Ice - Hüter des Nordens - Sarah Beth Durst - E-Book
Beschreibung

Die junge Cassie lebt mit ihrem Vater auf einer Forschungsstation in der Arktis. Ihre Mutter ist angeblich bei ihrer Geburt gestorben, doch Cassie wächst mit rätselhaften Geschichten über ihren Tod auf. Kurz vor Cassies achtzehntem Geburtstag kommt es zu einer merkwürdigen Begebenheit: Cassie trifft auf einen Eisbären, der zu ihr spricht und ihr berichtet, dass die alten Legenden wahr sind. Ihre Mutter ist noch am Leben und wird in der Festung der Trolle gefangen gehalten. Doch um sie zu befreien, muss Cassie den Eisbären heiraten, der sich des Nachts in einen Menschen verwandelt. Zwischen Cassie und dem magischen Wesen entwickelt sich eine zarte Liebe, die jedoch von einem geheimnisvollen Fluch bedroht wird ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:398


Inhalt

Titel

Widmung

Prolog

Erster Teil - Das Land der Mitternachtssonne

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Zweiter Teil - Östlich der Sonne und westlich des Mondes

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Kapitel Zweiundzwanzig

Kapitel Dreiundzwanzig

Kapitel Vierundzwanzig

Kapitel Fünfundzwanzig

Kapitel Sechsundzwanzig

Dritter Teil - Auf dem Rücken des Nordwinds

Kapitel Siebenundzwanzig

Kapitel Achtundzwanzig

Kapitel Neunundzwanzig

Kapitel Dreißig

Kapitel Einunddreißig

Danksagungen

Impressum

Roman

Ins Deutsche übertragen vonKatrin Harlaß

Für Adam, meinen Ehemann,

in Liebe.

Für dich würde ich bis in das Land östlich der Sonne

und westlich des Mondes gehen

Prolog

Die Tochter des Nordwinds

»Es war einmal vor langer, langer Zeit, da sagte der Nordwind zum König der Eisbären: ›Stehle mir eine Tochter, und wenn sie herangewachsen ist, soll sie deine Braut sein.‹«

Cassie, vier Jahre alt, klammerte sich fest an ihre Bettdecke und blickte unverwandt auf ihre Großmutter. Die saß steif auf der äußersten Kante von Cassies Bett und erinnerte, hochgewachsen und aufrecht, in ihrer linken Hand einen Gehstock aus Mahagoni, an einen Armeegeneral. Dad war heute Abend nicht da. Er hatte außerhalb der Station zu tun. Das bedeutete, Cassie würde die Geschichte hören. Gram erzählte sie niemals, wenn er zu Hause war. Und es war die einzige Geschichte, die sie überhaupt je erzählte.

»Und so kam es, dass der König der Eisbären ein Menschenkind entführte und es dem Nordwind brachte. Von da an lebte es bei ihm. Der Nordwind war sein Vater, und der Westwind, der Südwind und der Ostwind waren seine Onkel. Es wuchs zu einer wunderschönen, aber sehr einsamen jungen Frau heran. Eines Tages, als die Winde nicht da waren (was oft geschah), traf sie einen Menschen, einen Mann. Sie freundete sich mit ihm an, und schließlich verliebten sich die beiden ineinander.

Als nun der König der Eisbären erschien, um seine Braut einzufordern, wies sie ihn ab. Ihr Herz, sagte sie, gehöre einem anderen. ›Ich will keine Braut, die nur aus Zwang die Meine wird‹, sagte er zu ihr. ›Aber dein Vater hat mir ein Versprechen gegeben.‹

Die Tochter des Nordwinds wusste um die Macht magischer Versprechen, und so versuchte sie, dem ihres Vaters ein eigenes entgegenzusetzen: ›Dann werde ich dir etwas versprechen‹, erwiderte sie. ›Bring mich zu meinem Liebsten, und verstecke uns vor meinem Vater, und wenn ich eine Tochter bekomme, dann soll sie deine Braut sein.‹

Und so brachte der König der Eisbären die Tochter des Nordwinds zu ihrem Menschenmann und versteckte die beiden im ewigen Eis.

Voller Zorn fegte der Nordwind über Himmel, Land und Meer. Aber er konnte sie nirgends finden. Und so waren die Tochter des Nordwinds und ihr Mann lange miteinander glücklich.

Nach der üblichen Zeit bekam die Frau ein Kind. Der Westwind, der zufällig gerade vorüberflog, hörte die Geburt und eilte zum Nordwind, um ihm zu sagen, wo er seine Tochter finden könne. Da stürzte sich der Nordwind mit der Kraft von tausend Schneestürmen hinunter auf das Haus, in dem seine Tochter, ihr Mann und das Neugeborene lebten. Beinahe hätte er es in tausend Stücke zerfetzt, aber die Frau rannte hinaus zu ihm. ›Nimm mich mit dir‹, rief sie weinend, ›aber verschone meine Liebsten!‹

Und der Nordwind blies sie so weit fort, wie er nur irgend konnte – bis zu der Festung hinter dem Ende der Welt. Dort stürzte sie zu Boden, und Trolle nahmen sie gefangen.«

Gram stand auf, und Cassie hörte das Bett knarren. Die kräftige Stimme ihrer Großmutter klang jetzt viel sanfter. »Es heißt, wenn der Wind aus dem Norden heult, weint er um seine verlorene Tochter.«

Cassie blinzelte ihre Tränen weg. »Und Mami ist immer noch dort?«

Gram war ein Schatten im Türrahmen. »Ja.«

Erster Teil

Das Land der Mitternachtssonne

Kapitel Eins

Vor langer, langer Zeit, da lebte in einem Land

hoch im Norden eine liebliche Jungfrau …

Geografische Breite: 72° 13' 30" N

Geografische Länge: 152° 06' 52" W

Höhe: 1 m

Cassie schaltete den Motor ihres Schneemobils aus.

Vollkommene Stille, ihr Lieblingsgeräusch. Eiskristalle tanzten in der arktischen Luft, glitzerten im Licht der frühen Morgendämmerung wie Diamantstaub. Ein Lächeln erschien unter der eisverkrusteten Gesichtsmaske. Cassie liebte das: nur sie, das Eis und der Bär.

»Nicht bewegen«, flüsterte sie zu dem Eisbären hinüber.

Ohne den Blick abzuwenden, griff sie nach hinten und hakte das Gewehr los. Der Bär stand reglos da, wie eine Statue aus Marmor. Ohne das Tier auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen, lud Cassie die Waffe mit einem Betäubungspfeil, rein nach Gefühl. Weiß auf Weiß in einem Alkoven aus Eis sah er aus wie ein König auf seinem Thron. Einen Augenblick lang war Cassie, als könnte sie die Stimme von Gram hören, ihrer Großmutter, wie sie die Geschichte vom König der Eisbären erzählte … Sie hatte sie nicht mehr gehört seit jenem Tag, an dem Gram die Forschungsstation verlassen hatte, doch Cassie erinnerte sich immer noch an jedes einzelne Wort. Sie hatte damals geglaubt, die Erzählung sei wahr.

