Verlag: Amrun Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

How to be happy 1: Liliennächte E-Book

Kim Leopold  

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E-Book-Beschreibung How to be happy 1: Liliennächte - Kim Leopold

Eine romantische Geschichte über Neuanfänge, durchwachte Nächte in New York City und die wahre Bedeutung von Freundschaft, Familie und der großen Liebe. Hast du je drüber nachgedacht, einen Neuanfang zu wagen? Nach dem Tod ihrer Mutter sieht sich die 19-jährige Lilian gezwungen, von Deutschland zu ihrem fremden Vater nach New York zu ziehen. In einer WG mit Jamie, dem Nerd mit Schokoladenaugen, und Ash, dem verletzlichen Draufgänger, merkt sie allerdings, dass sie genau das braucht: Ein neues Leben. Zwischen Sonnenaufgängen und Tänzen bei Kerzenschein findet sie ihre Freude wieder - und die große Liebe. Jedoch ändert sich alles, als sie feststellt, dass nicht nur ihre Mitbewohner, sondern auch ihr Vater ein großes Geheimnis hüten. Liliennächte ist der erste Teil einer New Adult Buchreihe, die dich glücklich machen wird! Alle Bücher der How to be happy-Reihe lassen sich unabhängig voneinander lesen! Weitere Bücher der romantischen How to be happy-Reihe für junge Erwachsene: How to be happy 1: Liliennächte How to be happy 2: Ascheblüte How to be happy 3: Vergissmeinnicht How to be happy 4: Winterrose Die Welt, wie ich sie kannte (E-Short) Außerdem von Kim Leopold Black Heart Serie Bleiben einzig und allein wir Hundert minus einen Tag Leserstimmen Von der ersten Seite an bin ich in die Geschichte eingetaucht, habe sie förmlich verschlungen. Habe mich in die Charaktere hinein versetzt und mitgelitten, mitgelacht, mitgefiebert und mich mitverliebt. Eine Geschichte, die nur das Leben schreiben kann. Da kann keine noch so gut gemachte Hollywood-Story mithalten. Die Autorin hat hier eine wundervolle Liebesgeschichte erschaffen, die von den "kleinen, besonderen Momenten" lebt. Kim Leopold hat nicht nur eine wunderschöne Liebesgeschichte geschrieben, sondern auch ein Buch über Trauer, Familie, Freundschaft, Vertrauen und Loyalität. Mit ihrer flüssigen und angenehmen Schreibweise nimmt sie den Leser von der ersten Seite an gefangen. Sie hat intensive und interessante Charaktere geschaffen, so dass der Leser in die Geschichte eintaucht und mit Lilian trauert und sich freut, mit Ash verzweifelt, und mit Jamie um die Menschen kämpft, die ihm wichtig sind.

Meinungen über das E-Book How to be happy 1: Liliennächte - Kim Leopold

E-Book-Leseprobe How to be happy 1: Liliennächte - Kim Leopold

How to be happy 1

Lilien

NÄCHTE

Kim Leopold

© 2017 Amrûn Verlag

Jürgen Eglseer, Traunstein

Covergestaltung: Kim Leopold, ungecovert - Buchcover und mehr

Endlektorat & Korrektorat: Tatjana Weichel, Wortfinesse

Skyline © Yvonne von Allmen

Aracne Condensed © Antipixel and

© YouWorkForThem www.youworkforthem.com

Magnolia Sky © Stereotype

Alle Rechte vorbehalten

ISBN – 978-3-95869-551-1

Besuchen Sie unsere Webseite:

amrun-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Epilog

FÜR MEINE TREUEN LESER!

Kapitel 1

»Bist du sicher, dass du alleine klarkommst?«, fragt der Mann, der mir so viel vertrauter sein sollte, als er es in Wahrheit ist. Ich gebe ihm die gleiche Antwort wie auch schon die fünfzig Mal zuvor.

»Natürlich. Mir geht es gut.« Das ist zwar eine Lüge, aber das muss er ja nicht unbedingt wissen. Warum sollte ich ihn ausgerechnet jetzt an meinem Gefühlsleben teilhaben lassen? In den letzten neunzehn Jahren hatte er schließlich auch Wichtigeres zu tun.

Wir halten vor einem großen, roten Backsteingebäude in der Wohngegend Morningside Heights im oberen Teil von Manhattan. Auf der Straße parken ein paar ältere Autos, die Bürgersteige sind voll mit jungen Menschen, die wahrscheinlich alle an der Columbia Universität studieren.

Ich löse meinen Gurt, bevor mein Vater Gregory den Wagen überhaupt ausstellen kann. Ich kann es kaum erwarten, wieder allein zu sein.

»Ich glaube nicht, dass ich hier einen Parkplatz finde.« Er zuckt entschuldigend die Achseln.

»Macht nichts, Dad«, erwidere ich. Es fühlt sich immer noch komisch an, ihn so zu nennen.

Ich öffne die Tür, um auszusteigen und mein Gepäck aus dem Kofferraum des Geländewagens zu holen. Er ist ausgestiegen, um mir dabei zu helfen. Mein Koffer ist riesig und schwer, weil ich so viele Erinnerungen hineingequetscht habe, dass ich am Flughafen auch noch jede Menge Geld für Übergepäck zahlen musste. Aber das war es mir wert, denn ich hätte es nicht verkraftet, etwas davon zurückzulassen.

»Du meldest dich bei mir, wenn du etwas brauchst?«

Ich schaue den Mann an, der mir so fremd ist. Auf alten Bildern trug er Shorts und T-Shirts, heute trägt er einen feinen Anzug und edle Schuhe. Alles an ihm ist so anders. Er wirkt so ... wichtig.

»Wir sehen uns doch in ein paar Tagen wieder«, erwidere ich und schaue zum Hauseingang, aus dem gerade eine Blondine mit weißen Shorts, High Heels und pinkem Top kommt. Instinktiv bete ich, es handle sich bei ihr nicht um Ash oder Jamie. Aber sie wirft mir nur einen kurzen Blick zu, bevor sie ihr Handy aus der Hosentasche zieht und sich Kopfhörer in die Ohren steckt.

»Danke fürs Abholen.« Ich probiere ein Lächeln, welches sich irgendwie falsch anfühlt. Dann deute ich auf die Autos, die sich hinter seinem allmählich aufstauen. »Du solltest jetzt besser fahren. Ich komme alleine klar.«

»Bist du sicher?« Er runzelt besorgt die Stirn.

Ich kann mir ein kurzes Schnauben nicht verkneifen. »Das habe ich die letzten Monate schließlich auch geschafft.«

Am liebsten würde ich mir sofort auf die Zunge beißen, aber Dad hebt resignierend die Hände und beeilt sich, in sein Auto einzusteigen. Ich bin wohl nicht die Einzige, die sich an ein neues Familienmitglied gewöhnen muss.

Ich schaue ihm nach und presse die Hand auf meinen Bauch, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Was erwartet er denn auch? Nach so langer Zeit werde ich ihm bestimmt nicht freudestrahlend um den Hals fallen. Dazu bedarf es schon mehr als ein paar netter Worte und eines Haufen Geldes.

Seufzend ziehe ich den Koffer hinter mir her und suche die richtigen Namen auf dem Klingelschild. Den Nachnamen nach zu urteilen werde ich nicht die einzige Ausländerin sein, die hier wohnt, und das erleichtert mich ungemein.

Zwischen zahlreichen Namen entdecke ich sie schließlich: Parker/Williams.

Mit schneller klopfendem Herzen drücke ich auf die Klingel und warte gespannt. Es summt und ich drücke die Tür auf. Sofort umfängt mich ein Schwall kalter Luft. Klimaanlage. Daran werde ich mich wohl erst noch gewöhnen müssen.

