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Die Erinnerungen an diesen Ort kamen wie die Flut. Langsam und unaufhaltsam. Eine Reise, die sie besser nie angetreten hätten. ... Obwohl sich Emilia nicht an den Onkel aus Portugal erinnert, folgen ihr Freund Lukas und sie der Einladung zu dessen Beerdigung. In ihrem alten Campingbus fahren sie dem Hamburger Alltag davon in Richtung sonniger Algarve. Im Süden Portugals angekommen, bekommt Lukas mehr und mehr den Eindruck, dass hier etwas nicht stimmt. Aber warum ist er offenbar der Einzige, der das bemerkt? Langsam türmen sich die mysteriösen Ereignisse zu einer gewaltigen Welle der Bedrohlichkeit, bis diese auf das junge Paar niederkracht.
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Seitenzahl: 239
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Zum Buch
Obwohl sich Emilia nicht an den Onkel aus Portugal erinnert, folgen ihr Freund Lukas und sie der Einladung zu dessen Beerdigung.
In ihrem alten Campingbus fahren sie dem Hamburger Alltag davon in Richtung sonniger Algarve.
Im Süden Portugals angekommen, bekommt Lukas mehr und mehr den Eindruck, dass hier etwas nicht stimmt. Aber warum ist er offenbar der Einzige, der das bemerkt? Langsam türmen sich die mysteriösen Ereignisse zu einer gewaltigen Welle der Bedrohlichkeit, bis diese auf das junge Paar niederkracht.
Zum Autor
Alexander Lass, geboren 1982, ist Notfallsanitäter in Schleswig-Holstein. Er lebt mit seiner Freundin und zwei Fellnasen in Hamburg. Zusammen betreiben sie einen Buchblog auf www.paperwoods.de
Für euch, die ihr in der Natur zuhause seid.
Prolog
Teil 1
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
Teil 2
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
Teil 3
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
Teil 4
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
Epilog
»Venha.«
»Covarde.«
»Nao se atreve.«
Und ob er sich traute. Die sollten lieber den Mund halten. Von wegen Feigling. Die würden schon sehen. Er musste sich nur seelisch vorbereiten. Und dennoch war sein Herz im Hals zu spüren. Idioten. Worauf hatte er sich nur eingelassen? Wer waren sie, dass ER ihnen etwas beweisen musste. So cool waren diese fünf Burschen nun auch nicht. Ja gut, zugegeben, Alejandro war schon ein kleiner Weiberheld und wickelte sie alle flink um den Finger.
Die anderen waren Möchtegern-Helden mit Pickeln im Gesicht und hatten eher Streiche im Kopf, als dass sie wussten, wofür das Ding zwischen ihren Beinen gut war. Auch wenn sie alle Sprüche klopfen konnten wie raubeinige Seemänner.
Aber schließlich war er es, der hier nackt auf den schroffen Klippen stehen musste, und jeder Schritt tat weh. Er hatte sich bestimmt seine Fußsohlen schon unzählige Male aufgerissen. Er stand ganz oben, in etwa sechs Metern Höhe. Seine Kumpels saßen in der Nähe am Strand oder schwammen in Sichtweite umher. Das Wasser hatte sich über den Sommer aufgewärmt, und kleine Wellen schwappten gegen den Felsen. Über Jahrtausende hatte es das salzige Wasser geschafft, Löcher in das Gestein zu fressen. Die Sonne stand tief und würde in der nächsten Stunde untergehen.
Emilio hatte den ganzen Tag im Supermarkt geschuftet, um sich in den Ferien etwas Kohle zu verdienen. Er hasste den Job. Regale einräumen. Klos putzen. Lagerarbeiten. Heruntergefallene Gläser und deren Inhalt in den Gängen aufwischen. Und er hasste nicht nur seinen Job, sondern auch seinen Vater. Denn der hatte ihn dazu gezwungen. Dafür würde sein Vater am Ende der Ferien den Restbetrag zu dem neuen Surfbrett dazu geben, was er so oft im Laden angeschaut und in seinen Händen gehalten hatte. Ein schönes Board von FATUM.