Als kleines Mädchen hatte Cassie vor der arktischen Forschungsstation ihres Vaters unzählige Rettungsmissionen geprobt. Sie häufte alte Teile von Schneemobilen und kaputte Stromaggregate übereinander, um die Festung der Trolle nachzubauen.Dann kletterte sie die »Festungsmauern« hinauf und fesselte die »Trolle« (mit Kissen ausgestopfte alte Kleidungsstücke) mit Hilfe von Kletterseilen. Einmal hatte ihr Vater sie mit angeschnallten Skiern auf dem Dach der Station erwischt, bereit, auf ihnen bis hinter das Ende der Welt zu laufen, um ihre Mutter zu retten. Er nahm ihr die Skier weg und verbot Gram, die Geschichte jemals wieder zu erzählen. Doch das hatte Cassie nicht aufgehalten. Im Gegenteil. Wenn ihr Vater unterwegs war, flehte sie Gram ganz einfach an, die Geschichte zu erzählen. Und sie erfand ein neues Spiel, in dem ein Segel aus Zeltleinwand und ein ausrangierter Schlitten die Hauptrollen spielten. Selbst als sie bereits die Wahrheit kannte – Großmutters Geschichte sollte ihr auf nette Art und Weise begreiflich machen, dass ihre Mutter gestorben war –, hatte sie diese Spiele weiter gespielt.

Spiele brauche ich jetzt nicht mehr, dachte Cassie und grinste. Sie ließ die Spritze einrasten und hob das Gewehr an die Schulter. Und dieser Bär, so dachte sie, brauchte keine Gutenachtgeschichte. Er wirkte auch so überaus prachtvoll, war so vollkommen wie ein Bild aus einem Lehrbuch: cremefarben, muskulös und ohne jede Narbe. Wenn ihre Schätzung stimmte, war er der größte jemals gesichtete Eisbär. Und sie hatte ihn gefunden.

Als Cassie den Hahn des Betäubungsgewehrs spannte, drehte der Bär den Kopf und blickte direkt in ihre Richtung. Sie hielt den Atem an und erstarrte. Wind pfiff über das Eis und wirbelte losen Schnee zwischen ihr und ihm auf. Sie hörte ihr Herz so laut in den eigenen Ohren pochen, dass sie fast glaubte, er könne es auch hören. Das war es – das Ende der Verfolgungsjagd. Als sie aufgebrochen war, hatte Polarlicht am Himmel getanzt. In seinem Leuchten hatte sie die Spuren des Bären drei Meilen von der Station Richtung Norden verfolgt. Lockeres Meereis hatte sich gegen die Küste gedrängt, doch sie war darüber hinweg und hinaus aufs Packeis gefahren. Bis hier herauf, zu einem Block wirr aufgetürmter Eisblöcke, die wie eine Bergkette en miniature aussahen, hatte sie ihn verfolgt. Sie hatte keine Ahnung, wie es ihm gelungen war, ihr während der ganzen Jagd so weit vorauszubleiben. Die höchste Geschwindigkeit, die ein erwachsener männlicher Eisbär erreichen konnte, lag bei dreißig Meilen pro Stunde, und mit ihrem Schneemobil kam sie auf sechzig Meilen pro Stunde. Vielleicht waren seine Spuren ja nicht so frisch gewesen, wie sie aussahen. Oder sie hatte eine Art superschnellen Bär entdeckt. Angesichts der Lächerlichkeit dieser Vorstellung musste sie grinsen. Welche Erklärung es dafür auch immer geben mochte, die Spuren hatten sie hierher geführt, zu diesem wunderschönen, majestätischen, perfekten Bären. Sie hatte gewonnen.

Einen Augenblick später wandte der Bär seinen Blick von ihr ab und sah hinaus auf die gefrorene See.

»Du gehörst mir«, flüsterte Cassie, während sie ihn anvisierte. Da trat der Bät in das Eis hinein. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung richtete er sich auf und tapste rückwärts. Es sah aus, als würde er in das Innere einer Wolke gehen. Zuerst verschwanden die Hinterbeine im Weiß, dann auch der Körper.

Unmöglich.

Sie senkte das Gewehr und starrte wie gebannt zu der Stelle hinüber. Das konnte nicht sein. Sie sah das hier nicht wirklich. Die Eiswand schien ihn förmlich zu verschlucken. Jetzt waren nur noch seine Schultern und der Kopf zu sehen. Cassie schüttelte sich. Er würde entkommen! Wie, war völlig egal. Sie hob das Gewehr und drückte den Abzug. Der Rückstoß schlug den Kolben der Waffe gegen ihre Schulter. Reflexartig blinzelte sie. Der Bär war weg.

»Nein«, sagte sie laut. Sie hatte ihn doch gehabt! Was war passiert? Bären gingen nicht durch Eis, konnten nicht durch Eis gehen. Es musste eine Sinnestäuschung gewesen sein. Irgendein Streich, den die arktische Luft ihr spielte. Sie riss sich die Brille vom Kopf. Sofort presste die Kälte ihre Augäpfel zusammen, und das grelle Weiß blendete sie. Cassie suchte die gefrorenen Wellen ab. Schnee trieb über das Eis wie schnell dahinziehende Wolken. Das Land war so tot wie eine Wüste. Erst als die Kälte zu sehr schmerzte und sie es keine Sekunde länger aushalten konnte, setzte sie ihre Brille wieder auf.

Ein Prasseln in ihrem Funkgerät. Sie holte es aus der Tasche ihres Parkas. »Hier Cassie«, sagte sie und versuchte, gelassen zu klingen. Sie hatte den Bären bis hinaus auf das Packeis verfolgt – ohne Rückendeckung. Hätte sie ihn gefangen, wäre das nicht so schlimm. Aber so … Wie sollte sie das hier bloß erklären? Sie konnte es ja noch nicht einmal sich selbst erklären.

»Cassandra Elizabeth Dasent, nach Hause mit dir. SOFORT.«

Dads Stimme. Und er klang alles andere als glücklich.

Nun, sie war es auch nicht. Sie hatte vorgehabt, einen Bären zu markieren – als Geburtstagsgeschenk für sich selbst. In wenigen Stunden würde sie achtzehn werden. Es schien die ideale Möglichkeit für die einzige Tochter des leitenden Wissenschaftlers der Meeresforschungsstation in der Eastern Beaufort Sea zu sein, das Erreichen ihrer Volljährigkeit zu feiern. Als dieser Bär an der Station vorbeispazierte, befand sie sich gerade draußen, um die Funkantenne zu reparieren, und es hatte sich wie ein Geschenk angefühlt. Sie hatte doch nicht damit gerechnet, dass die Verfolgungsjagd sie so weit hinaus aufs Eis führen würde! Und sie hatte ebenfalls nicht damit gerechnet, dass der Bär … Er konnte nicht weit gekommen sein. Bestimmt war er gleich irgendwo hinter dem Kamm aus Eis. Sie prüfte die Tankanzeige. Der Treibstoff reichte noch für drei Stunden.

»Cassie? Cassie? Hörst du mich?«

»Ich verfolge ihn weiter«, sagte sie in das Funkgerät. Dann ließ sie den Motor aufheulen. Das Geräusch verschluckte die Antwort ihres Vaters, und Cassie fuhr los, weiter hinein ins Eis.

Cassie parkte das Schneemobil in der Remise, hängte ihr Bündel über die Schulter und trottete hinüber zur Station. Ihr ganzer Körper tat weh, von oben bis unten, innen und außen. Sogar ihre Fingernägel schmerzten. Die Sonne hing tief über dem Horizont. Jeden Tag würde sie jetzt etwas kürzer zu sehen sein, bis sie schließlich den Winter über ganz verschwand. Ihr schräg einfallendes Licht machte aus Cassies Schatten einen Schneeriesen wie in den alten Inuit-Legenden.

Sie hatte ihn verloren.