Irgendwie schaffe ich es, meinen Koffer durch die Haustür zu ziehen, ohne dass die Tür wieder zufällt, und stehe in einem Treppenhaus, in dem sich glücklicherweise ein Aufzug befindet. Während ich darauf warte, ziehe ich den Zettel aus meiner Hosentasche, auf dem das Stockwerk und die Wohnungsnummer steht.

Die Wohnung liegt im obersten Stockwerk des Gebäudes und hat eine eigene Küche und ein Bad. Meine beiden Mitbewohnerinnen Ash und Jamie müssen aus reichen Familien kommen, denn das Leben in New York City ist wahnsinnig teuer. Im Gegensatz zu ihnen muss ich mich erst noch daran gewöhnen, dass ich nun dem wohlhabenden Teil meiner Familie angehöre, denn plötzlich scheint es meinem Dad nicht mehr so schwerzufallen, mir ein mehr als großzügiges Taschengeld zu spendieren.

Die Fahrstuhltüren gleiten auf und ich zerre meinen Koffer aus der engen Kabine. Dabei fahre ich mir mit den Rollen beinahe selbst über den Fuß und bleibe mehrfach hängen.

Als ich das Lachen in meinem Rücken wahrnehme, höre ich auf, an meinem Koffer zu zerren und drehe mich ertappt um. Zwei Typen lehnen lässig gegen das Treppengeländer und beobachten meine Bemühungen. Der eine ist groß und muskulös, mit dunklem Haar und blauen Augen. Wenn ich tippen müsste, würde ich sagen, er ist ein Draufgänger.

Der andere ist das komplette Gegenteil. Er hat braunes Haar und braune, sanfte Augen, die hinter einer großen, nerdigen Brille versteckt sind.

Sein T-Shirt trägt die Aufschrift I don’t work here, die ich mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis nehme.

In ihre beiden Gesichter steht die Überraschung geschrieben.

»Stimmt was nicht?«, frage ich, als sie nichts sagen.

Dann räuspert sich der Nerd. »Rose?«

»Rose?«, wiederhole ich verwirrt. Was will er denn jetzt mit einer Rose? »Nein, danke.«

Erst im nächsten Moment geht mir auf, dass er mich scheinbar verwechselt. »Ich meine: Nein, mein Name ist Lilian Jones. Ich bin neu hier.«

Wenn das überhaupt möglich ist, sehen die beiden nun noch überraschter aus. Der Nerd schüttelt seine Erstarrung zuerst ab. Der Draufgänger blickt mich immer noch verwirrt an.

»Das ist ein Scherz, oder?«, fragt er mit gerunzelter Stirn. Ich öffne den Mund, aber mir fällt nichts ein, was ich darauf erwidern könnte.

Der Draufgänger schüttelt mit dem Kopf und stößt dem Nerd seinen Ellbogen in die Rippen, bevor er ihm etwas ins Ohr flüstert. Daraufhin schüttelt der Nerd sich, als würde er seinen Gedanken loswerden wollen und kommt auf mich zu. Sein Blick gleitet prüfend an mir herab.

Ich verschränke unsicher die Arme vor der Brust.

»Ich bin Jamie«, erklärt er. »Und das ist Ash. Herzlich Willkommen, Lilian.«

Kapitel 2

Männer. Und dann auch noch zwei davon. Sofort denke ich an leere, gammelige Pizzakartons, Videospiele, die mich mit jedem Schuss aus dem Schlaf reißen, schmutzige Toilettenränder, weil Männer doch immer im Stehen pinkeln, und herumfliegende Bartstoppeln, weil sie nach dem Rasieren nicht über den Waschbeckenrand wischen.

Das kann ich nicht. Nie im Leben ziehe ich hier ein.

Mittlerweile haben Ash und Jamie wohl verstanden, dass ich tatsächlich geglaubt habe, ich würde in eine Frauen-WG ziehen, denn sie fangen an, dämlich zu grinsen. Ihre anfängliche Überraschung haben sie überwunden. Ich hingegen frage mich immer noch, wieso sie mich so verwirrt angestarrt haben.

»Das hast du echt gedacht, oder?«, hakt Jamie ungläubig nach und schiebt seine Brille mit dem Zeigefinger wieder etwas nach oben. Als ich daraufhin nicke, gackern die beiden los, als wären sie tatsächlich eher Frauen.

»Das ist nicht witzig«, schimpfe ich, als ich meine Stimme wiedergefunden habe. Doch da haben sich die beiden schon meinen Koffer geschnappt und zerren ihn durch den Flur. Widerwillig folge ich ihnen.

Ich kann mir die Wohnung ja wenigstens mal ansehen. Das verpflichtet mich ja nicht zum Einzug. Hinterher kann ich immer noch Dad anrufen und ihn bitten, mich abzuholen und dann ...

Ja, was dann? Dann ziehe ich bei ihm ein?

Ich weiß nicht, was die bessere Alternative ist.

»Wie du geglaubt haben kannst, Ash und Jamie wären Mädchennamen«, lacht Ash gerade. »Ashton und James klingen doch wohl wirklich nicht weiblich.«

»Aber ...«

»Außerdem hast du dich doch auf eine gemischte WG beworben. Hast du das etwa übersehen?« Jamie bleibt vor einer Tür stehen. »Nun ja, jetzt bist du ja hier. Wir haben Nudeln vorbereitet. Du hast doch Hunger, oder?«

»Ehh ...«

Jamie zieht eine Schlüsselkarte durch den dafür vorgesehenen Schlitz. Kurz darauf ertönt ein Piepen und er drückt die Klinke herunter.

»Ja«, setze ich schnell hinterher. Sie schieben mich durch die Tür. Sofort werde ich von einem markanten, männlichen Duft umhüllt. »Ja, ich habe Hunger.«

Ash schließt die Tür hinter uns, während Jamie mich durch den geräumigen Flur in ein großes Wohn- und Esszimmer führt. Immerhin ist es aufgeräumt und sauber, denke ich, während ich meine Handtasche auf das Sofa fallen lasse und mich umsehe.

Tatsächlich ist es sogar fast gemütlich hier. Das Sofa ist aus braunem Wildleder und hat eine Ecke, in der sich blaue und grüne Kissen stapeln. An der Wand dahinter hängt ein abstraktes Bild, dessen Motiv ich auf den ersten Blick nicht erkennen kann. Die Farben grün und blau finden sich auf dem rustikalen Holztisch in Form von Tischsets wieder. Selbst die Vorhänge sind aus einem sanften, meerblauen Stoff.

Ich fühle mich gleich geborgen und das überrascht mich. Es scheint fast, als wäre hier eine Frau am Werk gewesen.

Meine Gedanken werden jedoch abgelenkt, als mein Blick aus dem riesigen Fenster auf den Balkon fällt, von dem aus man die Wolkenkratzer der anderen Stadtteile sehen kann. Es muss toll sein, jeden Morgen bei dieser Aussicht zu frühstücken.

Kurz lasse ich den Gedanken zu, dass das durchaus meine Aussicht am Morgen sein könnte.

Als ich ans Fenster trete, stelle ich fest, dass der Balkon überhaupt nicht genutzt wird. Zumindest stehen dort keine Stühle oder sonst irgendetwas, was darauf schließen lassen würde. Sofort erblühen in mir die wildesten Phantasien, wie man ihm über diesen trostlosen Zustand hinweghelfen könnte.

Die Idee schüttle ich schnell wieder ab. Mit Sicherheit werde ich hier nicht einziehen. Ich bin doch nicht verrückt. Im Fernsehen funktioniert so etwas vielleicht, aber im echten Leben?

Ich meine, wie soll ich das denn meinem Dad erklären? Welcher Dad sieht seine Tochter schon gerne in einer Wohnung mit Männern?

