Hunter´s Moon - Britta Strauss - E-Book
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Hunter´s Moon E-Book

Britta Strauss

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Beschreibung

Die Rocky Mountains im Winter des Jahres 1795: Eine Handvoll Siedler kämpfen in der tief verschneiten Wildnis um ihr Überleben. Furchterregende Kreaturen streifen durch die Finsternis der Wälder und holen sich einen nach dem anderen. Die einzige Rettung für die verzweifelten Männer: ein Bündnis mit dem sagenumwobenen Jäger Kainah, der nicht weniger gefährlicher ist als die Bestien, die er verfolgt. Durch einen Hinterhalt wird Kainah dazu gezwungen, die Siedler des Forts zu beschützen, doch sein schwelender Hass droht den Männern zum Verhängnis zu werden. Nur Kate, die einzige Frau des Forts, durchbricht die eiskalte Mauer des Jägers. Ist ihre Liebe stark genug, um Kainahs tödliches Erbe zu bezwingen?

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Britta Strauß

Hunter's Moon

Copyright © 2014

Astrid Behrendt Rheinstraße 60 51371 Leverkusen

Web: www.drachenmond.de E-Mail: [email protected]

Satz & Layout: Martin Behrendt, Leverkusen Umschlagdesign: Gina Brooks, Melbourne

ISBN: 978-3-95991-004-0

ISBN der Druckausgabe: 978-3-931989-88-0

Inhalt
Prolog
1
2
3
4
5
6
7
8
Epilog

Prolog

Alberta, 1784

Es war der Winter der Bestie.

Ein Winter so eiskalt und gnadenlos, dass selbst jene Alten, die bereits unzählige Winter erlebt hatten, ängstlich am Feuer saßen und befürchteten, den Frühling nicht mehr zu erleben.

In den Wäldern lauerte der Tod nicht nur in Gestalt des tiefen Schnees und des unerbittlichen Frostes, sondern vor allem im tödlichsten aller Wesen, das wie ein unsichtbarer und unhörbarer Geist aus dem Gebirge in die Täler gekommen war und nach Opfern suchte.

Die alte Hurit aber kämpfte sich furchtlos durch den Schnee. Von Tag zu Tag wurde der Weg für ihre morschen Knochen beschwerlicher, das Herz stolperte in ihrer Brust wie ein verwundetes Tier. Unermüdlich ging sie weiter, Schritt für Schritt. So viele Male war sie in ihrem Leben diesen Pfad gegangen, an Fichten und Espen vorbei zum Fluss, der sich wie eine mächtige Schlange durch das Tal wand.

Das letzte Sonnenlicht des Tages schimmerte blassrot auf der Schicht frisch gefallenen Schnees. Hurit sah die schnurgerade Spur eines Fuchses, und dort drüben, bei den Büschen nahe dem Ufer, hatte ein aus dem Winterschlaf erwachtes Eichhörnchen mit seinen Krallen feine Spuren hinterlassen.

Nur noch fünf Schritte, nur noch vier.

Hurit keuchte vor Erschöpfung.

Drei, zwei, eins.

Endlich hatte sie es geschafft. Kraftlos lehnte sie sich gegen einen der Felsen und rang nach Atem, was die eisige Luft mit einem brennenden Schmerz im Brustkorb bestrafte. Blinzelnd versuchte sie, die Welt in ihrer einstigen Schärfe wahrzunehmen. Vergeblich.

Das Alter hatte ihr vieles genommen. Die Schönheit, die Jugend, das Augenlicht und den Mann, den sie liebte. Gegeben hatte es ihr im Gegenzug Schmerzen. Aber auch Frieden und das Wissen, dass alles so gekommen war, wie es für sie vorherbestimmt war.

Hurit ging in die Knie, tauchte die Büffelblase in das Wasser und überließ es dem Strom, sie zu füllen. Raschelnd unterhielten sich die Bäume im Eiswind und schüttelten das dünne Kleid aus Frost von ihren Zweigen. Seit ihr bewusst geworden war, dass ihr Ende nahte, erschienen ihr die Gipfel der himmelhohen Berge erhabener, der Wald heiliger und der Lauf des Flusses tröstlicher. Bald würde auch sie dem Strom aller Dinge folgen und ewige Ruhe finden. Wie die Blätter, die von den Zweigen fielen und vom Wasser fortgetragen wurden. Sie hatte ihre naturgegebenen Pflichten erfüllt, all ihre Kinder waren erwachsen und gaben ihr Wissen an eigene Sprösslinge weiter. Zwei tapferen Kriegern und einer klugen Frau hatte sie das Leben geschenkt. Es gab elf Enkel, denen sie am Feuer Geschichten erzählen konnte, und viele Jahre voller Freude und Leid, auf die sie zurückblicken konnte.

Das war genug. Oh ja, mehr als genug.

Hurit seufzte, als die Erinnerungen über sie kamen. Je älter sie wurde, umso mehr verblasste das, was gestern geschehen war, und umso schärfer traten längst vergangene Zeiten hervor. Wie sehr sehnte sie sich nach ihrem Mann. Sicher würde er sie in der anderen Welt willkommen heißen und glücklich in seine Arme schließen. Nach all den Jahren hatte Hurit noch immer den Duft seiner Haut in der Nase und fühlte, wenn sie nachts unter den Fellen lag, seine Finger auf ihrem Körper.

Lächelnd hielt sie das Gesicht in die Sonnenstrahlen und lauschte. Bis auf das Rauschen der Bäume und das Strömen des Wassers war es still. Keine Hunde kläfften, keine Kinder lachten. Der Winter hatte alles in einen tiefen Schlaf fallen lassen. Selbst die drohende Gefahr, die sich unaufhörlich ihrem Dorf näherte, änderte nichts an der Ruhe, die sich über die Zelte gelegt hatte.

Als die erste Blase gefüllt war, verschloss Hurit die Öffnung und tauchte die zweite ein. Ihre Augenlider wurden schwer und verlangten danach, einfach zuzufallen. Sobald sie das Wasser in ihr Zelt gebracht und den Eintopf vorbereitet hatte, würde sie bis zum Abend schlafen. Dann war das Fleisch im Kessel zart genug, um es mit ihren übrig gebliebenen Zähnen zu kauen.

Als Hurit das nächste Mal aufblickte, flossen Ströme aus Nebel von den Berghängen herunter und begannen, die Stämme der Bäume einzuhüllen. Im Westen stand der Vollmond über den Gipfeln, bleich vor dem Blau des Nachmittagshimmels. Ehe die Dunkelheit kam, würde er hinter den Bergen verschwunden sein. Eine finstere Nacht stand bevor. Nur Sternenlicht und Feuerschein würden sie erhellen und den Kreaturen vielleicht schon heute den Weg zum Dorf weisen. Mit ihren schrecklichen Rufen würden die Kocodjo ihre Forderung stellen, noch ehe sich ihre gewaltigen Körper aus der Dunkelheit formten:

Gebt uns Fleisch.

Gebt uns zwei Opfer.

Hurit würde eines dieser Opfer sein, aber sie fürchtete sich nicht. Weder vor dem Tod noch vor dem Schmerz. Die Gier der Bestien verschlang alles, übrig blieben nur dampfender roter Schnee und ein paar Reste von Fleisch und Knochen. Nichts Bedeutendes. Was war schon diese verwelkende Hülle? Nicht viel mehr als ein zu eng gewordener Kokon, aus dem sie herausschlüpfte, um endlich frei zu sein. Besser, die Kreaturen fraßen ihr Fleisch, als dass sie ihren Hunger an einem jungen Menschen stillten.

Gestaltlose Geister kamen mit dem Nebel, nur wahrzunehmen von denen, die dem Tod näher waren als dem Leben. Hurit spürte sie in der frostigen Luft, im Ächzen der Bäume unter ihrer Schneelast und im Knacken des Eises. Geister aus vielen, unendlich vielen Generationen, die sie immer lauter riefen und ihre Nebelfinger nach ihr ausstreckten. Ein letzter Sonnenstrahl brach sich in den Eiszapfen, die die Felsen am Fluss schmückten, dann verschwand das Licht hinter den Gipfeln und überließ der Dunkelheit die Herrschaft.

Während Hurit am Ufer hockte und Kraft für den Rückweg sammelte, fiel ihr etwas Sonderbares ins Auge. Ein dunkler Fleck zwischen den weißen Birkenstämmen am gegenüberliegenden Ufer.

Ein Tier? Nein.

Ein Mensch? Vielleicht.

Unsicher blickte Hurit in den dunkler werdenden Himmel hinauf. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Nacht hereinbrach, und kam erst die Finsternis, war niemand mehr sicher, der sich außerhalb des Ringes aus Feuern und wachsamen Jägern befand.

Als ihr die Unsinnigkeit ihrer Gedanken auffiel, stieß Hurit ein Schnauben aus. Was machte es schon, wenn einer der Kocodjo sie fand? Es war ohnehin beschlossen, dass sie den Winter nicht überlebte.

Ihre Knochen schmerzten, als sie sich aufrichtete. Knie und Hüften knackten laut und straften jede Bewegung mit Qual, doch Hurit kämpfte sich am Ufer entlang, bis sie jene flache Stelle erreichte, an der der Fluss bis auf ein Rinnsal gefroren war. Das Eis krachte gefährlich unter ihren Schritten, aber es hielt stand. Je näher sie dem dunklen Etwas kam, umso deutlicher erkannte sie, dass es tatsächlich ein Mensch war. Sie sah eine blutverschmierte Hand, die etwas umklammert hielt. Hinter langen, schneebedeckten Haaren schimmerte ein Gesicht.