Sie wusste nicht wie, aber sie hatte ihn verloren. Wieder und wieder ließ sie die Suche in ihrem Kopf ablaufen, als ob sie so die Spuren erkennen könnte, die sie übersehen haben musste. Hätte sie doch nur erst sorgfältiger Ausschau gehalten, anstatt sofort über das Meereis zu rasen …

An der Tür traf sie auf Owen, den Labortechniker der Station. Sie blinzelte dem Mann mit dem Kugelbauch und dem grau melierten Bart grüßend zu. Offensichtlich hatte er auf sie gewartet.

»Cassie, die Schachtel!«, rief Owen mit gequälter Stimme.

Sie blickte auf ihr Bündel. Die Schachtel mit den Betäubungsspritzen hing heraus. Sie war eisverkrustet. Cassie zuckte schuldbewusst zusammen. »Er ist mir entwischt.«

Owen nahm ihr Tasche und Gewehr ab. »Weißt du eigentlich, was die hier kosten?«

Cassie folgte ihm durch die doppelte Eingangstür in die Station. Als sie die innere Tür hinter sich schloss, überrollte sie die dicke, saure Wärme wie eine erstickende Welle. Es war der Geruch ihres Zuhauses, abgestanden und stickig und beruhigend vertraut. Liebevoll beugte sich Owen über das Betäubungsgewehr und sagte: »Du musst vorsichtig mit diesen Sachen umgehen. Du musst sie behandeln wie ein neugeborenes Baby.«

Sie sah zu, wie er die Ausrüstung inspizierte, und das Herz rutschte ihr in die Hose. Noch einen Tiefschlag wollte sie jetzt nicht einstecken müssen. Sie war ganz allein mit dem Schneemobil auf das Packeis hinausgefahren, und sie war sorglos mit der Ausrüstung umgegangen. Dad würde nicht gerade erfreut sein. Während sie ihre Überkleidung auszog, fragte sie: »Wo ist er? Funkraum?« Sie brachte das hier am besten sofort hinter sich. Aufschub machte keinen Sinn.

Owen gab keine Antwort. Er war vollkommen in die Reinigung des Betäubungsgewehrs versunken. Wahrscheinlich hatte er ihre Anwesenheit bereits vergessen. Beinahe musste sie lächeln. Er liebte seine Ausrüstung genauso sehr, wie sie das Packeis liebte. Sie waren beide ein bisschen fixiert. Das zumindest konnte sie sich selbst gegenüber zugeben. »Jeremy?«, fragte sie. Der neue Forschungspraktikant sah von seinem Schreibtisch auf.

»Er ist nicht gerade gut drauf«, bestätigte er und deutete mit dem Kopf auf die Tür zum Forschungslabor. »Er will mit dir reden.« Dann deutete er unter seinen Schreibtisch und fügte in einem Ton größter Hilfsbereitschaft hinzu: »Du kannst dich gerne hier verstecken.«

Cassie brachte ein Grinsen zustande. Dad hatte Jeremy in seiner ersten Woche auf der Station fürchterlich den Kopf gewaschen, weil er ohne die nötige Ausrüstung auf das Eis hinausgegangen war. Seitdem hatte Jeremy einen gesunden Respekt vor den Temperamentsausbrüchen ihres Vaters. Allerdings war dessen Zorn in jenem Fall wirklich berechtigt gewesen. Es spielte keine Rolle, dass Jeremy von der UCLA kam, der University of California in Los Angeles – welcher Idiot ging denn ohne Gesichtsmaske aufs Eis hinaus? So ein Anfängerfehler würde ihr selbst nie und nimmer passieren. Nein, dachte sie, mein Spezialgebiet sind eher die spektakuläreren Fehler, wie zum Beispiel, einen voll ausgewachsenen Eisbären zu verlieren.

Entschlossen stieß Cassie die Tür auf und betrat das Forschungslabor. Eilig umrundete sie Kisten und Ausrüstungsgegenstände. Aus dem Funkraum konnte sie die Stimme ihres Vaters hören, tief und abgehackt. Uh, das würde nicht lustig werden. Hier, in der schwach säuerlichen Luft ihres Zuhauses, würde ihre Geschichte sich anhören wie Grams altes Märchen vom König der Eisbären. Was draußen auf dem Meereis beinah glaubhaft gewirkt hatte, wirkte in der nüchternen, engen Atmosphäre der Station, schlichtweg irreal. Hier schien es eher so zu sein, dass der Bär nur in ihrer Einbildung in das Eis hineingegangen war. Sie wünschte, es wäre auch nur ihrer Fantasie entsprungen, ihn verloren zu haben.

Im Funkraum fand sie ihren Vater in der für ihn typischen Haltung vor: halb auf einem Stuhl sitzend, neben sich zwei andere Wissenschaftler. Cassie blieb im Türrahmen stehen und sah ihnen einen Moment lang zu. Ihr Vater war wie die Sonne. Andere Menschen neigten dazu, ihn zu umkreisen, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Scott und Liam waren seine häufigsten Satelliten. Ob sie selbst in seiner Gegenwart wohl auch so wirkte: klein und in den Schatten gestellt? Cassie schob diesen unangenehmen Gedanken beiseite und trat weiter in den Raum hinein.

Hinter ihr schwang die Tür zu. Bei dem Geräusch sah ihr Vater auf und ließ sein Klemmbrett sinken. Sein Gesicht wirkte teilnahmslos, doch sie wusste, er war wütend. Cassie wappnete sich. Sie würde ihren Bericht so professionell wie möglich abliefern. Wie er darauf reagierte, war allein seine Sache.

Scott warf ihr ein Lächeln zu. »Ah, unser kleiner Workaholic.«

»Würden Sie uns bitte entschuldigen, meine Herren?«, sagte Dad zu Scott und Liam. »Familienangelegenheiten.« Oh, das war gar kein gutes Zeichen! Sie schluckte hart.

Cassie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob ihr Vater wohl ein weicherer Mensch wäre, wenn ihre Mutter noch leben würde. Wäre sie dann imstande, mit ihm zu sprechen, ohne das Gefühl zu haben, sich einem riesigen Berg zu nähern? So vieles könnte anders sein, wenn ihre Mutter nicht gestorben wäre.

Die beiden Wissenschaftler, die anscheinend bemerkt hatten, dass die Luft hier plötzlich zum Schneiden dick geworden war, blickten nervös zwischen Vater und Tochter hin und her. Dann nahmen sie Reißaus.

Lange Zeit sagte ihr Vater gar nichts. Sein Gesichtsausdruck war unlesbar. Die Augen lagen im Schatten der buschig-weißen Augenbrauen. Der Mund versteckte sich in dem struppigen Waldläuferbart. Mit seinen ein Meter neunzig sah er schier unüberwindlich aus. Cassie hob den Kopf und blickte ihm fest in die Augen.

»Du weißt doch ganz genau, dass man nicht ohne Rückendeckung auf das Packeis hinausgeht«, sagte er schließlich. »Ich dachte, ich hätte dich zu einem klügeren Mädchen erzogen.«

Ja, das hatte er. Und besonders eins hatte er ihr in ihrer Kindheit immer wieder eingehämmert: die Gesetze des Eises. Alle anderen Dinge mochte er anderen überlassen haben. Nachdem ihre Mutter kurz nach ihrer Geburt gestorben war und Gram die Station verließ, als sie fünf Jahre alt war, hatte Cassie einen Großteil ihrer Erziehung selbst besorgt, mehr recht als schlecht unterstützt von Menschen, die abwechselnd so etwas wie eine Elternrolle übernahmen – Dad, Max, Owen und wer sonst noch vorübergehend der Stationsmannschaft angehörte. Aber Dad hatte dafür gesorgt, dass sie ganz genau wusste, was zu tun war, wenn sie sich außerhalb der Station aufhielt. Und dafür war sie ihm dankbar. »Ich weiß«, sagte sie. Du hättest in eine Eisspalte fallen können«, fuhr er fort. »Presseis hätte über dir zusammenstürzen können. Ein Eiskanal hätte sich auftun können, und du wärst direkt ins Meer gefahren.«

»Ich weiß«, wiederholte sie. Was hätte sie denn sonst auch sagen sollen? Sie würde sich nicht herausreden, sich nicht entschuldigen. Ein paar Jahre zuvor hätte sie das vielleicht noch getan, aber sie war kein Kind mehr. Wenn sie erwartete, wie eine professionelle Wissenschaftlerin behandelt zu werden, dann musste sie sich auch wie eine benehmen.

