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Kann Liebe alle Zeiten überdauern?
EVAN hat Pläne. Ein Gap-Year in Alaska verbringen, sicherstellen, dass sein kleiner Bruder und seine alleinerziehende Mutter versorgt sind, und seine Therapie fortsetzen, um den Weggang seines Vaters zu verarbeiten. Aber nachdem seine Mutter eine unerwartete Diagnose erhält, lösen sich Evans Pläne in Luft auf … bis er etwas hört: einen Song, den nur er hören kann …
SHOSH hat Träume. Als Highschool-Theater-Legende befindet sie sich auf direktem Weg auf ein College in LA, ein aufgehender Stern am Schauspielhimmel. Doch als ein betrunkener Fahrer ihrer Schwester das Leben nimmt, erlischt dieser Stern – und ein sanftes Lied erklingt in ihrem Kopf. Was hat es mit diesem seltsamen Lied auf sich? Und gibt es Seelen, die einfach füreinander bestimmt sind? Gestern, heute und für immer?
Eine ergreifende Liebesgeschichte über zwei Teenager, deren Seelen sich im Laufe der Zeit immer wieder begegnen.
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Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2025
David Arnold
Aus dem Englischen von Inka Marter
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Quellen:
Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Carl Hanser Verlag: München, 2015. Übersetzung Gunhild Kübler.
Arnold Lobel: Das große Buch von Frosch und Kröte: der deutschsprachigen Ausgaben: 1995, 1996, 1998. dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München.
Übersetzung Tilde Michels.
© 2025 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der
Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Copyright © 2023 by David Arnold
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»I Loved You in Another Life« bei Viking,
an imprint of Penguin Random House LLC, New York.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Übersetzung: Dr. Inka Marter
Lektorat: Catherine Beck
Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Hamburg unter Verwendung des Originaldesigns Jacket art © 2023 by Sam Chivers
Jacket design by Theresa Evangelista
sh · Herstellung: AnG
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-32305-9V003
www.cbj-verlag.de
Für Wingate, weil sein Herz mein Glühen spiegelt.
Für Stephanie, denn mein Lofotenschnee ist ihre Liebe.
Und für einen, der »Nein« zu mir gesagt hat, nämlich Steven Spielberg.
Triggerwarnung
Dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte.
Diese sind: Panikattacken und Alkoholabhängigkeit.
ein Vogel in einem Baum bei Nacht
Mein kleiner Bruder mag Ecken. Er sitzt gern still darin, und ich wünschte einfach, die Leute würden verstehen, dass still in Ecken sitzen kein allgemeingültiger Code für Ich bin traurig, ich bin einsam, bitte rettet mich ist. Es bedeutet lediglich, dass das stille Kind in der Ecke gern still in der Ecke sitzen will, und könnten wir unsere Vorstellungen bitte nicht allen Kindern in Ecken auf der Welt zuschreiben? Ist ja nicht so, dass es uns was kosten würde. Ist ja nicht so, dass wir diese Ecke bräuchten. Und bestimmt gibt es manche stille Kinder in manchen Ecken, die wirklich traurig und einsam sind und gerettet werden müssen. Ich mein nur, dass wir nicht davon ausgehen sollten, dass das alle sind. Still- und Traurigsein sind nicht dasselbe. Und ich wünschte mir einfach, das würden mehr Leute verstehen – so.
»Okay«, sagt Ali und hält mir die Haare zurück, damit keine Kotze drankommt, und obwohl ich sie nicht sehe, weiß ich, dass sie auf diese bestimmte Art guckt, so weich, was sie sich dafür aufhebt, wenn sie will, dass ich mich gesehen fühle. Also fasel ich weiter von stillen Kindern, und sie weiß, dass ich über meinen Bruder, Will, rede. Sie weiß das, weil sie mich sieht.
»Du wirst mich nach dem hier nicht mehr lieben«, sage ich.
»Hey.«
»Du wirst mich auf keinen Fall nach dem hier noch lieben.«
»Na ja, eigentlich bist es ja vor allem du, der mich liebt.«
Ich lache, bis ich wieder würge, und habe das plötzliche Bedürfnis, meine positiven Eigenschaften hervorzuheben. »Das hier hat keine Bedeutung, das weißt du?«
»Weiß ich«, sagt Ali.
»Im Grunde bin ich verantwortungsvoll und erwachsen.«
Sie sagt: »Atme einfach, Evan«, und ich frage mich, ob sie eben auf der Party auch im Keller war, als Heather diese Sache gesagt hat, dass alle wichtigen Dinge im Leben leicht wären. Zum Beispiel, dass unsere Körper ganz von selbst atmen würden, sogar im Schlaf, und unsere Herzen egal, was passiert, weiter schlagen, und da musste ich von der Party weg. Warst du da, Ali? Weißt du, warum ich von der Party wegmusste? Ich bin gegangen, weil das Herz ein Muskel ist. Ich bin gegangen wegen dem, was mit Muskeln passiert, die über längere Zeit nicht benutzt werden, und obwohl dieser Keller voller Leute war, konnte ich nur unklare Stimmen hören, nur grausame Hände spüren, nur gierige Augen sehen.
Verstehst du das, Ali? Ich bin wegen der Atrophie von der Party weg. Und wenn ich zu lange darüber nachdenke, fürchte ich, ich könnte aufhören zu atmen. Wenn ich zu lange darüber nachdenke, fürchte ich, mein eigenes Herz könnte aufhören zu schlagen, und wessen Herz wird dann für Will glühen?
»Meins«, sagt Ali. »Und außerdem bist du nicht deshalb von der Party weg.«
»Nein?«
»Nein. Du bist aus demselben Grund gegangen, aus dem du dreieinhalb Wodka Tonic getrunken hast. Und für jemanden mit einer so zarten körperlichen Verfassung wie deiner ist das gleichbedeutend damit, einer Spitzmaus so viel Betäubungsmittel zu injizieren, dass es einen Babyelch umhauen würde.« Ali nimmt eine lose Haarsträhne und legt sie hinter meinem Kopf vorsichtig in ihre Hand. »Du hast dich zugedröhnt und bist abgehauen wegen dem, was Heather über Will gesagt hat.«
Ich wische mir mit dem Handrücken über den Mund und richte mich auf. Wir sind im Park die Straße runter von Heather Abernathys Haus. Weiter bin ich nicht gekommen, bevor mein Magen versucht hat, sich meine inneren Organe einzuverleiben.
»Heather Abernathy ist einfach nur scheiße«, sagte Ali. »Und ihr Name sollte verboten werden, man kann ihn nicht mal aussprechen.«
O Ali Pilgrim! Die mit den sanften Augen und dem schnellen Verstand, deren Freundschaft voller Leidenschaft ist und deren Hammer nie einen Nagel verfehlt. Niemand versteht uns und was wir haben. Es kommt nicht in Büchern oder Filmen vor. Ich hab noch nie ein Lied gehört und gedacht, Oh, wie bei Ali und mir. Wenn zwei Menschen fast ihre gesamte Zeit miteinander verbringen, sind Fehlinterpretationen unvermeidlich, wenn auch nicht überraschend, angesichts der Bedeutung, die die Welt dem Horny Teen zumisst. Es ist, als wäre nie jemand auf den Gedanken gekommen, dass ich meine beste Freundin einfach lieben könnte, weil sie großartig ist. (Und um das klarzustellen, ich bin gewohnheitsmäßig horny, nur nicht auf Ali.)
Jedenfalls wird nicht über uns geschrieben, obwohl es nur so von uns wimmelt.
»Alles okay?«, fragt sie.
