Hotel Mallorca - 3 Romane, Band 1 – Liebesroman - Manuela von Steinau - E-Book

Hotel Mallorca - 3 Romane, Band 1 – Liebesroman E-Book

Manuela von Steinau

0,0

Beschreibung

Eine große Serie von Urlaubsromanen, die ihresgleichen sucht! Jeder Band enthält drei zauberhafte Geschichten, die im mondänen Hotel Mallorca spielen. Hier geht es romantisch zu – und ungeheuer spannend: Um den Untergang des herrlichen alten Hotels auf Mallorca zu verhindern, lässt der Erbe, Christian Leon, sich mit dem dubiosen Pablo Gomez ein. Pablo entwickelt sich nicht nur zu einem Gegenspieler in geschäftlichen Dingen, sondern tritt auch um das Herz seiner Freundin Sabine in Konkurrenz zu Chris. Zwischen Chris und Pablo wächst eine erbitterte Feindschaft, die auch Sabine nicht ungeschoren lässt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 325

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Hotel Mallorca Taschenheft –1–

Sehnsüchte im heißen Sand

Roman von Manuela von Steinau

Inhalt

Textbeginn

Spiel mir das Lied vom Leben

Reiz der Gegensätze

»Christian, siehst du die weißen Felsen? Dort hinten sind schon die Felsen!«

»Ja, noch ein paar Minuten, dann sind wir da. Wir haben es geschafft, Pablo. Wir sind da. Wir sind wieder zu Hause!«

Christian war in einem wahren Freudenrausch. In seinen Fingern, die das Steuerrad des roten Sportwagens umklammert hielten, prickelte es förmlich vor Glück.

Am Tag vorher waren er und Pablo noch in Deutschland gewesen. Und es war noch nicht einmal sechsunddreißig Stunden her, seit sie ihren Abschied vom Bodensee und von der Hotelfachschule gefeiert hatten. Der Champagner war in Strömen geflossen.

Aber jetzt waren sie angekommen. Auf Mallorca, auf dieser Insel, die für sie die schönste der Welt war. Hier waren sie geboren worden. Hier waren sie aufgewachsen. Hier gehörten sie hin.

Es war Christians Vorschlag gewesen, den tollkühnen Sprung von den Leon-Felsen zu wagen. Einzutauchen in das weite blaue Meer, um wie neu geboren wieder aufzusteigen. Pablo war sofort Feuer und Flamme gewesen.

Der Geruch von Benzin und Leder vermischte sich mit dem Salzgeruch des Meeres. Der Boden wurde felsiger. An die Stelle von Orangenbäumen traten Eichen. Zwischen zwei knorrigen Bäumen wurden ein runder breiter Turm und die Reste einer uralten Burganlage sichtbar.

Von hier aus hatte über sechs Jahrhunderte hindurch das mächtige Geschlecht der Leones große Teile Mallorcas und des Meeres beherrscht. Die Burg war verfallen, aber das Land war noch immer im Besitz der Familie. Ihr Wappentier war ein Löwe.

Christians verstorbener Vater war ein Leon gewesen. Bis ins dreizehnte Jahrhundert reichte die Reihe der Leones zurück. Das unverwechselbare Zeichen der männlichen Mitglieder der Familie war eine Kerbe im Kinn.

Auch Christians Kinn zeigte diese Kerbe.

Die helle Haut aber, das dunkelblonde gewellte Haar und die grauen, gerade blickenden Augen waren dagegen ein Erbe seiner deutschen Mutter.

Der Wagen hielt. »Wir sind da«, rief Christian und schwang sich vom Sitz und auf den steinigen Boden. Pablo machte es ihm nach.

Vor ihnen lag das endlose weite Meer. Rechts von ihnen ragten zwei wahrhaft grandiose Felsen schroff empor, um dann zwanzig oder dreißig Meter steil hinabzustürzen.

Das waren die berühmten Leon-Felsen.

Christian ging zu einer Stelle, wo eine Felsenplatte fast einen halben Meter über den Abgrund hinausragte. Er sah in die Tiefe.

Unter ihm wogte das Meer. Jede ankommende Welle bedeckte für ein paar Sekunden die Felsbrocken, die dort lagerten, um sie gleich darauf wieder freizugeben. Feine weiße Gischt spritzte wie Sprühregen auf.

»Was ist, Christian? Warum bist du auf einmal so still? Du bekommst es doch hoffentlich nicht plötzlich mit der Angst zu tun«, spottete Pablo.

Christian schien auf einmal zu sich gekommen zu sein.

»Pablo, wer hier runterspringt, der kommt nicht lebend unten an«, sagte er.

»Der Sprung von den Leon-Felsen war dein Vorschlag. Du willst doch jetzt nicht etwa kneifen?«

»Das hat nichts mit kneifen zu tun.«

»Es ist eine Mutprobe, Chris.«

»In meinen Augen hat es nichts mit Mut zu tun, sein Leben aufs Spiel zu setzen.«

»Was ist es dann in deinen Augen?«

»Die reinste Dummheit.«

»Vorhin hast du anders gesprochen.«

»Da wußte ich es nicht besser. Ich war jahrelang nicht mehr hier und hatte vergessen, wie hoch die Felsen sind und wie gefährlich solch ein Sprung ist.«

Christian deutete mit ausgestrecktem Arm in die Tiefe. »Guck dir das doch an, Pablo. Überall ragen Felsen aus dem Meer. Wer da aufkommt, ist verloren.«

Pablo kniff die Augen ein wenig zusammen. »Wie kommst du darauf, daß ich vorhabe, auf die Felsen zu springen? Da müßte ich ja verrückt sein.«

»Von der Höhe aus kannst du den Sprung gar nicht steuern, Pablo.«

Niemand hatte Christian jemals Mangel an Mut nachsagen können. Im Gegenteil. Er hatte den Ruf, tollkühn zu sein. Liebte er es doch geradezu, Gefahren die Stirn zu bieten. Keiner wußte das so gut wie Pablo.

»Laß uns umkehren und nach Palma fahren, Pablo. Dort warten sie sicherlich schon auf uns«, schlug Christian vor.