Doch nun war es an der Zeit, zu springen. Den Pennern da unten zu beweisen, dass er kein Angsthase war. Dann würde er durch das überflutete große Loch einen Meter unter der Wasseroberfläche tauchen, etwa 10 Meter dahinter am anderen Ende auftauchen und von dort den Felsen wieder besteigen. So verlangte es die Mutprobe, die sie ihm abverlangten. Die Belohnung: Teil einer Clique zu sein und zu den coolsten Partys in der Gegend eingeladen zu werden, auf denen man noch coolere Typen kennenlernte, aber vor allem eines: die hübschesten Mädchen. Irgendwie ging es doch immer nur darum. Mädels beeindrucken und eine davon zu seiner Freundin zu machen. Und sei es nur für ein paar jämmerliche Wochen.
»Para Elise!«
»Para a liberdade, Emilio!«, schrien sie ihm von unten zu.
Seine Hände umschlossen seine Eier, er stieß ein kurzes Gebet Richtung Abendhimmel, holte tief Luft und sprang.
Die Füße voran stieß er in den Atlantik der Algarve. Schlagartig verstummte das Gejohle der Jungs, die Schreie der Möwen und das Plätschern der Wellen. Tiefer und tiefer wurde sein Körper ins Meer gedrückt. Wie der Pfeil einer Harpune schoss er nach unten. Nur noch dumpfes Gluckern gelangte an sein Trommelfell. Er breitete seine Arme aus, als könne er sich am Wasser festhalten, um endlich seinen Sturz in die Tiefe zu beenden. Doch es dauerte noch eine gefühlte Ewigkeit, bis sein Körper wieder aufzusteigen begann.
Aufgewühltes, schaumiges Wasser voller Bläschen sammelte sich um seinen Körper wie ein Schutzschild. Er musste die Luft anhalten, er musste es einfach schaffen. Wie besessen presste er seine Lippen aufeinander. Kurz dachte er, er würde es nicht schaffen, aber dann kam er an die Oberfläche, stieß einen grässlichen, beinahe beängstigenden Laut aus und saugte frische Luft in seine Lungen.
Die Jungs grölten und applaudierten. Hätten sie bestimmt nicht gedacht, dass er sich wirklich trauen würde.
Doch der wirklich schwere Teil stand ihm erst noch bevor.
Zwar war er schon etliche Male durch dieses riesige Loch gegangen und hatte hier kleine Krabben gefangen. Aber das war bei Ebbe. Wenn sich das Meer zurückgezogen hatte.
Nun war das Loch mit Wasser gefüllt, und es würde ihn viel Kraft und Sauerstoff kosten, sich durch dieses felsige Labyrinth zu arbeiten. Er hoffte und betete, dass er nicht unbeabsichtigt eine falsche Abzweigung nahm und hier mit seinen 13 Jahren sterben würde. Ein nasses Grab für einen kindlichen Idioten auf der Suche nach Anerkennung, die er zuhause nicht bekam.
Er hatte immer die Fischer beneidet, die nur mit Schnorchel, Flossen und ihrem Speer in die Tiefen tauchten und dort eine gefühlte Ewigkeit verbringen konnten, als wäre es ihnen möglich, unter Wasser zu atmen. Oder als wären ihnen mit der Zeit Kiemen gewachsen.
Hunderte von Youtube-Videos hatte er sich angesehen über die sogenannten Freediver und Apnoetaucher. Die nicht auf der Suche nach Fischen waren, sondern auf der Jagd nach dem nächsten eigenen Rekord und sich mit Gewichten in die Tiefe ziehen ließen. Ihm war bewusst, wie gefährlich dieser Sport war und wie viele bereits ihr Leben dafür gelassen hatten. »Wie eine Droge« hatten es einige beschrieben, wenn sie den Kick erlebten.
All das schoss ihm innerhalb der wenigen Sekunden durch seinen Kopf. Er wollte nicht in irgendeiner Klinik künstlich beatmet werden und wegen des durch Sauerstoffmangel abgestorbenen Hirngewebes den Rest seines Lebens an die Decke starren. Sein Herz pochte schneller und schneller und er bekam Angst. Er merkte, wie er zu hyperventilieren begann und versuchte, sich zu beruhigen, indem er den Kopf unter Wasser tauchte. Langsam ließ er die Füße an die Oberfläche schweben und lag nun auf dem Rücken, die Ohren unter Wasser. Plötzlich war alles still. So etwa müsste er es als Baby erlebt haben, im schützenden Bauch seiner Mutter. Tatsächlich, sein Trick funktionierte. In der Stille konnte er sich langsam beruhigen. Während die Sonne auf seinen jugendlich-athletischen Körper schien, versuchte er, weiterhin ruhig und gleichmäßig zu atmen.
