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Schon als kleiner Junge träumte der Hamburger Rainer Trede von Afrika. Sein Großvater erzählte ihm von seinen Reisen auf den Kontinent. Nicht von ungefähr also zieht es Rainer als jungen Erwachsenen hinaus in die weite Welt. Dabei stehen die westafrikanischen Staaten Liberia und Sierra Leone im Zentrum seiner Reisen. Hier arbeitet er in den 70er und den 80er Jahren als Holzfachwirt und pendelt dabei mit wachen Augen zwischen den Kulturen der europäischen und der westafrikanischen Gesellschaften. Die Abenteuer, vor allem aber die oft kuriosen Begegnungen mit den Menschen der fremden Kulturen, faszinieren ihn. Rainer besitzt dabei das nötige Quäntchen Selbstironie, um zu wissen, dass es ihm allenfalls in seiner Fantasie zum Supermann reicht. Die Durchquerung der Sahara auf der legendären Tanezrouft-Piste kostet ihn beinahe das Leben. Sein Versuch, einen Angestellten vor einem Gericht in Sierra Leone anwaltlich zu vertreten, bringt vor allem ihn selbst in Schwierigkeiten. Dem hier vorgestellten Buch liegen die Erzählungen des Hamburgers zu Grunde; es handelt sich dabei um keine chronologische Wiedergabe der Ereignisse, sondern der Autor hat die Erlebnisse narrativ durch eine fiktive Handlung verbunden. So entsteht ein kurzweiliges Buch, das Einblicke in den Lebensalltag der Menschen in Westafrika in den 70er und 80er Jahren gibt, ohne dabei den Anspruch einer Dokumentation zu erheben.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Schon als kleiner Junge träumte der Hamburger Rainer Trede von Afrika. Sein Großvater erzählte ihm von seinen Reisen auf den Kontinent. Nicht von ungefähr also zieht es Rainer als jungen Erwachsenen hinaus in die weite Welt. Dabei stehen die westafrikanischen Staaten Liberia und Sierra Leone im Zentrum seiner Reisen. Hier arbeitet er in den 70er und den 80er Jahren als Holzfachwirt und pendelt dabei mit wachen Augen zwischen den Kulturen der europäischen und der westafrikanischen Gesellschaften. Die Abenteuer, vor allem aber die oft kuriosen Begegnungen mit den Menschen der fremden Kulturen, faszinieren ihn. Rainer besitzt dabei das nötige Quentchen Selbstironie, um zu wissen, dass es ihm allenfalls in seiner Fantasie zum Supermann reicht. Die Durchquerung der Sahara auf der legendären Tanezrouftpiste kostet ihn beinahe das Leben. Sein Versuch, einen Angestellten vor einem Gericht in Sierra Leone anwaltlich zu vertreten, bringt vor allem ihn selbst in Schwierigkeiten.
Michael Schnurr, geboren 1953 in Gütersloh, wuchs in Westfalen auf. Er studierte Geschichte (MA) in Bielefeld, volontierte bei einer Tageszeitung und arbeitete später als freier Journalist für Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen. Auslandsreisen führten ihn nach Europa, in den Nahen Osten, die USA, sowie ins nördliche und südliche Afrika. Bei dem vorliegenden Band „How di body – Abenteuer Afrika – Unterwegs auf der Tanezrouftpiste“ handelt es sich um sein drittes Buch.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nachwort
Ein schriller Schrei hebt sich empor zum Dach des tropischen Regenwaldes, verharrt dort kurz und pflanzt sich fort in jede Verästelung der Baumriesen und Lianen, die das Dach dieses Waldes zu einem undurchdringlichen Dickicht werden lassen. Es gibt kein Entrinnen, jedem Lebewesen fährt der Laut tief unter die Haut. Das tausendstimmige Konzert der Urwaldbewohner verstummt. Der Wald atmet durch. Auch der kreischende Gesang der Kettensägen, die sich durch die Leiber der Baumriesen fressen, wechselt in das monotone Geräusch leer laufender schwerer Motoren. Dann setzt die Kakophonie des Regenwaldes wieder ein, unmittelbar, hat den Schrei verschluckt und legt ihn ab ins kollektive Gedächtnis dieses grünen Universums.