Statt einer Antwort streifte Pablo sich das schwar­ze Polohemd über den Kopf und warf es neben sich zu Boden. »Du willst also wirklich nicht?«

»Nein, Pablo. Ich bin nicht heroisch genug, um mein Leben für eine dumme Mutprobe aufs Spiel zu setzen. Dafür lebe ich viel zu gern.«

»Du machst deinem Namen nicht gerade Ehre, Chris. Einen Löwen kann man dich wirklich nicht nennen.«

»Versuch ruhig, mich zu provozieren, Pablo. Du änderst damit nichts.«

»Wenn du springst, erlaß ich dir die Spielschulden, die du bei mir hast.«

Christian biß die Zähne zusammen. Nach dem Abschlußfest von der Hotelfachschule war er mit Pablo und einigen anderen jungen Männern aus seinem Jahrgang zu einer Spielbank gegangen. Er hatte schon mehr Champagner getrunken, als er vertrug.

Zuerst hatte er gewonnen. Aber dann hatte sich das Blatt gewendet. Pablo hatte ihm Geld geliehen. Immer mehr und mehr. Bis auch das verspielt war.

»Ich werde meine Schulden so bald wie möglich bezahlen«, versicherte Christian.

»Du bist also fest entschlossen, nicht zu springen. Also gut, Chris. Wie du willst. Aber denk daran, was wir ausgemacht haben. Wer kneift, der muß die erstbeste Frau heiraten, die ihm begegnet.«

»Hören wir endlich auf mit dem Unfug, Pablo.«

Pablo tat, als hörte er nicht. Unbeweglich, den Blick auf den Horizont gerichtet, stand er am Rande der vorspringenden Felsplatte.

Sein kräftiger Körper war gedrungen. Das Gesicht sah aus, als sei es mit einer Axt aus einem Eichenstamm gehauen. Über der Stirn, wo er einen Wirbel hatte, stand ihm ein Büschel der schwarzen Haare zu Berge.

Langsam, sehr langsam breitete er die Arme auseinander. Und dann sprang er.

Christian warf sich zu Boden. Er fühlte sein Herz gegen die harte Erde schlagen. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er wagte kaum zu atmen. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er in die Tiefe, in ein Stück wilde Natur.

Mehrere kleine und einige größere Felsen ragten hoffnungslos schroff und spitz aus dem Wasser. Ein einzelner gelbblühender Ginsterbusch, der aus der Felswand herauswuchs, konnte dem Anblick nichts Tröstliches geben.

Pablo schien einen Augenblick lang in der klaren Luft des frühen Morgens zu schweben, so als halte eine unsichtbare Hand ihn empor.

Christian hatte das Gefühl, als würde die Zeit stillstehen. Nie, das wußte er, würde er diesen Augenblick vergessen. Bis an sein Lebensende würde er sich daran erinnern.

Weit hinten am östlichen Horizont stieg die Sonne auf. Ihre schrägen Strahlen ließen das Meer auffunkeln. Es war, als würde Pablo in blutrote Strahlen eintauchen.

Nach wenigen Sekunden kam er wieder hoch. Seine enormen Oberarme und Schultern zerteilten mit kräftigen Schlägen das Wasser. Er schwamm um einen Felsen herum zu einer anmutigen Bucht, die wie eine schöne weiße Muschel in die Felsen eingebettet lag.

Christian sprang auf die Beine. Sein Herz hämmerte, als wollte es ihm die Brust zersprengen. Er rannte am Steilufer entlang und den Abhang zur Bucht hinunter.

Pablo stand bis zu den Knien im Wasser. Er strich sich das nasse Haar aus der Stirn.

»Feigling, Feigling«, rief er Christian mit triumphierender Stimme zu und lachte dröhnend.

Christian blieb stehen. Er empfand auf einmal unglaublichen Zorn. Pablo kam auf ihn zu. Bei jedem Schritt, den er machte, wuchs Christians Zorn.

Es war der alte Zorn der Leones, der sich seit jeher gegen diejenigen gerichtet hatte, die ihren Stolz verletzen.

»Feigling«, sagte Pablo noch einmal mit leiser Stimme, als er vor Christian stand. Seine tiefschwarzen Augen blitzten in spöttischer Verachtung.

»Sag das Wort nie wieder. Hörst du, Pablo. Sage nie wieder Feigling zu mir«, stieß Christian hervor.

»Feigling.«

Christians erster Impuls war, sich auf Pablo zu stürzen. Seine Vorfahren hätten es nach dieser Beleidigung auf einen Kampf um Leben und Tod ankommen lassen. Bei Christian zeigte jedoch in diesem Moment eine Erziehung zur Selbstbeherrschung ihre Früchte. Er hielt sich zurück.

Seine Stimme war aber wie kalter blanker Stahl, als er sagte: »Das war einmal zuviel, Pablo. Komm mir in Zukunft nie mehr unter die Augen.«

Pablo wurde unsicher. »Wir sind doch Freunde, Chris. Da darf man doch wohl mal einen Spaß machen.«

»Freunde?« fragte Christian.

Er und Pablo kannten sich seit ihrer frühen Kindheit. In der deutschen Schule von Palma hatten sie die gleiche Schulbank gedrückt. Auch die Militärzeit hatten sie am selben Ort und zur selben Zeit absolviert. Auf der Hotelfachschule am Bodensee hatten sie sogar ein Zimmer geteilt.

Immer wieder, fast ihr ganzes Leben lang, also fünfundzwanzig Jahre lang, hatten sich ihre Wege auf irgendeine Weise gekreuzt.

Freunde, wirkliche Freunde, waren sie trotzdem nicht gewesen. Dafür waren sie vom Charakter her zu verschieden.

Christian besaß Leichtigkeit und einen angeborenen Charme. Er bezauberte die Menschen, wo immer er auftauchte. Man liebte ihn um seiner selbst willen.

Pablo dagegen ging man lieber aus dem Wege. Er konnte, wenn es um seinen Vorteil ging, rücksichtslos sein. Es schien ihm manchmal geradezu Spaß zu machen, andere zu verletzen.

Christian warf einen Blick auf den roten Sportwagen, der vor den Felsen parkte. Wenn es Pablos Auto gewesen wäre, so hätte er ihn gebeten, ohne ihn nach Palma zu fahren. In dem Fall hätte er es vorgezogen, zu Fuß zu gehen.

Da der Sportwagen aber ihm gehörte, forderte er Pablo auf:

»Steig ein, damit wir endlich nach Hause kommen.«

*

»Guten Tag.« Sabine Hansen, seit einigen Wochen Empfangs-Sekretärin im renommierten Luxus-Hotel »Mallorca«, lächelte Christian freundlich zu.