Er sah sie immer noch finster an.

Cassie spürte, wie sie rot wurde, doch sie zwang sich, nicht wegzusehen. Sie würde sich um keinen Preis einschüchtern lassen.

Ihr Vater seufzte. »Bericht«, forderte er.

»Mit diesem Bären stimmt etwas nicht.« Cassie holte tief Luft, und dann sprudelte es nur so aus ihr heraus. Sie erzählte, wie sie das Tier aufgespürt hatte und wie es in das Eis hineingegangen war. Wie sie die Nische in dem Presseisrücken untersucht und keinerlei Spuren gefunden hatte, die aus ihr herausführten. Wie sie die Umgebung abgesucht hatte, meilenweit über das Packeis gefahren war, ohne auch nur das geringste Anzeichen des Bären zu finden. Damit endete sie und machte sich darauf gefasst, dass Dad ihren Bericht in der Luft zerfetzte.

Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen wich aller Ärger aus dem Gesicht ihres Vaters. Er legte sein Klemmbrett auf den Tisch und nahm sie fest in die Arme. »Ich hätte dich verlieren können«, sagte er.

Das war neu. »Dad«, sagte sie und wand sich in seinem Griff. Mit seinem Zorn hatte sie gerechnet. Aber eine Umarmung? In ihrer Familie umarmte man sich nicht. »Dad, bitte! Es geht mir gut. Ich weiß, was ich tue. Du musst dir keine Sorgen machen.«

Kopfschüttelnd gab ihr Vater sie frei. »Ich hätte wissen müssen, dass dieser Tag einmal kommen würde«, sagte er. »Deine Großmutter hatte recht.«

Unbeholfen tätschelte sie seine Schulter. »Das nächste Mal nehme ich Verstärkung mit«, versprach sie. »Ich werde den Bären erwischen. Du wirst schon sehen.«

Doch er schien ihr gar nicht zuzuhören. »Dieses Jahr ist es für eine Bewerbung schon zu spät, aber ich habe ein paar Freunde an der Universität von Alaska, die mir noch einen Gefallen schulden. Du kannst bei einem von ihnen im Labor arbeiten und dich dann nächstes Jahr zum Studium bewerben.«

Was? Was hatte er da gesagt? Sie waren sich doch einig gewesen, dass sie hierbleiben und Fernkurse belegen würde. Auf gar keinen Fall würde sie die Station verlassen. »Dad …«

»Du kannst bei deiner Großmutter in Fairbanks wohnen. Sie wird ganz aus dem Häuschen sein vor Freude, dass sie recht behalten hat. Seit du fünf warst, hat sie versucht, mir das einzureden. Aber ich war zu egoistisch und wollte dich hier bei mir behalten. Ich werde Kontakt mit Max aufnehmen, damit er dich hinfliegt.«

Sie starrte ihn an. »Ich will aber nicht weg«, sagte sie. Sie war gerne hier auf der Station! Ihr Leben war hier. Sie wollte – nein, musste – in der Nähe des Eises sein.

Ihr Vater betrachtete sie eindringlich, so als sähe er sie zum ersten Mal. »Du gehst«, sagte er dann mit stahlharter Stimme. »Tut mir leid, Cassie, aber es ist nur zu deinem Besten.«

»Das kannst du nicht einfach so entscheiden.«

»Wenn deine Mutter hier wäre, würde sie es auch wollen.«

Cassie fühlte sich, als hätte sie einen Hieb in die Magengrube bekommen. Er wusste ganz genau, wie Cassie zu ihrer Mutter stand, wie sehr sie sich wünschte, sie wäre hier, wie sehr sie sich wünschte, sie hätte sie gekannt. Das als Waffe zu benutzen, um einen Streit zu gewinnen, war ein gemeiner Schlag unter die Gürtellinie. Cassie schüttelte den Kopf so heftig, als wollte sie alles aus ihm herausschleudern, was ihr Vater gesagt hatte. »Ich werde nicht gehen«, wiederholte sie. »Das hier ist mein Zuhause.«

Ihr Vater – der aus lauter Angst, seine Gefühle zu zeigen, ihre Kindheit der Großmutter und ihr Heranwachsen einem Stapel Biologie-Lehrbücher überlassen hatte –, ihr Vater hatte Tränen in den Augen. »Jetzt nicht mehr«, sagte er sanft. »Das kann es jetzt nicht mehr sein.«

Kapitel Zwei

Geografische Breite: 70° 49' 23" N

Geografische Länge: 152° 29' 25" W

Höhe: 3 m

CASSIE SAH BLINZELND AUF IHREN wECKER: DREI UHR MORGENS.

Was machten die da bloß? Es hörte sich an, als würde die ganze Station vor ihrer Tür herumtrampeln. Sie hätte schwören können, sogar das Geräusch eines Flugzeugmotors gehört zu haben. Cassie warf ihre Bettdecke beiseite und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Wahrscheinlich sah sie aus wie eine rothaarige Medusa, und ihre Augen waren total verquollen. Sie trug lange Unterhosen, zwei verschiedene Socken und ein viel zu großes T-Shirt mit der Aufschrift: Alaska – Wo Männer noch Männer sind und Frauen den Iditarod gewinnen. Eilig fuhr Cassie in eine Hose und zog einen Pulli über das T-Shirt. Dann steckte sie den Kopf aus der Tür und entdeckte Owen, der den Korridor hinunterhastete. »He!«, rief sie ihm nach. »Es ist drei Uhr morgens.« Um ein Haar hätte sie hinzugefügt: Und ich habe Geburtstag.

»Max ist da«, sagte Owen. »Mit dem Flugzeug. Eben gelandet. Wir hätten früher gewusst, dass er kommt, wenn du die Antenne repariert hättest, statt dich einfach so davonzumachen und in Schwierigkeiten zu bringen.«

Cassie zuckte zusammen. Das hatte sie verdient. Schließlich hatte sie Owens Ausrüstung ruiniert. Seine schlechte Laune war also berechtigt. Was aber meinte er damit: Max ist da, mit dem Flugzeug? Es war kein Besuch von Max vorgesehen … Oh!

Er war ihretwegen gekommen.

Ihr rutschte das Herz in die Hose. Wie hatte Dad es geschafft, ihn so schnell hierher zu kriegen? Vor den Etatkürzungen hatte Max zur festen Besatzung der Station gehört. Er war mit seiner Twin Otter für sie geflogen, als Cassie klein war. Er war ihr erster Babysitter gewesen, praktisch ihr Onkel. Doch jetzt arbeitete er für den Betreiber einer privaten Landebahn in Fairbanks. Er konnte nicht einfach so mir nichts, dir nichts auf eigene Faust dort wegfliegen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Dad ihn so schnell anfordern würde.

Cassie drängte sich an Owen vorbei und hastete Richtung Forschungslabor. Sie musste dem ganzen Spuk ein Ende machen, sofort. Sie musste ihren Vater zur Vernunft bringen und Max überzeugen, ohne sie nach Fairbanks zurückzufliegen.

