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Episch, emotional und voller unerwarteter Wendungen Ihr ganzes Leben lang hat Kiana den Göttern von Anima vertraut. Doch seit sie den Schicksalsbrechern Tyron und Nevin begegnet ist, gerät alles ins Wanken, woran sie je geglaubt hat. Wenn wahre Liebe nur durch die Verknüpfung der Schicksalsbänder möglich sein soll – warum empfinden Tyron und sie dann so verdammt viel füreinander? Und warum entwickeln die beiden plötzlich neue Kräfte, die alles übersteigen, was für Novizen des Schicksals- und des Kriegsordens möglich sein sollte? Als Tyron gefangen genommen wird und in Lebensgefahr schwebt, muss Kiana all ihre Fähigkeiten dafür einsetzen, ihn zu retten und schließlich die Wahrheit über die Götter und ihre Motive aufzudecken! - Epische Romantasy ab 14 Jahren – Götter, Magie und die Macht der freien Entscheidung - Emotional & romantisch: mit den Tropes Enemies to Lovers, Chosen Family und Hidden Past - Starke Botschaft: Wahre Liebe kann nur aus Freiheit entstehen - Von Dein SPIEGEL-Bestsellerautorin Saskia Louis Der fulminante Abschluss der Fate-Dilogie über Liebe, Freiheit und den Mut, den eigenen Weg zu gehen, zieht Leser*innen in seinen Bann und lässt sie nicht mehr los.
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Seitenzahl: 571
Veröffentlichungsjahr: 2026
ÜBER DAS BUCH
Seit der Begegnung mit den Schicksalsbrechern Tyron und Nevin gerät Kianas Glaube an die Lehren der Götter immer mehr ins Wanken. Wenn es ohne Verknüpfung der Schicksalsbänder angeblich keine wahre Liebe geben kann, warum empfindet sie dann so verdammt viel für Tyron? Und warum hat sie plötzlich neue Kräfte? Als Tyron gefangen genommen wird und in höchster Lebensgefahr schwebt, setzt Kiana alles daran, ihn zu retten und die Wahrheit über die Götter und ihre Motive aufzudecken.
Liebe, fernab von Schicksal:
Chaos, gebor’n aus Zufall.
Häufig eine Qual,
immer eine Wahl.
ALTE INSCHRIFT EINES ZERSTÖRTEN TEMPELS
Vier Jahre vor Kiana …
»Wenn ich noch was Kupfernes sehe, kotze ich auf den Boden.«
»Und da hatte dein Vater Angst, du könntest ihn auf einer solch offiziellen Veranstaltung blamieren.«
Nevin grinste mich an – nur seine Finger, mit denen er an den goldenen Knöpfen seines offiziellen Liebesnovizen-Gewands spielte, verrieten seine Nervosität. »Ich weiß auch nicht, wie er auf diese lächerliche Idee kommt – denn selbstverständlich würde ich mich äußerst leise übergeben, und die Farben von Kupfer und Erbrochenem liegen nicht so weit auseinander. Die Götter bekämen es kaum mit!«
»Du hast an alles gedacht.« Ich nickte in gespieltem Ernst und tastete in der Tasche meines Zeremoniegewands nach Vynia. Sie strampelte schon den ganzen Morgen unruhig mit den Füßen. Das Silberhörnchen spürte meine Angst, da war ich mir sicher. Sie hätte zu Hause bleiben sollen. Je weniger Lebewesen hier waren, die ich verlieren konnte, desto besser!
Nevin wippte auf die Hacken zurück und ließ den Blick über den blank polierten, kupfernen Palastboden zum Fenster schweifen. Von hier aus genoss man eine spektakuläre Aussicht auf die roten Dächer Psyrs, der Hauptstadt Animas – seit Jahrhunderten Schauplatz der jährlichen Seelenzeremonie.
Um uns herum standen Dutzende anderer junger Männer und Frauen, die allesamt blass oder rot oder zappelig waren. Nur weil
sich in wenigen Minuten entschied, ob sie für immer glücklich mit einem Partner werden oder einen schnellen Tod an der Front finden würden.
Alle wollten sehnlichst zu jemandem gehören … Ich war vermutlich der Einzige, der sich wünschte, leer auszugehen.
»Glaubst du, Moyra mag Kupfer überhaupt?«, murmelte Nevin und ich war dankbar für die Ablenkung, die er mir bot. »Was ist, wenn Pazan ihr vor 800 Jahren eine Kupferstatue geschenkt hat und sie das Material eigentlich hasst, aber seine Gefühle nicht verletzen wollte und deshalb so getan hat, als wäre sie begeistert … und er hat natürlich sofort überall rumerzählt, wie gut sein Geschenk ankam und dass sie Kupfer liebt, sodass plötzlich niemand mehr ihr was anderes geschenkt hat, bis die Lüge so groß wurde, dass sie nichts mehr dagegen unternehmen konnte! Und jetzt lebt sie unfreiwillig in einem Palast aus dem Material, das marginal besser aussieht als Dreck! Unglücklich und frustriert, neidisch auf ihren Seelengefährten Pazan, der sich immer in Gold kleiden darf, und auf ihre verhasste Schwester Martia, die Silber für sich beansprucht hat.«
Ich lachte leise. Nevin behauptete oft, dass er kein Talent für irgendetwas besaß – aber das stimmte nicht. Er hatte mir in den letzten Monden und Jahren mehr Hoffnung, mehr Freude und mehr Denkanstöße gegeben als mein Vater Umarmungen.
Zugegeben, mein Vater hatte es auch nicht wirklich versucht. Er war abgehauen, um in Ruhe an der Front sterben zu können. Nevin hatte also einen strategischen Vorteil genossen, da er sich zumindest am selben Ort wie ich befand.
»Hast du etwa Mitleid mit den Göttern, Nevin?«, fragte ich amüsiert, während Vynia zärtlich an der Kuppe meines Zeigefingers knabberte, als spüre sie die neue Welle der Anspannung, die beim Gedanken an meinen Vater über mich hereinbrach.
»Scheiße, nein.« Er senkte die Stimme, bis ich ihn kaum mehr verstand. »Die feigen allmächtigen Herrscher unseres Landes machen sich seit 300 Jahren nicht die Hände schmutzig, obwohl sie den Krieg beenden könnten. Es ist schwer, Mitleid mit ihnen zu haben. Ich wollte meiner Abneigung gegen Kupfer nur weiter Luft machen. Kam das nicht rüber? Ich hasse Kupfer.«
Ich verkniff mir ein weiteres Lächeln. »Marginal.«
Nevins Grinsen vereinnahmte seine Züge und er drückte gerade meine Schulter, als um uns herum jegliches Gewisper verstummte.
Ein groß gewachsener Mann mit schulterlangen, stahlgrauen Haaren war zu unserer Gruppe gestoßen und sah uns streng an. Der Kragen seiner Tunika war golden, so wie der von Nevin, womit er sich als Liebesmeister zu erkennen gab. »Die Zeremonie beginnt in wenigen Minuten. Folgt mir«, sagte er, seine Stimme seltsam weich und bestimmt zugleich. Er wandte sich um und lief langen Schrittes auf den riesigen Türvorhang auf der anderen Seite des Korridors zu, der aus einer Kaskade goldener und kupferfarbener Fäden bestand. Es wunderte mich nicht, dass sie Martias Farbe – die Farbe meines Ordens, den des Krieges – ausgelassen hatten. Niemand in Anima wurde gern an die Verräterin erinnert, die vor über 300 Jahren aus Eifersucht auf Pazans und Moyras Beziehung und aufgrund des Wunsches nach mehr Kontrolle und Bedeutung in Anima den Krieg angezettelt hatte, der seitdem zahllose Opfer forderte und unsere Familien auseinanderriss.
Es war der Grund, aus dem ich schon den ein oder anderen hasserfüllten Blick wegen meines mit Silberfäden bestickten Hemdes hatte einstecken müssen. Niemand mochte Kriegsnovizen oder Kriegsmeister – außer wir starben an der Front zum Schutz des Landes. Das war in Ordnung.
Doch all die Vorurteile und die Missgunst waren mir egal – niemand hier wollte mich als Partner haben, egal wie mächtig ich war, und im Gegenzug wollte ich keinen von ihnen. Meiner Meinung nach passte das ausgezeichnet. Nevin sollte einen Gefährten oder eine Gefährtin bekommen. Er träumte seit achtzehn Jahren davon, endlich Teil von etwas zu sein. Ich würde allein an die Front zurückkehren … dort konnte ich meinen Vater besser beschützen. Wenn er denn noch lebte.
Die ersten Teilnehmer der Zeremonie durchschritten den Vorhang aus Fäden und ich bemerkte, wie Nevin neben mir unruhig seinen goldenen Kragen richtete.
»Tyron«, flüsterte er. »Egal was passiert …«
»Nein«, erwiderte ich hart.
Nevin seufzte und wir betraten gemeinsam den Seelensaal. Vielleicht hätten mich die gigantische, gewölbte Decke und die gläsernen Tribünen, auf denen Hunderte Gäste Platz fanden, beeindruckt – wenn Nevin ruhig geblieben wäre.
Doch Nevin war in etwa so talentiert im Schweigen wie im Reiten. Es klappte mit einer Menge Anstrengung an einem guten Tag, und überhaupt nicht an einem schlechten.