Der Kleidung nach war es ein Mann vom Stamm der Siksika. Nein, wohl eher noch ein Junge. Hurit begann zu rennen, als sie den Pelz erkannte, der um seine Schultern lag: tiefschwarz, mit zwei hellen Streifen, deren bläuliches Silber nur die Haarspitzen färbte.

Nein! Unmöglich!

Aber sie sah es, und sie roch es. Dieser scharfe, tödliche Geruch, den sie einmal im Leben wahrgenommen hatte. Brennend und wild, furchterregend und heiß wie ein den Körper verzehrendes Fieber. Sie hatte dasselbe gerochen, als ein Kocodjo einem Mann, der nur wenige Schritte neben ihr gegangen war, mit einem Schlag seiner Klauen die Eingeweide aus dem Leib gerissen hatte.

Stöhnend ging sie neben dem Jungen in die Knie.

Überall war Blut! Es klebte in seinen Haaren, an jedem freien Stück Haut, an seiner zerfetzten Hirschlederkleidung und in seinem Gesicht. Hurit berührte es sanft mit ihren Fingerspitzen. Auch ihr ältester Sohn war einmal so jung und schön gewesen, und durch ihren Schrecken sickerte die Nostalgie einer alten Frau.

Warum trug der Junge den Pelz des tödlichsten aller Wesen? War er ein Geist, der sie narrte? Behutsam bog Hurit die Finger des Verletzten auf und warf einen Blick auf das, was er so entschlossen umklammert hielt. Es war eine Kralle des Monsters. Bluttriefend, noch mit einem Stück Fleisch daran, aus dem der zersplitterte Knochen ragte.

Unvermittelt öffnete der Junge die Augen. Ihr war, als starrte sie in einen Abgrund aus eiskalt brennendem Hass. Silber sprenkelte den schwarzen Blick, und darin glühte die Raserei eines Menschen, der alles verloren hatte. Hurits Herz quoll über vor Mitleid. Sie musste ihm helfen. Koste es, was es wolle.

»Was ist dir geschehen?«, fragte sie sanft. »Woher hast du diese Klaue?«

Der Geisterjunge entzog seine Finger ihrem Griff und funkelte sie wütend an. Ein Beben ging durch seinen Körper, dem ein unterdrückter Schmerzenslaut folgte. Er musste schnell ins Warme, brauchte Medizin und einen guten Schlaf, sonst würden ihn das Fieber und der Röchelhusten dahinraffen, wenn die Wunden ihm nicht schon den Garaus machten.

»Sie haben alle getötet«, flüsterte der Geisterjunge. »Jeden Einzelnen. Sie wollten mich an die Kocodjo verfüttern, aber am Ende waren sie es, die starben.« Sein Atem ging schnell und flach, Schweißtropfen gefroren auf seiner Stirn. Die Hand mit der Klaue presste er fest an seine Brust, als wollte er sie sich ins Herz stoßen. »Ich habe einen von ihnen getötet. Es ist seine Klaue. Ich habe sie ihm abgeschnitten. Und ich habe mir sein Fell genommen.«

Hurit schüttelte den Kopf. Einerseits aus Entsetzen, weil sie nicht begriff, weshalb man einen jungen, starken Menschen freiwillig den Kocodjo überließ. Andererseits, weil kein Krieger in der Lage war, eine dieser Kreaturen zu töten. Nicht einmal der Stärkste, und nicht einmal eine ganze Schar von ihnen. Wie konnte es einem Jungen gelingen, der kaum zwölf Winter zählte?

»Sie zu töten, liegt nicht in unserer Macht«, sagte sie sanft. »Ebenso wenig können wir einen Geist oder ein Gottwesen töten.«

Der Junge bleckte angriffslustig die Zähne. »Ich habe ihn getötet. Es ist die Wahrheit.«

»Dann will ich es glauben. Aber warum wollte man dich opfern? Du bist jung und stark. Man bindet doch nur Alte und Schwache an die Bäume.«

»Sie hatten Angst vor mir. Sie hassten mich.« Die Augen des Jungen rollten nach hinten. Er kippte gegen ihre Schulter und begann zu zittern, als sie ihn umarmte.

»Auch deine Eltern? Wie konnten sie das zulassen? Und warum haben die Kocodjo so viele getötet? Sie vernichten kein ganzes Dorf. Sie nehmen zwei Leben und verschwinden wieder.«

»Ich weiß es nicht.« Der Geisterjunge zitterte und schwitzte immer heftiger. Trotz der Kälte glühte seine Haut. Hurit drückte ihn fest an sich und summte beruhigend in sein Ohr. Sie wusste in ihrem Alter, wann ein Mensch log, und so unglaublich die Geschichte auch war, sie entsprach der Wahrheit. Wenn dieser Junge die Kreatur getötet hatte, dann konnte er kein Mensch sein. Sein Schicksal musste größer sein als das eines Sterblichen. Um so vieles größer.

Behutsam zog sie den Pelz von seinen Schultern und stöhnte auf. Schreckliche Wunden bedeckten die linke Schulter und den Arm des Jungen, und die Ränder der klaffenden Löcher waren schwarz verätzt vom Gift des Kocodjo.

Selbst ein oberflächlicher Biss der Kreatur tötete einen Menschen innerhalb kurzer Zeit. Noch ehe die Wundränder schwarz wurden, war das Herz des Unglücklichen bereits stehengeblieben. Verbrannt vom Gift der Kreatur. Niemand überlebte solche Wunden.

Nur dieser Junge.

»Wie hast du es getan?«, fragte Hurit, doch er antwortete nicht mehr. Voller Staunen betrachtete sie sein Gesicht, strich ihm die blutverkrusteten Haare von den Wangen und küsste seine Stirn. Legenden besagten, dass die Erschaffer der Welt, die zeitlosen Wanderer des silbernen Pfades, manchmal in menschlicher Gestalt auf die Erde kamen, um eine Aufgabe zu erfüllen. Sie schlüpften in den Körper eines Neugeborenen und gingen den Weg ihres Schicksals. Wieder und wieder. In einem endlosen Kreislauf aus Tod und Wiederkehr.

Vielleicht lag vor ihr solch ein göttliches Wesen, und ihre Aufgabe vermischte sich nun mit seiner.

»Wie ist dein Name?«, fragte sie flüsternd. »Sag mir deinen Namen.«

Die Antwort kam wie das kaum hörbare Flüstern eines kraftlosen Windes. So sacht, dass sie ihr Ohr an seine Lippen legen musste.

»Kainah.«

1

Fort Manners, Handelsposten der Hudson Bay Company, Alberta, 1795

Kate zog sich ganz in das zurück, was sie tat. Sie nutzte die flüchtige Auszeit von ihren Gedanken und klammerte die Wirklichkeit aus, solange es ging. Als sich die Dochte mit Wachs vollgesogen hatten, legte sie sie auf das Fettpapier und zog behutsam daran, bis sie gerade waren. In einem großen Gefäß, das neben ihr auf dem Tisch stand, schmolzen derweil die letzten Klumpen Walrat.

Jedes Mal, wenn Kate zwischendurch einen Blick auf ihre schlafende Schwester warf, wartete sie auf den Schmerz, der hätte kommen sollen. Doch er kam nicht. In ihrer Brust ruhte ein kaltes, gefühlloses Herz, das nicht einmal von Margrets jämmerlichem Anblick berührt wurde. Während sie drei Dochte an einem Holzstab befestigte und in das Kerzengefäß hängte, wurde der Schneefall vor dem Bleiglasfenster dichter. Er war wie eine Wand. Nein, wie ein Grabtuch. Er rieselte und flüsterte und erstickte die ganze Welt.

Margret würde es nicht schaffen. Sie sah es an dem fahlen, gelben Dreieck, das sich um Nase und Mund ihrer Schwester gebildet hatte. Das Todesmal.

Warum konnte sie nicht mehr weinen? War das, was sie fühlte, etwa Stärke? War sie zu dem geworden, was sie sein musste, um all das hier zu ertragen?

Kate summte vor sich hin, während sie die Dochte zum Trocknen aufhängte und jene von der Leine nahm, die bereit waren für die nächste Schicht Walrat. Falls Margret sie hörte, würde das Summen sie vielleicht beruhigen. Es war ein Schlaflied ohne Worte, nur bestehend aus einer sanften Melodie. Eine tröstende Erinnerung an ihre Kindheit.

Bis alle Kerzen die richtige Dicke besaßen, würde es tiefe Nacht sein. Sei es drum. Schlaf war ihr ohnehin nicht vergönnt, seit Margret im Sterben lag. Bald würde sie die letzte Frau im Fort sein. Ein unwirklicher Gedanke. Allein in der Wildnis, Dutzenden von Männern ausgeliefert, die sich nur deshalb nicht an sie heranwagten, weil sie die Nichte des gefürchteten Captain Williams war.

Lange stand sie einfach nur da und starrte auf die baumelnden Dochte. Sie würden feine, weiße Kerzen abgeben. Der einzige Luxus hier draußen, denn von Licht und Wärme hing alles ab. Beides war Trost und Hoffnung, ein winziger Schimmer in nicht enden wollender Finsternis.

In diesem Augenblick erhob sich aus dem Behandlungsraum im Stockwerk unter ihr ein markerschütternder Schrei. In ihm lag soviel Qual, dass er selbst Margrets Dämmerschlaf durchbrach. Das Mädchen wachte auf, um von einem Grauen in das nächste zu wechseln.

»Bitte, Herr«, flüsterte Kate mit geschlossenen Augen, »erlöse ihre armen Seelen. Lass sie nicht länger leiden.«

Sie sackte gegen den Tisch, ballte die Hände zu Fäusten und presste sie auf ihre Schläfen. Wo waren die Güte und die Gerechtigkeit, um die sie in zahllosen Gebeten gefleht hatte? Wo war der Gott, für dessen Beistand und Trost sie alles gegeben hätte?

