Horst Wendlandt - Dona Kujacinski - E-Book

Horst Wendlandt E-Book

Dona Kujacinski

4,4
19,99 €

Beschreibung

Horst Wendlandt war der erfolgreichste Filmproduzent Deutschlands. Im deutschen Wirtschaftswunderland verkörperte Horst Wendlandt den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär – eine Laufbahn von amerikanischem Format. Die Journalistin Dona Kujacinski schildert in Horst Wendlandt die spannende Lebensgeschichte des außergewöhnlichen Self-Made-Mannes. 'Horst Wendlandt – Eine Biografie' schildert humorvoll und kenntnisreich die spannende Lebensgeschichte des berühmten Produzenten, berichtet packend und mitreißend von seiner außerordentlichen Karriere und lässt Familie, Freunde und Mitarbeiter zu Wort kommen. Zu den zahlreichen Zeitzeugen zählen u.a. Mario Adorf, Oliver Bierhoff, Pierre Brice, Uschi Glas, Michail Gorbatschow, Thomas Gottschalk, Leo Kirch, Loriot, Armin Mueller-Stahl und Caterina Valente.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 834




HORST WENDLANDT

Der Mann, der Winnetou & Edgar Wallace, Bud Spencer & Terence Hill, Otto & Loriot ins Kino brachte.

EINE BIOGRAFIE VON DONA KUJACINSKI

Mit einem Brief von Loriot an Horst Wendlandt

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

INHALT

»Wenn ich meine Nase in den Wind halte – einen Film sehe, einem Schauspieler gegenüberstehe oder ein Kunstwerk betrachte – und nichts kommt bei mir an, dann ist da auch nichts.«

Horst Wendlandt

Ein Brief von Loriot

Lieber Horst,

Du hast Dich immer gern über Konventionen hinweggesetzt. So erschienst Du, für mich unvorstellbar, am 15. März 1922 völlig nackt und nahezu haarlos in der bis dahin unbescholtenen dörflichen Gemeinde Criewen, acht Kilometer südwestlich von Schwedt an der Oder. Die anwesenden Haustiere, eine Kuh und vier Hühner, sollen erschreckt das Weite gesucht haben. Der Säugling erhielt den Namen Horst Gubanow nach seinem Vater Grigori Gubanow, einem Zugereisten aus dem russischen Smolensk.

Bis heute lag die Vorgeschichte zu diesem Ereignis in mystischem Dunkel. Nun ist es mir gelungen, den Schleier zu lüften. Allerdings war ich im Verlauf meiner Recherchen genötigt – teils mit der Bahn, teils im Auto, aber auch zu Fuß –, bis in die russisch-asiatische Steppe vorzustoßen.

Hier, am Rande Europas, zwischen Nowotscherkask und Uralsk bis hinauf nach Ulianowsk und vereinzelt auch in den hinter dem Ural gelegenen Ansiedlungen um Tscheljabinsk, Swerdlowsk und Tobolsk fiel die ältere Einwohnerschaft bei Nennung des Namens Gubanow auf die Knie und küsste in einer Mischung aus Verehrung und Entsetzen den Saum meines ausgefransten Burberry.

Jahrhundertelang hatte dort der Boden gedröhnt, wenn die Gubanows, eine Großfürstenfamilie mit zahllosen Vettern und Cousinen, auf kleinen wilden Pferden über die gefrorene Steppe rasten, um dem verhassten Geschlecht der Romanows die Zarenkrone vom Kopf zu reißen.

Das misslang, wie wir wissen. Ein Zar Horst I., Kaiser aller Reußen, ist ein Wunschtraum geblieben.

Dein Vater, der letzte Gubanow, hatte mit dem für Steppenbewohner typischen Weitblick erkannt, dass sich der kolossale Betätigungsdrang seines Sohnes auf dem Gebiet der Filmwirtschaft nicht in der Enge Russlands werde entfalten können, und war in die Uckermark ausgewandert.

Es muss von einem Ereignis gesprochen werden, das wie kaum ein anderes den Gewinn verdeutlicht, der durch frisches Blut aus dem Osten auf uns zukommt.

Allerdings war im Geschäftsleben der Uckermark seinerzeit ein russischer Name eher hinderlich. Vater Grigori und Mutter Auguste Gubanow vereinbarten daher mit Onkel Fritz Wendlandt, den kleinen Horst zu adoptieren, um so, mit Hilfe eines deutschen Namens, die Überführung der deutschen Filmwirtschaft in russische Hände unauffällig einzuleiten.

Schon bald rechtfertigte der zweijährige Knabe die in ihn gesetzten Hoffnungen überraschend eindeutig. War doch der einzige Partner, der ihn für längere Zeit zu fesseln vermochte, eine Zelluloidente.

Eines Tages geriet dieses Tier unter das linke Hinterrad eines Omnibusses, der zweimal täglich Criewen mit Schwedt verbindet, wodurch das Zelluloid eine überraschend platte, längliche Form annahm. In jenem Augenblick ahnte der kleine Horst, dass dieses Material mit seinem Leben untrennbar verbunden bleiben werde.

Dem heranwachsenden Jüngling war klar, dass ein zukünftiger Filmproduzent fundierte Kenntnisse vor allem im Lesen und Rechnen benötigt. Er entschloss sich daher, zur Schule zu gehen und sich diese Dinge anzueignen.

Seither beherrschst Du beide Fertigkeiten meisterhaft. Es ist mir beispielsweise kaum möglich, ein Drehbuch so schnell zu schreiben, wie Du es lesen kannst.

Die entscheidende Ausbildung aber verdankst Du einem westlichen Nachbarstaat. Im Jahre 1945 machte sich die französische Besatzungsmacht Gedanken über das berufliche Fortkommen des Kriegsgefangenen Horst Wendlandt und verfügte seinen Arbeitseinsatz in einem Kohlebergwerk. Das war der Durchbruch. Noch heute machst Du mehr Kohle, als die Franzosen für möglich hielten.

Im Frühsommer 1947 wilderte der junge Filmkaufmann im Gehölz des Oberförsters Winter. Als beim ersten Büchsenlicht Ilsegard, die blonde Tochter des Forstbeamten, ahnungslos auf die Lichtung trat, feuerte Horst aus allen Rohren.

Der Vorfall wurde lange im Forsthaus diskutiert. Schließlich durfte der Wilderer die Beute behalten und nahm sie zu sich. Das war unser aller Glück. Nicht auszudenken, was ohne Ille aus Dir geworden wäre.

Nicht nur, dass sie Dir zwei blühende Kinder schenkte, sie nahm auch Pflichten auf sich, die bis zum heutigen Tage unsere Ehefrauen zu Heldinnen machen. Sie lehren den Gatten, gelegentlich das Hemd zu wechseln, vor dem Betreten des Bettes die Schuhe auszuziehen und anderes mehr. Auch ich gehe seit Jahren durch diese harte Schule.

Es ist nun an der Zeit, die eigentlichen, die wirklichen Qualitäten meines Freundes zu beleuchten, die so leicht verborgen blieben hinter einem Wald von goldenen Leinwänden.

Da wären in erster Linie Hummerschwänze zu nennen, von Dir mit eigener Hand und einer halben Flasche Armagnac flambiert.

Diese kulinarische Spitzenkreation ist auch verkehrspolitisch nicht uninteressant: Noch 24 Stunden nach dem Essen ist das Lenken eines Kraftfahrzeuges auszuschließen. Deutschlands Meisterköche fielen in tiefe Depression, als es ihnen nicht gelang, etwas Ähnliches zu komponieren.

Mehr noch als der Koch, setzt der Segler Wendlandt internationale Maßstäbe. Immer wenn sich herumspricht, dass er mit seiner Yacht Aspasia Alpha auf dem Mittelmeere kreuzt, suchen die Einheiten der sechsten US-Flotte in panischer Eile den nächsten schützenden Hafen auf.

Hat dann die Aspasia Alpha angelegt und ihr Eigner spürt wieder festen Boden unter den Füßen, greift er zum Tennisschläger. Leider sind ihm bisher die derzeitigen Größen des weißen Sports unter den fadenscheinigsten Vorwänden aus dem Wege gegangen. Er gilt besonders nach einem Intensiv-Training im bayerischen Bad Kohlgrub als Favoritenkiller. Als Horst eine Begegnung mit Björn Borg nach 28 Minuten mit 6:1, 6:0, 6:1 für sich entschied, war niemand überrascht.

In der kühlen Jahreszeit tauschst Du die Tennisschläger gegen Auktionskataloge. Deine Sammlung deutscher Expressionisten hat zwischen Kohlhasenbrück und Krumme Lanke nicht ihresgleichen.

Dort im Haus am Wannsee, bevor Ille die Gäste durch ihre exquisite Küche verwöhnt, erweist sich der Gastgeber als glänzender Unterhalter. Man braucht nur ein kleines, stets bereit liegendes Bällchen den Steilhang zum See hinunterzuwerfen, schon saust Horst jauchzend in die Tiefe, fängt es im Lauf weit unten zwischen den Zähnen, bringt es im Galopp wieder herauf und legt es den nächsten Gästen erwartungsvoll vor die Füße. So geht es unermüdlich hinunter und herauf, bis Ille zum Essen ruft. Das ist der Geist, der einen erfolgreichen Filmproduzenten beseelt! Aber es kann auch sein, dass ich da was durcheinander gebracht habe, und es war doch Ossi, der Jack-Russell-Terrier. Auch nicht schlecht!

