House of Secrets. Der Fluch des Denver Kristoff - Chris Columbus - E-Book

House of Secrets. Der Fluch des Denver Kristoff E-Book

Chris Columbus

4,4
9,99 €

Beschreibung

Als die Geschwister Eleanor, Brendan und Cordelia Walker erkennen, in was für ein großartiges und zugleich gruseliges Haus sie gezogen sind, ist es bereits zu spät: Die alte Nachbarin hat sie in einen fiesen Plan verwickelt. Ihre Eltern sind spurlos verschwunden, stattdessen streunen blutrünstige Krieger durch dschungelartige Wälder und übermenschliche Piraten bevölkern die Meere. Was haben die fantastischen Romane des ehemaligen Hausbesitzers und Autors Denver Kristoff damit zu tun und warum hat er die Familie Walker in sein dunkles Spiel verstrickt? Schnell merken die drei, dass nicht nur sie, sondern die ganze Welt in großer Gefahr schwebt. 

house-of-secrets.de

Das Buchereignis des Jahres aus der Feder von Multitalent Chris Columbus (Regisseur von "Harry Potter" und "Percy Jackson", Drehbuchautor von "Gremlins. Kleine Monster") und Kultautor Ned Vizzini ("Eine echt verrückte Story")!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 509

Bewertungen
4,4 (58 Bewertungen)
35
13
10
0
0



Chris Columbus, Ned Vizzini

House of Secrets

Der Fluch des Denver Kristoff

Aus dem amerikanischen Englischvon Anke Knefel

Chris Columbus’ Werke zählen zu den erfolgreichsten Kinohits der letzten Jahre.Als Drehbuchautor hat er sich unter anderem mit»Gremlins – Kleine Monster« einen Namen gemacht,als Regisseur hat er »Mrs. Doubtfire«, die ersten beidenHarry-Potter-Filme sowie »Percy Jackson – Diebe im Olymp«zum Erfolg geführt. Schließlich hat er als Produzent an einerweiteren Harry-Potter-Verfilmung mitgewirkt und Kinohits wie»Nachts im Museum 1 + 2« ermöglicht.Er lebt zusammen mit seiner Familie in Kalifornien.Ned Vizziniist ein vielgepriesener Jugendbuchautor. Sein Roman»Eine echt verrückte Story« wurde erfolgreich verfilmt.Er hat sowohl für die »New York Times« als auch für Fernsehsenderwie MTV und ABC geschrieben. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Mehr zum Autor auf www.nedvizzini.com.

Für Monica, deren Liebe zu Büchern und zum Lesen

die Inspiration für dieses Abenteuer war.

C. C.

Für meinen Sohn Felix. Ich bin sicher,

es wird ihm eines Tages sehr gefallen.

N. V.

Die Originalausgabe erschien erstmals 2013 unter dem Titel

House of Secrets bei Balzer + Bray,

einem Imprint von HarperCollins Publishers, New York.

Text copyright © 2013 by Novel Approach, LLC.

1. Auflage 2013

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2013 Arena Verlag GmbH, Würzburg

Alle Rechte vorbehalten

Aus dem amerikanischen Englisch von Anke Knefel

Cover: Frauke Schneider unter Verwendung

einer Illustration von © Greg Call

Gesamtherstellung: Westermann Druck Zwickau GmbH

ISBN 978-3-401-80178-0

www.house-of-secrets.de

www.arena-verlag.de

Mitreden unterforum.arena-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

Epilog

1

Wetten, dieses Haus ist wieder die reinste Bruchbude?, dachte Brendan Walker. Allein schon der aufgesetzte Gute-Laune-Ton, mit dem die Maklerin auf seine Mutter einschwatzte, war verdächtig.

»Glauben Sie mir, Mrs Walker, dieses Haus ist wirklich etwas ganz Besonderes«, flötete Diane Dobson aus dem Lautsprecher. »Geradezu perfekt für eine Familie mit gehobenen Ansprüchen. Und außerdem ein preislich einmaliges, überaus interessantes Angebot.«

»Wo steht denn diese Luxusvilla?«, fragte Brendan dazwischen, bevor er sich wieder auf Uncharted, sein derzeitiges Lieblingsspiel auf der PSP, konzentrierte. Der Zwölfjährige hockte hinten im Wagen neben seiner älteren Schwester Cordelia. Er steckte wie immer in seinem Lieblings-Lacrosse-Trikot voller Grasflecken, zerrissenen Jeans und ausgetretenen High-Top-Sneakers.

»Entschuldigung, wer spricht da bitte?«, fragte Diane über die Freisprechanlage des iPhones, das in der Halterung am Armaturenbrett klemmte.

»Das ist Brendan, unser Sohn«, erklärte Dr. Walker. »Ich habe auf Lautsprecher geschaltet.«

»Oh, ich habe die ganze Familie Walker am Telefon, wie reizend! Um auf deine Frage zurückzukommen, Brendan« – Diane betonte seinen Namen, als verdiene sie ein Extrahonorar, weil sie ihn sich gemerkt hatte – »das Haus liegt in der Sea Cliff Avenue Nummer hundertachtundzwanzig, umgeben von prächtigen Villen, deren Besitzer allesamt zur Prominenz von San Francisco gehören.«

»Sie meinen Spieler der Forty-Niners und Giants?«, fragte Brendan aufgeregt.

»Ich meine eher Geschäftsführer und Bankdirektoren«, berichtigte Diane.

»Lauter Langweiler!«

»Bren!«, mahnte Mrs Walker.

»Ich bin sicher, du wirst deine Meinung ändern, wenn du das Haus erst einmal gesehen hast«, sagte Diane. »Es ist ein wahres Schmuckstück mit einem sehr ursprünglichen, rustikalen Charme –«

»Wow, was bitte?«, unterbrach Cordelia die Maklerin. »Können Sie das noch mal wiederholen?«

»Und mit wem habe ich jetzt das Vergnügen?«, fragte Diane leicht irritiert.

Habe ich das Vergnügen? Echt jetzt?, dachte Cordelia – obwohl sie zugeben musste, dass sie solche Formulierungen in ihren intellektuellen Momenten selbst gern benutzte.

»Das ist unsere Tochter Cordelia«, schaltete Mrs Walker sich ein. »Unsere Älteste.«

»Cordelia, was für ein hübscher Name!«

Bla, bla, bla, dachte Cordelia, verkniff sich jedoch eine unhöfliche Bemerkung, denn als Älteste wusste sie sich natürlich besser zu benehmen als ihr Bruder. Sie war ein hochgewachsenes, schlankes Mädchen mit feinen Gesichtszügen, die sie hinter dunkelblonden Ponyfransen versteckte. »Wir suchen jetzt schon seit einem Monat nach einem neuen Haus, Diane, und ich habe herausgefunden, dass Makler in einer Art ›codierter Sprache‹ sprechen.«

»Ich bin sicher, dass ich nicht weiß, was du meinst.«

»Entschuldigen Sie, aber was heißt das, ›Ich bin sicher, dass ich nicht weiß‹?«, meldete sich jetzt auch die achtjährige Eleanor zu Wort. Sie hatte aufgeweckte Augen, eine kleine, spitze Nase und langes lockiges Haar von der gleichen Farbe wie ihre Schwester, nur dass in ihrem häufig Harz klebte oder vertrocknetes Laub hing, wenn sie von einem ihrer Streifzüge zurückkam. Obwohl sonst ein eher stilles Mädchen, hatte sie die Angewohnheit, genau dann bohrende Fragen zu stellen, wenn man am wenigsten damit rechnete. Das liebten Brendan und Cordelia ganz besonders an ihrer kleinen Schwester. »Wie können Sie sicher sein, wenn Sie es nicht wissen?«

Cordelia warf Eleanor einen anerkennenden Blick zu und fuhr fort: »Wenn Makler von ›Charme‹ sprechen, bedeutet es in der Regel ›klein und verbaut‹. Wenn sie ›rustikal‹ sagen, meinen sie ›abgelegen, mitten im Wald‹. ›Ursprünglich‹ heißt, dass es vor Ungeziefer nur so wimmelt … und ›Schmuckstück‹ bedeutet … keine Ahnung, vielleicht ›eine windschiefe Bruchbude‹.«

»Deli, kannst du nicht mal die Luft anhalten?«, knurrte Brendan, ohne den Blick von seiner PSP zu lösen. Insgeheim ärgerte er sich schwarz darüber, dass ihm so etwas Schlaues niemals selbst eingefallen wäre.

Cordelia verdrehte nur genervt die Augen und redete weiter. »Diane, haben Sie etwa vor, meiner Familie eine kleine, abgelegene Bruchbude voller Ungeziefer zu präsentieren?«

Sie hörten Diane am anderen Ende der Leitung leise aufstöhnen. »Wie alt ist sie?«

»Fünfzehn«, antworteten Mr und Mrs Walker im Chor.

»Sie klingt wie fünfunddreißig.«

»Warum?«, wollte Cordelia wissen. »Nur, weil ich ein paar sachbezogene Fragen stelle?«

Brendan beugte sich von der Rückbank aus zum Telefon vor und drückte das Gespräch weg.

»Brendan!«, kreischte Mrs Walker.

»Die Besichtigung können wir uns schenken, das wird wieder nur peinlich.«

»Aber Miss Dobson wollte uns doch gerade noch mehr über das Haus erzählen!«

»Ist doch klar, wie es aussehen wird. Wie jedes andere Haus, das wir uns leisten können: total abgewrackt.«

»Das glaube ich auch«, sagte Cordelia. »Und ihr wisst, wie ungern ich Brendan zustimme.«

»Du stimmst mir doch gerne zu, Schwesterherz«, brummelte Brendan. »Dann weißt du nämlich, dass du recht hast.«

Als Cordelia lachte, musste er gegen seinen Willen auch grinsen. »Guter Spruch, Bren«, sagte Eleanor und wuschelte ihrem Bruder durch die ungekämmten Haare.