»Ich fühl mich, als hätte mein Magen meinem Hals in die Eier getreten.«
Ali nickt. »Deine biologisch akrobatische Metapher scheint mir angemessen.«
Zusätzlich zu den Tränen, dem hämmernden Kopf und dem heftigen Würgen ist auch noch Ende August in Iverton, Illinois; eine unvergleichlich erbärmliche Kombination für Menschen, die zu Schrittschweiß neigen (meine Wenigkeit), also ja, ich bin eine totale Katastrophe.
Im Park ist es ruhig.
Ein Vogel sitzt still auf einem Baum in der Nähe und beobachtet uns.
»Hast du je so was gesehen?«
Ali dreht sich um. »Ja, ich hab schon mal einen Vogel gesehen.«
Na gut, aber ich hab mal was über einen Wissenschaftler im siebzehnten Jahrhundert gelesen, der geglaubt hat, dass Vögel im Winter zum Mond ziehen, weil er nur wusste, dass seine Lieblingsvögel jedes Jahr zur gleichen Zeit verschwanden. Er hat sogar ausgerechnet, wie lange es dauern würde, bis zum Mond zu kommen, was sich offensichtlich mit den Vogelzugzeiten deckte, und da die Wissenschaft damals nicht gerade vollgesogen war mit Weltrauminfos (bezüglich des atmosphärischen Drucks im Kosmos), dachten alle, Yeah, Mann, so muss es sein, als er die Theorie aufstellte, dass Vögel auf ihrem Flug durchs All von überschüssigem Fett leben und den größten Teil der zweimonatigen Reise zum Mond schlafen würden.
»Du redest viel, wenn du betrunken bist.« Ali blickt vom Vogel zu mir. »Die meisten Leute sind dann weniger wortgewandt.«
»Ich habe einfach noch nie einen so gesehen. Nachts. Wie er so dasitzt.«
Ich stelle mir vor, wie der Vogel allein und schlafend durch die Randbereiche des Weltraums fliegt, und es ist ein absolut friedliches Bild.
In einem der Häuser, die den Park umgeben, wird ein Lied gespielt; es klingt leise, aber volltönend, von wunderschöner Traurigkeit. Ich schließe die Augen und lausche der singenden Frau, stelle mir die Töne vor, wie sie aus einem Fenster in der Nähe schweben, von den Geräten auf dem Spielplatz und den Bäumen abprallen. Ihre Stimme ist ein flüsterndes Echo, intim und gequält, und man kann zwar den Text nicht verstehen, aber das braucht man auch nicht, um ihren Schmerz zu kennen.
Bei manchen Liedern ist die Narbe offensichtlich, auch wenn die Wunde es nicht ist.
»Ich mach mir Sorgen um dich, Evan.«
Ich will ihr sagen, dass sie das auch sollte. Dass mein altes Leben ein eingestürztes Haus ist und das neue ein trauriges Gebilde aus Schutt. Aber bevor ich die Worte herausbringe, wird mir wieder schlecht, und ich muss zurück ins Gebüsch. Ali nimmt ihre schützende Position wieder ein und hält meine Haare zurück, während ich mein Inneres herauslasse und darüber nachdenke, womit Heather Abernathy überall unrecht hatte: Atmen ist nicht leicht, nicht für mich; vielleicht muss ich meinem Herzen nicht sagen, dass es weiterschlagen soll, aber dieser Tage rast es wie ein unaufhaltsamer Zug; und vor allem hatte Heather Abernathy unrecht, als sie das über meinen Bruder gesagt hat. »Heather Abernathy ist einfach nur scheiße«, sage ich, und jetzt weine ich beim Kotzen, und Ali umarmt mich irgendwie mit einem Arm, während sie mit der anderen Hand meine Haare festhält.
Das Lied hallt durch den Park; der Vogel bleibt still dort oben sitzen.
»Im Grunde bin ich verantwortungsvoll und erwachsen«, sage ich.
Ali sagt, dass sie das weiß, und ich frage mich, wie es möglich ist, jemanden so total zu lieben und gleichzeitig so vollends zu hassen, weil er mich so ganz sieht.
ein ansonsten ereignisloser Morgen
Der sommerliche Sonnenaufgang war besonders strahlend, eine Explosion aus Pink- und Lilatönen, die so leuchtete, dass jeder, der das Glück hatte, in diesem Augenblick wach zu sein, die Farben in den Zähnen spüren musste. Das dachte wenigstens Shosh, als sie am Pool stand und alles in sich aufnahm. Es war die Art Sonnenaufgang, die große Gedanken über den eigenen Platz in der Geschichte heraufbeschwören konnte, über den Sinn des Ganzen, über Leben und Tod und wieder Leben: die Art Schauspiel, in der eine existenzielle Grüblerin wie sie den ganzen Zeitstrahl des Universums sehen konnte und bei genauerem Hinsehen ihren eigenen, verschwindend geringen Platz in der Ordnung der Dinge erkannte; die Art Sonnenaufgang, die –
»Greta fucking Gerwig, oder nicht?«
Aus ihrer Sonnenaufgangsträumerei gerissen, drehte sich Shosh zu einem Mädchen um, das einen Bikini und eine Miene immerwährender Gleichgültigkeit trug. »Was?«, fragte Shosh.
Das Mädchen hatte in einer Hand ein Telefon und in der anderen ein Bier, das sie mit der gemessenen Autorität einer wahren Sonnenaufgangsbiertrinkerin schlürfte, als wollte sie sagen: Yeah, ich kenn mich aus mit verfickten Aluminiumdosen.
»Lady Bird«, sagte das Mädchen. »Little Women. Ich mein, ich finde Winonas Jo besser als die von Saoirse, aber ganz ehrlich, wir sind eh alle wegen Chalamets Haaren hier.« Sie stieß mit ihrer Dose gegen Shoshs Flasche, als wären die beiden Komplizinnen. »Du stehst doch auf Mumblecore?«
»Ich kenne dich nicht«, sagte Shosh.
»Oh. Ich bin Heather.«
Shosh errechnete die Wahrscheinlichkeit, dass es mehrere Heathers auf dieser Party geben könnte. »Abernathy?«
Das Mädchen lächelte den Pool an. »Jepp.«
Bevor Shosh etwas einfiel, das sie sagen könnte, fing die one and only Heather Abernathy – an deren Pool sie standen und deren Party Shosh nur vor wenigen Momenten noch effektiv ausgeblendet hatte – damit an, das Drehbuch zu pitchen, das sie geschrieben hatte. »Ich mein, ja, es gibt Drachen und Throne, aber es ist eher so, als wäre Wes Anderson in Königsmund einmarschiert. Echt krasser Shit.«
Das Haus der Abernathys (Heather selbst nicht unähnlich) war eine inszenierte Zurschaustellung von Protz: Alles war over-the-top luxuriös, symmetrisch bis zur Unerträglichkeit; der Pool, eine breite Acht, war von unten beleuchtet, es gab einen zweistöckigen Laubengang, einen Gartenpavillon, einen Springbrunnen. Fast alle waren inzwischen nach Hause gegangen, aber es gab noch ein paar Nachzügler in verschiedenen Stadien der Nacktheit, ohnmächtig oder schlafend wie Soldaten, die im letzten noblen Krieg der Welt gefallen waren. Shoshs Schwester, Stevie, hatte sie immer die Drei-Phasen-Hänger genannt … erst cool abhängen, dann öde rumhängen, um am Ende besoffen durchzuhängen.
Shosh lächelte kurz bei der Erinnerung, als sie die Flasche dem Sonnenaufgang entgegenhob – Prost – und den letzten Tropfen Whiskey austrank.