Klage nicht!, mahnte eine innere Stimme. Jeder geht den Weg, der ihm vorbestimmt wurde. Und wenn Gott entschieden hat, dass ihr leiden sollt, dann tragt euer Schicksal mit Demut. Zweifle nicht! Zweifle nicht!

»Peter«, wisperte Margret. »Wo bist du?«

»Schlaf weiter, Schwester. Dein Verlobter wird bald bei dir sein.«

»Ich will ihn sehen!«

»Bald, kleiner Vogel.«

Die verlorengeglaubten Tränen kehrten plötzlich mit aller Gewalt zurück. Kate wandte sich ab, damit Margret nicht sah, wie sie über ihre Wangen strömten. Es dauerte lange, ehe sie versiegten, und als ihre Augen wieder trocken waren, trat sie vor den halbblinden Spiegel. Mager war sie geworden. Ihre einst üppigen Rundungen, die in New York so manchen Mann dazu bewogen hatten, bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten, waren fast gänzlich verschwunden. Nur ihr Gesicht war noch immer rund wie ein Vollmond und genauso bleich. Was das anging, kam sie ganz nach ihrem Vater. Blassgraue Augen mit dunklen Sprenkeln, schwarze Locken, die stumpf geworden waren, und bleiche Haut, die nicht Margrets makelloses Elfenbeinweiß besaß, sondern sich ständig mit roten Flecken überzog. Als Schönheit hätte sie sich selbst nie bezeichnet. Wenn jemand um ihre Hand angehalten hatte, dann vermutlich nur, weil sie die Tochter eines reichen Bankiers war. Kate fuhr sich mit beiden Händen durch die ungekämmten Locken. In diesem dunkelbraunen Kleid sah sie wahrhaft wie ein Gespenst aus. Wie passend. Sie alle waren Gespenster hier draußen. In diesem weiten, wilden Land, das sich jeder Zähmung widersetzte.

Kate warf einen Blick aus dem von Eisblumen überzogenen Fenster. Der Schnee draußen dampfte noch immer und stank nach Blut, hier im Zimmer war es kaum besser. Das letzte Schwein war ausgerechnet unterhalb ihres Fensters abgestochen worden, bei der Jagd verwundete Männer wurden gerade ein Stockwerk tiefer zusammengeflickt. Und so kam es ihr vor, als sei das ganze Fort in Blut getaucht.

Dabei war all das nur der Anfang eines viel größeren Problems. Zuerst hatten sintflutartige Regenfälle das Land heimgesucht und die Ernte auf den Feldern verdorben. Dann waren die Wege durch den heftigen Schneefall, der weit vor seiner Zeit eingesetzt hatte, unpassierbar geworden. Der Fluss hatte sich in ein reißendes Monster verwandelt und die Männer, die die angesammelten Waren des Handelspostens in die nächste Stadt transportiert hatten und sich mit Kanus voller Proviant auf den Rückweg gemacht hatten, würden es kaum schaffen, bis hierher durchzudringen. Falls sie nicht längst tot waren.

Kate verfluchte die Gedankenlosigkeit, die im Fort herrschte. Nicht nur, dass die Männer ihr verdientes Geld oft noch am selben Tag im Laden des Handelspostens auf den Kopf schlugen, sie hatten auch noch das Tauschfest im letzten Monat in eine regelrechte Verschwendungsorgie ausarten lassen. Sie verfluchte ihren Onkel, der es als Leiter dieses Postens nicht für nötig erachtet hatte, etwas daran zu ändern, und der jetzt, da die Vorratskammern geplündert waren, seine schlechte Laune an anderen ausließ. Als krönendes Übel kamen hinzu, dass die Jäger kein Wild mehr fanden und die Indianer dem Fort fernblieben.

Alles, aber auch alles, hatte sich gegen sie verschworen.

Margret seufzte, als Kate sich auf die Bettkante setzte und eine Hand auf die Wange ihrer Schwester legte. Nachdem sie viele Tage lang vor Fieber geglüht hatte, war sie nun eiskalt. Margrets feurig rotes Haar war ausgeblichen, ihre einst alabasterfarbene Haut wächsern und grau.

Sie verlosch vor ihren Augen. Genauso wie Mutter vor sechzehn Jahren. Und wie Vater im letzten Frühling. Der Fluch der Schwindsucht klebte wie Pech an ihrer Familie.

»Peter«, krächzte Margret, als ein neuerliches Brüllen durch das Haus hallte. »Was ist mit ihm? Warum schreit er so?«

»Es geht ihm gut«, murmelte Kate. »Mach dir keine Sorgen.«

Ja, es ging ihm gut. So gut, wie es jemandem gehen konnte, dem gerade bei vollem Bewusstsein ein Arm abgeschnitten wurde. Ebenizer besaß keinen Mohn mehr. Kein Bilsenkraut und keine Alraunen. Nichts, was es erträglicher hätte machen können. Warum war Peter nur so dumm gewesen? Einem Rudel hungriger Wölfe nahm man nicht ungestraft seine frisch geschlagene Beute weg. Nicht in einem solchen Winter. Gott hatte entschieden, diesen Raubtieren mehr Glück angedeihen zu lassen als seinen treuen Kindern, die nie ohne ein Gebet schlafengingen und ihn Tag für Tag lobpreisten.

Kate schloss ihre brennenden Augen. Bald würde sie genauso kalt sein wie das Land. Dieser Ort hatte sie unwiderruflich verwandelt, und manchmal, wenn der Schmerz wirkungslos an ihrer neuen Haut abprallte, war sie sogar froh darüber.

Wenigstens verlangte Ebenizer nicht, dass sie bei der Amputation assistierte. Dem tatterigen Alten dabei zuzusehen, wie er Peter mit seiner rostigen Säge den Arm abtrennte, wäre selbst für die abgebrühte Frau, die sie geworden war, zu viel gewesen. Schreckliche Wunden und fließendes Blut hatten ihr noch nie etwas ausgemacht, aber dem Verlobten ihrer Schwester beim Verbluten zusehen? Niemals!

Ein bitter schmeckendes Lächeln hob ihre Mundwinkel. Sie dachte an Mia und Dorothea, ihre Freundinnen drüben im Osten, und daran, wie sie reagieren würden, wenn Kate ihnen berichtete, was sie hier bisweilen tat.

»Sticken und häkeln? Oh nein. Morgens amputiere ich Finger und Zehen, nachmittags richte ich gebrochene Knochen und Sonntags stopfe ich Eingeweide in die Bauchhöhle zurück. Ebenizer sagt, ich sei ein Geschenk des Himmels. Weil ich nicht in Ohnmacht falle, wenn ein Knochen aus der Haut herausragt oder jemand mit einem Ohr ankommt und sagt, ich soll es wieder annähen.«

Im Nachhinein wunderte es sie noch immer, dass Williams ihrer Bitte, für den alten Ebenizer arbeiten zu dürfen, zugestimmt hatte. Hier draußen galten offenbar andere Regeln als in der Zivilisation. In New York wäre ihr Wunsch mit großer Empörung abgeschmettert worden, hier schien es niemanden zu stören, dass sie vom Pfad der üblichen, weiblichen Pflichten abwich. Wenigstens störte es niemanden, solange ein Mann über ihr stand, der jeden ihrer Handgriffe überwachte. Und wenn es ein zitternder Greis war, der kaum noch die Hand vor Augen sah.

»Schwester?«, flüsterte Margret kaum hörbar.

Kate blinzelte. »Ja, kleiner Vogel?«

»Hörst du das?«

Sie lauschte. Es war still. So eigenartig still, als wäre alles Lebendige in diesem Haus erstarrt. Das, was Kate zuerst empfand, war Erleichterung. Peter fühlte keine Schmerzen mehr. Weder das Reißen seines zerfetzten Fleisches noch die schartigen Zähne der Säge. Endlich hatte er es überstanden.

»Schschsch …«, flüsterte sie. »Alles ist gut. Dein Liebster ist jetzt im Himmel. Der Herr wird ihn trösten.«

Margret lächelte selig. Nach wenigen Atemzügen schloss sie die Augen und schlief ein. Ob Peter sie rief oder gar die Hand nach ihr ausstreckte, um mit ihr gemeinsam weiterzugehen?

Kate versuchte sich vorzustellen, dass sein Geist bei ihnen war und auf sie herablächelte. Sie streichelte die Stirn ihrer Schwester, summte die Melodie des Schlafliedes vor sich hin und blieb bei ihr, bis kein Atem mehr die magere Brust hob und senkte. Dann flüsterte sie ihr Lebewohl, und küsste Margret ein letztes Mal auf das Haar.

Mit einem Mal wurde der niedergezwungene Schmerz unerträglich. Es war vorbei. Für immer vorbei.

Sie musste raus!

Raus diesem Totenhaus!

Kate riss den Winterumhang vom Stuhl, warf ihn um ihre Schultern und rannte los.

Aus dem Haus hinaus, durch den blutigen Schnee und hin zum Tor, das die Wächter für sie öffneten. Sie taten es, ohne ein Wort zu sagen, als ahnten sie, was geschehen war.

Weinend kämpfte sie sich durch den Schnee und hasste die Welt dafür, dass sie so rein und schneeweiß leuchtete. Flecken hellen Blaus blitzten durch aufreißende Wolken, ein paar verirrte Sonnenstrahlen brachten den gefrorenen Wald zum Funkeln. Zum ersten Mal seit vielen Tagen hatte der Schneefall aufgehört.