»Bitte, Kinder, ihr dürft das Ganze nicht so negativ sehen«, sagte Dr. Walker. »Sea Cliff ist immer noch Sea Cliff. Wir reden hier über eine unverbaute Aussicht auf die Golden Gate Bridge. Also ich möchte mir das auf jeden Fall ansehen. Außerdem reizt mich dieses ›preislich einmalige‹ Angebot. Wie war noch mal die genaue Adresse?«

»Nummer hundertachtundzwanzig«, sagte Brendan, ohne aufzusehen. Er besaß eine beinahe übernatürliche Fähigkeit, solche Einzelheiten wie auf Knopfdruck abrufen zu können. Das hatte er sich antrainiert, weil er immer die Sportergebnisse und Spielzüge auswendig lernte. Seine Eltern zogen ihn gern damit auf, dass er später sicher Anwalt werden würde, auch weil er ein Meister im Verhandeln und Argumentieren war. Aber Brendan hatte nicht vor, als Anwalt zu enden, dann schon lieber als Baseballprofi bei den Forty-Niners oder Footballstar der Giants.

»Gibst du bitte mal die Adresse ein?«, bat Dr. Walker und hielt Brendan das Handy unter die Nase.

»Ich bin gerade mitten in einem Spiel, Dad.«

»Na und?«

»Ich kann jetzt nicht einfach unterbrechen!«

»Hat das Ding keine Pausentaste?«, fragte Cordelia.

»Wer hat dich denn gefragt?«, fauchte Brendan. »Ach lasst mich doch endlich mal in Ruhe!«

»Das tun wir schon die ganze Zeit«, erwiderte Cordelia. »Ständig hockst du vor diesen dämlichen Spielen, drückst dich davor, mit uns essen zu gehen, weil du Lacrosse-Training hast, und willst nie auf unsere Ausflüge mit … es ist, als wolltest du nicht zur Familie gehören.«

»Ich bin beeindruckt, Deli«, sagte Brendan. »Du kannst ja Gedanken lesen!«

Eleanor sprang ein, schnappte sich das Handy und tippte die Adresse ein – allerdings in verkehrter Reihenfolge, erst die Hausnummer, dann die Straße. Cordelia wollte Brendan eine vernichtende Bemerkung an den Kopf werfen, als ihr einfiel, dass Brendan gerade in dieser furchtbaren Jungs-»Phase« steckte, in der man ständig beweisen musste, dass man supercool war, obwohl man in Wahrheit nicht bis drei zählen konnte.

Dabei hatten sie im Moment wirklich andere Probleme. Sogar Eleanor war mittlerweile misstrauisch, was dieses Haus anging. Bestimmt war es uralt und es waren schon jede Menge Leute darin gestorben. Wahrscheinlich ein halb zerfallener, von einer zentimeterdicken Dreckschicht überzogener Kasten, bei dem die Fensterläden schief hingen. Der Vorgarten war vermutlich ein zugewucherter Dschungel mit einem riesigen, verwilderten Baum. Und sämtliche Nachbarn rundherum würden über die Walkers ihre Nase rümpfen und hinter ihrem Rücken tuscheln: »Seht euch diese Hinterwäldler an, die sich so einen alten Kasten andrehen lassen.«

Aber was konnten sie schon dagegen machen? Auf drei Kinder mit acht, zwölf und fünfzehn Jahren würde sowieso niemand hören. Eleanor, Brendan und Cordelia waren davon überzeugt, in einem Alter zu sein, in dem man den Erwachsenen machtlos ausgeliefert und überhaupt alles total ungerecht war.

Also spielte Brendan auf dem Rest der Fahrt weiter PSP, Cordelia las und Eleanor tippte auf dem Navigationsgerät herum, bis ihr Vater den Wagen vor dem Haus Nummer hundertachtundzwanzig in der Sea Cliff Avenue anhielt. Der Anblick, der sich ihnen dort bot, verschlug allen die Sprache.

2

Sea Cliff gehörte zu den feineren Wohnvierteln San Franciscos. Hier säumten auf kleinen Anhöhen erbaute Villen, wie an einer Perlenkette aufgereiht, eine sonnenbeschienene Straße. Davor standen in regelmäßigen Abständen junge Bäume mit perfekt in Form geschnittenem frischem Grün. Im Gegensatz zu den anderen Villen an der Sea Cliff Avenue lag das Haus, vor dem die Walkers parkten, ein Stück abseits der Straße auf dem rückwärtigen Teil des Grundstücks. Es thronte so nah am Rand der Klippen, die der Gegend ihren Namen gegeben hatten, dass Brendan sich sofort fragte, ob die eine Hälfte des Hauses etwa auf Stelzen stand. Eine weite, von drei ausladenden Kiefern beschattete Rasenfläche in sattem Grün trennte es von der Straße. Das Haus selbst war mit goldenen und braunen Blenden verziert, die das Königsblau der holzverkleideten Außenwände besonders gut zur Geltung brachten. Ein makellos geharkter Kiesweg schlängelte sich zwischen den mächtigen Kiefern hindurch auf die Eingangstür zu.

»Ich bin hier bestimmt schon tausend Mal mit dem Rad vorbeigefahren, aber dieses Haus habe ich noch nie gesehen«, sagte Cordelia.

»Weil du ständig irgendein blödes Buch vor der Nase hast«, stichelte Brendan.

»Wie soll ich bitte auf dem Fahrrad lesen, Schlaumeier?«

»Schon mal was von Hörbüchern gehört?«

»Kinder, bitte keine Streitereien vor der Maklerin«, mahnte Mrs Walker leise. Sie hatte Diane Dobson bereits zurückgerufen und sich dafür entschuldigt, dass Brendan sie so abgewürgt hatte. Die Frau, die jetzt am Anfang des Kieswegs auf sie wartete, sah aus wie Hillary Clinton. »Das muss sie sein. Auf geht’s.«

Diane winkte ihnen zu, während die Walkers umständlich aus ihrem Toyota krochen. Die Maklerin trug ein maßgeschneidertes korallenfarbenes Kostüm und hatte die Haare mit reichlich Haarspray zu einer Art blondem Helm hochgesteckt. Sie hatte etwas Majestätisches an sich und ließ das Haus hinter ihr noch beeindruckender erscheinen.

»Dr. Jake Walker«, sagte Dr. Walker und schüttelte der Maklerin die Hand, »und das ist meine Frau Bellamy.« Mrs Walker nickte schüchtern. Seinen Nachwuchs stellte Dr. Walker erst gar nicht vor. Wie so häufig in letzter Zeit war er unrasiert, obwohl er bis vor Kurzem seinen Kindern gegenüber immer wieder behauptet hatte, dass es Männern, die sich nicht jeden Morgen rasierten, an Disziplin mangelte. Er war in letzter Zeit wirklich nicht sehr er selbst. Diane warf einen schiefen Blick auf die gebrauchte Limousine ihrer Klienten.

»Können wir hier unser Pferd unterstellen?«, fragte Eleanor und zupfte ihren Vater am Hosenbein.

»Wir haben doch gar kein Pferd, Nell«, sagte er lachend und erklärte Diane: »Sie ist momentan in der Pferdephase.«

»Aber du hast es fest versprochen, Daddy! Du hast gesagt, dass ich zu meinem nächsten Geburtstag ein Pferd bekommen könnte …«

»Ja, falls wir ein Landhaus kaufen, was wir aber nicht tun werden, und in der Stadt kann man keine Pferde halten.«

»Aber warum denn nicht? Hier kann man überall reiten! Golden Gate Park, Crissy Field … Wenn du glaubst, dass ich dein Versprechen vergesse …«

Mrs Walker kniete sich vor ihre jüngste Tochter und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Schätzchen, das besprechen wir später, ja?«

»Aber immer sagt Daddy …«

»Beruhige dich. Daddy kann doch nichts dafür, dass sich die Dinge geändert haben. Wie wär’s mit einem kleinen Spiel? Mach die Augen zu und sag mir, was für ein Pferd du dir in deinen schönsten Träumen wünschst. Komm schon, ich mache auch mit.«

Mrs Walker schloss die Augen. Eleanor zögerte kurz, dann folgte sie ihrem Beispiel. Brendan verzog nur gequält das Gesicht, obwohl er gerne mitgespielt hätte. Ihrer Schwester zuliebe, vor allem aber, um Brendan zu ärgern, ließ Cordelia sich auf das Spiel ein.

»Und jetzt … Augen auf!«, sagte Mrs Walker. »Also, was für ein Pferd hast du gesehen?«

»Eine Calico-Stute, hellbraun und weiß gefleckt. Sie heißt Misty.«

»Prima.« Mrs Walker drückte ihre Tochter fest an sich, stand auf und wandte sich wieder dem Haus und Diane Dobson zu, die geduldig darauf wartete, bis die Familie dieses anscheinend sehr wichtige Problem geklärt hatte.

»Ist es nicht herrlich?«, sagte die Maklerin dann und wies mit einer ausladenden Geste auf das Haus hinter ihr. »Eine einzigartige Architektur.«

»Ein paar Dinge scheinen mir allerdings nicht ganz unbedenklich zu sein«, sagte Mrs Walker. Brendan erkannte sofort, dass sie in ihren typischen Verhandlungs-Modus geschaltet hatte, mit dem sie es immer wieder schaffte, charmant, aber bestimmt ihren Willen durchzusetzen. Unerschütterlich und sehr schön sah sie aus, mit dieser spektakulären Villa im Hintergrund, und so selbstbewusst wie schon seit Monaten nicht mehr. Brendan fragte sich, ob vielleicht das Schicksal sie zu diesem Haus geführt hatte.

»Ach ja? Was beunruhigt Sie daran?«, fragte Diane.