Dann schließlich ließ er die Beine wieder sinken und deutete seinen Freunden mit einem in den Himmel ausgestreckten Daumen, dass alles okay und er bereit sei. Er ignorierte ihr pubertierendes Geschrei.
Mehrmals holte er tief Luft und stieß sie jedes Mal wieder kräftig aus. Dann begann er bewusst schneller zu atmen. Das hatte er aus den Videos gelernt. Holte ein letztes Mal tief Luft und tauchte unter, die Beine hinter sich in die Tiefe ziehend, wie ein Wal, der auf Tauchgang ging.
Das Salz brannte etwas in seinen Augen, und seine Hände tasteten sich an dem Gestein entlang. Manchmal, wenn er einen größeren Brocken in den Fingern spürte, stieß er sich kräftig davon ab. Er merkte, wie es enger wurde in seiner Brust. Wie es in ihm brannte. Aber er durfte nicht ausatmen. Denn dann wäre da nichts mehr in seinen Lungen. Unvermeidbar würde der Sog durch den entstandenen Unterdruck kommen, würde das salzige Wasser in seine Lungen saugen und ihn qualvoll ersticken lassen.
Lieber den wenigen vorhandenen Sauerstoff nutzen.
Vor ihm lag nur triste Dunkelheit, und die Muskeln
seines Körpers bettelten nach frischer Luft, die er ihnen gerade jedoch nicht geben konnte. Stattdessen forderte er ihnen alles ab und schlug heftig mit seinen Beinen, um voranzukommen.
Panik machte sich in ihm breit. Die Kraft verließ ihn. Seine Muskeln, sein Gehirn rebellierten und er hatte das Gefühl kurz vor der Ohnmacht zu stehen, als er schließlich Lichtstrahlen im Wasser sah, die im Sekundentakt näherkamen. Er musste ganz in der Nähe der Öffnung sein, nur noch wenige Meter entfernt. Sein Körper trieb langsam nach oben, und er kratzte mit seinem Rücken am scharfkantigen Gestein entlang. Er schrie auf und die Luft entwich in riesigen, blubbernden Blasen seinen Lungen. Reflexartig wollte er Luft holen, doch er erinnerte sich daran, dass dies seinen Tod bedeuten würde. Also brachte er seine letzte Kraft auf, riss sich zusammen und stieß sich erneut ab. Kurz darauf spürte er keinen Felsen mehr über sich und tauchte nach oben.
Nach Luft ringend, hustend und würgend, begriff er allmählich, dass er es tatsächlich geschafft hatte. Das war knapp. Aber das würde er so natürlich keinem erzählen.
Seine Finger wischten das Meereswasser aus seinen Augen, und er kämmte mit der Hand seine dunklen Haare zurück. Er blickte auf die Weite des Atlantiks vor ihm und fragte sich, ob er jemals in seinem Leben noch etwas anderes als dies hier sehen würde. Seine Beine paddelten im Wasser, und er lenkte sich mit den Händen zurück in Richtung der Felsen.
Dort, vom restlichen Tageslicht angestrahlt, trieb etwas und wurde durch die Wellen immer wieder an den Felsen gedrückt. Eine Möwe ließ sich auf dem Etwas nieder, was er bis eben für Treibgut gehalten hatte. Sie begann daran zu picken. Erneut rieb er sich die Augen. Spielte ihm sein Kopf einen Streich? War er noch zu durcheinander von seiner wahnsinnigen Mutprobe und dem fehlenden Sauerstoff? Doch dann riss die Möwe etwas aus diesem Ding heraus.
Es war fest und rötlich. Ja, eindeutig. Die Möwe riss Fleisch aus einem Kadaver. Wie eklig. War es ein Wal? Ein Delfin? Oder vielleicht ein Hai? Selten, aber möglich.
Auch wenn er gar nicht wollte, schwamm Emilio doch langsam darauf zu. Und je dichter ihn seine Schwimmzüge brachten, umso deutlicher erkannte er die abgespreizten Arme und die halb an der Oberfläche, halb unter Wasser schwebenden Beine, sowie dunkle Haare an einem runden Kopf.
Ihm stockte der Atem, und doch konnte er sich nicht dagegen wehren. Er schwamm weiter darauf zu. Er wollte nach seinen Freunden rufen, die sich vermutlich schon Sorgen machten. Oder auch nicht, weil sie lieber wieder einem Mädchen am Strand hinterher geierten. Aber sein Mund war so trocken und es schien, als hätte er seine Stimme in der Tiefe gelassen.