Hey Dad ... ja, mir geht’s super. Ash und Jamie sind total nett ... ja, sie sind übrigens Jungs ... ach, das stört dich? Wieso das denn?

»Lilian?« Ash schnipst vor meinem Gesicht und reißt mich aus den Gedanken. Ich setze ein Lächeln auf, von dem ich ganz genau weiß, wie schrecklich es aussieht. Seine blauen Augen funkeln belustigt, bis ich aus einem Impuls heraus die Zunge ausstrecke und sein schäbiges Grinsen zu einem echten Lachen wird.

»Willst du die anderen Räume sehen?«, fragt er.

»Klar.« Ich drehe mich um und mein Blick fällt auf das Highlight in diesem Zimmer, welches eindeutig der große Flachbildschirm ist. In dem Schränkchen darunter befindet sich eine beachtliche Konsolen- und Spielesammlung.

Habe ich’s doch gewusst.

Ich folge Ash aus dem Raum in die kleine, helle Küche, in der sich Jamie gerade am Herd zu schaffen macht. Er schaut zu uns, als wir den Raum betreten und genau in diesem Augenblick kochen die Nudeln über. Er flucht und wedelt mit der Hand über dem Topf, als ob das etwas bringen würde.

Bevor ich darüber nachdenken kann, eile ich zu ihm, drehe die Herdplatte etwas herunter und rühre in dem Topf. Die Nudeln kleben bereits am Boden fest.

Mir entfährt ein Seufzen. Die Idee mit den gemeinsamen Kochabenden kann ich wohl wieder verwerfen.

»Das ist nicht schlimm«, sagt Jamie. Er nimmt die beschlagene Brille ab und putzt die Gläser mit dem Saum seines T-Shirts, während er mir ein unschuldiges Lächeln zuwirft.

Ich kneife die Brauen zusammen.

»Wir essen unsere Nudeln immer so, nicht wahr, Ash?«

»Das ist nicht dein Ernst.« Ich reiße die Augen auf und wedle mit dem Kochlöffel, so dass er ein Stück vom Herd zurückweichen muss. Dabei fällt ihm beinahe seine Brille herunter.

»Das«, ich deute auf die Nudelmasse, »schmeißt du jetzt in den Müll und dann koche ich uns etwas Vernünftiges.«

Stirnrunzelnd schaut er mich an, dann seine Nudelmatsche und dann zuckt er mit den Achseln und nimmt den Topf vom Herd. »Ist vielleicht besser so.«

Oh ja, ganz bestimmt.

»Lass mich dir erst noch den Rest zeigen«, erklärt Ash, der das Chaos mit belustigter Miene beobachtet hat. Er stößt sich vom Türrahmen ab und leitet mich aus dem Raum in den Flur, aus dem mein Koffer bereits verschwunden ist.

Er führt mich in ein helles Badezimmer. Durch das geöffnete Fenster dringt das Leben der Stadt zu uns hinauf.

Ich werfe einen prüfenden Blick auf die Toilette und die große Duschwanne, doch es scheint, als hätten die Jungs tatsächlich geputzt, bevor ich gekommen bin. Von den beiden Waschbecken haben sie bereits eins für mich leergeräumt.

Anerkennend nicke ich Ash zu.

»Ist es hier immer so ...« Ich breche den Satz ab, weil mir die Frage plötzlich unverschämt vorkommt.

»Nett? Gut aufgeräumt? Sauber?«, schlägt er mit einem Grinsen vor. Mit seinen dunklen Augenbrauen und dem markanten Kinn könnte er genauso gut Model sein. »Keine Sorge, wir sind ordentlich.«

»Daran habe ich gar nicht gedacht«, sage ich eilig und werde noch röter. Er betrachtet mich einen Moment prüfend, bis ich schließlich nervös den Blick abwende.

Dann zuckt er mit den Achseln. »Wenn das so ist ... Das ist dann also dein Waschbecken. Aber komm bloß nicht auf die Idee, das Bad morgens stundenlang zu belagern.«

Hatte ich nicht vor, denke ich und frage mich, wie sauer sie sind, wenn ich doch nicht einziehe.

Ash zeigt mir auch mein Zimmer, das laut der Beschreibung das Kleinste sein soll, aber dafür ist es hübsch und hell und bietet einen fantastischen Ausblick über die Gebäude der Columbia Universität, die nicht weit von uns entfernt liegen.

Als wir nun im Raum stehen, packt mich das schlechte Gewissen und jagt mir einen eiskalten Schauer über den Rücken.

Meine bestellten Möbel sind bereits aufgebaut und mein Koffer liegt auf der brandneuen Matratze.

Bereit zum Einzug.

»Habt ihr das gemacht?«, frage ich heiser und gehe ein paar Schritte weiter in den Raum. Gerührt presse ich die Lippen zusammen und lasse meine Hand über die Schreibtischplatte gleiten. Nicht weinen, ermahne ich mich, als ich den Kloß in meinem Hals spüre. Erst, als ich meine Gefühle wieder einigermaßen unter Kontrolle habe, drehe ich mich um.

Ash sieht mich einen Augenblick schweigend an, bis ich die Tränen in meinen Augen brennen spüre. Dann verzieht er die Lippen zu einem verschmitzten Grinsen. »Na klar, wir wissen doch, dass Frauen so etwas nicht können.«

»Sehr witzig«, erwidere ich, aber das Blitzen in seinen Augen sagt mir, dass er nur mit mir spielt.

Er dreht sich um und öffnet den geräumigen Wandkleiderschrank, um ihn mir zu zeigen. Erleichtert über den Stimmungswechsel wische ich mir über die Wangen und atme tief durch, bevor ich nähertrete und den Kleiderschrank betrachte. Plötzlich fällt es mir nicht schwer, mir auszumalen, wie das Zimmer einmal aussehen könnte, wenn ich erst damit fertig bin.

Nach meinem Zimmer zeigt er mir noch die Türen zu den anderen beiden Räumen, welche mir allerdings vorerst verschlossen bleiben. Am Ende des Flurs gibt es noch eine kleine Abstellkammer, in der sich hauptsächlich Putzzeug befindet.

»Wäsche wird am Ende des Flurs gewaschen, einen kleinen Kellerraum gibt es auch für jede Wohnung«, erklärt mir Ash, als wir wieder in die Küche gehen, in der Jamie alles herausgelegt hat, was ich irgendwie zum Kochen gebrauchen könnte. Er ist immer noch damit beschäftigt, die Nudelreste aus dem Topf zu kratzen, doch als wir den Raum betreten, gibt er auf und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn.

Ich lächle ihm aufmunternd zu, nehme ihm den Topf ab und lasse etwas heißes Wasser hineinlaufen, damit sich die Nudelreste besser vom Boden lösen. Dann nehme ich einen neuen Topf und beginne zu kochen. Nudeln, Eier und Ketchup sind alles, was ich brauche, um unseren Hunger zu stillen.

Die beiden Jungs setzen sich auf die Hocker, die vor dem Küchenfenster stehen und beobachten mich dabei. Als ich jetzt in ihre ausgehungerten Gesichter sehe, bin ich der Ansicht, sie könnten ganz dringend ein bisschen mehr Weiblichkeit in ihrem Leben gebrauchen. Ich meine, bei so viel Freundlichkeit kann ich unmöglich sofort wieder verschwinden. Ich muss ihnen doch wenigstens eine Chance geben.

Ich ignoriere also das ziehende Gefühl in meinem Bauch, ignoriere die Dinge, die ich über Männer zu wissen geglaubt habe, und beschließe, dass es an der Zeit ist, meinem Leben etwas mehr Mut einzuhauchen.

Ich werde bleiben.

