“

„Zum Bespiel?“

„Die Pille etwa.“

„Apropos Pille, waren Sylvia und Malte eigentlich ein intimes Paar?“

„Nein, glaube ich nicht. Sie kannten sich gut, aber ich glaube nicht, dass sie miteinander geschlafen haben. Aber dann muss was passiert sein – man spürte förmlich, wie es zwischen den beiden knisterte. Warum, das weiß ich allerdings nicht. Und danach verschwand sie. Am Tage danach haben Malte und ich zum ersten Mal miteinander geschlafen.“

„Ihre erste sexuelle Erfahrung?“

„Ja. Es war toll. Unvergesslich. Und zwei Tages später ist ein Mann mit einem VW-Bus gekommen und hat Sylvia abgeholt und ihre Sachen mitgenommen. Malte hat ihn noch gesehen, und nur gemeint: ‚Mit Uwe ist sie ja bestens versorgt. Mehr hat sie auch nicht verdient.‘“

„Malte kannte also diesen Uwe?“

„Ja.“

„Könnten Sie auch von Sylvia ein Phantom anfertigen?“

„Ja. Ich hatte an dem Tag, an dem Sylvia auszog, das komische Gefühl, dass sie sich alle drei eigentlich gut kannten.“

„Woher – das wissen Sie nicht?“

„Nein, Malte hat Uwe und Sylvia nie mehr erwähnt.“

Lene holte tief Luft: „Frau Stumm. Haben Sie abends mal ferngesehen?“

„Ja.“

„Welches Programm?“

„Entweder das Landesprogramm Leiningen oder SWR Baden Württemberg.“

„Sehr gut.“

„Frau Schelm. Ich würde jetzt gerne gehen. Ich habe einen Termin bei „Cosimo“, um diese scheußliche Farbe aus den Haaren zu bekommen und mir von ihm eine ordentliche Frisur verpassen zu lassen. Ich komme dann später wieder. Einverstanden?“

„Natürlich. Es gibt keinen Grund, Sie hier zurückzuhalten.“

„Prima. Dann biete ich Ihnen an, dass ich gleich nach „Cosimo“ zurückkomme, wenn wir noch nicht fertig sein sollten.“

„Einverstanden. Wir werden uns Fotos anschauen müssen, und Sie wollen versuchen, Phantombilder herzustellen, von Malte und Uwe. Und von Sylvia.“

„Hab ich nicht vergessen. Kann ich Vera so lange bei Ihnen lassen?“

„Klar. Ich sage nur meiner Kollegin Bescheid, dass sie frischen Kaffee kocht.“

„Danke.“

Meike zwickte sich in die Ohrläppchen: „Frau Schelm, ob ich wohl noch einen Kaffee bekommen könnte, bevor ich zu Cosimo abzische?“

„Na klar. Bin gleich wieder da.“

Mia hatte nebenan wohl gut zugehört; denn als Lene hereinkam, füllte sie schon gemahlenen Kaffee in die Filtertüte: „Das ist ja eine richtige Räuberpistole, Chefin.“

„Ja, und ich habe so ein Gefühl, die dicksten Hämmer kommen noch.“

Mia brachte ein paar Minuten später eine Thermoskanne herein.

„Danke für den Kaffee.“

„Bitte, bitte.“

„So, und nun möchte ich Cosimo nicht länger auf Sie warten lassen.“

Lene hatte ihren Kaffee langsamer getrunken und vorerst nichts mehr gefragt. „Bis nachher dann.“ Man musste nicht alles glauben, was man in einem Polizeipräsidium oder auf einem Revier zu hören bekam, war aber auch nicht verpflichtet, alles grundsätzlich für gelogen oder gezielte Irreführung zu halten. Außerdem hatte Lene keinen Grund, Meike Stumm vorzuladen und amtlich zu befragen. Sie war weder eine Zeugin, noch eine Beschuldigte oder Verdächtige. Und die amtliche Auferstehung von den amtlich für tot Erklärten war auch nicht Lenes Aufgabe. Darum sollten sich ein Rechtsanwalt der Familie und der Staatsanwalt kümmern. Lene musste Meike Stumm bei Laune halten, damit die freiwillig weiter aussagte. Sie sollte also ein Vertrauensverhältnis herstellen.

Sie verabredete sich mit dem Tom Heilmann, der an dem elektronischen Puzzlegerät für Phantombilder brillierte und auch die Lichtbildersammlung des Präsidiums verwaltete. Er besaß das – wie Lene es nannte – peinliche Gedächtnis: Er vergaß nie eine Gesicht, aber oft den Namen der Person auf dem Foto. Er war tüchtig, aber auch selbstbewusst.

Heilmann maulte auch prompt: „Gleich zwei oder drei, Frau Schelm?“

„Die Zeugin ist um die dreißig, sieht sehr gut aus, ledig, hat eine kleine Tochter, die aus dem Gröbsten schon raus ist, nachts durchschläft, und stammt aus einem reichen Elternhaus. Welche Chance für einen jungen, ledigen, attraktiven Landesbeamten mit Aufstiegschancen.“

„Sie schrecken auch vor nichts zurück, was?“

„Sie haben mich durchschaut.“

Lene lud die Akte „Vermisst – Meike Stumm“ auf den Bildschirm und telefonierte mit Staatsanwalt Jürgen Sandig: „Sie müssen eine nur amtlich Tote wieder zum Leben erwecken.“

„Wie schön, dass Sie mir das zutrauen. Bitte in Stichworten wen, warum und wann? Bei Gelegenheit dann mündlich ausführlich.“ Sandig war jung, eifrig und trat irgendwie immer etwas forsch auf, aber er war auch tüchtig und gewissenhaft – man konnte sich auf ihn verlassen, was auch schon lange nicht mehr die Regel war.