Eine große Welle rollte von hinten über ihn hinweg, und er erschrak. Dann verschwand der Körper für kurze Zeit vor ihm in den Wassermassen. Laut hörbar und kräftig schlug die Welle gegen die Felsformation und hinterließ ihre nassen Spuren.
Plötzlich ließ es Emilio das Blut in den Adern gefrieren. Er starrte in ein blutüberströmtes Gesicht mit toten weißen Augen.
Sein schriller Schrei alarmierte seine Freunde, die sich verwundert ansahen, im nächsten Moment aber zu ihm schwammen, als wäre der weiße Hai hinter ihnen her. Sie kamen gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Emilio versuchte, den toten menschlichen Körper von sich abzuwehren, der durch den Rückstrom immer wieder gegen ihn gepresst wurde.
Dann schrien auch sie.
Alejandro war der Erste, der den Strand erreichte und völlig außer Atem in das kleine Café stolperte. Die Gäste starrten ihn abwertend an und widmeten sich dann wieder ihrem Kuchen und ihren Fischgerichten.
»Cadáver!«, brachte er erst leise, noch nach Luft ringend, heraus. Doch dann immer lauter und energischer.
»Cadáver!«
»CADÁVER!«, schrie er schließlich den Kellner an, griff in dessen Hemd und deutete mit der anderen Hand in Richtung des Felsens, der aussah wie ein Totenschädel.
Ein kurzer, halb interessierter Blick in Richtung der gerade geöffneten Tür, und dann verschwand die Katze auch schon im Schlafzimmer.
»Ja auch ›Hallo‹ … Ja, danke. Mein Tag war toll … ich freu mich auch, dich zu sehen, Minevra!«, warf Emilia in den nun leeren Flur und feuerte die Post auf den Esstisch. Es gab keine Antwort, keinerlei Reaktion. Katzen eben.
Ihr Rucksack landete in der Ecke, und an der Garderobe tropfte jetzt das Wasser von ihrem Mantel auf den Dielenboden.
Flink stellten ihre Finger das Uralt-Radio von irgendeinem Antikmarkt ein, und Hunter von Aldous Harding hallte durch die 65qm-Wohnung in Alsterdorf, ganz in der Nähe zum Hamburger Stadtpark.
Der Tag im Büro hatte sie echt geschafft, und eigentlich war sie in zwei Stunden zum Sport verabredet. Allerdings sorgte der Regen nicht unbedingt für einen Motivationsschub sich nochmal nach draußen zu begeben. Viel besser wäre es, die Kerzen anzuzünden, die alle Räume dann nach Ocean Mint duften lassen würden. Dazu einen heißen Tee … oder doch besser einen heißen Kakao; ein Buch in die Hand, ab auf die Couch, unter die Decke mümmeln und lesen und warten, bis Lukas nach Hause käme. Dann würden sie zusammen was Leckeres kochen, sich aneinanderkleben und die neue Folge Game of Thrones gucken.
Okay, 1:0 für dich, Schweinehund. Verdammt. Wieder einmal hatte sie ihm nachgegeben. Wenn ihr Freund das machte, war sie immer sauer auf ihn und zog ihn damit auf.
Aber mal ehrlich, abhängen im Fitnessstudio und sich einen abschwitzen, trotz der wenig überzeugenden acht Grad draußen, oder aber lesen. LESEN. Die Antwort würde immer Lesen sein. Immerhin war sie mit dem zweiten Buch der Reihe fast durch und das neue lag schon bereit und schrie förmlich nach ihrer Aufmerksamkeit.
Verdammt, sie musste endlich einen Job finden, der was mit Büchern zu tun hatte. Diese ganze Büroscheiße konnte sie einfach nicht mehr ertragen. Hatte das alles ein größeres Ziel, was sie da machte, 30 Stunden die Woche? Vermutlich nicht. Aber wenn sie in der Nähe von Büchern wäre, ja wenn sie nur einfach diesen Geruch in sich saugen könnte, dann wäre das für sie, wie für andere der Energieschub von Kaffee am Morgen.
Sie sollte sich wirklich mal nächste Woche damit auseinandersetzen, ein bisschen die Suchmaschinen in Wallung bringen und endlich Nägel mit Köpfen machen.