Kapitel 3

Vergiss mich nie. Ich habe es ihr versprochen und doch kommt es mir so vor, als würde dieses Versprechen Stück für Stück auseinanderfallen. Zunächst geschieht es vollkommen unauffällig. Erst vergesse ich, wie sich ihre Umarmung anfühlt, dann vergesse ich, wie ihre Hände ausgesehen haben, während sie den Abwasch gemacht hat, und jetzt, jetzt stecke ich meine Nase in ihren Pulli und vergesse, wie sie riecht, weil der Duft ihres Parfüms längst verflogen und mein Gedächtnis ein Sieb ist, durch das meine Erinnerung wie feiner Sand rieselt.

Ich sitze auf meinem Bett, die Beine an den Oberkörper gezogen und mit den Armen umschlungen, eine Faust habe ich um ihren Pulli geballt, den ich immer wieder an meine Nase hebe, um vergeblich daran zu schnuppern. Ich bin müde, ausgelaugt von den Geschehnissen der letzten Woche, von den Tränen, die nicht versiegen wollen, und nicht zuletzt dem anstrengenden Flug, aber trotzdem bin ich so ruhelos, dass ich einfach nicht einschlafen kann.

Meine Mitbewohner sitzen im Wohnzimmer und spielen ein Konsolenspiel. Immer wieder höre ich leise Schüsse, abgewechselt von Triumphrufen oder entsetzten Ausrufen, wenn ihr Held gerade wieder ein Leben verloren hat. So wie es sich anhört, hängen sie schon seit Stunden an der gleichen Stelle fest und kommen einfach nicht weiter.

Irgendwo unter mir hört jemand gedämpfte Musik und die Klimaanlage in meinem Zimmer macht ungewohnte Geräusche, die mich jedes Mal zusammenzucken lassen. Alle paar Minuten knackt und knattert sie, als würde darin ein kleiner Hauself elend verenden.

Als ich noch klein war, hat mir meine Mutter immer Geschichten erzählt, wenn ich nicht einschlafen konnte. Sie hat sie sich selbst ausgedacht und erzählte von tapferen Märchenprinzessinnen in gebauschten Kleidern, von Prinzen, die so heldenhaft waren, dass sie ihr Leben für die Liebe geben würden, von Drachen und Feen und all den anderen märchenhaften Wesen.

Die Märchen, die sie erzählt hat, waren ganz allein meine. Ich habe sie in mein Herz geschlossen, habe sie gut versteckt vor der Außenwelt, um mich in den dunkleren Stunden an sie zu erinnern.

Vor ein paar Monaten habe ich sie mal gefragt, wieso sie nie ein Buch geschrieben hat. Sie hat mich angelächelt, als wäre ich das unschuldigste Kind auf dieser Welt. Als hätte ich keine Ahnung von den Wahrheiten, die da draußen auf mich warten. Ihr Gesicht wirkte so bleich gegen das blaue Kissen und trotzdem habe ich immer noch darauf gewartet, dass sie jemand retten würde.

Ich bin kein Schreiber, hat sie geantwortet. Willst du wissen, was ich daran liebe, Geschichten zu erzählen?

Ich habe mich weiter vorgebeugt, als sie nach meiner Hand gegriffen hat. Ihre Finger waren eiskalt, als sie mich in ihr Geheimnis einweihte.

Ich liebe die Flüchtigkeit meiner Worte. Ich liebe es, wenn sich diese Worte auf meinen Lippen bilden und zu Sätzen werden, wenn sich diese Sätze zu Geschichten verbinden, die man nur ein einziges Mal auf diese Art und Weise hören kann. Ich liebe die Erinnerung an eine gute Geschichte und die Möglichkeit, sich diese immer wieder neu auszudenken. Sie steht nicht fest, sie ist so wandelbar, dass sie immer wieder neu ist.

Ein erneutes Triumphgeschrei der beiden Jungs reißt mich zurück in die Gegenwart. Heiße Tränen brennen auf meinen Wangen, der Pulli meiner Mutter ist so durchnässt, dass ich aufstehe und ihn zum Trocknen über meinen Schreibtischstuhl hänge.

Er riecht sowieso nicht mehr nach ihr.

Trotzdem bringe ich es nicht übers Herz, ihn zu waschen. Allein der Gedanke daran kommt mir vor, als würde ich versuchen, sie aus meiner Erinnerung zu löschen. Vergiss mich nie. Ihre letzten Worte, Stunden, bevor sie schließlich gestorben ist, als ob sie bereits gewusst hat, dass es bald soweit sein werde. Und ich, ich ...

Nein. Diesen Teil meines Lebens habe ich zurückgelassen.

Seufzend öffne ich die Tür einen Spaltbreit und werfe einen Blick auf den Flur, bevor ich mich hinaustraue. Ash und Jamie sind immer noch im Wohnzimmer, sodass ich unbemerkt ins Badezimmer gelange.

Dort wasche ich mir das Gesicht und trockne es mit einem harten Handtuch ab. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass ich geweint habe. Meine Augen sind rot gerändert, meine Wangen haben alle Farbe verloren und meine Nase ist knallrot.

Ausgerechnet in diesem Moment geht die Tür auf, weil ich nicht abgeschlossen habe. Ertappt springe ich zur Seite und bevor ich ihn aufhalten kann, entweicht mir ein erschrockener Laut.

»Ro... Lilian?«

Jamie steht in der Tür, sein zerknülltes T-Shirt in der Hand und die Hose bereits geöffnet.

»Ich ... äh ... ich ...«, stottere ich und alles, was ich sehe, sind die winzigen Comicfiguren auf seinen Boxershorts. »Ich ...«

»Alles in Ordnung?«, fragt er schließlich und ich zwinge mich, in sein Gesicht zu schauen. Er trägt keine Brille mehr, sondern kneift die Augen zusammen, weil er scheinbar blind wie ein Fisch ist, wenn er sie nicht trägt. Mein Blick wandert wie magisch angezogen wieder über seinen überraschend trainierten Oberkörper zu seiner offenen Hose. Mein Kopf will die Verbindung zwischen »Nerd« und »Muskeln« einfach nicht herstellen.

»Ja, ich, äh ...« Oh Gott, hör doch auf, so dummes Zeug zu faseln, ermahne ich mich wütend und klappe den Mund zu.

Endlich merkt Jamie auch etwas, denn er schaut erst mich verblüfft an und dann folgt er meinem Blick zu seiner geöffneten Hose.

»Superman ...«, murmelt er verlegen, bevor er den Reißverschluss schließt und sich rasch das Shirt überzieht. »Sorry, ich muss mich erst wieder dran gewöhnen, dass ein Mädchen bei uns wohnt.«

Ich reibe mir durchs Gesicht. So allmählich spüre ich, wie die Hitze meine Wangen verlässt und ich wieder klar denken kann. Das letzte Mal, dass ich so viel nackte Haut bei einem Jungen gesehen habe, ist schon etwas länger her.

»Hey, hast du geweint?« Jamie macht ein paar Schritte auf mich zu, sein Gesicht gezeichnet von Sorgenfalten. Er zögert einen Moment, dann hebt er die Hand und drückt meine Schulter. »Lust auf eine heiße Schokolade?«

»Heiße Schokolade?« Ich reiße überrascht die Augen auf. »Ist das dein Ernst?«

Er zuckt mit den Achseln und verzieht die Lippen zu einem neckischen Lächeln.

»Weißt du denn, wie man so etwas macht, ohne die Milch anbrennen zu lassen?«

Auf seinem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus. »So sicher, wie ich Nudeln kochen kann.«

Wir lachen beide, bis ich schließlich seufzend nachgebe. Jamie schaut mich abwartend an und da ich sowieso nicht einschlafen kann, ist eine heiße Tasse Kakao sicher eine gute Idee. Mich in den Schlaf weinen kann ich später immer noch.