»Ich mein, sieh dich an«, sagte Heather und rubbelte über den Saum von Shoshs Jackenärmel. »Du wärst perfekt dafür.«
»Für was?«
»Die Hauptrolle.« Heather strich den Ärmel von Shoshs durchnässtem Mantel hinauf. »In meinem Film.«
»Ach ja. Die Tagaryen-Tenenbaums.«
»Du bist sogar witzig. Und du passt für die Rolle.« Heathers Blick wanderte über Shosh wie ein eifriger Tourist durch eine fremde Stadt. »Wer kommt damit durch, im August einen Mantel zu tragen?«
Wenn man Kleidungsstile mit Wetterphänomenen verglich, war Shosh Bell Tornado-Chic. Im Moment trug sie ein T-Shirt mit FUCK GUNS, reingesteckt in abgeschnittene High-Waist-Jeans, Schneestiefel von Sperry und ihren liebsten karierten Oversize-Wollmantel von Stella McCartney, den sie letztes Jahr in einem Secondhandshop ergattert hatte, in dem sie völlig ahnungslos gewesen waren, was sie hatten. Wie jeder vernünftige Mensch, der den perfekten Mantel entdeckte, betrachtete Shosh ihn eher als Anhängsel denn als Kleidungsstück. Und als solches trug sie ihn natürlich für die Dauer ihrer Zeit auf Erden am Körper. Wenn man nicht mit seinen Klamotten sagen konnte, wer man war, hatte es nicht viel Sinn, morgens aufzustehen. So sah sie das.
Leider war das gesamte Outfit im Augenblick tropfnass.
»Hab von deiner Schwester gehört«, sagte Heather und drehte sich wieder zum Pool. »Echt Scheiße.«
Shosh hielt die jetzt leere Flasche hoch. »»Gibt’s noch Alk im Haus?«
Heather gab ihr den Rest von ihrem Bier. »Ich mein das ernst mit meinem Film. Wir sollten reden. Gib mir deine Nummer.«
»Ich mach so was eigentlich nicht mehr.«
»Leuten deine Nummer geben?«
»Schauspielen.«
Heather sagte, das sei echt schade, und dann noch, dass sie sich auf Social Media folgen sollten, und dass es wäre, als hätte diese Nacht sie zusammengebracht, aber Shosh hörte nicht mehr zu. Sie hatte einen Vogel gesehen, der direkt in den Sonnenaufgang flog, und es war gar nicht der Vogel an sich, der ihre Aufmerksamkeit so fesselte, sondern der Eindruck des Vogels, die ausgebreiteten Flügel, wie er nicht flatterte, sondern völlig mühelos aufstieg. Die Zeit verlangsamte sich, und der Vogel war wie vervielfachte Schönheit, erhoben zu etwas Unantastbarem. Allein durchs Zusehen fühlte Shosh sich mit ihm erhoben.
»Du weißt, dass Chris die Cops gerufen hat, oder?«, fragte Heather.
»Jepp.«
Als klar war, dass Heather nicht mehr kriegen würde, sagte sie: »Okay, dann viel Glück«, und wandte sich zum Haus.
»Hey«, sagte Shosh.
»Ja?«
Tropfnass und eher Hurrikan als Tornado, sagte Shosh: »Warum glaubst du, dass ich es war?«
»Weiß ich nicht. Aber jetzt bist du ’ne verfickte Legende.«
Erst nachdem Heather drinnen verschwunden war, entdeckte Shosh die kleine Schar Gesichter, die sich hinter dem Erkerfenster zusammengedrängt hatte. Noch vor wenigen Monaten war sie mit diesen Witzfiguren zur Schule gegangen, damals, als ihr Leben ein aufsteigender Stern gewesen war, mit LA am Horizont. Aber dann hatte sie den Abschluss gemacht und ihr Stern war kollabiert, ihr Leben nur noch eine Staubwolke, die ziellos im Raum schwebte. Sie hob eine Hand, als wollte sie der Schar winken, dann drehte sie die Hand in letzter Sekunde um und zeigte ihnen den Mittelfinger.
Als sie auf den Pool zuwankte, konnte sie spüren, wie kaputt sie war. Aber irgendwann stößt man an eine Mauer, oder? Man kommt an einen Punkt, an dem man so kaputt ist, wie man je sein wird, warum also aufhören? Am Rand des Pools sackte sie zusammen, setzte sich hin und ließ die Schneestiefel ins Wasser hängen. Am Horizont stand die Sonne jetzt höher, ein bisschen weniger Regenbogenfeuer, ein bisschen mehr normale, langweilige Sonne.
Der Vogel war weg, und sie empfand die Traurigkeit, die auf das Wegbleiben von flüchtig gekannter Schönheit folgt: »Melancholie«, sagte sie. Traurigkeit hatte nie so schön geklungen.
Sie warf die leere Whiskeyflasche in den Pool, sah sie ein paar Sekunden oben schwimmen, bevor Wasser hineinlief und sie nach unten zog. Im Haus hatte jemand Musik angemacht. Sie schwebte durch ein offenes Fenster und traf sie hier am Pool, ein so perfekt trauriges Lied, dass sie dachte, die Sängerin müsste ihre eigene Melancholie auf einer molekularen Ebene verstehen. Dann übertönten andere Stimmen die Musik, strenge Stimmen in schweren Stiefeln. Sollen sie kommen, dachte sie. Die Cops konnten keine schlimmere Strafe über sie verhängen als die, die das Schicksal ihr schon auferlegt hatte.
Während sie wartete, sah sie die Flasche auf den Grund sinken, wo sie neben dem Vorderreifen von Chris Bonds Chevy Tahoe zu liegen kam, den Shosh nur vor wenigen Momenten – gerade als die Sonne mit ihrer Explosion aus Pink- und Lilatönen begonnen hatte – mit hoher Geschwindigkeit und ohne Umwege in den Swimmingpool der Abernathys gefahren hatte.
»Da unten sieht er besser aus, finden Sie nicht?«, fragte sie den Officer, der sie auf die Füße zog. »So schön beleuchtet von den Unterwasserstrahlern.«
die Gegensätzlichkeit von Will Taft
Ich wache nicht auf, sondern detoniere eher in Zeitlupe.
Was auch immer ich gestern in den ahnungslosen Parksträuchern für einen Donner entfesselt habe, es ist nichts gegen den Blitz in meinem Schädel an diesem Morgen. Langsam – so vorsichtig wie möglich – rutsche ich an die Bettkante, richte mich auf und stelle die Füße auf den Boden. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigt zwölf Uhr mittags. Die Sonne, die durchs Fenster fällt, ist an der Grenze zu streitlustig. Und Mom unten kocht entweder oder baut ein kleines Haus aus Metall, ich kann ehrlich nicht sagen, was von beidem.
O Wodka plus Tonic! Sirene der Nacht, warum quälst du mich so?
Ehrlich gesagt ist das mein erster Kater, und ich muss mich fragen, warum jemals jemand einen zweiten hat. Ich mein – dein erster Kater, okay, was du nicht weißt, weißt du nicht. Aber jeder Kater danach geht auf deine Kappe.
Mein Telefon summt. Ali hat mir einen Text geschickt.
Ali: Guten Morgen! Schon Mittag, hey! Spring aus dem Bett und sing Odelay Die Vögel zwitschern, von Sonne erhellt Eine Auster zum Ausschlürfen ist die Welt Steh auf, steh auf, komm raus und spiel!
Evan:OMGWTF stimmt nicht mit dir
Ali:EVAN, Junge! Lass mich raten – du bist heute Morgen aufgewacht und hast dir direkt gewünscht, du hättest es gelassen.
