Hur livet leker ETT - Sonja Morgenstern - E-Book

Hur livet leker ETT E-Book

Sonja Morgenstern

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Beschreibung

Hätte ich den Lauf der Dinge ändern können? Hätte ich die Zeichen sehen müssen? Du kannst das hoffentlich, so wie ich es mittlerweile auch kann, wenn du dieses Buch gelesen hast. Meine ursprünglich privaten Aufzeichnungen zur Traumabewältigung. Aufgearbeitet zu einem Roman: der Geschichte von Sonja Morgenstern. In der Hoffnung Andere sensibilisieren zu können um ihnen ein ähnliches Schicksal zu ersparen und aufzuzeigen, wie schnell man aus einer harmlosen Bekanntschaft in einen Strudel aus emotionaler Abhängigkeit und (sexuellem) Missbrauch gelangen kann ohne es zu merken. Dieses Buch ist der Rückblick der inzwischen neunundzwanzigjährigen Sonja auf der Suche nach der Antwort darauf, wie sie in eine Lage geraten konnte, die sie beinahe ihr Leben, auf jeden Fall aber viele glückliche Jahre davon gekostet hat.

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Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ähnliche


Sonja Morgenstern

Hur livet leker ETT

Schwedisch für: „Wie das Leben spielt" EINS

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Wichtiger Hinweis

Prologen

Första kapitlet

Andra kapitlet

Tredje kapitlet

Fjärde kapitlet 

Femte kapitlet

Sjätte kapitlet

Sjunde kapitlet 

Åttonde kapitlet

Nionde kapitlet

Tionde kapitlet

Elfte kapitlet

Tolvte kapitlet

Trettonde kapitlet

Fjortonde kapitlet

Femtonde kapitlet

Sextonde kapitlet 

Sjuttonde kapitlet

Artonde kapitlet

Nittonde kapitlet

Tjugonde kapitlet

Tjugoförsta kapitlet 

Tjugoandra kapitlet

Tjugotredje kapitlet

Tjugofjärde kapitlet

Tjugofemte kapitlet 

Tjugosjätte kapitlet

Tjugosjunde kapitlet

Tjugoattonde kapitlet

Tjugonionde kapitlet

Trettionde kapitlet

Trettioförsta kapitlet

Trettioandra kapitlet

Trettiotredje kapitlet

Trettiofjärde kapitlet

Trettiofemte kapitlet

Trettiosjätte kapitlet

Trettiosjunde kapitlet

Trettioåttonde kapitlet

Trettionionde kapitlet

Fyrtionde kapitlet

Fyrtioförsta kapitlet

Fyrtioandra kapitlet

Fyrtiotredje kapitlet

Fyrtiofjärde kapitlet

Fyrtiofemte kapitlet

Fyrtiosjätte kapitlet

Fyrtiosjunde kapitlet

Fyrtioåttonde kapitlet

Fyrtionionde kapitlet

Femtionde kapitlet

Femtioförsta kapitlet

Femtionandra kapitlet

Femtiotredje kapitlet

Femtiofjärde kapitlet

Femtiofemte kapitlet

Femtiosjätte kapitlet

Näst sista kapitlet

Sista kapitlet

Nachwort und Danksagung

Impressum neobooks

Widmung

Für Joline, ein personal novel

Wichtiger Hinweis

ACHTUNG!

In der folgenden Geschichte kommen die Themen (sexueller) Missbrauch und Gewalt vor. Lies bitte nicht weiter, wenn du unter 18 Jahre alt bist oder dich mit diesen Inhalten nicht wohl fühlst.

Prologen

„Ich geh jetzt mal duschen“, sagte er, während er an mir vorbeilief, wie ich hier auf seinem Sofa saß und das letzte Kapitel meines Buches schrieb.„Und das letzte Kapitel seines Lebens“, schoss es mir durch den Kopf. Dieser Gedanke schockierte mich dann doch ein wenig, obwohl ich diesen Moment vorher durchaus umfangreich geplant hatte. Das Fläschchen Pentobarbital, was ich beabsichtigte in die angefangene Flasche von seinem Lieblingswhiskey zu kippen, war schließlich nicht von selbst in meine Hosentasche gekommen. Ich hatte recherchiert, an welche Substanzen, die mit Sicherheit zum Tod führen würden, ich rankommen würde. Ich hatte mir das Medikament, welches unter anderem beim Einschläfern von Tieren Verwendung fand, beschafft. Ich war eigens dafür nach Deutschland, in meine alte Heimatstadt Berlin, zurückgefahren, denn ich lebte seit einiger Zeit mit meiner Familie im Ausland. Ich hatte ein Treffen mit ihm eingefädelt, auf den Moment gewartet, wo seine Familie außer Haus sein würde. Ich hatte mir Gedanken gemacht, wie ich ihm das „Zeug“ verabreichen könnte, ohne, dass der Verdacht auf mich fallen würde…Er lief nackt an mir vorbei Richtung Badezimmer und grinste mich herausfordernd an. Ich bemühte mich zurückzugrinsen. Ich betrachtete seine tätowierte Rückseite, während er weiter ging. Was hätte ich vor einiger Zeit für diesen Anblick gegeben. Doch nun saß ich da und wartete auf den Moment, wo ich das Wasser der Dusche laufen hören würde um diesen Mann, den ich über alles liebte, zu vergiften. Während ich nach dem kleinen Behälter in meiner Tasche tastete, überlegte ich ein letztes Mal, ob ich das wirklich tun sollte und wie es so weit kommen konnte. Ich war doch keine Mörderin!Ich hörte das Klicken der sich schließenden Badtür und stand auf. Ich dachte daran, wie wir uns kennengelernt hatten, während ich zu dem Schrank lief, in dem die Familie den Alkohol aufbewahrte…