Meike Stumm blieb fast zweieinhalb Stunden fort. Als sie mit mehreren Einkaufstüten zurückkam, pfiff Lene laut vor Bewunderung und etwas Neid: „Toll sehen Sie aus. Ich hätte Sie kaum wiedererkannt.“

„Also gefalle ich Ihnen so?“

„Und ob.“

„Cosimo ist sein Geld wert, das stimmt. Schließlich muss ich heute noch zu meinem cholerischen Großvater Elmar und einen guten Eindruck auf ihn machen.“

Lene seufzte – mit Elmar Stumm war sie nicht gut ausgekommen, aber vielleicht war er in vierzehn Jahren mit seiner Enkelin und Urenkelin nachsichtiger und vor allem geduldiger.

„Viel Glück, Frau Stumm. Sie haben also, wenn ich richtig gerechnet habe, knapp sechs Jahre mit Malte zusammengelebt? Nach Sylvias Auszug wurden Sie doch tagsüber nicht mehr eingesperrt? Warum sind Sie dort geblieben?“

„Stimmt, ich hätte weglaufen können.“

„Was hat Sie bei Malte gehalten?“

„Das Bett, die Liebe und die Erinnerung daran, dass die Atmosphäre in meinem Elternhaus auch nicht so prickelnd gewesen war. Dann stellte ich eines Tages fest, dass ich schwanger war und habe mir ausgerechnet, dass ich bei Malte irgendwo auf dem Lande wohl besser aufgehoben war als im Lendersweg in Tellheim.“

„Wo haben Sie mit Malte gelebt?“

„Zuerst in einem Wochenendhaus am Lantener See, das seinem Bruder Uwe gehörte. Dann begann Malte als Makler gut zu verdienen, und hat uns ein Haus am Schlichsee gekauft. Dort fühlten wir uns wohl und glücklich.“

„Und? Waren Sie das?“

„Die ersten Jahre ganz sicher. Ein hübsches Haus, nette Nachbarn, Vera lernte schwimmen. Also auch eine Sorge weniger.“

„Okay, ich verstehe. Wo ist Vera geboren worden?“

„In der Lumerusklinik in Braakenfeld.“

„Dort auch beim Standesamt registriert?“

„Ja.“

„Haben Sie die Geburtsurkunde zufällig dabei?“

„Nein, die habe ich heute Morgen mit allen anderen Papieren Ihrer Kollegin Hollweg gegeben. Sie wollten die Papiere doch prüfen lassen.“

„Richtig.“

„Ihrer Kollegin habe ich meine und Veras Geburtsurkunde gegeben.“

„Warum sind Sie dann doch von Malte Sobiok fortgelaufen?“

„Maltes heiße Liebe zu mir und seiner Tochter Vera hat nicht lange genug gehalten. Nach drei Jahren Ehe begann er fremdzugehen auf seinen vielen Geschäfts- und Besichtigungsreisen. Ich hatte Vera und wusste nicht, wohin sonst.“

„Zu Ihren Eltern wollten Sie nicht zurück?“

„Eigentlich nicht. Übrigens wusste ich nicht, dass mein Vater inzwischen gestorben war. Aber wohin sonst? Mit einem kleinen Kind ohne Schulabschluss, ohne Beruf und ohne Geld. Also habe ich eines Tages alles Wichtige in einen Rucksack gepackt, mich von meiner Stute verabschiedet, Vera genommen und wir sind querfeldein losgelaufen. Ein Lieferwagen hat uns schließlich nach Tellheim mitgenommen und im Quellenviertel abgesetzt.“

„Sind Sie eigentlich vom Reiterhof immer über den Lonsesteg in den Lendersweg geradelt?“

„Meistens, aber nicht immer.“

Lene bemerkte, dass Meike langsamer und müde wurde.

„Ich würde sagen, wir machen für heute Schluss. Unser Phantombildner wartet. Wenn Sie Zeit haben, wäre es schön, wenn Sie morgen noch einmal hereinkommen könnten. Bis dahin habe ich einiges erledigt.

Jetzt schaute Lene diskret auf die Uhr. Es wurde Zeit.

Laut sagte sie in den Raum: „Haben die Kollegen alles kopiert und untersucht?“

Mia antwortete prompt über Lautsprecher: „Liegt alles bereit, Chefin.“

„Dann besuchen wir jetzt noch den schönen Tom.“

KK Thomas Heilmann war von Meike Stumm so beeindruckt, wie Lene das erhofft hatte. Sie machten sich auch sofort an die Arbeit. Lene ging an ihren Schreibtisch und räumte auf. Schon wenig später rief Tom Heilmann an: „Chefin, es hat keinen Zweck mehr, sie schläft mir gleich vor dem Gerät ein.“

„Trotz Ihres Charmes?“

„Sie hat Sehnsucht nach einem Bett, groß und alleine für sich, ich würde da nur stören.“

„Okay, machen wir Schluss für heute.“

Meike Stumm rief gegen elf Uhr im Präsidium an und hörte sich ziemlich verschlafen an.

„Wie war der Abend mit Opa Elmar?“, wollte Lene wissen.