»Zunächst einmal finde ich, dass das Haus viel zu nah an den Klippen steht. Finden Sie das nicht auch äußerst gewagt? Was passiert bei einem Erdbeben? Wir würden direkt ins Meer rutschen!«

»Das Haus hat das Erdbeben von 1989 ohne einen einzigen Kratzer überstanden«, sagte Diane. »Eine hervorragende Konstruktion. Kommen Sie, sehen wir es uns von innen an.«

Gespannt folgten ihr die Walkers über den geschwungenen Kiesweg zum Haus. An dieser Rasenfläche stimmte etwas nicht, fand Brendan, doch er brauchte eine Minute, bis er wusste, was ihn irritiert hatte … Es war weit und breit kein »Zu-verkaufen«-Schild zu sehen. Welches Haus wird ohne Schild verkauft?

»Wie Sie sehen, handelt es sich bei dieser Villa um ein dreistöckiges, denkmalgeschütztes Herrenhaus im original viktorianischen Stil«, setzte Diane an, »hier in der Gegend als Villa Kristoff bekannt. Sie wurde im Jahre 1907 nach dem Großen Beben von einem der Überlebenden als Familiensitz erbaut.«

Dr. Walker nickte. Er stammte selbst aus einer Familie, die vor vielen Generationen das große Beben von San Francisco überlebt hatte. Seine Familie war danach zwar von hier fortgezogen, doch seine Arbeit hatte Dr. Walker nach San Francisco zurückgebracht. Eine Arbeit, die er allerdings vor kurzer Zeit verloren hatte.

»Zwei-eins-acht«, sagte Eleanor und zeigte auf die Hausnummer über der Eingangstür.

»Eins-zwei-acht«, korrigierte Cordelia sanft.

Eleanor starrte beleidigt auf ihre Fußspitzen. Während Diane ihren Monolog auf der obersten Stufe der Eingangstreppe fortsetzte, kniete Cordelia sich neben ihre kleine Schwester. Dieses war vielleicht ein »lehrreicher Moment«, wie ihre Englischlehrerin Miss Kavanaugh sagen würde. Aufgrund ihrer Legasthenie neigte Eleanor dazu, Wörter oder Zahlen rückwärts zu lesen. Cordelia glaubte fest daran, dass es einen einfachen psychologischen Trick geben musste, um ihr zu helfen. Sie hatten diesen Trick bislang nur noch nicht herausgefunden. Wie zufällig blieb Brendan neben den beiden stehen und freute sich schon darauf, seine oberschlaue Schwester scheitern zu sehen.

»Warum versuchst du nicht mal, es rückwärts zu lesen?«, ermutigte sie Eleanor.

»So einfach ist das nicht, Deli. Bloß, weil du glaubst, alles zu wissen!«

»Immerhin habe ich viele Bücher darüber gelesen und ich versuche doch nur, dir zu helfen …«

»Und wo warst du dann letzte Woche in der Schule?«

»Was? Was meinst du …?«

»Diese blöde Vertretungslehrerin in der blöden Englischstunde hat mich drangenommen, ich sollte aus Unsere kleine Farm vorlesen. Ich habe es einfach nicht hingekriegt.«

Eleanor erinnerte sich nur zu gut daran, wie sie sich nicht getraut hatte, der Vertretungslehrerin zu sagen, dass sie eine Leseschwäche hatte. Als sie mit Lesen an der Reihe war, hatte sie sich vor die Klasse gestellt und sich an das Buch geklammert. Vielleicht passierte ja doch ausnahmsweise mal ein Wunder und sie würde es endlich mal hinkriegen, einen Satz fehlerfrei zu lesen. Doch wie immer purzelten die Buchstaben vor ihren Augen wild durcheinander, sobald Eleanor versuchte, sie in die richtige Reihenfolge zu bringen. Nicht rückwärts, Cordelia, dachte sie, sie sindalle durcheinander. Trotzdem ging bei den ersten vier Wörtern der Überschrift noch alles gut, nur beim letzten verdrehte sie alles und heraus kam ein albernes Schimpfwort. Die ganze Klasse brüllte vor Lachen und Eleanor warf das Buch auf den Boden und rannte aus dem Klassenzimmer. Die Vertretungslehrerin hatte sie anschließend zum Direktor geschickt und die anderen riefen heute noch dieses blöde Schimpfwort hinter ihr her.

»Eleanor, es tut mir so leid. Aber ich kann doch nicht im Unterricht bei dir sein«, sagte Cordelia kleinlaut.

»Siehst du, das kannst du nicht! Also hör auf, so zu tun, als könntest du mich reparieren!«

Cordelia zuckte zusammen. Brendan grinste schadenfroh und wollte eine bissige Bemerkung machen, als Eleanor plötzlich rief: »Was ist das?«

Brendan und Cordelia sahen noch, wie ein dunkler Schatten über den Rasen huschte und hinter der Hausecke verschwand. Blitzschnell. Zu schnell für einen Menschen. Auf der Straße hörten sie ein Auto hupen.

»Du hast wahrscheinlich nur einen wandernden Schatten von dem Auto da drüben gesehen, Nell«, sagte Brendan.

»Nein, das war kein Schatten, es war ein Mensch und er hatte keine Haare«, beharrte Eleanor.

»Du meinst, du hast einen Typen mit Glatze gesehen?«

»Es war kein Er, sondern eine Sie. Eine alte Frau. Sie hat uns angestarrt. Und dann ist sie hinterm Haus verschwunden.«

Die beiden Älteren sahen sich fragend an, doch dieses Mal war es nicht ihr üblicher »Dumme kleine Eleanor«-Blick. Sie nahmen die Sache mindestens so ernst wie ihre kleine Schwester.

Und als sie zu der Stelle sahen, auf die Eleanor zeigte, erkannten sie im Schatten des Hauses eindeutig die Silhouette einer dunklen Gestalt. Sie starrte zu ihnen herüber.

3

Brendan holte tief Luft und versuchte, ruhig zu bleiben, stark und mutig. Die Gestalt rührte sich nicht. »Hallo?«, rief er, während er seinen Schwestern voran langsam über den Rasen ging. »Ist da jemand?«

Leider konnte er das Zittern in seiner Stimme nicht verhindern – er klang eher nach Sesamstraße als nach Schwarzenegger. Während die drei zur Hausecke hinschlichen, räusperte er sich ein paar Mal laut, um es zu vertuschen.

Die geheimnisvolle Gestalt entpuppte sich als eine alte Statue. Eine düstere, knapp zwei Meter hohe Engelsfigur aus verwittertem grauem Stein, stellenweise schon grünlich schwarz verfärbt. Die Flügel lagen zusammengefaltet auf dem Rücken. Sie schien die Arme nach ihnen auszustrecken, die rechte Hand war abgebrochen. Auch im Gesicht des Engels hatte das feuchte Klima von San Francisco seine Spuren hinterlassen, Seewind und Nebel hatten im Laufe der Jahrzehnte die Konturen verwischt. Moos wucherte in den leeren Augenhöhlen.

»Wie schön«, hauchte Cordelia.

Brendan wischte sich verstohlen den Schweiß von der Stirn. Er kam sich ziemlich albern vor, er hatte tatsächlich damit gerechnet, das menschliche Wesen vor sich zu sehen, das Eleanor beschrieben hatte: eine kahlköpfige Frau, ein altes Weib. In seiner Fantasie hatte er sich sogar schon ausgemalt, wie die Alte mit einem krummen Finger auf sie zeigte und zischte: »Seht euch diese Trottel an, die sich so ein Haus andrehen lassen!«

»Siehst du, Nell, es ist nur eine alte Statue. Hier ist niemand«, sagte Brendan und legte seiner kleinen Schwester die Hand auf die Schulter.

»Bestimmt hat sie sich irgendwo versteckt!«

»Glaub mir, es war nur ein Schatten, das Licht hat dir einen Streich gespielt.«

»Nein, hat es nicht!«

»Hör auf damit, du hast dich nur erschrocken.«

»Das musst du gerade sagen!«, gab Eleanor zurück und zeigte auf den schweißnassen Fleck, den Brendans Hand auf ihrer Schulter hinterlassen hatte. Bevor Brendan ihr widersprechen konnte, packte eine andere Hand ihn von hinten am Hals.

4

Hilfe!« Brendan wirbelte herum und warf sich mit aller Kraft gegen den Angreifer.

Mit einem erschrockenen Aufschrei ging sein Vater zu Boden.

»Himmel, Bren, was ist bloß in dich gefahren?« Dr. Walker rappelte sich stöhnend auf und rieb sich das Steißbein.

»Dad! Du kannst dich doch nicht einfach so anschleichen!«

»Kommt jetzt endlich, Mom und Diane warten auf euch. Wir wollen uns das Haus von innen ansehen.«

Auf dem Weg zur Haustür mit der Nummer hundertachtundzwanzig spürte Brendan, wie ihnen eine kühle Brise entgegenwehte – das erinnerte ihn wieder daran, dass das Haus direkt am Meer stand und die eine Hälfte tatsächlich über den Rand einer Klippe hinausragte. Der steinerne Engel hatte ihn so abgelenkt, dass er es beinahe übersehen hätte: Ein Teil der Villa Kristoff hing in der Luft und wurde nur von Metallpfählen getragen, die unten am Strand in den Felsen verankert waren. An der Unterseite des Hauses hingen Dutzende von Fässern.

»Was sind das eigentlich für …?«, setzte Brendan an, doch da stand er schon mit den anderen mitten in der prächtigen Eingangshalle und der Anblick verschlug ihm zum zweiten Mal an diesem Tag die Sprache.