Noch ehe sie das Labor erreicht hatte, hörte sie, wie Kisten über den Linoleumfußboden geschoben wurden, und dann flog die Tür auf. »Cassie-Lassie!«, bellte Max. Mit schnellen Schritten kam er quer durch den Raum auf sie zu, umarmte sie stürmisch und schwang sie im Halbkreis herum. Dann setzte er sie wieder ab, wobei er ihr heftig zwischen die Schulterblätter klopfte, als wäre sie ein Baby, das Bäuerchen machen muss. »Na, hast du den Yeti gefunden?«, fragte er – ein altes Spiel zwischen ihnen beiden.

»Ausgestopft und hinter Glas«, erwiderte sie, wie aus der Pistole geschossen. Max grinste breit, und seine weißen Zähne leuchteten erschreckend hell in dem dunklen Gesicht.

Automatisch grinste sie zurück. Sie hatte vergessen, wie sehr sie ihn vermisste.

Vielleicht ist es ja bloß ein ganz normaler Besuch, dachte Cassie, während Max sie weiter anstrahlte. Vielleicht hat es gar nichts mit dem Streit zwischen Dad und mir zu tun. Vielleicht ist es nur reiner Zufall.

Jaja. Und vielleicht gibt es den Yeti wirklich. Innerlich schüttelte sie den Kopf. Nein, Max war nicht zufällig hier. Es waren nur ein paar Stunden vergangen, seit Dad seine Entscheidung verkündet hatte. Sie sollte ihre Zeit nicht damit verschwenden, sich selbst zu belügen.

»Ich hab eine Überraschung für dich«, sagte Max.

»Echt?« Er hatte es nicht so gesagt, als wäre es eine böse Überraschung, aber ihr Magen zog sich zusammen, als wüsste er, dass jetzt nichts Gutes kommen würde.

Aus dem großen Raum hörte Cassie ein vertrautes Klacken – einen Gehstock. Gram. Max hatte Gram mitgebracht. Cassie hätte sich gerne darüber gefreut. Sie hatte ihre Großmutter seit Monaten nicht gesehen, und jetzt war sie hier. Normalerweise wäre das eine wunderbare Überraschung gewesen: Max und Gram hier, die beiden Menschen, die sie auf der ganzen Welt am liebsten mochte. Aber jetzt würde sie ihrer Großmutter ins Gesicht sagen müssen, dass sie nicht bei ihr in Fairbanks leben wollte.

Sie hätte ihrem Vater nicht erzählen sollen, wie der Bär in das Eis hineingegangen war. Hätte sie doch dieses Detail weggelassen bei ihrem Bericht.

Gram stieß ihren Gehstock aus Mahagoni heftig auf den Fußboden. »Bin ich vielleicht schon zu einem Nichts zusammengeschrumpelt? Doch wohl nicht. Komm, umarme deine Großmutter!« Sie streckte die Arme aus.

Cassie zwang sich zu einem Lächeln, hüpfte die paar Schritte zur Labortür hinunter und schloss ihre Großmutter in die Arme. Es war, als hielte sie einen Vogel. Gram hatte beinahe Cassies Größe, aber ganz dünne Knochen. Sie fühlte sich zerbrechlich an. Schnell ließ Cassie sie wieder los.

»Du bist groß geworden«, sagte Gram.

»Du bist eingegangen«, gab Cassie automatisch zurück.

Gram runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. Sie konnte ziemlich finster dreinblicken, genau wie Cassie. Und beide hatten sie ausgeprägte Gesichtszüge, aber Grams Haut war schon erschlafft, und ihr Haar, einst genauso dick und rot wie Cassies, raschelte wie ein alter Vorhang. »Unsinn. Ich bin noch genauso schön wie an dem Tag, als ich deinen Großvater traf. Beim ersten Mal, hinten auf seinem Pick-up, weißt du, was er da gesagt hat? ›Ingrid‹, hat er gesagt, ›Ingrid, Gott selbst kann keine perfekteren Brüste haben als du.‹

Cassie konnte nicht an sich halten – sie musste lachen. »Ich hab dich vermisst.«

»Oh, meine Cassandra!« Gram legte den Arm um Cassies Hüfte. »Lass dich mal ansehen. So erwachsen geworden. So eine schöne junge Frau.«

Cassie hatte plötzlich einen Kloß im Hals und musste schlucken. »Gram …«, begann sie und verstummte wieder. Wie sollte sie das jetzt sagen, ohne ihrer Großmutter wehzutun? »Wie … wie war dein Flug?«

»Die Idioten von der Flugsicherung hätten uns beinahe nicht starten lassen«, sagte Max. »Ich lass mir doch nicht von einem Beamten erzählen, wie man sicher fliegt. Ich bin dreißig Jahre im Busch geflogen, und ich kann Eis riechen. Das ist doch was ganz anderes als bei denen da unten …«

Cassie hörte Max’ Tirade nur mit halbem Ohr zu, während sie ihrer Großmutter ins Gesicht blickte und deren Gedanken zu lesen versuchte. »Gram, was hat Dad dir erzählt?«

Max verstummte abrupt.

Gram begann, Fussel von Cassies Wollpullover zu zupfen. Solange Cassie zurückdenken konnte, hatte Gram immer irgendetwas sauber gemacht. Und auch die Kleidung ihrer Großmutter selbst sah stets akkurat aus, wie die eines Soldaten. Ihre weiße Bluse war gebügelt, mit Falten entlang der Ärmel. Je mehr sie sich über etwas ärgerte, desto ordentlicher machte sie sich zurecht. Und jetzt sah sie sehr ordentlich aus. »Ah, meine Cassandra.« Gram zog Cassies Pulli in Form und nahm ihr Gesicht in beide Hände. Sie küsste sie erst auf die linke Wange, dann auf die rechte, eine seltsam formelle Geste. Cassie wich zurück. »Gram, was ist los?«

»Du hast ihn gefunden«, sagte Gram. »Du hast den König der Eisbären gefunden.«

Cassie zuckte zusammen, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen. Alles Mögliche hatte sie ihre Großmutter im Geiste sagen hören, aber nicht das hier. »Das ist nicht witzig.«

»Ich habe ja auch keinen Witz gemacht«, entgegnete Gram.

»Hat Dad dir auch erzählt, dass ich Elvis gesehen habe?«, fragte Cassie. »Na klar! Weißt du, der King steht neuerdings auf Schlittenhunde. Hab ihn letzte Woche gesehen, bei einem Rennen gegen den Osterhasen und die Zahnfee.«

Gram packte Cassie bei den Schultern. »Cassandra …«

Dad hatte … Was hatte er ihnen gesagt? Dass sie Wahnvorstellungen hatte? Dass sie verrückt war? Auf die Art hatte er also Max und Gram überzeugt, sofort alles stehen und liegen zu lassen und herzufliegen?

Max wich zentimeterweise zurück, den Gang hinunter. »Dann werd ich euch beide mal allein lassen … Abflug ist um sechs Uhr. Ähm, alles Gute zum Geburtstag übrigens.« Und mit diesen Worten machte er sich aus dem Staub.

Toller Geburtstag. Warum nur benahmen sich alle, die sie liebte und denen sie vertraute, als wären sie verrückt geworden? Zuerst Dad und jetzt Gram. Die schob Cassie von der Labortür weg. »Komm«, sagte sie, »lass uns in dein Zimmer gehen. Dieses Gespräch ist nicht für andere Ohren bestimmt.«

Eine gute Idee. Sie würde allein mit Gram reden. Herausfinden, was in Wahrheit hinter alldem steckte. Es musste eine Erklärung für Dads Überreaktion geben. Das passte einfach nicht zu ihm. Cassie brachte ein Lächeln zustande und bemühte sich, ganz normal zu klingen: »Mein Zimmer ist aber im Moment nicht gerade Großmutter-tauglich.«

»Das lass mal meine Sorge sein«, sagte Gram.