PROCRASTINATION ermahnte sie ihr Gehirn. Hör auf, alles vor dir herzuschieben. Du bist jetzt erwachsen. Du musst jetzt auch echt mal deinen ganzen Mist allein auf die Reihe bekommen und einfach mal machen. »Okay okay – ich mach es gleich, aber erst …« und ihre Finger flogen über die Displaytastatur.
»Hey Sporty Spice … ich muss dich leider versetzen. Hatte heut ’nen miesen Tag und hab wirklich, wirklich keine Lust auf Sport heute. Und daran werden auch deine Überzeugungskünste nix ändern. Montag bin ich wieder am Start.«
Gesendet. Gelesen. Keine Antwort. Vermutlich hatte sie es nun endgültig ausgereizt, und ihre ehemalige Mitbewohnerin hatte einfach die Schnauze voll von ihren spontanen Absagen. Ihr Gewissen begann sich langsam bis zu ihrem Bauch vorzuwagen.
Aber sie musste sich ablenken. Füllte den Wasserkocher, stellte ihn ein und ging ihre Post durch.
»Na mal sehen.«
Werbung. Sie legte einen neuen Stapel auf dem Esstisch an, und die ersten drei Briefe landeten direkt hier. Versicherung. Bleibt auf der Hand. Douglas-Zeitschrift. Zwei Briefe für Lukas und die neue Crime-Zeitschrift. Und… was war das? Sie drehte den Brief um und konnte keinen Absender erkennen. Wieder drehte sie ihn. Er war an sie adressiert. Eine Briefmarke aus … was stand da? Portugal? Ihre Stirn runzelte sich entsprechend ihrer Verwunderung. Sie zog den Stuhl vom Tisch ab und setzte sich, während ihre Synapsen in allen Schubladen ihres Kopfes auf die Suche gingen, wen sie in Portugal kennen würde, oder ob irgendeiner ihrer Freunde gerade dort war. Sie nahm das Obstmesser aus der Schale und öffnete damit den Umschlag.
Mit einer Mischung aus Spannung und Skepsis holten ihre Finger den Brief heraus. Ihre Augen flogen über die Zeilen wie Hamsterzähne über den Maiskolben. Wieder und wieder.
Als sie verstanden hatte, worum es hier ging, legte sie das Papier auf den Tisch, und ihre Mundwinkel setzten zu einem Grinsen an.
Heute war kein Abend für Kakao. Heute war es Zeit für einen Wein.
Sie erkannte ihn schon an seinen Schritten im Treppenhaus.
Emilia klappte das Buch zusammen, sprang von dem Sofa, warf dabei fast ihren Rotwein um und sprintete zur Tür, nur um sie einen Sekundenbruchteil vor ihm zu öffnen.
»Hallo schöner Mann, darf ich Ihnen das abnehmen?«, fragte sie und griff nach der Einkaufstüte.
»Kommen Sie. Kommen Sie.« und forderte ihn mit einladender Geste dazu auf, die gemeinsame Wohnung zu betreten.
Er lachte und schaute sich im Flur um. Seine Augen wanderten scheinbar interessiert von der Decke zu den Wänden.
»Aha, hmm, ahh … ja, das sieht doch sehr gemütlich aus. Ich glaube, ich bleibe eine Nacht hier. Oh dieser Stuck, ausgezeichnet, so was sieht man ja heute kaum noch.«
»Darf ich Ihnen Ihre Jacke abnehmen, junger Mann?«
Sie ließ ihm keine Zeit zum Antworten und riss ihm förmlich die Jacke von den Schultern. Dann verschwand sie kurz in der Küche und kam mit einem Glas Portwein in den Händen zurück.
»Der Herr, ein kleines Begrüßungsgeschenk aus der Küche. Sie mögen Portwein?«
Er griff nach dem Glas, schwenkte die Flüssigkeit umher, führte es zu seiner Nase und setzte dann zu einem Schluck an. Die bernsteinfarbene süße Flüssigkeit lief seine Kehle hinab und verzauberte seinen Gaumen.
»Mögen? Ich liebe ihn. Ein ausgezeichneter Tropfen. Wir sind uns doch einig, dass Porto wieder die Hauptstadt werden sollte, oder, junge Dame?«
Emilia nickte bedächtig und verschwand im Wohnzimmer. Lukas nahm noch einen Schluck aus dem Glas, dann ging er hinter ihr her.