„Anstrengend.“

„Wie das?“

„Großvater hat die wieder auferstandene Enkelin vielen seiner Freunde und Bekannten vorgestellt, und mit jedem musste ich ein Schlückchen auf die glückliche Heimkehr trinken. Ich war noch nie so betrunken wie gestern Abend. Vor allem, alles durcheinander: Champagner, Cognac, Wein und Calvados. Liane musste mich wie ein Kleinkind ins Bett bringen.“

„Und jetzt brummt der Kopf?“

„Wie eine große Glocke. Brauchen Sie mich heute noch einmal?“

„Ja, wir haben doch noch einige Fragen und mindestens zwei Phantombilder vor uns. Könnten Sie so gegen achtzehn Uhr im Präsidium sein? Und ein, zwei Stunden Zeit für meinen Kollegen und mich mitbringen?“

„Wenn’s denn sein muss – okay. Vielleicht wirken bis dahin ja auch die Tabletten.“

Auch Tom Heilmann würde Überstunden machen müssen, wenn seine „Kundin“ wirklich wacher war als gestern.

Am Nachmittag war Lene – wie Sandig es nannte – zu Kaffee und Kuchen in die Staatsanwaltschaft eingeladen. Der Staatsanwalt hörte aufmerksam zu und meinte zum Schluss: „Eine verrückte Geschichte.“

Lene zuckte hilflos die Achseln.

„Schicken Sie die junge Dame mit alle Papieren zu mir. Amtlich ist sie in kürzester Frist wieder unter den Lebenden.“

„Vorsicht, Herr Staatsanwalt, es sind zwei junge Damen: eine dreißig, die andere sieben oder acht.“

„Das heißt, ich muss mein Zimmer aufräumen und alles wegschließen, wenn ich hinterher noch was wiederfinden will.“

„Wäre zu empfehlen, ja. Die Kleine ist lebhaft, intelligent und sehr selbstbewusst.“

„Oh je.“

„Ich hätte noch eine Bitte. Könnten wir die amtliche Wiederauferstehung einer Toten vorerst unter der Decke halten, damit ich in Ruhe, ohne Presse und Neugierige an den Hacken, noch einiges recherchieren kann?“

„Einverstanden, Frau Schelm, Sie geben Laut wenn Sie so weit sind?“

„Mach ich.“

Sandig grinste, war aber von einer Sekunde auf die andere wieder ernst: „Wem wollen Sie eigentlich ans Leder?“

„Eigentlich dem Großvater Elmar Stumm.“

„Alte Blutrache? Gekränkte Eitelkeit oder nicht zu verzeihende Beleidigung?“

„Hauptsächlich Letzteres!“

„Dann lassen Sie mal hören.“ Er war ein Kaffeesäufer wie Lene, und die Thermoskanne war zum Glück sehr groß. „Amtlich und juristisch sehe ich keine Möglichkeit, dem alten Stumm was ans Zeug zu flicken.“

„Ich auch nicht“, stimmte sie zu. „Aber ich verlasse mich oft auf mein Bauchgefühl. Und das sagt mir: Da ist noch was vergraben, das ich den Stumms zu gerne an die Backe kleben möchte.“

„Der deutsche Kriminalbeamte verachtet private Rachefeldzüge.“

„Und der deutsche Staatsanwalt unterstützt ihn dabei.“

„So ist es, Frau Schelm.“ Sandig sah ihr etwas besorgt nach. Man hatte ihn gewarnt: Eine Lene Schelm sei immer für eine Überraschung gut. Und simple Fälle kenne sie gar nicht, sie zöge Komplikationen an wie ein Magnet die Eisenspäne.

Drittes Kapitel

Mia Hollweg war tüchtig, zäh und ausdauernd. Bis tief in die Nacht und seit heute Morgen ab Dämmerung hatte sie die Tonbänder abgetippt, korrigiert und ausgedruckt.

Lene war begeistert: „Toll, Mia! Und wenn Sie von diesem Marathon ausgeschlafen sind, versuchen Sie doch bitte herauszufinden, wo dieses Haus liegt, in dem Meike Stumm untergebracht war und später gelebt hat – und die Kennzeichen zu identifizieren. Eine Bedingung: Es soll nicht bekannt werden, dass die entführte Meike Stumm lebendig wieder aufgetaucht ist.“

„Alles klar, Chefin.“

Hoffentlich hatten sie diesmal Glück mit ihrer Strategie. Seit Jahren gab es irgendwo im Präsidium eine undichte Stelle; immer wieder sickerten Details durch, die sie aus guten Gründen (meist als verräterisches Täterwissen) geheim zu halten wünschten.

Meike Stumm erschien pünktlich, ausgeschlafen und mit klarem Kopf.

Kollege Heilmann war angenehm überrascht, dass Meike seinen Namen behalten hatte und warf sofort seine Maschine an. Lene ließ sie beruhigt alleine. Kollege Tom würde jetzt nach Meikes Anweisungen gespeicherte Elemente zu einem Gesicht zusammensetzen: Vollbart dicht, Vollbart schütter, Schnurrbart, Gesicht runder oder ovaler. Ohren größer oder kleiner, abstehend oder enger anliegend, der Apparat erfüllte fast alle Wünsche und dass Meike dicht an den Kollegen Tom heranrücken musste, um den Bildschirm gut zu sehen, störte ihn und sie eindeutig auch nicht. Lene grinste und verzog sich wortlos in ihr Zimmer, wo sie sich fast zwei Stunden mit Mias Protokoll beschäftigte; bis das Telefon klingelte.