Rainer fährt herum. Fassungslos beobachtet er seine Begleiterin, die sich im wirbelnden Tanz die Kleider vom Leibe reißt. Der Tropenhelm landet im Morast, die Bluse sinkt zu Boden, gefolgt vom knielangen Rock. Versteinert blicken die Waldarbeiter, dann weicht der Ausdruck, macht einem breiten Grinsen Platz. Keiner von ihnen wendet sich ab. Alle schauen zu und verfolgen den Striptease der weißen Frau im Urwald. Mit zwei Schritten ist Rainer bei ihr, hebt seine Begleiterin hoch und stellt sie einen Meter neben sich wieder auf den Boden. Gemeinsam schlagen sie auf tausende kleiner Tierchen ein, die sich über den nur noch spärlich bekleideten Körper verteilt haben. „Was ist das? Es brennt wie Feuer!“ stöhnt die gepeinigte Frau. „Du bist mitten in eine Ameisenstraße getreten, das nehmen die richtig übel.“ Rainer sammelt Bluse, Tropenhelm und Rock aus dem Morast auf und schlägt sie notdürftig aus. „Zieh das wieder an, jetzt sind die Ameisen draußen. Dann können die Arbeiter auch wieder ihren Job machen!“ Die Frau funkelt Rainer an: „Mitleid kennst du wohl gar nicht, oder?“ „Doch, aber im Urwald muss man schon genau hinschauen, wo man hintritt. Die Ameisenbisse brennen, aber sie sind ungefährlich.“ Die Frau wendet sich ab und streift die Kleidungsstücke über. „Schau dir doch mal meine Bluse an, die krieg ich nie wieder sauber!“ klagt sie, doch Rainer ist schon unterwegs zu den Waldarbeitern, die sich wieder ihrer Arbeit zugewendet haben.
Der 35jährige kommt an diesem Tag nicht zum ersten Mal zu der Überzeugung, dass es keine gute Idee gewesen war, die Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft in Monrovia zur Dschungelexkursion einzuladen. „Ich bin jetzt schon sechs Monate im Land und war noch nie draußen im Urwald“, hatte sie ihm einige Tage zuvor in der liberianischen Hauptstadt ihr Leid geklagt. Rainer hatte nicht lange gezögert und der Deutschen angeboten, ihn zum nächsten Projekttreffen im Norden des Landes zu begleiten. Als sie aber an diesem Morgen in seinen Geländewagen gestiegen war, hatten ihn die ersten leichten Zweifel beschlichen, ob er eine weise Entscheidung getroffen hatte. In diesem tropischen Klima, in dem eigentlich jedes Stück Stoff auf dem Leib zu viel ist, gehorcht die Kleiderordnung der Notwendigkeit. Getragen wird, was zweckdienlich ist. Vor allem aber robust: ein Paar feste Schuhe und Strümpfe, eine kurze, reißfeste Hose und ein ebensolches Hemd nebst Hut. Seine Begleiterin hatte die Fahrt in den Urwald aber offensichtlich mit einem Ausflug auf die Mönckebergstraße in Hamburg verwechselt. Sie trug an diesem Morgen einen hellen, knielangen Seidenrock und helle, knöchelhohe Schuhe aus Leinen in gleicher Farbe. Auch ihre darauf abgestimmte, eng anliegende Bluse gehörte eher in ein Café an der Außenalster und der khakifarbene Pullover, den sie geschickt auf ihre Schultern drapiert hatte, würde die nächste halbe Stunde wohl kaum überstehen. Woher der cremefarbene Tropenhelm war, ganz im Trend des englischen Kolonialstils des vergangenen Jahrhunderts, blieb Rainer ein Rätsel. Aber die Frau hatte Geschmack und sah gut aus, das musste er ihr neidlos zugestehen. Nur leider hatte sie offensichtlich kein Gespür dafür, wo sie welche Kleidungsstücke tragen sollte. Rainer hatte sich auf die gemeinsame Exkursion, die über 100 Kilometer tief in den liberianischen Urwald führen würde, gefreut. Seine Begleiterin war Wissenschaftlerin, besaß einen Doktor in Soziologie und verfügte als Botschaftsangehörige über eine breite Allgemeinbildung. Rainer, selbst promovierter Holzwirt, hatte in Liberia im Auftrag der Bundesregierung ein großes forstwirtschaftliches Projekt zu leiten. Kontakte zur Botschaft konnten ihm dabei immer nützlich sein, auch wenn diese Frau sich gerade eben womöglich als Fehlgriff erwies: Es roch nach Ärger, nach jeder Menge Ärger.