Gleichgültig.

Obwohl ihr Herz wie besessen raste, spürte sie nichts als leere Kälte in der Brust. Ihre Seele fühlte sich an wie ein gehäutetes Tier, jeder Gedanke war eine gefrorene Blase, eingeschlossen im Eis.

Das Wollkleid und der pelzverbrämte Umhang hingen schwer an ihrem Körper, Frost biss in ihre nackten Hände. Egal.

Kate stapfte den Hang hinauf, kletterte und stolperte, keuchte und weinte und wischte sich mit tauben Fingern die gefrorenen Tropfen von den Wangen. Weit über dem Fort, wo die Fichten nur noch licht standen und Felsgrate wie abgebrochene Zähne in den Himmel ragten, wandte sie sich um.

Unter ihr lag das Fort, klein und verletzlich inmitten der endlosen Weiten des Landes. Im Westen wuchsen die Bergmassive der Rocky Mountains empor, von der Ferne ausgebleichte Zacken vor dem eisigen Himmel, so gewaltig, dass sie im Dämmerlicht des Abends wie Trugbilder aus einer legendären Welt wirkten. In ihrem Schatten waren Menschenleben nichts weiter als windverwehter Schnee.

Im Osten blickte man auf die sanften Geschwister des Gebirges: verschneite Bergkuppen, zu deren Füßen sich der silbern schimmernde Saskatchewan dem Horizont entgegenschlängelte.

Und vor ihr lagen die Wälder. Ein wildes Labyrinth, in dem der Mensch nichts verloren hatte, und doch eroberten sie sich jeden Tag aufs Neue das Recht, in dieser Wildnis existieren zu dürfen. Sie bezahlten mit Blut und Schmerz und bekamen nichts dafür zurück. Nur die schreckliche Pracht dieses Landes und den Triumph am Abend, den Tag überlebt zu haben.

Kate sah den Wolken ihres Atems nach, die sich im Himmel verloren. Langsam, ganz langsam, sickerte die Grenzenlosigkeit des Landes in ihre Seele und linderte den Schmerz. Es tat weh, in diese Weite hi­nauszublicken. Sie fühlte sich so winzig klein, und doch war es ein tröstliches Gefühl. Jetzt, da es keinen Menschen mehr gab, der ihr nahestand, war sie frei. Auf grausame Weise frei, ja. Aber dennoch frei.

Reglos stand sie da und blickte ins Leere, bis die Dämmerung kam. Wenn sie jetzt nicht zurückging, würde man sie suchen. Zumindest, bis die Dunkelheit hereinbrach. Denn die wenigsten wagten sich bei Nacht in die Wälder. Nur eine Handvoll Trapper und Waldläufer waren mutig genug, der Natur dieses Lands zu trotzen. Männer, die keine Menschen waren, sondern ebenso wie die Wölfe und die Indianer ein verrohter Teil dieses Landes.

»Peter, Margret.«

Sie flüsterte die Namen zum Abschied. Der Eiswind riss sie von ihren Lippen und wehte sie fort. Hätte der Tod sie nicht schlimmer treffen müssen? Akzeptierte sie ihn, weil er hierher gehörte und alltäglich geworden war? Oder war sie ein schlechter Mensch geworden?

Fröstelnd, die Arme um ihren Oberkörper geschlungen, blickte Kate noch einmal in die Wolken hinauf. Der letzte blaue Fleck verschwand, neuer Schneefall kündigte sich an.

Und dann hörte sie das Brüllen.

Zuerst war es ein fernes Grollen. Wie der erste Donner eines nahenden Gewitters. Doch schnell wurde es lauter und machtvoller, bis es als schauerliches Dröhnen über das Land hallte, durch das Tal rollte und sein Echo an den schroffen Klippen des Gebirges fand.

Kate erstarrte.

Das war kein Unwetter. Es war kein Felssturz, keine Lawine. Es war der Laut eines Tieres. Nie zuvor hatte sie einen solchen Schrei gehört. Kein Bär und kein Wolf vermochte es, die Erde in ihren Grundfesten zu erschüttern, doch dieser Ruf tat es. Er klang wie eine Warnung. Wie ein Versprechen.

Heiße Panik raste durch ihr Blut.

Nach Hause! Schnell!

Kate rannte los. Das lange Kleid behinderte sie beim Laufen, schlang sich um ihre Beine und brachte sie im hohen Schnee fast zu Fall. Warum war es schon so dunkel? Gerade eben war doch erst die Dämmerung hereingebrochen.

Kurzerhand raffte sie den Stoff mit beiden Händen und stürmte weiter, hin zum geöffneten Tor. Mit einem Mal erschien es ihr unendlich weit entfernt. Im Augenwinkel glaubte sie, zwischen den Bäumen des Waldes eine Bewegung wahrzunehmen. Etwas Großes, etwas sehr Großes schob sich durch den Schnee. Doch als sie den Blick auf die Stelle heftete, war nichts mehr zu sehen außer schneebeladene Äste, die sich bis zum Boden durchbogen. Die Dämmerung wurde tiefer. Der letzte Schimmer des Tages erlosch.

»Schneller!«, hörte sie Williams schreien. »Beeil dich!«

Wieder dröhnte das Brüllen vom Wald her. Näher diesmal. So nah, dass sie die Vibrationen des Schreis in ihrem Körper fühlte. Schnee rieselte von den Zweigen, der Boden erzitterte. Dann, als sie das Tor fast erreicht hatte, knickten die Beine unter ihr weg.

Kate spürte einen unwirklichen Moment des Fallens, dann landete sie der Länge nach im Schnee. Ihre Brust glühte vor Schmerz, gefüllt mit der eiskalten Luft, die sie zu hektisch in sein hineingesogen hatte. Japsend rang sie nach Atem, als ein unbarmherziges Gewicht ihre Rippen zusammenquetschte. Wieder schrie die Kreatur, diesmal in unmittelbarer Nähe. Es war, als breche der Himmel entzwei und stürzte über ihrem Kopf zusammen.

»Mein Gott!«, schrie Williams. »Macht schnell, es kommt!«

Arme packten sie, zerrten sie auf die Beine und schleiften sie vorwärts. Williams redete auf sie ein, doch Kate verstand kein Wort. Krachend schlossen sich die Tore, gerade in dem Moment, in dem sich ein neuerliches Brüllen erhob. Diesmal klang es, als befände sich das Tier unmittelbar vor den Palisaden.

»Rein mit ihr!«, brüllte Williams. »Macht schon. Und bringt heißes Wasser.«

Für kurze Momente schwanden ihr die Sinne. Als sie zurückkehrten, warf jemand ein Tuch über ihren Kopf, packte sie am Nacken und drückte sie nach vorne. Unwillkürlich begann Kate zu zappeln.

»Sei ruhig!«, befahl Williams. »Alles ist in Ordnung. Halt still.«

Einen Augenblick lang wusste sie kaum, was geschehen war, dann wurde ihr klar, dass sie auf einem Stuhl saß, gebeugt über eine Schüssel, aus dem nach Salbei duftender Dampf aufstieg. Zwei Hände hielten sie rechts und links an den Schultern. War ihr zuvor eiskalt gewesen, kochte sie plötzlich vor Hitze.

»Was zum Teufel war das?«, zischte Williams. »Habt ihr so etwas schon mal gehört?«

»N-n-n-nein«, wisperte eine maushohe Stimme. »Vielleicht war es ein B-b-b-b-bär? Ein alter Grizzly?«

Seamus. Der stotternde Lieblings-Buchhalter ihres Onkels. Ein schmächtiger Bursche mit dem weißblonden Haar der Schweden, dessen spitzes Gesicht zu seiner Stimme passte, weshalb die meisten ihn nur Maus nannten. Seamus, auch vom Charakter her eine Maus, hätte sich vermutlich nicht einmal aus dem Haupthaus herausgewagt, wenn es in Flammen stand. Er blieb nur an diesem Ort, weil er gegenüber ihrem Onkel horrende Schulden abzuzahlen hatte. Und jetzt war er dabei, vor Angst fast den Verstand zu verlieren.

»Die W-w-wachmänner müssen etwas gesehen haben«, schluchzte er. »Es war g-g-g-ganz nah.«

»Sie sagen, sie hätten so gut wie nichts gesehen«, kam es brummend zur Antwort. Daniel, der alte Trapper, besaß eine Stimme, die wie dunkler Honig auf einem Reibeisen klang. »Diese blinden Maulwürfe fuchteln nur mit den Armen herum, als wären sie Dreschflegel, und übertreffen sich gegenseitig mit ihrem Geschrei. Ein Kocodjo war es, bei meinem Barte. Eine Kreatur direkt aus der Hölle, wenn man an die Hölle glauben will.«

»Kocodjo?«, spottete Williams. »Hebe dir dein Geschwätz für die Wilden auf, aber verschone uns mit diesen Märchen.«

»Du wirst noch an dieses Geschwätz denken. Nämlich dann, wenn der Kocodjo anfängt, dich von den Beinen her aufzufressen.«

Daniel begann, knurrend und brummend im Kreis herumzulaufen. Seit ihm ein Bär vor Jahren den halben Schädel weggerissen hatte, begnügte er sich damit, als rechte Hand ihres Onkels zu fungieren. Genauso wie sie selbst war er unfreiwillig hier gelandet, wenn auch aus anderen Gründen.