Evan: Mein Kopf fühlt sich an wie eine wilde Gorillaparty
Ali: Das muss echt witzig sein. Wenigstens will deine Mutter nicht mit dir zu Walmart, um … Warte … SCHULSACHENEINZUKAUFEN
Evan: Non
Ali: Oui
Evan: Kauft bloß genug Tesa
Ali: In ihrem Kopf bleib ich für immer eine Drittklässlerin
Evan: Man denkt immer, dass man genug Tesa hat, und dann ist es alle
Ali: Ich könnte ein Atom spalten, und sie würde mir einen Lolli schenken
Evan: Hey Danke
Ali: ??
Evan: Letzte Nacht war eine Katastrophe Aber meine Haare sind wunderbar frei von Erbrochenem
Ali:
Evan:
Ali: Viel Spaß mit den Gorillas
Evan: Ich sag nur ein Wort: SPARPACKUNG
Das Badezimmer mit einem Siebenjährigen zu teilen heißt, dass man mindestens einmal die Woche das Klo pümpeln muss. Die Verstopfung heute Morgen ist besonders widerständig, und erst als ich endlich spülen kann, finde ich den Post-it-Zettel auf der Ablage. Darauf sind in Wills Handschrift ein einziges Wort – Tschuldigung – und zwei Pfeile gekritzelt: einer zeigt aufs Klo, der andere auf die getrocknete Zahnpasta im Waschbecken.
In gewisser Hinsicht ist mein Bruder ein typischer Siebenjähriger: Er ist geradezu kriminell unordentlich, sein Zimmer eine driftende tektonische Platte aus Spielzeug; wo er auch hingeht, hinterlässt er eine Spur aus Bonbonpapier und rotzigen Taschentüchern; er geht aus dem Haus und lässt die Tür weit offen, lässt in jedem Zimmer das Licht an, vergisst, seine Hausaufgaben zu machen, und vergisst, seine matschigen Schuhe auszuziehen.
Er ist sieben. So ist das eben.
Aber in anderer Hinsicht, die schwieriger zu benennen ist, ist Will ein absolut einzigartiger Mensch. Und vielleicht bringt dieses Badezimmer diese Gegensätzlichkeit mehr auf den Punkt als ein anderer Ort im Haus. Er kann eine Sauerei im Waschbecken und schwimmende Scheiße im Klo hinterlassen, aber er wird ganz sicher auch einen Zettel schreiben und sich für beides entschuldigen. Unser Mülleimer ist üblicherweise voll mit Pflasterhüllen, aber (a) hat er die Pflaster von seinem Taschengeld bezahlt und (b) sind die Pflaster ein selbst benannter Bewältigungsmechanismus, also spüle ich Wogen von schwimmender Scheiße runter und kratze Berge von Zahnpasta aus dem Waschbecken, bevor ich ein Wort der Klage von mir gebe.
Ich putze mir die Zähne, dusche kurz, und als ich unten bin, kippt Mom die Überbleibsel von etwas, das man großzügig als »Frühstück« bezeichnen könnte, in den Müll und murmelt leise vor sich hin. »Ich bin einfach gierig geworden. Letzte Woche waren diese Waffeln der Hit, und das ist mir zu Kopf gestiegen.«
Abgesehen von Mary Tafts Basisprogramm – Tacoauflauf und Spaghetti mit scharfen Fleischklößchen – ist Mom bekanntermaßen eine schlechte Köchin, obwohl es sie nicht davon abzuhalten scheint, es immer wieder zu versuchen. Behutsam nehme ich ihr die Pfanne aus der Hand, stelle sie auf die Arbeitsplatte und umarme sie.
»Hi Mom.«
Es ist merkwürdig, größer zu sein als die Person, die mich buchstäblich gemacht hat. Ich weiß nicht, wann das passiert ist, und es kommt mir nicht richtig vor, aber hier stehe ich und spüre den Atem meiner Mutter an der Schulter, als ihr Körper in meinen Armen zusammensackt. Das Verb umarmen scheint grundsätzlich einsam zu sein: Man kann jemanden umarmen, ohne dass er dich zurückumarmt. Aber das Substantiv Umarmung impliziert beidseitige Beteiligung.
Sie atmet ein –
Ich fühle ihre Arme auf meinem Rücken und wie sich langsam das Verb in ein Substantiv verwandelt.
»Alles okay?«, flüstere ich.
Sie nickt, löst sich aus meiner Umarmung, wischt sich über die Augen. Nach unserem Gespräch vor zwei Nächten hätte ich nicht gedacht, dass wir noch Tränen übrig haben, aber ich hab mich geirrt.
»Ich wollte Frühstück machen.« Sie zeigt auf den Mülleimer.
»Okay.«
»Ich weiß, dass du spät nach Hause gekommen bist. Ich dachte, es wäre nett.«
Ich zucke mit den Schultern. »Frühstück wird überbewertet.«
Sie macht den Kühlschrank auf und starrt ausdruckslos hinein. »Wie war die Party?«
Ich denke über die Vielfalt an Vergleichen nach, mit denen ich einen Eindruck meiner extrem beschissenen Nacht vermitteln könnte: So schrecklich wie Käsestaub an den Fingern? So schrecklich wie ein Vorwort zu einem Facebook-Post? Wenn anrufen, obwohl man texten kann, eine Party wäre, dann wäre das mein gestriger Abend.
Stattdessen antworte ich mit dem einzigen Positiven, das mir einfällt: »Ali war da.«
»Gut«, sagt Mom, und auch wenn es klingt wie nur so dahingesagt, weiß ich, dass sie es versteht. Ali ist die Art Freundin, die auch eine Antwort ist.
Ich setze mich an die Küchentheke, während Mom Sandwiches macht. Sie fragt nach der Bewerbung bei Headlands, ob ich gut mit dem Aufsatz vorankomme, was nicht so ist, also lenke ich ab. Ich schlage vor, dass sie angesichts der Umstände ihren Zweitjob kündigt, aber das will sie nicht, also lenkt sie ab. Als klar ist, dass keiner von uns nachgeben wird, sagt sie: »Ich kann nicht glauben, dass mein Baby mit dem letzten Schuljahr anfängt«, und ich staune über diese offensichtliche Epidemie von Erwachsenen, die nicht damit klarkommen, wie die Zeit vergeht.
»Rate mal, wo Ali grade ist«, sage ich.
»Wo?«
»Bei Walmart. Ihre Mutter geht mit ihr fürs nächste Schuljahr einkaufen.«
Mom lächelt kurz, und dann: »Oh, Scheiße! Scheiße!«
»Was ist?«
In Sekundenschnelle ändert sich ihre Miene, und sie greift sich mit beiden Händen in die Haare. »Ich hab die Schulsachen vergessen. Die haben mir die Liste geschickt, und ich – verdammt – ich muss in einer Stunde bei der Arbeit sein –«
»Ich kann mit ihm gehen.«
»– heute war mein einziger freier Vormittag diese Woche –«
»Mom. Ich kann mit ihm gehen.«
Sie lässt die Hände sinken und neigt den Kopf. »Echt?«
»Wir machen das heute. Kein Problem.«
Sie beugt sich über die Küchentheke, legt mir eine Hand an die Wange und macht ein Gesicht, als hätten ihre Tränen schon mal durchgeklingelt, dass sie auf dem Weg sind.
