Hundeherz und Liebesglück - Petra Schier - E-Book

Hundeherz und Liebesglück E-Book

Petra Schier

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Beschreibung

Flugbegleiterin Elke hat sich auf entspannte Urlaubstage im Wellness-Hotel gefreut. Stattdessen ist sie jetzt in der Ferienwohnung auf einem Bauernhof untergebracht, wo sie sich völlig fehl am Platz fühlt. Nur schwer kommt sie mit der unverschämt offenen Art der Bäuerin klar und dass Schäferhündin Ania ihr kaum von der Seite weicht, macht ihr Angst. Als dann auch noch Jungbauer Bruno auftaucht, ist Elke völlig überfordert. Warum rüttelt schon sein Anblick ihre Gefühlswelt so durcheinander? Am liebsten würde sie gleich wieder abreisen. Aber dann spürt sie, wie mit jedem weiteren Tag ihre Anspannung nachlässt. Langsam beginnt sie, sich auf das ruhige Landleben einzulassen, genauso wie auf die Liebe der treuen Ania und vielleicht sogar ein wenig auf Bruno.

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Seitenzahl: 156

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MIRA® TASCHENBUCH

Copyright © 2019 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Originalausgabe

Covergestaltung: HarperCollins Germany, Hamburg / Deborah Kuschel Coverabbildung: CHAIWATPHOTOS_Christian Horz, Vudhikul Ocharoen, zoom-zoom / Getty Images, Ian 2010 / Shutterstock Lektorat: Christiane Branscheid E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783955769956

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1. Kapitel

Gegenwart

Mit einem wehmütigen Lächeln setzte Elke die pink und violett blühenden Astern in die beiden Pflanzlöcher, gab frische Blumenerde dazu und drückte sie sorgsam fest. Dann ließ sie sich auf ihren Fersen nieder und hielt einen Moment lang inne, den Blick auf den einfachen grauen Stein gerichtet, der sich oberhalb des kleinen Beetes befand und in den nur ein Name geritzt war: Ania

Ihre geliebte Ania, die erste Freundin, die sie hier in Lichterhaven gefunden hatte. Vor etwas mehr als drei Jahren hatte sie sie verloren, die wunderbarste aller Schäferhündinnen – im stolzen Alter von fast sechzehn Jahren. Sie vermisste Ania immer noch, am heutigen Tag jedoch mehr als sonst. Heute war Elkes Geburtstag – und der Tag, an dem sie Ania zum ersten Mal begegnet war. Jener allererste Tag ihres neuen Lebens. Obwohl sie das damals noch nicht gewusst hatte. Im Gegenteil. Wenn ihr das an dem Tag vor sechzehn Jahren jemand gesagt hätte, hätte sie ihn glatt für übergeschnappt erklärt.

»Hier steckst du. Hab ich es mir doch gedacht.« Ihr Mann Bruno bog auf dem mit Natursteinen ausgelegten Gartenweg um einen Holunderbusch und lächelte ihr zu, als sie sich zu ihm umdrehte. »Mudder lässt fragen, ob du die Eier- und Wurstbestellung für Ben nachher selbst fertigmachen willst oder ob sie das übernehmen soll. Sie ist allerdings schwer mit Backen beschäftigt. Geburtstagskuchen, du weißt schon.«

»Das erledige ich schon. Ben scheint mal wieder rund um die Uhr an seinen Skulpturen zu arbeiten – und wenn nicht das, dann verbringt er Zeit mit Christina. Die beiden sieht man ja jetzt fast nur noch zusammen.« Sie lächelte leicht. »Wenn du mich fragst, wird das was Ernstes. Die zwei wirken einfach perfekt miteinander. Und dann dieser Hund! Boss ist einfach eine Marke. Wie gut, dass Ben meinen Ratschlag angenommen hat und mit Boss in Christinas Hundeschule gegangen ist.«

»Womit du die beiden praktisch verkuppelt hast.« Grinsend trat Bruno näher und kniete sich dicht hinter sie. Sanft zog er sie mit seinen großen, kräftigen Händen zu sich heran.