Första kapitlet

Berlin, Deutschland11 Jahre früher

„Wessen Idee war das hier bloß?“, fragte ich mich, während ich zum x-ten Mal innerhalb der letzten Stunde auf die Uhr blickte, um festzustellen, dass wieder kaum Zeit vergangen war. Missmutig sah ich hinüber zu den Teenagern, von denen ich dachte, ich könnte sie im Handball trainieren. Ich beobachtete, wie sie lustlos über das Spielfeld schlurften. Drei von ihnen standen sogar einfach in der Mitte rum, unterhielten sich und zeigten gänzliches Desinteresse an meinen Bemühungen. Ein weiteres Mal sah ich auf die Uhr und hoffte innerlich, die 90 Minuten, die ich diese undankbaren, jungen Damen bespaßen sollte, seien endlich vorbei. Ich hatte mir das Alles gänzlich anders vorgestellt. Wochenlang hatte ich auf diesen Tag hin gefiebert, den Saisonbeginn, meinen ersten Tag als Trainerin. Nun verstand ich allerdings gut, warum der Trainerposten für diese Mannschaft nicht sonderlich begehrt und bis kurz vor dem Ende der Sommerpause nicht vergeben gewesen war. Schon, als ich mich zu Beginn unseres ersten Treffens heute vorgestellt hatte, stieß ich statt Begeisterung über meine sportliche Laufbahn eher auf Unverständnis, warum man denn freiwillig auf eine Sportschule gehen würde.Ich wollte den Mädels noch kurz erzählen, dass ich frisch mein Abitur gemacht und jetzt meinen ersten Job in einer Bäckerei angetreten hatte, um meinen Auto-Führerschein zu finanzieren. Doch selbst, dass ich mit meinem Mopped zum Training kommen und immer mal Jemanden von ihnen mitnehmen können würde, löste schon demonstratives Gähnen aus, weshalb ich entschied, sofort mit dem Sport zu beginnen. Ich holte also meinen sorgfältig, in stundenlanger Mühe, ausgearbeiteten Trainingsplan heraus und las vor, dass wir zur Erwärmung Parteiball spielen würden. Direkt gingen lautstarke Proteste los, ob das wirklich sein müsste. Motiviert und naiv, wie ich war, spielte ich sogar noch selbst mit, um zu vermitteln, was für eine coole, engagierte Trainerin ich war. Jetzt, nachdem 2/3 meiner ersten Einheit um waren, war ich hauptsächlich eine, die sich ohrfeigen wollte, diese Aufgabe überhaupt übernommen zu haben.„Ahh, haben sie also doch noch einen Dummen gefunden?“, eine tiefe, leicht raue Stimme hinter mir riss mich aus meinen Gedanken. Ich drehte mich um und sah einen muskulösen, aber nicht besonders großen Mann in kurzen Sportklamotten durch die Hallentür kommen, der gerade dabei war, einen Motorradhelm abzusetzen.Mein Herz machte einen Hüpfer.„Jemand aus der nachfolgenden Mannschaft!“, dachte ich „…meine Trainingszeit muss gleich um sein!“„Hey“, sagte ich unsicher zu ihm und überging seinen Kommentar lieber. „Hey“, antwortete er und drehte sich wieder zu mir um, nachdem er seinen Helm und seinen Rucksack auf eine Bank gelegt hatte. Ich sah in die dunklen Augen des Mannes. Ich kannte ihn vom Sehen und wusste, dass er irgendeine Position in unserem Vereinsvorstand bekleidete. „Oh Gott“, schoss es mir durch den Kopf, „er kommt, um zu kontrollieren, wie ich mich als Trainerin anstelle.“ Hastig rannte ich los, um die Mädels zu instruieren, während ich einen Blick auf die Uhr warf. 19.35 Uhr. Noch 25 Minuten. Ich ordnete eine Trinkpause an und lobte die Mädels überschwänglich vor Mr. Vorstand für ihr „gutes“ Mitmachen.Ich nahm meinen Trainingsplan zur Hand und guckte fieberhaft, ob ich noch eine Übung hatte, die einen guten Eindruck machen würde. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Mann, der inzwischen auf einer Bank saß, mich beobachtete und dann den Blick über meine Mannschaft wandern ließ. Sein Rucksack stand vor ihm auf der Erde.Kurzerhand entschloss ich mich dazu, dass wir die letzte knappe halbe Stunde Handballspielen würden. Das war schließlich für alle Handballer, mich eingeschlossen, das Highlight eines jeden Trainings: das Spielen zum Schluss.„Bitte wählt zwei Mannschaften, wir wollen die restliche Zeit spielen“, verkündete ich. Keiner reagierte. „Die beiden Torhüter wählen bitte zwei Mannschaften!“, sagte ich lauter. „Och nö, ich dachte, wir machen ein Bisschen früher Schluss“, „Muss das sein?“, kam die wenig begeisterte Rückmeldung aus der Gruppe.Na, das lief ja blendend. Verlegen blickte ich zu dem Mann herüber.„Warum seid ihr dann überhaupt hier, wenn ihr keinen Bock habt?“, fragte er auffordernd in die Runde, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder seinem Rucksack zu.Die beiden Torhüter schlurften los und stellten sich gegenüber auf. Dann begannen sie endlich zwei Mannschaften zu wählen. „Puh“, ich atmete auf.Um mich zu vergewissern, dass mein Erfolg auch registriert wurde, warf ich wieder einen Blick Richtung Bank. Aber er zog sich gerade Hallenschuhe an und sah nach unten. Wegen seiner gebeugten Haltung konnte ich lesen, was auf der Rückseite seines Navy blauen T-Shirts stand: „Brami“ Das war also sein Name, oder wahrscheinlich eher sein Spitzname, der mir zumindest vom Hörensagen bekannt war. Ich kam nicht umhin zu registrieren, wie sich sein Shirt über seinen muskulösen Rücken spannte, während er sich die Schuhe zuband. Interessiert betrachtete ich das Tattoo, was unter seinem Ärmel hervorschaute. Ich erwartete sehnsüchtig meinen 18. Geburtstag, denn ich liebte Tattoos und konnte es kaum abwarten, selbst eins haben zu dürfen. Ich versuchte mit schiefgelegtem Kopf zu erkennen, welches Motiv er hatte, was sich als schwierig erwies, da ich nur einen Teil davon sah. Plötzlich zog er seinen Ärmel hoch, sodass das komplette Tattoo zu sehen war. Irritiert schaute ich auf. Er hatte wohl beobachtet, wie ich ihn musterte. Jetzt grinste er mich an. Mir war das etwas unangenehm, denn ich stellte, jetzt wo ich ihn richtig bewusst ansah, fest, dass er ein sehr attraktiver Mann war. Ich schätzte ihn auf ca. Mitte 30. Er hatte dunkle, kurze Haare und braune Augen, die mich spontan an die treuen Augen unseres Hundes denken ließen. Er trug einen Schnauzbart unter seiner recht markanten Nase und dieses Gesamtpaket ließ ihn ein Bisschen verwegen wirken. „Du solltest mal anpfeifen“, sagte er zu mir und nickte Richtung Spielfeld. „Oh. Ähm. Ja, genau“, stotterte ich zurück und rannte los Richtung Mittellinie. Das Spiel begann und ich stellte sofort fest, dass bis zu unserem ersten Match, was in drei Wochen stattfinden würde, noch eine Menge Arbeit vor mir liegen würde. Nach drei bis vier Angriffen schlenderten die meisten Spielerinnen der Mannschaft ohne Leibchen schon nur noch in der gegnerischen Hälfte umher und unterhielten sich.Bei „mit Leibchen“ waren offensichtlich die etwas motivierteren Mädchen gewählt worden, die jetzt einen Tempogegenstoß nach dem Nächsten liefen. Das nächste Mal würde ich wohl besser die Mannschaften einteilen, dachte ich bei mir, während ich erneut auf die große Uhr in der Anzeigetafel blickte. 19.50 Uhr, gleich geschafft. Unterdessen kamen vereinzelt junge Männer in Trainingsanzügen herein, die Brami mit Handschlag begrüßte. Einige von ihnen sagten Dinge wie: „Hey Trainer!“, und mir fiel ein Stein vom Herzen. Er war aller Wahrscheinlichkeit nach also nicht gekommen um meine Leistungen als Trainerin zu beurteilen, sondern einfach, weil er mit seiner Mannschaft die Trainingszeit nach uns hatte. Das war auch gut so, denn das Interesse meiner kichernden, jungen Damen galt nun eindeutig mehr den sportlichen, jungen Männern, die sich lautstark unterhielten, als dem Handballspiel.Ich pfiff ab. Ich bat die Mädels noch, die Leibchen, die ich von meinem ersten Gehalt gekauft hatte, in den dafür vorgesehenen Beutel zurückzulegen. Doch das ignorierten sie gekonnt und warfen sie, teilweise auf links gedreht, vage in die Richtung meiner Tasche. Na toll. Eines der Mädchen, Sophie, wenn ich mich recht erinnerte, sammelte alle Leibchen auf und gab sie mir. „Danke“, sagte ich leise. „Bitte. Bis Donnerstag!“, antwortete sie, nahm ihre Tasche und eilte ihren Freundinnen hinterher. Donnerstag, oh nein. Das war schon in drei Tagen. Von der anfänglichen Motivation, die ich für das Trainerdasein hatte, war so gut wie nichts mehr übrig. Geknickt nahm ich meine Sachen und ging Richtung Umkleidekabinen. Ich freute mich auf eine ausgiebige, warme Dusche. Die Halle, in der wir montags trainierten, war noch relativ neu und daher waren die Duschen modern und sauber. Nachdem ich geduscht hatte, zog ich meine Motorradsachen an. In kurzer Hose und mit T-Shirt zu fahren, so wie Brami, kam für mich nicht in Frage. Mein Fahrlehrer hatte mir eingebläut, ich sollte meiner Sicherheit wegen immer Schutzkleidung tragen. Und das tat ich. Ich schwärmte heimlich ziemlich für meinen Fahrlehrer. Lars. Der Gedanke an Lars ließ mich lächeln, während ich zu meinem Mopped lief. Ich freute mich schon, wenn ich meinen Autoführerschein bei ihm anfangen würde. Es wurde langsam dunkel und ich warf im Vorbeigehen einen Blick auf das andere Motorrad vor der Halle, was, wie ich vermutete Brami gehörte. Eine 600er Yamaha, dunkelblau, halbverkleidet. Lars fuhr eine schicke, neongrüne, vollverkleidete Kawasaki Ninja, natürlich eine 1000er. Das fand ich auf jeden Fall um einiges cooler. Ich stand inzwischen neben meinem eigenen, kleinen Mopped mit seiner zerkratzten Verkleidung und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Ich wollte ein möglichst Günstiges kaufen, da mein ganzes Geld in mein Pferd floss, mein ganzer Stolz und mein für mich wertvollster Besitz.Ich drehte den Schlüssel im Schloss, drückte den Startknopf und ließ den Motor kurz aufheulen, wobei ich mir ziemlich cool vorkam, obgleich ich mit meinem A1 Führerschein ja nur eine 125er fahren durfte. Dann fuhr ich nach Hause. Ich wohnte in einem anderen Stadtteil, weshalb ich erst gegen 21.15 Uhr zuhause ankam.„Und, wie wars?“, begrüßte mich meine Mutter an der Haustür. „Frag nicht…“, antwortete ich missmutig und verdrehte die Augen. 

Im Nachhinein betrachtet frage ich mich, ob sich an diesem Spätsommerabend schon in irgendeiner Form die gesamte Tragik, die sich in den folgenden Jahren aus dieser Beziehung entwickeln würde, abgezeichnet hatte und ob irgendetwas den Lauf der Dinge hätte verhindern können…