Nun habe ich so ein dummes Gefühl, als hätte ich am Thema vorbeigeredet. Längst sollten die Namen gefallen sein, die seit Jahrzehnten mit Deinem Leben verbunden sind: von Karl May über Edgar Wallace zu Louis de Funès, von Chaplin zu Fassbinder und Ingmar Bergman, Heinz Erhardt nicht zu vergessen und Otto und … und äh … dings … äh …

Aber das alles ist zu Deinem Ruhm ja auch der Tagespresse zu entnehmen. Für mich, lieber Horst, hat etwas anderes Bedeutung, etwas, das zu sagen mir am Herzen liegt:

Niemals – jedenfalls solange ich Dich kenne, und das sind über zwanzig Jahre –, niemals waren Dir 30.000 Meter mehr oder minder begabt belichteten Negativmaterials wichtiger, als die Lust zu leben und andere, die Deiner Hilfe bedurften, daran teilnehmen zu lassen. Das ist es, was ich immer an Dir bewundern werde!

Vicco von Bülow

Dieser Brief basiert auf der Rede, die Loriot zum 70. Geburtstag von Horst Wendlandt am 15.3.1992 im Café Keese hielt.

EINE BEGEBENHEIT

März 1971

»Und ich Idiot kaufe zehn Charlie-Chaplin-Filme für eine halbe Million Dollar!«

Es ist irgendein mittelmäßiger Morgen Ende März 1971. Horst Wendlandt ist nicht besonders gut gelaunt. Er sitzt in seinem opulenten senffarbenen Ledersessel, raucht eine dicke Havanna und denkt in den blauen Rauch hinein: »Ich kann aufhören. Natürlich. Die Edgar-Wallace-Filme waren erfolgreich, und mit Winnetou habe ich sehr viel Geld verdient. Aber ich will nicht. Nein. Auf keinen Fall. Ich brauche eine neue Herausforderung. Und überhaupt, ich will es diesen jungen Filmemachern in München zeigen, die mich mit ihren ›Opas-Kino-ist-tot‹-Parolen ärgern.« Horst Wendlandt ist an diesem Vormittag neunundvierzig Jahre alt.

Das Telefon klingelt. Editha Busch, seine Sekretärin mit der stets perfekten Frisur, betritt das Büro: »Herr Wendlandt, Mo Rothman ist am Telefon.« – »Was will er?« – »Das hat er mir nicht gesagt.« Frau Busch geht raus und lässt die Tür offen. Wie immer.

»Mo, mein Junge, wie geht’s dir?« – »Gut. Ich will dir zehn Charlie-Chaplin-Filme verkaufen.« – »Was? Das glaube ich nicht.« – »Doch. Wenn du sie haben willst, komm nach Paris und bring einen Koffer voll Geld mit.«

Einen Tag später sitzen sich die beiden Männer in Mo Rothmans Pariser Büro gegenüber, und Horst Wendlandt fragt den Freund: »Was kosten die Filme?« – »Eine Million Dollar.« – »Wie bitte?!« – »Eine Million Dollar.« – »Mo, dann geh mit den Dingern hin, wo du willst, aber lass mich zufrieden. Eine Million Dollar bezahle ich nicht für die zehn Filme.« – »Okay, wenn du nicht willst, dann verkaufe ich das Paket eben woanders.«

Auf dem Rückflug nach Berlin kichert Horst Wendlandt in sich hinein und denkt: Für eine Million Dollar findet der Mo nie einen Käufer. Warten wir mal ab.

Nachdem in den fünfziger Jahren die Rechte an ihn zurückgefallen waren, hatte Charlie Chaplin keinen seiner Filme mehr in öffentlichen Kinos aufführen lassen. Erst als französische Cineasten, die die internationale Filmgeschichte aufarbeiteten, ihn nachdrücklich aufforderten, sie doch freizugeben, entschloss er sich, die Welt-Filmrechte an Mo Rothman zu verkaufen, der ihm dafür angeblich fünf Millionen Dollar gezahlt hat. Um das Geld wieder hereinzubekommen, versucht Rothman Käufer für die Aufführungsrechte in verschiedenen europäischen Ländern zu finden. Im Hinblick auf Deutschland denkt er dabei sofort an seinen Freund Horst Wendlandt. Er weiß, dass dieser seit seiner Jugend für Chaplin schwärmt. Das angebotene Paket enthält die berühmten Filme »Moderne Zeiten«, »Der Große Diktator«, »The Kid«, »Monsieur Verdoux«, »Goldrausch«, »Lichter der Großstadt«, »Gewehr über«, »Ein Hundeleben«, »The Circus« und »Der Pilger«. Alle schwarz-weiß, fast alle stumm.

Drei Monate später. Es ist so weit. Mo Rothman ruft wieder an. Er ist verzweifelt: »Niemand in Deutschland will mir die Rechte abkaufen. Kein Produzent, kein Verleiher. Alle sagen: ›Diese alten Schinken will doch kein Mensch mehr sehen!‹« – »Und ich Idiot«, sagt Horst Wendlandt hinterher, »habe Mitleid und kauf sie ihm ab – für 500.000 Dollar!« Das Geld, so die Legende, soll er cash in einem Koffer nach Paris transportiert haben. Wendlandt, der sich diebisch über solche Geschichten freut, äußert sich öffentlich erst Jahre später dazu: »Alles vollkommener Quatsch.«

Der Deal mit Rothman ist kaum unterschrieben, als Wendlandt auf die Nase fällt. Egal, welchen Verleih er anspricht, alle schicken ihn mit dem Satz »Mo Rothman war schon da, das Angebot ist abgelehnt« nach Hause. Nicht einmal sein Freund Leo Kirch kann helfen. Obwohl der mächtige Filmhändler Branchengrößen wie Waldfried Barthel, den Chef der Constantin, bekniet, den Abschluss mit Wendlandt doch zu machen – auch vor dem Hintergrund, ihm dann gleich die Fernsehrechte zu verkaufen –, die Mühe ist vergebens. Barthel sagt nur: »Das ist der erste Fehlschlag, den Horst erleiden wird.«

Und was tut der Abgewiesene? Zuerst tobt er, dann denkt er nach, dann gründet er im September 1971 seinen eigenen Verleih. Die Tobis Filmkunst mit dem Hahn im Logo. »Dabei«, so sein ehemaliger Angestellter Kilian Rebentrost, »hätte er sich das Chaplin-Paket auch als Liebhaberei leisten können.«

Die europäische Wiederaufführung der Filme in Paris Mitte Oktober 1971 ist ein Ereignis der Superlative. Gastgeber sind alle neuen Rechteinhaber, die zu diesem Anlass das »Paramount Theater«, ein Kino in einer Seitenstraße der Champs-Elysées, gemietet haben. »Moderne Zeiten« ist der Eröffnungsfilm. Horst Wendlandt hat fünfzehn der wichtigsten deutschen Kinobesitzer nach Paris eingeladen. Alle wohnen, wie ihr Gastgeber und dessen Frau Ilse, im noblen Hotel Lancaster.

Vor der Premiere dann der Clou: Sir Charlie Chaplin erscheint höchstpersönlich. An seiner Seite: Tochter Geraldine. »Die Menschen auf der Straße«, erzählt Ilse Wendlandt, »haben getobt. Es müssen viele Tausende gewesen sein. Es war unbeschreiblich. Die Polizei war gezwungen, den Boulevard abzuriegeln. Sie haben Chaplin gefeiert wie einen König.« Die Premierenfeier findet im legendären »Maxim’s« statt. Mit Champagner und allem Drum und Dran. Charlie Chaplin strahlt und gibt jedem die Hand. Ilse Wendlandt: »Wir haben uns danach tagelang die Hände nicht mehr gewaschen.« Einziger Wermutstropfen: Just in dem Moment, als Chaplin Wendlandt die Hand drückt, ist kein Fotograf in der Nähe. Für den Produzenten ein monatelanges Ärgernis.

Am nächsten Morgen unterschreiben alle fünfzehn Kinobesitzer die Verträge zur Aufführung der zehn Schwarz-Weiß-Filme. »Moderne Zeiten« sehen rund eine Million Menschen. Die Einspielsumme beträgt 4,6 Millionen Mark. Horst Wendlandt hat es geschafft. »Der erste Film«, erzählt er einmal voller Stolz, »hat so viel gebracht, wie das ganze Paket gekostet hat. Und das in meinem eigenen Verleih. Das war toll. Ich hätte mich totlachen können.«

In den ersten fünfzehn Jahren setzt Horst Wendlandt mit der Tobis Filmkunst 1,4 Milliarden Mark um.

KAPITEL I

1922 bis 1939

»Mein Vater war Landarbeiter. Er hat in der Stunde fünfundzwanzig Pfennig verdient.«

Grigori Gubanow ist müde, hungrig und sehr durstig, als er Anfang 1919 über eine einsame Landstraße in Brandenburg marschiert. Am liebsten würde er sich einfach an den Straßenrand legen und schlafen. Doch der Gedanke an ein Stück Brot, ein Glas Wasser und einen warmen Platz zum Schlafen treibt ihn vorwärts. Hätte man ihm an diesem Tag gesagt, dass er einmal einen Sohn haben werde, der deutsche Filmgeschichte schreibt – er hätte einen ausgelacht.

Grigori Gubanow ist Russe. Er wird am 21. November 1892 in Smolensk, damals noch Weißrussland, als Sohn eines Landarbeiters geboren. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 geht er zur Armee und gerät 1918 in deutsche Gefangenschaft. Im Januar 1919 kommt er, wie alle alliierten Kriegsgefangenen, frei.

Wann genau er in dem Dorf Criewen bei Schwedt an der Oder ankommt, ist nicht ganz klar. Er findet jedoch bald eine Anstellung als Erntehelfer beim Bauern Metscher und lernt auf dem Dorfplatz die Witwe Auguste Kiewit, geborene Klempnow, kennen. Eine hübsche blonde Frau, die älter ist als er – ihr Geburtstag ist der 7. Januar 1888. Augustes Mann ist im Krieg gefallen, und die Tochter aus dieser Ehe, Elisabeth, genannt Lieschen, ist vierzehn Jahre alt. Die Verständigung zwischen den beiden Verliebten ist kompliziert. Er spricht nur wenige Worte Deutsch, sie überhaupt kein Russisch.