»Es ist kein Problem, Mom.«
»Du solltest nicht so zuverlässig sein müssen.«
»Okay.«
»Aber ich bin froh, dass du es bist.«
»Mom? Ich hab sonst absolut nichts zu tun.«
»Danke.«
»Ist er in seinem Zimmer?«
»Ist heute Morgen in seinem Raumschiff verschwunden«, sagt sie. »Hat die Frühstücksflocken mitgenommen. Ich hab ihn seitdem nicht gesehen.«
»Zieh du dich für die Arbeit um. Ich räum hier auf und geh mit ihm einkaufen.«
Nach einer weiteren kompletten Runde Umarmungen und Dankes und Was-wäre-ich-ohne-dichs, geht Mom in ihr Zimmer. Allein in der Küche, texte ich Ali, ob sie noch bei Walmart ist.
Ali:OMG ja
Mom lässt mich hier nicht raus, bis sie mir ein schönes, vernünftiges Notizbuch besorgt hat. Aus PAPIERWTF und FMLWTFML
Evan: Hol schon mal Tesa für uns mit, wir sind auf dem Weg!
Wegen solcher Vormittage habe ich Zweifel am Auslandsaufenthalt bei Headlands. Von der Bewerbung und dem Geld mal ganz abgesehen, kann ich ja nicht jedes Mal, wenn Mom eine Schicht vergisst oder sich doppelt verabredet, von Südost-Alaska nach Iverton, Illinois, fliegen. Eins hab ich gelernt, seit Dad weg ist: Wenn man alleinerziehend ist, verdoppeln sich die Pflichten nicht einfach, sie werden exponentiell vervielfacht. Es ist nicht wichtig, dass ich schon seit Jahren nach dem Headlands-Programm schiele, dass ich von der Idee des Nordens besessen bin, seit ich denken kann, und dass ich jedes Mal, wenn ich ein Foto von schneebedeckten Bergen sehe, den unaufhaltsamen Drang verspüre, sie auf alles zu zeichnen, was ich besitze. Es ist auch nicht wichtig, dass Dad angeboten hat, die Hälfte dazuzugeben, wenn ich genommen werde. Ein abwesender Dad, der alles bezahlt, ist wie ein Mathematiker, der eine Tomate züchtet: Tomaten sind cool, aber wie wär’s, wenn du einfach mal nach dem scheiß x auflöst? Egal, wie unzureichend unsere finanzielle Situation ist (und sie ist sehr unzureichend), kein Geld der Welt löst das Problem, das er geschaffen hat, indem er nicht hier ist.
Auftritt: das Headlands-Dilemma. Selbst wenn sie mich nehmen – und selbst wenn ich Anspruch auf die höchste finanzielle Beihilfe habe –, kann ich mir keine Welt vorstellen, in der ich nächstes Frühjahr nach Glacier Bay, Alaska, aufbreche, und Mom sechs ganze Monate mit Will allein lasse.
Und das war schon vor der Bombe vor zwei Nächten so.
Ich räume den Sandwichkram weg, wische Krümel von der Küchentheke, und als ich den Mülleimerdeckel aufklappe, begrüßen mich die Reste von Moms Frühstücksversuch wie ein schwerfälliges Krustentier. Unser Haus ist klein; ich kann sie jetzt in ihrem Zimmer hören, laute Musik, Schubladen, die auf- und zugemacht werden, als sie sich für einen Job fertig macht, den sie nicht behalten müssen sollte. Und mir kommt der Gedanke, dass das Kochen, die laute Musik, der zweite Job – alles das – super Möglichkeiten sind, um die dunkleren Ecken des Geists zu meiden.
Auf halbem Weg nach oben wird mir klar, dass das Lied aus ihrem Zimmer das ist, das ich auch letzte Nacht im Park gehört habe.
Im Park, wo ich gekotzt habe, weil ich zu viel getrunken habe auf einer Party, auf die ich gar nicht gehen wollte.
Vielleicht ist Mom nicht die Einzige, die dunkle Ecken meidet.
nicht passende gleiche Namen
»Es riecht hier wie ein heißer Schuh. Wie dieser Sommerfußgeruch, wissen Sie? Man zieht die Socken aus und …« Shosh machte leise Pfff und spreizte explosionsartig die Finger einer Hand – um zu demonstrieren, wie eine Wolke widerlichen Geruchs in die Luft abgelassen wird –, während sie mit der anderen Hand das Telefon auf einem Knie abstützte. »Letztes Mal hatte ich wenigstens einen Verhörraum für mich. Sie sollten dieses Wartezimmer mal sehen, es ist ein Drecksloch.«
»Aber du bist nicht verhaftet?«, fragte Ms Clark.
»Nein«, seufzte Shosh. »Nur vorläufig festgenommen.«
Abgesehen vom Geruch war ihr Hauptkritikpunkt am Polizeirevier Iverton das Sitzproblem: Das Lederpolster klebte an ihren Beinen und klang jedes Mal, wenn sie sich bewegte, wie ein gedämpfter Furz, und obwohl sie völlig unschuldig war, konnte sie kaum dem Stuhl die Schuld geben, da sie das in den Augen des Raums nur schuldiger gemacht hätte.
Und wie die sich umsahen!
Auf dem Handydisplay half Ms Clark ihrem Sohn – einem süßen Dreijährigen namens Charlie –, am Rand einer Schüssel ein Ei aufzuschlagen. »Aber es geht dir gut? Abgesehen vom heißen Schuh?«
»Mir geht es gut. Abgesehen vom heißen Schuh.«
Es gab kein Wort für das, was Ms Clark für Shosh war. Als sie am ersten Tag des Theaterkurses in der neunten Klasse in den Klassenraum gekommen war und ihre Lehrerin in Baum-Position auf einem Stuhl gestanden und wie ein bizarrer Benediktinermönch immer wieder das Wort Balance gechantet hatte, war sofort klar gewesen, dass Ms Clark keine typische Lehrerin war. Und ob es nun an Shoshs Talent, ihrer Leidenschaft oder etwas völlig anderem gelegen hatte, Ms Clark hatte sie für die Dauer der Highschool unter ihre schwanenartigen Fittiche genommen.
Ein Teil von Shosh war immer noch dort.
»Ich habe schon eine ganze Weile kein Gedicht mehr gesehen«, sagte Ms Clark.
Shosh zog eine Augenbraue hoch, dann drehte sie das Telefon langsam einmal um 360 Grad. »Ja, ich war ein bisschen beschäftigt. Oder vielleicht haben Sie nichts davon gehört.«
»Frost sagt, Poesie ist ein Weg, das Leben an der Gurgel zu packen.«
»Kennen Sie den über den Jedi-Dichter?«
Ms Clark blickte sie über die Rührschüssel hinweg an. »Mögen Metaphern mit dir sein?«
»Das war wohl ein Ja.«
»Shosh –«
»Okay. Ich poste noch eins. Gott, es sind nicht mal richtige Gedichte, nur sinnlose kleine –«
»Alles, was du machst, ist ein Teil von dir. Das ist heilig, okay? Während die Massen vielleicht klein machen, was –«
»Müssen wir groß sein. Schon verstanden.«
Als Schülerin war Shoshs Leben das Theater gewesen. Wie passend also, dass das meiste, was sie im Theater gelernt hatte, auf das Leben anwendbar war, Lektionen, die ihre Ex-Lehrerin fest entschlossen von ihrer Küche auf der anderen Seite der Stadt aus weiterzuführen gedachte. »Du wirst schon genügend Kritiker haben, ohne dich selbst dazuzunehmen«, sagte Ms Clark. »Aber Kritiker sind keine Schöpfer. Sie können dem nichts anhaben, nicht wirklich.« Dann, zu Charlie: »Noch nicht, Schatz, der Teig ist noch roh.«
Verwirrt und betrogen sagte Charlie: »Du haß geßag ich Kekße.«
Wäre Niedlichkeit ein Buffet, wäre der Teller des kleinen Charlie voll beladen. Allein mit den Bäckchen und dem Lispeln war der Junge eine Bedrohung für die Gesellschaft.