»Das war kein Bär, zum Donnerwetter.« Daniel stampfte mit dem Fuß auf. »Ich wünschte, es wäre so. Du hast es doch auch gesehen.«

»Was habe ich denn gesehen?«, erwiderte Williams. »Es war fast schon dunkel. Alles, was ich gesehen habe, war der Schatten eines Tieres.«

»Herrgott, hat man euch denn alle mit Blindheit geschlagen, oder was?«

Williams holte tief Atem, um Daniels Respektlosigkeit zu rügen, als Seamus schüchtern dazwischenquiekte: »Was war es d-d-d-dann? Habt ihr g-g-g-gehört, wie es klang? Als ob es d-d-d-direkt aus den Abgründen der Hölle gek-k-krochen wäre.«

»Ein Kocodjo war es«, blaffte der Trapper. »Bei meinem Barte! Diese Kreaturen existieren, ob es euch gefällt oder nicht. Was ich dort draußen gesehen habe, war kein Wolf und kein Bär. Es war etwas Riesiges. Etwas Schreckliches. Und Seamus, bei Gott, glotze meinen Schädel nicht so an!«

Die Buchhalter winselte. »I-i-i-i-ich kann nicht anders.«

»Natürlich kannst du anders. Hat Gott dir keinen freien Willen eingepflanzt? Williams, erbarme dich und schicke diesen Hasenfuß nach draußen, sonst pinkelt er sich noch in seinen feinen Zwirn.«

»Seamus«, seufzte ihr Onkel. »Verschwinde.«

»D-d-d-danke. Verz-z-z-zeihung, Sir.«

Hektische Schritte erklangen, gefolgt vom Knallen einer zugeschlagenen Tür. Kate atmete den warmen Salbeidampf ein, was ihren rasenden Herzschlag beruhigte, aber kaum gegen die nagende Kälte in ihrer Brust half. Margret und Peter waren tot. Sie waren fort. Für immer.

Und dort draußen lauerte eine unbekannte Kreatur. Beinahe wäre sie ihrer Schwester und Peter gefolgt, zerrissen von den Klauen dieses Biestes. Daniel hatte Recht. Es war riesig gewesen. So kurz der Moment auch gewesen war, in dem sie es im Augenwinkel erblickt hatte, er hatte genügt, um zu erkennen, dass es weder ein Wolf noch ein Bär gewesen war. Ebenso wenig ein Puma oder ein Luchs.

»Wird es wiederkommen?«, fragte sie leise.

»Ich nehme es an«, antwortete Daniel. »Wenn es uns als Störenfriede ansieht, wird es uns schlecht ergehen. Ich habe gesehen, was diese Biester anrichten. Sie sind nichts anderes als eine Naturgewalt. Stellt euch das schlimmste Unwetter vor, das ihr je erlebt habt. Und dann stellt euch vor, dieses Unwetter hätte Fell, scharfe Zähne und einen gewaltigen Appetit auf Menschenfleisch.«

»Es reicht!«, polterte Williams. »Hör nicht auf ihn, Kate. Er saß zu lange an den Feuern der Wilden und hat zu viel von ihren Kräutern geraucht. Ihre Schauermärchen sind ihm zu Kopf gestiegen.«

»Ganz wie du meinst«, murmelte der Trapper. »Ganz wie du meinst.«

In ihren Ohren rauschte und summte es. Sie wollte weinen, wollte alles herauslassen und sich in Daniels Arme werfen, aber dann würde Williams sie für ein verweichlichtes Weibsstück halten und den Entschluss fassen, sie im Frühling in den Osten zu schicken. Dieser Ort mochte gefährlich sein – jederzeit konnte Williams die Kontrolle über seine Männer verlieren und sie damit einem ungewissen Schicksal ausliefern. Die Wälder vor den Palisaden wimmelten vor gefährlichen Tieren und noch gefährlicheren Menschen. Und doch wurde ihr übel bei dem Gedanken, in ein Zuhause zurückzukehren, in dem das Arbeitszimmer ihres Vaters leer war. In dem all die Erinnerungen auf sie einstürzten und jedes Detail an den Verlust erinnerte, während man zugleich von ihr erwartete, standhaft und schicklich zu sein. Man würde ihr keine Zeit zum Trauern geben. Ein fremder Mann würde binnen kurzer Zeit die Herrschaft über das Reich ihrer Kindheit übernehmen, über ihren Besitz und über ihren Körper verfügen und sie in das erstickende Korsett einer Hausfrau und Mutter zwängen. Kate war noch nicht bereit dafür. Vielleicht würde sie es niemals sein.

»Wir müssen mehr Wachen für die Nacht aufstellen.« Williams Absätze schlugen in einem harten Stakkato auf den Holzboden, während er hin- und hertigerte. »Schicke ein paar Männer in den Wald, sobald es hell wird. Es müssen Spuren zu finden sein.«

»Ja«, grunzte Daniel. »Und ich werde sie anführen.«

»Nein! Du bist zu alt, um zu jagen.«

Daniel stieß ein fassungsloses Schnauben aus. »Sage mir nicht, wofür ich zu alt bin. Ich mag nur noch einen halben Kopf besitzen, aber damit weiß ich sehr viel mehr anzustellen, als die meisten mit einem ganzen Schädel.«

»Daniel, bitte!«

»Nein, Williams. Gibt es eine Spur dort draußen, werde ich sie finden. Gibt es ein Tier da draußen, das Blut geleckt hat, werde ich es finden. Gib mir deine besten Jäger, heute ruhen wir uns nicht in warmen Betten aus.«

»Die Schwindsucht hat meine Nichte und dieses Land viele gute Männer dahingerafft.« Williams Stimme nahm jenen harten Befehlston an, dem man sich besser nicht widersetzte. »Ich lasse dich nicht gehen. Wenn auch nur das geringste Risiko besteht, dass ich dich verliere, werde ich es nicht eingehen. Wähle die Männer aus und weise sie an, aber du bleibst im Fort. Niemandem vertraue ich so wie dir. Niemanden außer dir würde ich die Verantwortung für Kates Leben in die Hand legen. Ich werde dich nicht unnötig in Gefahr bringen.«

Daniel kapitulierte mit einem Stoßseufzer. Williams erstaunlich rührselige Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. »Also gut. Ich werde diesen Haufen Nichtsnutze auf Vordermann bringen, so gut es geht. Wir finden die Bestie, so wahr ich die Hälfte meines Schädels an einen Bären verloren habe.«

Nach diesen Worten wurde es still. Kate hörte das schwere Atmen der beiden Männer, dann einen Laut, der verdächtig nach unterdrücktem Weinen klang.

»Was habe ich nur getan, Daniel?«, hörte sie ihren Onkel flüstern. »Welchen Fluch habe ich auf mich geladen, dass Gott mich so bestraft? Zuerst Margret, dann der frühe Wintereinbruch. Wie sollen wir es bis zum Frühjahr schaffen?«

»So schwer mich dein Schmerz auch trifft«, antwortete der Trapper kaltschnäuzig, »du kannst diese Frage selbst am besten beantworten.«

»Ja, ich habe Fehler gemacht. Und davon nicht wenige. Es gab eine Zeit, in der ich zu schwach war, um mich gegen das Teuflische zu wehren.«

Daniel schnaufte spöttisch. Jeden anderen Mann hätte Williams nach einer solchen Reaktion am nächsten Balken aufgeknüpft oder erschießen lassen.

»In schwachen Zeiten ist man einfach nur schwach«, knurrte der Trapper. »Weder hat Gott noch der Teufel damit zu tun. Allein du entscheidest. Allein du wählst deinen Weg. Rede dich nicht mit den Fantasiegestalten deines Glaubens heraus, sondern übernimm Verantwortung für dich und dein Tun.«

»Dein Glaube ist nicht meiner, Daniel.«

»Ja. Aber ich bin hier wegen meiner Fähigkeiten, nicht wegen meines Glaubens.«

»Ganz recht. Aber ich warne dich. Reize deine Narrenfreiheit nicht aus. So ungern du das auch hörst, in diesem Fort habe ich das Sagen. Als du hier Zuflucht gesucht hast, wusstest du, worauf du dich einlässt.«

»Papperlapapp, irgendjemand muss dir auf die Nase binden, worum es wirklich geht. Hör zu, Williams! Es war diese Hand, die das Messer gegen den Bären führte. Es waren meine Beine, die schnell genug rannten. Es war mein Wille, der mich überleben ließ. Ich war es, Williams! Ich allein! Also schlage es dir verdammt nochmal in den Schädel: Es ist deine Stärke oder deine Schwäche. Du bist dein eigener Herr. Der einzige, der am Ende ein Urteil über dich fällt, bist du selbst. Also überlege gut, ob du der Mann sein willst, der du geworden bist.«

Williams schnaufte. »Das sagt jemand, der niemals Gefahr lief, wegen Befehlsverweigerung erschossen zu werden.«

»Oh ja«, spielte Daniel den Ball zurück. »Weil ich mich dafür entschieden habe, frei zu sein. Glaube nicht, dass es eine einfache Entscheidung war. Auch für mich stand viel auf dem Spiel. Ich gehorche niemandem mehr. Wenn dir das nicht gefällt, kann ich jederzeit von hier verschwinden. Ich mag alt sein, aber meine Fähigkeiten werden auch woanders hoch geschätzt.«

Wieder blieb es eine Zeitlang still. Kate spürte nur den dumpfen Schlag ihres Herzens und eine bleierne Müdigkeit, die sie überwältigen wollte.

»Geh, Daniel«, bat ihr Onkel schließlich. »Lass uns allein.«

Die Nacht war erfüllt vom Fallen des Schnees.