Andra kapitlet

Am nächsten Morgen, oder man sollte besser sagen „in dieser Nacht“, klingelte mein Wecker wie üblich, wenn ich Frühdienst hatte, um 3.27 Uhr.Ich war die ersten vier Wochen auf meiner neuen Arbeit nämlich zum Anlernen mit der Chefin eingeteilt und diese arbeitete ausschließlich die 4.30-12.00-Uhr-Schicht wegen ihrer Kinder. Woche 3 lief gerade. Das Positive war, dass die Firma immer zur Mitte des Monats das Gehalt zahlte und ich somit schon erste Ergebnisse dafür gesehen hatte, dass ich mich um diese Uhrzeit aus dem Bett quälte. Mehr oder minder begeistert stellte ich den Wecker aus, stand auf und zog mich an. „Morgen würde mein Wecker zumindest eine Stunde später klingeln“, dachte ich, während ich unsere Hündin begrüßte, die müde mit dem Schwanz wedelte, aber sich nicht die Mühe machte, aus ihrem Körbchen aufzustehen. Ich hatte morgen frei bekommen, um an einem Einstellungstest teilzunehmen.Der Job beim Bäcker war nämlich keineswegs mein Traumberuf, sondern nur eine Art Überbrückung, um in die Arbeitswelt reinzuschnuppern und ein Bisschen Geld zu verdienen, bis meine „richtige“ Ausbildung anfangen würde.Eigentlich wollte ich nämlich schon immer zur Kriminalpolizei. Ich machte mir einen Kaffee und fragte mich, was mich wohl bei dem Einstellungstest erwarten würde. Den Online-Test hatte ich bereits bestanden, woraufhin ich eine Einladung zu bekam, ein Zeitfenster für einen weiteren Test vor Ort auszuwählen. Da ich eher ein Frühaufsteher und obendrein ein ziemlicher Optimist war, wählte ich das allererste Zeitfenster, was verfügbar war: Mittwoch, 21.09.2011 6:30 Uhr.Heute wollte ich direkt nach der Arbeit in den Stall und dann früh ins Bett, damit ich morgen fit sein würde.Ich stellte meine inzwischen leere Tasse in die Spüle, zog meine Motorradklamotten an und ging nach draußen. Es war kühl und nebelig heute Morgen. Ich ging zu meiner kleinen Holli, so hatte ich sie genannt, stieg auf und startete den Motor. Vorbildlich, wie von meinem lieben Fahrlehrer gelernt, setzte ich den Blinker und kontrollierte umfassend die völlig ausgestorbene Straße, bevor ich losfuhr. Lars wäre stolz auf mich!Auf der Arbeit angekommen, verging die Zeit wie immer wie im Flug. Ich arbeitete in einer ziemlich großen Filiale, die sich in einem Eckgebäude der Lichtenrader Bahnhofsstraße befand, einer immer gut besuchten Ladenzeile.Vor dem modernen und durch die bodentiefen Fenster lichtdurchfluteten Verkaufsraum gab es eine L-förmige Sonnenterrasse, auf der von März bis Oktober gemütliche Rattan Möbel zum Kaffeetrinken einluden.Neben dem großen Vorraum, in dem sich auch die Bedientheke befand, hatten wir für schlechtes Wetter auch einen etwas separierten Saal, der im modernen Vintage-Stil mit vielen verschiedenen nicht zueinander passenden und somit irgendwie doch hervorragend zueinander passenden Sitzmöbeln und Tischchen ausgestattet war. Ich fand „unser Café“ wie wir diesen Raum nannten total lauschig und nahm mir vor eines Tages selbst hier zu sitzen, einen Kaffee zu trinken und ein Buch zu schreiben. Dieses Vorhaben setzte ich allerdings nie in die Tat um, sondern hielt mich die meiste Zeit, wenn ich hier war hinter dem Tresen oder der Trennwand an der Rückseite von selbigem auf, die die Kundenräume von der Küche und den Räumen für das Personal trennte.Von 4.30 Uhr bis 6.45 Uhr herrschte allzeit eine gewisse Hektik, bis wir um Dreiviertel Sieben den Laden aufschlossen, obwohl wir offiziell erst um 7.00 Uhr öffneten.Aber wir hatten einige Stammkunden, die sich hier vor ihrem eigenen Arbeitsbeginn ihr Frühstück holten und so hatte sich diese Viertelstunde früher Öffnen eingebürgert.Weil wir auch samstags geöffnet hatten, hatte ich gestern, am Montag, frei. Nachdem ich nun bereits zwei Wochen hier war, sollte ich heute zum ersten Mal ins Bedienen der Kunden mit einsteigen. Ich war aufgeregt. Während ich die belegten Brötchen vorbereitete, was ich mittlerweile auch ohne die Anleitung konnte, schielte ich immer wieder auf die große Uhr im Vorraum. Brötchen belegen nach Anleitung, das musste man sich mal vorstellen, wie pedantisch ich das fand!Dass eine Armbanduhr nicht erlaubt war, war ebenfalls etwas, was mich hier ziemlich nervte. Auch, dass man aus hygienischen Gründen keinen Schmuck oder Gelnägel an sich haben durfte und außerdem diese Einheits-Arbeitskleidung Pflicht war, ging mir gewaltig gegen den Strich. Ich schätzte und liebte meine Individualität. Wenigstens meinen auffälligen Haarschnitt konnte mir hier keiner verbieten. Ich trug einen platinblonden Bob mit ausrasiertem Nacken und machte mir von Zeit zu Zeit eine neonpinke Strähne in meinen asymmetrisch geschnittenen Pony. Gerade holte ich ein Paket Mozzarella aus dem Kühlschrank, für die sehr beliebten Tomate-Mozzarella-Baguettes mit französischen Kräutern.Auf Facebook hatte ich bei so einer Comedy-Seite ein Bild gesehen, was zur Botschaft hatte, dass sich die beliebten Käsekugeln in ihrer Packung anfassten, wie die Hoden eines Mannes.Ich ließ den Mozzarella in meiner Hand hin- und her flutschen. „Mhh“, machte ich und zuckte mit den Schultern. Besonders viel Erfahrung hatte ich mit männlichen Geschlechtsteilen noch nicht gesammelt. Ich war zwar keine Jungfrau mehr, aber an mein „erstes Mal“ hatte ich keine großartige Erinnerung. Es war damals mit 14 im Sportinternat. Hauptsächlich aus Neugier und um mitreden zu können, mit einem älteren Mitschüler, der dafür bekannt war, mit jeder ins Bett zu gehen und dauerte keine fünf Minuten. Da die Erfahrung eher schmerzhaft und nicht besonders schön für mich war, hatte ich seitdem den Kontakt zum anderen Geschlecht erstmal vermieden. Ich griff nach einem scharfen Messer, legte den Mozzarella ins Spülbecken und stieß es durch die Packung mitten in ihn hinein. Das Wasser besudelte die Packung. Besudelt war ein gutes Wort, so fühlte ich mich nach meinem ersten Sex. Benutzt und besudelt. Ich verstand nicht, was meine Mitschülerinnen an dieser Sache fanden. Ich wusste noch, dass ich danach ungefähr zwei Stunden lang duschen war, um dieses Gefühl wieder loszuwerden. Mittlerweile wünschte ich mir zwar einen Freund, aber ich hielt mich selbst für dick und hässlich und hatte kein allzu großes Selbstbewusstsein. Weshalb ich mich selbstverständlich nicht traute, jemanden anzusprechen und auch sämtliche Annäherungsversuche abtat mit: der flirtet sicher nicht mit mir, sondern ist generell immer so freundlich.Ich packte meine letzten, gerade fertiggestellten belegten Baguettes in die Auslage, während meine Chefin mit dem Schlüssel zur Tür ging. Draußen wartete schon wie üblich die Horde derer, die in meinen Augen zu faul waren, sich selbst Frühstück zuzubereiten. Wenn ich mir die Preise der belegten Brötchen und des Kaffees in unserem Laden ansah, erschien es mir unmöglich, wie man sich jeden Morgen dieses Frühstück leisten konnte, ohne ins Armenhaus zu gelangen. Frau Jäger, meine Chefin wies mich an, die alte Dame zu bedienen, die jeden Morgen ein Kürbiskernbrötchen haben wollte und stets mit abgezählten 62ct bezahlte. So hätte ich Zeit, die Eingabe in die Kasse zu üben, ohne den Druck eines auf sein Rückgeld wartenden Kunden. „Guten Morgen!“, sagte ich höflich zu der grauhaarigen Frau „...ein Kürbiskernbrötchen?“ Sie lächelte und nickte.Ich nahm den Stoffbeutel, den sie mir hinhielt und packte das Brötchen ein, während sie ihr Kleingeld auf den Tresen legte. Kurz darauf nahm sie die Tüte von mir entgegen, bedankte sich und verließ den Laden.Ich sammelte die sechs Zehncentstücke und das bronzefarbene Zweicentstück ein und tippte die Nummer 633 in meine Kasse. „Kürbiskernbrötchen 0,62€“ erschien meine Eingabe auf dem Display. Ich nickte zufrieden.Die nahezu endlose Liste mit den Artikelnummern hatte ich an dem Tag bekommen, an dem ich meinen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, mit der Bitte sie zu verinnerlichen. Das fiel mir leicht, denn ich verfügte über eine Art fotografisches Gedächtnis. Ich las Dinge einmal aufmerksam und vergaß sie nie wieder. Einer der Gründe, weshalb ich mir eine kometenhafte Karriere bei der Kripo ausmalte.„Kommst du zurecht?“, fragte mich Frau Jäger. „Ja klar!“, antwortete ich und beendete hastig den Prozess in der Kasse. Dann kam der „Kunde mit dem Porsche“ wie er hier genannt wurde. Er parkte immer um Punkt 6.58 Uhr direkt vor der Tür, stieg aus, bestellte einen Cappuccino mit zwei Mal Zucker und eine Doppelsemmel mit Ei. Er bezahlte immer mit den Worten „stimmt so“ und fuhr genau zwei Minuten später wieder davon. Die Mitarbeiterinnen drückten immer bereits den Cappuccino-Knopf an unserer Kaffeemaschine, wenn sie das Geräusch seines Sportwagens hörten und auch sein Brötchen lag schon eingepackt neben der Kasse bereit. All diese Dinge hatte ich mitbekommen, wenn ich hinter der Trennwand im Laden das Chaos vom Zubereiten der belegten Brötchen beseitigt hatte, was mich heute, nach dem ersten morgendlichen Ansturm, ebenfalls noch erwarten würde. Obwohl sein Bestellvorgang ebenfalls recht simpel war, bediente Frau Jäger ihn selbst. Die Kolleginnen stritten sich förmlich darum, wer diesen Kunden bedienen dürfte, es gab sogar eine Art „Rangordnung“ an deren Spitze natürlich die Chefin selbst stand. Nicht wegen des großzügigen Trinkgeldes, was er allmorgendlich verteilte. Das mussten wir in eine „Kaffeekasse“ stecken, die am Ende des Monats zwischen den Mitarbeitern aufgeteilt wurde. Ich fand diese Regelung idiotisch, denn aus meinem Empfinden gehörte das Trinkgeld denjenigen Kolleginnen, die die Kunden freundlich und mit einem Lächeln bedienten und nicht Leuten, wie meiner Kollegin Frau Berndt. Sie zog allzeit eine Fresse auf der Arbeit und machte stets einen genervten Eindruck, sodass ich mich so manches Mal fragte, warum sie überhaupt hier war, wenn sie das alles augenscheinlich so sehr hasste. Ich musste natürlich zugeben, dass es wahrscheinlich bessere Jobs gab, aber im Allgemeinen machte er zumindest halbwegs Spaß und man langweilte sich nicht. Der Mann mit dem Porsche kam und ging, natürlich nicht, ohne wie üblich mit der Bedienung zu flirten. Als er das Geld auf den Tresen legte, sah ich an seinem rechten Ringfinger etwas aufblitzen. Ein Detail, was mir bisher hinter der Trennwand verborgen geblieben war. „Aha, verheiratet und baggert hier Frau Jäger an“, dachte ich, schüttelte den Kopf und begann die benutzten Messer in die Spüle zu räumen, da nun keine Kunden mehr anstanden.Der Rest des Dienstes verging ohne weitere erwähnenswerte Dinge und auch im Stall lief alles komplikationslos, sodass ich, nachdem ich meine Sachen für den morgigen Tag gepackt hatte, gegen 18.00 Uhr ins Bett gehen konnte.