»Was machst du für Kekse, Chuck?«, fragte Shosh.
Charlie schob sein Gesicht direkt vor das Telefon. »Blaubeerplätßchen!« Und Shosh wäre am liebsten mit dem Display verschmolzen, um Teil dieser winzigen, wunderschönen Familie zu sein.
»Et voilà!«, sagte Ms Clark, als sie das Blech in den Ofen schob, und Charlie, eine Mehlwolke hinter sich herziehend, aus dem Raum verschwand.
»Hör zu –« Ms Clark zog das Telefon an einen anderen Platz in der Küche um. »Du hast genug Leute in deinem Leben, die dich darauf hinweisen, wenn du Mist baust. Also werde ich einfach nur für dich da sein. Aber denk nicht, dass das heißt, ich würde dein Verhalten befürworten oder dich nicht bitten, dich zusammenzureißen, Shosh. Apropos, ich stehe immer noch in Kontakt zur Zulassungsstelle der USC –«
»Nein, danke. Ich hab doch gesagt, dass ich damit durch bin.«
Ms Clark seufzte, und es machte Shosh fertig, wenn sie daran dachte, wie viel Zeit ihre Lehrerin in eine Zukunft investiert hatte, die jetzt nicht mehr existierte. Briefe geschrieben, Anrufe gemacht, Beziehungen gepflegt, alles für Shosh – alles für nichts. Manchmal fragte Shosh sich, ob ihre Entscheidung, die USC aufzugeben, Ms Clark mehr wehtat als ihr selbst.
»Eine Sache über sie?«, sagte Ms Clark.
Sie wussten beide nicht mehr, wann es angefangen hatte, aber ihre Gespräche endeten immer damit, dass Shosh eine konkrete Erinnerung an ihre Schwester teilte.
»Sie hat mir meinen Namen gegeben«, sagte Shosh.
»Das wusste ich gar nicht.«
»Ich bin ohne Namen aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen. Mom und Dad konnten sich nicht einigen, wie sie mich nennen wollten, und nach ein oder zwei Tagen nannte Stevie mich Shosh. Sie war zwei, konnte nicht grade komplette Sätze aneinanderreihen. Als sie sie fragten, woher sie den Namen hatte, sagte sie, sie hätte ihn geträumt.«
Eine Sekunde Schweigen, als Ms Clarks piniengrüne Augen feucht wurden, und grade als sie den Mund aufmachte, um etwas zu sagen –
»Stevie Bell?«
Shosh rutschte das Telefon aus der Hand – »Shit.« Sie bückte sich, hob es auf und sah hoch zu einem Polizisten, der sie mürrisch ansah.
»Sind Sie Shosh Bell?«, fragte der Polizist.
Zu Lebzeiten waren Stevie und Shosh oft miteinander verwechselt worden. Seit Stevies Tod schien diese Verwechslung in Shoshs Gehirn eingesickert zu sein: Nicht zum ersten Mal hörte sie den Namen ihrer Schwester, wenn jemand ihren sagte.
»Ja«, sagte sie. »Ich bin Shosh Bell.«
»Die JGH ist hier. Und Ihre Mutter.«
Auf dem Display fragte eine besorgte Ms Clark: »Was ist die JGH?«
»Jugendgerichtshilfe«, sagte Shosh und fragte sich, wann sie die Abkürzungen gelernt hatte. »Ich muss los. Ich schreib Ihnen.«
Shosh folgte dem Cop zur Rezeption vorne, wo zwei Frauen mit Gesichtern wie Schatten warteten: die Sozialarbeiterin Audrey (oder Aubrey, sie wusste nicht mehr, welches von beidem) und die einzig wahre Lana Bell.
Shosh sah die Sozialarbeiterin an. »Hallo … Aubrey?«
»Ich heiße Audrey.«
»Hmm, und was ist, wenn nicht?«
Audrey fand es nicht witzig.
Shosh wandte sich an ihre Mutter. »Und … Sie sind?«
An dem Tag, bevor ihre Schwester gestorben war, hatte Shosh mit glasigem Blick in einen Gang im Supermarkt gestarrt. »Alles sieht gleich aus.«
»Die Illusion der Vielfalt«, sagte Stevie. »Egal, wie viele Wahlmöglichkeiten wir zu haben glauben, es sind nur Variationen derselben Nutzpflanze.« Sie nahm eine Schachtel Knuspermüsli vom Regal und las die Inhaltsstoffe auf der Rückseite. »Mais.«
»Was, wirklich?«
Stevie warf die Schachtel in den Einkaufswagen und hob mit schlaffer Bravour den Arm wie ein Zirkusdirektor, der durch brennende Reifen springende Löwen präsentierte. »Mais! So weit das Auge reicht.«
»Woher weißt du so was?«
Leiser, als wäre die Behauptung rechtmäßiger, je niedriger die Lautstärke: »Ich hab einen Dokumentarfilm gesehen.«
Stevie und Shosh Bell waren zwei Jahre auseinander und absolut unzertrennlich. Von den Fußballplätzen ihrer Jugend, wo Stevie über ihr Alter gelogen hatte, um in Shoshs jüngerem Team spielen zu dürfen, bis zu jedem Schulball seit der Mittelstufe, an dem sie stolz als das Date der jeweils anderen teilgenommen hatten, waren sie nur im Paket zu haben, und jeder wusste das. Wo die eine hinging, ging auch die andere hin – auch, um mal eben was einzukaufen.
»Was ist das?« Stevie holte ein mit rotem Wachs umhülltes Stück Käse aus ihrem Einkaufswagen.
»Was ist was?«, fragte Shosh.
Sie waren eine Viertelstunde lang die Gänge auf und ab gelaufen, hatten Artikel in den Wagen geworfen und auf der Liste abgehakt und versucht (und nicht geschafft), nicht an Mais zu denken, und wie Mais transportiert, verändert und in buchstäblich alles umgemodelt worden war, was jeder überall zu sich nahm, und als sie zur Käseabteilung kamen, war es, als hätten sie wankend eine maisverseuchte Wüste durchquert, nur um in einer vernünftigen, nährstoffreichen Oase zu landen.