„Wir sind fertig, Frau Schelm, wollen Sie mal kommen und unsere Arbeit bewundern?“

„Schon unterwegs.“

Sie hatten es tatsächlich geschafft, zwei Phantombilder herzustellen, von Malte und Sylvia. Lene betrachtete sie ausgiebig. Ein hübscher junger Mann Anfang zwanzig und eine etwas verblühte Frau Mitte vierzig.

„Großartig, Tom.“

„Danke, Chefin.“

Mit der gewünschten Geheimhaltung möglichen Täterwissens klappte es wieder nicht. Der Morgenblick, ein in Tellheim und Umgebung verbreiteter BILDzeitungsverschnitt, machte am nächsten Morgen mit der Schlagzeile auf: „Nach vierzehn Jahren wieder daheim.“

Warum gelang es DIE, der Dienststelle Interne Ermittlungen, nicht, die undichte Stelle zu finden? Gegen den Blick vorzugehen, hatte der Präsident verboten, der sich schon einmal mit Ermittlungen gegen eine Zeitung bös die Finger verbrannt hatte. Abgedruckt war im Morgenblick ein Archiv-Foto der damals fünfzehn- oder sechzehnjährigen Meike Stumm; das war schon ärgerlich, aber noch störender war, dass der Blick-Schreiber gründlich in die Archiv-Unterlagen geschaut hatte, nicht nur die Familiengeschichte der Stumms und ihre Vermögenslage detailliert schilderte, sondern auch daran erinnerte, dass bei der Geldübergabe der Vater des Mädchens ermordet worden war.

Sandig rief Lene an: „Schon den Morgenblick gelesen?“

„Nein, das tue ich mir morgens nicht an.“

„Dann möchte ich Sie hiermit dienstlich anweisen, heute eine Ausnahme zu machen.“

Lene hatte gewaltige Bauchschmerzen, als sie in die Kantine schlich und Pfefferminztee bestellte. Die Phantombilder hatte sie im Tresor des R – 11 eingeschlossen. Und Tom Heilmann hatte ihr geschworen, dass er die gestrigen Dateien in seinem Puzzle-Apparat gelöscht hatte, und die CD, die er vorher zum Speichern benutzt hatte, seitdem ununterbrochen in seinem Besitz gewesen war. „Nein, auch Meike hatte keine Ausdrucke mit nach Hause genommen.

Der Pfefferminztee begann eben zu wirken, als sie sich entschied, ihr Glück bei Tom Heilmann zu versuchen: Der Vorname Sylvia war so häufig nicht und die Pudelfrisur noch seltener.

Kollege Tom hatte die Bildersammeldatei bereits aufgerufen und gab nun vier Suchbegriffe ein: weiblich, Sylvia, Anfang vierzig, Pudellocken. Und sie landeten Treffer.

Bei dem dritten Foto, das auf dem Bildschirm erschien, sagten Lene und Heilmann unisono: „Treffer.“ Die Ähnlichkeit mit dem Phantombild war verblüffend. Sylvia Köhler, Eigentümerin des Beautysalons Mona in der Langen Straße.

„Ausdrucken, Chefin?“

Heilmann nannte alle Frauen, für die er eine Arbeit an seinen Geräten erledigen musste, „Chefin“, was manchmal sehr verwirrend war. „Ja, bitte, Tom.“ Mit den Ausdrucken suchte Lene ihren Freund Arne Wilster im Archiv des Präsidiums auf.

Dessen Hilfe Anja Stich beherrschte einen verbotenen Trick, sich in Dateien aller Referate umzuschauen, ohne dass dieser „Besuch“ automatisch protokolliert wurde. Aber Lene fragte sich nicht zum ersten Mal, warum sich das Präsidium ein teures EDV-System leistete, wenn es einen Arne Wilster im Archiv sitzen hatte: Ein Blick reichte ihm: „Unser Pudel Sylvia. Ist sie wieder im Geschäft?“

„Was für ein Geschäft?“

„Sie hat mit einem schwulen Partner ein Fotostudio betrieben!“

„Was für Fotos?“

„Nackte Frauen, die sich von nackten Männern anfassen und ablichten ließen. Oder umgekehrt. Gegen Honorar natürlich.“

„Nein, daran bin ich nicht interessiert. Hat sie mal längere Zeit mit einem festen Freund zusammengelebt?“

„Das weiß ich nicht. Das musst du die Nadel fragen!“

„Ich bin hinter dem Mann her.“

Anja Stich hatte derweil elektronisch ein ansehnliches Dossier gesammelt und ausgedruckt. Sylvia Köhler hatte es häufiger mit der Justiz zu tun gehabt: Betrug, Urkundenfälschung, uneidliche Falschaussagen, Diebstahl, Konkursverschleppung.

Lene bedankte sich und ging an ihren Schreibtisch zurück, blätterte noch einmal das von Mia so vorbildlich getippte und zu einer Akte zusammengestellte Protokoll durch und griente in sich hinein: Sie hatte sich nicht getäuscht. Keine bleibenden Rotweinschäden.