Tredje kapitlet

Ich schlief wahnsinnig schlecht in dieser Nacht. Ständig schreckte ich mit der Angst auf, ich hätte verschlafen, würde zu spät kommen und meinen Einstellungstest verpassen.Um 3.57 Uhr sah ich zum gefühlt tausendsten Mal auf mein Handy und entschied es hätte jetzt eh keinen Sinn weiter zu schlafen. Ich stand auf und zog meine zurechtgelegten Sachen an. Ich würde heute nicht mit dem Mopped fahren, denn ich hatte keine Lust darauf, dass der Helm meine Frisur zerstörte. Davon abgesehen wusste ich nicht, ob ich die Möglichkeit hätte, mich irgendwo umzuziehen und wollte natürlich nicht mit Motorklamotten im Einstellungstest sitzen. Ich zog meine champagnerfarbene Satin- Bluse an, die ich extra für diesen Anlass mit meiner Mutter zusammen gekauft hatte. Weiß war mir etwas zu spießig, aber dennoch wollte ich einen seriösen Eindruck erwecken. Darüber ein hochgeschnittener schwarzer Rock in A-Linie. Ich begutachtete mich im Spiegel. Ein Bisschen extravagant, aber ziemlich seriös, befand ich. Ich würde mich definitiv aus der Masse der Bewerber hervorheben, dachte ich zufrieden und ging ins Bad, um mich zu schminken, mir die Haare zu machen usw. Als ich mit Allem fertig war, war es immer noch erst Dreiviertel Fünf. Mein Bus würde um 5.20 Uhr fahren, in einer guten halben Stunde.Frühstücken wollte ich nicht, mir war viel zu schlecht vor Aufregung.Auch, wenn ich mir immer wieder versuchte bewusst zu machen, dass das Schlimmste was passieren konnte, war, dass ich nicht bestand und sich die Welt in diesem Falle trotzdem weiterdrehen würde. Ich setzte mich an den Küchentisch und streichelte gedankenverloren unsere Hündin Cora, die heute dann doch mal für mich aufgestanden war, als etwas meine Aufmerksamkeit fesselte. Aus dem Stapel mit der Post, der auf dem Tisch lag, lugte die Ecke eines Fotos hervor, auf dem ich jemand Bekannten entdeckte. Ich griff danach und zog das Vereinsheft hervor, was jedem Mitglied monatlich zugestellt wurde. Es war wohlbemerkt kein Heft der Handball-Abteilung, sondern auch alle anderen Sportarten, die man im TSV Grün-Weiß ausüben konnte, waren vertreten. Trotzdem zierte ein Foto der 1. Männermannschaft, Abteilung Handball nach ihrem Aufstieg in die Regionalliga, wie ich der Bildunterschrift entnahm, die Titelseite. Links am Rand in der untersten Reihe grinste Brami im grünen Vereinstrikot aus dem Foto zu mir hinauf. Ich erkannte ihn sofort an seinen Augen, die mich irgendwie faszinierten. Er trug die Trikotnummer 72, was mich aus zweierlei Gründen interessierte. Erstens benutzen Handballer sehr gern ihr Geburtstagsjahr als Trikotnummer, weshalb sich in meiner Altersgruppe die Nummern 93,94 und 95 großer Begehrtheit erfreuten. Ich schloss daraus, dass er Jahrgang 72 war und somit 39 Jahre alt, etwas älter, als ich geschätzt hatte.Zweitens war meine eigene Trikotnummer die 27, also genau die umgedrehte Nummer von seiner. Ich trug diese aber, weil mein Lieblingsspieler von den Füchsen Berlin, der Bundesligamannschaft unserer Stadt, Pavel Prokopec, ebenfalls in der 27 spielte. Und nicht, weil ich, entsprechend meiner vorherigen These, Jahrgang 1927 war, wie ich grinsend feststellte. Ich versuchte auszurechnen, wie alt ich wäre, wäre ich in diesem Jahr geboren. Ich beließ meine Berechnungen beim Ergebnis: ganz schön alt, denn Mathematik war nicht meine Stärke. Aber ich hatte ja andere Talente, sagte ich zu mir selbst. Ich sprach fließend Englisch, recht gut Französisch und inzwischen auch Schwedisch für den Alltagsgebrauch. Ich hatte mich Anfang des Jahres zu einem Kurs in der Volkshochschule angemeldet, denn ich hatte überlegt ein Auslandsjahr in Schweden zu machen, je nachdem wie schnell ich mit meiner Ausbildung bei der Polizei beginnen würde. Sprachenlernen fiel mir leicht, was ich auf mein gutes Gedächtnis für Vokabeln und Co. zurückführte.Ich blätterte auf Seite 11, wo es laut Fußzeile den Artikel zu dem Foto geben würde. Dort fand ich als erstes besagtes Foto noch einmal abgedruckt und untendrunter hieß es „von links vorn: Florian Bramstedt,…“Den Rest las ich nicht. Florian Bramstedt. Das war also sein richtiger Name. Brami. Welch einfallsreicher Spitzname dachte ich und verdrehte die Augen. Ich nahm mir vor den Artikel später zu lesen, denn ich hörte jetzt Schritte auf der Treppe. Ich machte das Heft zu und versteckte es wieder inmitten der anderen Post. Meine Eltern sollten nicht sehen, dass ich Interesse für die Männer in diesem, von ihnen sogenannten, „Käseblatt“ dort hatte. Überhaupt wurde ich für mein Empfinden ziemlich prüde aufgezogen. Themen wie Sex kamen in diesem Haus nicht zur Sprache und wenn, dann nur peinlich berührt und als wäre das etwas furchtbar Unanständiges, worüber man nicht spräche. Selbst irgendwelche unerwarteten, romantischen Szenen in Filmen trieben meiner Mutter die Schamesröte ins Gesicht und mein Vater verließ in solch einem Fall das Zimmer, um Wäsche zu waschen oder den Geschirrspüler auszuräumen. Aufgeklärt wurde ich von der Schule und auch ansonsten wären meine Eltern wohl nicht meine erste Wahl, um über solche Themen zu reden. Was nicht hieß, dass ich mich nicht geliebt fühlte, im Gegenteil. Ich machte meinen Eltern keine Vorwürfe. Ich war sicher, dass ihnen mein Wohl am Herzen lag und sie mich nach bestem Wissen und Gewissen aufzogen. Wenn irgendwas in meiner Kindheit zu meinen späteren psychischen Problemen führte oder diese begünstigt hatte, so war das mit absoluter Sicherheit nie eine böse Absicht.Meine Eltern waren sogar extra aufgestanden, um mir viel Erfolg bei meinem Einstellungstest zu wünschen. Ich kontrollierte noch einmal meine Tasche auf Vollständigkeit, denn auch ein Sporttest gehörte zum Einstellungsverfahren. „Sehr gut, alles drin“, sagte ich laut, um meinen Eltern zu demonstrieren, dass ich alles im Griff hatte. Mein Vater wollte selbst auch immer zur Polizei, was aber daran gescheitert war, dass er nicht schwimmen konnte. Das tat mir unheimlich leid, denn ich ahnte, dass er sich genauso zu diesem Job berufen fühlte, wie ich selbst es tat. Polizist war wohl einer dieser speziellen Berufe, für die man irgendwie geschaffen sein musste, genauso wie Krankenschwester oder Arzt oder Ähnliches. Nicht zuletzt war es für ihn bestimmt traurig, dass alle seine Kumpels damals zur Polizei gegangen waren und er plötzlich nicht mehr dazugehörte. Doch all das waren nur Dinge, die ich vermutete, denn wissen konnte ich es nicht. Mein Vater sprach generell nie viel und schon gar nicht über so persönliche Dinge. Er arbeitete in einer Firma, die Photovoltaikanlagen herstellte und diese auch bei ihren Kunden in der ganzen Welt aufbaute, weshalb er öfter mal auf Montage im Ausland war. Ich fand das unheimlich spannend, denn mehr als einen Bauernhof in Österreich hatte ich von der Welt noch nicht gesehen. Obwohl meine Eltern beide gut verdienten fuhren wir nur innerhalb Deutschlands in den Urlaub. Nordsee im Sommer, Bayern im Winter zum Skifahren, das waren die favorisierten Reiseziele meiner Eltern. Oder eben besagter Bauernhof in Oberösterreich, wo meine Mutter als Kind mit ihren eigenen Eltern schon hingefahren war. Seit einigen Jahren hatten wir allerdings keinen Urlaub mehr als Familie gemacht, sondern meine jüngere Schwester und ich waren in den Reiterferien, wo wir dann schließlich auch mein damaliges Pflegepferd gekauft hatten. Herzblatt. Das war ihr Name. Etwas komischer Name, aber ich mochte ihn, er passte zu ihr. In ein paar Stunden, wenn der Einstellungstest vorbei wäre, würde ich mit ihr eine Runde ausreiten gehen. In ein paar Stunden wäre das Ganze nur noch eine Erinnerung. Kein Grund zur Panik. Mein Handy piepste: eine SMS meiner besten Freundin Isabell. Sie wünschte mir viel Glück für den Einstellungstest. Ich freute mich, dass sie an mich gedacht hatte. Während ich die Nachricht gelesen hatte, hatte ich gesehen, dass es bereits 5.15 Uhr war. Zeit zum Bus zu gehen.Ich nahm den Fahrplanausdruck der Berliner Verkehrsbetriebe, den mir meine Mutter gestern auf der Arbeit gemacht hatte. Vier Mal umsteigen bis in die Stadtmitte, wo der Test stattfand. Das konnte ja heiter werden. Wir wohnten am grünen Stadtrand von Berlin in einer beschaulichen Reihenhaussiedlung. Obwohl unser Haus klein und unser Garten noch kleiner war, fühlten wir uns hier unheimlich wohl. Der Garten war sogar so klein, dass das originalgetreue rot-weiße Handballtor mit grünem Netz, was Papa vor einigen Jahren für uns gebaut hatte auf beiden Seiten den Zaun zum Nachbarn berührte. Aber das tat dem stundenlangen Siebenmeterwerfen mit meiner fünf Jahre jüngeren Schwester Johanna, die ebenfalls Handball spielte, keinen Abbruch. Nur gelegentlich gab es mal Ärger, wenn der Handball in die Rosen unserer Nachbarin, einer reizenden alten Dame, deren Mann vor einigen Jahren verstorben war, flog.Ich zog meine Schuhe an, ein paar vornehme schwarze Wildleder- Pumps der Marke Gabor, die ich mir für diesen Tag von meiner Mutter geliehen hatte. Ich fühlte mich richtig erwachsen mit diesen Dingern. Das waren für mich Schuhe, die erfolgreiche Business-Frauen trugen, die mitten im Leben standen. Eine Jacke brauchte ich heute nicht. Es dämmerte bereits und dem wolkenlosen Himmel nach zu urteilen, würde es ein sonniger Tag werden. „Tschüss Mäuschen, bis später“, sagte ich zu Cora „...nachher gehen wir eine Runde mit Herzi ausreiten, ja?“ Sie wedelte mit dem Schwanz.„Tschüss, bis heut Nachmittag“, sagte ich zu meinen Eltern, die inzwischen am Tisch saßen und frühstückten und ging aus der Tür. Obwohl ich Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr hasste, war ich positiv überrascht, dass ich heute pünktlich und verhältnismäßig stressfrei mein Ziel erreichte. Nach fünf Minuten Fußweg stand ich, wie geplant gegen 6.20 Uhr vor dem in der Einladung beschriebenen Gebäude: ZSE 1, Keibelstraße 36. Auf der Eingangstür klebte ein Schild: „Zum Einstellungstest 2. Stock“Ich begutachtete meine Frisur in der gläsernen Doppelpforte und zupfte eine Strähne in meinem Pony zurecht. Dann atmete ich noch einmal tief durch, zog die Tür auf und betrat das Gebäude.