»Das.« Stevie hielt das Käsestück hoch wie ein Staatsanwalt, der belastendes Beweismaterial präsentiert. »Was ist das?«
»Gouda.«
»Äh. Nein.«
Shosh hielt die Liste hoch. »Du hast es selbst aufgeschrieben. Siehst du?«
»Ich meinte, nein, das ist kein Gouda.«
Shosh nahm ihrer Schwester den Käse aus der Hand. »Da steht wortwörtlich Gouda auf dem Etikett.«
»Der ist weich.« Stevie nahm ein anderes Stück aus der Auslage und las aufmerksam das Etikett. »Gouda ist nicht weich.«
»Ich hab ganz vergessen, dass du Käseexpertin bist.«
»In einem früheren Leben war ich vielleicht ein fromager.«
Shosh sah sich im Laden um, als könnte jemand in der Nähe erklären helfen, was zur Hölle gerade passierte. »Es kommt mir vor wie ein Traum –«
»Ein Käser, wenn man so will.«
»– wo nichts ist, wie es scheint.«
»Wobei fromager den zusätzlichen lautmalerischen Reiz hat.«
Shosh kniff die Augen zusammen. »Ich bin mir nicht sicher, ob du das einfach so mit einem Wort machen kannst. Jedenfalls fährst du morgen zurück an die Uni. Dir kann egal sein, was für Käse wir essen.«
Stevie nahm Shosh den Käse aus der Hand. »Wir legen den einfach zurück für einen anderen armen Trottel.«
»Vielleicht mag ich weichen Gouda.«
»Erstens tust du das nicht, auch wenn du das glaubst.« Stevie betrachtete mit leuchtenden Augen die aufgestapelten Käsestücke, als würde sie einen Ehering oder ein Luxusauto aussuchen. »Und zweitens ist mir meine Familie wichtig genug, dass ich sie keinen Käse essen lasse, der kein Käse ist.«
»Ehrlich, du würdest dich sogar hinstellen, um flachgelegt zu werden.«
»Der da.« Stevie nahm ein längliches Stück von etwas unter einem Schild ENTDECKE DIE NIEDERLANDE. »Tausend Tage höhlengereift.«
»Warum musst du so schnell wieder zurück?«
»Fühl mal. Siehst du?«
»Es ist Sommer, Stevie. Die Zeit des Sommers.«
»So sollte Gouda sich anfühlen.«
»Wir sind jung und unwiderstehlich, und es ist Sommer.«
»Perfekte Kristallbildung.«
»Weißt du, was du machen solltest? Die Sommerkurse absagen. Häng stattdessen mit mir ab. Lass uns zusammen jung und unwiderstehlich sein, jetzt, im Sommer.«
»Steinhart. Ein reifer, nussiger Geschmack, der dir im Mund zergeht. Und weißt du, was die Geheimzutat ist?«
»Kaum verhüllte sexuelle Anspielungen?«
Mit mehr Ehrerbietung als nötig legte Stevie den Gouda in den Einkaufswagen. Sie drehte sich zu ihrer Schwester um und legte ihr die Hände auf die Schultern, und abgesehen von den Haaren – Stevies blätterbraunen Locken, Shoshs Explosion von dunklen Wellen mit geradem Pony – waren ihre Gesichter wie Spiegel.
»Zeit, Schwester.«
Shosh grub tief und fand eine einzige Wahrheit: »Fahr nicht.«
»Du weißt, dass ich nichts lieber tun würde, als den Sommer mit dir zu verbringen. Aber Sommerkurse belegen heißt, früher Examen zu machen. Und das heißt, dass ich schneller zu dir nach LA kommen kann. Okay?«
Im nächsten Gang legte Shosh ein Glas Käsedip in den Einkaufswagen, und Stevie nannte sie eine Barbarin, und so bewiesen sie den ersten Grundsatz des schönen Lebens: Es ist nur schön, solange es einem nicht bewusst ist.
Am folgenden Tag belud Stevie ihren Prius mit frisch gewaschenen Klamotten und einer Auflaufform mit der Lasagne ihrer Mutter, und als sich die Schwestern umarmten, sagten sie »Hab dich lieb«, und das war’s. Es war nicht nötig, sich zu verabschieden; natürlich würden sie am Abend telefonieren …
Dem Polizeibericht zufolge – den ihre Eltern bekommen hatten und den Shosh ins Bad geschmuggelt, abfotografiert und danach auswendig gelernt hatte – hieß der Mann Phil Lessing. Nachdem er an diesem Tag gefeuert worden war, hatte Phil Lessing beschlossen, dass die beste Vorgehensweise wäre, sich in der örtlichen Kneipe zu besaufen. Dort spann er sich einen traurigen kleinen Kokon, bis er, bereit, als ausgewachsenes Risiko zu schlüpfen, seine Schlüssel nahm, auf den Parkplatz wankte und sich hinter das Steuer seines für die Ewigkeit gebauten Ford F-150 setzte.
Shosh konnte nie sagen, ob die Details halfen oder wehtaten. Wollte sie wissen, dass der F-150 den Werbespruch bewiesen und keinen einzigen Kratzer hatte, während Stevies Prius auf dem Mittelstreifen lag wie zusammengeknüllte Alufolie? Wollte sie wissen, dass die Achtziger-Retro-Armbanduhr mit Klettverschluss ihrer Schwester gute fünfzehn Meter vom Unfallort weg gelandet war? Wollte sie wissen, dass die Ersthelfer das Blut nicht gleich von der Soße aus der zerborstenen Lasagneform unterscheiden konnten?
Ohne ihre Schwester verwandelte sich Shosh in etwas ohne Ziel. Wie einer dieser biolumineszenten Ringelwürmer, die über die pechschwarze Finsternis des Meeresgrunds trieben: Wenn es im Leben einen Sinn gab, konnte sie ihn nicht spüren; wenn es eine Richtung gab, konnte sie sie nicht sehen; ihre Schwester war ihr natürliches Habitat gewesen, und als man ihr das weggenommen hatte, war sie gezwungen gewesen, sich ein neues zu erschaffen. Und so spann sie sich ihren eigenen traurigen Kokon. Ihr Vater hatte eine ganz ordentliche Whiskeysammlung im Keller. Als Tiefkühltruhe diente ihnen eine Eiche, in der Wodkaflaschen gestapelt waren wie Eicheln im Winter. Sie war weit davon entfernt, die einzige Trinkerin in der Familie zu sein; diese medizinischen Verstecke wurden immer wieder aufgefüllt, und wenn ihre Eltern ihr Fragen stellen wollten, müssten sie sich auch selbst Fragen stellen.
Sie konnte immer noch Stevies Hände auf ihren Schultern fühlen und wie sie sich gegenseitig im Blick der anderen verloren hatten. »Zeit, Schwester.«
Höhlen, Kokons, Kristallbildung: Zeit veränderte Dinge auf molekularer Ebene. Vielleicht brauchte Shosh nur einen Ort, wo sie tausend Tage verbringen könnte, um dann wie ein holländischer Gouda oder ein Vogelfalter-Schmetterling als etwas außergewöhnliches Neues zu schlüpfen.
Vielleicht würde es auch reichen, wieder ganz zu sein.
Shosh lehnte den Kopf ans Beifahrerfenster des Autos ihrer Mutter. Ihre Haare waren noch nicht ganz getrocknet nach ihrem morgendlichen Tauchgang im Pool der Abernathys; ihre Kleider und der Mantel rochen noch nach Chlor. Vor dem Fenster zog Ivertons Innenstadt verschwommen vorbei, und sie stellte sich eine andere Version ihres Lebens vor, in der sie in einer Hütte im Gebirge wohnte, am Wasser und unter Schnee, in Finnland oder Norwegen vielleicht, irgendwo, wo es kalt war.
Das Radio war an. Dasselbe traurige Lied, das sie heute Morgen am Pool gehört hatte.
»Ich hab diesmal einen anderen Weg genommen«, sagte ihre Mom. »Hab durch die Pasadena Street abgekürzt und fünf Minuten gespart. Witzig, oder?«
»Was ist witzig?«
»Ich kenne die schnellste Route von uns zum Polizeirevier. Ist doch zum Totlachen.«
Wenn Shosh Tornado-Chic trug, dann war es kein Geheimnis, von wem sie den Tornado geerbt hatte: Lana Bell war schon immer ein bisschen unordentlich gewesen, neigte dazu, Sachen liegen zu lassen, und vergaß auch mal ein paar Tage zu duschen. Aber sie war Lehrerin für die erste Klasse, und die Masche hatte immer funktioniert. Ihr Klassenraum war genau die Villa Kunterbunt, die man sich für einen Erstklässler wünschte. Nur hatten sich seit Stevies Tod die fröhlichen Farben zu einer Art hohläugiger Unberechenbarkeit verdüstert, die die Leute veranlasste, die Straßenseite zu wechseln.
Aber die Bells waren jetzt auch eine Familie von Schatten.
Menschlicher Negativraum.
»Ich weiß nicht, was ich mit dir machen soll«, sagte die Schatten-Mutter.