Heute war kein guter Tag.
»Tyron, ich kenne dich«, raunte Nevin mit untypisch ernster Stimme. »Dir ist egal, was mit dir passiert, solange es mir gut geht …«
»Viele würden behaupten, Selbstlosigkeit sei eine gute Eigenschaft.«
»Du verwechselst Selbstlosigkeit mit Volltrotteligkeit. Und zufälligerweise bin ich nicht viele – denn viele werden heute einen Seelengefährten finden, doch ich gehöre nicht dazu.«
Ich biss die Zähne aufeinander. »Das weißt du nicht, Nevin.«
»Tyron …«
»Ich ahne, was jetzt kommt, und ich will es nicht hören.«
»Wie unpraktisch für dich, so gute Ohren zu haben.«
»Nevin …«
Es wurde schlagartig still im Saal und ich schloss hastig den Mund. Dann setzte ein emotionsgeladenes Seufzen ein, vermutlich, weil die Götter ihre Worte an uns richteten und die meisten Anwesenden von ihrer Schönheit und Macht völlig hingerissen waren. Doch Nevin war nicht viele und ich war nicht die meisten. Ich wusste, wie sie aussahen und wie sich ihre Macht anfühlte. Wie ein Knistern auf meiner Haut. Sie waren schon einmal in unserem Lager nahe der Front gewesen und schon damals hatten sie mich in etwa genauso interessiert wie Moyras Kupfer-Obsession. Also machte ich mir nicht einmal die Mühe, mich in ihre Richtung zu drehen. Die Götter gehorchten dem Schicksal und das Schicksal hatte meine Schwester zum Tode verurteilt. Es hatte außerdem meine Mutter und somit auch meinen Vater auf dem Gewissen. Die Götter verdienten es nicht, dass ich ihnen zuhörte.
Nevin hingegen hatte sich die letzten achtzehn Jahre mit jedem Tag und jedem freundlichen Wort meine Aufmerksamkeit verdient.
»Tyron«, wisperte er und seine Stimme zitterte. »Ich weiß, dass es niemanden für mich gibt. Ich spüre es … genau hier.«
Er presste die Faust auf sein Herz.
Ich senkte den Blick und betrachtete die unzähligen Fäden zu unseren Füßen, die so harmlos aussahen und doch unser gesamtes Leben bestimmten. Es war leichter, als meinem besten Freund ins Gesicht zu sehen … aber bei den verdammten Göttern, ich hasste die Überzeugung, mit der er gerade gesprochen hatte!
»Das ist nur deine Nervosität. Du hast einen Seelenpartner.«
»Nein, habe ich nicht.« Er klang nicht traurig, nur resigniert. Als hätte er sich längst damit abgefunden. »Also«, fuhr er zögerlich fort, »ich will nur, dass du weißt: Ich bin froh, dich meinen besten Freund genannt zu haben. Tut mir leid, dass du meinetwegen fast mal einen Zeh verloren hast. Ich schwöre dir, ich hab auf den Baum gezielt! Aber danke, dass du mich nicht verpetzt hast. Tut mir leid, dass die anderen so oft meinetwegen über uns hergezogen haben. Aber danke, dass dir schon immer egal war, was andere von dir denken. Tut mir leid, dass ich nicht bei deiner Hochzeit morgen dabei sein werde. Aber ich bin mir sicher, dass du glücklich werden und nie mehr allein –«
»Sei still, Nevin«, knurrte ich und er gehorchte mir – aber auch nur, weil die Götter eine Runde durch den Raum drehten, um uns ihren Dank für die Opfer auszusprechen, die wir gebracht hatten, brachten und noch bringen würden.
Ich schaute nicht auf. Ihre Dankbarkeit nützte mir einen Scheißdreck und meine Zukunft gehörte nicht ihnen, sie gehörte Nevin und meinem Vater und mir. Denn für sie würde ich kämpfen. Nicht für die Götter, die nicht einmal unsere Namen kannten.
»… du wirst nie mehr allein sein und der Gedanke erfüllt mich mit großer Freude«, schloss Nevin seine geflüsterte Rede.
Du bist der einzige Grund, aus dem ich nicht allein bin, Nevin.
Die Worte brannten Löcher in meine Zunge, doch ich war unfähig, sie auszusprechen. Nevin hätte ohnehin nur darüber gelacht. Er nahm sich nicht ernst. Er glaubte nicht, dass er jemals Bedeutung haben würde. Egal wie oft ich ihm erzählte, dass er in meinen Augen hundertmal wertvoller als seine unendlich talentierten Geschwister und frustrierend mächtigen Eltern war.
Wertvoller als ich. Er war gütig, wenn ich zornig war; hoffnungsvoll, wenn ich bitter war; warm, wann immer ich kalt war.
Er war gut – während mir mit jeder Person, die ich verlor, auch etwas von meiner Menschlichkeit verloren ging. Und ich hatte keine Ahnung, wie viel davon noch übrig war.
»Es stimmt nicht, was du sagst.« Ich zwang mich dazu, in seine Augen zu sehen. Sie hatten die Farbe von klarem Wasser und spiegelten seine ganze Persönlichkeit wider. Denn Nevin ließ mit jedem seiner Worte und jeder seiner Taten tief in seine Seele blicken. »Mir ist nicht egal, was andere von mir denken – was du denkst, ist mir wichtig.«
Er lächelte schief. »Natürlich ist es das. Ohne mich hättest du das Stilgefühl eines kupfernen Kerzenleuchters. Spaß und Freizeit wären Fremdwörter für dich. Deine einzigen Freunde wären die Nadeln in deiner Weste und die Dolche an deinem Gürtel. Es ist offensichtlich, dass du mich bisher brauchtest. Aber unser gemeinsamer Weg ist hier und heute vorbei, Tyron. Das ist okay. Du wirst deine Seelengefährtin haben – ich werde überflüssig sein.«
Ich biss mir auf die Innenseite der Wange, schüttelte den Kopf und wollte ihm widersprechen – denn er redete Unsinn! –, doch ich kam nicht zu einer Antwort.
»Beginnt«, schallte Pazans Stimme durch den Raum, und viele Frauen und Männer zu unseren Seiten taten sofort wie geheißen. Als könnten sie die Spannung nicht länger ertragen. Und bevor ich Nevin davon abhalten konnte, trat er nach vorn, bückte sich und hob einen Faden auf.
Die Zeit stand still.
Oder vielleicht lief sie auch nur unendlich langsam.
Nevin und ein Dutzend anderer Zeremonieteilnehmer hielten ihre Schicksalsbänder zwischen den Fingern … und bei vielen leuchteten sie golden, sodass ihre Besitzer erleichtert aufseufzten.
Doch Nevin hatte es bereits gesagt: Er war nicht viele.
Sein Band flirrte, stob Funken – bis rußschwarze Striemen sein Gold verschluckten. Sie kletterten den Faden entlang, nahmen ihm jeden Glanz … bis er zu Staub zerfiel.
Nevin schrie nicht wie einige der anderen. Er lächelte mich nur an. Als wäre es sein größter Triumph, dass ich endlich einmal falschgelegen hatte und er richtig – selbst wenn dieser Triumph seinen Tod bedeutete.
»Ich werde dich vermissen«, flüsterte er weich. »Danke, dass du mein Freund warst, wenn niemand anderes es sein wollte.«
Ich starrte ihn reglos an. Mein Kopf verstand, aber mein Körper war wie gelähmt … und dann war es zu spät. Wachen umschlossen grob seine Schultern und zogen ihn zum Ausgang. Nevin wehrte sich nicht einmal. Als hätte es immer so kommen müssen – als hätte er längst Frieden damit geschlossen.
Doch Frieden war nicht, was mich erfüllte.
Das Blut pochte schmerzhaft in meinen Ohren, war sogar lauter als die verzweifelten Schreie der anderen Verlorenen, die ihr Schicksal nicht akzeptieren wollten, und meine Augen brannten, während Nevin hinter dem Vorhang verschwand.
Ein weiterer Mensch, den ich liebte … fort.
Nein. Das ist nicht richtig.
»Ruhe«, erhob Pazan die Stimme und ich spürte, wie fremde Gelassenheit über mich wusch und mich dazu zwingen wollte, gleichmäßiger zu atmen. So wie ich es von den Liebesmeistern kannte, die versucht hatten, mich zu beruhigen, als wir die Nachricht bekommen hatten, dass Daphina an die Front geschickt worden war.
Doch es hatte damals nicht funktioniert und es klappte auch jetzt nicht. Denn Pazans Ruhe war nicht meine und ich wollte sie verdammt noch mal nicht haben!
Mein Puls beschleunigte sich und mein Atem wurde flacher, während ich zwischen den Bändern am Boden und der Tür hin- und herschaute.
Nevin würde enden wie Daphina. Tot im Dreck, die Lippen blutrot. Opfer eines Kriegs, der nicht unsrer sein sollte. Bei den verdammten Göttern, Nevin stolperte doch schon über einen trockenen Ast! Er war ein erbärmlicher Schütze, er hasste es zu rennen, er hatte mit dem Dolch öfter meine Füße als die Zielscheibe getroffen! Niemand bei Verstand würde ihn kämpfen lassen! Und doch hatte das Schicksal dies soeben entschieden.