Sie schlief kaum, und wenn ihr Geist in der Schwärze versank, dann war es, als stürzte sie aus großer Höhe hinab. Aber sie fiel langsam, schien auf einer Brise zu schweben wie eine Feder, und als sie aufschlug, fühlte es sich wie ein Berg aus Schlangen an, auf dem sie landete. Die Tiere zogen sich augenblicklich um ihren Körper zusammen und fesselten ihn. Von Ekel erfüllt, spürte Kate, dass sie ganz und gar nackt war, und dass die biegsamen Leiber überall auf ihrer Haut herumkrochen und sich an ihr rieben. Gespaltene Zungen berührten sie, und während Kate tiefer und tiefer in dem heißen Gewühl versank, vernahm sie ein bedrohliches Knurren, das irgendwoher aus der Finsternis zu ihr drang. Sie kämpfte gegen die Schlangen an, doch je mehr sie sich wehrte, umso fester zogen sie sich um ihre Taille, um Schenkel und Arme zusammen, um sie dem, was da in der Finsternis lauerte, hilflos auszuliefern.

Zuerst empfand sie Angst. Doch dann kroch hinterhältig und unaufhaltsam ein Gefühl von Hingabe durch ihren Geist. Plötzlich mochte sie das Gefühl der warmen, schuppigen Leiber, die sich um sie schlossen. Sie mochte das heiße, flatternde Gefühl der Zungen und die Bedrohung des heiseren Knurrens. Es kam näher. Immer näher. Bis die Schwärze noch finsterer wurde und sich zu einer Gestalt zusammenzog. Keine Bestie. Kein Tier.

Sondern ein Mensch.

Schlaftrunken stand Kate im ersten Sonnenlicht an Peters und Margrets Grab, das man unter großer Mühsal der gefrorenen Erde abgerungen hatte. Im Gedanken an die Schlangen, die ihren nackten Körper so lüstern umschlungen und sie dieser Kreatur ausgeliefert hatten, fühlte sie sich schändlich und boshaft. So mühelos hatte dieser teuflische Traum sie umgarnt. Oh ja, sie war schlecht. Fragte sie sich wirklich noch, warum Gott sie bestrafte?

Niemand sah sie an, obwohl Kate glaubte, die unzüchtigen Gedanken stünden für jeden sichtbar in ihrem Gesicht geschrieben. Stattdessen war es, als sei sie durchsichtig.

Atemwolken dampften aus Nasen und Mündern, die dunkel gekleideten Menschen waren starr wie Figuren aus Ebenholz. Williams war wie immer von seinen treuesten Männern umringt, und diese Männer waren die einzigen Bewohner des Forts, deren Namen Kate kannte.

Wie immer blieb ihr Blick zuerst an Liam hängen, dem jungen Waldläufer. Williams schätzte ihn für seine ruhige, zurückhaltende Art, und Kate erging es nicht anders. Unter dem Gestrüpp seiner Kopf- und Barthaare verbarg sich ein ausgesprochen hübsches Gesicht, von dem man inzwischen nur noch die klaren, grünen Augen erkannte. Ihre Farbe erinnerte Kate an einen Bergsee im Sommer. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, wünschte sie sich, eine Schere zu nehmen und sein Gesicht wieder freizulegen. Aber was hätte es genützt? Tagtäglich zu sehen, wie gut Liam aussah, hätte alles nur schwerer gemacht. Williams würde sie zweifellos lieber im Wald aussetzen oder dem armen Mann eine Kugel verpassen, als es zu dulden, dass er ihr den Hof machte.

Ein warmes Gefühl erwachte in ihrem Magen, als der Waldläufer ihr zunickte. Sein Blick war weich und traurig, sein Mitgefühl echt. Sie mochte es, wie die bleiche Wintersonne auf seinem Haar schimmerte. Es war struppig, aber von einem hellen, sanften Braun, das ihr ausnehmend gut gefiel. Es erinnerte sie an das Karamellkonfekt, dass ihre Haushälterin früher oft zubereitet hatte. Sahnig, süß und köstlich.

Schnell wandte sie den Blick von Liam ab, ehe Williams auffiel, wen sie da viel zu lange anstarrte. Noch vor kurzem hätte Kate ihm niemals zugetraut, einen Mann nur auf einen Verdacht hin zu bestrafen. Jetzt wusste sie es besser. Der edelmütige Kämpfer und treu ergebene große Bruder, auf den ihr Vater so große Stücke gehalten hatte, verwandelte sich hier in der Wildnis regelmäßig in einen Tyrannen.

Rechts neben ihrem Onkel standen Daniel und Seamus, steifbeinig wie zwei Streithähne, die gezwungen waren, sich für kurze Zeit zusammenzuraufen.

Zu seiner Linken befand sich Logan, ein Söldner aus dem Süden. Seine Gestalt war furchterregend, er überragte selbst den größten Mann des Forts noch um einen ganzen Kopf und besaß die wuchtige Statur eines Grizzlys. Kopf- und Barthaar scherte er sich so gewissenhaft, dass seine Haut glatt war wie die einer Frau, und doch wirkte er in keiner Weise weich. Seine Züge waren die einer grob geschnitzten Holzfigur, seine kleinen Augen besaßen ein stechendes Hellgrau. Unzählige Narben bedeckten sein Gesicht, aber es handelte sich nicht um Pockenmale, wie Daniel ihr erzählt hatte. Sondern um bleibende Erinnerungen an zwölf Monate Gefangenschaft in den Verliesen des Feindes. Während dieser Gefangenschaft hatte er zudem seine Zunge verloren, weshalb er gelernt hatte, sein fehlendes Sprachvermögen mit einem äußerst beweglichen Mienenspiel zu ersetzen.

Neben Logan stand Gunter, ebenfalls ein Söldner, der aus dem fernen Deutschland gekommen war und hier sein Glück gesucht hatte. Gunter zählte gerade fünfundzwanzig Jahre, aber seine gedrungene Gestalt und das vorzeitig ergraute Haar, das ihm in langen Zotteln über die Schulter fiel, ließen ihn gut zwanzig Jahre älter wirken. Seit jeher war ihr dieser Mann unheimlich. Sein Blick zeigte niemals ein Gefühl, sein Mund niemals ein Lächeln. War Logans Miene ein offenes Buch, so glich Gunters Gesicht einem fest verschlossenen Gefäß. Meist zog er es vor zu schweigen, und wenn er sprach, erinnerte seine Stimme an das gefährliche Knurren eines Hundes. Margret hatte es geliebt, über Gunters Schnauzbart herzuziehen. Dieser Bart, ohnehin von riesigen Ausmaßen, wurde umso mehr betont, da er sein Kinn stets glattrasierte.

»Als würde ein grauer Biber über seiner Oberlippe kleben«, hatte Margret gekichert. »Vielleicht ist es gar kein Bart, sondern etwas anderes. Ein Tier. Etwas Lebendiges.«

Ihr Blick glitt weiter zu Harry und Alfie, die beiden Brüder aus New York, die zu den besten Trappern gehörten, die der Westen zu bieten hatte. Beide waren ausgesprochen hässlich, schielten wie betrunkene Eulen und besaßen riesige Nasen, die schrumpeligen Kartoffeln gleich unter ihrem pechschwarzen Haarwust hervorragten. Vermutlich war ihr Aussehen der ausschlaggebende Grund dafür gewesen, dass sie ihr Heil in der menschenleeren Natur gesucht hatten und nur während des Winters im Fort blieben.

In der zweiten Reihe standen Ethan und Samuel, zwei ehemalige Soldaten, die gemeinsam mit Williams Dutzende Kämpfe bestritten hatten und in seinen Augen höchste Wertschätzung genossen. Ihre Bärte wucherten so dicht, dass unmöglich zu sagen war, was für Gesichter sich darunter verbargen. Ethan und Samuel hatten bereits so ausgesehen, als sie auf halber Strecke der Reise zu ihnen gestoßen waren, und da beide braune Augen besaßen und über dieselbe Gestalt verfügten, konnte man sie nur anhand der Haarfarbe unterscheiden. Ethan war dunkelblond, Samuel rotbraun.

Während Reverend Marsh mit gesenktem Kopf betete, klammerte sich Kate an all die schönen Erinnerungen, die sie mit Margret und Peter teilte. Während der langen Reise in die Wildnis waren sie zu einem unzertrennlichen Dreiergespann zusammengewachsen. Wie sehr hatte sie ihre Schwester um Peter beneidet. Stets war er sanft zu ihr gewesen, freundlich und ehrlich. Er hatte sie sogar als gleichberechtigten Gesprächspartner angesehen, ganz so, als hätte er keine Frau, sondern einen Mann vor sich. Gewiss, er war keine Schönheit gewesen, aber was tat das schon zur Sache, wenn er sein teigiges Gesicht und seine kurzen, pummeligen Gliedmaßen mit soviel Freundlichkeit ausglich?

Zweifellos hätten die beiden eine glückliche Ehe geführt. Stattdessen lagen sie dort in der kalten Erde. Für immer zusammen, und doch um ein gemeinsames Leben betrogen.

Reverend Marshs Worte drehten sich um Seelenqualen und Sünden, um Strafe und Sühne, doch es lag keine Kraft in ihnen. Nur Verzweiflung, geboren aus dem Wissen, dass in diesem Land kein Glaube weiterhalf. Es war, als wolle man Wölfe mit einem Kinderlied zähmen. Die Wildnis verschluckte alle Gebete und spottete darüber, denn hier war kein Menschenwort von Bedeutung. Sie alle waren Schneeflocken im Wind, die einfach hin- und hergetrieben wurden.

»Amen«, schloss Reverend Marsh seine Gebete.

»Amen«, echote es aus kaum drei Dutzend Kehlen. Erst jetzt, da sich alle versammelt hatten, wurde klar, wie wenig sie geworden waren. Fast die Hälfte der Männer war ausgezogen, um die angesammelten Pelze zu Geld zu machen.