Cassie stieß die Tür zu ihrem Zimmer mit der Hüfte auf. Socken ergossen sich in den Korridor. Cassie kickte sie aus dem Weg und machte das Licht an. Über der Kommode hingen lange Unterhosen. Ihr Biwaksack war um das Bettgestell gewickelt. Auf dem Kopfkissen hockte Mr Fluffy, ihr alter Kuschelfuchs mit dem abgekauten Ohr, um den Hals eine Rolle Klebeband. Grams Blick wanderte über das Chaos. »Hm«, sagte sie. »Du hast dein Bett nicht gemacht.«

»Du kannst das Bett sehen?«

Mit Hilfe ihres Gehstocks bahnte sich Gram ihren Weg über ein wirres Bündel Kletterseile, schob einen Haufen Landkarten vom Bett und zog die Decke glatt. »Steck deine Seite fest, Liebes!«

Cassie wollte wirklich nicht über den Zustand ihres Zimmers reden. Sie bereute, das Thema überhaupt angeschnitten zu haben. »Gram …«, begann sie.

»Liebes?«, wiederholte Gram, und dieses Mal lag etwas mehr Härte in der Stimme.

Cassie kannte sie: Gram würde nicht mit ihr reden, bis das Bett gemacht war. Dad hatte seine unerschütterliche Entschlossenheit von ihr. Seufzend zog Cassie die Bettdecke glatt. »Steck die Ecke fest!«, wies Gram sie an. Cassie gehorchte. »Sehr schön«, sagte Gram. »Und jetzt hol deine Tasche, Liebes! Wir müssen deine Sachen packen.«

»Gram … Es ist nicht so, dass ich nicht bei dir wohnen will. Ich will einfach nicht in Fairbanks leben. Ich will hierbleiben.«

»Du wirst Pullover brauchen. Und Unterwäsche.« Gram zog einen Rucksack aus dem Durcheinander, öffnete ihn und legte ihn auf das Bett.

Bleib ruhig, befahl sich Cassie. Das ist Gram. In vernünftigem Tonfall fuhr sie fort: »Es ist Hochsaison – die Bären wandern zurück auf das Meereis. Ich werde hier gebraucht.«

Gram pikte ihren Gehstock in Cassies Kleiderschrank. »Sauber oder schmutzig?« Sie holte einen Wollpullover heraus und schnüffelte daran. »Du musst dich besser um deine Sachen kümmern.«

»Gram, rede mit mir«, flehte Cassie.

Gram reichte Cassie drei Pullover. »Zusammenlegen!«

Cassie warf die Pullover aufs Bett. Gram blickte sie scharf an. Dann legte sie die Pullover zusammen und packte sie in den Rucksack. Cassie schmiss sie zurück in den Schrank.

»Sei nicht bockig«, sagte Gram und holte sie wieder heraus. »Dein Vater macht sich Sorgen. Er hat sich immer Sorgen gemacht, der sture Narr.« Sie faltete die Pullover wieder zusammen. »Er wollte dich abschirmen. Er dachte, Unwissenheit würde dich schützen, aber das ist ein alter Streit, und das spielt jetzt alles keine Rolle mehr. Das einzig Wichtige ist, dich nach Fairbanks zu bringen. Ich werde dir alles erklären, wenn du erst mal dort in Sicherheit bist.«

Cassie erschauerte. Sie brauchte keinen Schutz vor einem Märchen. Es gab keinen König der Eisbären. Was suchte Gram hinter dieser lächerlichen Lüge zu verstecken? »Gram, was ›alles‹?«

»Du hast nicht vor, uns das hier leicht zu machen, oder?«, fragte Gram.

Nein, natürlich nicht. Gram verlangte von Cassie, ihr Leben aufzugeben, ihr Zuhause, ihre Karriere, ihre Zukunft. »Was verschweigst du mir?«

Gram seufzte. »Oh, mein Liebes … Er hätte dir schon vor langer, langer Zeit die Wahrheit sagen sollen. Er wollte dich nur beschützen. Wir beide wollten dich beschützen. Wir waren uns bloß nicht einig darüber, wie wir das am besten tun sollten.« Sie klang müde. Alt und müde. Cassie hatte Gram noch niemals so gehört.

»Welche Wahrheit?«, fragte sie.

Gram setzte sich wie früher auf die Kante von Cassies Bett. In ihrem Schoß lag einer der Pullover. »Deine Mutter«, begann sie behutsam, »war die Tochter des Nordwinds. Sie schloss einen Handel mit dem König der Eisbären, und jetzt, an deinem achtzehnten Geburtstag, kommt er dich holen.«

Cassie hörte ihren Puls entsetzlich laut in den Ohren dröhnen. Ihre Mutter, die Tochter des Windes? Das war doch bloß eine Geschichte.

»Du weißt, dass es wahr ist«, fuhr Gram fort. »Du hast ihn gesehen.«

Ja, sie hatte einen Bären gesehen, den größten, den es gab. Und er war in festes Eis hineingegangen. Aber das hieß doch nicht … Cassie schüttelte den Kopf. Warum tat ihre Großmutter das? Das war nicht witzig. Sie so zu necken, mit dem König der Eisbären, mit ihrer Mutter. Es war grausam. »Tu das nicht!«, sagte Cassie.

»Cassandra, es ist die Wahrheit«, wiederholte Gram. »Du weißt, ich habe die Station verlassen, weil dein Vater und ich einen Streit hatten. Ich war die ganze Zeit der Meinung, wir sollten dir die Wahrheit sagen.«

Grams Gesicht nahm einen feierlichen Ausdruck an. Ihre Augen blickten gütig und ernst zugleich. Die Hände strichen nervös über den Pullover, der in ihrem Schoß lag. Cassie starrte sie unverwandt an. Und einen kurzen, wundervollen, verrückten Moment lang dachte sie, Was, wenn …

Aber nein. Das konnte nicht einfach sein. Ihre Mutter war in einem Schneesturm umgekommen, kurz nach Cassies Geburt. Sie war nicht in irgendeiner Troll-Festung. Denn wenn doch … Wenn es doch so wäre, wenn auch nur die geringste Möglichkeit bestünde, dass Grams Geschichte stimmte und ihre Mutter irgendwo gefangen war, dann hätte Dad sie doch gerettet. Und Cassie hätte nicht mit dem Gefühl aufwachsen müssen, dass ein Stück von ihr fehlte.

»Du brauchst Zeit zum Nachdenken«, sagte Gram sanft. »Das verstehe ich. Es ist alles ziemlich viel auf einmal.« Sie tätschelte Cassies Schulter. »Ruh dich aus! In ein paar Stunden brechen wir auf.«

Und bevor Cassie erneut widersprechen konnte, ging sie aus dem Zimmer.