Fjärde kapitlet 

Ich gelangte in eine Art Empfangshalle, wo sich linksseitig sowas wie ein Schalter befand. Geradezu entdeckte ich zwei Fahrstühle. Ich durchschritt zügig den Saal. Meine Absätze klapperten laut auf dem Marmorfußboden. Sofort versuchte ich etwas leiser zu laufen, auch wenn das sicherlich idiotisch aussehen musste. Ich nickte dem Mann hinter der Glasscheibe zu und drückte auf den Fahrstuhl-Knopf. Sofort machte es „Pling“ und die Tür sprang auf. Wie nett, er hatte schon auf mich gewartet, grinste ich. Ich war inzwischen ganz gut gelaunt. Ich fühlte mich wohl umgeben von diesen ganzen Männern in Uniform. Überhaupt hatte ich ziemlich viel übrig für uniformierte Polizisten. Ob man das schon als Fetisch bezeichnete, wusste ich nicht, aber so eine Polizei-Uniform wertete selbst den objektiv betrachtet unattraktivsten Mann für mich auf.Der Fahrstuhl erreichte den zweiten Stock. Gegenüber den Fahrstühlen befand sich ein großer Pfeil mit der Aufschrift „Einstellungstest“, der nach rechts deutete. Ich hob die Augenbrauen. „Besonders viel trauen die ihren zukünftigen Mitarbeitern aber nicht zu“, dachte ich. Schließlich stand auf dem Schreiben, was sich zwar in meiner Handtasche befand, welches ich aber dank meines fotografischen Gedächtnisses vor meinem inneren Auge sah, dass der Test in Raum 2.03 stattfinden würde. Ich folgte dem Pfeil trotzdem und sah anhand eines weiteren, riesigen Schildes sofort, welcher der Raum 2.03 sein müsste. Obwohl es erst 6.25 Uhr war und somit noch fünf Minuten bis zum Testbeginn, war der Raum bis auf zwei Plätze in der vordersten Reihe bereits komplett voll. „Guten Morgen!“, grüßte ich laut, was vereinzelt erwidert wurde. Ich ließ meinen Blick kurz über die Stuhlreihen schweifen und stellte fest, dass ich die einzige Frau war. Vor jedem der schätzungsweise 30 Bewerber befanden sich ein Computermonitor mit einer Tastatur, ein kleiner Stapel Papiere und ein Kugelschreiber. Ich wählte spontan den linken der beiden noch leeren Plätze, stellte meine Tasche neben mir auf den Boden und setzte mich hin. Auf dem Fensterplatz neben mir saß ein dünner, ziemlich großer Mann mit braunen Locken, schätzungsweise 2-3 Jahre älter als ich. Auf dem Zettel, den er wohl, nachdem er ihn ausgefüllt hatte an seine rechte Seite geschoben hatte las ich, dass er Marvin Grunewald hieß. „Hey Marvin, ich bin Sunny“, sagte ich zu ihm, um meine Anspannung ein Bisschen loszuwerden. Er, der vorher aus dem Fenster gesehen hatte, drehte sich zu mir um und lächelte unsicher. „Hey, woher kennst du meinen Namen?“, fragte er. Ich deutete auf den Zettel zwischen uns auf dem Tisch. „Besonders helle ist der nicht…“, urteilte ich sofort, obwohl ich mich stets bemühte, unvoreingenommen zu sein. „Oh“, machte er nur, zog das Blatt zu sich rüber und guckte wieder aus dem Fenster. „Ok, dann eben nicht“, dachte ich und widmete mich meinem eigenen Papierkram. Sehr aufmerksam las ich zuerst das komplette Anschreiben, bevor ich den Stift auch nur in die Hand nahm.Ich hatte mich als Plan B, falls es mit der Polizei nicht klappen würde, bei der Bundeswehr für die Laufbahn der Offiziere beworben. Für das dreitägige Bewerbungsverfahren war ich im Juni extra quer durch Deutschland nach Köln, zur Offizierprüfzentrale, kurz OPZ, gefahren, natürlich auf Kosten der Armee. Jeder sagte, das Verfahren zur Prüfung auf Offiziertauglichkeit war das härteste Bewerbungsverfahren von ganz Deutschland und wäre man da durchgekommen, dann würde man alles Andere an Prüfungen mit Leichtigkeit bestehen. Die Urkunde, welche mir meine Offiziertauglichkeit bestätigte, hing in einem goldenen Rahmen bei mir im Zimmer.Die Situation dort war der Jetzigen hier sogar ziemlich ähnlich, fiel mir auf, als ich darüber nachdachte. Wir saßen in einem Raum, ich war ebenfalls die einzige Frau. Saß auch in der ersten Reihe, neben einem Mann mit braunen Haaren. Er trug aber bereits eine Bundeswehr-Uniform, wie die meisten anderen Bewerber und stellte sich mir als Horst vor. Der Unterschied war, uns wurden die Papiere erst ausgeteilt und lagen nicht bereits am Platz. Das Anschreiben begann mit:„Sehr geehrte Frau Kretzschmar, bitte lesen Sie dieses Schreiben aufmerksam durch, es beinhaltet wichtige Informationen für Sie.“ Danach folgte ein ziemliches Geschwafel aus meiner Sicht. Wann die OPZ gegründet wurde, wie der erste Kommandant hieß, wie viele Bewerber hier jährlich geprüft wurden und noch einige bauliche Details zu dem Gebäudekomplex. „Wow, wirklich, wirklich wichtige Informationen“, dachte ich damals und rollte mit den Augen. Als ich zu Ende gelesen hatte, kam der Leiter des Bewerbungsverfahrens die Tischreihen entlang und sammelte die Papiere wieder ein. „Die sind aber sehr sparsam mit Papier hier“, wunderte ich mich noch. Er ging zurück zu seinem Tisch, nahm einen weiteren Stapel Papiere und teilte ihn mit der unbeschriebenen Rückseite nach oben, aus. Als er wieder vor uns stand, sagte er: „Sie haben ab jetzt 10 min Zeit, die Aufgaben auf der Vorderseite zu bearbeiten, bitte drehen Sie die Blätter um“. Ich tat wie geheißen und las:„1. Wann wurde die OPZ gegründet?“Entsetzt warf ich einen Blick zu Horst, der meinen Blick ebenso entgeistert erwiderte. Was wir für Beweihräucherung des ach so tollen Bewerbungsverfahrens gehalten und daher nur überflogen hatten, war bereits die erste Aufgabe des Selbigen gewesen. Mein fotografisches Gedächtnis hatte mir und Horst, dem ich zwischendurch unauffällig einen Blick auf meinen Zettel gewährte, den Arsch gerettet, denn ich konnte selbstverständlich alle Fragen problemlos beantworten.Trotzdem wollte ich einen ähnlichen Fehler hier bei der Polizei Berlin nicht riskieren und las erstmal alles aufmerksam. Tatsächlich handelte es sich nur um eine Einwilligung, dass ich an dem Bewerbungsverfahren auf meine eigene Gefahr teilnehmen würde und eine Erlaubnis meinen Leumund zu überprüfen, die ich mit Namen und Geburtsdatum versehen sowie unterschreiben musste. Während ich noch las, betrat ein Mann in Uniform den Raum, und ging an die Vorderseite des Raumes. Ich beeilte mich, den Zettel auszufüllen und hörte die ersten paar Worte, die er an uns richtete, nicht. Wenn ich auf etwas fokussiert war, befand ich mich wie in einem Tunnel, wo ich das Geschehen um mich rum komplett ausblendete. Das war praktisch, wenn man in einer turbulenten Situation konzentriert bleiben musste, aber in diesem Moment hier eher ungünstig. So schnell, wie mein langer Nachname es zuließ, unterschrieb ich den Wisch und sah auf. Vor mir stand der schönste Mann, den ich je gesehen hatte. Wie viel davon auf die Uniform, die er trug, zurückfiel, vermochte ich nicht zu sagen.Er hatte dunkelblonde Haare, die er an den Seiten etwas kürzer trug als oben auf dem Kopf und wache, hellblaue Augen. Er war ca. 1,75 m groß und von kräftiger Statur, ohne dabei dick zu sein. Er hatte eine weiche Stimme, die es sehr angenehm machte, ihm zuzuhören. Ich bedauerte ein wenig, dass ich nicht mitbekommen hatte, wie er hieß, denn ich war sicher, er hatte uns mitgeteilt mit wem wir das Vergnügen hatten. Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Vergnügen ihn anzuschauen. Ich war völlig Hin- und Weg. Er erinnerte mich mit seiner gebräunten Haut und seinem ausgesprochen hübschen Gesicht ein Bisschen an Tom Cruise, der mein Lieblingsschauspieler war. Ich stellte mir den unbekannten Polizisten im Cockpit eines Kampfjets vor, wie er „Tower?  Hier Ghostrider mit der Bitte um Überflugerlaubnis!“, in sein Funkgerät sprach, wie Tom Cruise alias Maverick in Top Gun. Ja, das passte perfekt. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Marvin den PC anschaltete. Ich fluchte innerlich. „Hätten sie mir nicht einen hässlicheren Typen für den Test schicken können? Wie soll ich mich denn hier konzentrieren?“Ich beschloss, mich jetzt zu zusammenzureißen und heftete meinen Blick starr geradeaus auf den Monitor, während der Polizist erklärte, dass wir uns mit unseren Initialen als Benutzernamen und unserem Geburtsjahr als Passwort, einloggen müssten. Der computergestützte Test lief gut für mich. Er bestand größtenteils aus verschiedenen Arten von Rätseln, die ich aus einem IQ-Test, zu dem mich meine Mutter vor einigen Jahren geschleift hatte, kannte. Viele davon hatten mit dem Merken von Dingen zu tun, was im Grunde genommen ein Kinderspiel für mich war und mich beinahe schon langweilte. Abschließend gab es noch einen Multiple-Choice-Teil mit Verhaltensweisen, aus denen man diejenige auswählen sollte, welche man in der vorgegebenen Situation am Ehesten praktizieren würde. Hier musste ich überlegen, ob ich meine ehrliche Antwort wählen sollte, oder die, die den besten Eindruck hinterließ. Ich war schon in meinen jungen Jahren ein ziemlicher Misanthrop, der Sozialkontakte überwiegend scheute. Es machte nur wahrscheinlich keinen allzu guten Eindruck, „Ich behalte meine neuen Erkenntnisse im Mordfall für mich“ statt: „Ich vereinbare ein Meeting mit allen Kollegen, um meine neuen Erkenntnisse mitzuteilen“ anzuklicken. Deshalb beschloss ich lieber die Verhaltensweise zu wählen, die der Test von einer guten Polizistin erwartete. Weil ich so lange überlegten musste, was wohl die beste Antwort wäre und nicht, wie in dieser Aufgabe gefordert: „nach Gefühl, ohne drüber nachzudenken“, klickte, brauchte ich ziemlich lange. Daraus, dass ich niemand anderen im Raum mehr mit der Computermaus hantieren hörte, schloss ich, dass ich die Einzige war, die ihren Test noch nicht beendet hatte. „Tom“, wie ich ihn jetzt einfach wider besseres Wissen getauft hatte, kam zu mir und stellte sich hinter mich, um zu gucken, wie viele Fragen ich noch zu beantworten hatte. „Wie gut er roch, oh mein Gott“, registrierte ich schockiert. „Geh bitte wieder weg, sonst werde ich niemals fertig“, betete ich ihn stumm an.„Ok, nur noch drei Fragen“, sagte er leise zu mir. „Intuitiv, Frau Kretzschmar, ohne zu viel nachdenken.“ Er ging wieder nach vorn. Ich überlegte, ob ich ihm ganz „intuitiv, ohne zu viel Nachdenken“ meine Nummer zustecken sollte, während ich seinen äußerst ansprechenden Hintern betrachtete, den die eng sitzende Hose seiner Uniform hübsch zur Geltung brachte. „Was ist denn mit dir?“, fragte ich mich schockiert, während ich wahllos irgendeine Antwort anklickte, um endlich fertig zu werden. „Du kannst doch hier nicht den Leiter des Einstellungstests anbaggern!“ „Danke für Ihre Teilnahme“, flammte es auf dem PC auf. Endlich geschafft.Ich sah hoch zu Tom und nickte ihm zu. Er lächelte. Er hatte ein umwerfendes Lächeln, was den Blick auf zwei Reihen makellos weißer Zähne preisgab.Ich hätte ihn mir besser auf einem Plakat für Herren-Unterwäsche vorstellen können als in einem Streifenwagen. Er hatte bestimmt ein Sixpack, dachte ich. „…üblicherweise gibt es genug Teilnehmer, die mit dem Auto da sind, sodass niemand mit den Öffentlichen fahren muss, wenn Sie sich ein Bisschen absprechen“, beendete er gerade einen Satz. „Wohin sollte ich fahren?“, ich war entsetzt. Wie konnte ich mich nur so ablenken lassen. Glücklicherweise fing er gerade an, jedem Teilnehmer einen kleinen Zettel zu geben, auf dem wie ich von Weitem an der Anordnung der Wörter erkennen konnte, eine Adresse stand. Er drückte mir meinen Zettel in die Hand und lächelte noch einmal sein Kauf-diese-Calvin-Klein-Boxershorts-Lächeln. „Viel Erfolg, Sonja“, sagte er und ging weiter zu Marvin. Bevor ich hinreichend genießen konnte, dass er mich mit meinem Vornamen angesprochen und mir viel Erfolg gewünscht hatte, tippte mir jemand auf die Schulter.„Soll ich dich mitnehmen? Ich hab‘ gesehen, wie du aus dem Bus ausgestiegen bist.“ Ich drehte mich zu Demjenigen um, der dieses großzügige Angebot unterbreitet hatte. Ein Mann von etwa Ende 20 mit einem leicht südländischen Aussehen. Vom Gefühl her hätte ich ihn wahrscheinlich nach Griechenland oder Italien eingeordnet, eher weniger Richtung Türkei oder Arabien. „Sehr gern, das wäre toll!“, antwortete ich wirklich erfreut.Auf der Fahrt zum Sporttest, die ich mit ihm und noch zwei anderen Bewerbern ohne Führerschein in seinem weißen 4er Golf verbrachte, erfuhr ich, dass er Nikos hieß und sein Vater, wie ich es vermutet hatte, Grieche war.Wir unterhielten uns gut und die Fahrt verging wie im Flug. Wir stiegen aus und gingen zu den Umkleidekabinen. Nachdem wir Sportsachen anhatten, trafen wir uns wieder auf dem Flur. Ich hatte mir im Internet durchgelesen, woraus der Sporttest bestand, aber mehr als die vage Auskunft „Hindernisparcours“ und ein Lauf auf Zeit, hatte ich nicht bekommen.Wir folgten den Pfeilen „zum Sporttest“ auf dem Fußboden und waren gespannt, was uns wohl genau erwarten würde und wie wir damit zurechtkamen.