Otto, ihr erster Sohn, wird am 10. Januar 1921 geboren. Unehelich. Auguste will ihren Freund nicht heiraten, weil der wieder nach Smolensk, nach Hause, zurückwill. Und da möchte sie nicht hin. Auf keinen Fall. Es gibt Streit darüber, immer wieder. Und wegen der Verständigungsschwierigkeiten häufen sich die Missverständnisse. Eines Tages ist Grigori tatsächlich verschwunden. Auguste kann und will nicht glauben, dass sie vom Vater ihres kleinen Sohnes tatsächlich sitzen gelassen worden ist. Zuerst ist sie wütend. Dann weint sie. Was soll aus ihr, der allein stehenden Mutter mit zwei Kindern, bloß werden? »Doch nach ein paar Tagen«, erzählt sie ihrer jüngsten Tochter Edeltraud viel später, »war Papa plötzlich wieder da, ganz traurig und geknickt. Er hat es ohne mich einfach nicht ausgehalten. Am 10. Dezember 1921 haben wir dann geheiratet.« Eine notdürftige Bleibe finden sie beim Bauern Metscher und seiner Familie. Das Haus von Augustes Eltern Helene und Karl Klempnow liegt ganz in der Nähe.

Ein paar Wochen nach der Hochzeit bringt der Schwiegervater den Schwiegersohn als Landarbeiter auf dem Gut von Herrn von Colmar im fünf Kilometer entfernten Zützen unter, wo er als erster Pferdepfleger arbeitet. Kurz darauf tritt Grigori dem Gesangsverein Criewen bei. Er hat eine schöne Stimme, und der Chorleiter setzt ihn als Tenor ein.

Auguste, bereits mit Horst Otto Grigori schwanger, arbeitet ebenfalls. Sie verrichtet Lohnarbeit, die ihr immer schwerer fällt. Die Schwangerschaft laugt sie aus, sie muss oft liegen. Als ihr zweiter Sohn am 15. März 1922 endlich geboren wird, ist sie froh. Auguste ist bei der Entbindung vierunddreißig Jahre alt und erholt sich nur sehr langsam. In die Geburtsurkunde des Jungen schreibt die Hebamme Luise Böttcher, dass Horst Grigori um »eineinhalb Uhr« geboren worden ist.

Horst Otto Grigori Gubanow kommt in den deutschen Inflationsjahren zur Welt. Die Reichsmark fällt in rasender Geschwindigkeit, und ein Dollar kostet bald Milliarden- und Billionenbeträge. Fotos mit Frauen, die ihre Kachelöfen mit Inflationsmark befeuern, gehen um die Welt. Erst die Einführung der Rentenmark stoppt den freien Fall. Die Landwirte gehören nicht zu den Verlierern, da ihre Schulden an Wert verloren haben. Für Herrn von Colmar und seine Angestellten ist das ein großes Glück.

Trotz der dramatischen finanziellen Situation finden im fernen Berlin immer wieder Filmpremieren statt. Am 27. April 1922 wird im UFA-Palast »Dr. Mabuse, der Spieler« uraufgeführt. Regisseur ist ein gewisser Fritz Lang, dem der junge Gubanow viele Jahre später begegnen wird. Unter wenig erfreulichen Umständen allerdings.

Der kleine Horst ist ein liebenswertes, aber auch anstrengendes Baby mit dunklen Haaren, blauen Augen und langen Wimpern. Bekommt er seinen Willen, ist er gnädig. Doch wehe, wenn nicht. Dann kann er stundenlang brüllen, was seine arme Mutter, die mit den beiden Söhnen, dem Haushalt und der Lohnarbeit ohnehin überfordert ist, die letzten Kräfte kostet. Vater Grigori sieht die zunehmende Erschöpfung seiner Frau mit wachsender Besorgnis und unterstützt sie so gut er kann. Meist ist er dazu jedoch einfach zu müde.

Sowohl die langen Fußmärsche nach Zützen und zurück als auch die Arbeit auf dem Gutshof zehren an seinen Kräften. Auf den Feldern des Herrn von Colmar sitzt er Tag für Tag vom frühen Morgen bis in die Abendstunden am Steuer einer Dampfmaschine, die einen Pflug hinter sich herzieht. Nicht nur eine sehr harte, sondern vor allen Dingen auch eine sehr ungesunde Tätigkeit. Grigori Gubanow atmet dabei giftige Gase ein, die seiner Lunge schaden. Er hustet ständig. »Wenn mein Vater nach Hause kam«, erinnert sich Horst Wendlandt einmal, »war er immer ganz schwarz im Gesicht. Das einzig Gute an der Schinderei war, dass er höher bezahlt wurde. Mit fünfundzwanzig Pfennig die Stunde.«

1923 wird Auguste Gubanow zum vierten Mal schwanger. Für sie ist das eine Katastrophe. Sie ist immer noch sehr, sehr schwach. Die große Tochter Lieschen ist ihr schon lange keine Hilfe mehr. Die Achtzehnjährige ist weggezogen und arbeitet in Schwedt als Krankenschwester. Manchmal kommt Minna, Augustes jüngere Schwester, die keine Kinder hat, vorbei, hilft im Haushalt und kümmert sich um ihre Neffen. Minna lebt mit ihrem Mann, dem Schmiedemeister Fritz Wendlandt, am Wolletz-See bei Angermünde. Das ist fünfundzwanzig Kilometer weit weg. Minna nimmt immer den Bus. Am 16. November 1923 kommt in Berlin ein Film ins Kino, mit dem Horst Gubanow später nicht wenig Geld verdienen wird: Charlie Chaplins »The Kid«. Als er 1974 nach langer Pause erneut gezeigt wird, kommen 234.000 Besucher. Die Einspielsumme beläuft sich auf 1.427.216 Mark.

Nach der Geburt von Edeltraud Gubanow am 28. Februar 1924 muss ihre Mutter wochenlang liegen – die Entbindung hat ihre letzten Kraftreserven aufgezehrt. Ihr Mann macht sich so große Sorgen um seine Frau, dass er ihr verspricht, mit dem Kinderkriegen sei nun endgültig Schluss. Die Führung des Haushalts übernimmt in dieser Zeit Augustes Mutter Helene, eine resolute Frau, die einundneunzig Jahre alt werden soll. Und auch Tante Minna hilft. Sie holt den knapp zweijährigen Horst fast täglich ab und geht mit ihm spazieren.

Als es Auguste etwas besser geht und sie wieder aufstehen kann, beschließen die Gubanows, nach Zützen umzuziehen, damit Grigori sich die langen Fußmärsche zur Arbeit spart. Sie finden ein kleines Haus mit drei Zimmern und sind froh, nicht mehr mit der Familie Metscher unter einem Dach leben zu müssen.

Das bescheidene neue Heim der Familie hat eine Küche, zwei Schlafzimmer und ein Wohnzimmer mit Sofa, Chaiselongue und einem großen Tisch zum Ausziehen. Vor das Fenster hat Auguste einen Korbtisch mit zwei Sesseln gestellt, und auf dem Vertiko, einem kleinen Zierschrank in der Ecke, steht das Radio. Im Schlafzimmer der Eltern gibt es ein Doppelbett, an dessen Fußende das Kinderbett von Edeltraud steht. Unterm Dach wohnen Otto und Horst.

Seit die Familie in Zützen lebt, kommt Minna Wendlandt häufiger vorbei. Das liegt an Horst, den sie immer mehr in ihr Herz schließt. Der kleine Junge ist ein fröhliches, unkompliziertes Kind, dessen strahlend blaue Augen, die er vom Vater geerbt hat, alle Menschen für ihn einnehmen. Morgens holt sie ihn oft zum Spielen ab und nimmt ihn nicht selten mit nach Hause an den Wolletz-See, wo er manchmal auch übernachtet. Und sie kauft ihm Kleidung und Spielzeug. Der Mutter ist es recht, wird sie so doch entlastet. Der Vater sieht es überhaupt nicht gerne. Er liebt seine drei Kinder und will sie immer um sich haben. Edeltraud beschreibt ihn so: »Unser Vater war ein sehr gutmütiger Mann mit einer weiten russischen Seele. Wenn er vom Feld kam und Mutter sagte, die Kinder waren frech, du musst sie bestrafen, war seine Antwort stets: ›Was soll ich mit meiner großen Hand die kleinen Kinder hauen?‹«

Nach dem Umzug beginnt Grigori Gubanow, der inzwischen gut Deutsch kann, sich um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bemühen. Um diese zu bekommen, braucht er seine Geburtsurkunde. Und die liegt in Smolensk. Ein Freund, Genosse Sumkin, fährt öfter mal in die Heimat und verspricht, eine Kopie zu beantragen. Aber die Wege zwischen Zützen und Weißrussland sind weit und beschwerlich und die Reisemöglichkeiten begrenzt. Also dauert es. Monate, Jahre. Grigori Gubanow wird die deutsche Staatsbürgerschaft niemals erhalten. Bevor Genosse Sumkin die Kopie abholen kann, bricht der Zweite Weltkrieg aus. Grigori Gubanow bleibt Russe, seine Frau und seine Kinder behalten die russische Staatsangehörigkeit.

1925, Horst ist drei Jahre alt, nimmt sein Leben eine schicksalhafte Wendung. Eines Tages nimmt Minna ihre Schwester Auguste beiseite und sagt: »Du weißt ja, dass ich keine Kinder kriegen kann, also gib mir den Jungen. Ihr habt doch kaum Geld zum Leben. Bei uns hat er es viel besser. Außerdem kann er jederzeit nach Hause kommen.« Die Mutter ist entsetzt. Ihr Kind weggeben?! Kommt nicht in Frage. Und überhaupt, Grigori würde dem nie zustimmen. Doch Minna lässt nicht locker. Sie setzt ihrer Schwester Tag für Tag derart zu, dass sie schließlich zermürbt aufgibt und ihren Mann davon überzeugt, dass diese Lösung für alle, besonders für den geliebten Jungen, die beste sei.