Er sah die halb leere Flasche Rotwein auf dem Tisch stehen und sah Emilia nach, wie sie sich auf die Couch setzte und ihn zu sich bat, indem sie mit ihrer Hand auf die Fläche neben sich klopfte.
»Ich bin mir unsicher, ob so viel gute Laune das Richtige für unsere Nachbarn ist«, witzelte er und machte ein paar Schritte auf sie zu.
»Keine Angst, junger Mann. Wir tun hier nichts, was sie nicht möchten.« Sie zog ihn auf die Couch und beugte sich zu ihm herüber. Ihre Lippen und ihre Zunge küssten ihn gierig. Es dauerte eine Weile, bis er den Alltag abwerfen und sich auf sie konzentrieren konnte. Er packte sie am Nacken und zog sie noch fester an sich. Sie griff ihm fest in den Schritt und seine Hände zogen ihre Jogginghose über ihren Hintern. Er griff fest zu, weil er wusste, dass sie es so mochte. Sie merkte, wie er hart wurde. Doch sie würde es ihm nicht zu einfach machen. Also ließ sie ab von ihm und ließ sich zurück aufs Sofa fallen, wo sie begann, an sich selbst herumzuspielen. Ihr war bewusst, welche Wirkung das auf ihren Freund hatte.
Übermannt von einem unbändigen Trieb, zog er seine Jeans aus, riss sich das Shirt über den Kopf und griff sich in die Unterhose. Sie sah, wie seine Hand sich darunter bewegte. Langsam ging er vor ihr auf die Knie und begann, sie zu lecken, bis er es nicht mehr aushielt. Dann stand er auf, packte sie an den Haaren und drehte sie um. Er zog sie an ihren Hüften in die richtige Position und drang hart und fest in sie ein. Seine Hände umklammerten ihre Brüste und drückten zu. Zwischendurch schnappte er sich ihre Haare und zerrte daran, als wollte er ein wildes Pferd zur Räson bringen.
Er bewegte sich schneller, und seine Atmung wurde tiefer, genau wie seine Stöße, bis er in ihr kam.
Er reichte ihr ein Taschentuch. Dann legte er sie langsam auf das Sofa und ging um die Rückenlehne herum. Seine Finger berührten sie, und er begann an ihr zu reiben. Rhythmisch. Im Kreis. Seine andere Hand legte sich über ihren Mund. Und es dauerte nicht lange, bis sie ihre Füße durchstreckte und ihre Muskeln sich anspannten. Ihre Hände verkrallten sich in dem Stoff, und schließlich kam auch sie.
Anschließend nahm er den letzten Schluck seines Portweins, stellte das Glas ab, legte sich dicht an sie und schlug die Decke über beide. Er küsste ihre Wange und schaute sie an. Ihre Augen waren geschlossen, und sie pustete die Anstrengung der letzten Minuten aus den Wangen.
»Wieviel Lust hättest du, ans Meer zu fahren?«, fragte sie.
»Jetzt?«, erwiderte er verdutzt.
»Nein. Aber nächste Woche. Und ich mein’ richtiges Meer. Atlantik. Wellen. Strand. Sonne. Surfen.«
Er drückte sich ein wenig von ihrem Gesicht weg, um sie besser in den Fokus nehmen zu können, und schaute sie fragend an.
»Naja, mega Lust, aber da ist man ja auch nicht mal eben so. Wie kommst du denn jetzt darauf?«
Sie rappelte sich auf, rangelte sich über ihn und setzte sich neben die Couch an seine Seite. Ihre Finger wühlten durch sein Brusthaar.
»Roadtrip nach Portugal?«
»Haha … sehr witzig. Du weißt, wie gern ich dahin will. Aber das geht ja jetzt mal eben schlecht.«
Emilias Hand griff nach dem Briefpapier und hielt es ihm vor die Nase.
»Wir hätten zumindest einen Grund!«
Fragend sah er sie an, nahm das Papier aus ihren Händen und las den ersten Absatz.
»Und wer ist …«
»Lies weiter«, unterbrach sie ihn fordernd. Er konzentrierte sich wieder auf die handschriftlichen Zeilen, deren Schrift allerdings etwas schwer zu lesen war.
Am Ende angekommen, starrte er fragend in ein strahlendes Gesicht.