Femte kapitlet

Wir kamen in eine kleine Sporthalle, wo ein Zirkel aus ein paar Geräten aufgebaut war. Das war der Hindernisparcours? Langsam beschlich mich das Gefühl, ich sei hier ein Wenig überqualifiziert. Erst die ganzen Hinweisschilder, wo der Test stattfinden würde und jetzt das hier. „Na gut, warten wir mal ab“, bremste ich mich aus. Ein Mann in blauem Trainingsanzug winkte uns zu sich herüber. Er stellte sich uns als Hauptkommissar Krüger vor und kündigte an, er würde den Parcours einmal vormachen. Danach hätten wir kurz Zeit alle fünf Stationen selbst auszuprobieren. Abschließend müssten wir in einer flüssigen Runde den Parcours absolvieren. Eine Zeitvorgabe gab es nicht. Siegessicher grinste ich in mich hinein. Würde man die aufgebaute Wand jetzt nicht gerade mit einem Rückwärtssalto überwinden müssen, was ich für unwahrscheinlich hielt, würde dieser Teil des Tests kein Problem für mich sein. Ich hatte nichts Gesondertes für diesen Anlass trainiert.Bei der Bundeswehr hingegen musste man selbst als Frau vergleichsweise harte Anforderungen erfüllen, was ich aber dank jahrelangem Dasein als Leistungssportlerin, tat.Der schätzungsweise 50 Jahre alte Herr Krüger joggte los zu Station 1, einem Bock mit Sprungbrett davor und überwand dieses mit einer Grätsche. „Wow, wie spektakulär“, stellte ich fest. Obwohl Geräteturnen kein Steckenpferd von mir war, dachte ich, das sei doch wohl ein Witz, dass einen dieser Sprung über den Bock zu einem Polizisten befähigte. Eine gewisse Grundsportlichkeit setzte ich bei jemandem, der diesen Beruf ergreifen wollte, voraus. Der Hauptkommissar joggte weiter zu zwei hintereinander befindlichen, blauen Matten, wie man sie aus dem Sportunterricht so kannte. Er kniete sich vor der Ersten nieder, machte eine Vorwärtsrolle und stand mit einer fließenden Bewegung direkt kerzengerade auf. „1A Haltungsnote“, sinnierte ich gelangweilt und beobachtete, wie er sich umdrehte und auf der zweiten Matte eine Rückwärtsrolle machte, die er ebenfalls im Stehen und mit emporgestreckten Armen beendete.Ich fragte mich, ob es mir jemals während meiner späteren Arbeit bei der Polizei etwas nutzen würde, eine absolut akkurat ausgeführte Rückwärtsrolle zu können. Sowieso wollte ich am liebsten aufs LKA und würde meiner Vorstellung nach eher wenig „auf der Straße“ unterwegs sein. Allenfalls würde ich mein Büro verlassen, um einen Zeugen zu befragen. Höchstwahrscheinlich würde dieser zwar unheimlich staunen, wenn ich auf ihn zurollte, während des Aufstehens meinen Dienstausweis zog und ihm die Karte vor die Nase hielte. Allerdings bezweifelte ich, dass das eine geeignete Verhör-Methode wäre. Ich grinste trotzdem über diese Vorstellung, während Herr Krüger gerade an einem Barren in den Stütz sprang und sich die 3,50 m rüber hangelte. Ich wusste, dass ein Barren genau diese Länge hatte, denn ich hatte das irgendwann mal in Sporttheorie in der 9. Klasse gelesen und sah die Zeichnung des bemaßten Sportgerätes aus dem Buch nun bildlich vor mir.Dahinter befand sich ein weiterer Barren. Hier allerdings als Stufenbarren und quer zur Laufrichtung. Er umfasste die obere Stange, die auf seiner Seite war und schwang sich über die dahinter befindliche, tiefer eingestellte Stange. Neben mir schluckte jemand geräuschvoll. Es war Marvin. Er sah ziemlich entsetzt aus. Was ich schon im Raum 2.03 vorhin auf den ersten Blick bemerkt hatte, nämlich, dass er ziemlich dünn war, bestätigte sich jetzt, wo ich ihn in Sportkleidung sah, nochmal mehr. Jugendliche wie meine Schwester würden ihn wohl als „Lauch“ bezeichnen. Ich war zwar strenggenommen selbst jugendlich, fühlte mich aber nicht so. Ich hatte keine Freunde in meinem Alter, alle waren mindestens zwei Jahre älter als ich, davon abgesehen, dass ich eigentlich sowieso keine „Freunde“ hatte. Meine beste Freundin Isabell zum Beispiel war vor dem Sommer 19 geworden. Sie hatte auch einen Führerschein, was mich gelegentlich in den Genuss brachte, wenn es regnete und ich nicht Mopped fahren wollte, im Micra ihrer Mutter chauffiert zu werden. Isabell und ich belegten damals die gleichen Leistungskurse, Kunst und Englisch, so hatten wir uns kennengelernt. Ich hatte während meiner Schulzeit insgesamt zwei Klassen übersprungen, weshalb wir trotz unseres Altersunterschiedes unser Abitur dieses Jahr zusammen gemacht hätten, wenn Isabell nicht die 12. Klasse nochmal wiederholen würde.Obwohl wir nicht mehr gemeinsam in die Schule gingen, unternahmen wir noch viel zusammen. Isabell war ebenfalls eine Pferde-Närrin und so fuhren wir regelmäßig gemeinsam in den Stall zu Herzblatt. Ich liebte unsere Nachmittage auf der Small-Berry-Ranch, wie der kleine, private Hof hieß, wo Herzblatt untergebracht war. Die Stalldienste, die wir gemeinsam erledigten, waren immer eine Mischung aus Austauschen von Neuigkeiten, besonders in Bezug auf die „Männerfront“, tiefgründigen Gesprächen über den Sinn des Lebens und Lachen bis kurz vorm Erstickungstod. Und das alles, während man Pferde-Scheiße vom Paddock schaufelte, was konnte es Besseres geben? Hauptkommissar Krüger hatte inzwischen das letzte Hindernis, eine ca. 1.80 m hohe Wand überwunden. Man musste dazu sagen, dass vor der Wand ein kleiner Kasten stand, was die einzige Anforderung die es bei Station 5 gab, nämlich auf den Füßen zu landen, nochmal deutlich erleichterte. Der Polizist kündigte an, dass wir jetzt die Hindernisse ausprobieren durften und danach in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen werden würden. Marvin stürmte los in Richtung Stufenbarren, während ich selbstsicher genau dort stehen blieb, wo ich war und mich über die sogenannten Rückwärtsrollen der anderen Bewerber amüsierte, denn von Herrn Krügers sauber ausgeführter Turnübung waren sie weit entfernt.„Wollen Sie nicht üben?“, fragte Herr Krüger mich. „Nö“, antwortete ich und schüttelte den Kopf. Ich machte wohl einen ziemlich arroganten Eindruck auf ihn und vermutete er wollte mir nun eins auswischen.Denn kurz darauf sagte er, da wir ja eine Dame unter uns hätten, würden wir in der Reihenfolge auf „Ladies first“ umswitchen und ich würde deshalb beginnen. Wenig beeindruckt rannte ich zum Bock, nachdem er „Auf die Plätze, fertig, los!