Elke veränderte ihre Position so, dass sie auf dem warmen Boden sitzen und sich mit dem Rücken gegen seine breite Brust lehnen konnte. »Kann schon sein, aber das war reiner Zufall. Woher hätte ich denn wissen sollen, dass die beiden sich gleich ineinander verlieben? Dafür habe ich ihn nun wirklich nicht zu Christina geschickt.«

»Ich weiß, ich weiß.« Bruno lachte. »Aber deinen Spaß hast du trotzdem daran, gib’s zu!«

»Na klar.« Sie kicherte. »Aber Boss hatte es auch wirklich nötig! Christina ist eine Hundeflüsterin, wie sie im Buche steht. Sieh dir an, wie gut er sich in der kurzen Zeit gemacht hat. Es sind ja erst was – sechs oder sieben Wochen?«

»Es könnten auch acht sein, so genau habe ich nicht mitgezählt.« Bruno küsste sie auf die Schläfe. »Manch ein Zweibeiner benötigt sogar noch weniger Zeit, um sich grundlegend zu ändern.«

Glucksend drehte Elke den Kopf, um ihm ins Gesicht blicken zu können. »Du redest von mir?«

»Von wem sonst?«

»Das wollte ich auch meinen, denn du gehörst ganz sicher nicht zu der Sorte Mensch, die sich leicht ändert.«

Bruno lachte wieder leise. »Das musste ich doch auch nicht. Bloß über meinen Schatten springen.«

»Was in der Tat ein gewaltiger Satz war.«

»Allerdings.« Wieder strich er mit seinen Lippen über ihre Schläfe. »Zu meiner Verteidigung kann ich nur anbringen ... Es ging um dich!«

»Ja ... und?«

In seine Augen trat ein warmer Ausdruck. »Ich hatte Angst, mich lächerlich zu machen. Du warst so ...« Er seufzte. »Ich konnte von dem Moment an, in dem du mir zum ersten Mal begegnet bist, nicht mehr klar denken.«

»Das war heute vor sechzehn Jahren.«

»Ja.« Sanft zog er sie fester in seine Arme. »Ich muss mich heute noch mindestens einmal am Tag kneifen, um sicherzugehen, dass ich nicht träume.«

»Mir geht es ähnlich.« Zärtlich fuhr sie mit einer Hand über seinen muskulösen, sonnengebräunten Arm. Dann gluckste sie erneut. »Dabei fing alles so entsetzlich an.«

»Entsetzlich?« Brunos Stimme war leichte Empörung anzuhören, die sie noch mehr zum Lachen reizte. »O ja, und wie. Weißt du nicht mehr, wie genervt ich hier ankam und wie wütend ich war?«

»Doch, daran erinnere ich mich noch genau.«

2. Kapitel

16 Jahre zuvor

Aufatmend lenkte Elke ihren bis unters Dach mit Gepäck vollgestopften Opel Corsa in die freie Parklücke auf dem Parkplatz des Vier-Sterne-Hotels Seestern am Rand von Lichterhaven und hätte beinahe den Motor abgewürgt. Für einen Moment schloss sie die Augen und versuchte sich zu entspannen. Hinter ihren Schläfen pochte es verdächtig. Hoffentlich kein Migräneanfall, das fehlte ihr gerade noch – ausgerechnet zum Urlaubsbeginn.

Von Urlaubsfeeling war für sie heute allerdings noch nicht viel zu spüren gewesen, da sie gestern noch für eine Kollegin hatte einspringen und den letzten New-York-Flug übernehmen müssen. Erst am späten Vormittag war sie in Düsseldorf gelandet, von dort nach Münster zu ihrer Wohnung gefahren. Dort hatte sie alles für einen sechswöchigen Urlaub gepackt, der Nachbarin den Wohnungsschlüssel und Instruktionen zu den zu gießenden Pflanzen und der Post gegeben und war anschließend sofort nach Lichterhaven aufgebrochen. Natürlich hatte sie im Stau gestanden, mehrfach sogar, sodass aus den normalerweise drei Stunden Fahrt fünfeinhalb geworden waren. Kein Wunder an einem Freitagnachmittag, noch dazu mitten in den Sommerferien. Offenbar hatte sich alle Welt das erste Augustwochenende ausgesucht, um an die Nordsee zu reisen.