Christian konnte nicht anders als zurücklächeln. »Buenos dias«, antwortete er.

»Oh, Sie sprechen spanisch. Ich habe Sie für einen Deutschen oder für einen Engländer gehalten.«

»Für einen Engländer? Sehe ich wirklich wie ein Engländer aus?«

Normalerweise erkannte Sabine sofort, aus welchem Land ein Gast kam. Aber dieses Mal hatte sie sich offensichtlich geirrt.

»Sie könnten auch Skandinavier sein«, meinte sie.

»Ich bin Spanier.«

»Spanier? Tatsächlich? Darauf wäre ich nun wirklich nicht gekommen.«

»Meine Mutter war Deutsche. Sie stammte aus Hamburg.«

»Aus Hamburg. Ich bin auch aus Hamburg.«

»Das ist ja aufregend. Ich war als Kind öfter da und habe meine Großeltern besucht. Hamburg ist eine herrliche Stadt. Das gibt es nirgendwo sonst auf der Welt, daß eine Stadt um einen großen See herum gebaut ist.«

»Sie meinen die Außenalster.«

»Ja, die Alster. Und dann ist da noch der Hafen. Und die Elbe und der Michel mit der grünen Kuppel. Hamburg und Palma, das sind für mich die schönsten Städte der Welt.«

»Ganz Mallorca ist wunderbar.«

»Leben Sie schon lange hier?«

»Heute sind es genau drei Wochen.«

»Und es gefällt Ihnen bei uns?«

»Ich liebe die Insel über alles. Ich könnte mir sogar gut vorstellen, für immer hier zu bleiben. Das heißt, wenn es sich ergeben würde.«

»Sie meinen, wenn Sie einen Mallorquiner heiraten würden?«

»Daran habe ich noch nicht gedacht.«

»Würden Sie mich heiraten?«

Die Frage war Christian herausgerutscht. Übermut hatte ihn dazu getrieben. Außerdem hatte die Wette, die er mit Pablo abgeschlossen und verloren hatte, noch in seinem Hinterkopf herumgespukt.

Danach war er verpflichtet, die erste Frau zu heiraten, die ihm nach der Rückkehr begegnete. Das war nun einmal dieses bezaubernde Mädchen hinter dem Empfangs-Desk des »Mallorca«.

Sabine starrte Christian an, als hätte sie nicht richtig gehört. Ihre Nasenflügel zuckten. Ihr Lächeln erstarb. Ihr Gesicht bekam einen höflich-distanzierten Ausdruck.

»Sie möchten wahrscheinlich ein Zimmer mieten. Ich kann Ihnen eines im zweiten Stock geben. Zimmer 101. Von dort aus haben Sie einen wunderbaren Blick auf das Meer und auf Palma. Seien Sie bitte so freundlich und füllen Sie das Anmeldeformular aus. Würden Sie mir bitte Ihren Namen sagen?« bat sie.

»Leon. Christian Leon.«

Sie konnte ihre Verwunderung kaum verbergen. »Sie sind Christian Leon?«

»Ja.«

»Der Neffe von Señor Leon, dem Inhaber unseres Hotels?«

»Ja, der bin ich.«

»Oh.« Sabine wollte es noch immer nicht recht glauben. Man hatte ihr erzählt, daß Christian Leon seine Eltern in sehr jungen Jahren verloren hatte. Aus dem Grunde hatte Sabine ihn sich als armen hilflosen Waisenjungen vorgestellt. Er hatte ihr im voraus leid getan.

Als im »Mallorca« bekannt geworden war, daß Christian aus Deutschland zurückkommen würde, hatte sie sich vorgenommen, besonders freundlich zu ihm zu sein.

Der junge Mann, der jetzt vor ihr stand, wirkte jedoch alles anders als arm und hilflos. Es gab bestimmt auch keinen Grund, Mitleid mit ihm zu haben, denn er sah aus wie jemand, der das Leben in vollen Zügen genoß.

Sabine nahm das Anmeldeformular wieder an sich.

»Das brauchen Sie dann ja jetzt nicht mehr. Soviel ich weiß, ist die Suite im vierten Stock des Hotels für Sie hergerichtet worden, Herr Leon.«

Christian wollte gerade antworten, als er hinter sich seinen Namen rufen hörte.

Er drehte sich um und sah den Chef-Portier des »Mallorca« auf sich zukommen.

»Manolo!«

»Christian! Laß dich umarmen.« Manolo drückte Christian an sich wie ein glücklicher Vater seinen heimgekehrten Sohn. »Wie geht es dir, Christian? Alles in Ordnung?«

»Bestens, Manolo. Und wie ist es mit dir?«

»Ich kann nicht klagen. Die Kinder gedeihen, die Frau ist gesund, die Arbeit macht mir nach wie vor Spaß – was will ich mehr.«

»Manolo, ich kann dir nicht sagen, wie froh ich bin, endlich wieder zu Hause zu sein. Jetzt gehe ich nie mehr weg.«

»Bis dich wieder einmal das Fernweh packt, Christian. Aber du wirst immer wiederkommen. Weil du hierher gehörst. Wer auf Mallorca geboren wurde, der ist wie eine Pflanze, die mit starken Wurzeln an das Erdreich gebunden ist, in das sie gesetzt wurde. Der läßt sich nicht versetzen. Warst du schon bei deinem Onkel?«

»Nein, noch nicht. Ich bin gerade erst vor ein paar Minuten im Hotel angekommen.«

»Señor Leon wird sich freuen, dich zu sehen, Christian. Er braucht jemanden, der ihm zur Seite steht. Du verstehst schon, was ich damit sagen will.«

»Das heißt doch hoffentlich nicht, daß es meinem Onkel schlecht geht, Manolo.«

Der Chef-Portier wiegte den Kopf leicht hin und her. »Nein, Señor Leon ist wohlauf. Aber wir werden alle älter. Wie auch immer, Christian – jetzt bist du da, und du wirst Señor Leon eine Stütze sein.«

»Das habe ich fest vor, Manolo.«

»Was mich angeht und meine Kollegen, so kannst du auf unsere Hilfe zählen.«

»Ich weiß, Manolo.«

»Dann werde ich mich jetzt mal um meine Arbeit kümmern. Zum Glück habe ich seit drei Wochen eine charmante junge Dame zur Unterstützung bekommen.«

Christian wandte sich dem Empfangs-Chef zu. »Manolo, eben war sie doch noch da.«

»Wahrscheinlich ist Sabine in den Park gegangen, um frische Luft zu schöpfen. Sie hatte Frühdienst und ist schon seit sechs Uhr auf den Beinen. Kann ich ihr etwas von dir ausrichten, Christian?«

»Nein, vielen Dank, Manolo. Ich muß sie selbst sprechen. Das heißt, ich muß mich bei ihr entschuldigen.«

»Wieso entschuldigen?«

»Das erkläre ich dir später, Manolo.«

Christian lief über einen Innenhof in den großen Park, der das »Mallorca« umgab. Sabine heißt sie also, dachte er. Ein schöner norddeutscher Name. Sabine Hansen. Er paßt zu ihr.