Cassie schleuderte den Rucksack in den Kleiderschrank und warf die Pullover achtlos auf die Kommode. Warum hatten Dad und Gram diese Lüge erfunden? Sie hatten sie doch sonst nie angelogen. Aber entweder belogen sie sie jetzt oder …

Mit brennenden Augen starrte Cassie heftig blinzelnd ihr Bett an. Vor vielen Jahren hatte Gram hier immer gesessen, ein scharfer Umriss im Dunkeln. Ihre Stimme war Cassie so vertraut gewesen wie ihr eigener Herzschlag. Gram hatte die Geschichte jedes Mal erzählt, wenn Dad sich nicht auf der Station befand. Und Cassie hatte immer gedacht, der Grund wäre, dass Dad keine Märchen mochte. Seine Vorstellung von einer Gutenachtgeschichte war eine völlig andere – zum Beispiel Shackletons Reise in die Antarktis. Und nun sollte sie glauben, er sei dagegen gewesen, dass Gram ihr die Wahrheit sagte?

Hätte sie doch bloß diesen Bären gefangen! Wäre ihr das gelungen, hätten sie Tests mit ihm machen, ihm eine Blutprobe entnehmen, ja, ihn sogar mit einem Chip ausstatten und seine Route verfolgen können. Sie hätte beweisen können, dass er nur ein ganz normaler Bär war.

Vielleicht konnte sie das immer noch. Wenn sie die beiden dazu brachte, ihr die Wahrheit zu sagen, hätten sie keinen Grund mehr, sie nach Fairbanks zu schicken.

Ohne weiter nachzudenken, schlich Cassie auf Zehenspitzen hinaus auf den Korridor und durchquerte das Labor. Die Leuchtstofflampen waren ausgeschaltet, aber die Computerbildschirme glommen grün. Aus Richtung Küche hörte sie gedämpfte Stimmen. Wenn sie schnell genug war, würde niemand merken, dass sie ihr Zimmer überhauptverlassen hatte. Sie ging auf der anderen Seite aus dem Labor hinaus und schloss leise die Tür hinter sich. Dann schaltete sie das Licht im Hauptraum an.

Jemand rührte sich. »Aaah!«

Cassie erstarrte. Jeremy. Er war wieder mal an seinem Schreibtisch eingenickt. »Schlaf weiter«, flüsterte sie.

»Mmmpf«, murmelte er und schloss die Augen wieder.

Sie hielt den Atem an. Er war der Frischling hier – oder Cheechako, wie Max, der zu den Inuit gehörte, auf Inupiaq sagen würde. Jeremy hatten Dad und Gram bestimmt nichts erzählt. Wenn sie sich ganz normal verhielt, würde er keinen Verdacht schöpfen und ihren Vater nicht rufen. Langsam ging sie hinüber zu ihrem Schreibtisch und zog ihre Gore-Tex-Hosen an. Die Hosen raschelten, und Jeremys Augen öffneten sich wieder.

Er starrte Cassie an. »Wo willst du hin?«

»Ich muss was reparieren«, log sie. »Nichts Schlimmes.« Sie schob die Füße in ihre Mukluks, weiche, warme Pelzstiefel, und machte die Gamaschen darüber fest.

»Ich versteh nicht, wie du’s da draußen aushältst«, meinte Jeremy. »In dieser öden Eiswüste. Naja, wenigstens kommst du ja jetzt hier weg, was?«

Ihre Finger zitterten, als sie die Gesichtsmaske aufsetzte. »Wer sagt das?«, fragte sie und versuchte, ihre Stimme ruhig und beiläufig klingen zu lassen. Sie zog die Kapuze über zwei Wollmützen – fast fertig. Ihre Eingeweide schienen alle im Chor zu schreien: Schnell, beeil dich!

»Der Typ mit dem Flugzeug, Max. Er meinte, du würdest studieren gehen.«

»Max redet zu viel«, erwiderte sie. »Ich gehe nirgendwohin.« Sie machte den Klettverschluss am Halsteil ihrer Kapuze zu und griff nach ihrer Notausrüstung. Das kleine Paket enthielt eine Taschenlampe, ihre Eisaxt, ein Paar Flanellhosen zum Wechseln und einige Essensrationen. So ausgestattet konnte sie das Packeis mehrere Tage lang absuchen, falls das nötig werden sollte.

»Nur, weil das hier alles ist, was du kennst, heißt das nicht, dass es nichts anderes gibt«, sagte Jeremy. »Wünschst du dir denn kein normales Leben? Du warst noch nie woanders. Du bist hier aufgewachsen, du hast hier Unterricht gehabt. Willst du denn gar nicht raus in die Welt, Leute in deinem Alter treffen, Dinge tun wie andere Menschen auch?«

Sie liebte das Eis. Sie liebte es, Bären aufzuspüren und zu verfolgen. »Das hier ist mein Zuhause«, sagte sie kurz.

»Ich dachte auch, ich könnte hier zu Hause sein. Weißt du, ich habe immer davon geträumt hierherzukommen, jahrelang. Aber jetzt … He, wie auch immer, Träume ändern sich. Daran ist nichts Falsches. Ich bewerbe mich gerade um eine nette, gemütliche Postdoktorandenstelle daheim in Los Angeles, an der UCLA.«

»Schön für dich«, erwiderte Cassie. Ihre Träume änderten sich nicht. Nichts und niemand – weder Dad noch Gram noch Max – konnte sie zwingen, ihr Leben hier zu verlassen. »Ich bin gleich wieder da«, sagte sie, öffnete die Innentür und schloss sie hinter sich.

Eine Sekunde lang rang sie mit sich selbst. Sollte sie hierbleiben und versuchen, Dad und Gram zur Vernunft zu bringen? Aber Worte hatten schon zuvor nichts ausgerichtet. Nein, dachte sie, wenn ich jetzt nichts tue, dann sitze ich in drei Stunden in einem Flugzeug nach Fairbanks. Das konnte sie nicht zulassen. Sie öffnete die Außentür und trat hinaus in die Arktis.

Sofort versengte Kälte sie, schnitt in sie hinein wie mit Messern. Im Nu war ihre Gesichtsmaske gefroren. Tief atmete Cassie die bitterkalte Nachtluft ein. Sie fühlte sich spröde und scharf in ihrer Kehle an, als wäre sie voller Glassplitter. Genau das hatte sie gebraucht, um den Kopf frei zu kriegen. Die eisige Luft beruhigte sie, wie immer.

Cassie stand im Lichtkreis der Stationsleuchten, das Gesicht der blauen Finsternis zugewandt. Stille umgab sie. »König der Eisbären!«, rief sie hinaus in das Schweigen. »Ich komme, um dich zu finden! Hörst du mich?«

Sie wartete einen Augenblick, lauschte. Schnee wirbelte über ihre Füße. Sie wischte den Reif von der Schutzbrille und ließ ihren Blick suchend über die in Dunkel getauchten Eisfelder schweifen. Der Wind blies Schnee über die im Mondlicht glänzenden Schneewehen und Kämme. Blaue Schatten oszillierten über dem Eis.

Cassie schüttelte sich. Sie hatte doch wohl nicht ernsthaft erwartet, dieser angebliche König der Eisbären würde ihr antworten, oder? Das war einfach irre. Kinnaq, fiel ihr ein – das war Inupiaq für »Verrückte«.

Naja. Übermüdet, wie sie war, hatte sie (wenn auch nur einen Augenblick lang) tatsächlich geglaubt, es gäbe einen magischen Eisbären. Aber das bedeutete doch nicht gleich, dass sie übergeschnappt war. Sie hatte glauben wollen, dass Grams Geschichte stimmte und ihre Mutter noch am Leben war. Aber das machte sie noch lange nicht zu einer Verrückten. Sie würde den Bären finden und Gram, Dad und sich selbst beweisen, dass er ganz normal war. Entschlossen marschierte Cassie auf den Schuppen zu, in dem die Schneemobile standen –

– als sich über ihr plötzlich ein gewaltiger Schatten erhob.