“ zu mir gesagt hatte. Wie vorher vermutet absolvierte ich den Parcours absolut mühelos und grinste süffisant, nachdem ich von der Mauer heruntergesprungen und sauber auf beiden Füßen gelandet war. Ich hasste nichts mehr, als wenn man mich unterschätzte. Durch meine zwei übersprungenen Klassen war ich so schon immer und überall „die Kleine“, der man nichts zutraute und die man nicht ernst nahm. Das wurmte mich gewaltig, dennoch konnte ich nichts dagegen tun. Herr Krüger hatte da, wenn auch sicherlich unbeabsichtigt, einen absolut wunden Punkt bei mir getroffen, was mich mehr in Rage brachte als gegenüber jemandem, von dem meine Karriere abhing, sinnvoll gewesen wäre.Alle meine Mitbewerber, bis auf Marvin schafften den Parcours. Er hingegen blieb drei Mal mit seinen langen Beinen an der unteren Stange des Stufenbarrens hängen und bekam von Herrn Krüger daraufhin die Empfehlung das zu üben, bis er den Sporttest wiederholen dürfte. „Tja“, machte ich und zuckte mit den Schultern. Das war aus meiner Sicht die gerechte Strafe dafür, dass er sich heute Morgen mir gegenüber so abweisend verhalten hatte, obwohl ich die Situation für uns beide wirklich nur etwas angenehmer gestalten wollte. Ich glaubte sehr an solche Dinge wie Karma und war überzeugt, dass absolut alles im Leben aus einem bestimmten Grund passierte.Wir gingen inzwischen nach Draußen ins Stadion. Auf dem Weg dorthin begegnete uns eine Gruppe junger Männer mit blauen T-Shirts, auf deren Rücken in großen, weißen Buchstaben „Polizei“ stand. Wie unheimlich cool ich die fand und was ich dafür geben würde nächstes Jahr um diese Zeit an ihrer Stelle einen Blick auf die neuen Bewerber zu werfen!Im Stadion angekommen verkündete Herr Krüger, dass wir zwei Kilometer Laufen würden, also fünf Stadionrunden. Ich war während meiner Handball-Karriere schon viele, viele Kilometer joggen gewesen und war von dieser Distanz nicht im Mindesten beeindruckt. Die Zeitvorgabe ließ mich allerdings aufhorchen. Acht Minuten. Das war straff. Ich wusste von der Bundeswehr, dass es üblicherweise verschiedene Zeitvorgaben für Frauen und Männer gab, wollte aber Herrn Krüger, der meine Reaktion beobachtete, nicht die Genugtuung geben, dass ich jetzt doch überfordert war. Also rannte ich. Um mein Leben. Aber ich blieb an den Männern dran und kam ein paar Sekunden vor Ablauf der acht Minuten ins Ziel. Danach ging es mir gar nicht gut. Mir war kotzübel, aber ich bemühte mich, mir das nicht anmerken zu lassen. Unter normalen Umständen wäre das sicherlich auch gar nicht so schlimm gewesen, diese Zeitvorgabe war zwar ambitioniert, jedoch durchaus zu schaffen.Aber die schlechte Nacht, das ausgefallene Frühstück und die ganze Anspannung des Tages, die jetzt von mir abfiel, als Herr Krüger verkündete, dass wir alle bestanden hatten, waren wirklich zu viel für mich. Ich schleppte mich zu den Bänken am Stadionrand, wo sich in der Zwischenzeit einige weitere Polizisten mit den blauen Shirts versammelt hatten, wohl um ihre potenziellen Kollegen zu begutachten. Aber das war mir egal. Ich setzte mich hin und versuchte ruhig zu atmen, um meinen Brechreiz zu unterdrücken. Nach einigen Minuten kam einer von ihnen zu mir herüber und hielt mir eine Flasche Wasser hin. Dankbar nahm ich sie entgegen. „Tolle Leistung“, sagte er zu mir, „...normalerweise haben Frauen zehn Minuten Zeit für die fünf Runden!“ Ich wusste es. Danke Herr Krüger. Danke für nichts. Ich kochte innerlich vor Wut, zuckte aber mit den Schultern und trank einen Schluck Wasser. Ich wollte dem Mann die Flasche zurückgeben, doch er sagte ich dürfte sie behalten. Ich bedankte mich nochmal ganz herzlich und wollte mich umziehen gehen. Da fiel mir ein, wenn ich schon mal so eine hilfsbereite Person an der Angel hatte, dass ich nicht wusste, wo sich die nächste Bushaltestelle befand. Ich fragte ihn. Er sagte, er wisse es nicht, er sei mit dem Auto hier. Prima. Er fragte, wo ich hinmüsse und bot an, mich zu nach Hause zu fahren ohne meine Antwort abzuwarten. Irritiert starrte ich ihn an und nannte meine Adresse. Er holte sein Handy heraus und gab sie ins Navi ein. Daran, dass er kurz stockte, sah ich, dass mein Zuhause wohl nicht unbedingt in seinen Fahrplan passte.Dennoch sagte er zu mir, dass er einen schwarzen 1er BMW fahren und auf dem Parkplatz auf mich warten würde. Von der Aussicht gestärkt, dass ich nicht mit dem stinkenden ÖPNV zurückfahren müsste, ging ich schnell los, um mich umzuziehen. Als ich zum Parkplatz kam hupte jemand und fuhr auf mich zu. Ich stieg auf der Beifahrerseite ein. Er warf mir einen anerkennenden Blick zu, pfiff durch die Zähne und sagte: „Sportklamotten standen dir aber auch!“„Ähm, danke…“, stotterte ich verlegen. „Ich heiße übrigens Patrick“ stellte er sich vor und fragte nach meinem Namen. „Sonja, aber meine Freunde nennen mich Sunny.“ - „Alles klar, Sunny“, antwortete er, mit übertriebener Betonung auf das letzte Wort. So ganz wohl war mir nicht bei dieser Sache, denn jetzt, wo ich mich ein Bisschen von dem Lauf erholt hatte und ihn endlich richtig betrachten konnte, stellte ich fest, dass er wahrscheinlich um die 10 Jahre älter als ich war. „Er wird dich schon nicht vergewaltigen, immerhin ist er Polizist“, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Um mich abzulenken, studierte ich das im Armaturenbrett eingebaute, moderne Navigationsgerät. Man verdiente offenbar nicht schlecht als Polizist. Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht, über das Gehalt, was ich als Polizistin bekommen würde. Das war für mich absolut zweitrangig, solang ich in meinem Traumjob arbeiten durfte. Ich las, dass es 11.50 Uhr war und Mittwoch, der 21.09.2011. Mittwoch. Verflucht nochmal. Mittwochs war meine Oma immer bei meinem Onkel, der neben uns wohnte. Mein Unbehagen lag nicht an meiner Oma an sich. Ich liebte meine Oma sehr und freute mich schon, ihr gleich beim gemeinsamen Mittagessen zu erzählen, wie mein Test gelaufen war. Ich ärgerte mich nur, dass ich Patrick in meinem desolaten Zustand nach dem Sporttest, ohne nachzudenken meine richtige Adresse genannt hatte und nicht eine Adresse ein paar Straßen weiter. Dass meine Oma wohlmöglich sah, dass ich von einem Mann nach Hause gefahren wurde und das eventuell auch noch meinen Eltern erzählen würde, war mir über allen Maßen unangenehm. Ich überlegte fieberhaft, wie ich dieses Unglück noch abwenden konnte, aber der Schlafmangel und der anstrengende Tag machten es mir unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen.Patrick laberte ununterbrochen. Dass ich nur mit „mhh“ oder „achso“ antwortete, schien ihn dankenswerterweise nicht davon abzuhalten, mir zu erzählen, wie er sich vor einiger Zeit den Fuß gebrochen hatte und was daraufhin alles so geschah.Als er in meine Straße einbog sagte ich: „Du kannst mich dann hier rauslassen, danke vielmals fürs Fahren!“Er hielt allerdings nicht an. 