Viertes Kapitel

Anneliese Schlüter war in den vergangenen vierzehn Jahren sichtbar gealtert. Sie bewegte sich langsam an einem Rollator. Die Arbeit im Stall und mit den Pferden hatte sie aufgeben müssen, aber ihr Gedächtnis hatte nicht gelitten: „Frau Schelm. Sie kommen sicherlich wegen Meike Stumm, nicht wahr?“

„Das haben Sie also schon gehört?“

„Im Morgenblick gelesen. Da steht ja nicht viel drin, aber das Wenige ist dafür so groß gedruckt, dass sich eine alte Frau mit Brille noch informieren kann.“

„Wegen Meike Stumm bin ich hier. Ich möchte Sie bitten, sich diese beiden Phantombilder anzuschauen. Erkennen Sie die Frau oder den jungen Mann?“

Mit einer gewissen Umständlichkeit, die ihr Spaß zu machen schien, holte sie eine Brille aus der Kitteltasche, sah sich die Ausdrucke gründlich an und seufzte: „Können wir uns setzen? Das wird eine etwas längere Geschichte, Frau Schelm. Der junge Mann heißt mit Vornamen Malte und hat oder hatte einen älteren Bruder Uwe. Uwe Sobiok. Und dieser Uwe Sobiok hatte bei uns eine Stute untergestellt, Anni, ein sehr schönes Tier, um das er sich aber kaum gekümmert hat. Angeblich aus Zeitmangel. Nun steht ein Pferd nicht gern den ganzen Tag in der Box herum. Meike hat sich um Anni gekümmert, sie nach draußen geführt, auch geritten, gestriegelt, gefüttert und die kleinen Wunden und Blessuren versorgt. Sie mochten sich, Meike und Anni, und eines Tages ist dieser Uwe Sobiok mit Meike Stumm zu mir gekommen. Er war ein sehr schöner und sehr höflicher Mann: ‚Hallo, Frau Schlüter, alle auf dem Hof erzählen mir, dass sich Meike rührend um Anni kümmert. Sie darf Anni selbstverständlich so oft reiten, wie sie wünscht.‘ Und dann hat er zu Meike gesagt: ‚Und wenn du mal Sorgen oder Probleme hast, rufe mich an, ich helfe dir, so gut ich kann. Parole Anni Schlüter.‘“

„Wunderbar. Er hieß Sobiok, Uwe Sobiok?“

„Ja. Parkallee und ein Wochenendhaus am Lantener See, Röhrichtdamm.“

„Sie haben mir sehr geholfen, Herzlichen Dank, Frau Schlüter. Ach, und was ist aus Anni geworden?“

„Sobiok hat sie zum Züchten verkauft, sie ist in sehr gute Hände gekommen, fünf gesunde Fohlen, Frau Schelm, eines schöner als das andere. Sie reiten nicht?“

„Nein. Ehrlich gesagt, sind Pferde mir zu hoch und mit der Zeit würde es auch nicht gut aussehen.“

„Schade.“

Weil der Lonsesteg für Autos gesperrt war, fuhr Lene durch Steingraben in das Quellenviertel zum Präsidium im Krötengraben. Uwe Sobiok wohnte immer noch an der Parkallee 29. Malte Sobiok fand sie nicht, darum musste sich Mia morgen kümmern; Lene legte ihr einen Zettel neben das Telefon.

Auf der Treppe begegnete ihr der Kollege Tom Heilmann, der sich halb stolz, halb verlegen umschaute.

„Einen schönen Abend, Frau Schelm.“

Frau Schelm und nicht Chefin – Heilmann hatte also seine Arbeit für das R – 11 abgeschlossen. „Danke, ebenfalls.“

Nach der Beerdigung von Alexander Stumm hatte sich Lene ausführlich mit Stumms Schwester Ulrike unterhalten. „Durch Alexanders Tod war viel in der Stummschen Planung durcheinandergeraten. Alexander hätte von seinem Vater Elmar die Hälfte des Stummschen Vermögens erben sollen. Die andere Hälfte geht an mich. Aber Liane damals und Meike jetzt haben keine Lust, die Leitung der Stumm & Söhne KG zu übernehmen. Aber eben das ist die größte Sorge meines Vaters: Wer hält das Unternehmen nach seinem Tod zusammen?“

„Sie haben kein Interesse?“

„Nein. Vom Geschäft und der Feinmechanik verstehe ich auch nichts. Ich kann Geld stil- und würdevoll ausgeben, aber nicht verdienen.“

„Aber die Hälfte von Stumm & Söhne gehört doch Ihnen – oder?“

„Ja. Das ist bereits testamentarisch geregelt. An ihrem 33. Geburtstag erhält die Tochter von Liane Grote und Alexander Stumm meine Hälfte des Stummschen Vermögens.“

Lene hatte sich über die eigenartige Formulierung gewundert, sie notiert und das Blatt in der Akte abgelegt. Der Zettel musste noch in der Mordakte „Alexander Stumm“ abgeheftet sein.

„Und wer führt nun die Firma weiter?“ So ein ähnliches Problem hatten sie mit dem Unternehmen ihres Vaters gehabt, das der Sohn und Bruder erfolgreich weiterführte und seine Schwester am Gewinn beteiligte.

Ulrike Stumm war etwas rot geworden und hatte gekichert: „An der Lösung arbeiten wir noch.“

„Wie meinen Sie das?“

„Mein Bruder hatte einen erfolgreichen Schulfreund, Markus Demel, der die Geschäftsführung übernehmen könnte. Tüchtig ist er, er hat nur einen Fehler.“

Lene sah Rike Stumm groß an.

„Markus stammt aus kleinen Verhältnissen und hat sich hochgearbeitet. Nach dem Abitur hat er sich sehr um mich bemüht; wer weiß, was daraus geworden wäre, wenn mein Vater nicht eingegriffen hätte: ‚So ein Hungerleider und Erbschleicher kommt mir nicht in meine Familie.‘ Mein Vater verachtet Markus immer noch, und Liane und ich arbeiten ausdauernd daran, seine Meinung in diesem Punkt zu ändern.“

Auch das hatte sich Lene ausführlich notiert. Zwar schien es auf der Hand zu liegen, dass Meikes Entführer den Lösegeldüberbringer aus welchen Gründen auch immer erschossen hatte, aber nach Lenes Erfahrung war eine anscheinend logische oder konsequente Erklärung nicht immer die richtige.