Panik, Wut und Hoffnungslosigkeit fraßen sich durch meine Adern wie Motten durch Stoff und rissen alles mit sich, was ihnen im Weg stand – bis nichts mehr als Entschlossenheit übrig blieb.
Ich kniff die Augen zusammen und ballte die Hände zu Fäusten.
Ich wollte das hier alles nicht. Ich ertrug es nicht.
Meine Schwester und Mutter waren tot, mein Vater nur noch eine Hülle seiner selbst, wie so viele Männer und Frauen, nachdem sie ihre Seelengefährten verloren hatten. Und Nevin … Nevin …
»Nein«, stieß ich stur aus und straffte die Schultern.
Es war noch nichts verloren. Alles würde gut werden. Nevin musste an die Front, aber ich würde ihn begleiten. Ich war mächtiger, als es meinen Eltern und Feinden je lieb gewesen war, ich würde ihn schützen. Sobald mein eigener Faden zerfiel, konnte ich ihm folgen.
Ich bückte mich, griff wahllos nach einem Faden, wartete darauf, dass er schwarz wurde … doch stattdessen leuchtete er golden auf und erhitzte meine Fingerspitzen.
Mein Herz füllte sich mit Wärme und Zuneigung, wollte mir vorgaukeln, dass ich glücklich war …
Aber wie hätte ich das sein können?
Die Emotion gehörte nicht mir! Sie gehörte dem Band oder der Person auf der anderen Seite oder … oder …
Nein.
Meine Kehle schnürte sich enger, bis meine Lunge brannte, weil sie nach Luft lechzte.
Nein.
Ich wollte nicht …
Nein!
Das war verdammt noch mal nicht richtig! Das war ein Fehler.
Mein Kiefer drohte zu zerspringen und meine Fingerknöchel knackten, so fest zog ich die Faust um den lächerlichen, glühenden Faden, der mir Geborgenheit und Frieden und ewige Glückseligkeit mit einer Partnerin versprach, aber dennoch nichts als stumme Verzweiflung in mir zurückließ.
Wie konnte es sein, dass Nevin, der in seinem Leben noch niemandem Schmerz zugefügt hatte, als unwürdig galt – und ich mit meinen verdammten blutigen Händen, die sich mehr nach Rache als nach Liebe sehnten, für eine Partnerin vorherbestimmt war?
Was erlaubte sich das beschissene Schicksal, dieses Urteil zu fällen?
Nein.
Das Schicksal hatte keine Ahnung.
Ich wollte nicht wissen, wer auf der anderen Seite auf mich wartete. Ich wollte keine Zukunft mit einer Frau, die ich nicht kannte und trotzdem lieben würde, sobald ich sie berührte.
Meine Gefühle würden nicht genug sein. Sie würden ihr nicht gerecht werden. Sie würden niemals jemandem gerecht werden. Ich konnte niemandem geben, was er oder sie brauchte, das Schicksal irrte sich. Da waren zu viel Hass und Zorn, die ich mit mir herumschleppte – die ich brauchte, um genug Kraft zu schöpfen und denjenigen zu helfen, die ich noch hatte.
Ich wollte die Menschen, die ich liebte, nicht einfach ersetzen. Ich wollte den Göttern nicht dienen. Ich wollte nichts vom Schicksal wissen. Alles, was ich wollte, war Nevin zu retten. Ich wollte eine einzige Person in meinem Leben, die mir etwas bedeutete, gesund und munter wissen.
Ich konnte keinen mehr verlieren. Und ich würde nicht.
Tief atmete ich durch. Der dünne Schweißfilm auf meinem Nacken kühlte meinen Körper. Das Stechen in meiner Brust schärfte meine Sinne …
Sollte das Schicksal meiner Seelengefährtin doch jemand Neues zuordnen – ich war nicht der Richtige für sie! Und Nevin musste nie erfahren, dass ich eigentlich eine Partnerin gehabt hätte.
Der Faden glitt aus meiner Hand, hörte sofort auf zu leuchten. Noch bevor er den Boden erreichte, zog ich zwei Dolche aus meinem Gürtel, drehte mich um und lief zum Ausgang. Ich konnte die Dolche auch ohne meine Hände führen, aber es war vermutlich besser, Kraft zu sparen. Ich würde sie brauchen.
Die Zuschauermenge auf den gläsernen Tribünen sog scharf die Luft ein und die klirrenden Rüstungen der Wachen, die auf mich zuliefen, bereiteten mir eine Gänsehaut. Sie würden mich nicht widerstandslos gehen lassen, doch es war mir egal.
Ich würde den Rest meines Lebens für das kämpfen, was richtig war, wenn ich musste. Es war ohnehin das Einzige, in dem ich gut war. Wir würden diese verdammte Stadt verlassen und eine Lösung dafür finden, wie Nevin und ich beide das Leben bekommen konnten, das wir verdienten.
Ich hatte hier nichts zu suchen und Nevin würde nicht sterben, solange ich lebte. Der Tod war ein ungeduldiger Bursche – aber er würde verdammt noch mal auf uns warten müssen!
Ein mächtiger Liebesnovize ist dazu in der Lage, einem willensschwachen Menschen fremde Gefühle einzureden.
Ein untalentierter Liebesnovize wird sich damit zufriedengeben müssen, Emotionen anderer leichter zu lesen.
AUS WEGE DER LIEBE, DAS VON PAZAN EMPFOHLENE LEHRBUCH FÜR ALLE MITGLIEDER SEINES ORDENS
Nichts machte einen hübschen Horizont so hässlich wie eine Horde Reiter, die auf dem Weg war, uns umzubringen.
Ach super. Ich hockte seit mehr als einer halben Stunde auf einem spitzen Stein, sodass mein Hintern sich anfühlte, als hätte eine Bäckersfrau ihn mit Brotteig verwechselt, und hielt Ausschau nach Soldaten, die uns davon abhalten wollten, die Fäden in der Schicksalshöhle zu manipulieren – doch ich hatte wirklich gehofft, keine zu entdecken! Ich war mit der Anzahl an Löchern in meinem Körper sehr zufrieden, vielen Dank, ich brauchte keine neuen.
Beunruhigt verengte ich die Augen, um die Reiter genauer zu betrachten. Ich wünschte mir inständig, dass sie gar nicht in unsere Richtung ritten, doch so viel Glück hatte ich nicht. So viel Glück hatte ich nie. Manchmal bekam ich das Gefühl, dass das Schicksal sich zusammen mit den Göttern gegen mich verschworen hatte – oder einfach keinerlei Interesse an mir hegte.
»Menschenskinder, wir sind in den letzten Tagen sehr gefragte Leute geworden!«, grummelte ich verdrießlich.
Das hier war wirklich Pech. Auf gleich mehreren Ebenen.
Pech für uns, weil wir in schätzungsweise zehn Minuten angegriffen werden würden. Pech für die göttlichen Soldaten, die zu spät kamen: Kiana hatte die Höhle bereits betreten – zumindest konnte ich sie nirgendwo mehr entdecken – und verknüpfte vermutlich in genau diesem Moment ihr Band mit dem eines anderen, bevor sie sich um meins kümmerte.
Seufzend schaute ich zu Tyron, der sich gut zwanzig Meter unter mir befand. Wenn Kiana wirklich ihr Band mit dem eines anderen verknüpfte, würde es ihm das Herz zerreißen. Doch wenn Kiana ihren Faden mit seinem verband – würde er unser Trommelfell zerreißen. Beide Aussichten waren nicht sonderlich rosig. Aber im Augenblick war es dringlicher, sich auf die aktuelle Situation und unser Überleben zu konzentrieren.
»Tyron, es kommen Angreifer, wir sollten uns verstecken!«, rief ich.
Tyron rührte sich nicht. Ich erkannte seinen dunklen Schopf von hier oben, aber er legte weder den Kopf in den Nacken, noch gab er sonst wie zu erkennen, dass er mich gehört hatte.
»Tyron!« Meine Stimme hallte hundertfach von dem Gestein des Orosgebirges wider … doch Tyron stand nur unnatürlich still da, das Gesicht der knorrigen Silberweide zugewandt, die den Eingang der Höhle versteckte, die Hände nach ihr ausgestreckt, als wolle er sie berühren. Was in Moyras verdammtem Namen?
»Tyron, was soll der Mist?«, schrie ich. »Das ist nicht witzig!« Mein Blick flackerte zwischen den schnell näher kommenden Reitern und meinem besten Freund hin und her. Ich war hier oben vermutlich in Sicherheit und konnte mich verstecken; Tyron hatte noch genug Zeit, dasselbe zu tun, während Kiana nichts passieren würde, solange sie in der Höhle war. Würde er nur reagieren!
»Scheiße«, fluchte ich, pfiff nach Vynia, die hinter mir in einem vertrockneten Busch umherkletterte, und rutschte seitlich den Stein hinab, auf dem ich Ausschau gehalten hatte. »Scheiße, scheiße, scheiße!«
Ich begann, hastig das Geröll wieder hinabzusteigen, doch mein Gleichgewichtssinn war nicht der beste und manche Stellen waren so steil, dass ich sie rückwärts bezwingen mussten. Hoch ging immer schneller als runter – außer man fiel.
Nee, da hatte ich keine Lust drauf.
»Tyron!«, brüllte ich erneut. Doch etwas stimmte nicht. Er hörte nicht, er bewegte sich nicht, es war, als wäre er … eingefroren.