Der Wechsel von den Eltern zu Tante Minna und Onkel Fritz ist für Horst zunächst kein Problem. Im Hause Wendlandt hat er es gut. Minna liebt ihn abgöttisch und bemuttert ihn in einem fort. Nur um den Onkel macht er lieber einen Bogen. Der große schwere Mann wirkt bedrohlich auf ihn. Hinzu kommt, dass Fritz Wendlandt von Natur aus eher zu den unnahbaren und weniger freundlichen Zeitgenossen gehört. An den Wochenenden besucht der kleine Junge regelmäßig Mama und Papa, Bruder Otto und Schwester Edeltraut in Zützen.

Diese Zeit seiner Kindheit ist sehr glücklich. Horst hat sozusagen zwei Elternpaare und Geschwister, mit denen er sich bis auf die üblichen Zankereien gut versteht. Mit Otto und Freunden spielt er gerne Fußball oder Kreisel – anderes Spielzeug gibt es nicht. »Einmal«, erinnert sich seine Schwester Edeltraud, »haben meine Brüder und ein paar Freunde tote Spatzen gefunden und sie in einem Topf über einem Feuer gekocht. Da haben die beiden von meinem Vater aber dann doch tüchtig Haue gekriegt.«

1928 verändert sich das Leben von Horst Gubanow von Grund auf. Die Wendlandts beschließen, die ländliche Gegend am Wolletz-See zu verlassen und nach Berlin zu ziehen. Onkel Fritz hat dort eine besser bezahlte Stellung bei der Polizei erhalten und in Schöneberg, in der Eisenacher Straße, eine hübsche Drei-Zimmer-Wohnung, sogar mit Balkon, gefunden. Den Jungen wollen sie mitnehmen.

Grigori und Auguste sind entsetzt und wollen ihren Sohn zurückhaben. Es scheitert am Geld. Grigori verdient einfach zu wenig für eine fünfköpfige Familie, und Auguste ist gesundheitlich immer noch nicht auf dem Posten. Als Horst erfährt, dass er nach Berlin muss und seine Eltern und Geschwister nur noch ganz selten sehen kann, weint er bitterlich und will sich nicht beruhigen lassen. Beim Abschied klammert er sich so fest an seinen Papa, dass man ihn mit Gewalt wegreißen muss. In Berlin angekommen, spricht der Junge tagelang kein Wort und will auch nicht essen.

Die Trennung von seiner Familie richtet bei dem Sechsjährigen irreparablen seelischen Schaden an. Horst ist noch zu jung, um zu verstehen, dass seine Eltern einfach zu geringe finanzielle Mittel zur Verfügung haben, um alle zu ernähren. Er glaubt, dass Mama und Papa ihn nicht mehr lieb haben, dass sie ihn nicht mehr wollen. Dieser Gedanke, den er zunächst nicht wahrhaben will, schleicht sich unaufhaltsam in sein Kinderherz und setzt sich darin fest. Aus Angst vor weiteren seelischen Verletzungen beschließt der kleine Junge, wirklich tiefe Gefühle nicht mehr zu zeigen und über seelische Verletzungen nicht mehr zu sprechen. Niemals mehr.

Zusätzlich zu diesem grenzenlosen Kummer fühlt er sich in Berlin furchtbar allein. Die Stadt ist groß und laut, und er kennt niemanden. Horst weint oft. Meistens nachts und immer heimlich. Er will nicht, dass Tante Minna und Onkel Fritz merken, wie er leidet. Immerhin bieten sie ihm ein Zuhause mit eigenem Zimmer. Besser wird es erst, als er zur Schule kommt. Dort gewinnt er neue Freunde, dort wird er gefordert, dort wird er abgelenkt. Minna hat ihn als Horst Otto Gregor Wendlandt angemeldet. Auguste und Grigori Gubanow sind einverstanden. Sie sind der Meinung, dass man in der Schule besser nicht wissen soll, dass ihr Sohn Russe ist. Den Pass des neuen Schülers will der Direktor nicht sehen.

Der 25. Oktober 1929 markiert den Beginn der Weltwirtschaftskrise. Innerhalb von sechs Tagen belaufen sich die Gesamtverluste an der New Yorker Wallstreet auf fünfzig Milliarden Dollar. Der Kurssturz trifft auch Deutschland mit geballter Wucht. Die Auswirkungen: Firmenzusammenbrüche, Bankenschließungen und Massenarbeitslosigkeit. Die Zahl der Erwerbslosen steigt von Herbst 1929 bis Anfang 1933 auf über sechs Millionen. Nutznießer dieser Zeit ist die NSDAP mit Adolf Hitler. Am 27. Februar 1932 wird dem Österreicher die deutsche Staatsbürgerschaft zuerkannt, am 30. Januar 1933 kommt er an die Macht. Fritz Wendlandt tritt in die Partei ein. Minna, seine Frau, sieht das gar nicht gerne, aber sie hat nichts zu sagen. Die Ehe der beiden ist seit längerer Zeit nicht mehr glücklich. Fritz betrügt seine Frau.

Horst bekommt von den Ereignissen kaum was mit. Er geht gerne zur Schule und freut sich, wenn Ferien sind. Dann darf er nach Hause, nach Zützen, zu Mama und Papa, zu Otto und Edeltraud. »Im Sommer«, erzählt seine Schwester, »sind wir mit unserem Vater im Pferdewagen rumkutschiert, und er hat uns gezeigt, wie man Zaumzeug flickt. Wir sind auf unseren Stelzen stolziert, haben im Kuhstall von Herrn von Colmar mit kleinen Kätzchen gespielt und in der Badeanstalt in einem Seitenarm der Oder schwimmen gelernt. Im Winter, wenn die Oder über die Ufer trat, das Land überschwemmte und das Wasser fror, durften wir darauf Schlittschuh laufen. Wir hatten eine unbeschwerte Kindheit. Mich haben meine Brüder immer Maxe genannt, weil ich ein großer Fan von Max Schmeling war und dauernd mit ihnen boxen wollte. Schön waren auch die Abende, an denen unser Bruder von Berlin erzählt hat. Weil das Geld fehlte, sind wir als Kinder ja nie dorthin gekommen.« Der Abschied von seiner Familie fällt Horst jedes Mal ungeheuer schwer. Aber er lässt sich nichts anmerken. Diesen Schmerz macht er mit sich allein aus.

Irgendwann zwischen 1930 und 1933 entdeckt der junge Wendlandt seine Leidenschaft für das Kino. Die absoluten Kassenmagneten dieser Zeit sind »Die Drei von der Tankstelle« mit Lilian Harvey, Willy Fritsch und Heinz Rühmann und »Der Greifer« mit Hans Albers in der Hauptrolle. Für diese Filme ist Horst noch zu jung. Er schwärmt für »Nick Knatterton« oder die Action-Western mit dem Superstar Tom Mix, die jeden Sonntagnachmittag um zwei Uhr im Kino laufen. Der ehemalige Rodeoreiter, der zwischen 1910 und 1920 mehrere Filme pro Jahr gedreht und dabei ab und an auch Regie geführt hat, ist sein größtes Idol, und er wird sich seiner immer erinnern. Auch später, als andere Kinohelden seinen Weg kreuzen und mit ihm arbeiten, bleibt Tom Mix unerreicht.

Die Wege ins Kino sind für Horst nicht selten weit. Die Familie Wendlandt wohnt mittlerweile in Britz in der Holzmindener Straße, weil Onkel Fritz eine neue Stellung bekommen hat. Er ist jetzt Straßenbahnfahrer bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Das Straßenbahndepot liegt gegenüber der Wohnung. »Schon mit acht, neun Jahren«, erinnert sich Horst Wendlandt einmal, »sind wir kilometerweit zu Fuß ins Kino gepilgert, wenn wir das Geld für die Straßenbahn nicht hatten. Nach Neukölln zum Beispiel. Der Eintritt hat zwanzig oder dreißig Pfennig gekostet.«

Minna und Fritz Wendlandt haben gegen die Kinoleidenschaft ihres Neffen nichts einzuwenden. Horst hat in der Schule keine Schwierigkeiten, im Gegenteil. Er ist so ehrgeizig, dass er darum bittet, die Höhere Handelsschule für Jünglinge in Berlin besuchen zu dürfen. Er will Kaufmann werden. Kein Wunder: In Mathematik hat er schon immer zu den Besten gehört. Am 1. April 1937 wird er auf der Höheren Handelsschule in der Ludendorffstraße angenommen. Noch vor Schulantritt ändert sich viel in seinem jungen Leben. Kurz vor seinem fünfzehnten Geburtstag, am 15. März 1937, wird aus Horst Otto Grigori Gubanow Horst Otto Grigori Wendlandt. Die Gubanows haben sich auf Drängen der Wendlandts schweren Herzens nun doch dazu durchgerungen, ihr Kind zur Adoption freizugeben. Die Formalitäten dazu finden am 1. März 1937 bei dem Notar Dr. Ernst Herzberg in Berlin-Britz, Chausseestraße 109 im Bezirk des Kammergerichts zu Berlin statt. Erschienen sind Auguste Gubanow, Grigori Gubanow, Minna Wendlandt, Fritz Wendlandt und der minderjährige Horst Otto Grigori Gubanow. Als die Gubanows ihren Sohn für immer an die Wendlandts verlieren, ist es sehr still im Raum. Auguste, die Mutter, weint. Grigori, der Vater, sieht starr geradeaus. Das Gesicht des Jungen ist wie versteinert. Nur Minna und Fritz lächeln. Als die Formalitäten erledigt sind und die Gebühr für die Adoptionsurkunde mit der Nummer 205 in Höhe von achtunddreißig Reichsmark bezahlt ist, gehen die fünf noch eine Kleinigkeit essen. Danach fahren die Gubanows zurück nach Zützen. Horst Wendlandt bleibt trotz der Adoption Russe. In der Adoptionsurkunde vom 4. März 1937 steht, dass die Einbürgerung beantragt sei.