Zwischen hohen Bäumen wuchsen Azaleen, Oleandersträuche, Rosen und viele andere Blumen so dicht und üppig, daß es ein einziges großes Blütenmeer war. Dazu kamen Bougainvillea, weiße, blaue und purpurfarbene, die in üppiger Pracht über weiße Mauern rankten.

Auf den sorgfältig geharkten Wegen begegnete Christian einer Reihe von Hotelgästen. Darunter waren junge Mädchen in hellen Sommerkleidern sowie ältere Damen mit Perlenketten und Männer mit Strohhüten.

Nur von Sabine war nichts zu sehen. Als Christian schon zur Hotelhalle zurückgehen wollte, sah er sie auf dem Rand eines marmornen Springbrunnens sitzen.

Er lief zu ihr.

»Darf ich mich neben Sie setzen?« fragte er.

»Warum fragen Sie, Herr Leon? Sie sind schließlich hier zu Hause.«

»Sagen Sie bitte nicht ›Herr Leon‹ zu mir.«

»So heißen Sie doch.«

»So nennt mich hier niemand, und Sie sollten es auch nicht tun. Mein Vorname ist Christian.«

Sie schwieg und senkte die Augenlider. Für einen Moment war nur das leise Plätschern des Brunnens zu hören.

Christian setzte sich neben sie. Er legte eine Hand auf die eiserne Kurbel, die über dem Brunnen angebracht war. »Sie sind böse auf mich, nicht wahr?«

Sie sah ihn an. In ihren Augen lag ein Ausdruck von Abwehr und Trotz. »Warum sollte ich Ihnen böse sein?«

»Wegen dieser Geschichte mit dem Heiratsantrag.«

»Es war sehr dumm, so etwas zu sagen.«

»Dumm und ungehörig.«

»Stellen Sie öfter solche Fragen?«

»Ich habe noch nie ein Mädchen oder eine Frau gebeten, mich zu heiraten. Ehrlich gesagt, ich habe bis heute morgen noch nie ernsthaft ans Heiraten gedacht.«

»Und wie kommen Sie dann plötzlich darauf?«

»Es tut mir leid. Ich bin Ihnen nachgegangen, um mich bei Ihnen zu entschuldigen.«

Sabine wurde unschlüssig. Die Stimme des jungen Mannes hatte auf einmal einen ernsthaften Klang. Das war nicht mehr die flapsige Art eines verwöhnten Yuppies. Sie fragte sich, ob sie zu streng war. Vielleicht lag es an der preußischen Erziehung, die sie genossen hatte.

»Also gut«, meinte sie, »lassen Sie uns dann jetzt nicht mehr über die Sache sprechen.«

»Würden Sie als Zeichen, daß Sie mir verziehen haben, heute abend mit mir essen gehen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Heute abend geht das nicht.«

»Sind Sie verabredet?«

»Ich habe Dienst.«

Sie stützte sich mit den Händen auf dem Brunnenrand ab und lehnte den Kopf etwas zurück. Die Sonne, die zwischen den Zweigen einer Zypresse hindurchschien, ließ ihr Haar wie Gold aufleuchten. Es war jener zarte Goldton, der fast ins Weiße geht.

Auf ihrem feinen Gesicht lag ein seltsam geheimnisvolles Lächeln. Ihre Haut war nur ganz leicht gebräunt. Unter ihrem weißen Leinenkleid zeichneten sich im hellen Licht die Konturen ihres grazilen Körpers ab.

Christian konnte keinen Blick von ihr wenden. Hinter dem Empfangs-Desk der Hotelhalle war es ihm nicht aufgefallen. Aber hier im Park bei dem alten Brunnen, im Spiel von Licht und Schatten, da erkannte er es.

Sabine war seine Genoveva, die Heldin der Ritterromane, die er als Junge verschlungen hatte. Genoveva mit dem langen blonden Haar, das ihr bis auf den Rücken reichte. Mit der Haut von der Farbe von Milchkaffee – er erinnerte sich plötzlich, das in einem Roman gelesen zu haben – und den Augen wie helle Sterne.

Die glänzendsten Ritter Europas hatten Genoveva zu Füßen gelegen. Er, Christian, war ihr glühendster Verehrer gewesen. Sie hatte ihn jahrelang begleitet wie ein unsichtbarer guter Engel oder ein schöner Traum. Aus Angst, man könnte ihn auslachen, hatte Christian mit keinem Menschen über sie zu sprechen gewagt.

Manchmal war er durch das Hotel oder die Straßen gegangen und hatte nach ihr Ausschau gehalten. Aber sie war ihm nie begegnet. Schließlich hatte er sich damit abgefunden, daß sie ein Traum bleiben würde.

Als er Sabine jetzt vor sich sitzen sah, wußte er, daß es sie doch gab. Nicht nur im Traum, sondern in der Wirklichkeit. Sie sah ihn mit großen blauen Augen an, mit Augen wie Sterne. Und das Haar war wie Gold, die Haut wie Milchkaffee.

»Würden Sie mir einen Gefallen tun?« fragte er.

»Das weiß ich noch nicht.«

»Würden Sie die Spange lösen?«

»Meine Haarspange?«

»Ja. Sie sollten Ihr Haar offen tragen.«

»Jetzt versuchen Sie schon wieder, mich verlegen zu machen.«

»Das ist wirklich nicht meine Absicht.«

Sabine sprang vom Brunnenrand.