Mein Puls beschleunigte sich, als ich über die Schulter blickte … und die Reiter nun keine schwarzen Punkte in der Ferne mehr waren. Ich zählte fünf – und betete, dass sie keinen Bogenschützen dabeihatten, denn das würde die Zeit, die ich noch hatte, um Tyron zu erreichen, dramatisch verkürzen.
Vynia fiepte laut und sprang aus meiner Tasche. Sie war so unfassbar klug, sie wusste, dass Tyron in Gefahr schwebte, und kletterte deutlich schneller als ich. Aber sie war ein Silberhörnchen, das nicht fliegen konnte – wunderbar, aber nicht sonderlich nützlich im Kampf gegen fünf ausgebildete und schwer bewaffnete Soldaten, die ihrer kupfernen Rüstung nach zu urteilen Moyras Garde entstammten.
Kupfer … bei Martias Zorn, ich hasste Kupfer!
Schweiß rann meinen Nacken und meinen Rücken hinab, während ich meine Knie und Hände am groben, brutalen Stein aufschürfte, der in diesem Bereich des Gebirges so hell war, dass er mich an blanke Knochen erinnerte.
»Tyron, bitte!«, flehte ich – und jetzt hörte ich das Hufgetrappel.
Mit ihm kam die nackte Angst. Mit ihm krallte sich die Panik in meine Brust und trieb meine Beine weiter zur Eile an.
Die Soldaten waren mittlerweile zu nah, als dass wir uns noch hätten verstecken können. Wir würden kämpfen müssen.
Ein Kloß drängte sich in meinen Hals und ich biss mir schmerzhaft fest auf die Unterlippe.
Ich war allein. Und ich war nicht genug.
Wie immer war ich nicht genug.
Ich würde keine Sekunde ohne Tyron in einem Kampf überleben. Gegen einen nicht sehr starken Mann konnte ich manchmal bestehen, ich war schließlich zu einer Menge Kampfunterricht verdonnert worden – vermutlich, weil mein enttäuschter Vater immer davon ausgegangen war, dass ich an der Front landen würde. Doch gegen fünf Soldaten der Göttergarde?
»Tyron! Zur Hölle, wach auf! Jetzt ist nicht die Zeit, zu schlafen!«
Das Donnern der Hufe dröhnte in meinen Ohren und vibrierte auf meiner Haut und ich sprang gerade zu Boden, als die erste kupferne Rüstung keine 100 Meter vor mir im Licht der untergehenden Sonne aufblitzte.
Zu spät.
Es war zu spät.
Vynia, die vor Tyrons Füßen kauerte, fauchte, einer der Soldaten schrie: »Dort vorn sind sie! Ihr kennt euren Auftrag!«
Es war eng hier, wir hatten hintereinander reiten müssen, um die Höhle zu erreichen, doch ich sah, wie zwei Männer vom Pferd sprangen und zu Fuß weiterrannten.
Zu spät.
Ich durfte nicht zu spät sein.
Ich sprintete gerade vom Felsen über den schmalen Weg zu dem Plateau, auf dem Tyron stand, als ich Metall wetzen hörte. Als ich aus den Augenwinkeln die silbernen Dolche glänzen sah, die die Männer zogen.
Sie waren nicht hier, um zu reden. Sie waren hier, um zu töten. Das war ihr Auftrag. Die Götter hatten endgültig genug von uns und es war offensichtlich, dass sie Tyron als die größte Gefahr einstuften.
Zu Recht.
Ich war meistens nutzlos in einem Kampf.
Aber nicht heute. Heute konnte ich helfen.
Die Soldaten warfen ihre Dolche, zielten auf Tyrons Rücken, während ich auf das Plateau sprang, auf dem er stand. Und die Angst, die mich zu lähmen gedroht hatte, wurde durch etwas anderes ersetzt.
Ruhe.
Die Zeit schien langsamer zu laufen oder vielleicht raste mein Herz auch nur zu schnell, aber alles war auf einmal seltsam … klar.
Ich konnte nicht allein gegen die fünf Soldaten gewinnen. Tyron schon. Er hatte eine Chance.
Und alles, was ich tun konnte, war, ihm diese Chance zu geben.
Ich schuldete es ihm. Er würde mir widersprechen, aber es war die Wahrheit. Tyron hatte mich schon etliche Male gerettet – und heute würde ich ihn retten.
Die Dolche drehten sich um ihre eigene Achse, flogen direkt auf Tyrons Herz zu, das so groß war, dass es viel zu viel Angriffsfläche bot.
»Du musst aufwachen und für mich am Leben bleiben, okay?«, flüsterte ich, oder vielleicht dachte ich es auch nur. Für einen Augenblick kam es mir vor, als ob Tyron sich regte. Als ob er Ansätze machte, sich umzudrehen … Es war egal. Der Tod hatte uns nach vier Jahren endlich eingeholt. Selbst Tyrons absurde Reflexe konnten ihn nicht mehr retten. Es gab nur einen, der es noch tun konnte.
Mich.
Und es erfüllte mich fast mit so etwas wie Glück, dass ich in meinen letzten Atemzügen Bedeutung haben würde.
Ich hörte ein weiteres Fauchen und im nächsten Moment spürte ich scharfe Krallen, die sich durch den Stoff meiner Hose in mein Bein hackten. Vynia, die daran hochkletterte, als wolle sie mich davor bewahren, etwas Dummes zu tun.
Doch es war nicht dumm. Es war richtig und niemand würde mich davon abhalten können.
Ich sprang vom Boden ab und breitete die Arme aus. Vynia fiepte und rollte sich direkt über meinem Herzen zusammen. Genau dort, wo sie auf Tyrons Brust die Nacht verbrachte, um ihn zu schützen. Wo sie Kiana letzte Nacht warm gehalten hatte …
Genau dort, wo die Dolche uns durchstachen.
Talentierte Mitglieder des Kriegsordens können für kurze Zeitübermenschliche Kraft gewinnen, indem sie das Blut ihrer Gegner berühren und ihnen somit Energie stehlen. Doch Vorsicht ist geboten nehmen sie mehr, als ihr eigener Körper erträgt, kann ein schneller Tod die direkte Folge sein.
AUS DIE KUNST DES KAMPFES, LEHRBUCH DES KRIEGSORDENS
Vielleicht hatte der Tod endlich genug.
Vielleicht war er unser Versteckspiel leid geworden und forderte nun ein, was schon vor vier Jahren ihm gehören sollte.
Das war mein Gedanke, als ich mich umdrehte und zwei Dolche durch die Luft segeln sah.
Wo ist Kiana? Sie darf mein Band nicht anfassen.
Ich fühlte mich seltsam taub. Wie in Watte gepackt. Meine Augen hatten Probleme damit, zu verstehen, was sie sahen. Mein Kopf war mit nichts als einem Rauschen gefüllt. Als stünde ich am Meer und die Wellen zerbrächen erbarmungslos und ohrenbetäubend an der Küste.
Wo ist Kiana? Sie schuldet mir noch ein Versprechen.
Die Messer drehten sich um die eigene Achse, fingen das Licht der untergehenden Sonne ein … und dann sah ich gar nichts mehr.
Ein Körper sprang vor meinen, Vynias silbernes Fell blitzte auf … und das Geräusch von Metall, das dumpf auf Fleisch traf, sprengte meinen Kopf.
Nevin krachte seitlich gegen die Felswand, die an das steinerne Plateau grenzte, und glitt daran hinab. Ein Dolch in seinem Bauch, einer in seinem Herzen …
Nein.
Nicht sein Herz war durchlöchert worden. Sondern Vynia.
Nein.
Mein ganzer Körper fing an zu beben. Meine Hände wurden klamm. Meine Gedanken waren ein unaufhaltsamer Wirbelsturm, der in meinem Kopf wütete und alles mit sich riss. Ich fühlte nichts. Ich fühlte alles.
Nein.
Das hier musste ein Traum sein. Ein Albtraum. Denn was sich vor mir abspielte, war unmöglich. Nevin hatte noch vor einer Sekunde gerade seinen Aussichtspunkt in zwanzig Metern Höhe erreicht. Er konnte nicht hier sein. Er konnte nicht schwer verletzt und regungslos vor meinen Füßen liegen, während Vynia … während Vynia …
Nein.
Wo war Kiana? Wo?
Sie hatte hier gestanden! Was hatten sie mit ihr gemacht?!
Ich brauchte sie. Ich musste wissen, was … was …
»Nein«, hauchte ich, wollte vor Nevin auf die Knie fallen, mein Ohr an seine Brust pressen und hören, ob sein Herz noch schlug. Doch er war so bleich und da quoll so viel Blut aus seinem Körper und er hatte die Augen geschlossen … und ich bezweifelte, dass ich sein Herz über das Rauschen in meinem Kopf hinweg gehört hätte und …
Alles war durcheinander. Alles war zu schnell.
Nevin war zu ruhig, der Rest zu wild. Vynia war zu still, der Rest zu laut. Kiana war nicht da … und jetzt bemerkte ich die Soldaten, die auf mich zustürmten und weitere Messer zückten. Zwei vorne, drei dahinter. Keiner von ihnen trug ein Schwert. Als wüssten sie, dass meins nur Zierde war. Als wüssten sie, dass es bei mir fast nie zu einem Nahkampf kam. Als hätten die Götter ihnen verraten, dass ein Bogen oder ein Wurfmesser die richtigen Waffen gegen mich waren.