Mrs Walker schien so beeindruckt, dass sie alle Verhandlungsstrategie sausen ließ. Mit Kennerblick musterte sie die beeindruckenden Antiquitäten, die über den ganzen Raum verteilt waren, und bewunderte ihr eigenes Spiegelbild in dem auf Hochglanz polierten Treppengeländer. Dr. Walker stieß einen anerkennenden Pfiff aus und Cordelia sagte: »Na, das nenne ich mal eine Empfangshalle!«

»Sie befinden sich in der Tat in der vorderen Eingangs- oder auch Empfangshalle«, bestätigte Diane Dobson. »Die Innenräume wurden komplett renoviert, aber den vorigen Besitzern ist es gelungen, den historischen Charme des Hauses zu bewahren. Nicht schlecht für eine abgelegene, holzwurmzerfressene Bruchbude, nicht wahr?«

Cordelia errötete verlegen. Der Raum war voller antiker, kunstvoll bemalter griechischer Vasen (SicherReproduktionen, dachte Cordelia, die Originale könnte doch niemand bezahlen). In einer Ecke stand ein verschnörkelter schmiedeeiserner Garderobenständer, in der anderen die Marmorbüste eines Mannes mit welligem Bart, eindeutig irgendein alter Philosoph. Sämtliche Objekte wurden von kleinen Strahlern beleuchtet, die an langen Schienen unter der Decke hingen wie in einem Museum. Es musste eine optische Täuschung sein, aber Brendan kam das Haus von innen doppelt so groß vor wie von außen.

»Dieses Haus war schon von Beginn an für große Gesellschaften geplant, wie eine große Bühne«, erklärte Diane mit einer ausladenden Handbewegung.

»Wer ist hier aufgetreten?«, fragte Cordelia.

»Lady Gaga«, witzelte Brendan, ohne eine Miene zu verziehen, obwohl ihm dieses Haus immer unheimlicher wurde. Erst ist da gar kein Verkaufsschild, dann eine seltsame Statue und jetzt ein Haus, in dem es aussieht wie in einem Antiquitätenladen …

»Bren«, sagte Mrs Walker mit warnendem Unterton.

Diane fuhr ungerührt fort: »Hier haben schon seit Jahren keine großen Gesellschaften mehr stattgefunden. Die Vorbesitzer haben das Haus zwar aufwendig renovieren lassen, doch sie haben nur kurze Zeit hier gewohnt, dann wollten sie sich verändern und sind nach New York gezogen.«

»Und davor?«, wollte Brendan wissen.

»Davor hat die Villa viele Jahrzehnte leer gestanden. Ein paar Schmuckleisten haben vielleicht im Laufe der Zeit etwas gelitten, aber diese alten Häuser wurden für die Ewigkeit erbaut. Dieses hier wurde sogar so konstruiert, dass es schwimmen kann!«

»Wie bitte?«, fragte Brendan.

»Machen Sie Witze?«, fragte Cordelia.

»Mr Kristoff, der ursprüngliche Besitzer, wollte sicherstellen, dass sein Haus niemals bei einem derartigen Erdbeben, wie er es zu seiner Zeit überlebt hatte, zerstört werden könnte. Also ließ er das Fundament mit luftgefüllten Fässern unterbauen. Sollte noch einmal so ein großes Beben kommen und das Haus von den Klippen stürzen, ist es so konzipiert, dass es einfach ins Meer gleitet und schwimmt wie ein Schiff.«

»Wie cool!«, staunte Eleanor.

»Aber das ist doch absurd«, widersprach ihr Vater.

»Ganz und gar nicht, Dr. Walker, diese Methode wendet man mittlerweile beim Hausbau in den Niederlanden an. Mr Kristoff war seiner Zeit weit voraus.«

Diane führte die Walkers weiter ins Wohnzimmer, von dem aus man einen atemberaubenden Blick auf die Golden Gate Bridge hatte. Komisch, dass man die Brücke von hier sehen kann, dachte Brendan im ersten Moment verwirrt, doch anscheinend hatte er über all den griechischen Vasen, Alabasterbüsten und der Ritterrüstung ein wenig die Orientierung verloren … außerdem musste er immer wieder an den steinernen Engel da draußen denken, der ihm seinen Armstumpf entgegengestreckt und ihn aus seinen moosbewachsenen Augenhöhlen angestarrt hatte.

Im Wohnzimmer standen ein imposanter Chesterfield-Ledersessel, daneben ein Beistelltisch mit Glasplatte und Beinen aus Treibholz und in der anderen Ecke ein ausladender Steinway-Flügel. »Stehen die Möbel auch zum Verkauf?«, fragte Mrs Walker.

»Natürlich, alles«, erklärte Diane lächelnd. »Es ist alles im Kaufpreis inbegriffen.«

Während die anderen ihr in den nächsten Raum folgten, konnte Brendan sich immer noch nicht von der tollen Aussicht losreißen, obwohl er in San Francisco aufgewachsen war und die Golden Gate Bridge fast jeden Tag sah. Doch von hier aus schien sie zum Greifen nah, man hatte das Gefühl, direkt unter der Brücke zu stehen, und ihre lachsfarbenen Bögen leuchteten beinahe unnatürlich. Was hatte dieser Mr Kristoff wohl gedacht, als die Brücke errichtet wurde? Wenn das Haus wirklich 1907 gebaut worden war – Brendans Gehirn rief sofort Daten und Ereignisse ab –, hatte es bereits dreißig Jahre vor der Brücke hier gestanden. Damals hatte man von diesem Wohnzimmerfenster aus noch einen weiten Blick über die Bucht bis hin zum offenen Meer, lediglich eingerahmt von zwei riesigen Felszungen. Hatte Mr Kristoff den Bau der Brücke überhaupt noch miterlebt?

»Hallo?«, fragte Brendan in den leeren Raum. Dann fiel ihm auf, dass Diane und seine Familie längst weitergegangen waren. Schnell lief er hinter ihnen her.

Auch Cordelia war in Gedanken bei diesem Mr Kristoff. Irgendwie kam ihr der Name bekannt vor, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, wo und in welchem Zusammenhang er ihr begegnet war. Sie zermarterte sich das Hirn, als sie den nächsten Raum betraten und Cordelia bereits am Geruch erkannte, um was für eine Art Zimmer es sich handelte: Eine Mischung aus Staub, modrigem Papier und alter Druckerschwärze kitzelte verräterisch ihre Nase.

»Willkommen in der Bibliothek«, sagte Diane.

Es war einfach überwältigend. Rundherum an den Wänden ragten meterhohe Mahagoniregale bis hoch unter die gewölbte Decke. Die oberen Regalbretter erreichte man über zwei Messingleitern, die an einer umlaufenden Metallschiene hin- und hergeschoben werden konnten. Auf dem massiven Eichentisch in der Mitte des Raumes verströmten mehrere Schreibtischlampen mit grünen Glasschirmen ein eigenartig gedämpftes Licht. Vereinzelt glitzernde Staubpartikel schwebten darüber in der Luft wie Vögel im Wind.

Die vielen Bücher in den Regalen zogen Cordelia magisch an. Das taten Bücher immer. Als sie den Titel auf dem ersten Buchrücken entzifferte, wusste sie auch wieder, wo sie von diesem Mr Kristoff schon einmal gehört hatte.

5

Cordelia konnte immer und überall lesen. So auch auf der Autofahrt über die hügeligen Straßen San Franciscos zur Sea Cliff Avenue hundertachtundzwanzig, eingeklemmt zwischen ihren beiden Geschwistern, während Eleanor mit ihrer Leseschwäche und dem Navigationsgerät kämpfte. »Sich in einem Buch zu verlieren, ist das Beste überhaupt«, behauptete ihre Mutter immer und Cordelia hatte den Verdacht, dass ihre Großmutter das Gleiche zu Bellamy gesagt hatte, als diese noch ein junges Mädchen gewesen war.

Cordelia hatte sehr früh angefangen zu lesen und ihre Eltern damit manches Mal in seltsame Situationen gebracht. Schon mit vier Jahren hatte sie in einem feinen Restaurant einer älteren Dame über die Schulter geschaut und laut aus der Zeitung vorgelesen. »Das Baby kann lesen!«, hatte die Frau entsetzt ausgerufen. Mit zunehmendem Alter hatte Cordelia sich dann durch die komplette Literatur ihrer Eltern gelesen, all die dicken, in Leder gebundenen Bände der Oxford-Bibliothek der Weltliteratur. Im Augenblick interessierte sie sich besonders für nahezu unbekannte Autoren, die nur in Erstveröffentlichungen oder alten, vergriffenen Taschenbuchausgaben zu lesen waren, Autoren wie Brautigan, Paley und Kosinski. Je unbekannter, desto besser. Jedes Mal, wenn sie das Werk eines Schriftstellers las, von dem noch kaum jemand gehört hatte, gab es ihr das Gefühl, ihn dadurch am Leben zu halten, wie eine Art intellektuelle Herz-Lungen-Reanimation. In der Schule gab es manchmal Ärger, wenn sie ihre Lektüre mit einem Schulbuch getarnt in den Unterricht schmuggelte (nur Miss Kavanaugh schien es nicht zu stören). Im letzten Jahr hatte sie einen Schriftsteller entdeckt, von dem Robert E. Howard und H. P. Lovecraft behaupteten, dass er sie beeinflusst hätte. Er hatte im frühen zwanzigsten Jahrhundert zahlreiche Abenteuerromane veröffentlicht, ein Vielschreiber.

»Denver Kristoff«, las sie also von einem Buchrücken ab. »Diane, war der Kristoff, der dieses Haus gebaut hat, Denver Kristoff, der Schriftsteller?«

»Genau der. Hast du schon von ihm gehört?«

»Noch nie etwas von ihm gelesen, aber schon viel von ihm gehört. Seine Bücher sind schwer aufzutreiben, nicht mal bei eBay. Hauptsächlich Fantasyromane und Science Fiction … er hatte entscheidenden Einfluss auf die Leute, die später Conan der Barbar oder unsere moderne Vorstellung von Zombies geprägt haben. Wurde allerdings von den Literaturkritikern ziemlich zerrissen …«

Als Brendan übertrieben gähnte, unterbrach sie beleidigt ihren Redefluss. »Lass das!«

»Tut mir leid, ich bin allergisch gegen Bücherfreaks.«

Cordelia ignorierte seine Bemerkung demonstrativ. »Dad, wir könnten im Haus eines berühmten unbekannten Schriftstellers wohnen!«

»Ich werde es in meine Überlegungen mit einbeziehen.«

Diane setzte ihren Rundgang fort (Dr. Walker musste Cordelia beinahe gewaltsam aus der Bibliothek zerren) und führte sie in eine überraschend moderne, noch vollkommen unberührt aussehende Küche mit chromblitzenden Armaturen und modernster Technik. Ein Ort, an dem sich Bakterien vor lauter Angst erst gar nicht über die Schwelle wagten. An einer Magnetschiene über dem Herd prangte eine beeindruckende, der Größe nach geordnete Messersammlung.