»Dann sagen Sie auch nicht immer so etwas Dummes.«

»Gehen Sie noch nicht weg. Ich bitte Sie sehr, bleiben Sie noch ein wenig hier bei mir sitzen und unterhalten Sie sich mit mir.«

Sie sah ihn kühl an. »Sie vergessen, daß ich die Angestellte Ihres Onkels bin. Das heißt, ich habe einen Arbeitsvertrag unterschrieben, der mich verpflichtet, daß ich mich um die Hotelgäste kümmere.«

»Einen Arbeitsvertrag. Welch ein scheußliches Wort.«

»Lieber Herr Leon, erlauben Sie mir jetzt auch einmal eine Frage?«

»Jede. Aber nennen Sie mich bitte nicht mehr Herr Leon. Auch nicht lieber Herr Leon. Was wollten Sie mich fragen?«

»Ob Sie in einem Luftschloß leben.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Ich habe den Eindruck. Weil das Wort Arbeitsvertrag für Sie eine Art Fremdwort zu sein scheint.«

Bevor Christian eine Antwort geben konnte, kam eine ältere Dame mit einem kleinen Hündchen auf sie zu.

»Frau Hansen«, sagte sie zu Sabine, »ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir eine dieser wundervollen lachsfarbenen Orchideen auf mein Zimmer bringen lassen würden.«

»Sehr gerne, Marquise«, antwortete Sabine mit höflichem Lächeln.

»Sie wissen, welche Orchideen ich meine?«

»Die am Parktor wachsen?«

»Nein, ich meine die Orchideen beim Marstall. Soll ich Sie Ihnen zeigen?«

»Das wäre sehr freundlich.« Sabine wandte sich an Christian. »Entschuldigen Sie mich bitte.«

»Wir sehen uns später, nicht wahr?«

»Das wird sich nicht umgehen lassen.«

Christian sah ihr nach, wie sie mit der alten Dame und dem Hündchen hinter einer Rosenhecke verschwand. Am liebsten wäre er ihr nachgegangen, um ihr zu sagen… was zu sagen?

Daß er sich verliebt hatte?

*

Das »Hotel Mallorca« war von der Strand-Promenade aus nicht auf den ersten Blick zu sehen. Korkeichen, Zedern, Magnolien, japanische Kirschen und viele andere Bäume, viele von ihnen blühend, verdeckten die Fassade.

Sie war schmal. Die wenigen Fenster zu beiden Seiten des prunkvollen Eingangs ließen nicht vermuten, wie groß das Luxus-Hotel war. Es erstreckte sich weit in den prachtvollen Park hinein.

Gebaut worden war das »Mallorca« als Palast für einen Grafen. Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war es ein Hotel geworden. Fürsten und gekrönte Häupter mitsamt ihrem Hofstaat, Vertreter des internationalen Geldadels, berühmte Künstler, Politiker und viele andere einflußreiche Persönlichkeiten hatten im »Hotel Mallorca« Ferien gemacht.

Im Laufe seiner langen Geschichte hatte das alt­ehrwürdige Bauwerk des öfteren den Besitzer gewechselt. Jeder hatte nach seinem Geschmack etwas um- oder anbauen lassen. Alles zusammen ergab jedoch ein harmonisches Ganzes.

Der augenblickliche Besitzer war Juan Leon, Abkömmling jenes Mallorquiner Geschlechts, das den Löwen im Wappen führte. Er hatte das Hotel von einer Schwester seiner Mutter geerbt, einer Marquesa de Palma, deren Stolz und Hochmut sprichwörtlich gewesen waren. Hochmut war Juan Leon absolut fremd. Stolz war dagegen auch ihm eigen. Er wurde aber bei ihm gemildert durch ein warmes, mitfühlendes Herz.

Wie alle Leons war er jedoch zu Wutanfällen imstande. Wenn es einmal dazu kam – was nur äußerst selten der Fall war – dann brach der Zorn wie ein Naturereignis herein, das sich nicht steuern läßt.

An diesem Morgen schien die Sonne auf einen ungeduldigen Juan Leon. Er stand auf der großen Terrasse seiner Suite im vierten Stockwerk des »Mal­lorca«. Alle paar Minuten sah er auf seine goldene Armbanduhr.

Es war schon bald zehn. Nach seinen Berechnungen hätte sein Neffe längst da sein müssen. Juan Leon beschlich Angst. Er fragte sich, ob Christian auf der Reise von Deutschland nach Mallorca ein Unglück zugestoßen sein könnte.

Bei dem Gedanken merkte er, wie sein Herz stockte. Es war nicht das erste Mal, daß sein Herz streikte, wenn er sich aufregte. Und er regte sich auf. War Christian doch der Mensch, der ihm am nächsten stand.

Er liebte diesen zärtlichen, eigenwilligen, freigiebigen, klugen und hochbegabten Jungen über alle Maßen. Er liebte in diesem Neffen das Leben. Dieses wunderschöne, berauschende und sich ewig erneuernde Leben.

Juan Leon neigte sich über die steinerne Brüstung der Terrasse seiner Suite. Vom Marstall her hörte er das laute Wiehern eines Pferdes. Ob das Kleopatra ist, die diesen Lärm vollführt, ging es ihm durch den Kopf.

Er besaß zwei Pferde, Cäsar und Kleopatra. Beide zählten über fünfzehn Jahre. Er ritt seit langem nicht mehr mit ihnen aus. Sie dienten ihm nur noch für die nachmittäglichen Ausfahrten mit dem Coupé.

Ich warte noch bis elf Uhr, nahm sich Juan Leon vor. Wenn Christian bis dahin nicht gekommen ist, rufe ich den Präfekten von Palma an und frage ihn, ob er etwas von einem Unfall erfahren hat.

»Guten Morgen«, hörte er in diesem Moment eine jugendliche männliche Stimme rufen. Christian, fuhr es ihm durch den Kopf.

Er eilte auf die andere Seite der Terrasse und sah in den Park hinunter. Er war es. Es war Christian. Endlich war er da. Er kam mit seinem schnellen, beschwingten und zugleich energischen Schritt aus dem Park und winkte dem Pferdepfleger zu.

Gleich darauf hob er den Kopf und sah zu seinem Onkel auf. Über sein Gesicht ging ein strahlendes Lächeln. »Grüß dich, Onkel Juan«, rief er.

Juan Leon merkte, wie sich der Druck auf seiner Brust löste. Er konnte auf einmal wieder frei durchatmen.

»Ich komme«, rief Christian.

»Ja, komm, komm«, antwortete Juan Leon mit leiser Stimme. Er verließ die Terrasse, schob einen reichbestickten Vorhang beiseite und trat in den Salon, wie er das große Wohnzimmer in seiner Suite bezeichnete.