Jahre später, als Großvater Elmar Stumm seine Meinung geändert und Markus Demel die Geschäftsführung von Stumm & Söhne übernommen hatte, war Markus Demel in die Villa der inzwischen verstorbenen Ulrike Stumm gezogen. Lene hatte sich mit Ulrike Stumm sehr gut verstanden und war einmal zu einem Sommerfest in ihre Villa am Kappenberg eingeladen worden. Das war mehr als eine protzige Villa, das war schon ein modernes Anwesen, für das eine Putzhilfe und eine Köchin nicht ausreichten, dafür brauchte man wie zu Kaisers Zeiten Personal, das unter dem Dach wohnte. Allein der Garten beschäftigte eine halbe Kompanie Gärtner und zum wöchentlichen Reinigen des Swimmingpools rückte eine Firma aus Guntersburg an. Lene hatte sich nie ein Haus gewünscht, sie wusste aus ihrem Elternhaus, wie viel Geld und Zeit man dafür aufwenden musste. Das Geld hätte vielleicht keine Rolle gespielt, aber die Zeit fehlte, seit sie von der Schutz- zur Kriminalpolizei gewechselt war. Leise vor sich hin pfeifend marschierte sie an der Villa vorbei und erkannte im letzten Moment die Besucherin, die eifrig klingelte. Ob der Mann, der ihr schließlich öffnete, Markus Demel war? Sie küssten sich heiß und ausdauernd: Eine Miteigentümerin der Firma besuchte offenbar nicht nur den Geschäftsführer; Lene grinste und ging weiter. Als sie im R – 11 anfing, hieß die Erste Hauptkommissarin Caroline Heynen, und Caro strapazierte einen Lieblingsspruch: „Bei dem ersten Blick kann jeder irren, deswegen schaut eine gute Ermittlerin immer zweimal hin.“ Mit einem anderen Spruch nervte sie ihr Team regelrecht: „Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen.“

Aber nicht mehr heute.

Am nächsten Morgen ergänzte Lene die Akte um alles, was sie gestern erfahren hatte, und dachte wieder an Caro Heynen: „Auch der beste Ermittler bleibt nicht von Krankheiten oder Unfällen verschont: Warum sollen die Kollegen dann wieder bei Null anfangen?“

Sie schnappte sich Mia und verschwieg ihr, dass ihre Hauptaufgabe darin bestehen würde, auf ihre Chefin zu warten. „Wir müssen in die Parkallee 29 zu Uwe Sobiok.“ Mia fuhr gerne Auto und fuhr auch gut.

Fünftes Kapitel

Parkallee 29 war zu einer Zeit erbaut worden, als man sich in Tellheim noch Grundstücke leisten konnte. Der Marmor in der Halle war echt, der Aufzug groß genug für zehn Personen, Uwe Sobiok stand in der offenen Wohnungstür und kraulte seinen prächtigen, schwarzen Vollbart: „Sagen Sie nichts, Sie sind die Hauptkommissarin Marlene Schelm und kommen wegen der nun doch lebendigen Meike Stumm.“

„Ja. Woher wissen Sie das, Herr Sobiok?“

„Anneliese Schlüter hat mich angerufen.“

„Sie haben also Meike Stumm gekannt?“

„Natürlich. Sie hat sich rührend um meine Anni gekümmert und das Tier jeden Tag bewegt, und dafür gesorgt, dass während ihrer Ferien einer vom Schlüterhof das gegen Bezahlung erledigt.“

„Herr Sobiok, Sie haben Meike Stumm angeboten, sich an Sie zu wenden, wenn sie mal Sorgen oder Nöte hätte. Hat Meike Sie deswegen an dem Tag angerufen, als sie entführt wurde?“

Sobiok lachte leise. „Frau Schelm, ich will ihnen alle meine Geheimnisse verraten, aber das würde – wenn der Morgenblick noch rechnen kann – jetzt vierzehn Jahre zurückliegen. Da kann ich nur ehrlich sagen, ich weiß es nicht mehr.“

„Schade; ich hätte aber noch zwei weitere Fragen an Sie. Kennen Sie die Personen auf diesen beiden Phantombildern?“

Sobiok schrak sichtlich zusammen und zerrte an seinem gepflegten Vollbart. „Das ist doch mein Bruder Malte – oder?“

„Möglich, wir kennen den Namen und die Anschrift des jungen Mannes nicht, würden aber gerne mit ihm sprechen.

„Er wohnt in Wedel, Lorenzstraße 48.“

„Erkennen Sie auch die Frau?“

Er stöhnte auf: „Sylvia. Eine schreckliche Jugendtorheit, Frau Kommissar.“

„Wissen Sie, wo ich sie heute finde?“

„Nein, tut mir leid, wir haben uns schon vor Jahren getrennt und wohin sie dann gezogen ist, weiß ich nicht.“

„Verraten Sie mir noch Ihren Namen?“

„Sylvia Köhler.“

„Diese Sylvia kennt Ihren Bruder Malte?“

„Natürlich. Es tut mir leid, Frau Schelm, aber ich muss jetzt unbedingt fort.“

Lene war verblüfft, dass er es plötzlich so eilig hatte, ließ sich aber nichts anmerken.