Aber die Götter hatten keine Ahnung.
Keine Waffe war die richtige gegen mich – solange ich etwas hatte, wofür es sich zu kämpfen lohnte.
Und der Wirbelsturm in meinem Kopf legte sich. Er verpuffte einfach, als wäre er nie da gewesen, ließ nichts als Leere und Hass zurück, während ein dünner roter Film sich über meine Sicht legte.
Ich musste meine eigenen Dolche nicht einmal bitten, ihre Scheide zu verlassen. Sie agierten, noch bevor ich es denken konnte, und schossen auf die zwei Angreifer an vorderster Front zu.
Die Klingen stießen zwischen Helm und Schulterplatte der Soldaten, die sofort einknickten und mit dem Gesicht voran auf den Stein fielen, die Waffen nun nutzlos in ihren leblosen Händen. Ich sah nicht, ob die anderen drei Angreifer bei diesem Anblick erbleichten, denn sie trugen allesamt einen Helm – dennoch erkannte ich, dass mindestens einer von ihnen ein Kriegsmeister war, denn er ließ gleich vier Wurfmesser auf einmal auf mich los, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Ich riss meine Hand hoch, mehr aus Zorn als Notwendigkeit, und meine Dolche folgten der Geste, stießen zwei Waffen aus der Luft, während ich zwei weitere Dolche mobilisierte, um die anderen aufzuhalten. Der Kriegsmeister war schnell: Ich erwischte die Wurfmesser erst kurz vor meinem Gesicht, sodass die Klingen direkt neben Nevins bewegungslosem Arm klappernd zu Boden fielen.
Nein.
Eine Welle der Abscheu wusch über mich und verschlang jeden Rest an Zurückhaltung und Vernunft, der sich in den kleinsten Ecken meines Seins noch versteckt hatte. So groß und übermächtig und rücksichtslos, dass sie mich selbst erschreckte.
Niemand würde ihn anrühren!
Niemand würde ihm auch nur ein weiteres Haar krümmen!
Niemand würde ihm zu nah kommen.
Ich tötete nicht gern – doch die unbändige Kraft, die durch mich hindurchpeitschte, riss alles mit sich. Selbst mein Gewissen. Und plötzlich begrüßte ich die Möglichkeit, jeder dieser gesichtslosen Marionetten Moyras beizubringen, was Schmerz bedeutete. Wie man Verlust buchstabierte. Wie sich Machtlosigkeit anfühlte. Denn jeder Verlorene, der von den Göttern an die Front geschickt wurde, wusste es.
Nevin wusste es. Kiana wusste es. Ich wusste es.
Sie jedoch, die tagsüber auf Geheiß der Götter ihre eigenen Landsmänner und -frauen ermordeten und nachts trotzdem traumlos und ohne Reue auf weichen Federn schliefen, sie hatten keine Ahnung, und deswegen wollte ich sie bluten sehen. Ich wollte ihnen all ihre Energie nehmen, bis sie ausgetrocknet waren und aus nichts mehr als Schmerz bestanden. Bis sie so schwach waren, wie sich die Hälfte Animas täglich fühlte. Bis sie so hilflos waren wie jeder, der an der Front starb, nur weil er keines Partners würdig gewesen war. Doch zuallererst wollte ich, dass sie verdammt noch mal …
»Stehen bleiben!«, schrie ich sie an, sprang über Nevins Körper, um ihn hinter mir in Sicherheit zu bringen, und riss die Arme hoch.
Und die Soldaten blieben stehen.
Nein, eigentlich fielen sie auf die Knie. Ihre Köpfe kippten ruckartig in den Nacken, während meine Fingerspitzen anfingen zu glühen. Ich wusste nicht, was passierte oder was ich tat. Doch ich lief weiter auf sie zu und mit jedem Schritt strömte neue Kraft in meinen Körper. Fremde Kraft, drei verschiedene Noten von ihr.
Ich weitete die Augen, während mein Blut begann, dreifach so schnell durch meine Adern zu zirkulieren.
Die Soldaten zerrten sich die Helme von den Köpfen, schnappten nach Luft und bekamen scheinbar doch keine zu fassen. Ihre Gesichter waren verzerrt und schimmerten … silbern.
Es war, als verlören sie mit jeder Sekunde mehr Energie. Ihre Wangen höhlten sich ein, ihre Augen quollen hervor, während mein ganzer Körper pulsierte, als bestünde mein Blut aus Myriaden von Seifenblasen, die nacheinander platzten und mir jedes Mal einen Schwall Hitze und Kraft schenkten.
Auch wenn es sich nicht nach einem Geschenk anfühlte. Eher wie etwas, das nicht wusste, wohin es gehörte, und ich war das einzig brauchbare Gefäß in Reichweite … Ein Gefäß, das kurz davorstand, überzulaufen.
Doch der Hass hielt mich aufrecht. Die Wut sorgte dafür, dass ich nicht aufhören wollte. Egal wie schwer meine Atmung wurde und wie laut die fremde Kraft dröhnte.
Meine Haut brannte, als stünde ich mitten in einem Feuer, doch es war mir gleich. Denn ich wusste, dass sie genauso brannten. Ich wusste, dass es ihnen noch mehr wehtat als mir. Denn die Energie, die ich ihnen stahl, besaß kein Ventil. Ich hatte den Soldaten keinen Schnitt zugefügt und die Barriere, die ihre Haut bot, nicht durchbrochen. Die Kraft floh nicht einfach, nein, sie barst gewaltsam aus ihnen hervor.
Und ich wusste, dass ich zu viel nahm. Ich wusste, dass mein Körper das hier nicht mehr lange aushalten würde. Ich wusste, dass nichts von dem, was gerade passierte, überhaupt geschehen sollte …
Angst stieg in mir auf. Blanke Panik davor, dass meine Kraft arbeitete und meinen Willen einfach ignorierte. Meine Macht verlangte nach mehr, immer mehr und ich konnte sie nicht bremsen. Sie flüsterte mir zu, dass ich das Richtige tat. Dass die Soldaten einen grausamen Tod verdient hatten.
Sie haben Vynia getötet. Sie haben Nevin … sie haben Nevin …
Und ich konnte niemanden mehr von uns retten. Egal ob ich wollte oder nicht. Da war nur der Wunsch nach Zerstörung …
»Tyron …«
Die Stimme war leise, wie aus weiter Ferne.
»Tyron, nein …«
War sie echt? Bildete ich sie mir ein, weil ich sie mir so sehr herbeisehnte?
»Tyron! Hör auf! Was tust du?!«
Hände griffen nach meinen Armen und zuckten augenblicklich wieder zurück. »Scheiße, Tyron, du glühst. Wie kannst du … wie ist es möglich … Das solltest du nicht können. Das sollte niemand können. Hör auf, bevor du dich umbringst!«
Es war die Verzweiflung in der Stimme, die mich innehalten ließ. Die Sorge darin, die mich aufschauen ließ. Die meine Sinne schärfte. Meine Macht zum Stillstand brachte. Ich hielt die Kraft der Soldaten fest, doch ich nahm nicht mehr. Ich ließ nicht los, doch riss auch nicht mehr an ihnen.
Stattdessen atmete ich ein, die Luft zu kalt für meine lodernde Lunge, und saugte das Bild auf, das sich mir bot.
Kiana stand direkt neben mir und starrte mich mit ihren dunklen Augen schockiert an. Ihre hellen, glatten Haare wehten im Wind und ihre Umrisse flackerten seltsam. Sie waren nicht scharf und ich wusste nicht, ob das daran lag, dass ich nicht klar sehen konnte oder …
»Bist du real?«, hauchte ich.
»Natürlich bin ich real, Tyron«, antwortete sie weich. Mein Name auf ihrer Zunge war wie eine kühle Bandage um meine brennenden Glieder.
»Nein, bist du nicht. Du bist fort.« Sie konnte es nicht sein. Sie war weg gewesen. Einfach im Nichts verschwunden…
»Tyron, ich bin hier«, flüsterte sie eindringlich und ihre Augen glänzten. »Ich war in der Höhle, aber jetzt bin ich hier … bitte …« Sie drängte sich weiter in mein Sichtfeld, hob die Hände und schloss sie um mein Gesicht.
Unsere Haut zischte und Tränen tropften von Kianas Wimpern, doch sie hielt mich trotzdem fest. »Ich war in der Höhle«, wiederholte sie. »Ich war fort, aber jetzt bin ich wieder hier. Bitte …«
Es war unmöglich. Wie konnte sie in der Höhle gewesen sein? Wir hatten gestritten und plötzlich war sie weg gewesen und Nevin und Vynia …
»Tyron.« Sie strich mit den Daumen über meine rauen Wangen. Ich spürte sie. Ich spürte ihre Berührung. Ihre Finger waren eiskalt im Vergleich zu meiner Haut.
»Tyron. Sieh mich an.«
Ich sah sie doch schon an! Ich konnte nichts anderes sehen. Ich konnte seit unserer ersten Begegnung nichts anderes sehen … aber ihr Gesicht war verschwommen, alles war verschwommen bis auf die Kraft, die scharf in jede meiner Poren schnitt.
»Tyron, das hier bist nicht du. Hör auf.«
Wenn ich es nicht war … warum fühlte es sich dann so gut an?