Ein ovaler Spiegel mit Goldrahmen warf sein Bild zurück. Seine ganze Erscheinung drückte aus, daß er es gewohnt war zu herrschen.

Er war fast ein Meter neunzig groß und besaß eine imposante Statur. Das Haar und der gepflegte Backenbart waren fast so weiß wie die Weste, die er zu einem eleganten hellgrauen Anzug trug.

Kurz darauf wurde stürmisch die Tür geöffnet. Christian eilte auf seinen Onkel zu. Er umarmte ihn bewegt. »Sag nicht, daß ich spät bin, Onkel Juan«, bat er.

»Du bist sehr spät, Christian. Die Autofähre von Barcelona nach Palma ist um sechs Uhr in der Frühe angekommen. Jetzt ist es elf, mein Sohn.«

»Mein Sohn«, so nannte er Christian, wenn die Zärtlichkeit ihn übermannte. Die Anrede zeigte Christian, daß er nichts zu befürchten hatte.

»Ich bin nach der Ankunft zuerst zu den Leon-Felsen gefahren, Onkel Juan«, erklärte er.

»Allein?«

»Nein, mit Pablo.«

Zwischen Juan Leons buschigen Augenbrauen bildete sich eine steile Falte. »Und was wolltet ihr bei den Leon-Felsen, Christian?«

»Ach, das ist eine dumme Geschichte, Onkel Juan.«

»Erzähl sie mir.«

Christian überlegte, ob er dem Onkel die Wahrheit berichten oder schnell eine Lüge erfinden sollte. Da er nichts so sehr haßte wie Lügen, blieb ihm nur die Wahrheit. »Pablo und ich hatten eine Wette abgeschlossen. Es handelte sich um eine Mutprobe.«

Die Falte zwischen Juan Leons Augenbrauen vertiefte sich. »Eine Mutprobe? Hast du es nötig, deinen Mut unter Beweis zu stellen?«

»Wie schon gesagt, es ist eine dumme Geschichte. Und zwar ging es darum, von den Leon-Felsen ins Meer zu springen.«

Juan Leon wurde blaß. »Das heißt, den Tod herauszufordern.«

»Ja. Aber das wurde mir erst klar, als ich bei den Felsen stand.«

»Du bist also nicht gesprungen?«

»Nein. Ich habe auch versucht, Pablo davon abzuhalten. Er lachte mich aus.«

»Und sprang.«

»Und sprang.«

»Und? Was ist dann passiert? Wo ist er jetzt?«

»Bei seiner Familie.«

»Er blieb also unverletzt?«

»Ja, Onkel Juan.«

Juan Leon wandte sich zur Seite. »So sind sie, diese Leute. Draufgängerisch, dumm und auch gewalttätig.«

»Sprichst du von Pablo, Onkel Juan?«

»Ich spreche von der Familie, aus der er stammt. Ich hätte dir niemals den Umgang mit einem ihrer Söhne erlauben dürfen. Aber damals konnte ich noch nicht wissen, zu was sie fähig sind.«

»Ich verstehe nicht, was du meinst, Onkel Juan.«

»Der Vater deines Freundes ist das, was man in seinen Kreisen einen ›ehrenwerten Mann‹ nennt. Das besagt, daß er vor nichts zurückschreckt.«

»Bist du ganz sicher, Onkel Juan?«

»Meine Informationen schließen jeden Zweifel aus. Die Familie deines sogenannten Freundes ge­hört einer mafiaähnlichen Organisation an.«

»Onkel Juan, ich habe noch nie etwas von einer Mafia auf Mallorca gehört.«

»Es ist nicht der Name, Christian. Es sind die Praktiken, die diese Leute anwenden.«

»Onkel Juan, ich traue Pablo einiges zu, aber das nicht.«

»Es ist ja sehr gut möglich, daß Pablo bisher noch nicht von seiner Familie eingeweiht wurde. Daß man ihm eine gewisse Schonzeit gelassen hat. Aber warte es ab, wie sich die Dinge in Zukunft entwickeln.«

»Pablo hat niemals mit mir über seine Familie gesprochen. Allerdings habe ich ihn auch nie danach gefragt. Seinen Vater kenne ich nur vom Sehen.«

»Der Vater deines Freundes war Küchenjunge im »Mallorca«.

»In unserem Hotel? Warum hast du mir nie etwas davon erzählt, Onkel Juan?«

»Ich wollte dich nicht beeinflussen. Außerdem ist es nicht wichtig, wo jemand seinen Lebensweg beginnt. Wenn er nur einen anständigen Charakter mitbringt. Davon konnte in diesem Fall keine Rede sein.«

»Hat Pablos Vater sich etwas zuschulden kommen lassen?«

»Er war ein Dieb. Außerdem hatte er eine Köchin belästigt. Ich kam dazu, als es passierte. Ich war damals noch jung und konnte mich nicht beherrschen. In meinem Zorn gab ich ihm eine Ohrfeige.«

»Du hast Pablos Vater geschlagen, Onkel Juan?«

»Ja. Danach habe ich ihn rausgeworfen. Vielleicht hätte ich dir doch davon erzählen sollen, Christian. Aber ich dachte, der Sohn ist anders als der Vater. Zumal er eine gute Erziehung genoß.«

Christian fragte sich, ob Pablo davon wußte, daß sein Vater als Küchenjunge im »Mallorca« angefangen hatte.

»Das Gefährliche ist die Maßlosigkeit dieser Leute«, fuhr Juan Leon fort. »Der ehemalige Küchenjunge hatte nichts. Jetzt ist er reich. Aber das genügt ihm nicht. Er will ganz Mallorca für sich haben.«

»Das dürfte ihm kaum gelingen, Onkel Juan.«

»Er wird es versuchen, Christian. Mit allen Mitteln und aller Rücksichtslosigkeit, zu der er fähig ist.«

Christian schluckte.

Juan Leon legte ihm eine Hand auf den Arm. »Laß dich nicht länger mit diesen Leuten ein, Christian. Sie handeln nach anderen Gesetzen als wir. Sie verwechseln, wie du heute morgen selbst erfahren hast, Mut mit Dummheit. Anstand ist in ihren Augen Schwäche.«

Sein Onkel gab ihm einen leichten freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. »Du weißt jetzt also, was du zu tun hast, Christian.«

»Ja, Onkel Juan.«

Christian dachte an das Geld, das Pablo ihm in der Spielbank geliehen hatte. Einen Augenblick lang war er versucht, seinem Onkel die Tat zu beichten. Scham hielt ihn von dem Geständnis ab.