„Sie sind mich schon los, Herr Sobiok. Vielen Dank für Ihre Hilfe.“

Von Sobioks Wohnungstür lief sie eine Treppe hoch und telefonierte oben mit Mia.“

„Mia, da kommt gleich ein Mann mit einem wunderschönen dunklen Vollbart aus dem Haus gelaufen. Wenn er mit seinem Auto losfährt – hinterher. Nicht eingreifen, ich brauche nur das Kennzeichen und die Adressen, bei denen er anhält. Alles klar?“

„Geht in Ordnung, Chefin.“

Eine Viertelstunde später verließ Lene das Haus Parkallee 29 und bummelte zum Rendel-Park. Es war sonnig und warm, sie setzte sich auf eine schattige Bank und notierte ihr Gespräch mit Uwe Sobiok. So ein gepflegter, dunkler Vollbart war doch was Schönes, besonders für einen Polizisten, der den Bartträger verfolgen sollte.

Eine halbe Stunde später rief Mia an. „Chefin, er hat seinen Wagen in der Auerstraße geparkt und ist in das Bürohaus Nummer 22 gegangen. Vorher war er immer nur für Minuten in der Löbelstraße 55 und der Karanderstraße 24.“

„Sehr schön, Mia. Fahr ruhig ins Präsidium. Ich trödele noch etwas durch die Stadt.“

Wenn sie sich richtig erinnerte, lag die Löbelstraße im Zoo-Viertel, und vom Rendel-Park waren es bis zum Zoo nur gut zehn Minuten zu Fuß.

Das Zoo-Viertel war noch vor wenigen Jahren eine sogenannte „Gute Adresse“ gewesen, und die Löbelstraße so etwas wie die Paradestraße oder wie die Tellheimer spotteten, unser Boulevard „unter den Linden“. Die Linden gab es immer noch, gesunde Bäume mit reichlich Tröpfchen, zum Ärger der Parker. Nummer 55 war ein gut erhaltenes vierstöckiges Haus, in dem nicht nur Wohnungen lagen, sondern auch, wie die Messingschilder neben dem Eingang verrieten, Büros und Arztpraxen.

Auf der anderen Straßenseite lag ein kleines Restaurant, das mutig ein Menü aus Gazpacho und Zwiebelkuchen mit Speck und Kapern anbot. Lene beschloss, es zu riskieren, es würde auf jeden Fall besser und einfallsreicher schmecken als die Präsidiumskantine.

Dazu gab es einen einjährigen Müller-Thurgau Leininger Burgberg, der es nie unter die deutschen Spitzenweißweine bringen würde, aber frisch und leicht säuerlich gut zum Zwiebelkuchen passte. Lene beschloss, sich eine kurze Auszeit zu gönnen und nachher eine Tortur zu wagen: Sie brauchte neue Sommersandalen und bedauerte jetzt schon sich und die arme Verkäuferin. Dass sie zwischendurch immer mal wieder einen Blick auf den Hauseingang Löbelstraße 55 warf, war schlicht eine dienstliche Angewohnheit. Irgendwann fielen ihr die vielen jungen Frauen und Mädchen auf, alle in luftigen Kleidchen, die an der Tür 55 klingelten und sich nur wenige Minuten im Haus aufhielten. Lene zahlte und rief im Büro an: „Liebe Mia, schau doch mal im Computer nach oder in der alten Akte Meike Stumm, woher mir die Anschrift Karanderstraße so bekannt vorkommt.“

Mia beeilte sich: „Vor vierzehn Jahren wohnte in der Karanderstraße 24 Erwin Grote, Meike Stumms Großvater mütterlicherseits.“

„Großartig. Ich ziehe jetzt los, um mir das Haus noch einmal anzuschauen.“

Mia schnaufte, sagte aber nichts.

Neben der Haustür Löbelstraße entdeckte Lene zwei Firmenschilder, Messing, blankpoliert, die sie interessierten: Fotostudio K. Venna und eine Castingagentur S. Köhler GmbH. Sie notierte sich die Namen und Telefonnummern. Auch eine Landesbeamtin mit Pensionsanspruch konnte in die Lage kommen, sich einen neuen Job suchen zu müssen. Sie wusste, dass eine Castingcouch kein Beichtstuhl war.

Der Sandaleneinkauf verlief wider Erwarten schnell und für beide Seiten fast stressfrei.

Danach nahm Lene ein Taxi vom Kaiserplatz zur Karanderstraße, um wenigstens vor sich selbst zu rechtfertigen, dass sie den ganzen Tag nicht verbummelt, sondern zwischendurch auch gearbeitet hatte. Das Schicksal belohnte diese positive Einstellung umgehend. Als sie zahlte und vor der Nummer 24 hielt, sprang vor ihnen ein bärtiger Mann aus einem teuer aussehenden Coupé, sauste zur Haustür Nummer 24 und klingelte Sturm. Die Tür wurde sofort aufgerissen, als habe der Bewohner im Windfang schon auf seinen bärtigen Besucher gewartet. Der brüllte auch sofort los: „Jetzt haben wir die Scheiße.“

„Was soll das heißen?“

„Ich hatte Besuch von einer Bullin.“

„Meint der Sie?“, erkundigte sich der Taxifahrer empört, der auf seiner Seite die Scheibe heruntergelassen hatte und so eifrig lauschte, wie Lene durch die halb geöffnete Hintertür. Dabei war Lauschen gar nicht nötig, die beiden Männer brüllten sich an wie bei einem schlechten Straßentheater.