Zwei Jahre nach Eintritt in die Höhere Handelsschule für Jünglinge macht er seine Abschlussprüfung und begibt sich sofort auf die Suche nach einer Lehrstelle. Nicht nach irgendeiner, selbstverständlich. Horst Wendlandt weiß genau, wohin er will. Er möchte in die Filmbranche. Er will seine Leidenschaft zum Beruf machen und widersetzt sich aus diesem Grund auch Fritz Wendlandt, als dieser ihn als Lehrling in einem Mineralölhandel anmeldet. Als er hört, dass bei der Tobis Filmkunst kaufmännische Lehrlinge gesucht werden, ist für ihn alles klar. Er ruft sofort an und darf seine Bewerbungsunterlagen in der Friedrichstraße 100 vorbeibringen. Danach hört er erst einmal nichts mehr.

Nach einigen Tagen ist er so nervös, dass er anruft. Am anderen Ende der Leitung ist die Sekretärin des Personalchefs.

TAG EINS

Horst Wendlandt: »Gibt es schon eine Entscheidung?«

Die Sekretärin: »Leider nein.«

TAG ZWEI

Horst Wendlandt: »Wissen Sie heute vielleicht etwas?«

Die Sekretärin: »Ich kann Ihnen immer noch nichts sagen.«

TAG DREI

Horst Wendlandt: »Ich bin es wieder. Hat Ihr Chef schon etwas gesagt?«

Die Sekretärin: »Es tut mir wirklich Leid für Sie – hat er nicht.«

TAG VIER

Horst Wendlandt: »Verzeihung, dass ich schon wieder anrufe. Aber ich muss wissen, ob die Entscheidung gefallen ist.«

Die Sekretärin: »Ich kann Ihnen beim besten Willen noch nichts sagen. Wirklich.«

TAG FÜNF

Horst Wendlandt: »Entschuldigen Sie bitte, dass ich schon wieder anrufe. Aber morgen ist Samstag, und ich würde doch gerne wissen, ob ich die Lehrstelle bekomme.«

Die Sekretärin: »Sie sind ja wirklich hartnäckig. Aber leider, leider – Sie müssen sich gedulden.«

Gedulden? Geduld ist für Horst Wendlandt ein Fremdwort, und das Wochenende verläuft dementsprechend. Endlich ist Montag. Das gleiche Spiel beginnt von vorn – wieder ohne Ergebnis. Das nächste Wochenende ist da. Für Horst Wendlandt ein Alptraum. Am frühen Montagmorgen ist er der erste Anrufer bei der Tobis:

Horst Wendlandt: »Hallo, ich bin es, Ho …«

Die Sekretärin: »… ich weiß, Horst Wendlandt. Mein Chef wird Ihre Bewerbungsunterlagen heute überprüfen. Ihre Zeugnisse liegen mitten auf seinem Schreibtisch, und er hat versprochen, mir am Nachmittag Bescheid zu geben. Außerdem habe ich ihm gesagt, dass Sie mir wegen Ihrer Beharrlichkeit der richtige Mann zu sein scheinen.«

Horst Wendlandt bekommt die Lehrstelle und beginnt am 1. April 1939 in der Friedrichstraße 100 seine Ausbildung. Ein halbes Jahr später, am 1. September 1939, marschieren deutsche Truppen in Polen ein. Der Zweite Weltkrieg beginnt. Am Fenster der Wohnung in der Holzmindener Straße weht die Fahne mit dem Hakenkreuz. Horst Wendlandt ist siebzehn Jahre alt.

KAPITEL II

1939 bis 1947

»Ich will Schauspieler werden. Unbedingt!«

Als der Krieg ausbricht, fühlt sich Horst Wendlandt bei der Tobis schon wie zu Hause. Er arbeitet beim Film! Das ist für ihn das Tollste überhaupt. Die Tobis Filmkunst gehört, wie die UFA, die Terra und die Bavaria, einer Treuhandgesellschaft, die unter der Kontrolle des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels steht. Die deutsche Filmproduktion unter seiner Regie läuft gut in dieser Zeit. Die Besucherzahlen steigen ständig und die Produktionskosten auch. Das Budget für einen nicht sehr aufwendig gemachten Spielfilm liegt bei rund einer halben Million Reichsmark. Ausländische Filme, die bereits vor Beginn des Krieges nur selten gezeigt wurden, unterliegen seit Kriegsbeginn einem generellen Aufführungsverbot.

Für die Mehrheit der Deutschen ist Adolf Hitler das große Vorbild, das große Idol. Horst Wendlandt gehört nicht dazu. Er ist ein Gegner des Diktators und kann die Hysterie, die dieser Mann hervorruft, nicht nachvollziehen. Er hält sie nicht nur für absurd, sondern auch für sehr gefährlich. Die menschenunwürdige Behandlung der Juden und der Krieg sind für ihn Beweis genug, dass Hitler größenwahnsinnig sein muss. Diese Meinung wird während des Krieges zu seiner Überzeugung. Mit Onkel Fritz gibt es deswegen häufig lautstarken Streit, der einmal sogar eskaliert. Weil Horst hinter seinem Rücken die Hakenkreuzfahne vor dem Fenster entfernt, wird er von ihm aus der Wohnung geworfen. Tante Minna schlichtet den Streit, und der Junge darf wieder nach Hause kommen. Danach hält er sich mit öffentlichen Äußerungen über das Nazi-Regime zurück. Innerhalb und außerhalb der Familie. Er weiß, dass ihm jede unbedachte Äußerung viel Ärger einbringen kann. Auch bei Onkel Fritz, der so fanatisch ist, dass er noch im Januar 1945 an den Endsieg glaubt.

Während des Krieges produziert die Tobis unpolitische Unterhaltung ebenso wie Propagandafilme. Die Stars sind unter anderem Emil Jannings, der Biografisches dreht und seit 1938 auch Vorsitzender des Aufsichtsrates ist, oder die Tänzerin La Jana, die leicht bekleidet im Revuefilm »Stern von Rio« tanzt. Die Premiere am 20. März 1940 in Berlin erlebt sie nicht mehr. Ein paar Tage vorher, am 13. März, stirbt sie an einer Lungen- und Rippenfellentzündung. Aber es gibt auch Volkstümliches und Liebesgeschichten im Programm: wie »Krach im Vorderhaus« 1941 oder Helmut Käutners »Romanze in Moll« 1943.

Der erste für Horst Wendlandt wichtige Film entsteht 1940 in den Studios der Tobis in Johannisthal. Er heißt »Trenk, der Pandur«, die Hauptrolle spielt der große Hans Albers, und er, der Lehrling, darf dem Star die Gage auszahlen! Nicht der Filmkassierer, dem diese Aufgabe eigentlich obliegt. Ein Erlebnis, das er bis zu seinem Tod 2002 nicht vergessen wird und das er immer wieder erzählt – mit Tränen der Rührung in den Augen. Die Premiere von »Trenk, der Pandur« ist am 30. August 1940 im Berliner »Capitol«. Horst Wendlandt ist eingeladen.

Im März 1941 besteht er die Abschlussprüfung zum kaufmännischen Angestellten mit Auszeichnung. Zu verdanken hat er das zum großen Teil Johannes Ratsam, der ihn von Anfang an unter seine Fittiche nimmt und ihn bis zum Examen als Filmkaufmann begleitet. Sein Lehr-Zeugnis enthält folgenden Wortlaut:

Herr Horst Wendlandt, geboren am 15. März 1922, war in der Zeit vom 1. April 1939 bis 31. März 1941 als kaufmännischer Lehrling in der Tobis Filmkunst GmbH beschäftigt. Er erhielt Gelegenheit, sich ausreichende Kenntnisse von den Geschäftsvorgängen in folgenden wichtigen Abteilungen unseres Hauses zu verschaffen: Statistik, Filialkontrolle, Rechnungskontrolle, Zentralüberwachung, Disposition, Filmexpedition, Zentraleinkauf, Buchhaltung und Kasse sowie in unseren Atelierbetrieben.

Dank seiner guten Leistungen konnten wir Herrn Wendlandt von der auf 2½ Jahre festgesetzten Lehrzeit ein halbes Jahr erlassen. Die Leistungen von Herrn Wendlandt waren äußerst zufriedenstellend. Er zeichnete sich durch regstes Interesse und eine gute Auffassungsgabe aus und zeigte stets großen Fleiß und Pflichteifer. Seine Führung war stets einwandfrei. Er ist uns durch seinen aufrechten Charakter und seine Einsatzbereitschaft ein lieber Arbeitskamerad geworden.

Wir haben Herrn Wendlandt nach bestandener Kaufmannsgehilfen-Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer in das Angestelltenverhältnis übernommen. Tobis Filmkunst GmbH

Als fest angestellter Filmkassierer bei der Tobis findet Wendlandt erneut einen Lehrmeister: Fritz Klotzsch, der ihn so gut einweist, dass er zwei Jahre später zum Filmgeschäftsführer befördert wird. Eine Einberufung zur deutschen Wehrmacht muss er nicht fürchten – er ist in einer kriegswichtigen Branche beschäftigt. Mit der neuen Aufgabe geht für Horst Wendlandt ein Traum in Erfüllung. Jetzt ist er endlich hautnah dabei, bei den Produktionen und den Stars, denen er die Gagen ausbezahlt. Theo Lingen gehört dazu, Grethe Weiser, Hans Brausewetter oder Elsa Wagner, mit der ihn eine Begebenheit verbindet, die für sein weiteres Leben entscheidend ist:

Als er eines Abends im ersten Rang des Berliner Staatstheaters sitzt und Käthe Gold in der Aufführung »Die heilige Johanna« des Dichters und Nobelpreisträgers George Bernard Shaw sieht, ist er völlig hingerissen. »So etwas Gutes«, erzählt er einmal, »hatte ich noch nie zuvor gesehen. Ich habe die ganzen dreieinhalb Stunden geheult, und als ich nach der Vorführung rausging, sagte ich mir: ›Ich will und muss Schauspieler werden.‹«

Am Tag darauf ist er bei Elsa Wagner in der Garderobe, um ihr die Tagesgage auszuzahlen. Als sie sich wundert, warum der junge Mann, der sonst immer einen flotten Spruch parat hat, heute so herumdruckst, fragt sie ihn, was los sei. Horst Wendlandt nimmt all seinen Mut zusammen und sagt: »Gnädige Frau, ich will Schauspieler werden. Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen einmal vorspreche, und sagen Sie mir dann bitte ganz ehrlich, ob ich Talent habe oder nicht.« Elsa Wagner lächelt amüsiert und antwortet: »Aber gerne, junger Mann. Nächste Woche bin ich wieder hier.« Draußen vor der Tür macht Horst Wendlandt einen Luftsprung.