»Na … na … ist das geil, oder was?!«
»Der Tod dieses … Onkels«, und dabei setzte er Anführungszeichen mit seinen Fingern in die Luft »ist geil?«
»Nein, das nicht, aber ich kenn’ den noch nicht einmal! Aber sie lädt uns dahin ein.«, erwiderte sie aufgeregt.
»Sie lädt uns auf seine BEERDIGUNG ein. Das ist jetzt nicht so ein Super-Event. Ich mein, ich weiß, du bist etwas anders in deinem Kopf ab und an, aber ich bin mir unsicher, ob deine Reaktion gerade nicht etwas Psycho rüberkommt und ich dich einweisen lassen sollte.«, sagte er und griff ihr so fest ans Knie, dass sie quiekte.
Jetzt setzte auch er sich auf.
»Mal ernsthaft jetzt. Was ist das? Eine Verarschung? Woher haben die deine Adresse? Wer ist das?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe noch nie von dem gehört. Hätte ich gewusst, dass ich ’nen Onkel in Portugal habe, wäre ich schon 100 Mal dagewesen. Der Brief war so im Kasten. Und er ist von Hand geschrieben. Ich meine, wer würde sich sonst solche Mühe geben. Guck, selbst die Briefmarke und der Stempel sind von da.« Sie hielt ihm den Umschlag unter die Nase.
»Ich hab schon Mama geschrieben, ob sie ihn kennt, aber sie hat noch nicht geantwortet.«
Nochmals überflogen seine Augen die unerwarteten Zeilen.
»Portugal. Geil wäre das schon. Raus hier. Weg von dem Mistwetter. Aber wie kommen wir vom Flughafen dahin? Meinst du, die holt uns ab? Und wo ist das überhaupt?«
»Algarve. Süd-Portugal. Und nein, wir fliegen nicht. Wir holen unsere Möhre aus’m Stall und machen ’nen … ROADTRIP … öhhh, öhhh«, und tat so, als würde sie die Hupe in der Mitte des fiktiven Lenkrads drücken.
Lukas lachte. Er liebte sie für ihre Beklopptheit. Für dieses ganze jugendliche Verrückte in ihr. Zusammen imitierten sie nun
Beschleunigungsgeräusche, pöbelten die unaufmerksamen Autofahrer an, grüßten die anderen Bullifahrer und traten so schon im Wohnzimmer ihre nächste Reise an.
»Aber du Super-Brummi … wie soll das denn gehen? Wir brauchen mindestens … was … ’ne Woche da runter? Das dauert doch ewig. Und Urlaub ist das auch nicht. Sondern nur stundenlanges fahren, Beerdigung und wieder fahren. Und für was? Ich mein, erbst du da was, oder wie?«
»Neunundzwanzig Stunden …laut Google Maps! Bäm.«
»Hahaha JAA … bei normaler Geschwindigkeit. Du kennst unsere Möhre. Da kannste locker 10 Stunden rauf rechnen. Und dass wir schön in Frankreich Maut blechen dürfen, hast du Entdecker-Genie wohl auch vergessen zu berechnen, oder? Und ohne Maut sind das bestimmt noch weitere 10 Stunden extra.«
Emilia schob ihre Unterlippe vor, setzte einen flehenden Blick auf, schaute ihn an und begann, seinen Rücken zu kraulen.
»Komm schon. Komm. Zwei Wochen Urlaub. Vier Tage runter. Vier Tage rauf. Bleiben noch sechs Tage für uns. Okay, fünf, wenn man die Beerdigung abzieht. Aber die geht ja sicher auch nicht Stunden.«
Lukas mochte ihre Naivität, und er wollte eigentlich auch gar nicht widersprechen, denn zu sehr verlangte seine Seele gerade nach Urlaub. Sehnte sich danach, abzuschalten und den Wellen zu lauschen. Der letzte Urlaub war schon knapp acht Monate her, und es schien wirklich an der Zeit, all dem hier mal den Rücken zu kehren. Aber er konnte unmöglich mal eben so zwei Wochen Urlaub nehmen. Und schon gar nicht so spontan – denn immerhin sollte die Beerdigung am nächsten Wochenende sein. Er tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe.
»Du bist doch verrückt. Wie willst du denn, von mir will ich gar nicht sprechen, mal eben zwei Wochen Urlaub bekommen? JETZT?«
»Och komm, sei nicht immer so erwachsen! Es ist doch mein geliebter Onkel, der immer auf mich aufgepasst hat und der jedes Jahr hier war und mich so mochte und ich ihn und …« Sie blickte nach oben und überlegte weiter, was ihr noch alles einfallen würde, warum sie jetzt so dringend frei nehmen müsste. Zwei Wochen.