»Können wir hier Kekse backen?«, fragte Eleanor.

»Sicher«, sagte Dr. Walker.

»Können wir hier nur Kekse backen?«

»Wie Sie sehen, wurde hier sehr viel Wert auf eine hochwertige Ausstattung gelegt«, bemerkte Diane, als sie die staunenden Walkers an einem Doppeltür-Kühlschrank aus Edelstahl vorbeiführte. Brendan fragte sich bereits, ob sich hinter den riesigen Türen eine Art Gruselkabinett versteckte, ein abgetrennter Kopf vielleicht … doch als er heimlich einen Blick hineinwarf, fand er zu seiner Enttäuschung nichts als gähnende Leere.

Als Nächstes zeigte Diane ihnen die obere Etage. Im Gegensatz zu der hochmodernen Edelstahl-Küche stammte die Spindeltreppe aus massivem Holz eindeutig aus einem anderen Jahrhundert und Eleanor musste vor lauter Begeisterung gleich mehrmals rauf- und runterrennen. In eleganten Bögen schwang sich die Haupttreppe zwischen dem ersten und dem zweiten Stock in die Höhe. So breite, ausladende Stufen hatten die Walkers noch nie gesehen. Im oberen Stockwerk verlief eine großzügige Galerie über die gesamte Längsseite des Hauses bis zu einem Erkerfenster, vor dem eine kleinere Wendeltreppe wieder hinunter in die Eingangshalle führte.

Auf der Galerie kamen sie an alten Porträts in verblassten Pastelltönen vorbei. Auf dem einen sah man einen grimmig dreinblickenden Mann mit keilförmig zurechtgestutztem Vollbart neben einer Dame im Rüschenkleid und einem Kinderwagen. Auf dem nächsten Bild stand dieselbe Frau auf einer Kaimauer und blickte über die Schulter zurück in die Kamera, im Hintergrund eine Gruppe von Männern mit Schiebermützen, die sie angafften. Ein drittes Foto zeigte eine ältere Dame unter einem Baum, die ein kleines Baby mit Kleidchen und Mütze auf dem Schoß hielt.

»Die Familie Kristoff«, erklärte Diane, als sie Brendans und Cordelias faszinierte Blicke bemerkte. »Das hier« – sie zeigte auf den Mann mit dem imposanten Bart – »ist Denver Kristoff. Seine Frau Eliza May« – die Frau auf der Kaimauer – »und seine Mutter« – die alte Dame mit dem Baby. »Ihren Namen habe ich leider vergessen. Wie auch immer, die Fotos sind reine Dekoration. Wenn Sie einziehen – falls Sie hier einziehen –, können Sie selbstverständlich Ihre eigenen Familienbilder aufhängen.«

Brendan versuchte, sich ihre bisherigen Familienfotos an dieser Wand vorzustellen: Er und sein Vater – der wie immer den Schläger falsch hielt – bei einer Partie Lacrosse; Cordelia, wie sie Mom anschreit, weil sie auf keinen Fall ohne Make-up fotografiert werden will; eine albern grinsende Eleanor mit Schielblick. Ob diese Fotos in hundert Jahren genauso gespenstisch und bedeutend aussehen würden?

»Auf dieser Etage gibt es drei Schlafzimmer«, sagte Diane. »Das größte …«

»Nur drei?«, beschwerte Brendan sich sofort »Aber ihr habt versprochen, dass ich ein eigenes Zimmer bekomme.«

»Das vierte Schlafzimmer liegt im Dachgeschoss.« Diane zog an einer Schnur unter der Decke, woraufhin sich eine Luke öffnete, gefolgt von einer Holzstiege, die auseinanderklappte und sanft auf dem Boden aufsetzte.

»Cool!« Sofort flitzte Brendan die Leiter hinauf und war verschwunden.

Cordelia sah sich eines der Schlafzimmer an, die von der Galerie ausgingen. Es war zwar nicht das größte (dort gab es ein breites Doppelbett mit zwei Nachttischchen), aber trotzdem ein hübsch geschnittenes Zimmer mit Lilientapete. »Ich nehme das hier«, verkündete sie.

»Und welches ist dann meins?«, fragte Eleanor.

»Kinder, es ist doch noch gar nichts entschieden …«, versuchte Dr. Walker, sie zu bremsen, aber Cordelia zeigte schon auf den dritten Schlafraum, der Größe nach zu urteilen, die frühere Dienstmädchenkammer.

»Wieso kriege ich schon wieder nur das kleinste Zimmer?«

»Du bist die Kleinste.«

»Mom! Das ist ungerecht! Warum kriege ich das kleinste Zimmer?«

»Cordelia ist ein großes Mädchen. Sie braucht ihren Platz«, erklärte Mrs Walker.

»Hörst du, Cordelia? Mom findet, du brauchst eine Diät!«, rief Brendan von oben.

»Halt die Klappe, Bren! Sie meint, ich bin älter!«

Gut, dass sie die Grimasse nicht sehen konnte, die ihr Bruder ihr schnitt … bevor er sich neugierig in seinem Dachzimmer umblickte. Unter dem Fenster stand ein Bett, ein Metallgestell auf Rollen, daneben ein Schreibtisch mit allerlei Krimskrams. Fasziniert untersuchte er das Fledermausskelett, das er auf einem in die Wand eingebauten Brett entdeckte. Das Tier lag mit ausgebreiteten Flügeln auf einem glatt geschliffenen schwarzen Stein und hielt den Kopf leicht nach oben gereckt, als wollte es gerade nach einem Insekt schnappen. Es war eines der gruseligsten Dinge, die Brendan je gesehen hatte … aber er hatte keine Angst. Zum Beweis machte er mit seinem Handy ein Foto von dem Skelett.

»Brendan, bitte deine Schwester sofort um Entschuldigung!«, rief Mrs Walker nach oben.

»Ja genau, Bren, komm sofort runter!«, echote Eleanor.

Das war mal wieder klar: Jetzt hatte er sich ausnahmsweise einmal nicht erschrecken lassen und dann war niemand da, den er damit beeindrucken konnte. Als er die Leiter herunterkletterte, funkelte Cordelia ihren Bruder wütend an.

»Tut mir leid«, sagte er. »Ich wollte dich nur ärgern. Aber guck mal hier, was ich da oben gefunden habe! Ich habe ein Foto …«

Cordelia entriss ihm das Handy und löschte das Foto.

»He, was soll das!«

»Jetzt sind wir quitt.«

»Du hättest es dir wenigstens angucken können!«

Diane rang sich ein gezwungenes Lächeln ab. »Können wir unsere kleine Besichtigung jetzt vielleicht fortsetzen?«

Als sie weitergingen, fiel Eleanor ein Knopf auf, der in einer kleinen Nische aus der Wand ragte. »Was ist das?«

»Nichts Besonderes, nur ein alter Speisenaufzug«, erklärte Diane kurz angebunden.

An der kleinen Wendeltreppe, die wieder nach unten führte, verkündete die Maklerin: »So, das war’s.« Sie warf einen langen Blick durch das Erkerfenster hinunter auf den gebrauchten Toyota der Familie, bevor sie sich wieder an Dr. Walker wandte. »Sie haben die entscheidende Frage noch nicht gestellt.«

»Ja, der Kaufpreis«, sagte Dr. Walker leicht gequält. Insgeheim hatte er, genau wie Cordelia, laut Beschreibung der Maklerin bei »rustikal« und »charmant« eher ein renovierungsbedürftiges Haus vor Augen gehabt, das sie sich vielleicht leisten konnten. Aber mit einem zweistöckigen viktorianischen Herrenhaus mit ausgebautem Dachgeschoss, kompletter Ausstattung, inklusive Bibliothek und Aussicht auf die Golden Gate Bridge, hatte er nicht gerechnet. Das hier war mindestens eine Fünf-Millionen-Dollar-Immobilie.

»Die Preisvorstellung der Verkäufer liegt bei dreihunderttausend«, sagte Diane.

6

Brendan sah den ungläubigen Ausdruck, der sich auf dem Gesicht seines Vaters ausbreitete. Doch Dr. Walker hatte sich erstaunlich schnell wieder unter Kontrolle und schlug sofort einen geschäftlichen Ton an. Es tat gut, ihn endlich wieder so zu erleben. Brendan kannte diesen Tonfall noch aus der Zeit, als sein Vater häufig Interviews gegeben oder andere Chirurgen beraten hatte. Seit dem »Vorfall« vor gut einem Monat hatte Dr. Walker allerdings wenig Gelegenheit gehabt, diese Art von professionellen Verhandlungen zu führen. Jetzt aber klang er wieder wie früher: selbstbewusst und entschlossen.

»Miss Dobson, wir nehmen das Haus. Setzen Sie doch bitte den Kaufvertrag auf, ich möchte die Sache so schnell wie möglich unter Dach und Fach bringen.«

»Wunderbar!« Diane klappte ihren silbernen Aktenkoffer auf und überreichte Dr. Walker ihre Visitenkarte. Mrs Walker fiel ihrem Mann um den Hals. Eleanor fragte verwirrt: »Was bedeutet das? Kriegen wir das Haus? Werden wir hier wirklich wohnen?«

»Warum ist es so billig?«, warf Brendan ein.

»Bren!«, zischte Mrs Walker.