»Also gut. Ich zeig dir, wie man heiße Schokolade macht.«

Kapitel 4

In der Küche schaut Jamie mir über die Schulter, während ich Milch aufkoche. Ich weiß nicht, ob sein Interesse geheuchelt oder echt ist, aber es ist mir auch egal. Hauptsache, ich kann mich ablenken.

»Du kommst also echt aus Deutschland?«, fragt Jamie neugierig. »Bist du da vorher auf die Universität gegangen?«

»Nein, ich bin dort noch zur Schule gegangen. Ich habe vor einem Jahr mein Abitur gemacht.« Dass ich mein Kunststudium im ersten Semester abgebrochen habe, weil meine Mutter krank geworden ist, verrate ich ihm nicht. »Aber ja, jetzt starte ich hier mit dem College.«

Um an der Columbia Universität zugelassen zu werden, benötige ich einen College-Abschluss.

»Die Columbia Universität und das dazugehörige College gehören zu den Besten in den Staaten«, erklärt Jamie nicht ohne Stolz.

Ich lache bitter auf. »Ich schätze, deswegen schickt mein Dad mich hierhin.«

»Du scheinst ihn nicht besonders zu mögen.«

»Dafür kenne ich ihn nicht gut genug«, erwidere ich gleichgültig und richte meinen Blick konzentriert auf die Milch, die allmählich heiß wird. Schweigend rühre ich und versuche, nicht zu sehr darüber nachzudenken, dass ich bis auf meine Tante Theresa eigentlich keinen Menschen mehr habe, der mir wirklich nahesteht.

»Ich gehe auch noch aufs College.«

Dankbar für seine Ablenkung greife ich das Thema wieder auf. »Aber du bist kein Freshman, oder?«

»Senior.« Er grinst mich an. »Nächstes Jahr werde ich wahrscheinlich auf die Business School wechseln.«

Ich betrachte ihn. Die Schokoladenaugen sind wieder hinter seiner Brille verschwunden und er trägt immer noch das nerdige T-Shirt. Er sieht definitiv nicht so aus, als würde er einmal Chef werden wollen.

»Du siehst überrascht aus.« Er grinst mich breit an.

»Nur ein bisschen«, erwidere ich und imitiere sein strahlendes Gesicht, bevor ich das Kakaopulver in die Milch gebe und verrühre.

Jamie reicht mir zwei große Tassen und ich gieße den Kakao vorsichtig hinein. Dann gehen wir ins Wohnzimmer und setzen uns auf die Couch.

Unsicher stelle ich meine dampfende Tasse auf dem Couchtisch ab und beobachte, wie Jamie es mir gleichtut.

Nach dem Spielen haben sie alles wieder aufgeräumt, also sind sie scheinbar echt ordentlich oder sie wollen mich nicht gleich verschrecken. Es ist wirklich süß, wie viel Mühe die beiden sich geben.

Als ich zu Jamie sehe, stelle ich überrascht fest, dass er mich neugierig betrachtet.

»Alles okay?«, frage ich.

Er schaut mir ertappt in die Augen. Sein Gesichtsausdruck ist so witzig, dass ich plötzlich lachen muss und ihn damit anstecke. Das Lachen steht ihm unglaublich gut.

»Du erinnerst mich nur an jemanden«, gesteht er schließlich.

»Rose?«

Das Lächeln entgleitet ihm für einen kurzen Augenblick, bevor er es wieder richtet. Aber jetzt erreicht es seine Augen nicht mehr. »Ist lange her.«

Er hebt seine Tasse und trinkt einen Schluck, um nicht weiter darüber reden zu müssen. Ich zucke zusammen, als er den Kakao fluchend wieder in die Tasse spuckt.

»Heiß!«, schimpft er und stellt die Tasse mit einem Knall wieder auf den Tisch. »Vorsichtig!«

»Danke für die Warnung.« Ich unterdrücke ein Lachen. »Ist ja auch gekocht und nicht gezaubert.«

Er wirft mir einen gespielt bösen Blick zu, bis ich schließlich doch lachen muss. Er stimmt mit ein.

»Wer ist Rose?«, frage ich nach.

»Eine alte Bekannte«, erwidert er ausweichend.

Stirnrunzelnd betrachte ich ihn, bis mir klar wird, dass er nicht mehr dazu sagen wird.

»Also, was habt ihr Jungs den ganzen Abend gespielt?«, frage ich, um unser Gespräch weiterzutreiben.

»Ash fängt dieses Semester mit seiner Abschlussarbeit an«, erklärt er. »Er soll mit einer Gruppe ein Spiel entwickeln und sucht im Moment noch nach Inspiration für die Story. Deshalb spielen wir gerade alle möglichen Spiele.«

Überrascht verziehe ich die Lippen. »Ist er sowas wie ein Spieleentwickler?«

»Eigentlich studiert er Screenwriting undDirecting.«

»Cool.« Bewundernd nicke ich. Verrückt, was man alles studieren kann.

Wir schweigen einen Moment, während ich versuche, mir Ashs Studiengang vorzustellen. Zwischendurch fliegt mein Blick immer mal wieder zu Jamie, der ihn lächelnd auffängt und mich so lange anschaut, bis ich mich mit heißen Wangen wieder abwende. Flirtet er mit mir? Oder versucht er einfach nur nett zu sein?

»Also, willst du mir erzählen, was los ist? Ich mein, wir kennen uns kaum, aber ... es ist ja niemand da, der ... du weißt schon.« Er zuckt hilflos mit den Achseln. »Was ich damit sagen will: Ich habe immer ein offenes Ohr.«

»Danke«, flüstere ich und schenke ihm ein Lächeln. »Du hast keine Ahnung, wie viel mir das bedeutet.«

Er erwidert mein Lächeln und wechselt das Thema, offensichtlich merkt er, dass ich noch nicht bereit dazu bin, über meine Vergangenheit zu sprechen.

Es ist erstaunlich, wie leicht uns das Gespräch fällt und wie wenig Probleme ich damit habe, mich nur auf Englisch zu unterhalten. Wir reden über das Studium und über die Wohnung. Ich frage ihn über Ash und über seine anderen Freunde aus, die er mir irgendwann vorstellen will.

Dann erzählt er mir von seinem jüngeren Bruder Toby, der eine Spinne als Haustier hält und genauso aussieht wie Jamie.

Ihm erzähle ich von meinen Comic-Zeichnungen und meiner Schulzeit in Deutschland, aber als er das Thema auf meine Familie lenken will, drehe ich den Spieß um und quetsche ihn zu seinen geheimen Hobbys aus. Ich habe keine Lust, die gute Stimmung mit Geschichten über meine zweisprachige, zerbrochene Familie zunichte zu machen.

Er erzählt, dass er ein absoluter Fan von guten Konsolenspielen ist, zum Abschalten gerne zum Kickboxen geht und eine gewaltige Comic-Sammlung hat.

»Die meisten Frauen finden das nicht so cool, wenn man mit dreiundzwanzig immer noch Comics sammelt«, meint er mit einem verlegenen Grinsen. »Vor allem können sie nicht verstehen, wieso sie manche Hefte nicht anfassen dürfen.«

Ich lache. »Du reißt mir sicher den Kopf ab, wenn ich dir jetzt erzähle, dass ich meine ganzen Comics weggeworfen habe, bevor ich hergezogen bin.«

»Das ist nicht dein Ernst!«, ruft er laut.

Ich verziehe die Lippen. »Ich musste. Ich hatte nicht genug Zeit, um einen Käufer zu finden, und mitnehmen konnte ich sie nicht.«

Um ehrlich zu sein, finde ich es mittlerweile nicht einmal mehr so schlimm, dass ich mich von meinem ganzen Zeug trennen musste. Im Gegenteil, ich fühle mich erleichtert, so als wäre ich von einem unglaublichen Ballast befreit worden. Jetzt fühlt es sich so an, als hätte ich die Möglichkeit, mich neu zu erfinden. Ich könnte mir neue Hobbys aussuchen, Freunde finden, die denen aus meiner Heimat nicht ähnlich sind, oder auf Partys gehen, die ich früher fast nie besucht habe.