Turmhoch ragte der riesige Bär über ihr auf. Sein Umriss löschte die Sterne aus. Sein Fell reflektierte das Licht der Station, und seine Silhouette schimmerte, als wäre er ein spirituelles Wesen, eine Gottheit der Inuit, ja, Mashkuapeu selbst, der Herr der Bären. Die Arktis kam ihr plötzlich winzig klein vor. Sie war in sich zusammengestürzt und bestand nur noch aus ihnen beiden – Cassie und dem Eisbären.

Der Bär öffnete seine Schnauze. Sie konnte weiße Fangzähne erkennen und eine schwarze Zunge. Eine gewaltige Pranke fuhr auf sie hinunter, und sie duckte sich weg. Im Augenwinkel sah sie, wie etwas Glitzerndes aus der Klaue des Eisbären tropfte. Als es in den Schnee fiel, drehte er sich einmal um sich selbst. Dann ließ er sich auf alle viere nieder und zog sich bis dorthin zurück, wo der Lichtkreis der Flutlichtlampen endete.

Cassie blickte nach unten, hinüber zu der Stelle, wo der Bär gestanden hatte. Schon begann eine dünne Schneedecke, seine Spur zu verwischen. In der Rundung eines Tatzenabdrucks lag eine silberne Nadel mit einem orangefarbenen Schaft – der Betäubungspfeil.

Kapitel Drei

Geografische Breite: 70° 49' 23" N

Geografische Länge: 152° 29' 25" W

Höhe: 3 m

Die Tür war nur ein paar Schritte entfernt. Wenn sie einen großen Satz machte, konnte sie sich nach drinnen retten, und festes Metall wäre zwischen ihr und dem Bären. Aber sie hatte ihn gerufen, und er war gekommen. Der Betäubungspfeil, den sie draußen im Meereis auf ihn abgeschossen hatte, lag vor ihr. Unmöglich, unerklärlich, aber er hatte ihn ihr zurückgebracht. Sie fühlte sich benommen und merkte, dass sie am ganzen Körper zitterte. Sie blickte auf und sah zu ihm hinüber.

Er war eine Ballung von Schatten am Rande des Lichtkreises der Station. Sie konnte den Umriss seiner Schnauze und die Rundung seiner Schultern erkennen. »Cassandra Dasent«, sagte er, seine Stimme ein sanftes Grollen.

Ihr Herz setzte aus.

Er sprach.

Sie schnappte nach Luft, ihr schwindelte. Der Bär hatte ihren Namen gesagt. Ganz sicher. Sie hatte es genau gehört. Er hatte ihren Namen gesagt. Aber echte Eisbären sprachen nicht. Sie konnten es nicht. Ihre Schnauze war nicht dafür geschaffen.

»Ich werde dir nicht wehtun«, sagte der Bär.

Er hatte nicht die richtigen Stimmbänder. Er konnte die Schnauze nicht bewegen wie ein Mensch seine Lippen. Seine Zunge konnte keine Wörter formen. »Eisbären sprechen nicht«, sagte sie rundheraus. »Du bist nicht real.«

»Hab keine Angst«, sagte der Bär. Er trat in den Lichtzirkel hinein, den die Stationslampen bildeten. Automatisch machte sie einen Schritt rückwärts. Ihr Herz begann immer schneller zu pochen, während er auf sie zukam. Seine Tritte waren auf dem Eis nicht zu hören.

»Wach auf«, flüsterte sie zu sich selbst. »Schluss damit!« In ihren Handschuhen bohrte sich Cassie die Fingernägel in die Handballen, bis es schmerzte. Aber sie wachte nicht auf, und der Bär blieb, wo er war.

Direkt vor ihr stoppte er. Jetzt erst wurde sie seiner enormen Größe gewahr. Seine Schultern befanden sich auf einer Höhe mit ihren, und seine Schnauze … Auf allen vieren war er genauso groß wie sie. Auge in Auge standen sie sich gegenüber. »Du bist eine Halluzination«, sagte sie. Ihre Stimme klang dünn und brüchig. »Ein Trugbild, ein Phantom.«

»Nein. Das bin ich nicht.«

Sie duckte sich weg, als sie seinen warmen Atem auf ihrer gefrorenen Schutzmaske spürte. Oh Gott, das hatte sich verdammt echt angefühlt! Das konnte sie sich nicht eingebildet haben. »Ich glaube nicht an sprechende Bären«, sagte sie, ihre Stimme nur mehr ein Wispern.

»Du bist Gails Tochter«, sagte der Bär. Seine Stimme klang sanft, sogar freundlich.

»Du bist eine wissenschaftliche Unmöglichkeit«, sagte Cassie. Das konnte nicht wahr sein, dass sie das hier wirklich sah, wirklich hörte. Es gab Gesetze im Universum, und darin war kein Platz für sprechende Bären, besonders nicht für sprechende Bären, die den Namen ihrer Mutter kannten. Sie schluckte. Niemand hatte jemals so von ihr geredet, als Tochter ihrer Mutter.

»Du hast mich gerufen«, sagte der Bär. Immer noch sanft, doch auch unnachgiebig. »Ich beobachte dich schon seit langer Zeit. Ich habe gewartet, bis du kein Kind mehr warst, bis du von mir wusstest. Vor ein paar Stunden kanntest du mich noch nicht, aber jetzt hast du mich gerufen. Deine Familie hat dir gesagt, wer ich bin?« Das war eine Frage. Fast hätte sie diese in dem langsamen Rhythmus seiner Stimme überhört.

»Sie haben mir Märchen erzählt«, sagte sie und dachte an Gram.

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da sagte der Nordwind zum König der Eisbären … Märchen und Lügen. Doch welches war die Lüge?

»Glaube sie, Geliebte!«

Geliebte?

»Nein«, sagte sie. Nein, sie würde sich das nicht länger anhören. Sie würde nichts davon glauben. Denn das würde bedeuten, Dad hätte sie angelogen. Es würde bedeuten, ihre Mutter hätte sie verschachert, noch bevor sie überhaupt geboren war.

Es zu glauben bedeutete aber auch, ihre Mutter war nicht umgekommen in dem Sturm, der in Barrow, Alaska, Häuser dem Erdboden gleichgemacht und halb Prudhoe Bay unter sich begraben hatte.

»Dann glaube eben deiner Familie nicht, doch traue wenigstens deinen eigenen Augen und Ohren.«

Ihre Augen sagten ihr, dass es sich bei ihm um einen Ursus maritimus handelte, einen Eisbären; ihre Ohren sagten ihr, dass er sprach. Cassie kniff die Augen fest zusammen. »Du existierst nicht.« Das war Selbstbetrug. Ihre Sinne spiegelten ihr etwas vor und ließen sie etwas glauben, das sie schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr glaubte: dass ihre Mutter noch lebte. Cassie öffnete die Augen. Der Bär war immer noch da.

»Ich bin dieser Eisbär«, sagte er, »Und du bist meine Braut.«

»Nein«, sagte sie – Nein zu ihm, Nein zu dem, was hier vorging, Nein zu allem.

Sein Gesichtsausdruck schien unergründlich. »Deine Mutter hat es versprochen.«

Das war grausam. Einfach nur grausam. »Meine Mutter ist tot. Sie kam in einem Schneesturm um, kurz nach meiner Geburt.« Cassie spürte, wie sich bei diesen Worten ihr Herz verkrampfte.

Einen Augenblick lang herrschte völlige Stille. Schnee umwirbelte sie beide – Cassie und den riesigen Eisbären –, als wären sie Figuren in einer überdimensionalen Schneekugel. »Das wünschst du dir also?«, fragte der Bär.