„Ich heiße Festus.“ Rainers Fahrer reichte dem Gast die Hand zum Gruß. „Gaby. Im Busch duzen sich wohl alle“, erwiderte die Frau schnippisch. Die Deutsche drückte dem Einheimischen ihre Tasche aus hellem Rindsleder in die Hand, der sie wortlos auf der Rückbank verstaute. Dann kletterte sie wie selbst verständlich auf den Beifahrersitz. Rainer hatte die Begrüßung verfolgt und beschloss spontan, auf das Spiel einzugehen. Sollte Gabriele doch zeigen, was sie drauf hat. Mit den Worten: „Du navigierst!“ reichte er ihr die Karte ins Auto und nahm dann neben der Reisetasche im Font des Allrad-Fahrzeugs Platz. „Wieso stellt dein Fahrer die Tasche nicht in den Kofferraum? So ist sie doch jederzeit zu sehen und kann gestohlen werden?“ „Im Kofferraum befinden sich Lebensmittel sowie zwei Reserveräder, eine Rolle Drahtgeflecht, Spaten und zwei große Behälter mit Trinkwasser. Ich kann deine Tasche gerne dazu stellen, aber am Ende der Fahrt wirst du sie nicht wieder erkennen“, bot Festus an. Rainer riss sich zusammen und bemerkte nur: „Auf der Strecke, die wir nehmen, klaut keiner.“ Damit war das Thema für ihn erledigt. Der liberianische Fahrer arbeitete jetzt seit einem halben Jahr für Rainer und hatte sich in dieser Zeit als überaus zuverlässig und kompetent erwiesen. Festus gehörte den Kru an, einer von 16 im Land vertretenen Volksgruppen, die durch ihre technischen Fertigkeiten bekannt waren und die vor allem über Jahrhunderte als Matrosen auf der Westafrikaroute gute Dienste geleistet hatten. Rainer vertraute dem Liberianer mittlerweile blind. Der kleine, rundliche Mann mit den lustigen Augen war immer für einen Spaß zu haben und würde der Deutschen sicher Paroli bieten können.
Der Kru fädelte den Wagen in den Strom aus verbeulten Autos ein. Neben dem neuen Fahrzeug, einem Lada Niva, wirkten die anderen Fahrzeuge nun noch klappriger als vorher. Trotz der frühen Morgenstunde war es im Auto schon unangenehm warm. Im feuchten tropischen Klima bildeten sich auf der Haut der Fahrzeuginsassen schnell kleine Schweißperlen. Als Festus, um die kleine Brise des Fahrtwindes zu nutzen, sein Fenster hinunter kurbelte, kam es zum nächsten Streit. „Dann kann dein Fahrer auch gleich die Klimaanlage ausschalten“, maulte Gaby. „Festus! Was ist mit der Klimaanlage?“, wendete sich Rainer daraufhin scheinbar genervt an seinen Fahrer. Der blickte ihn einen Moment lang fragend durch den Rückspiegel an, dann begriff er: „Verkauft!“ „Verkauft?“ „Ja, Mister, ich musste mich entscheiden, Klimaanlage oder Ersatzrad, für beides war nicht Platz im Auto.“ „So ein Blödsinn!“ Gaby wollte es nicht glauben. „Die Klimaanlage nimmt doch keinen Platz im Kofferraum weg!“ „Nein, das Ersatzrad auch nicht, das ist draußen dran geschraubt“, grinste Festus. Als Gaby den Kru verständnislos anstarrte, begann Rainer zu lachen: „Gaby, das Auto hat gar keine Klimaanlage. Deshalb fahren wir mit offenen Fenstern, so lange es geht.“ „Witzbolde. Da kriegen wir doch blitzschnell `ne Erkältung“, so schnell wollte Gaby nicht klein beigeben. „In Liberia erkälten sich die Europäer immer, weil sie nicht schwitzen wollen und deshalb pausenlos von klimatisierten Räumen in das tropische Klima wechseln“, erwiderte Rainer und Festus pflichtete seinem Chef bei: „Hier gehört Schwitzen zum Alltag. Wer nicht schwitzen will, sollte besser gar nicht hierher kommen.“ Daraufhin zog Gaby es vor, angesichts der männlichen Übermacht zu schweigen.
Bald hatten die drei das Zentrum verlassen. Die vor ihnen liegenden 100 Kilometer Straße stellten viele Herausforderungen an das Auto, aber auch an seine Insassen. Die Verhältnisse waren nicht mit denen in Deutschland zu vergleichen. Schon in Monrovia fanden sich nur wenig geteerte Wege, die einzige gut ausgebaute Straße verband in diesen Tagen den Flughafen mit dem Präsidentenpalast. Außerhalb der Stadt versank während der Regenzeit alles in Morast und auch jetzt, am Ende der ohnehin kurzen Trockenzeit, tropfte morgens bei einer Luftfeuchtigkeit von fast 90 Prozent das Niederschlagswasser von den Blättern der Bäume. Die Straße in den Norden würde von tiefen Schlaglöchern übersät sein und Rainer vermutete, dass sie bei guter Fahrt etwa zwei bis drei Stunden bis zum Projektstandort benötigen würden.