»Vynia …«
»Ich weiß«, wisperte sie erstickt. »Ich weiß.«
»Sie haben Nevin …«
»Nevin atmet. Er ist ohnmächtig, aber er atmet!«
Er … atmete?
Ich blinzelte. Einzelne Tränen lösten sich aus meinen Augen und verdunsteten sofort.
Es ändert nichts, flüsterten mir die fremden Kräfte zu, die nur darauf warteten, dass ich mehr Macht an mich riss. Es ändert überhaupt nichts.
»Sie verdienen es zu sterben«, behauptete ich schroff. Meinte es so. Meinte es nicht so.
Kianas Hände bebten, ihre Wangen glühten rot, doch sie hielt mich noch immer fest. »Sie haben einen Auftrag ausgeführt. Niemand verdient es zu sterben, weil die Götter ihn dazu zwingen, zu töten.«
»Nevin stirbt, er …«
»Er ist noch nicht tot … wir retten ihn. Aber dafür müssen wir fliehen. Also hör auf, Tyron! Lass sie los. Lass alles los. Es ist zu viel für dich. Du wirst dich selbst umbringen, wenn du all ihre Energie nimmst.«
Sie hatte recht. Ich wusste, dass sie recht hatte. Aber es fühlte sich an, als wäre die Kraft, die an meinen Fingerspitzen vibrierte, das letzte bisschen Kontrolle, das ich über diese Situation hatte. Als würden nur Chaos und Verderben warten, wenn ich jetzt losließ. Ich wusste nicht, was passieren würde. Ob Nevin leben oder sterben würde. Ob Kiana leben oder sterben würde …
Und dann begann Kiana zu singen. Ihre Stimme brach in jeder Zeile und war dennoch das Schönste, was ich je gehört hatte.
»Mach die Augen zu,
lass uns lauschen
dem Rauschen des Sandes.
Komm zur Ruh,
lass uns träumen,
vom schäumenden Meer.
Du bist die Wüste,
brauchst keinen,
aber hast mich.
Ich bin die Küste,
steh allein,
aber hab dich.«
Die vertraute Melodie wusch wie das schäumende Meer aus dem Lied über mich und nahm die Hitze mit sich.
»Ich bin hier und ich brauche niemanden … aber ich will dich nicht verlieren – und du bist nicht allein, Tyron«, flüsterte Kiana, und dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste mich.
Ihre Lippen schmeckten salzig, nach den Tränen, die über ihre Wangen geflossen waren, und sie war so unfassbar sanft. So gänzlich anders als die rohe Macht, die ich mir gewaltsam genommen hatte.
Sanft war besser. Sie war besser.
Also ließ ich los.
Meine Hände fielen hinab und ein dumpfer Aufprall folgte. Als wären die Soldaten nach vorn gefallen. Ich wusste nicht, was genau geschehen war, mein Blick lag auf Kiana, deren Konturen endlich nicht mehr flackerten.
»Du hast mir Angst gemacht, Tyron«, murmelte sie, küsste die neuen Tränen von meinen Wangen weg und sank dann zurück auf ihre Fersen.
Sie war hier. Sie war real. Und es war egal, ob ich verstand, was gerade passiert war, oder nicht. Nevin … wir mussten Nevin …
»Ja. Ja, ich hab mir selbst auch Angst gemacht«, wisperte ich rau. Die Panik darüber, dass ich die Kontrolle über meine Macht beinahe gänzlich verloren hatte, vibrierte noch immer unheilvoll in meiner Brust. Doch ich schluckte sie hinunter. Vergaß sie. Verdrängte sie. Es gab Dringlicheres. »Und wir müssen nach Lor.«
Sie ließ von mir ab und hastete zu Nevin, der noch immer reglos am Boden lag … doch seine Brust hob und senkte sich schwach. Sie presste ihre Hand an seinen Hals, als suche sie einen Puls, und schloss erleichtert die Augen, als sie anscheinend einen fand. »Haben sie Heiler in Lor?«
Ich bejahte die Frage und atmete tief und schwer durch, damit ich wieder klar denken konnte. Ich musste klar denken. Die Höhle, unsere Kräfte, was passiert war … es hatte keine Bedeutung mehr. Nicht jetzt. »Es gibt einen Konvent vor der Stadt. Dort werden Kriegsverletzte hingebracht. Wir müssen ihn verbinden, dann hebe ich ihn hoch …«
»Ich habe ihn schon verbunden. Er hat zu viel Blut verloren. Ich habe mich erst um ihn gekümmert.« Sie trat zur Seite, sodass ich sehen konnte, dass sie ein Stück Leinenstoff mit dem kupfernen Gürtel, den sie vor wenigen Tagen aus Fetzen geknüpft hatte, fest auf seiner Bauchwunde fixiert hatte.
»Gut, das ist gut …«
Kiana nickte und hob im nächsten Moment vorsichtig Vynias leblosen Körper vom groben Stein. »Wir nehmen sie mit. Wir … Sie wird …«
Ich kniff die Augen zusammen und ignorierte das Brennen in ihnen. Vynia hätte nie mit uns kommen dürfen. Sie hätte zu Hause, in Sicherheit bleiben sollen …
Genug.
Ich hatte keine Zeit, zu trauern. Keine Zeit für Zweifel oder Angst. Wir durften keine kostbaren Minuten mehr verlieren.
»Wehe, du wagst es zu sterben, Nevin«, stieß ich harsch hervor, schob meine Arme unter seinen Rücken und seine Kniekehlen und hob ihn vom Boden. »Wenn du stirbst, bring ich dich um!«
Schicksalsnovizen und meister besitzen keinen Schatten. Es ist einSymbol dafür, dass sie niemals zurück, sondern nur nach vorn sehen.
AUS DIE ZUKUNFT IM BLICK, EIN VON MOYRA PERSÖNLICH GENEHMIGTES LEHRBUCH DES SCHICKSALSORDENS
Meine Hände brannten wie tausend Feuer. Blasen hatten sich darauf gebildet und scheuerten gegen die Zügel des Pferdes, die ich fest umklammerte, um nicht herunterzufallen.
Doch der Schmerz war nur ein Kribbeln im Vergleich zu dem in meiner Brust, wann immer ich zu Nevin hinübersah. Er saß vor Tyron im Sattel, sein Kopf hing auf seiner Brust, während Tyron mit einer Hand die Zügel hielt und mit der anderen Druck auf Nevins Bauchwunde ausübte und dafür sorgte, dass er nicht fiel.
Ich war zu spät gekommen. Ich hatte geahnt … nein, ich hatte gewusst, dass Soldaten Tyron und Nevin angreifen würden, doch ich war zu lange in der Höhle geblieben!
Ich biss die Zähne zusammen und auf einmal waren mir meine Brandwunden willkommen. Wieso war ich nicht schneller gewesen? Wieso hatte ich so lange gezögert? Wieso hatte ich Tyron erstarren lassen? Und wie zur Hölle hatte ich es getan?
Ich verstand es nicht. Ich verstand gar nichts! Die Höhle hatte nichts als stumme Verzweiflung und Leere und Verwirrung in mir zurückgelassen.
Wir sollten das nicht können! Ich hätte Tyron nicht in dem Moment einfrieren können sollen. Er hätte den Soldaten keine Energie stehlen können sollen, ohne sie auch nur zu berühren.
Und ich hätte nicht in die Höhle gehen sollen.
Nichts war wichtiger, als Tyron und Nevin zu schützen, und der Gedanke, dass ich versagt hatte, fraß mich langsam von innen auf. Genauso wie all das, was ich in der Höhle gesehen und gefunden hatte.
Ich hatte mich davor gefürchtet, Tyron tot vorzufinden, als ich aus dem Eingang getreten war … doch einen Dolch in Nevins Bauch zu entdecken, war nicht viel besser.
Fahrig strich ich mir die restlichen Tränen von den Wangen, die der Wind, der uns entgegenblies, noch nicht mit sich gerissen hatte. Vor nicht einmal einem halben Mondzyklus hatte ich behauptet, dass ich nicht weinte. Doch wie sich herausstellte, hatte es damals einfach nur keine Menschen gegeben, die mir nah genug gestanden hatten, um ihnen stärkere Emotionen als Wut, Gleichgültigkeit und milde Freude zu schenken.
Bei meinem Schicksal … was hatte ich getan?
Es war so sinnlos gewesen! Ich hatte gehofft, etwas zu entdecken, das die Götter vor uns verbargen, doch war leer ausgegangen. Ich hatte Nevins Faden überhaupt nicht gefunden. Ich wusste nicht, ob ich das Band von Tyrons Vater von dem seiner Mutter dauerhaft getrennt hatte. Ich wusste nur, dass das Band seiner Mutter viel zu lang für eine tote Frau war!
Das Einzige, was ich mit Gewissheit wusste, war …
Mein Blick flackerte zu Tyron, der mit grimmiger Miene sein Pferd antrieb, während in der Ferne die ersten Lichter von Lor glänzten. Mein Herz wurde so schwer, dass ich Angst hatte, es könnte aus meiner Brust fallen.
Wieso hatte er mir nicht gesagt, dass er bereits eine Seelengefährtin hatte? Wieso hatte er mir einen Vortrag nach dem anderen darüber gehalten, dass er keine Seelenverwandte wollte – wenn er doch eine besaß?!
Deswegen hatte er nicht gewollt, dass ich überhaupt nach seinem Band suchte, oder?