»Aber Mom! Dieses Haus soll genauso viel kosten wie eine Wohnung? Sogar weniger? Daran ist doch bestimmt was faul!«

»Schon in Ordnung, die Wissbegierde Ihrer Familie gefällt mir«, beruhigte Diane Mrs Walker. »Es ist so, Brendan, die Besitzer versuchen, ihre Geldanlagen zu verflüssigen. Wie so viele Familien befinden sie sich momentan in einer etwas schwierigen Lage und sie sind bereit, einen geringeren Kaufpreis zu akzeptieren – insbesondere, wenn es darum geht, anderen in einer schwierigen Situation zu helfen. Ihnen ist sicher aufgefallen, dass vor dem Haus kein Verkaufsschild steht. Die Besitzer wollen nicht an irgendeine Familie verkaufen, sie suchen nach der richtigen Familie. Einer bedürftigen Familie.«

Sie lächelte milde. Brendan konnte auf ihr Mitleid verzichten. Wenn es nur um ihn ginge, wäre ihm das egal gewesen, damit konnte er leben. Aber ihr Mitleid ergoss sich über die ganze Familie. Und alles nur wegen seines Vaters. Brendan schämte sich furchtbar für ihn. Warum musste er seine Probleme immer in der verkehrten Reihenfolge lösen: Sein Vater versuchte, seinen guten Ruf wiederherzustellen, indem er ein beeindruckendes Haus kaufte, um damit wiederum einen hoch bezahlten Job in einem angesehenen Krankenhaus zu bekommen, dessen Verwaltung so beeindruckt war von seinem Ruhm, dass man bereitwillig über den »Vorfall« hinwegsah. Dabei schaffte er es nicht einmal, dieser Maklerin etwas vorzumachen. Brendan fand, dass er ohne seine Familie bestimmt besser dran sei. Wenn er wenigstens auf ein Internat gehen könnte wie einige seiner Freunde. Aber das würden sich seine Eltern jetzt sowieso nicht mehr leisten können.

Diane geleitete die Walkers durch die überdimensionale Eingangshalle zur Haustür. »Ich bin sicher, Sie werden sich in der Villa Kristoff schon bald wie zu Hause fühlen.«

»Wenn du mich fragst, sollten wir lieber die Finger von diesem Haus lassen«, flüsterte Brendan Cordelia zu. »Du weißt doch, dass Dad in letzter Zeit nicht richtig tickt. Hier ist irgendetwas oberfaul.«

»Du hast doch bloß Angst.«

»Was, ich? Wieso sollte ich Angst haben?«

»Weil du nicht mit diesem unheimlichen Engel da draußen zusammenleben willst.«

»Echt jetzt? Oben im Dachzimmer liegt ein Fledermausskelett, vor dem hatte ich auch keine Angst.«

»Na und? Das beweist noch gar nichts. Nell, Bren hatte vor diesem Steinengel Angst, stimmt’s?«

Eleanor nickte.

»Sag ich doch.«

Das konnte Brendan nicht auf sich sitzen lassen. Während seine Familie sich auf den Weg zum Auto machte, blieb er zurück und lief noch einmal zu dem steinernen Engel hinter der Hausecke. Er würde ein Foto von dem Ding machen, ihm seinen Arm um die Schulter legen, in die Kamera grinsen und allen zeigen, dass er sich nicht vor einem vermoosten Steinhaufen fürchtete.

Doch die Stelle, wo der Steinengel gestanden hatte, war leer.

Mit Mühe unterdrückte Brendan einen Aufschrei. Vielleicht hatte er sich nur vertan und die Statue stand auf der anderen Seite des Hauses.

Doch halt: Er erinnerte sich noch genau, dass dem Engel die rechte Hand gefehlt hatte, nur knapp zwanzig Zentimeter von der Hauswand entfernt. Jemand musste die Statue von hier weggeschafft haben. Aber wer?

Brendan kniete sich auf den Boden und untersuchte den Teppich aus Kiefernnadeln. Eigentlich müsste an der Stelle ein klarer Abdruck zu sehen sein, platt gedrückte, feuchte Nadeln, in denen ein paar aufgeschreckte Asseln herumkrabbelten. Doch der Boden sah aus, als hätte dort nie eine Statue gestanden …

Plötzlich tauchte dicht neben ihm ein Gesicht auf. Wie ein wütender Wespenschwarm, der direkt aus der Hölle geschossen kam, zischte eine Stimme:

»Du gehörst nicht hierher.«

7

Vor ihm stand eine alte Frau mit leichenblassem Gesicht. Sie war ungefähr so groß wie der Steinengel, hatte einen kahlen Schädel und aufgeplatzte Lippen, hinter denen eine Reihe fauliger Zähne zum Vorschein kam. Aus ihren eisblauen Augen funkelten sie ihn böse an. Sie trug mehrere Schichten schmutziger Fetzen übereinander, dafür aber keine Schuhe. Ihre vergilbten Fußnägel strotzten vor Dreck. Sie sah aus wie die alte Hexe, die Brendan sich in seiner Angst ausgemalt hatte, nur noch hundert Mal schlimmer. Als sie sprach, hauchte sie ihm ihren fauligen Atem ins Gesicht.

»Verlasse diesen Ort!«

Ihre knochigen Finger krallten sich wie ein Schraubstock um Brendans Handgelenk. Er versuchte, sich loszureißen, doch sie ließ nicht locker … und musterte ihn mit ihrem stechenden Blick.

»Wer bist du?«

»B-Brendan Walker«, stotterte er.

»Walker?«, wiederholte sie langsam.

In seinem ganzen Leben hatte Brendan noch nie solche Angst gehabt. Aber es war keine Angst, die ihn lähmte, im Gegenteil, sie fuhr ihm wie ein Adrenalinstoß durch den Körper. Er setzte sich mit aller Kraft zur Wehr, befreite sich aus ihrem Griff und rannte schreiend davon. »Mom! Dad!«

Die anderen mussten die unheimliche Alte doch auch bemerkt haben: Eine so große Frau mit Glatze und dem Body-Mass-Index eines Skeletts war schließlich kaum zu übersehen. Die Rasenfläche vor dem Haus erschien ihm auf einmal mindestens so groß wie ein Fußballfeld. Völlig außer Atem holte Brendan seine Familie kurz vor dem Auto ein.

»Bren, was ist los?«

»Geht es dir gut?«

»Ich … Leute, ich … habt ihr nicht …?« Verwirrt blickte Brendan zurück zum Haus. Zwischen Gehweg und Hausecke lagen höchstens fünfzehn Meter. Doch ihm kam es immer noch vor, als habe er für die Strecke eine Ewigkeit gebraucht. Sein Herz klopfte bis zum Hals und er sah das Gesicht der alten Hexe noch deutlich vor sich … dabei konnte ihre seltsame Begegnung nicht mehr als ein paar Sekunden gedauert haben.

Und von der Frau war weit und breit nichts zu sehen.

Seit ihrer Ankunft war die Sonne ein Stück weiter gewandert. Der Schatten des Hauses fiel jetzt auf die Stelle, wo sie den Steinengel entdeckt hatten. Ob dort wirklich etwas war, konnte man von hier aus nicht sehen.

»Brendan …? Ist was passiert?« Cordelia musterte ihn besorgt, sie sah ihm an, dass er halb durchgedreht war vor Angst. Brendan wollte schon zu einer Erklärung ansetzen – doch dann schwieg er. Es hatte ja doch keinen Sinn. Er konnte nichts beweisen. Er würde sich nur wieder lächerlich machen.

»Nichts«, sagte er. »Alles in Ordnung, ich wollte nur … ich dachte, ich hätte das hier verloren.«

Er zog seine PSP aus der Tasche und schaltete sie sofort an. Noch nie hatte er sich so gefreut, die Startseite von Uncharted zu sehen. Endlich war er wieder in einer Welt, die er verstand und die er im Griff hatte. Erleichtert ließ er sich auf den Rücksitz fallen.

Auf der Rückfahrt passierte etwas Seltsames mit ihm: Mit jeder Sekunde, die sie sich von dem Haus in der Sea Cliff Avenue entfernten, verlor die unheimliche Begegnung ihren Schrecken. Eine in Lumpen gekleidete Frau, barfuß, mit schlechten Zähnen … wahrscheinlich eine Obdachlose. Nach einer Weile war er sich ganz sicher: Na klar, die Frau lebte dort auf dem verlassenen Grundstück. Deshalb war der Preis so niedrig. Sie hatte die Walkers heimlich beobachtet und sich dann versteckt, als die Kinder sie entdeckt hatten – das erklärte auch den vorbeihuschenden Schatten, den Eleanor gesehen hatte. Die Frau schien sehr an diesem Steinengel zu hängen – vielleicht war sie geistig verwirrt und unterhielt sich mit ihm, wenn sie allein war. Als sie gemerkt hatte, wie Brendan und seine Schwestern sich für den Engel interessierten, hatte sie ihn weggetragen (wie auch immer sie das geschafft hatte) und irgendwo in Sicherheit gebracht. Dann hatte die Alte die Gelegenheit genutzt und sich an Brendan herangeschlichen, um ihn zu erschrecken und die Familie zu vergraulen. Und nach seinem Namen hatte sie ihn gefragt, weil sie … na ja, weil sie eben verrückt war! Was für einen Grund hätte sie sonst haben sollen?

Das redete Brendan sich ein, während er wie hypnotisiert dem Spiel auf seiner Konsole folgte. Bald war er felsenfest davon überzeugt, dass die alte Hexe weder gefährlich noch eine übernatürliche Erscheinung (ist ja lächerlich!) war. Er war sogar wild entschlossen, zurückzufahren und die Alte vom Grundstück zu vertreiben. Ein Brendan Walker ließ sich nicht herumschubsen. Immerhin hatte er es fast schon in die Lacrosse-Juniorauswahl geschafft.