Die Reise begann mit dem üblichen Ritual und der ersten Prüfung für Gaby. Am Roadblock an der Ausfallstraße kontrollierte der Polizist auffällig langsam das Fahrzeug und seine drei Insassen. Dann blickte er die Europäerin auf dem Beifahrersitz ausdruckslos an und erklärte: „Ich muss Ihren Pass einbehalten.“ „Wieso?“ „Da fehlt ein Stempel.“ Gaby wähnte sich in ihrem Element, von dem sowieso korrupten Polizisten würde sie sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen. „Geben Sie sofort meinen Pass heraus. Wie Sie sehen, bin ich Diplomatin und Sie werden eine Menge Ärger bekommen, wenn Sie mich nicht sofort passieren lassen!“ „Diplomaten interessieren mich nicht. Hier fehlt ein Stempel. Ohne den reisen Sie nirgendwo hin!“ „Das ist doch wohl unverfroren. Der Pass ist in Ordnung. Wer ist ihr Vorgesetzter?“ Rainer hatte die Auseinandersetzung schweigend verfolgt, jetzt schaltete er sich ein. „Sir!“ Er reichte dem Polizisten wortlos seinen Pass aus dem Font nach vorne durch das Beifahrerfenster. Der Mann schlug das Dokument auf, salutierte und fragte: „Kennen Sie diesen Mann?“ „Ja, er ist ein Freund von mir“. „Fahren Sie!“ Ehe sie es sich versahen, hatten Rainer und Gaby ihre Pässe zurück und Festus konnte Gas geben.
„Was war das denn für ein Voodoo, Voodoo?“ wollte Gaby wissen. „Ist wohl dein erster Auslandseinsatz auf diesem Kontinent?“ Rainer reichte ihr wortlos seinen Pass. Der Ausweis enthielt neben seiner Visitenkarte, die ihn als Doktor auswies, ein Foto. Es zeigte den Deutschen mit dem derzeitigen Präsidenten des Landes, William Richard Tolbert Jr., wie beide Hände schüttelnd in die Kamera lachten. „Das zieht immer. Alle meine Mitarbeiter haben dieses Foto im Pass liegen, jeweils mit ihrem eigenen Konterfei. Ein pfiffi-ger Kollege hat in dem ursprünglichen Foto meinen Kopf jeweils durch den Kopf eines meiner Mitarbeiter ersetzt. Das fällt gar nicht auf und ist viel wirkungsvoller als Geldscheine. Wir kommen so durch jede Polizeisperre. Mit den Polizisten streiten nutzt gar nichts, das macht die Lage nur komplizierter.“
Wie erwartet, schloss sich an diese Offenbarung eine längere Grundsatzdiskussion über Protektionismus und Korruption an. Festus lenkte den Wagen derweil zunächst aus der Stadt heraus vorbei an baufälligen Gebäuden im amerikanischen Kolonialstil. Dann folgte er der Ausfallstraße, die sich durch eine die Hauptstadt umgebende Sumpflandschaft schlängelte, um zur etwa 400 Meter über dem Meeresspiegel liegenden, vom Regenwald überzogenen Hochebene hinaufzusteigen. Schnell wurde aus der brüchigen Teereine rotbraune Sandstraße, die nur eine Fahrt im zweiten Gang zuließ. Festus manövrierte das Auto gekonnt um die tiefen Schlaglöcher herum und wich dabei immer wieder entgegenkommenden Last- und Personenwagen aus, die ebenfalls ihren Weg über die Sandpiste suchten und bemüht waren einen Achsbruch zu vermeiden. „Wann hört das denn endlich mal auf?“, fragte Gaby schließlich und unterbrach damit die Erzählung Rainers, der ihr mittlerweile sein Projekt im Norden Liberias schilderte, wo seine Firma im Auftrag der Bundesregierung Wirtschaftshilfe beim Aufbau eines holzverarbeitenden Industriebetriebes leistete. „Gar nicht! Die Straßen sind hier so!“ Rainer lehnte sich nach vorne, um auf die Straße zu blicken. „Schlimmer wird es nicht“, ergänzte er dann und registrierte mit einem Lächeln, dass das dezente Parfüm seiner Mitreisenden längst dem üblichen leichten Schweißgeruch gewichen war, den hier alle verströmten.