Juan Leon nickte. »Dann laß uns jetzt von erfreulicheren Dingen sprechen. Setz dich doch bitte, Christian. Ich bestelle uns Kaffee, und du erzählst mir von Deutschland und deinen Studien dort.«

*

Juan Leon zog an einer altmodischen Klingelschnur. Gleich darauf trat ein vierzigjähriger Mann mit rötlichem Haar ein. Es war Juan Leons altgedienter deutscher Kammerdiener, dessen einzige Aufgabe es war, die Wünsche des Hotelbesitzers zu erfüllen.

»Hans, bringen Sie uns doch bitte Kaffee und etwas Gebäck«, bat Juan Leon.

Der Kammerdiener neigte den Kopf. »Sehr wohl, Herr Leon«, antwortete er und verließ das Zimmer.

Christian mußte unwillkürlich lächeln. »Ich glaube, du bist der einzige Mensch auf Mallorca, der einen Kammerdiener hat, Onkel Juan.«

»Ich weiß, ich passe nicht mehr so recht in die moderne Zeit. Aber ich bin zu alt geworden, um mich jetzt noch umstellen zu können, Christian.«

»Nein, du bist nicht alt, Onkel Juan.« Sein Onkel hielt sich so gerade wie immer. Noch immer strahlte er Kraft und Energie aus. Dennoch bemerkte Christian an seinem Onkel eine Veränderung, die er aber nicht in Worte fassen konnte, weil sie unsichtbar war.

Christian empfand plötzlich eine wilde Liebe für diesen Mann, der ihn zu sich genommen und erzogen hatte. Dem er trotz des frühen Todes der Eltern eine glückliche Kindheit und Jugend zu verdanken hatte.

»Nun, erzähl, Christian. Fang an. Du hast also die Prüfung an der Hotelfachschule abgelegt.«

»Ja, und bestanden, Onkel Juan.«

»Mit Auszeichnung, nehme ich an.«

Christian nickte. »Ja.«

»Das habe ich von dir auch nicht anders erwartet, Christian.«

Der Kammerdiener erschien. Er schob einen kleinen Wagen mit Kaffee und Gebäck ins Zimmer und zog sich gleich darauf so geräuschlos wie möglich zurück. Christian übernahm es, Kaffee einzuschenken.

Juan Leon beobachtete ihn mit Stolz. »Auf diesen Morgen habe ich seit Jahren gewartet, Christian. Denn jetzt bin ich ein freier Mann.«

Christian mußte lachen. »Ein freier Mann? Warst du das denn nicht immer, Onkel Juan?«

»O ja, wir Leones sind sehr freiheitsliebend. Und doch habe ich mich oft wie gefesselt gefühlt. Das ›Mallorca‹ war meine Fessel.«

»Aber du liebst doch das ›Mallorca‹, Onkel Juan.«

»Nicht so sehr wie die Dichtung, wie die Musik, ja, und wie die Astronomie. Die liebe ich am meisten.«

Juan Leon zog den Vorhang ein wenig beiseite. »Siehst du das neue Fernrohr auf der Terrasse? Damit beobachte ich die Sterne. Jeden Tag entdecke ich neue. Es wird zur Leidenschaft. Wenn mir noch die Zeit bleibt, werde ich mir eine Sternwarte einrichten.«

Christian erhob sich und ging mit der Kaffeetasse in der Hand ans Fenster. Dort lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Fensterbank.

»Eines Tages wirst du meine Leidenschaft für das Universum, für die Unendlichkeit verstehen, Christian. Noch bist du jung und lebst ganz auf der Erde«, fuhr sein Onkel fort.

»Du willst dich also wirklich ins Privatleben zurückziehen, Onkel Juan?«

»Ja, das will ich. Und zwar ruhigen Herzens. Denn ich weiß, daß das ›Mallorca‹ bei dir in guten Händen ist. Du bist der erste Mensch, dem ich es gestehe – ich war nie mit Leib und Seele Hotelier. Aber du bist es. Zum Hotelier wird man geboren. Man wird es nicht, weil man eines Tages – wie es mir geschehen ist – ein Hotel erbt. Auch nicht, weil man einen Beruf ausüben möchte. Hotelier wird man, weil man dazu geboren ist.«

Christian war erschrocken. »Das kommt so plötzlich. Ich habe nicht einmal im Traum damit gerechnet, so schnell eine so große Verantwortung zu übernehmen, Onkel Juan.«

»Du wirst es schaffen, Christian. Ich weiß es. In dir ist die Kraft und die Energie der Leones.«

»Du hast selbst gesagt, daß ich noch sehr jung bin.«

»Fünfundzwanzig, Christian.«

»Die meisten Angestellten kannten mich als kleinen Jungen. Wie sollen sie mich als Chef anerkennen?«

»Du bist ein Leon, Christian. Als ein Leon wirst du immer so handeln, daß die Menschen dich respektieren müssen. Wenn du tatsächlich einmal zweifelst, dann frage dein Gewissen. Vor allen Dingen das Gewissen, Christian.«

Christian schluckte. »Ja, Onkel Juan.«

»Du wirst immer an meine Worte denken?«

»Ja, Onkel Juan, ich werde sie niemals vergessen.«

»Ich weiß, daß du mich nicht enttäuschen wirst.«

Die Zuversicht seines Onkels übertrug sich auf Christian. Wenn sein Onkel an ihn glaubte, dann wollte er es auch tun. Ja, er würde es schaffen.

»Ich werde mein Bestes geben, Onkel Juan. Du sollst stolz auf mich sein – und auf das ›Mallorca‹«, sagte er.