»Schon klar … okay, gehen wir mal davon aus, die springen drauf an und du bekommst deinen Urlaub, was soll ich denn machen? Du weißt wie es derzeit bei uns aussieht. Ich kann da nicht einfach mal spontan weg. Der Dienstplan steht.«
Sie warf sich gegen ihn und schmiegte sich fest an seinen Körper. Dann ergriff sie ihr Handy. Ihr Finger raste über das Display und plötzlich erschien das Geräusch von rauem Seegang. Wie die Wellen an die Felsen klatschten.
»Mach mal die Augen zu!« Er schloss sie, und gemeinsam lauschten sie der wogenden See. Er atmete tief ein, so als könne er die salzige Luft des Meeres in sich aufsaugen. Dieses Geräusch brachte ihn sofort zur Ruhe, und alle Anspannung fiel von ihm ab, wie nasser Sand, der zu trocknen begann und sich schließlich von der Haut löste.
»Sag mir, dass du das nicht unbedingt live hören willst!«, säuselte sie nach ein paar Minuten.
Lukas lag hinter ihr im Bett und hatte seinen Arm über sie geworfen. Seit zwei Stunden lag er nun wach, in vier Stunden würde sein Wecker klingeln, und dann würden ihm 12 Stunden Dienst bevorstehen. Super, dachte er. Aber die Idee ließ ihn nicht los. Emilia atmete tief und schlief fest in seiner Obhut. Ihr Körper strahle die Hitze von drei Sonnen ab, und obwohl der eigentliche Sommer noch einige Monate entfernt war, stand Lukas jetzt schon der Schweiß auf der Stirn.
Sein Kopf arbeitete, und er überlegte, wie er das alles möglich machen könnte.
Zwei Wochen Urlaub … pff … klar …spontan …kein Problem … fast 3.000 Kilometer mit ’nem Bulli zu einer Beerdigung eines Typen, den sie nicht kannten.
Irgendwann glitt er dann wohl doch in einen überfälligen Schlaf. Bis das langsam ansteigende Geräusch des Weckers ihn aus seinem Surftraum holte. Gerädert öffnete er die Augen. Sein Finger wischte über das Display und brachte den Störenfried zur Ruhe. Nur zu gern würde er hier liegen bleiben …
hier, neben ihr. Dann setzte er sich auf die Bettkante, stemmte sich hoch, watschelte Richtung Badezimmer und stieg in die Dusche.
Er genoss die warmen Wasserstrahlen auf seinem Körper. Fast wäre er unter der Dusche im Stehen wieder eingeschlafen. Aber sein Pflichtbewusstsein sorgte dafür, dass er wach blieb.
Keine zehn Minuten später war er fertig. Geduscht, Zähne geputzt, gestylt – jedenfalls das, was er darunter verstand, Rucksack gepackt und bereit für den Arbeitstag. Wie jeden Morgen ging er aber erst einmal zurück ins Schlafzimmer, beugte sich zu Emilia herunter und drückte ihr ein paar Küsse auf das vom Kissen zerknautschte Gesicht. Es dauerte immer eine Weile, bis sie langsam wach wurde und sich ein Grinsen auf ihren Lippen erkennen ließ.
»Hey …guten Morgen. Ich versuch’, mein Bestes, das heute zu klären.« Auch wenn er absolut keine Ahnung hatte, wie das Ganze funktionieren sollte. Sie schlang ihre Arme um ihn, zog ihn zu sich heran und küsste ihn weiter. Aber sein Kopf war die ganze Zeit bei dieser Sache und er konnte ihre Küsse nicht genießen, ja, er bekam sie fast noch nicht einmal mit. Er musste seinen Kopf davon befreien und versuchte sich auf die Situation zu fokussieren. Oft genug hatte er in seinem Beruf die letzten Minuten von Menschen miterleben müssen. Er hatte sich dabei immer wieder gefragt, wie sie wohl ihren Tag begonnen hatten. Ob sie sich verabschiedet hatten. Ob sie den Moment wertzuschätzen wussten. Und das brachte ihn dazu, jeden Tag liebevoll ›Tschüss‹ zu sagen. Und zwar, indem er sich dem Moment hingab. Kein flüchtiger Kuss. Keine Floskeln. Sondern dieser Moment,