Inzwischen war es fast sieben Uhr abends, ihr knurrte der Magen und sie wünschte sich nichts mehr als ein ausgiebiges Bad. Nicht umsonst hatte sie ein Hotelzimmer der Exclusive-Superior-Klasse gebucht, das allen Komfort bot, den man sich nur wünschen konnte. Hoffentlich gab es hier auch jemanden, der ihr beim Tragen des Gepäcks helfen konnte.

Entschlossen, von jetzt an in den Urlaubsmodus zu schalten, stieg Elke aus, streckte sich ausgiebig und atmete tief die laue Abendluft ein. Man roch die See, die sich in nur etwa zweihundert Metern Entfernung hinter dem mit Gras bewachsenen Deich verbarg. Vielleicht wäre ein Abendspaziergang nach dem Essen und vor dem Bad eine gute Idee.

Zielstrebig ging sie auf den Eingang des mehrstöckigen Hotels zu, musste dabei aber mehreren Rollcontainern ausweichen sowie einigen Männern in Arbeitsmontur, die geschäftig hin und her liefen. Sie alle waren mit Zollstöcken und anderen Messgeräten bewaffnet, und ihre Mienen wirkten sorgenvoll.

An der Rezeption musste sie einen Moment warten, weil der Empfangschef gerade telefonierte. Er lächelte ihr freundlich zu, während er sich etwas notierte, auflegte und ihr endlich seine Aufmerksamkeit schenkte. »Entschuldigen Sie bitte vielmals. Wie Sie vielleicht bemerkt haben, geht es im Moment hier etwas drunter und drüber. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich habe ein Zimmer reserviert. Liebholt ist mein Name.« Erwartungsvoll lächelte sie ihm zu.

»Frau Liebholt, natürlich.« Die Miene des Empfangschefs wurde ernst. »Wir sind sehr froh, dass Sie endlich hier sind. Leider konnten wir Sie nicht erreichen.« Er räusperte sich. »Es gab ein entsetzliches Missgeschick ... Einen Wasserrohrbruch in der dritten Etage, der leider ganze zwei Stockwerke unseres Hauses in Mitleidenschaft gezogen hat. Ich fürchte, wir können Ihnen deshalb kein Zimmer geben.«

»Was?« Entsetzt starrte Elke ihn an. »Kein Zimmer?«

»Wie gesagt, wir haben seit gestern mehrfach versucht, Sie zu erreichen, leider aber vergeblich.«

»Ich war nicht zu Hause.« Sie fasste sich an die Stirn. »Und mein Handy ist immer aus, wenn ich arbeite. Ich bin Flugbegleiterin, und in Flugzeugen sind Mobiltelefone verboten.«

»Es tut mir wirklich unsagbar leid, Frau Liebholt. Alle anderen betroffenen Gäste konnten wir inzwischen erreichen und auf andere Hotels verteilen. Diesen Service hätten wir Ihnen selbstverständlich ebenfalls angeboten, aber ...«

»Aber?« Das Pochen hinter ihren Schläfen verstärkte sich rasant.

»Es ist Hochsaison. Im Umkreis von fünfzig Kilometern sind alle Hotels ausgebucht. Wir mussten bereits auf Pensionen ausweichen, doch auch da ist jetzt leider nichts mehr zu machen.« Der Mann zog den Kopf ein wenig ein, als ihn ihr entgeisterter Blick traf.

»Ich brauche aber ein Zimmer.« Sie bemühte sich, nicht laut zu werden oder in Panik zu geraten. »Ich habe sechs Wochen Urlaub und meine Wohnung ist an ausländische Touristen untervermietet, die morgen Vormittag eintreffen. Was soll ich denn jetzt machen?«

»Es tut mir wirklich unsagbar leid. Sie hatten jetzt leider Pech, weil Sie der letzte Gast sind, der von dem Malheur betroffen ist. Wenn wir Sie früher erreicht hätten ... Die Reparaturen werden mindestens drei oder vier Wochen in Anspruch nehmen, und das ist optimistisch gerechnet.«

»Dann bin ich selbst schuld, dass ich kein Zimmer mehr bekomme, bloß weil ich fast rund um die Uhr arbeiten musste?« Allmählich wurde sie doch wütend.