Ich bin frei.

Neugeboren.

»Worüber denkst du nach?« Jamie reißt mich aus meinen Gedanken und mustert mich neugierig. Seine Schokoladenaugen haben bestimmt schon einigen Frauen den Kopf verdreht.

»Ich weiß nicht«, beginne ich. »Früher hatte ich immer einen genauen Plan von meinem Leben. Ich wusste genau, was ich wollte. Aber jetzt ... Jetzt ist alles anders. Dinge, von denen ich gedacht habe, dass sie mich mein Leben lang begleiten würden, sind plötzlich weg. Ich habe enge Freunde zurückgelassen, die mich in ein paar Monaten vergessen werden.«

Ich lasse meinen Blick durch den Raum gleiten, während ich über meine Worte nachdenke. Die Einzigen, die sich wirklich noch für mich interessieren, sind meine Tante Theresa und meine Oma, die mit jedem Tag mehr vergisst.

Jamie antwortet nicht, weil er spürt, dass ich noch nicht fertig bin. Er ist ein genauso guter Zuhörer wie Redner.

»Jetzt gibt es plötzlich wieder tausend Möglichkeiten. Ich kann jemand ganz anderes werden. Ich kann ein ganz neues Leben führen.«

Jetzt, wo ich es ausgesprochen habe, traue ich mich nicht, ihn anzuschauen, aus Angst, er könnte über meine Gedanken lachen. Aber dann spüre ich seine Hand auf meiner, warm und einladend.

»Ich weiß nicht, was du erlebt hast«, sagt er leise. »Aber ich bin mir sicher, dass es einen guten Grund gibt, warum du hier bist. Und du wirst sicher das Beste daraus machen.«

Er drückt meine Hand. Ich atme tief ein und schaue ihm dann lächelnd in die Augen. »Danke.«

Für eine Weile sitzen wir schweigend da und werfen uns immer mal wieder Blicke zu. Das Schweigen ist ein Schweigen der angenehmen Art. Jeder von uns hängt seinen eigenen Gedanken nach. Es ist fast, als hätten sich zwei verlorene Seelen getroffen, um eine schlaflose Nacht miteinander zu verbringen.

»Hey«, sagt er plötzlich. »Soll ich dir den Campus zeigen?«

»Jetzt?« Überrascht blicke ich auf. Mitten in der Nacht durch New Yorks Straßen zu schlendern hört sich nicht gerade nach einer sicheren Idee an.

»Klar.« Jamie zieht sein Handy aus der Hosentasche und blickt auf die Uhr. »In zwei Stunden geht die Sonne auf. Wir können der Stadt beim Aufwachen zusehen.«

Kapitel 5

Mit einer dünnen Strickjacke ausgestattet, lasse ich mich von Jamie durch Morningside Heights führen. Unser Apartment liegt nicht weit vom Campus entfernt und so führt uns der Weg zuerst dorthin.

Als wir den großzügigen Innenhof des Geländes erreichen, ist es ein Leichtes, mir die Bänke und Treppenstufen gefüllt mit Studenten vorzustellen.

Bewundernd betrachte ich das große, zentrale Gebäude, das aussieht wie ein griechischer Tempel mit einer riesigen Kuppel.

»Das ist die Low Library«, erklärt Jamie. »Allerdings gibt es dort keine Bücher mehr. Stattdessen finden dort regelmäßig Veranstaltungen statt und im Rest des Gebäudes sind Büroräume untergebracht.«

Er deutet reihum auf die anderen Gebäude und erklärt mir, was wo untergebracht ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich bereits am Montagmorgen alles wieder vergessen habe.

»Das große Gebäude dahinten ist das College. Dort finden die meisten Kurse statt«, erklärt er, während wir über den großen Platz schlendern. Hier ist fast alles an einem Ort. Es kann also nicht so schwer sein, sich zurechtzufinden. »Von unserem Apartment aus braucht man höchstens fünfzehn Minuten, bis man im Kurs sitzt.«

Wir setzen uns auf eine der Bänke und genießen die frische, abgekühlte Luft. Es ist jedoch immer noch warm genug, um ohne Jacke draußen zu sitzen, obwohl in ein paar Tagen schon der September beginnt.

»Weißt du schon, welches Hauptfach du belegen möchtest?«, fragt Jamie und lehnt sich zurück. Mit ausgestreckten Beinen schaut er in den Himmel.

»Ehrlich gesagt habe ich noch keine Ahnung.« So ist es für mich ein Segen, dass ich im ersten Jahr sowieso allgemeine Kurse belegen muss und mich noch nicht auf ein Fach festlegen muss. »Der Wechsel kam eher ... überraschend.«

Er schaut mich an und wartet auf eine Erklärung, die ich ihm nun wohl oder übel geben sollte. Immerhin habe ich ihn neugierig gemacht.

»Eigentlich wäre ich in Deutschland geblieben«, sage ich leise. »Aber dann ist meine Mutter gestorben.«

Jamie flucht und fährt sich durch die Haare.

»Mir blieb nichts anderes übrig, als hierher zu ziehen. Bei meiner Tante Theresa war nicht genügend Platz und eine eigene Bleibe konnte ich mir nicht leisten, ohne die Unterstützung meines Dads. Er wollte, dass ich zu ihm komme.« Ich denke darüber nach, das Thema zu wechseln. Ich habe schon so viele Tränen vergossen, schon so sehr unter dem Verlust gelitten, dass ich hier eigentlich gar nicht mehr darüber reden wollte. Ich wollte vergessen. Nicht erinnert werden.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Wer weiß das schon?« Ich lache trocken auf. »Lass uns lieber über etwas anderes reden.«

Ich stehe auf und tue so, als würde ich seinen mitleidigen Blick nicht sehen. Ich hasse diesen Blick. Alle schauen mich so an, wenn sie wissen, was passiert ist. Für alle bin ich das Mädchen, das seine Mutter viel zu früh verloren hat.

»Wusstest du, dass die Columbia Universität die fünftälteste Universität der Vereinigten Staaten ist?«

Verwirrt schaue ich zu Jamie, der mittlerweile aufgestanden ist und mit seiner Hand eine ausschweifende Bewegung macht.

Mit allem habe ich gerechnet, aber nicht damit, dass er so schnell auf ein anderes Thema kommt. Die meisten wollen erst wissen, was passiert ist.

Dankbar ergreife ich seinen Themenwechsel und schüttle den Kopf.

»Oh ja.« Er grinst mich an. »Sie wurde 1754 als King’s College gegründet und lag früher noch in einem anderen Teil von Manhattan. Heutzutage haben schon über siebzig Absolventen einen Nobelpreis bekommen. Kaum vorstellbar, oder?«

»Über siebzig?«, hake ich ungläubig nach.

Jamie nickt bedeutsam. »An der Columbia Universität haben schon jede Menge wichtige Menschen studiert.«

»Wahnsinn.« Ich hoffe, mein Dad macht sich nicht zu große Hoffnungen, dass aus mir irgendwann eine große Persönlichkeit wird. Im Moment fühle ich mich eher, als würde ich nicht hierher gehören. Wie viel er wohl bezahlen musste, um mich unter die Elite Amerikas zu schleusen?

»Und du? Strebst du auch den Nobelpreis an?«, frage ich, während Jamie mich vom Campus führt.