Auf dem Weg nach Hause überlegt er, was er einstudieren will, und entscheidet sich für den Hero in Franz Grillparzers Trauerspiel »Des Meeres und der Liebe Wellen«. Geübt wird jeden Abend zu Hause. Stundenlang, wild gestikulierend, unablässig auf und ab schreitend und manchmal so laut deklamierend, dass sich Onkel und Tante beschweren.

Eine Woche später ist es so weit. In der Garderobe der Schauspielerin wirft sich Horst Wendlandt voller Elan in die Rolle des Hero und rezitiert mit Inbrunst:

Nun, so weit wär’s getan. Geschmückt der Tempel,

Mit Myrt’ und Rosen ist er rings bestreut

Und harret auf das Kommende, das Fest.

Und ich bin dieses Festes Gegenstand.

Mir wird vergönnt, die unbemerkten Tage,

Die fernhin rollen ohne Richt und Ziel,

Dem Dienst der hohen Himmlischen zu weihn;

Die einzelnen, die Wiesenblümchen gleich,

Der Fuß des Wanderers zertritt und knickt,

Zum Kranz gewunden um der Göttin Haupt,

Zu weihen und verklären. Sie und mich.

Elsa Wagner sitzt entspannt in ihrem Sessel, hört und sieht aufmerksam zu, schaut ihn anschließend lange an und sagt dann: »Junger Mann, Sie sind ein sehr guter Kassierer, bleiben Sie dabei. Damit werden Sie es weit bringen.« – »Mit diesem Satz«, so Wendlandt viele Jahre später, »hat sie meine Schauspielambitionen mit einem Schlag zerstört. Aber sie hat Recht behalten.«

Seiner Familie in Zützen berichtet er von seinen Erlebnissen in vielen Briefen. Wegen des Krieges ist das Reisen beschwerlich geworden. Außerdem fehlt den Gubanows für die Fahrten in die Hauptstadt immer noch das Geld, und Horst hat durch seinen Beruf keine Zeit mehr, Eltern und Geschwister zu besuchen.

Im besetzten Ausland bringen die Nationalsozialisten inzwischen die Filmproduktionsstätten unter ihre Kontrolle. Ziel dieser Filmpolitik: die Germanisierung und Arisierung, wie sie schon im Frühjahr 1939 in der Tschechoslowakei betrieben wurde. Die modernen Barrandov-Studios der AB-Filmfabrikations AG in Prag werden in diesem Jahr annektiert und als Prag Film AG zur wichtigsten Produktionsstätte des NS-Regimes. Ab 1942 verlagern viele deutsche Produktionsfirmen, darunter auch die Tobis Filmkunst, die Produktion ihrer Filme dorthin, weil das Drehen in den Berliner und Münchner Ateliers immer schwieriger wird. Die Bombenangriffe der Alliierten häufen sich.

Das Jahr 1941 gehört zu den schlimmsten, die Horst Wendlandt je erleben wird. Am 22. Juni überfällt die deutsche Wehrmacht den Verbündeten UdSSR ohne Kriegserklärung. Hitler nennt den Feldzug, den er seit dem 18. Dezember 1940 sorgfältig geplant und vorbereitet hat, »Unternehmen Barbarossa«. In Deutschland werden alle Russen und Halbrussen im wehrdienstfähigen Alter ins Internierungslager gesteckt – es sei denn, sie entscheiden sich, Soldat in der deutschen Wehrmacht zu werden. Horst Wendlandt bleibt keine Zeit, sich zu entscheiden. Eines Morgens steht die SS vor der Haustür in der Holzmindener Straße und holt ihn ab. Minna und Fritz sind nicht zu Hause. Woher die Schergen Hitlers wissen, dass er die russische Staatsbürgerschaft besitzt, erfährt er nie. Hinzu kommt, dass mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die UdSSR auf Befehl Hitlers aus allen Russen und Halbrussen, die in Deutschland leben, Staatenlose werden. Horst Wendlandt bekommt wie alle anderen, darunter auch seine Familie in Zützen, den Nansenpass. Ein Ausweispapier für Heimatlose.

Die SS-Schergen bringen ihn in ein Internierungslager. Über seine Erlebnisse dort spricht er zeit seines Lebens so gut wie gar nicht. Ilse Wendlandt: »Mein Mann hat mir nur einmal erzählt, dass er drei Wochen in einem Lager war und sich mit den Mitgefangenen kaum verständigen konnte, weil er kein Wort Russisch und die anderen kaum Deutsch sprachen. Er war völlig verzweifelt und sagte, dass er dauernd verhört worden sei. Ob er dabei misshandelt wurde, weiß ich nicht. Davon hat er nicht gesprochen. Was nicht bedeutet, dass es keine Übergriffe gab. Horst war zwar ein sehr offener Mensch, aber es gab auch viele Dinge in seinem Leben, die er für sich behielt.«

Frei bekommt ihn sein Onkel Fritz, der durch sein Parteibuch gute Beziehungen hat. Er erreicht auch, dass Horst Wendlandt wieder bei der Tobis arbeiten kann. Aber er muss sich von nun an jede Woche bei der Polizei melden und wird in Britz als Luftschutzwart verpflichtet.

Bis Anfang 1944 geht alles gut. Dann aber braucht Hitler neues »Kanonenfutter«. Zu viele Soldaten sind bisher gefallen. Allein die Gesamtverluste der Wehrmacht in Russland im Kriegsjahr 1942/1943 betragen fast eine Million. Die Generalität lässt jeden einigermaßen einsatzfähigen Mann einziehen. Horst Wendlandt ist zweiundzwanzig und kerngesund. Obwohl er darauf verweist, in einer kriegswichtigen Branche zu arbeiten und als Luftschutzwart unabkömmlich zu sein, wird er vor ein Ultimatum gestellt: entweder als Russe ins Internierungslager oder als Deutscher an die Front. Um für das Reich zu kämpfen, muss er jedoch Deutscher werden. Horst Wendlandt wird am 27. Juli 1944 durch den Polizeipräsidenten von Berlin als Kriegsfreiwilliger eingebürgert. Die russische Staatsangehörigkeit muss er nicht aufgeben. Grigori und Auguste Gubanow erfahren durch einen Brief des Sohnes, was geschehen ist.

Der Soldat Wendlandt kommt zur Luftwaffe und wird Angehöriger der Bodentruppe beim Fliegerersatzbataillon 12 Crailsheim und Fürth. Was er bis Ende des Krieges dort erlebt – darüber spricht er nie mit jemandem. Bekannt wird nur, dass er Ende 1944 eine Lungenentzündung bekommt und für mehrere Wochen ins Marine-Kurlazarett im bayerischen Garmisch-Partenkirchen eingewiesen wird. Nach seiner Entlassung im Januar 1945 erhält er sieben Tage Urlaub und fährt nach Berlin.

Kaum dort angekommen, packt er seine Uniform in den Schrank, zieht Zivilkleidung an und setzt sich in den Zug nach Zützen. Auf Minna und Fritz, die gerade nicht zu Hause sind, wartet er nicht. Er will seinen Vater, seine Mutter und seine Geschwister sehen. Unbedingt. Er hat seit seiner Einberufung nichts mehr von ihnen gehört und macht sich große Sorgen um sie. Seine Eltern und seine Schwester freuen sich riesig, den Jungen gesund und munter zu sehen, und erzählen, dass sein Bruder sich freiwillig zum Wehrdienst gemeldet habe, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Otto ist Maschinenmaat bei der Marine. Edeltraut wird erst in der DDR die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen.

Horst Wendlandt: »Ich bin eine Nacht bei meinen Eltern geblieben. Am nächsten Morgen hat mich mein Vater zum Bahnhof nach Schwedt gebracht. Ich hatte große Bedenken, ihn und meine Mutter allein zu lassen, weil man den Kanonendonner der Russen auf der anderen Seite der Oder schon hören konnte. Doch mein Vater, der ein sehr stolzer Mann war, hat mich beruhigt und gesagt: ›Mach du bloß keine Dummheiten, mein Junge. Wir überleben das hier schon. Ich habe keine Angst vor den Russen. Ich bin ja selber einer. Und ich kann beweisen, warum ich hier geblieben bin nach dem Ersten Weltkrieg – wegen Auguste und euch. Außerdem bin ich kein Nazi.‹ Das hat mich beruhigt.«

Die Reise nach Zützen in Zivilkleidung ist ein gefährliches Unterfangen. Während des Krieges herrscht auch bei Ausgang Uniformzwang. »Die Straßen waren voller Feldjäger«, erzählt Wendlandt später. »Wenn mich diese Kettenhunde geschnappt hätten, hätten die mich glatt erschossen.« Gott sei Dank passiert nichts. Horst landet unversehrt wieder in Berlin.