Die Stirn an der Scheibe, betrachtete Shosh einen Vogel hoch am Himmel.
»Kannst du mir sagen, warum du den Pick-up dieses Jungen in den Pool deiner Freundin gefahren hast?«
»Sie ist nicht meine Freundin«, sagte Shosh und versuchte zu bestimmen, ob es dieselbe Art Vogel war wie der, den sie bei Sonnenaufgang gesehen hatte.
»Hast du eine Ahnung, wie schlimm das hätte ausgehen können? Wenn jemand verletzt worden wäre oder jemand mit dir im Auto gesessen hätte? Aubrey sagt, wir haben Glück, dass sie keine Anzeige erstatten –«
»Audrey.«
»Das ist doch jetzt egal! Der Schadenersatz wird von deinem Konto abgezogen, darauf kannst du Gift nehmen. Ich weiß nicht mal – wir müssen alle damit umgehen, weißt du? Nicht nur du, Sho, wir leiden alle, verdammt, und ich kann einfach nicht – warum tust du so etwas?«
Nein. Definitiv nicht dieselbe Art Vogel.
»Ich will in Norwegen wohnen«, sagte Shosh leise.
Eine Pause, dann: »Bist du betrunken?«
Shosh sagte Ja, höchstwahrscheinlich war sie das, und als die Schatten-Mutter fluchte, beobachtete die minderjährige Straftäterin Vögel, und so war jetzt ihr Leben, kein logischer Plan, sondern ein groteskes Aufeinandertreffen von Wesen, die Dinge taten. Du hast Blut an den Händen, ein Vogel wär besser, sang die offenbar allwissende Stimme im Radio, und es hatte keine Bedeutung, ob sie jetzt, später oder jemals wieder nüchtern war. Wie sollte es? Wie sollte irgendetwas Bedeutung haben, wenn sie sich nie verabschiedet hatte?
Diese Worte, die niemand wollte, aber jeder brauchte. Diese Worte, die offensichtlich wehtaten, wenn man sie aussprach, aber sie kannte die Wahrheit: Man glaubt nur, dass es schmerzhaft ist, sich zu verabschieden, wenn man sich verabschieden konnte.
An diesem Abend, als die Bells Take-out vor dem Fernseher aßen, fragte Lana Bell Jared Bell, ob sie am nächsten Wochenende die Autos tauschen könnten. »Ich hab diese Lehrerkonferenz in Milwaukee«, sagte sie, und Shoshs Dad war ohne ein weiteres Wort einverstanden.
»Ist was mit deinem Auto?«, fragte Shosh ihre Mom.
»Das Soundsystem geht schon seit Monaten nicht. Auf keinen Fall mach ich diese Fahrt in Stille.«
Später in der Nacht lag Shosh wach im Bett und starrte auf die rotierenden Flügel ihres Deckenventilators. Und während sie sich fliegende Singvögel und norwegische Schneewehen vorstellte, summte sie die Melodie des Lieds, das ihr den ganzen Tag gefolgt war, des Lieds, das sich jetzt wie eine warme Decke um sie legte. Des Lieds, von dem sie langsam dachte, es könnte vielleicht nur in ihrem Kopf existieren.
1832
Sie kam aus dem Norden mit einem Lied im Herzen und Blut an den Händen. Ersteres war ein stetes Raunen von Rachegelüsten, Letzteres der Beweis für Sünden, die in ihrem Namen begangen wurden.
Überall um sie herum drängelten sich Träger und Kutscher und riefen in verstümmelten Sprachen um die Wette. Indem sie andere Leute in ihrer Nähe beobachtete, begriff sie, dass die Männer nach Gepäck und Pässen fragten. Sølvi streckte die leeren Hände aus. »Paris«, sagte sie, dieser große Traum von einem Wort ihr einziger Besitz.
Ein Kutscher schüttelte den Kopf und zeigte auf den Boden – »Le Havre« – und dann auf einen vagen Punkt am Horizont. »Paris.«
Erschöpft und mittellos wandte sich Sølvi dem endlosen Ozean zu, der Hafen brummte vor Leuten, die an und von Bord riesiger Schiffe gingen. Sie stand im Schatten des Schiffs, das sie hergebracht hatte – sein unaufhörliches Schaukeln würde sie wohl jahrelang im Schlaf verfolgen –, machte den Mund auf und hüllte den kalten Aufruhr um sie herum in die warme Decke eines Lieds.
Étienne fragte sich oft, ob er allein war, weil er malte, oder ob er malte, weil er allein war. Tant pis, dachte er. Je peins parce que je peins.
Ich male, weil ich male.
An Vormittagen traf man ihn in den Galerien des Louvre an, wo er mit anderen Studenten an Kopien arbeitete. Étienne wohnte in einer gemütlichen Zweizimmerwohnung in der Nähe der Sorbonne, die seine verstorbenen Eltern ihm hinterlassen hatten. Wo er einst Vergnügen am Leben gefunden hatte – Mittagessen im Jardin des Tuileries, Spaziergänge bei Sonnenuntergang über den Pont Neuf –, war er in letzter Zeit einem sich verstärkenden Gefühl von Ziellosigkeit erlegen. Er brachte selbst für das mittelmäßigste Kunstwerk deutlich mehr Interesse auf als für jeden Menschen, den er kannte; er war von allen gelangweilt. Und wenn du von allen gelangweilt bist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch alle von dir gelangweilt sind.
Mit leerem Magen war Langeweile nicht möglich. Nachdem Sølvi sich hinten auf einer Postkutsche nach Paris geschmuggelt hatte, hatte sie nur ein paar Tage gebraucht, um herauszufinden, dass derjenige, den zu töten sie gekommen war – der Blödarsch von ihrem Vater –, schon seit Jahren nicht mehr lebte.
Sie sprach kein Französisch, hatte kein Geld, aber lernte schnell. Bald sang sie auf der Straße, bekam heraus, welche Cafés ihre Anwesenheit duldeten und in welchen Hotels jene abstiegen, die ihr vielleicht eine Münze zuwerfen würden. Nachts kauerte sie zwischen Ratten und Landstreichern, aber tagsüber sang sie. Ihr Lied handelte nicht mehr von Rache, sondern vom Norden, von kalten und vertrauten Orten, von im Himmel tanzenden Lichtern, und obwohl niemand den Text verstand, bewegten ihre Lieder die Herzen von allen, die sie hörten.
Eines Nachts ziemlich spät ertappte sich Sølvi dabei, wie sie einem Vogel auf eine Brücke folgte. Ein Vogel des Nordens, wie sie selbst, dachte sie, der sich in der Kälte wohlfühlte. Vorsichtig, um das Tier nicht zu erschrecken, sprang sie neben ihm auf das Geländer und dachte nicht einmal an die Höhe oder die eiskalte Seine unten. »Hej«, flüsterte sie und streckte die Hand aus, und sie war sich nicht sicher, ob sie da anfing zu singen oder die ganze Zeit schon gesungen hatte. Es war ein Lied, das keinem anderen glich, ein Vogellied, ein wildes Lied, als gäbe es viele Sølvis, die mehrstimmig sangen.
So saßen sie da, Vogel und Frau, Muse und Schöpferin, und ihre Stimmen hallten über den Fluss, bis –
»Aimez-vous aussi les oiseaux?«
Er hatte sie nicht erschrecken wollen. Zuerst von ihrer Stimme, dann von ihrem Anblick angezogen – wie sie dort auf dem Geländer hockte, die zerrissenen Kleider, das weißblonde Haar vom Wind gepeitscht – war Étienne zum ersten Mal in jüngster Zeit völlig geblendet.