Er hatte gelogen – und jetzt log ich. Ich hatte etwas getan, was ich nicht hätte tun dürfen. Ich hatte etwas getan, was Tyron wütend machen würde … doch ich hatte nicht anders gekonnt.
Ich presste die Lippen aufeinander und versuchte zu ignorieren, dass Nevin immer mehr Blut verlor. Es färbte seinen Verband rot, benetzte Tyrons Finger, tropfte auf den Rücken des Pferdes, das bereits vor Schweiß glänzte.
Wir ritten so schnell wir konnten, doch Lor kam trotzdem nur im Schneckentempo näher. Was, wenn wir es nicht schafften? Was, wenn er starb?
»Geht es dir gut, Kiana?«, fragte Tyron, als wüsste er, in welch dunkle Gefilde meine Gedanken gewandert waren.
Ich schüttelte den Kopf. »Es ist meine Schuld«, stieß ich aus. »Ich weiß nicht, wie ich es getan habe, aber du bist meinetwegen erstarrt.«
»Erstarrt?«, echote Tyron verwirrt. »Ich bin erstarrt?«
»Ja«, hauchte ich – denn natürlich wusste er es nicht. Natürlich verstand er nicht, was passiert war. »Ich hab dich angeschrien, dass du bleiben sollst, wo du bist, erinnerst du dich? Und du bist stehen geblieben. Es ist, als hätte ich dich … in dem Moment gefangen.«
Tyron schwieg. Vielleicht hatte er Schwierigkeiten, mitzukommen. Doch dann schüttelte er nur den Kopf. »Es ist egal. Später.«
»Tyron … wäre ich nicht gewesen, hättest du dich und Nevin verteidigen können, du –«
»Kiana«, unterbrach er mich rau. »Wir suchen nicht nach Schuldigen. Und wenn wir es doch tun, dann finden wir sie bei den Göttern oder den Soldaten, die uns umbringen wollten! Doch gerade muss ich nur hören, dass es dir gut geht.«
Ich nickte, denn ich verstand. »Ich bin nicht verletzt, wenn es das ist, was du wissen willst.«
Tyron atmete lange aus und schloss für einen Moment die Augen. »Okay. Die Höhle hat also nicht versucht, dich umzubringen?«
»Nein«, antwortete ich und starrte in den Himmel, an den in der letzten halben Stunde ein schmaler Mond gewandert war. Mein Herz krampfte bei der Erwähnung der Schicksalshöhle fast so schlimm wie meine Finger. »Nein, sie …«
Ein Stöhnen ließ mich abrupt verstummen und auch Tyron sah sofort zu Nevin, der sich leicht regte und dann ein einzelnes Wort sagte: »Scheiße.«
Nevin hatte schon immer ein Talent dafür gehabt, eine Situation perfekt zusammenzufassen.
»Nevin, beweg dich nicht«, sagte ich heiser. »Mach es nicht noch schlimmer.«
»Schlimmer?«, krächzte er gequält. »Es geht schlimmer? Mann, ich hasse Schmerz. Er … tut so weh.«
»Schön, dass du noch immer so geistreich bist wie zuvor.« Tyrons Mundwinkel wackelten, als er lächelte. »Aber bitte hör auf Kiana, und beweg dich nicht. Wir wollen nicht noch mehr Blut verlieren.«
»Blut?«, fragte Nevin erstaunt. »Wer blutet?«
»Du!«, rief ich ungläubig.
»Ach ja.« Rasselnd atmete er ein. »Ich erinnere mich. Ich habe heroisch Tyrons Leben gerettet. Aber du musst nicht so schreien, Kiki. Ich hab den Dolch in meinen Bauch, nicht in meine Ohren gerammt bekommen.«
Ich weinte und lachte zugleich.
»Scheiße, mir ist schwindelig. Tyron, du läufst ganz schön schnell.«
»Wir reiten, Nevin.«
»Ah. Und ich dachte, sie hätten deine Füße mit Hufeisen beschlagen.« Er blinzelte zu mir herüber. »Warst du in der Höhle?«
»Ja«, hauchte ich und mied Tyrons Blick. »Sie ist wunderschön.«
»Das glaub ich nicht. Mit Sicherheit zu viel Kupfer.«
Ich bemühte mich um ein Lächeln und darum, meine Schuldgefühle herunterzuschlucken, doch ich war machtlos gegen sie. »Ja, eine Menge Kupfer«, gab ich mit belegter Stimme zu.
»Gut, dass du drin warst. Dann war es wenigstens nicht umsonst, oder? Dann hab ich mir die Wunde nicht völlig grundlos zugezogen.«
Ich hielt das Lächeln auf meinem Gesicht, doch neue Tränen brannten in meinen Augen.
Denn es fühlte sich umsonst an. Ich hatte gehofft, Antworten und Lösungen zu finden, und war auf nichts als Fragen und Probleme gestoßen.
Doch ich brachte es nicht über mich, ihm zu gestehen, dass ich versagt hatte. Dass es lächerlich war, aber ich die Vermutung hatte, dass Nevin nicht einmal einen Faden besaß. Er hatte so viel Hoffnung gehabt, endlich dazugehören zu können – und ich würde ihm sagen müssen, dass er laut der Höhle nie auch nur die Möglichkeit bekommen sollte, einen Seelenpartner oder eine Seelenpartnerin zu finden.
Vielleicht irrte ich mich. Vielleicht hatte der Faden sich nur versteckt, aber … es änderte nichts daran, dass ich die Chance vertan hatte!
»Ich fühle mich gar nicht anders«, murmelte Nevin. »Aber vielleicht kommt das noch …«
Ich schluckte. »Mit Sicherheit«, log ich – denn was brachte ihm die Wahrheit jetzt in diesem Moment?
Ich spürte, dass Tyron mich zweifelnd von der Seite ansah … und fragte mich, ob er sich anders fühlte. Ob er gemerkt hatte, was ich getan hatte. Oder ob er gerade nur versuchte zu bestimmen, ob ich die Wahrheit sagte, weil meine Hände so stark bebten, dass die Zügel noch wilder durch die Luft schlackerten als ohnehin schon.
»Okay. Ich glaub, ich werde lieber wieder ohnmächtig«, wisperte Nevin. »Die Umgebung ist irgendwie merkwürdig, das muss der Blutverlust sein. Der Mond ist rosa, in dem Licht wirkt es, als hätte Kiana einen Schatten, und Tyrons Stimme hört sich an, als wäre er unter Wasser …«
Ich lachte erstickt. Nevin war ganz schön hinüber, aber solange er noch Witze reißen, reden und fantasieren konnte, würde vielleicht alles wieder gut werden.
»Nevin, ich glaub, es ist besser, wenn du wach bleibst«, flüsterte Tyron entschuldigend. »Wenn du jetzt die Augen schließt …« Er räusperte sich. »Bleib wach. Das Heilerkonvent liegt außerhalb der Stadtmauern, wir können es schon sehen.«
»Ich bin so müde …« Nevin sackte tiefer in Tyrons Arme.
»Ich weiß, Nevin«, sagte Tyron sanft. »Aber halte nur noch ein wenig länger durch. Kiana, reite am besten vor und kündige uns an, okay?« Er hob den Blick. »Sag, wir wurden überfallen. Erwähn deinen Namen nicht. Wir müssen Nevin zu ihnen bringen, aber sollten nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen, und …« Tyron hörte abrupt zu sprechen auf und starrte mich mit offenem Mund an.
»Was ist?« Meine Hände verkrampften sich um die Zügel. Er sah mir die Lüge an, oder? Oder fühlte er nur die Veränderung …
»Kiana«, sagte er atemlos. »Nevin spricht die Wahrheit. Du hast einen Schatten.«
»Was?« Schockiert wandte ich mich um … und betrachtete mein schwarzes, gestauchtes Abbild, das auf dem Rücken meines Pferdes tanzte. »Das kann nicht sein, das muss nur das Licht sein, das …« Fahrig wischte ich mit den Fingern über die dunkle, verzerrte Silhouette, die mit meinen Bewegungen im Sattel immer länger oder kürzer wurde. »Ich verstehe nicht …« Ich blinzelte, hoffte fast, dass der Schatten dann wieder verschwand – doch er blieb. Er haftete scheinbar an meinem Körper und …
»Du hast einen Schatten«, wiederholte Tyron perplex. »Was hast du in der Höhle getan?«
Nichts. Alles.
»Okay, dann habe ich einen Schatten.« Ich schaute wieder nach vorn. Später. Ein Problem für später. Bei meinem Schicksalsfaden, ich besaß für später nur Probleme, oder?
»Es ist vielleicht sogar gut, dann falle ich nicht als Schicksalsnovizin auf«, meinte ich und ignorierte Tyrons Frage. Es fiel mir schwer, ihm in die Augen zu sehen, geschweige denn ihn nicht wütend anzuschreien, dass er mich angelogen hatte – nur um dann in seine Arme zu sinken und von ihm hören zu wollen, dass alles gut werden würde. Nevin würde gesund werden, die Götter würden aufhören, uns zu jagen, das Schicksal hatte keine Bedeutung mehr …
Ich riss mich aus meinen Gedanken und streckte den Rücken durch. »Dein Plan ist gut: Ich reite vor, wecke die Heiler und erkläre ihnen, was passiert ist …«
Tyron räusperte sich.