Ob sie jemals zurückkehren würden?

Die Männer zitterten vor Kälte und schienen es kaum erwarten zu können, sich durch Arbeit warmzuhalten. In der Nacht hatte der Schneefall aufgehört, jetzt wölbte sich der Himmel wie milchblaues Glas über das Fort und brachte klirrenden Frost mit sich.

Zwei Männer schaufelten hastig das flache Grab zu, die anderen bekreuzigten sich, murmelten flüchtige Abschiedsworte und wandten sich zum Gehen.

Nur einer war nicht gekommen, um Peter und Margret zu verabschieden. Andrew. Williams persönlicher Bluthund, und zugleich das unheimlichste Geschöpf, das ihr jemals begegnet war. In all den Monaten, die sie bereits hier lebte, hatte sie Andrew nur zweimal erblickt. Er zog es vor, für sich zu bleiben. Wie eine dressierte Ratte, die nur dann hervorkroch, wenn ihr Herr sie rief. Sie wusste, dass dieser Mann krank war. Auf eine so abscheuliche Art krank, dass Kate nicht begreifen konnte, warum Williams ihn hier duldete. Sie wusste nur, dass er manchmal am späten Abend zu ihm ging, und einmal hatte sie erlebt, wie nach der Entwendung mehrerer Münzen aus Williams’ Arbeitszimmer vier Männer in einen leer stehenden Schuppen gezerrt wurden. Kurz darauf waren Andrew und ihr Onkel darin verschwunden. Die ganze Nacht lang hatte Kate die Schreie gehört. Schreckliche Schreie voll entsetzlicher Qualen, die sie niemals vergessen würde. Und dann, kurz nach Sonnenaufgang, hatte sie gesehen, wie Andrew den Schuppen verließ. Zufrieden wie eine Katze, die einen Sahnetopf ausgeleckt hatte, und mit einem Lächeln, das vor Wollust troff.

Noch am selben Tag waren zwei Gräber ausgehoben worden. Die beiden Männer, die überlebt hatten, blieben ganze zwei Wochen in Ebenizers Obhut. Während dieser zwei Wochen hatte Williams es ihr ausdrücklich verboten, dem Alten zur Hand zu gehen. Man hatte sie ausgeschlossen, sie nicht einmal in die Nähe des Behandlungszimmers gelassen, bis die beiden Männer eines Tages das Haupthaus verließen. Hinkend, mit gesenkten Köpfen. An Körper und Seele gebrochen.

Starr blickte Kate auf die Grube, in der Margret und Peter lagen, eingewickelt in Lagen aus grobem Leinen. Schaufel für Schaufel verschwanden sie unter der Erde. Es war gut, dass Andrew nicht dabei gewesen war. Seine Anwesenheit hätte diesen Abschied nur besudelt.

Unbewusst griff sie nach ihrem Schultertuch und schnupperte an der feinen, mit Fransen gesäumten Wolle. Das letzte Geschenk ihres Vaters. Vermutlich hatte er gehofft, das Lieblingstuch ihrer Mutter würde sie nach seinem Tod trösten. Ja, manchmal tat es das, denn noch immer war ein Hauch von Parfüm darin eingefangen und weckte Erinnerungen an eine glückliche Zeit. Aber zugleich riss es kaum verheilte Wunden wieder auf und verwandelte den Trost in eine schreckliche Gewissheit. Wenn sie in spätestens zwei Jahren in den Osten zurückkehrte, würde niemand sie willkommen heißen. Nicht ihr Vater, nicht Margret und nicht Susy, die alte Köchin. Vermutlich lebte kein einziger Dienstbote mehr im Haus ihrer Familie. Sicher hatte man auch die Hunde verkauft, an denen sie alle so gehangen hatten, und die Vögel in der riesigen Voliere waren im besten Falle freigelassen worden.

Alles, was ihr noch geblieben war, bestand aus einem Schultertuch, ein paar Kleidern und einem Amulett, in dem sich zwei Miniaturbilder ihrer Eltern befanden. Vermutlich berührte dieses Land deshalb ihre Seele.

Weil es einsam war. Genauso wie sie.

Kate sah Liam nach, wie er gemeinsam mit Harry, Alfie und zwei Helfern das Fort verließ. Williams hatte ihnen den Auftrag gegeben, dem Fluss in Richtung Osten zu folgen und Ausschau nach den Kanus zu halten. Daniel, der neben ihnen auf der Veranda stand, schüttelte fassungslos den Kopf.

»Beruhige dich«, knurrte Williams. »Das Land hier ist so weit, dass du dich auf einen Berg stellen und ein fliehendes Pferd sehen kannst, das vor einer Woche losgelaufen ist. Wir brauchen gute Nachrichten. Der Weg bis zu den östlichen Bergen ist nicht weit, in ein paar Tagen sind sie wieder zurück.«

»Die Bestie wird sie töten«, polterte Daniel. »Wie konntest du sie gehen lassen, wo wir doch wissen, dass dieses Biest da draußen herumläuft?«

Williams Stimme wurde zunehmend gereizter. »Das Wetter wird bald wieder schlechter. Wenn ich sie jetzt nicht losgeschickt hätte, wäre es für eine Suche zu spät gewesen. Nicht weit von hier gibt es einige Canyons, vielleicht haben die Männer darin Schutz gesucht und warten auf Hilfe.«

»Die Bestie wird sie töten«, wiederholte Daniel. »Haben wir nicht schon genug Männer verloren?«

»Ich habe ihnen so viele Waffen mitgegeben, wie sie tragen können«, zischte Williams. »Und jetzt gehe mir aus den Augen.«

Nach diesem Streit blieb Daniel den gemeinsamen Abendessen für mehrere Tage fern. Tatsächlich verschlechterte sich das Wetter erneut und brachte noch mehr Schnee.

Liam und seine Gefährten aber blieben verschwunden.

Am siebten Tag, nachdem sie ausgezogen waren, ging Kate noch vor Sonnenaufgang aus dem Haus, behangen mit zwei Eimern und einem Beil, mit dem sie das Eis auf dem Fluss zerschlagen wollte.

Dann sah sie Daniel auf der untersten Stufe der Treppe sitzen.

Gedankenverloren rieb er sich die intakte Seite seines halben Schädels, als könnte er sich nicht recht entscheiden, welcher Arbeit er nachgehen sollte. Anscheinend war ihm nostalgisch zumute, denn er trug nach langer Zeit wieder die abgenutzte, fransenverzierte Lederkleidung, die ihm seine verstorbene indianische Frau genäht hatte. So sehr hatte er sein Weib geliebt, dass sie gemeinsam durch die Wildnis gezogen waren. Nie wäre es Daniel in den Sinn gekommen, sie an irgendeinem vermeintlich sicheren Ort zurückzulassen.

Was für ein schöner Gedanke. Gemeinsam mit einem Mann, den man liebte, unbekannte Wälder und Gebirge zu erkunden, ziellos umherzuziehen und den Winter in einer selbst gebauten Hütte zu verschlafen.

Sie betrachtete die klobigen Stiefel aus Pelz und das obligatorische braune Tuch, das er sich um den Kopf gewickelt hatte. Auf der unversehrten Seite seines Schädels quoll graues Zottelhaar darunter hervor und ging nahtlos in einen buschigen Vollbart über. Kate hatte noch nie einen Blick auf die schreckliche Verletzung werfen können. Sie wusste nur, dass irgendein junger Arzt an Daniel das Kunststück seines Lebens vollbracht hatte.

Als Kate die Eimer abstellte, fuhr der Trapper zu ihr herum. Sein Gesicht hellte sich auf. Wie weiß und ebenmäßig seine Zähne waren, und das trotz seines Alters.

»Zum Glück war ich mal fett wie ein gemästeter Grizzly«, grunzte Daniel. »Ich ging in die Wildnis und wurde ein magerer Hase. Fortan hing die Haut an mir runter wie die Schürze eines Waschweibs. Als die Sache mit dem Bären passierte, schnitt mir der Arzt ein Stück davon weg und nähte es über mein Gehirn. Und jetzt?« Er warf den Kopf zurück und lachte. »Jetzt trage ich meinen Wanst auf dem Kopf spazieren. Das wolltest du doch wissen, oder?«

Kate lächelte freudlos und setzte sich neben ihn. Sie mochte diesen sonderbaren Kauz. Er war wie ein Felsen. Hart, verwittert und unmöglich zu zerstören. Außerdem schaffte er es, den feigen Seamus allein durch seinen Anblick zum Weinen zu bringen.

»Ich mache mir Sorgen«, sagte sie leise. »Warum bleiben sie so lange fort? Sie sollten doch nur Ausschau halten.«

Ihr Blick ging zu den Bergen im Osten, von deren Gipfeln aus man scheinbar endlos weit sehen konnte.

»Wird schon«, murmelte der Trapper. »Wird schon, mein Kind. Mach dir mal keinen Kopf. Alles kommt und geht, ob wir es wollen oder nicht. Aber eines will ich dir mal sagen. Dein Onkel ist ein sturer Dummkopf.«

»Das ist er.« Sie beobachtete eine Gruppe Männer, die schlaftrunken von einer Hütte zur anderen schlurften und an die Türen klopften, um ihre Gefährten zu wecken. »Und es wird nicht besser.«

Es wurde Zeit, sich eine Aufgabe zu suchen. Vielleicht stolperte bald der erste Verwundete in Ebenizers Behandlungszimmer. Höchstwahrscheinlich würde es ein Axthieb sein, ein Nagel im Fleisch oder ein Pferdetritt. Nur in der warmen Jahreszeit gab es hin und wieder eine Abwechslung. Zum Beispiel eine Schlange, die sich im Hintern eines Unglückseligen festgebissen hatte, weil der eine heilige Regel nicht befolgt hatte: Schau dir den Abort an, bevor du deine Notdurft verrichtest.