„Na und?“

„Ich hatte dich gewarnt. Die lügt, wenn sie den Mund aufmacht, weil sie gar nicht weiß, was Wahrheit ist.“

„Aber du hast es natürlich sofort gewusst, du Klugscheißer.“

„Ach, leck mich doch … Ich schaue jetzt selber nach, für euch Schwachköpfe halte ich meinen Kopf doch nicht hin.“ Damit machte der Bärtige kehrt, sprang regelrecht in seinen Wagen und startete, dass Lene für die Reifen und den Asphalt fürchtete.“

„Los, hinterher“, sagte sie ungeduldig und zog ihre Tür ins Schloss.

„Sind Sie wirklich eine Bulette?“

„Wenn wir die nächste rote Ampel lebend erreichen, zeige ich Ihnen meinen Dienstausweis.“

Uwe Sobiok raste wie ein Verrückter, aber Lenes Taxi hielt mit. Die Fahrt ging Richtung Innenstadt, anscheinend zum Hauptbahnhof.

Doch unmittelbar nach der Brücke über den Stichkanal bog Sobiok in die Kanalstraße ab, die Reifen dröhnten auf dem alten Kopfsteinpflaster, halbhoch links über ihnen kreischten die Bremsen eines ICs, um die vorgeschriebene Höchst-Geschwindigkeit zu Beginn des Bahnsteigs zu erreichen. Der Lärm war ohrenbetäubend. Vor Ihnen lag der Bienenkorb. Früher konnte man durch die Fenster der einfahrenden Züge direkt in die Bienenwaben schauen, in denen leichtbekleidete Damen ihrem uralten Gewerbe nachgingen, bis im Zuge der Kampagne „Unsere Stadt muss sauber werden“ Sichtblenden vor die Wabenfenster gebaut wurden. Die Einfahrt von Süden nach Tellheim Hauptbahnhof hatte an Attraktion verloren, aber der Bienenkorb florierte nach wie vor. Sobiok wurde langsamer und blinkte nach links, bog in eine Einfahrt ein, dort hob sich eine Schranke, die sich hinter Sobiok sofort wieder schloss. Lenes Taxifahrer musste hart in die Eisen steigen und stand noch nicht richtig, als sich ein stämmiger Mann neben die Fahrertür stellte.

„Verpiss’ dich“, begrüßte er einen potentiellen Honigkäufer laut und unfreundlich. Lene hätte Ärger machen können, aber hatte keine Lust mehr: „Okay, fahren Sie weiter, zum Krötengraben. Jetzt bitte keinen Ärger mehr.“

Der Fahrer hätte sich gerne mit dem Stämmigen auf ein Gefecht eingelassen, aber die Kundin war schließlich Königin.

Lene ärgerte sich, für diese Rundfahrt durch Tellheim hätte sie sich ein zweites Paar modischer Sandalen kaufen können. Aber nun war es zu spät, und sie hatte immerhin eine Menge Informationen eingesammelt.

Im R – 11 waren alle Zimmer dunkel, sie setzte sich an ihren Computer und tippte alle Informationen in die Datei: „Meike“, bevor sie nach Hause fuhr.

Sechstes Kapitel

Am nächsten Morgen traf sie die Kollegin Jutta Lenz, die Leiterin des R – 17, auf der Treppe.

„Hast du ein paar Minuten Zeit für mich?“

„Natürlich, was gibt es denn?“

„Du kennst den Bienenkorb in der Kanalstraße?“

„Aber sicher.“

„Wem gehört der Schuppen?“

„Soviel wir wissen, zwei Männern, Erwin Grote und Uwe Sobiok.“

„Uwe Sobiok kenne ich schon. Was macht er beruflich – außer Honig abzuschöpfen?“

„Er ist Geschäftsführer der Garten Eden Paradies KG.“

„Die sitzen in der Auerstraße nicht wahr?“

„Ja.“

„Und Erwin Grote?“

„Von dem weiß keiner so genau, nicht einmal das Finanzamt, womit er seine Brötchen verdient. Wenn du mich fragst, ist er ein berufsmäßiger Stiller Teilhaber für Leute, die anonym bleiben wollen, und dazu Geldverleiher.“

„Aber der Bienenkorb hat nichts mit dieser Eden Paradies zu tun?“

„Soviel ich weiß, nein, abgesehen davon, dass der Paradies-Geschäftsführer auch an dem Bienenkorb beteiligt ist.“

Lene stieg in die Akten, sie hatten vor vierzehn Jahren Erwin Grote befragt, weil er einer von Meikes Großvätern war. Er wusste damals von nichts, bestritt später auch entschieden, an der Lösegeldsammlung für Meike beteiligt gewesen zu sein, Lene hielt ihn für einen Lügner, aber er war höflicher als Elmar Stumm. Und danach war ihr Grote „beruflich“ nicht mehr über den Weg gelaufen.

Lene rief ihn an und kündigte an, dass sie über Mittag bei ihm in der Karanderstraße vorbeikommen werde, was ihm hörbar nicht gefiel, was er aber schlecht verweigern konnte.

Uwe Sobiok machte es kurz: „Ja, ich hatte einmal ein Wochenendhaus am Lantener See. Ja, die alten Schlüssel habe ich noch, ich hinterlege sie bei meiner Sekretärin, und Sie entschuldigen mich, ich habe für heute eine – wenn Sie so wollen – Vorladung ins Finanzamt bekommen und das kann dauern. Und teuer werden, wenn man sie nicht beachtet.“