»Nein, nein, natürlich nicht, Frau Liebholt. Es ist nur leider eine ungünstige Verkettung von Umständen.« Der Empfangschef gab etwas in seinen Computer ein. »Was wir Ihnen jetzt noch anbieten können, ist ein Fremdenzimmer auf dem Hof der Familie Dennersen.«

»Hof?« Ahnungsvoll zog Elke die Stirn kraus. »So wie in Bauern-Hof?«

»Ja, genau. Dort gibt es sehr hübsche Zimmer, und der Hof liegt wunderschön. Nur zweihundert Meter vom Deich, so ähnlich wie hier. Die Adresse ist der Kastanienweg, das ist am nordöstlichen Stadtrand. Von hier aus mit dem Auto nur fünf oder sechs Minuten Fahrt.«

»Ein Zimmer auf einem Bauernhof. Mit Kühen, Schweinen, Hühnern ...« Aus dem Pochen hinter den Schläfen wurde ein Stechen. »Das ist nicht Ihr Ernst. Ich habe hier ein Komfortzimmer mit allem Drum und Dran gebucht.«

»Wir würden uns bereiterklären, einen Teil der Unterbringungskosten zu übernehmen, wenn Sie dies wünschen. Selbstverständlich ist uns daran gelegen, dass Sie trotz allem einen schönen Urlaub in Lichterhaven verbringen. Die Dennersens – Mutter und Sohn – sind sehr liebenswürdig. Der Hof liegt ausgesprochen idyllisch und ruhig, und die Zimmer sind wirklich schön, das verspreche ich Ihnen. Urlaub auf dem Bauernhof erfreut sich ja gerade bei jungen Familien großer Beliebtheit, und darauf sind die Dennersens eigentlich auch spezialisiert. Dieses Jahr haben sie ihre Zimmer renovieren lassen und wollten eigentlich erst in der Nebensaison wieder Gäste aufnehmen. Ich bin ganz sicher, dass Sie sich dort wohlfühlen werden, Frau Liebholt. Und falls es doch Probleme geben sollte, sagen Sie mir bitte Bescheid, dann versuchen wir am kommenden Montag noch einmal, Sie anderweitig unterzubringen.« Er holte tief Luft. »Ich entschuldige mich noch einmal für die Unannehmlichkeiten. Gerne stelle ich Ihnen für das kommende Jahr auch noch einen Gutschein für eine Zimmerreservierung bei uns aus.« Wieder tippte er etwas auf der Computertastatur, und gleich darauf sprang hinter ihm ein Drucker an. Es dauerte einen Moment, dann reichte der Empfangschef ihr einen Gutschein über zweihundert Euro sowie ein weiteres Blatt mit einer Wegbeschreibung zum Kastanienweg.

»Wenn Sie einverstanden sind, rufe ich Frau Dennersen gleich mal an und gebe ihr Bescheid, dass Sie auf dem Weg sind.« Er sah sie fast schon ein bisschen verzweifelt an, wohl weil ihre Miene ihr Entsetzen und ihren Ärger deutlich zum Ausdruck brachte.

Da ihr offenbar keine andere Wahl blieb, wenn sie nicht heute Nacht auf dem Deich schlafen wollte, nickte sie seufzend. »Also gut, rufen Sie sie an.« Kurz warf sie einen Blick auf die Wegbeschreibung. »In welche Richtung muss ich denn von hier aus?«

»Warten Sie, ich zeige es Ihnen.« Eifrig kam der Empfangschef hinter der Rezeption hervor und führte sie nach draußen, umsichtig darauf bedacht, dass die umhereilenden Handwerker ihr nicht zu nahe kamen. Mit ausholenden Gesten beschrieb er ihr den Weg und überschüttete sie erneut mit Entschuldigungen und Dankesbekundungen, dass Sie so überaus verständnisvoll reagierte.