Und doch blieb sie sitzen und tat dasselbe, was Daniel tat. Sie beobachtete das Wippen der Fichtenspitzen im frostigen Wind, die scharrenden Pferde in ihrem Gatter und das Funkeln des Schnees, wenn eine fauchende Böe ihn aufwirbelte. Es tat gut, einfach hier zu sitzen und nichts zu tun. Es tat gut, bei Daniel zu sein. Er erinnerte sie so sehr an ihren Vater, dass der Drang, sich in seine Arme zu werfen, unwiderstehlich wurde.

»Alles wird gut«, murmelte er, als sie ihren Kopf auf seine Schulter legte. »Ich passe schon auf dich auf. Machst dir Sorgen um Liam, hm?«

Sie konnte ein Nicken nicht unterdrücken.

»Er ist ein feiner Junge. Wirklich ein feiner Junge. Nur leider Gottes nicht die Sorte Mann, die Williams für dich sucht.«

Wieder nickte sie. Kate wollte weinen. Sie wollte es so sehr, und doch blieben ihre Augen trocken. Erst, als sich seine Hand auf ihren Kopf legte und begann, ihr Haar zu streicheln, spürte Kate, wie das Brennen kam. Der Druck in ihrem Inneren wurde größer und größer. Ihr Körper begann zu zittern.

»Schschsch«, raunte Daniel. »Lass es raus. Es ist nicht gut, alles in sich reinzufressen.«

Und dann erklang ein lautes Rumpeln.

Kate fuhr auf.

Das Tor! Liam!

»Da brat mir doch einer’n Buchhalter!« Daniel zwinkerte ihr zu. »Jemand hat sich zu uns durchgekämpft, wenn ich mich nicht irre.«

Die Wachen entfernten den großen Holzbalken, der das Tor sicherte. Zwei Jungen schaufelten emsig den Schnee beiseite, bis das Tor weit genug geöffnet werden konnte, um Pferde und Schlitten hindurchzulassen. Kates Herz vollführte einen Sprung der Freude. Die Gruppe wurde angeführt von Harry und Alfie.

»Wer sagt’s denn!« Daniel rieb sich in Erwartung eines guten Essens den Wanst. »Die Vorräte haben sie auch gleich mitgebracht. Teufelsburschen! Sieht so aus, als hätten sie unsere verlorenen Seelen wiedergefunden.«

Kate eilte auf die Neuankömmlinge zu, verharrte jedoch abrupt, als der zweite Schlitten durch das Tor gezogen wurde. Ein Mann lag darauf. Blutüberströmt. Die eisige Kälte hatte seine Haare mit Raureif überzogen und jeden Tropfen Nässe gefrieren lassen. Ein Büffelfell war über den Verwundeten gebreitet, doch Kate erkannte auf den ersten Blick, dass der wärmende Pelz nichts mehr nützte.

»Großer Gott, Liam!«

Mit ein paar schnellen Schritten war sie bei dem Schlitten und schlug das Fell über dem Toten beiseite. Nicht Liam! Doch nach der ersten Erleichterung kam der Schrecken.

Der Körper des Mannes war auf schreckliche Weise zerfetzt. Kaum mehr als ein Brei aus Fleisch und Knochensplittern unter zerrissener Kleidung. Die schrecklichen Wunden zogen sich vom Schlüsselbein bis zu den Hüften.

»Er lebte noch, als wir ihn fanden.« Zuerst glaubte sie, Alfie spräche mit jemand anderen, denn sein Silberblick ging weit an ihr vorbei. Doch dann wurde ihr klar, dass sie nur zu zweit bei dem Toten standen. Daniel redete mit Harry, die anderen herbeigeeilten Männer interessierten sich mehr für die Vorräte als für das offensichtliche Unglück. »Ich gab ihm den Gnadenschuss.«

Kate nickte. So war es Sitte bei den Waldläufern und inzwischen auch Sitte im Fort. Lieber einen schnellen Tod, als ein langsames Sterben.

»Wo ist Liam?«

Alfie deutete auf die Trage, die an einem der Packpferde befestigt war. Das, was sie für Vorratssäcke gehalten hatte, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein Körper, der mit einer Lage Felle bedeckt war.

»Allmächtiger!«

Sie rannte zu ihm, schlug die Pelze beiseite und blickte in Liams blaue Augen. Sein Blick war stumpf vor Entsetzen und Schmerz, aber er lebte.

»Was ist geschehen?« In letzter Sekunde widerstand sie dem Drang, ihrer Erleichterung mit einer Umarmung Ausdruck zu verleihen. »War es die Bestie?«

Liam starrte sie nur aus großen Augen an. Als Harry und Daniel sich zu ihnen gesellten, bedachten sie den Verwundeten mit einem mitleidigen Blick.

»Zuerst haben wir die Spuren gefunden«, erzählte Alfie. »Riesige Spuren. Kein Wolf. Kein Bär. Dann entdeckten wir zwei gestrandete Kanus unten bei den Canyons. Von den Männern gab es nirgendwo eine Spur. Vielleicht wurden sie überfallen, und nur diese beiden Boote blieben übrig und trieben den Fluss runter, bis sie im Eis festfroren. Wir rafften zusammen, was wir tragen konnten, und in der darauffolgenden Nacht verschwanden Liam und der arme Tropf dort. Sie wollten in den Canyons nach Treibholz für ein Feuer suchen. Am nächsten Morgen fanden wir sie in der größten Blutlache, die ich je gesehen habe. Nicht auszudenken, was sie durchgemacht haben.« Alfie bekreuzigte sich. »Dabei war ich mir sicher, dass diese Kreaturen nicht existieren.«

»Nicht existieren?« Daniel kniff die Augen zusammen. »Was meinst du?«

»Es gibt Geschichten. Legenden.«

»Kocodjo?«

Alfie riss die Augen auf. Dann nickte er zögernd.

»Ich habe auch davon gehört«, flüsterte Daniel. »Aber Williams hält mich für einen Idioten, der zu lange unter Wilden gelebt hat. Er ist der Wilde, wenn du mich fragst. Dieser törichte Dummkopf!«

Alfie überzeugte sich davon, dass Williams noch nicht anwesend war, dann nickte er. »Ich wollte es auch nicht glauben. Aber ich habe die Spuren gesehen. Und ich sehe das da.« Er nickte zu dem Toten hinüber. »Sowas tut kein gewöhnliches Tier.«

Kate fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. Selbst, wenn der Mann noch geatmet hätte, wäre eine Rettung aussichtslos gewesen. Solche Wunden heilte nicht einmal ein Wunder. Ihr Verstand scheiterte an der Vorstellung, welche Schmerzen diese arme Seele hatte ertragen müssen.

»Helft mir«, herrschte Kate die gaffenden Männer an. »Bringt Liam zu Ebenizer.«

Die nächsten Momente hüllten sich in einen alles dämpfenden Nebel. Kate schnappte sich die zwei Eimer, die noch immer auf der Veranda standen, füllte sie am Fluss und hastete in den Behandlungsraum.

Inzwischen hatte man Liam hineingebracht und von Mantel, Wams und Hemd befreit. Vier messerscharfe Klauen hatten ihm die Seite aufgeschlitzt. Die Schnitte waren tief, aber so gerade und glatt, als stammten sie von einem Skalpell. Nichts war gebrochen, kein wichtiges Organ verletzt. Er würde es schaffen.

Kate blendete alles aus, was sie umgab. Sie nahm einen Schwamm, wusch die Wunden mit frischem Wasser aus, knüpfte eine Sehne an eine Nadel und begann zu nähen.

Ebenizer schickte alle hinaus, auch Williams, der mit merkwürdig glasigen Augen im Behandlungszimmer aufgetaucht war. Dann bereitete er auf der Anrichte neben dem Behandlungstisch seine spezielle Medizin vor. Als das Wasser in dem Kessel kochte, füllte Ebenizer einen Teil der Kräutermischung in ein Schälchen und fügte getrockneten Sonnenhut hinzu. Heidnischer Zauber, wie der Reverend es genannt hätte. Verdorbener Teufelsdreck. Es war besser, wenn niemand wusste, was sie hier zusammenbrauten. Kate und Ebenizer war es gleich, woher die Mischung stammte. Sie half, und nur darum ging es. Seit ihnen einer der Waldläufer einen Sack mit diesen Kräutern überreicht hatte, zusammen mit der Anweisung, wie sie zu nutzen waren, war niemand mehr vom Wundbrand dahingerafft worden.

Kate setzte gerade den letzten Stich, als es an der Tür klopfte.

»Einen Augenblick.« Ebenizer reichte ihr das Schälchen mit dem angemischten Brei. »Wir sind gleich fertig.«

Behutsam wusch sie das Blut von Liams Haut, um zuletzt die Medizin auf die genähten Wunden aufzutragen.

»Komischer Geruch«, nuschelte er. »Was ist das?«

»Gute englische Medizin. Ein altes Rezept meiner Großmutter.«

Liam nickte beruhigt, doch der Ausdruck in seinen Augen gefiel ihr nicht. Sein Geist war nur halb zurückgekehrt, während sich die andere Hälfte an einem Ort befand, an dem ihn kein Schmerz erreichte.

»Sie sind gut, Miss Blackfrair«, flüsterte er mit matter Stimme. »Wirklich gut. Noch keiner hat mich so zartfühlend zusammengeflickt.«

Kate rang sich ein dürftiges Lächeln ab. »Vielen Dank.«