Nach gut zweistündiger Fahrt lenkte Festus den Wagen schließlich an den Straßenrand und kletterte aus der Kabine. „Endstation! Von hier aus müsst ihr laufen.“ „Laufen? Wohin?“ Gaby blickte mit ihren großen, schönen Augen auf die vor ihr liegende undurchdringlich wirkende Blätterwand, die rechts und links entlang der Piste jedem Eindringling zu trotzen schien. „Hier links rein, in den Wald. Jetzt beginnt das eigentliche Abenteuer.“ Rainer drückte die Blätter und Büsche auseinander, dahinter öffnete sich ein Weg, der sich in der Ferne unter den riesigen Baumstämmen aus Mahagoniholz verlor. „Da soll ich rein? Was ist mit Schlangen?“ „Ja, die leben hier. Aber das ist alles ganz harmlos. Die sind längst verschwunden, wenn wir kommen. Wir müssen nur fest genug auftreten. Einfach genau vor Dich schauen, dann geht das schon“, instruierte Rainer seine Begleiterin. Vor die Wahl gestellt, mit Festus eine Stunde im Auto zu warten oder Rainer zu begleiten, entschied sich Gaby für die zweite Möglichkeit. Doch nun – kurz vor Erreichen der Erntefläche, auf der die Waldarbeiter das wertvolle Holz einschlugen – hatte sie die Ameisenstraße übersehen und Bekanntschaft mit den kleinen Lebewesen machen dürfen.
Während Rainer mit dem Vorarbeiter sprach und Instruktionen erteilte, blieb Gaby sicherheitshalber ganz in seiner Nähe. Eine Ameisenstraße am Tag reichte ihr. Zurück am Auto, erklärte Rainer der Frau, die ihm mittlerweile schon etwas Leid tat: „In einer halben Stunde kommen wir zur der Siedlung, in deren Nähe das Holzwerk errichtet wird. Nach der Besprechung geht es dann heimwärts.“ Als sie die aus traditionellen Rundhütten errichtete Siedlung erreicht hatten, suchte Rainer zunächst den dortigen Chief auf. Sie befanden sich im Gebiet des Volksstammes der Belle. Rainer hätte sich grob unhöflich verhalten, wenn er direkt zu seinen Männern gegangen wäre. Die traditionellen Führer besitzen hier, wie in vielen anderen afrikanischen Staaten üblich, großen Einfluss. Wer vor Ort etwas erreichen will, stellt sich besser gut mit ihnen. In Liberia herrschte in diesen Tagen noch unbehelligt eine kreolische Oberschicht, deren Repräsentant Präsident William Richard Tolbert Jr. war. Dieser Elite, die rund fünf Prozent der Bevölkerung ausmachte, stand eine breite Schicht meist bitterarmer Menschen unterschiedlicher Ethnien gegenüber. 1822 hatte die American Colonization Society den Küstenstreifen gekauft, der von den Portugiesen nur oberflächlich besucht und dann als Pfefferküste bezeichnet worden war. Diese Gesellschaft weißer US-Amerikaner hatte in Liberia freigelassene ehemalige Sklaven angesiedelt und sich damit gleichzeitig selbst zu Kolonialherren erhoben. Zu Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges hatten in Liberia rund 12.000 Afro-Amerikaner gelebt, die zu einer schwarzen Elite herangewachsen waren. In ihren Haushalten wohnten Kinder und Jugendliche aus der indigenen Bevölkerung, die eng an die kreolische Oberschicht gebunden wurden. Das seit mehr als 100 Jahren funktionierende Patronage-System hatte allerdings in den vergangenen Monaten einige Risse bekommen. Tolbert hatte in Monrovia auf die Teilnehmer einer Demonstration gegen steigende Reispreise schießen und dabei 70 Menschen umbringen lassen. Seither kam das Land nicht mehr zur Ruhe. Hier draußen im Urwald war von den Konflikten in der Hauptstadt allerdings nichts zu spüren.
Als Rainer schließlich vom fast einstündigen Palaver und dem anschließenden Treffen mit seinen Mitarbeitern zum Auto zurückkommt, wurde er von Gaby und Festus sehnsüchtig erwartet. „Wir kriegen Regen und sollten schleunigst machen, dass wir nach Hause kommen“, schickte Festus einen Blick gegen den tief wolkenverhangenen Himmel. Wolken waren in Liberia zwar nichts Ungewöhnliches, Sonnenstunden eher selten. Aber in der Trockenzeit blieben im tropischen Liberia wenigsten die sturzbachartigen Regenfälle aus, welche die Straßen in Sekundenschnelle in Morast und Rutschbahnen verwandeln konnten. „Dann nichts wie los, das kann jetzt eine etwas unangenehme Tour werden, halte dich fest!“, meint Rainer, der sich dieses Mal neben seinen Fahrer setzt. Gaby schickt sich widerspruchslos in ihre Verbannung auf die Rückbank.