Sjätte kapitlet

„Kommt nicht infrage, ich muss doch wissen, dass du gut angekommen bist“, antwortete er. „Ok, danke“, resignierte ich. Das einzig Gute war, dass meine Oma ja nicht wusste um welche Uhrzeit ich nach Hause kommen würde und deshalb wahrscheinlich gar nicht mitbekam, wie ich ausstieg. Patrick hielt vor unserem Stichweg und machte den Motor aus. Er stieg aus und ging um den Wagen um mir die Tür aufzuhalten. Noch auffälliger gings wohl kaum. Während ich das Auto verließ, dachte ich: eigentlich würde noch eine Leuchtrakete und eine Megafon-Durchsage fehlen, damit auch wirklich der letzte in der Siedlung mitbekam, dass ich von irgendeinem Typen nach Hause gefahren wurde. Wer glaubte, Berlin war eine anonyme Großstadt, der mochte vielleicht in Bezug auf irgendwelche Plattenbauten in Marzahn Recht haben. Aber die Stadtrandsiedlung, in der wir wohnten, glich eher einem Dorf, wo jeder jeden kannte und sich Neuigkeiten wie ein Lauffeuer verbreiteten. Er umarmte mich zum Abschied und wünschte mir alles Gute für meine Karriere bei der Polizei. Dann stieg er ins Auto und fuhr davon. Ohne nach meiner Handynummer zu fragen und ohne alles. Verdattert starrte ich ihm hinterher. Es war zwar Mitnichten so, dass ich mir ein weiteres Treffen mit ihm gewünscht hätte. Hätte er nach meiner Nummer gefragt, hätte ich höchstwahrscheinlich die letzte Ziffer meiner eigenen Nummer falsch angegeben, denn ich fand ihn -ohne undankbar klingen zu wollen- ziemlich anstrengend. Trotzdem kratzte es gewaltig an meinem Ego, dass er jetzt quasi zwei Stunden sinnlos quer durch die Stadt gefahren war, um dann nicht mal nach meiner Nummer zu fragen. Diese Überlegung entzog sich eigentlich jeglicher Logik, wie ich feststellte, als ich genauer drüber nachdachte.Plötzlich sprang etwas von hinten an mir hoch und eine Stimme, die ich als die meiner Oma Giesela erkannte rief: „Hey Süße, du bist schon wieder da?“Ich drehte mich um und erblickte Cora, die schwanzwedelnd um mich rumhüpfte und etwas weiter hinten meine Oma, die wohl gerade vom Gassigehen mit ihr zurückkam. Ohne meine Antwort abzuwarten, fing sie sofort an mich mit weiteren Fragen zu bombardieren. Sie wollte wissen, wie es lief, was genau im Test gefordert war und wann ich Bescheid erhalten würde, ob sie mich nahmen. Letzteres hatte „Tom“ vielleicht sogar erklärt, aber wenn, dann hatte ich es nicht mitbekommen, weil ich damit beschäftigt war, ihn anzuschmachten. Ich ärgerte mich unheimlich, dass ich überhaupt keinen Anhaltspunkt hatte, wer er war, denn ich würde ihn so gerne wieder sehen. Genauer betrachtet würde es mir eigentlich auch nichts nutzen, wenn ich seinen Namen kennen würde, denn wir hatten keine Kontakte bei der Polizei. Nur mein Patenonkel bekleidete irgendeinen hohen Dienstgrad innerhalb der Behörde, aber das nutzte mir rein gar nichts, denn ich hatte ihn noch nie in meinem Leben gesehen. Trotzdem hatte ich den Polizisten vorhin nach einem Namensschild abgesucht, als er im Test bei mir stand, fand aber nur seine Dienstnummer auf dem kleinen silbernen Schildchen an seiner Brust. 24087491. Diese Nummer hatte sich wohl für alle Ewigkeit in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich saß inzwischen mit Oma am Tisch und sie pellte Kartoffeln für uns. Es gab jeden Mittwoch seit Jahren Kartoffeln mit „weißem Käse“ wie Oma ihn nannte. Ich hasste diese Bezeichnung irgendwie und wünschte mir jedes Mal, wenn sie das erwähnte, dass sie einfach „Quark“ sagen würde, wie jeder normale Mensch auch. Während sie uns Essen auftat, fiel mir ein, dass ich mein Handy noch immer nicht wieder angemacht hatte, seit ich es heute Morgen vor dem Test ausgestellt hatte.Ich holte es aus der Tasche, steckte es aber sofort wieder zurück, als ich den strengen Blick meiner Oma sah. Wenn ich montags bei Oma und Opa war, die ein paar Straßen weiter wohnten, musste ich „das Ding“ an der Tür abgeben und bekam es erst wieder, wenn ich ging. Sie hasste es, wenn ich damit „rumfummelte“, weshalb sie diese Regelung für Besuche in ihrer Wohnung eingeführt hatte. Dass das jetzt auch im Haus meines Onkels galt, war mir zwar neu, aber ich traute mich auch nicht ihr zu widersprechen. Meine Oma war eine sehr resolute Person und selbst mein Opa Giesbert kuschte vor ihr. Giesela und Giesbert Weber. So hießen sie. Ich fand das irgendwie niedlich, dass ihre Namen so zusammenpassten, und machte mir in meinen jungen Jahren keine Gedanken über diese, aus der Sicht meines erwachsenen Ichs, übertriebene Unterwürfigkeit meines Opas.Nachdem wir den Einstellungstest ausreichend ausgewertet hatten, verabschiedete ich mich und nahm Cora mit rüber zu meinen Eltern.