Elke würgte ihn schließlich etwas schroff ab, weil ihre Kopfschmerzen immer schlimmer wurden und sie nur noch ihre Ruhe haben wollte. Sie klemmte sich wieder hinters Steuer ihres Wagens und fuhr den Anweisungen des Empfangschefs entsprechend in östlicher Richtung vom Parkplatz herunter und dann einmal quer durch Lichterhaven hindurch. Der Ort war nicht allzu groß, aber nett hergerichtet. Ein ruhiger, aber aufstrebender Touristenort, der wohl danach trachtete, eines Tages mit den bekannten Urlaubszielen an der Nordseeküste mithalten zu können. Die Straßen waren sauber und wurden vielerorts von Blumenkübeln geschmückt, in denen es üppig blühte. Auch die Fensterbänke und Vorgärten der Wohnhäuser waren gepflegt und für das Auge der Touristen herausgeputzt. Überall fand man maritime Dekorationen: Muschelketten als Fensterschmuck, einen Anker über dem Eingang einer Bar, auf dem Marktplatz einen alten, restaurierten Fischkutter, der gewiss schon das eine oder andere Jahrhundert auf dem Buckel hatte. Immer wieder begegnete ihr auf Plakaten oder als Aufsteller die witzige Figur Watti Wattwurm – wohl das Maskottchen der Stadt.

Irgendwo musste sie falsch abgebogen sein, denn plötzlich befand sie sich wieder außerhalb des Ortes auf einem asphaltierten Feldweg, der zwischen Wiesen hindurch auf einen Wald zuführte. Auf einer der Wiesen fuhr ein großer Traktor, an dem eine Heuballenpresse hing. Ein junger Mann von vielleicht zwanzig Jahren fuhr den Traktor, während ein weiterer die Presse im Auge behielt und mit Gesten mit dem Fahrer eines zweiten Traktors kommunizierte, der einen langen Anhänger hinter sich führte.

Elke trat auf die Bremse. Hier war sie ganz offensichtlich falsch. Ihr Blick wurde jedoch erneut von den schwer beschäftigten Männern angezogen. Der Fahrer des zweiten Traktors sprang aus dem Führerhaus und lief auf die Presse zu, mit der es ein Problem zu geben schien. Sie schätzte ihn auf etwa zehn Jahre älter als die beiden anderen. Er war groß, mindestens einen Meter neunzig, sehr muskulös, blond und alles in allem höchst imposant. Selbst auf die Entfernung verursachte sein Anblick Elke Magenkribbeln. Da er kein T-Shirt trug, konnte sie ihn in seiner vollen Pracht bewundern. Er hantierte an der Presse, bis diese offenbar wieder funktionierte. Zumindest spuckte sie jetzt einen weiteren nicht gerade kleinen Heuballen aus, denn der Blonde doch tatsächlich ohne die geringste Schwierigkeit heben und ein Stück zur Seite tragen konnte.

»Huh.« Für einen Moment vergaß Elke ihre Kopfschmerzen. »Wenn es von der Sorte Mann hier noch mehr gibt, ist wenigstens etwas fürs Auge vorhanden.« Sie schüttelte den Kopf über sich, weil sie laut gesprochen hatte. Auch die beiden jüngeren Kerle waren sehr ansehnlich, aber eben doch ein bisschen jung. Zum Anschauen reichte es aber allemal. Elke beschloss jedoch, dass sie nicht unbedingt hier Wurzeln schlagen, sondern lieber herausfinden wollte, wo zum Teufel sie falsch abgebogen war. Also wendete sie und fuhr den Weg, auf dem sie gekommen war, zurück. Nach zwei weiteren Fehlversuchen hatte sie schließlich den Kastanienweg gefunden.

Der Hof der Dennersens – der einzige in der Straße – war nicht zu verfehlen. Linkerhand lag er kurz vor einer lang gestreckten Kurve, die auf den Deich zuführte. Die nächsten Nachbarn waren jeweils ein ordentliches Stück entfernt, und auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab es überhaupt keine Häuser, sondern nur abgezäunte Weidestücke, hinter denen sich ein Wäldchen anschloss.

Hübsch. Pittoresk. Anheimelnd. Das waren die Worte, die Elke bei diesem Anblick sofort einfielen.

Als Elke ihren Corsa auf den Hof lenkte und vor dem Wohnhaus parkte, runzelte sie jedoch die Stirn, denn ihr Blick fiel als Erstes auf einen riesigen Kipplader, auf dem sich ein Berg Mist türmte, und als sie ausstieg, schallte ihr wie zur Begrüßung mehrstimmiges Muhen aus dem Kuhstall auf der rechten Seite entgegen. Das Nächste, was sie wahrnahm, war der typische Geruch eines Bauernhofs – frische Landluft. Zumindest nahm sie an, dass der Geruch typisch war, denn sie war nie zuvor auf einem Bauernhof gewesen.