8

Seit dem »Vorfall« wohnten die Walkers zur Miete. Das neue Apartment war viel kleiner als ihr altes Haus, vor allem die Küche, die eigentlich nur eine Kochecke war. Das bedeutete, dass weniger zu Hause gekocht und dafür – zur Freude der Kinder – das Essen aus günstigen Schnellimbissen geholt wurde. Nach der Besichtigung der Villa Kristoff waren sie kurz beim Chinesen vorbeigefahren und zu Hause hatte Dr. Walker einen Familienrat im Wohnzimmer einberufen.

»Warum das denn?«, fragte Brendan.

»Ich möchte nur sichergehen, dass ihr alle mit unserer Entscheidung, die Villa Kristoff zu kaufen, einverstanden seid.«

»Du meinst wohl eure Entscheidung. Uns hat ja keiner gefragt«, bemerkte Brendan.

»Okay«, sagte Dr. Walker. »Aber wenn ihr ein Problem damit habt, dann solltet ihr es jetzt sagen.«

»Wenn wir da einziehen, müsste es doch Villa Walker heißen, oder?«, fragte Eleanor.

»Ich finde, wir sollten vorerst bei Sea Cliff Avenue hundertachtundzwanzig bleiben, seiner eigentlichen Adresse«, schlug Mrs Walker vor. »Sonst klingt es, als würden wir in ein Haus einziehen, das jemand anderem gehört.«

Es gehört jemand anderem, dachte Brendan, es gehörteiner alten kahlköpfigen Hexe. Aber niemand sollte denken, er hätte vor irgendetwas Angst. »Ich finde das Haus eigentlich ganz okay. Jedenfalls besser als dieses Loch hier.«

»Mir gefällt es auch«, sagte Eleanor. Dabei versuchte sie, mit einer in reichlich Soße getauchten Frühlingsrolle so viel Karotten-Sellerie-Salat wie möglich aufzuschaufeln. Die Frühlingsrolle sah aus, als trüge sie eine Perücke. »Je schneller wir da einziehen, desto eher können wir Misty haben.«

»Nell, wie oft müssen wir das noch durchkauen …«

»Aber Mom hat gesagt, ich darf ein Pferd haben. Ich habe mir doch schon überlegt, wie es aussehen soll …«

»Irgendwann wirst du dein Pferd bekommen, Schätzchen«, sagte Mrs Walker, »aber nur, wenn du deine Frühlingsrolle isst, anstatt damit nur herumzuspielen.«

Mit vier großen Bissen verschlang Eleanor ihre Frühlingsrolle und fragte ihre Mutter mit vollem Mund: »Kriege ich jetzt mein Pferd?«

Das brachte sogar Brendan zum Lachen. Wenn sie ehrlich waren, genossen es die Walkers sehr, nicht immer mit Stoffservietten und Serviettenringen am gedeckten Tisch zu essen, sondern heiß und fettig und direkt aus der Packung.

»Und was sagst du dazu, Cordelia?«, fragte Dr. Walker.

»Ich muss euch was zeigen.« Cordelia rannte aus dem Zimmer und kam mit einem alten Buch zurück. Es war schwarz, der Schutzumschlag fehlte, die Goldbuchstaben auf dem Rücken waren kaum noch zu entziffern.

»Die wilden Horden von Denver Kristoff«, las Cordelia vor. »Die Erstausgabe von 1910. Das habe ich in der Bibliothek in der Villa gefunden. Und jetzt haltet euch fest!« Sie zog ihr MacBook Air hervor. »Bei Powell’s Books verkaufen sie es für fünfhundert Dollar! Also ist schon allein diese Bibliothek so viel wert wie … wie die Kaufnebenkosten für das Haus.«

»Du hast das Buch aus der Bibliothek in der Villa geklaut?«, fragte Brendan.

»Aus Bibliotheken stiehlt man keine Bücher, man leiht sie. Aber so etwas kannst du natürlich nicht wissen.«

»Aber dein Bruder hat recht«, schaltete Dr. Walker sich ein. »Noch gehört uns das Haus nicht und du hättest nicht einfach …«

»Das stimmt, das hättest du nicht tun dürfen!« Brendan sprang auf. »Jemand könnte sehr wütend auf dich sein, weil du etwas gestohlen hast. Daran denkst du wohl nicht, was?«

»Im Ernst, Bren?« Cordelia grinste hinterhältig. »Seit wann hast du so etwas wie ein moralisches Gewissen?«

Brendan antwortete nicht – einerseits weil er keine Ahnung hatte, was ein moralisches Gewissen sein sollte, andererseits weil ihn diese unheimliche Alte immer noch entsetzte. Vielleicht war sie wirklich nur eine obdachlose Frau, vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall schien sie Sea Cliff Avenue hundertachtundzwanzig als ihr Zuhause anzusehen. Und bestimmt hatte sie etwas gegen neugierige Mädchen, die Bücher aus ihrer Bibliothek klauten. Brendan war kurz davor, den anderen zu erzählen, dass er ihr begegnet war, dass er ihre dürren Finger an seinem Handgelenk noch immer spürte und sein Arm sich an der Stelle noch immer eiskalt anfühlte, dass sie den Namen »Walker« so seltsam betont hatte, als habe er irgendeine Bedeutung … Doch er wollte nicht, dass sich die anderen über ihn lustig machten. Er würde sich schon selbst um die alte Hexe kümmern, wenn sie dort erst einmal eingezogen waren. Wie ein Mann.

»Sorry«, sagte er. »Ich finde nur … man darf nicht stehlen.«

»Das ist wahr«, sagte Dr. Walker, »und Cordelia, du wirst das Buch nächste Woche zurückstellen.«

»Was passiert nächste Woche?«

»Wir ziehen ein.«

9

Spartaner Umzüge hieß das Umzugsunternehmen aus San Francisco, das ihre Eltern beauftragt hatten. Unmöglich und oberpeinlich, fand Cordelia. »Warum nicht gleich ›Sparschwein-Umzüge‹?«, fragte sie ihre Mutter. Als dann der Lastwagen vorfuhr, verstand sie allerdings, dass nicht spartanisch im Sinne von »ärmlich« gemeint war, sondern das antike Sparta. Das Firmenlogo erinnerte an einen federgeschmückten griechischen Helm.

Als der Umzugswagen vor der Villa Kristoff hielt und drei kräftige Möbelpacker heraussprangen, warteten die Walkers bereits vor dem Haus. Sie konnten es kaum erwarten, endlich ihr neues Zuhause zu beziehen. Am ungeduldigsten war Brendan: Er träumte schon die ganze Zeit davon, sein Zimmer unterm Dach in eine echte »Männer«-Höhle zu verwandeln, in die er sich vor dem Rest der Familie in Sicherheit bringen konnte. Eifrig lief er hinter einem der Umzugsleute her, der eine Sporttasche mit seiner Lacrosse-Ausrüstung ins Haus schleppte.

»Das kommt in mein Zimmer, ganz nach oben«, sagte Brendan.

»No problemo«, antwortete der Mann, während er neugierig die Villa beäugte. Sie sah noch genauso beeindruckend aus wie vorher, außer dass der Rasen dringend gemäht werden müsste. Brendan wusste jetzt schon, wem sein Vater die ehrenvolle Aufgabe anvertrauen würde.

»Nette Hütte«, stellte der Möbelpacker fest, der eher von der gesprächigen Sorte war. »Für die meisten Leute geht es heutzutage ja eher abwärts, aber für euch scheint es ja mächtig aufwärtszugehen.«

»Wieder aufwärts«, berichtigte Brendan, als sie dem Kiesweg zum Haus folgten. Als Dr. Walker zu ihnen herüberwinkte, lächelte Brendan unschuldig und tat, als würde er dem Mann beim Tragen helfen. »Unser altes Haus sah auch so ähnlich aus.«

»Was ist passiert?«

»Ach, es gab da so einen Vorfall«, rutschte es Brendan heraus, bevor ihm klar wurde, dass er schon zu viel gesagt hatte.

»Was denn für einen Vorfall?«, hakte der Mann sofort nach. »Lass mich raten: Dein Alter hat an der Börse mit faulen Eiern gehandelt und sich erwischen lassen?«

»Nein.«

»Er war wegen Steuerhinterziehung im Knast?«

»Nein, nein …«

»Hat er etwa im Taucheranzug die Post aus dem Briefkasten geholt? Oder ist er auf dem Fahrrad nackt die Straße runtergefahren?«

Brendan fiel ihm eilig ins Wort: »Ja genau, Sie haben’s erfasst, er ist nackt Fahrrad gefahren.«

Der Mann knurrte etwas Unverständliches vor sich hin, als er merkte, dass Brendan ihn nur abwimmeln wollte. Sie waren mittlerweile in der Eingangshalle angekommen … und Brendans Gedanken wanderten zurück zu jenem Tag, der das Leben der Familie Walker verändert hatte.

Dr. Walker war ein angesehener Chirurg, ein anerkannter Spezialist für Magenbypass-Operationen. Er stand sogar kurz davor, im John Muir Medical Center eine leitende Position zu übernehmen. Doch legte er sich eines Tages zu einer kurzen Schlafpause während eines langen Schichtdienstes hin, und als er wieder aufwachte, beugte er sich gerade mit blutigem Skalpell in der Hand über einen Patienten. Auf dem Bauch des Mannes war ein rätselhaftes Zeichen in die Haut geritzt: Es sah aus wie ein Auge, in der Mitte eine Iris mit Pupille, oben und unten von einem Halbkreis umschlossen.

Nach der Schule hatte Brendan zu Hause seine Mutter und seine beiden Schwestern in Tränen aufgelöst vorgefunden. Sein Vater konnte sich an nichts erinnern. Offenbar hatte das Schlafmittel, das Dr. Walker eingenommen hatte, um etwas zur Ruhe zu kommen, ihn schlafwandeln lassen.

Der Patient hatte ihn natürlich verklagt und das Krankenhaus ihm fristlos gekündigt. Der Rechtsstreit war immer noch nicht abgeschlossen und hatte so viel Geld verschlungen, dass die Walkers ihr altes Haus und die beiden Autos verkaufen mussten. Die ganze Geschichte war so merkwürdig, so vollkommen verrückt und absurd, dass Brendan immer noch nicht glauben konnte, dass es tatsächlich passiert war, obwohl er täglich die Folgen zu spüren bekam.