In Christians Stimme schwang jetzt soviel jungendliches Feuer mit, daß Juan Leon ihn noch einmal bewegt in die Arme schloß. »Ich war immer stolz auf dich, Christian. Du hast mir immer nur Freude bereitet, mein Sohn.«

Er trat einen Schritt zurück. »Wir sollten ein großes Fest feiern, ein Freudenfest. Dabei werde ich dann offiziell meinen Abschied bekanntgeben und dich zu meinem Nachfolger ernennen. Ganz Mallorca soll von dem Fest sprechen. Arrangierst du das, Christian?«

»Mit dem größten Vergnügen, Onkel Juan.«

»Sabine Hansen wird dir helfen.«

»Sabine Hansen.«

»Die neue Empfangs-Sekretärin. Sie ist nicht nur ein ganz bezauberndes Geschöpf, sondern auch ein sehr tatkräftiger Mensch. Sie versteht es, jedem Hotelgast das Gefühl zu geben, besonders bevorzugt zu sein.«

»O ja, sie ist wundervoll, Onkel Juan.«

»Ah, du hast sie also schon kennengelernt.«

»Ja, Onkel Juan.«

Sein Onkel faßte ihn schärfer ins Auge. Um seine Lippen bildete sich dabei ein kaum merkliches Lächeln. Er strich sich über den weißen Backenbart. Die beiden wären ein ideales Paar, dachte er. Warum kommt mir das erst jetzt in den Sinn.

Christian stellte die Kaffeetasse zurück auf den Wagen. »Ich werde jetzt erst mal meine Koffer auspacken, Onkel Juan.«

»Tu das, mein Sohn. Ich habe deine Stuite herrichten lassen.«

»Vielen Dank, Onkel Juan.« Christian ging zur Tür.

Als er dort angelangt war, rief Juan Leon: »Christian.«

»Ja, Onkel Juan?«

»Hast du eigentlich schon einmal daran gedacht zu heiraten?«

»Ja, heute morgen, Onkel Juan.«

»Aha. Wenn du mich fragst, so hast du für einen Mann das beste Alter zum Heiraten.«

Christian lächelte. »Ich bin ganz deiner Meinung, Onkel Juan.«

Nachdem Christian die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ sich Juan Leon auf einen Sessel sinken. Sein Herz begann wieder zu rasen.

Er atmete schwer. Auf der Terrasse stand sein neues Fernrohr. Das Messing blitzte wie reines Gold. Er wollte sich die Sterne damit vom Himmel holen.

Seltsam, dachte er, wie komme ich nur auf diesen Satz. Die Sterne vom Himmel holen. Aber das war es, was ich im Grunde immer gewollt habe. Und ich werde es tun. Denn noch hat der Tod seinen Hut nicht vor mir gezogen. Und er soll es auch noch lange nicht tun. Sein Blick fiel auf die Kaffeetasse. »Es liegt nur am Kaffee. Ich vertrag keinen Kaffee mehr. In meinem Alter sollte man zu Tee übergehen. Aber das wird mir schwerfallen. Wo ich doch mein Leben lang so gern starken Kaffee getrunken habe.«

Sein Herz beruhigte sich wieder etwas. Na also. Es war nur der Kaffee, dachte Juan Leon.

*

Da stand Sabine nun in der luxuriösen Halle des »Mallorca« hinter dem Empfangs-Desk und mußte immerzu an ihn denken. Obwohl sie es nicht wollte.

Sie, Sabine Hansen, die sich immer wieder sagte, daß er ein ganz unmöglicher Mensch sei, verzogen und verwöhnt und sehr von sich selbst überzeugt und überhaupt eben unmöglich.

Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu ihm zurück. Aber war das ihre Schuld? Konnte sie denn überhaupt anders? Sie wurde ja ständig an ihn erinnert. Jeder Angestellte des »Mallorca« sprach doch fast nur noch von ihm.

Wie schön er sei, wie charmant, geradezu hinreißend. So ganz und gar ungezwungen und immer heiter. Elegant natürlich auch. Und ach, so klug.

Schon als Kind sei er der Liebling von allen gewesen, erfuhr Sabine.

Während die Lobeshymnen gesungen wurden, hatte Sabine alle Hände voll zu tun. Denn im »Mallorca« war Hochsaison. Ständig reisten Gäste ab und neue kamen. Manolo war zwar auch noch da. Er hatte sich jedoch einen Fuß verstaucht und hielt sich so weit wie möglich im Hintergrund.

Die Gäste waren vom Alter, Aussehen und Charakter her so verschieden, wie Menschen nun einmal sind. Was sie verband, war die Liebe zum »Mallorca«. Viele trugen berühmte Namen.

Es kam der Großindustrielle Rockemoller, ein Amerikaner, der sich wie ein Cowboy kleidete. Prinzessin Olga, eine Bulgarin aus königlichem Geblüt, brachte gleich zwei Gesellschafterinnen mit. Begleiter des skandalumwitterten, von Millionen junger Leute angebeteten Rockidols Mick Randolph waren drei Windhunde und deren Betreuer, ein älterer Mann.

Abends erschien Christian bei Sabine am Empfang. Ob sie ein wenig Zeit für ihn hätte.

»Geht es um etwas Dienstliches?« erkundigte sie sich.

»Ich wollte Sie eigentlich nur um einen Gefallen bitten. Das heißt, mein Onkel hat mich beauftragt, Sie um einen Gefallen zu bitten.«

»Wenn Ihr Onkel mich darum gebeten hat…«

»Wir wollen ein großes Fest feiern. Nicht nur für Hotelgäste, sondern auch für Freunde und Bekannte. Mein Onkel meinte, Sie könnten mir helfen, daß Fest zu arrangieren.«

»Das tu ich sehr gern. Muß es gleich heute sein?«

»Haben Sie denn heute schon etwas vor?«

»Ja, ich habe um sechs Uhr eine Verabredung.«

»Das heißt in zwei Minuten.«

»Lassen Sie uns bitte morgen über das Fest sprechen. Aber grundsätzlich stehe ich Ihnen natürlich zur Verfügung.« Sabine warf sich eine Leinenjacke um die Schultern.

»Ich weiß, es geht mich nichts an – aber Sie treffen sich mit einem Mann, nicht wahr?« fragte Christian.

»Sie haben ganz recht – es geht Sie nichts an.«

»Erlauben Sie mir noch eine Frage.«

»Nein. Ich habe es jetzt wirklich sehr eilig.« Sabine winkte Manolo kurz zu. Dann verließ sie mit beschwingtem Schritt die Hotelhalle.

Am nächsten Tag merkte Sabine, daß ihre abweisende Haltung Früchte trug, denn Christian ließ sich nicht ein einziges Mal sehen.

Auch während der nächsten Tage bekam Sabine ihn nur selten zu Gesicht. Er sprach sie auch nicht mehr auf das Fest an. Es hieß, er arbeite. Er sitze im Arbeitszimmer seines Onkels und habe einen Berg voller Akten vor sich.

Sabine glaubte es nicht. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß Christian einer ernsthaften Tätigkeit nachging.