»Wir wurden auf dem Weg von der Front zurück in die Hauptstadt von Schicksalsbrechern überfallen«, ergänzte ich und lächelte müde.
»Kiana?«
»Ja?« Ich sah Tyron nicht an. Ich hatte Angst, dass alle Worte aus mir herausbrechen würden, die in meiner Kehle kratzten, aber gerade keinen Platz zwischen uns hatten.
»Sei vorsichtig. Eine Menge Leute wollen uns tot sehen – und du reitest heute das erste Mal allein.«
Statt zu antworten, richtete ich den Blick auf die kleine weiße Häuseransammlung, die direkt vor uns lag, an die hohe Stadtmauer angrenzend, die Lor umgab. »Halt Nevin wach … und am Leben.«
»Das werde ich.«
Es hörte sich an wie ein Versprechen.
Doch vielleicht war es nur die nächste Lüge aus seinem Mund.
Ein Heiler ist dazu verpflichtet, Leben zu retten. Egal ob Freund oder Feind.
Er ist ebenso verpflichtet, einen Feind zu melden.
AUS DEM KODEX DER HEILER
Ich war noch nie zuvor in einem Heilerkonvent gewesen. In meiner Heimatstadt Myram kamen meistens nur die Toten, nicht etwa die Verletzten an. Friedhöfe waren unsere Stärke, Leben retten eher weniger.
Es hatte nur eine Handvoll Mediziner gegeben, die auf Wunsch, wenn jemand ernsthaft krank war, zu einem nach Hause gekommen waren – für Kleinigkeiten wie beispielsweise Schnittwunden hatten sie keine Zeit gehabt.
Also hatte ich all die Verletzungen, die mir die anderen Kinder im Waisenhaus zugefügt hatten, selbst verbunden und verarztet. Ich hätte ohnehin niemandem die Wunden zeigen und als schwach angesehen werden wollen.
Außerdem mied ich Heiler noch aus einem zweiten Grund: Der letzte, der mir zu Gesicht gekommen war, hatte bestätigt, dass meine Eltern tot waren. Als hätten ihre beiden blutüberströmten Körper einer professionellen Einschätzung bedurft.
Doch diesmal hatte ich keine Wahl. Nevin brauchte Hilfe und egal wie gefährlich es war, einer Menge fremder Leute unsere Gesichter zu zeigen: Wenn wir ihm eine Überlebenschance verschaffen wollten, mussten wir das Risiko eingehen. Also presste ich die Oberschenkel fester in die Flanken meiner Stute – mir war erst in der letzten Stunde klar geworden, wie viel Muskelarbeit Tyron mir bislang beim Reiten abgenommen hatte! – und hielt auf die Ansammlung flacher Häuser zu, die aus weiß bemaltem Holz bestanden. Staub wirbelte auf, als ich das Pferd vor einem Haus zum Stehen brachte, an dem eine große Glocke mit dickem Tau daran hing. Ohne viel Federlesens zog ich mehrmals heftig und betete, dass die Glocke tatsächlich nur die Heiler, nicht etwa die Wachen der Stadt alarmierte.
Tausend Nadeln stachen in meine Brust, während ich besorgt die Tür des Hauses betrachtete. Ein aufgemaltes, hellblaues Kreuz, das sich aus einer Nadel und einem Schwert ergab, zierte ihren oberen Rahmen. Das Zeichen der Heiler, das den Menschen bedeutete, dass die Heiler und Heilerinnen genauso kämpften wie jeder Soldat – lediglich mit anderen Mitteln. Es dauerte nur ein paar Sekunden, da wurde die Tür von einem Mann mit Glatze und hellblauer Kutte geöffnet.
»Was gibt es?«, verlangte er schnarrend zu wissen und musterte mich mit verengten Augen. Sein Blick blieb an meinem zerrissenen Ärmel hängen, dessen Stoff ich benutzt hatte, um Nevin einen Druckverband anzulegen, glitt zu meinen noch immer von der Höhle feuchtem Hosensaum und dann zu den zwei Dolchen an meiner Hüfte. Den einen, gezackten, den Tyron mir geschenkt hatte, und den anderen … durch den meine Eltern ihren Tod gefunden hatten.
Das Letzte, was ich brauchte, war ein Heiler, der unsinnigerweise Angst vor mir hatte, also hob ich meine Hände im Zeichen des Friedens und hauchte: »Hilfe.« Mit weichen Knien stieg ich mühselig vom Pferd. »Wir brauchen Hilfe«, wiederholte ich. »Wir wurden überfallen! Auf dem Weg nach Lor hat uns eine Gruppe Seelenbrecher überrascht und ausgeraubt.« Es fiel mir so leicht, Angst in meine Stimme zu legen – denn mir stand zurzeit so unendlich viel davon zur Verfügung. Ich hatte versucht, in Nevins Zukunft zu sehen, als ich ihn verbunden hatte, war jedoch nicht erfolgreich gewesen. Es war unmöglich, ein klares Bild zu erkennen, sobald es um ihn ging! Alles schien so … ungewiss. »Mein … mein Seelenverwandter hat eine Dolchwunde im Bauch davongetragen und er verliert eine Menge Blut!« Nevin hatte einen Seelenverwandten verdient. Und wenn das Schicksal schon unfähig war, ihm einen echten zu schenken … dann würde ich für heute die Rolle übernehmen. Ihm seinen Wunsch erfüllen, zu jemandem zu gehören. Bedeutung zu haben. Denn die hatte er! »Unser Reisegefährte bringt ihn auf seinem Pferd.« Ich deutete mit zitternder Hand über meine Schulter zu dem größer werdenden schwarzen Fleck im silbrigen Mondlicht – und wünschte auf einmal, ich würde noch an die Götter glauben. Denn ich wusste nicht, zu wem ich beten sollte, dass Nevin noch bei Bewusstsein war. Wusste nicht, wen ich darum anflehen sollte, dass die Heiler uns halfen. Dass sie genug Platz und Ressourcen, Männer oder Frauen für die Aufgabe hatten, Nevin zu retten.
Der Mann musterte mich noch immer und ich wusste nicht, ob er mir glaubte oder die Geschichte als Täuschung durchschaute. Sein Gesicht verriet nichts. Ich konnte nicht bestimmen, ob er genervt war, bei Nacht gestört zu werden, oder ob er sich gar freute, wieder arbeiten zu dürfen.
Einen Herzschlag später nickte er, drehte sich um und rief ins Haus: »Ich brauche eine Trage und zwei weitere Paare Hände. Ein Patient mit Stichwunde wird in Kürze eingeliefert, bereitet den Behandlungsraum vor und säubert noch einmal meine Bestecke.«
Erleichterung überfiel mich wie die Nacht die Abenddämmerung, und tief neigte ich meinen Kopf vor ihm. Die Narben auf meinem Nacken waren mir längst nicht mehr unangenehm, denn ich wusste, dass ich stark war – und ich brauchte es niemand anderem mehr zu beweisen. »Danke. Ich danke Euch!«
»Dank mir erst, wenn wir ihn retten konnten, Mädchen«, sagte er schroff, während drei Frauen, ebenfalls in hellblauem Gewand, im Türrahmen auftauchten. Zwei ältere, deren Gesichter von Sorgen und Zeit zerfurcht worden waren und die eine Trage mit sich führten, und eine jüngere, die kaum älter als Tyron und Nevin sein konnte, deren Miene einer blanken Leinwand glich. Sie wirkte nicht traurig, nicht erschreckt, nicht fröhlich, nicht nachdenklich. Sie wirkte seltsam … leer. Sie war dünn, ihre blauen Augen saßen tief in ihrem Gesicht und ihre Wangenknochen stachen deutlich hervor. Vielleicht hatte sie schon zu viele Tode gesehen und sie schlugen ihr auf den Appetit. Der Gedanke war nicht gerade beruhigend.
»Welchen Behandlungsraum bevorzugst du, Livan?«, fragte die Jüngste.
»Den größten. Wir brauchen womöglich Platz.«
Die junge Heilerin verschwand zurück ins Haus, als das Hufgetrappel von Tyrons Pferd ertönte. Ich sah, dass Nevin sich noch regte, und konnte endlich wieder freier atmen.
Tyron hielt vorsichtig an, sein Blick suchte beunruhigt meinen und ich lächelte müde. »Sie werden ihm helfen«, murmelte ich und fügte in Gedanken hinzu: Und mir geht es gut.
Denn manchmal bildete ich mir ein, dass Tyron hören konnte, was ich ihm nur in meinem Kopf mitteilte.
Er nickte kaum merklich, bevor er sich an den Heiler wandte, der die Frauen mit der Trage vorwinkte: »Retten Sie ihn.«
Es war keine Bitte – es war ein Befehl.
Der Heiler ignorierte ihn und hievte Nevin zusammen mit den Frauen auf die Trage.
Eine mit Nägeln gespickte Faust schloss sich um mein Herz, als ich bemerkte, wie bleich Nevin war … und dass er nicht länger gegen die Ohnmacht hatte ankämpfen können. Mein improvisierter Verband war durchnässt von seinem Blut, und er sah so jung aus … so hilflos …
Ich presste die Finger an meine bebende Unterlippe, während der Heiler und eine der Frauen ihn ins Haus trugen. Tyron glitt stumm vom Pferd. Sein Blick war seltsam starr.