Mit gerümpfter Nase blickte sie sich um. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Entschlossen wandte sie sich dem Wohnhaus zu und klingelte, wartete, klingelte noch einmal. Nichts rührte sich. Waren die Dennersens gar nicht zu Hause?

Leicht verzweifelt drehte sie sich um – und erstarrte. Ihr Puls verdreifachte sich in Sekundenschnelle, und ein flaues Gefühl breitete sich in ihrer Magengrube aus, als sie den großen, schwarzbraunen Schäferhund erblickte, der nur zwei Schritte von ihr entfernt stand und sie ganz ruhig ansah. Zumindest hoffte sie, dass er ganz ruhig war und nicht gerade überlegte, ob er sie angreifen sollte.

Elke schluckte hektisch. »B... Braver Hund. Ich bin bloß zu Besuch hier. Keine Einbrecherin oder so. Ich wollte bloß ...« Ein Zimmer, verdammt noch mal! Ein Bett und meine Ruhe, mehr nicht!

Dass sie ihn ansprach, veranlasste den Hund, mit der Rute zu wedeln und neugierig näher zu kommen. Mit vorgereckter Nase ging er auf sie zu, schnüffelte an ihren Beinen, die in teuren Seidenstrümpfen steckten. Fast hätte Elke vor Schreck die Luft angehalten. »O Gott, tu mir bitte nichts. Geh weg, ja? Geh einfach wieder dahin, wo du hergekommen bist.«

Der Hund tat nichts dergleichen, sondern setzte sich so dicht vor ihr auf sein Hinterteil, dass sie sich nicht mehr traute, sich zu bewegen. Verzweifelt sah sie sich um. »Hallo?« Ihre Stimme krächzte leicht, sodass sie sich räusperte, bevor sie etwas lauter rief. »Hallo? Ist jemand zu Hause?«

Nichts rührte sich. Lediglich die Kühe im Stall muhten wieder, diesmal lauter. Gleich darauf war ein Scharren oder Schaben zu vernehmen, das klang, als stamme es von einer Schaufel. Also war doch jemand da.

Der Hund hatte sich wieder erhoben und schnüffelte erneut an ihr, stieß sie immer wieder mit der Nase an.

Elke wich instinktiv zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Haustür. »Bitte beiß mich nicht.« Ihr Blick irrte zum Stall hinüber. »Hallo? Hilfe!« Sie kam sich lächerlich vor, fühlte sich der Situation jedoch nicht gewachsen. Hinter ihren Schläfen stach und pochte es nach wie vor, ihr Magen knurrte vernehmlich, und zu ihrer Angst gesellte sich Wut, weil sich hier offenbar niemand für den Gast interessierte. »Hilfe!«, wiederholte sie ihren Ruf noch etwas lauter. »Ist denn niemand hier?«

Das Scharren verstummte. Wenige Augenblicke später erschien eine leicht mollige Frau mit blondem Pagenkopf im Stalltor. Sie trug einen dunkelblauen Arbeitsoverall und Gummistiefel und stemmte bei Elkes Anblick die Hände in die Hüften. »Ania, aus. Komm her.«

Zu Elkes grenzenloser Erleichterung gehorchte der Hund – oder vielmehr die Hündin – sofort und trabte auf die Frau zu.

»Sitz.« Die Bäuerin kam mit neugierig-skeptischem Gesichtsausdruck auf Elke zu. »Also um Hilfe schreien brauchen Sie nun wirklich nicht. Ania ist bloß neugierig. Und gefressen hat sie heute schon.«

»Was?« Entsetzt starrte Elke sie an.

Die Frau seufzte. »Was kann ich denn für Sie tun? Der Hofladen ist um diese Zeit schon geschlossen.« Sie hielt einen Moment inne. »Wenn Sie uns irgendwas verkaufen wollen, können Sie das gleich vergessen. Mit Vertretern haben wir hier nichts am Hut.«

»Ich bin keine Vertreterin.« Elke zwang sich, nicht ihre Schläfen zu reiben. »Ich bin Ihr neuer Gast.«

»Mein was?«

»Der Herr ... Der Empfangschef vom Hotel Seestern hat mir gesagt, ich könnte hier ein Zimmer bekommen. Er wollte Sie doch anrufen.«