Er fährt sich durchs Haar und grinst mich verlegen über den Rand seiner Brille an. »Mein Dad hätte das wohl gerne, aber ich glaube nicht, dass ich fleißig genug dafür bin.«

»Wer weiß.« Ich zwinkere ihm zu. »Vielleicht entdeckst du ja zufällig irgendetwas ganz Wichtiges.«

Er lacht und wir biegen um die nächste Kurve. Die Hochhäuser weichen einem weiteren Ausblick über ein Parkgelände, in dessen Mitte eine Kathedrale thront.

»Wow.« Wie angewurzelt bleibe ich stehen und betrachte das Gebäude, das sich majestätisch über den Bäumen erhebt. Im Hintergrund taucht der Morgen den Himmel in ein sanftes Rosa und verleiht dem Moment ein nahezu göttliches Gefühl.

»Ich präsentiere: St. John the Divine«, flüstert Jamie.

»Wow«, sage ich nochmal und lasse meinen Blick über die verschiedenen Tore und Fenster gleiten, um die Schönheit in mich aufzunehmen. »Können wir rein?«

»Würdest du gerne?« Jamie beobachtet mich mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen. »Ich glaube, es ist noch nicht geöffnet. Aber wenn du möchtest, kommen wir an einem anderen Tag wieder.«

Ich nicke. »Das wäre toll.«

Mein Bauch kribbelt vor Aufregung, wie ich es schon eine Weile nicht mehr gespürt habe, als ich diesen jungen Mann neben mir anschaue. Er erwidert meinen Blick mit seinen Schokoladenaugen und diesem ehrlichen Lächeln und ich habe das Gefühl, dass meine Zeit hier vielleicht gar nicht so übel wird, wie ich gedacht habe.

Vielleicht kann ich mit seiner Hilfe lernen zu vergessen und ein neues Leben beginnen.

Sein Lächeln bricht zu einem nervösen Lachen aus, weil keiner von uns etwas sagt. Ich spüre, wie mein Puls zu rasen beginnt und Endorphine meinen Körper durchströmen. Doch bevor einer von uns den Mund aufmachen kann, reißt uns das Hupen eines Taxis aus dem Moment.

Ich sehe mich verlegen um und stelle fest, dass die Stadt in den letzten Minuten aufgewacht ist. Hier und da laufen plötzlich Menschen, die Straßen füllen sich allmählich mit Autos und die Stadt bekommt einen ganz neuen Soundtrack.

»Wie wäre es mit Tacos?«, fragt Jamie. Überrascht ziehe ich eine Braue hoch.

»Ich habe echt Kohldampf und ich kenne ein tolles Restaurant, das rund um die Uhr geöffnet hat«, erklärt er. »Außerdem muss ich dir unbedingt erzählen, welchen Dozenten du besser aus dem Weg gehst.«

Ich lege die Hand auf meinen knurrenden Magen und lache. »Tacos zum Frühstück sind super.«

Kapitel 6

Es gibt Nächte, die möchte man am liebsten aus seiner Erinnerung radieren, sobald die Sonne aufgeht.

Es gibt jedoch auch Nächte, die man in sein Herz einschließen möchte, damit sie niemals verloren gehen. Solche von der Art, die einem ein leises Lächeln auf die Lippen zaubern, wenn man daran zurückdenkt.

Das sind die Nächte, die man nicht mit Worten beschreiben kann, nur mit Gefühlen. Und als mir Jamie nun die Tür öffnet, damit ich unsere Wohnung betreten kann, fühle ich mich, als hätten wir ein gemeinsames Geheimnis, das uns niemals genommen werden kann.

In der Wohnung ist es still. Das einzige Geräusch kommt von der laufenden Klimaanlage, die uns in eine kühle Brise hüllt. Die Sonne steht noch tief. Ihre goldenen Strahlen leuchten durch das große Balkonfenster, so dass alles in einen traumhaften Glanz getaucht ist.

»Ich glaube, es wird Zeit fürs Bett«, stelle ich fest, als Jamie sich gähnend die Schuhe auszieht. Ich streife meine Sandalen ab und lecke mir über die Lippen. Sie schmecken leicht salzig von den Tacos, aber ich habe keine Lust, jetzt noch meine Zähne zu putzen.

Jamie begleitet mich bis zu meiner Zimmertür, weil sie auf dem Weg zu seiner liegt. Ich lege meine Hand an den Türknauf und halte inne. Das hier fühlt sich an, als würden wir nach einem Date nach Hause kommen, als müsste ich ihn jetzt fragen, ob er noch auf einen Kaffee mit hineinkommen möchte. Ich schüttle den Gedanken ab und bedanke mich bei ihm dafür, dass er sich mit mir eine schlaflose Nacht um die Ohren geschlagen hat.

Er winkt ab. »Immer wieder gerne.«

Er sieht müde aus und trotzdem schenkt er mir eins von diesen Lächeln, die das Herz erwärmen und einfach nur ansteckend sind. Ich grinse zurück.

»Schlaf gut, Lily.«

Lily. Mein Herz macht einen Satz.

»Schlaf du auch gut.«

Verlegen reibt er sich mit der Hand durchs Haar, bevor er mir noch einmal zulächelt und sich umdreht. Ich mache ein paar Schritte ins Zimmer und linse ihm hinterher. So sehe ich noch, wie er sich das T-Shirt im Gehen abstreift und erhasche einen kurzen Blick auf seinen gebräunten Rücken.

Bevor er mich erwischen kann, verschwinde ich jedoch in meinem Zimmer und lasse mich angezogen aufs Bett fallen. Zum ersten Mal seit Wochen denke ich vor dem Einschlafen nicht an meine Mutter, sondern male mir mein neues Leben in dieser Wohnung aus.

Am Nachmittag beschließe ich, dass es Zeit für einige Besorgungen wird. Ich durchsuche die komplette Küche, aber die Vorräte, die ich finde, sind entweder abgelaufen oder so gut wie leer. Einige Sachen werfe ich in den Müll, dann schreibe ich eine Einkaufsliste. Ich teile sie auf in Sachen, die ich für die nächsten Tage benötige, und Dinge, die wir besser mit dem Auto holen.

Jamie schläft noch, von Ash habe ich seit dem Morgen noch keinen Mucks gehört. Wer weiß, ob er überhaupt da ist. Vielleicht hat er die Wohnung heute morgen auch schon früh verlassen. Ich schnappe mir meinen Rucksack, zwei Tragetaschen und meine brandneuen Schlüssel, dann verlasse ich die Wohnung.

Dieses Mal nehme ich die Treppe. Ich will gerade um die Ecke biegen, als ich - RUMMS - gegen etwas pralle und mit einem quietschenden Schrei zu Boden gehe. Den Hintern stoße ich mir an einer Treppenstufe an, so dass ich einen lauten Fluch ausstoße. Sofort schaue ich mich nach dem Übeltäter um.

»Rose?«

»Was?«, frage ich benommen. »Nein!«

Wieso denken alle, ich wäre Rose?

Blinzelnd schaue ich zu dem Kerl, in den ich hineingelaufen bin. Er sieht gut aus. Dunkelblondes Haar, leicht gebräunt, ein typischer Sportler, dem vollgeschwitzten T-Shirt und der Shorts nach zu urteilen. Offensichtlich kommt er gerade vom Training.

Er hockt sich neben mich, um sich zu vergewissern, dass ich mir nichts getan habe.

»Entschuldige, ich habe dich wohl verwechselt.«

»Da bist du nicht der Erste«, erwidere ich und ergreife die Hand, die er mir hinstreckt, um mich hochzuziehen. »Ich bin Lilian.«

»Liam.«

»Freut mich, dich kennenzulernen.« Ich lächle ihm aufrichtig zu. »Und tut mir leid, dass ich dich über den Haufen gerannt habe. Ich hoffe, ich habe dir nicht wehgetan.«

»Du mir?« Er lacht. »Keine Sorge, dazu braucht es schon etwas mehr.«

Verlegen streiche ich mir die Haare hinters Ohr.