Nach dem Genesungsurlaub zieht er die Uniform wieder an und macht sich auf die Rückreise nach Fürth. Kurz vor Ende des Krieges, im April 1945 – die US-Truppen stehen quasi schon in der Haustür –, bezieht er mit seiner Kompanie Stellung unter einer Brücke und erhält von seinem Leutnant den Befehl: »Soldat Wendlandt! Gehen Sie rauf auf die Brücke und sehen Sie nach, ob die Amis kommen!« Er rückt ab, guckt unterhalb der Brücke flüchtig über die Böschung, robbt wieder zurück und meldet: »Weit und breit nichts zu sehen, Herr Leutnant!« Fünf Minuten später sind die Amerikaner da. Der Soldat Wendlandt hat sie nicht gesehen und wird, wie die meisten in seiner Kompanie, gefangen genommen. Die Geschützstellung wird kampflos übergeben. Es ist der 16. April 1945.

Als Deutschland im Mai 1945 kapituliert, befindet er sich bereits in französischer Kriegsgefangenschaft. Bei den Alliierten ist es üblich, die Gefangenen untereinander auszutauschen. Horst Wendlandt: »Mich und ein paar andere aus meiner Truppe haben die Amis für einen Dollar pro Kopf an die Franzosen verkauft. Ich kam in den Kohlebergbau nach Merlebach in Elsass-Lothringen.« Ein schlechter Tausch. Die Franzosen behandeln ihre Gefangenen nicht gut. Die Inhaftierten leben in schäbigen Lagern, schlafen in ärmlichen Baracken, müssen sich zum Waschen draußen anstellen und bekommen oft nicht genug zu essen. Dafür ist die Arbeit umso härter. Horst Wendlandt muss unter Tage die schweren Loren zum Stollenausgang schieben und steht dabei meist bis zu den Knien im eiskalten Wasser. Als er am 15. Januar 1947 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wird, geht er an Krücken. Das Stehen in dem eisigen Wasser hat an beiden Knien bleibende Schäden hinterlassen.

KAPITEL III

1947 bis 1950

»Ilsegard ist ein schönes Mädchen. So sauber und so blond.«

Die Reise nach Hause ist ungemein beschwerlich. Horst Wendlandt legt den langen Weg in einem schlecht gefederten Lastwagen zurück und wird wegen des miserablen Straßenzustandes derart durchgeschüttelt, dass er vor Schmerzen schreien könnte. Seine Knie tun ihm höllisch weh. Es hat sich Wasser darin angesammelt, und sie sind dick geschwollen. Der Anblick der vorbeiziehenden Landschaft hebt seine Laune ebenfalls nicht. Im Gegenteil, überall sieht er die Spuren des Krieges. Ausgebombte Häuser, ausgebrannte Militär- und Privatfahrzeuge. Seine blühende Fantasie gibt ihm den Rest: Er sieht Tote in den Straßengräben liegen.

Nach tagelanger Fahrt kommt er endlich in Berlin an. Beim Anblick der Stadt bleibt ihm fast das Herz stehen. Häuserruinen, wohin er auch schaut. Durch die Straßen huschen vermummte Gestalten. Kaum ein Auto fährt. Manchmal rumpeln alte Laster oder ein klappriger Personenwagen über das Pflaster. Schicke Limousinen mit lachenden Menschen in Pelzmänteln brausen nur selten vorbei. Und wenn, sitzen am Steuer meist Kriegsgewinnler oder die Herren der Besatzungsmächte mit ihren Mädchen. Eine fremde Stadt.

Noch dazu ist dieser Winter bitterkalt. Die Menschen müssen nicht nur hungern, sie müssen auch frieren. Die tägliche Lebensmittelration beträgt 1300 Kalorien. Kohle zum Heizen gibt es nicht, oder sie muss von den Zügen gestohlen werden. Wer nicht stiehlt, schiebt – der Tausch- und der Schwarzhandel blüht –, und wer kann, fährt aufs Land zum Hamstern. Der Winter 1946/1947 geht in die deutsche Geschichte als Hungerwinter ein.

Mit der Straßenbahn fährt Horst Wendlandt nach Britz in die Holzmindener Straße. Doch das Haus, in dem er seit 1928 mit Minna und Fritz gelebt hat, ist weg. Untergegangen im Bombenhagel der Alliierten. Ob die Adoptiveltern den Angriff überlebt haben, weiß er nicht.

Todmüde und mit letzter Kraft schleppt er sich an seinen Krücken zur Straßenbahnhaltestelle und fährt nach Rudow zu seinem alten Freund Gerhard Henselin. Er hat Glück. Das Haus in der Kanalstraße 47 steht noch, und Gerhard ist auch zu Hause. Horst Wendlandt schläft drei Tage lang.

Danach geht es ihm besser. Er hat Kohlsuppe zu essen bekommen und etwas Brot. Seine Knie tun weniger weh, und so beschließt er, mit dem Bus zum Stettiner Bahnhof zu fahren. Er will nach Zützen zu seiner Familie. Der Bahnsteig ist schwarz vor Menschen. Alle wollen aufs Land, Lebensmittel hamstern. In einem überfüllten Abteil bietet ihm ein freundlicher Herr seinen Sitzplatz an. Von der Fahrt bekommt Horst Wendlandt kaum etwas mit. Seine Gedanken kreisen nur um das eine Thema: Lebt meine Familie noch? Die Strecke vom Bahnhof in Angermünde – in Schwedt halten die Züge nicht mehr – nach Zützen legt er auf einem Pferdekarren zurück, und je näher er dem Haus seiner Eltern kommt, desto heftiger klopft sein Herz.

Dann die Erleichterung. Alle leben, und fast alle sind zu Hause. Grigori und Auguste, Oma und Opa Klempnow, Schwester Edeltraud und auch Minna und Fritz Wendlandt, die rechtzeitig aus Berlin flüchten konnten. Nur Otto fehlt. Er lebt, ist aber noch in amerikanischer Gefangenschaft. Die Begrüßung ist ein einziges Wiedersehensmelodram. Man liegt sich in den Armen, gleichzeitig lachend und weinend. Zur Feier des Tages kocht Auguste ein Festtagsessen aus Kartoffeln, Rüben und dem bisschen Speck, das sie für besondere Zwecke aufbewahrt hat.

Am späteren Abend geht die Familie ins Gasthaus. Dort treffen sie Gerhard Schulz, den zukünftigen Mann von Edeltraud, der zunächst eifersüchtig ist, weil er glaubt, der gut aussehende Mann an Krücken sei ein Freund seiner Angebeteten. Bei Bier und Himbeerlikör erzählt man sich, was in den vergangenen Wochen und Monaten geschehen ist. Horst erfährt, dass sein Vater, seine Mutter und seine Schwester nach dem Krieg nach Russland zurückgeschickt werden sollten, da man Grigori Gubanow für einen Deserteur hielt, der nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland geblieben ist.

»Wir wurden«, so Edeltraud, »nach Angermünde in die Kommandantur der russischen Besatzer beordert. Meine Mutter und ich haben furchtbar geweint. Mein Vater war ganz ruhig und versuchte denen zu erklären, dass die Anschuldigung nicht stimme. Umsonst. Mutter und ich durften wieder nach Hause. Meinen Vater haben sie wochenlang eingesperrt. Als seine Unschuld endlich bewiesen war, haben sie ihn entlassen und zum Dolmetscher gemacht. Später wurde er sogar Bürgermeister von Zützen.«

Minna und Fritz berichten, dass sie durch die Bombardierung Berlins alles verloren haben und sich selbst nur mit knapper Mühe aus dem brennenden Haus retten konnten. »Sei froh«, sagen sie zu Horst, »dass du mit dem deutschen Ausweis auch die Adoptionsurkunde mit in den Krieg genommen hast. Uns ist nichts geblieben. Alles ist verbrannt. Deine Zeugnisse, die Geburtsurkunde, die Bücher, die Briefe, Fotos – einfach alles.«

Horst sitzt fast die ganze Zeit schweigend am Tisch. Er freut sich, dass es seiner Familie gut geht, und lauscht den Erzählungen. Er selbst verrät kaum etwas von seinen Erlebnissen an der Front und aus der Zeit der Gefangenschaft. Er hat die schrecklichen Erinnerungen tief in sich vergraben und will nicht mehr daran erinnert werden. Er verdrängt auch diese Geschehnisse, erzählt nur so viel: »Im Lager in Merlebach gab es einen Offizier, dem ich wegen meiner kaputten Knie offenbar so Leid getan habe, dass er meine Versetzung in die Schreibstube befahl, wo ich dann die letzten Wochen meiner Gefangenschaft verbringen konnte. Damit hat er mir sehr geholfen.«

Nach ein paar Tagen fährt er zurück nach Berlin. Nachdem er weiß, dass seine Familie in Sicherheit ist und dass sie zu essen hat, treibt ihn nur noch ein Gedanke vorwärts: »Ich will wieder in die Filmbranche. Koste es, was es wolle.«

Doch so einfach ist das nicht. Abgesehen davon, dass mit Kriegsende die Filmproduktion in Deutschland eingestellt worden ist, gibt es die Filmstadt Berlin, einst Mittelpunkt der deutschen Filmindustrie, schon lange nicht mehr. Noch vor Kriegsende flüchten zahlreiche Filmschaffende ins Ausland. Die Studios werden von den Bombenangriffen entweder ganz, im besten Fall nur teilweise zerstört.

Im Gegensatz zu den Westalliierten unter amerikanischer Führung sorgen die sowjetischen Besatzer im Ostsektor der Stadt bereits ab Herbst 1945 dafür, die von ihnen beschlagnahmten Ateliers in Babelsberg und Johannisthal wieder in Stand zu setzen. Mitte 1946 wird die DEFA gegründet. Im Westen der Stadt unterstützen die Briten und Franzosen, aber vor allem die Amerikaner, zunächst den Wiederaufbau und die Wiedereröffnung der Kinos, in denen sie Filme aus ihren Ländern und ältere unverfängliche deutsche Spielfilme aufführen lassen.