»Weißt du, was, ich habe seltsame Dinge über dieses Haus gehört«, riss der Möbelpacker Brendan aus seinen Gedanken, als sie an den Familienbildern der Kristoffs vorbeikamen.

»Aha«, sagte Brendan abwesend.

»Ich hab vielleicht kein Harvard-Diplom, aber dafür hab ich verdammt gute Lauscher. Und irgendjemand hat mir geflüstert, dass auf diesem Haus ein böser Fluch lastet. Deshalb haben die früheren Besitzer es hier auch nie lange ausgehalten.«

»Sie glauben an so was? Böse Flüche?«

»In San Francisco musst du mit allem rechnen. Kein Wunder, bei all den Hippies und Gurus, die hier rumlaufen!«

Brendan brannte eine Frage auf der Zunge, doch er wusste nicht, wie er sie stellen sollte, ohne selbst verrückt zu klingen. Er zog an der Schnur und die Stiege zum Dachzimmer kam herunter.

»Wo soll das Hockeyzeug hin?«, fragte der Mann schnaufend, als sie oben angekommen waren.

»Lacrosse«, korrigierte Brendan. »Legen Sie es einfach irgendwo ab.« Der Möbelpacker stellte die Tasche neben das Fenster. »Wenn Sie sich so gut auskennen, dann wissen Sie zufällig nicht auch einen Weg, wie man so einen Fluch wieder loswird?«, fragte Brendan beiläufig.

Der Mann fand die Frage offenbar nicht verrückt. »Wenn du einen Fluch loswerden willst, musst du die Person finden, die ihn ausgesprochen hat«, erklärte er achselzuckend. Als er den Raum verließ, war Brendan in Gedanken schon wieder bei der alten Hexe.

Draußen auf dem Gehweg luden die Möbelpacker eine weiße Truhe mit Messingbeschlägen und abgerundeten Metallecken aus dem Umzugswagen. Auf das klobige Schloss hatte jemand mit einer Schablone zwei mittlerweile verblasste Initialen geschrieben: RW.

»Was ist da drin?«, wollte Cordelia wissen, die mit ihrem Vater draußen stand.

»Nur ein paar alte Familienunterlagen«, sagte Dr. Walker. »Hast du die Truhe noch nie gesehen? Die schleppe ich schon seit Jahren mit mir herum. Ins große Schlafzimmer im ersten Stock!«, wies er den Mann an.

Zwei Stunden später hatten die Walkers ihr neues Heim bezogen, obwohl sie immer noch kaum fassen konnten, dass das hier von nun an ihr Zuhause sein sollte. Da das gesamte Mobiliar im Kaufpreis enthalten war, hatten sie auch die komplette Inneneinrichtung übernommen, die noch genauso wunderbar war wie an dem Tag ihrer Besichtigung: die antiken Vasen, die mittelalterliche Ritterrüstung, der herrliche Flügel im Salon … In dieser noblen Umgebung wirkten die Habseligkeiten der Walkers irgendwie fehl am Platze, beinahe armselig. Selbst die Kiste mit Lebensmitteln, die sie aus der alten Wohnung mitgebracht hatten, passte kein bisschen in die makellose, chromblitzende Designer-Küche. Nachdem sie ihre Familie zu einem Gruppenfoto mit Selbstauslöser mit der Golden Gate Bridge im Hintergrund überredet hatte, überließ Mrs Walker die Kinder ihren eigenen Erkundungen und ging in die neue Traumküche, um Teewasser aufzusetzen. Ihr Mann hatte es sich in einer sonnigen Ecke des Wohnzimmers auf dem stilvollen Ledersessel bequem gemacht und hielt ein kleines Nickerchen.

Cordelia war gleich in die Bibliothek gelaufen, um Die wilden Horden zurückzubringen, doch zu ihrer Überraschung konnte sie im Regal nicht die kleinste Lücke mehr finden. Hatten sich die Bücher in der Zwischenzeit vermehrt? Dann eben nicht, dachte sie, legte das Buch auf den Tisch und zog einen weiteren Kristoff-Roman mit dem Titel Der Teufelsflieger aus dem Regal.

Oben auf der Galerie nahm Eleanor all ihren Mut zusammen und schlich an den unheimlichen alten Fotos vorbei und suchte nach dem Speisenaufzug, den die Maklerin bei ihrer Hausbesichtigung erwähnt hatte. Schnell hatte sie den Knopf in der Nische gefunden und zog vorsichtig daran. Das Ding klappte auf wie ein Briefkasten. Auf Zehenspitzen spähte Eleanor in einen kleinen, nach vorne geöffneten Metallkasten, der an zwei Ketten hing. Sie sahen aus wie Fahrradketten. Am liebsten wäre sie selbst hineingeklettert, um auszuprobieren, ob der Aufzug noch funktionierte, aber ihre Mutter hätte sicherlich einen Anfall bekommen. Also warf Eleanor nur ihre Puppen hinein und untersuchte, wie sie das Ding nach unten in die Küche fahren lassen konnte.

Brendan schnappte sich einen Lacrosse-Schläger und tat so, als wolle er draußen auf dem Rasen ein paar Runden trainieren. In Wahrheit wollte er jedoch nach dem steinernen Engel sehen. Vor lauter Nervosität hatte er schweißnasse Hände und hasste sich selbst dafür, als er um die Hausecke pirschte. Hier musste die Stelle sein, wo sie die Statue zum ersten Mal gesehen hatten …

Doch alles war noch genauso leer und unberührt wie in der Woche zuvor.

Der Engel, das war sie, durchfuhr es Brendan. Er wusste zwar nicht, woher dieser Gedanke plötzlich gekommen war, aber er war sich sicher, dass er recht hatte. Aber hatte dem Engel nicht die rechte Hand gefehlt? Brendan versuchte, sich zu erinnern, mit welcher Hand die alte Hexe ihn festgehalten hatte. Er hätte sein Taschengeld darauf verwettet, dass es die linke war. Als Eleanor sie entdeckt hat, muss die Alte sich in eine Steinfigur verwandelt haben, um sich vor uns zu verstecken. Das würde bedeuten, dass sie in diesem Moment überall sein konnte, ihn womöglich sogar beobachtete.

Brendans Augen wanderten über das Grundstück. Nichts regte sich und außer dem Keckern eines Eichhörnchens und dem Geräusch vorbeifahrender Autos auf der Sea Cliff Avenue blieb alles ruhig. Hier herumzustehen und in die Gegend zu starren, würde ihn auch nicht weiterbringen. Nach ein paar Minuten gab er seinen Beobachtungsposten auf und ging zurück ins Haus.

Und dort stand sie, mitten in der Eingangshalle, und plauderte mit seiner Familie.

10

Was wollen Sie hier?«, brüllte Brendan und schwang seinen Lacrosse-Schläger wie eine beidhändige Axt. »Lassen Sie meine Familie in Frieden!«

»Brendan!«, fuhr seine Mutter ihn an. »Hast du den Verstand verloren? Leg sofort den Schläger hin!«

Die Alte drehte sich zu ihm um. Statt der dreckigen Lumpen trug sie jetzt ein getupftes Kleid und dazu ein geblümtes Kopftuch. Ihre Zähne sahen frisch geputzt aus, strahlend weiß. In der linken Hand hielt sie einen Apfelkuchen, die rechte steckte in der Tasche ihres Kleides. »Stimmt etwas nicht, mein Junge? Du bist ja ganz verstört.«

Brendan knirschte mit den Zähnen und knurrte wütend: »Darauf können Sie Gift nehmen! Und jetzt lassen Sie den Kuchen fallen, nehmen die Hände über den Kopf und verlassen auf der Stelle unser Haus …«

»Brendan, gib mir den Schläger! Sofort!«, befahl sein Vater.

»Dad, die Alte ist gefährlich! Ich wette, sie hat Arsen in den Kuchen gemischt …«

»Du spielst zu viele Videospiele. Gib sofort den Schläger her!«

Sekundenlang herrschte Totenstille. Brendan holte tief Luft, dann gab er seinem Vater den Schläger.

»Und jetzt bittest du die Dame um Entschuldigung!«, verlangte seine Mutter.

Brendan schluckte und vermied es, der seltsamen Besucherin in die Augen zu sehen. »Tut mir leid«, nuschelte er.

»Das sollte dir mehr als leidtun. Du hast einen Monat Hausarrest. Was fällt dir ein, einfach andere Menschen zu bedrohen!«, schimpfte sein Vater.

»Vielleicht ist sie gar kein Mensch«, murmelte Brendan halblaut.

»Bren«, sagte Cordelia, »sie wollte sich gerade vorstellen. Sie ist unsere Nachbarin.«

»Super.«

»Ich bitte Sie, das unverschämte Benehmen meines Sohnes zu entschuldigen«, sagte Dr. Walker und lehnte den Lacrosse-Schläger an die Wand. »Brendan, geh auf dein Zimmer, wir sprechen uns noch. Mein Sohn hat uns leider unterbrochen, wie war Ihr Name, Mrs …«

»Dahlia Kristoff«, sagte die Alte. »Und machen Sie sich keine Gedanken über Ihren Sohn. Ich weiß, wie das ist mit Jungen in diesem Alter. Besonders heutzutage, bei dieser ständigen Reizüberflutung.«

»Sind Sie mit Denver Kristoff verwandt, dem Schriftsteller?«, fragte Cordelia atemlos.

»Er ist mein Vater.«

War dein Vater, korrigierte Brendan im Stillen, während er die hintere Treppe hochging, es sei denn, er ist zweihundert Jahre alt.

»Ich bin ein großer Fan von ihm«, sagte Cordelia und zeigte ihr Exemplar von Der Teufelsflieger, das sie gerade in der Bibliothek gefunden hatte.