»Bist du gerade erst eingezogen?«, fragt er neugierig.

Ich nicke. »Ja, ich wohne bei Jamie und Ash. Also, falls du die beiden kennst.«

»Und ob ich die beiden kenne. Gefällt dir dein neues Zimmer? Hat ja lange keiner mehr drin gewohnt.«

»Wie meinst du das?«

»Na ja, nach der Sache hat es ziemlich lange gedauert, bis die beiden sich wieder dazu entschlossen haben, das Zimmer zu vermieten.« Er zuckt mit den Achseln. »Aber irgendwann macht jeder weiter.«

Ich runzle die Stirn, weil ich keinen blassen Schimmer habe, wovon er redet. »Welche Sache meinst du?«

»Oh, das erzählen die beiden dir besser selbst.« Seine blauen Augen glitzern geheimnisvoll. »Verrat mir lieber, ob ich dich morgen Abend auf der Semesteranfangsparty sehe.«

Überrascht öffne ich den Mund.

»Ich ...« Kurz überlege ich, ihn weiter auszuquetschen, aber es wirkt nicht so, als würde er mir mehr erzählen. Also widme ich mich lieber seiner Einladung, die ich im ersten Moment ausschlagen will. »Klar. Wieso eigentlich nicht?«, sage ich aber dann.

Wenn ich die Wohnung nicht verlasse, kann ich keine neuen Freundschaften schließen. Fernsehen oder mich mit einem Comic im Bett verkriechen kann ich auch an jedem anderen Abend.

»Perfekt.« Er streckt eine Hand aus und legt sie an meine Schulter. Seine Berührung jagt einen Blitz durch meinen Körper und sorgt dafür, dass mein Herz losgaloppiert. »Dann kann einem tollen Abend ja jetzt nichts mehr im Wege stehen.«

Sofort steigt mir Hitze in die Wangen. Seine Hand liegt immer noch auf meiner Schulter und er drückt leicht zu. Dabei schaut er mir tief in die Augen.

Mir wird schwindelig.

»Bis morgen Abend, Lilian.«

»Ja«, hauche ich. Dann ist er weg und ich stehe da wie ein Vollidiot, grinsend über beide Wangen und mit wackligen Beinen. Erst, als ein anderes Mädchen die Treppen hinunterkommt, schüttle ich mich ins Hier und Jetzt zurück und steige verlegen die Treppen herab, um endlich einkaufen zu gehen.

Kapitel 7

Beim Einkaufen kann ich mich kaum auf die ganzen neuen Verpackungen und unbekannten Lebensmittel konzentrieren, weil ich in Gedanken immer noch bei Liam bin. Kann es denn möglich sein, dass ich gleich in der ersten Woche an meinem neuen Wohnort drei Kerle kennenlerne, die wirklich nett sind?

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob bei Liam wirklich nur Freundlichkeit im Spiel war. Die Art, wie er meine Schulter berührt hat und mir in die Augen gesehen hat ... das fühlte sich an, als hätte er Interesse an mir.

Ich unterdrücke ein kindisches Lächeln und lege noch zwei Tafeln Schokolade in den Einkaufswagen, bevor ich ihn zur Kasse schiebe.

Dort begrüßt mich eine Frau in meinem Alter mit einem strahlenden Lächeln. Ich komme nicht umhin, ihr lila Haar anzustarren, das sie in einem Bob trägt, der den 20er Jahren alle Ehre machen könnte. Auch ihr Lidstrich ist so perfekt geschwungen, dass man neidisch werden könnte.

Während sie in aller Ruhe meine Einkäufe über die Kasse zieht, verwickelt sie mich in ein Gespräch.

»Du bist neu, oder?«, fragt sie.

Ich nicke. »Woher weißt du das?«

»Hm, du siehst noch ein bisschen verloren aus. Und ich meine, sieh dir mal deine Einkäufe an. Wenn es mir dein Akzent nicht schon verraten würde, würde ich spätestens jetzt wissen, dass du nicht mal aus Amerika kommst. Du kaufst so ziemlich das ein, was die Leute kaufen, wenn sie zum ersten Mal hier sind.«

Beschämt schaue ich in meinen Einkaufswagen. Pop Tarts, Twinkies, Root Beer, Cheerios – und noch jede Menge Dinge mehr, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe und die mich quasi angefleht haben, mitgenommen zu werden.

Wahrscheinlich hat sie recht. Nur Touristen kaufen so ein.

»Mach dir nichts daraus«, zwitschert sie fröhlich und deutet auf die Tafel Schokolade mit Karamellfüllung. »Die ist echt gut.«

Wir grinsen uns verschwörerisch an und sie stellt sich als Keira vor. »Hat dich schon jemand zur Semesteranfangsparty eingeladen?«, fragt sie, nachdem ich meine Einkäufe verstaut habe und die Karte zücke, um zu bezahlen.

»Ja«, sage ich und erzähle ihr von meiner Begegnung im Treppenhaus.

Sie reißt die Augen auf, als ich seinen Namen erwähne. »Du meinst doch nicht etwa Liam Hayes, oder?«

»Keine Ahnung.« Ich lache unsicher. Müsste ich ihn eigentlich kennen? »Ich kenne nur seinen Vornamen.«

»Oh, das ist ganz einfach. Wundervoller Körperbau, blaue Augen, die sich anfühlen, als würdest du im Meer baden, ein Lächeln, das alle Frauenherzen höher klopfen lässt, und diese Grübchen ... ein Traum!«

Wir kichern, als wir feststellen, dass wir vermutlich vom gleichen Liam reden.

»Ich weiß gar nicht, was ich anziehen soll«, sage ich. »Was trägt man hier zu einer solchen Party?«

Keira stülpt die Unterlippe nachdenklich vor. »Weißt du was? Ich habe in einer Viertelstunde Feierabend. Wenn du willst, zeige ich dir meinen Lieblingsladen. Er ist gleich hier um die Ecke.«

»Das wäre klasse.« Aber dann fallen mir das Eis und die Schokolade ein. »Ich muss nur schnell die Einkäufe zurückbringen. Wenn ich mich beeile, bin ich in zwanzig Minuten wieder hier.«

»Perfekt.« Sie grinst und hebt einen Daumen, bevor sie sich dem nächsten Kunden zuwendet und ich meine Einkäufe nehme, um sie ins Apartment zu bringen.

Eine halbe Stunde später stehen wir zusammen in einem Geschäft, in dem es jede Menge ausgefallene und schicke Kleider gibt.

Keira hat ihr T-Shirt gegen ein schwarzes Top ausgetauscht und mehr Schmuck angelegt, als ich je gleichzeitig tragen würde. Mit einer Sonnenbrille im Haar und einem schwarzen, niedlichen Rucksack schiebt sie mich nun von Regal zu Regal, von Kleiderstange zu Kleiderstange und pickt Kleider heraus, von denen sie glaubt, dass sie mir stehen könnten.

»Oh nein!«, rufe ich, als sie ein extrem kurzes, silbernes Kleid hervorzieht und ihre Augen zu leuchten beginnen. »So etwas ziehe ich auf gar keinen Fall an.«

»Das ist doch nicht für dich.« Sie lacht. »Das ist genau mein Kleid.«

In der Umkleide stelle ich fest, dass sie recht hat. Ja, das Kleid ist wahnsinnig kurz und ja, es ist silbern. Aber sie sieht umwerfend aus, wie sie dort vor dem großen Spiegel steht und sich einmal um die eigene Achse dreht.

Wie aus einer anderen Galaxie.

»Dein Kleid«, bestätige ich ein wenig überrascht. »Du siehst klasse darin aus.«

Sie dreht sich zu mir und hebt die Augenbrauen. »Deins ist auch nicht von schlechten Eltern, aber ein bisschen brav. Findest du nicht?«