Für diejenigen Deutschen, die wieder im Filmgeschäft Fuß fassen möchten, richten die Alliierten überall in Deutschland Kontrollbehörden ein, die mit einem aufwendigen Lizenzverfahren die demokratische Gesinnung der Anwärter garantieren sollen. Meist erhalten sie kleinere unterkapitalisierte Firmen. Mit dem Verbot der Monopolbildung in allen Teilen der Filmbranche führt dies zur Zersplitterung der Filmproduktion. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bombardierungen im Westen der Stadt die Ateliers von Professor Carl Froelich in Tempelhof und die Tobis-Ateliers in Grunewald zerstört haben. Stehen geblieben – wenn auch stark beschädigt – ist das UFA-Filmatelier in Tempelhof mit zwei Aufnahmehallen und angeschlossenem Synchronbetrieb. Zwischen 1946 und 1948 entstehen in den westlichen Besatzungszonen und den Westsektoren Berlins rund vierzig Produktionsgesellschaften.

Als erster Filmemacher im Westen erhält der Regisseur Helmut Käutner Mitte 1946 eine Lizenz und beginnt mit dem Projekt »In jenen Tagen«, das jedoch erst 1947 Premiere hat. In Berlin wird kurz darauf die Studio-45-Film-GmbH lizenziert, die bereits am 20. Dezember 1946 das Lustspiel »Sag die Wahrheit« mit Gustav Fröhlich in der Hauptrolle ins Kino bringt. Weitere Lizenznehmer sind Artur Brauner und Gyula Trebitsch, die im Leben von Horst Wendlandt einmal eine große Rolle spielen werden. Am 16. September 1946 gründet Brauner gemeinsam mit Joseph Einstein in Berlin die Central Cinema Comp. Film, kurz CCC genannt. Das Stammkapital beträgt 21.000 Reichsmark. Am 10. Januar 1947 folgt in Hamburg die Real Film GmbH von Gyula Trebitsch und Walter Koppel. Die Dreharbeiten zu ihrem ersten Spielfilm »Arche Noah« beginnen am 1. März 1947. Bis 1948 entstehen in den westlichen Besatzungszonen achtundvierzig Spielfilme. Das übrige Kinoprogramm besteht aus ausländischen Filmproduktionen – die Alliierten versprechen sich dadurch das Monopol auf dem deutschen Filmmarkt.

Horst Wendlandt steht dieser komplizierten Situation gelassen gegenüber. Er ist ein Kämpfer und glaubt fest daran, dass er über kurz oder lang wieder beim Film landen wird. Ihn belasten lediglich seine Knie, die nur langsam heilen wollen. Krücken braucht er jedoch bald keine mehr. In Berlin wohnt er wieder bei Gerhard in Rudow und macht sich von dort aus auf die Suche nach früheren Kollegen. Ein mühsames Unterfangen. Sie sind überall verstreut, einige von ihnen haben den Krieg nicht überlebt. In der restlichen Zeit bemüht er sich, ein bisschen Geld und etwas zu essen zu organisieren. Wegen Letzterem fährt er öfter zu seiner Familie aufs Land, von wo er manchmal auch Tabak mitbringt, den sein Vater Grigori anbaut. In Berlin liefert er den Tabak in einer Fabrik in Tempelhof ab. Als Lohn darf er einige der Zigaretten verkaufen.

Anfang April 1947 steht er wieder einmal am Stettiner Bahnhof und wartet auf den Hamsterzug nach Angermünde. Als der Zug einfährt, ist er wie immer gerammelt voll. Einige Leute klammern sich sogar an den Außenwänden der Abteile fest. Horst Wendlandt ergattert einen Stehplatz im letzten Wagen. Als der Schaffner die Kelle hebt und zur Abfahrt pfeifen will, kommen zwei Mädchen, eine blond, die andere brünett, völlig außer Atem auf den Bahnsteig gerannt. Es sind die Schwestern Ilsegard und Gertraud Winter. Jede trägt einen armseligen leeren Pappkoffer in der Hand. Als sie in den letzten Wagen steigen wollen, drängt sich Horst Wendlandt vor und sagt: »Nein, nein. Für euch ist hier kein Platz mehr. Nichts da.« Ein älterer Herr, der die Szene beobachtet hat, mischt sich ein: »Junger Mann, lassen Sie doch die jungen Damen einsteigen.« Gleichzeitig streckt er den beiden die Hand hin und hilft ihnen mit den Worten ins Abteil: »Kommt mal her, ihr beiden. Das machen wir schon.« Ein paar Sekunden später fährt der Zug ab.

Die Schwestern sind auf dem Weg nach Stralsund zu ihren Eltern, um ihre Lebensmittelkarten zu holen und beim Bauern ein paar Kartoffeln oder ein Kommissbrot zu ergattern. Nach einer Weile bemerkt Ilsegard, die von ihrer Schwester Ilse genannt wird, dass der junge Mann sie immer wieder heimlich ansieht. Irgendwann spricht Horst sie an: »Sie tragen einen schönen Ring, mein Fräulein. Ist der blaue Stein echt?« Ilse reagiert nicht, guckt angelegentlich aus dem Abteilfenster und denkt sich: »Du Lackaffe, lass mich bloß in Ruhe. Erst lässt du uns nicht rein, und dann quatschst du mich auch noch von der Seite an.« Heimlich betrachtet sie ihn bald doch, findet ihn aber nicht besonders attraktiv. Sein Gesicht ist ihr zu rund, und seine dunklen Haare brauchen dringend einen neuen Schnitt. »Und einen Hals«, lästert sie innerlich, »hat er auch nicht. Und erst die Jacke! Die war früher bestimmt mal eine Pferdedecke.«

Wie gut, dass Horst keine Gedanken lesen kann. Ihm gefällt das schöne Mädchen, das so proper ist, so blond und so sauber und das so ein wunderbar klassisches Gesicht hat, sehr. »Es war ihre Frische«, sagt er viele Jahre später, »die mich zuallererst angezogen hat. Sie war ein patentes, junges, unverbrauchtes Mädchen. Und das ist sie geblieben, im Grunde genommen.« Doch weil die schöne Unbekannte nicht mit ihm sprechen will, beginnt er mit ihrer Schwester zu plaudern. Das wirkt. Irgendwann mischt sich Ilse in das Gespräch ein, und die beiden Mädchen erfahren, dass der junge Mann Horst Wendlandt, aber eigentlich Horst Gubanow heißt, dass er gerade aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden ist und Probleme mit den Knien hat. Und er erzählt, dass er Puddingpulver in seiner Tasche hat und Rosinen, weil sich seine Schwester Edeltraud morgen mit ihrem Freund Gerhard verloben will. Je länger das Gespräch dauert, umso netter findet Ilse den jungen Mann. Sie stellt fest, dass er wunderbare blaue Augen hat und lange Wimpern. Und dass er gar nicht so nassforsch ist, wie sie geglaubt hat. Im Gegenteil: Je länger die Reise dauert, umso sicherer ist sie sich, dass sich hinter seiner sehr direkten Art eine gewisse Schüchternheit verbirgt. In diesem Punkt irrt sie. Dieser junge Mann ist alles andere als schüchtern. Horst Wendlandt, der schon einige Freundinnen hatte, ist nicht nur sehr selbstbewusst, er weiß auch ganz genau, wie man widerstrebende Frauen für sich gewinnt. Mit schönen Worten, Verständnis und Einfühlungsvermögen. Und so nimmt er irgendwann während der Fahrt heimlich Ilses Hand und hält sie fest. Ilse zieht sie nicht zurück. Kurz bevor Horst in Angermünde aussteigt, fragt er: »Darf ich Sie einmal besuchen?« Ilse nickt, wird ein bisschen rot und schreibt ihre Adresse auf einen Zettel: Ilsegard Winter, Stresemannstraße 27, Berlin-Kreuzberg. Eine feste Verabredung ist das nicht.

Ilsegard und Gertraud Winter stammen aus Ober-Wernersdorf bei Trautenau im Sudetenland, Tschechoslowakei. Ihr Vater Joseph ist Gastwirt und Förster. Ihm gehört der »Gasthof zur Post«, den seine Frau Maria führt. Ilsegard ist ein Glückskind. Sie wird an einem Freitag, dem 13. Januar 1922, geboren. Gertraud kommt am 22. Dezember 1925 zur Welt.Die beiden Mädchen erleben eine behütete und unbeschwerte Kindheit voller Geborgenheit und Liebe. Sie wachsen mit der Natur auf, gehen mit dem Vater im Wald Pilze und Beeren suchen oder Tiere beobachten, helfen der Mutter nachmittags im Schankraum und spielen mit ihren Freundinnen auf dem Hof oder in den nahe gelegenen Feldern.

Ilse Wendlandt: »Bis ich nach der vierten Klasse Volksschule in die Mittelschule nach Trautenau kam, war mein Leben ohne Sorgen. Doch Trautenau war zwanzig Kilometer entfernt. Das bedeutete, dass ich morgens mit dem Zug eine Stunde hin-, und nachmittags wieder eine Stunde zurückfahren musste. Vom Bahnhof Ober-Wernersdorf bis zum Gasthaus waren es dann noch mal vier Kilometer mit dem Rad. Wenn ich zu Hause ankam, war ich immer so müde, dass ich kaum noch lernen konnte. Also beschlossen meine Eltern, mich zumindest im Winter, wo es bei uns immer sehr viel Schnee gab, zu Onkel Oswald, dem Bruder meiner Mutter, zu geben. Das ging nicht lange gut, weil ich vor Heimweh fast gestorben bin und ständig weinen musste. Gott sei Dank waren meine Eltern einsichtig, und ich durfte wieder täglich hin und her fahren.«

So einsichtig sind die Winters nicht immer. Vor allem der Vater ist äußerst streng. Als die beiden Mädchen erwachsen werden, überwacht er sie noch schärfer. Ein Freund? Undenkbar! Amüsement? Verboten. Tanzstunde ist ebenfalls tabu. Walzer und Foxtrott bringen sich die Mädchen alleine bei. Ohne Männer selbstverständlich, sie tanzen miteinander. Zu Tanzvergnügen – wie dem Turner- oder Feuerwehrball – werden sie stets von Papa begleitet.