Ich bin V wie Vincent - Lucinde Hutzenlaub - E-Book

Ich bin V wie Vincent E-Book

Lucinde Hutzenlaub

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Beschreibung

32 Schüler, die wegsehen, und ein Junge, der seine Stimme erhebt.

Milo ist neu an der Schule. Er ist gerade erst mit seiner Familie aus Namibia ins triste Deutschland gezogen und hat fürchterliches Heimweh. Nur Nike, das beliebteste Mädchen der Klasse ist ein Lichtblick. Milo mag sie. Und Nike mag Milo. Dafür macht der eifersüchtige und aggressive Max Milo das Leben zur Hölle. Aus Verzweiflung startet Milo seinen YouTube-Kanal „V wie Vincent“. Seine Videos verbreiten sich rasend schnell und ermutigen viele mit einem ähnlichen Schicksal. Doch Milo hat nicht mit den Folgen gerechnet …

Eine Geschichte über Liebe, über Vertrauen – und über Helden.

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EPUB



Das Buch

»Teilt, kommentiert und schickt mir eure Geschichten! Sie haben es alle verdient, gehört zu werden. Jeder einzelne von euch ist einzigartig und wichtig! Also: Du da draußen! Solltest du mir zuhören und solltest du Ähnliches erleben wie ich, will ich dir nur sagen: Du bist nicht allein!«

Er hob die linke Hand zum Victory- Zeichen und blendete seine drei Hashtags wieder ein. #dubistnichtallein #vwievincent #mutigundwahr

Eine Geschichte über Liebe, über Vertrauen – und über Helden.

Die Autorin

© @jakobgeisselephotography

Lucinde Hutzenlaub wurde in Stuttgart geboren und lebt nach mehreren Auslandsaufenthalten auch wieder dort. Sie arbeitet als Autorin und Kolumnistin, ist verheiratet, und hat drei Töchter und einen Sohn im Alter zwischen 11 und 21. Bei jeder (Liebes-)geschichte der Vier lacht, liebt und leidet Lucinde immer auch ein bisschen mit.

Mehr über Lucinde Hutzenlaub: www.lucinde-hutzenlaub.de

Lucinde Hutzenlaub bei Instagram: www.instagram.com/lucindeschreibt/

Lucinde Hutzenlaub auf Facebook: www.facebook.com/HutzenlaubLucinde

Der Verlag

Du liebst Geschichten? Wir bei Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH auch! Wir wählen unsere Geschichten sorgfältig aus, überarbeiten sie gründlich mit Autoren und Übersetzern, gestalten sie gemeinsam mit Illustratoren und produzieren sie als Bücher in bester Qualität für euch.

Deshalb sind alle Inhalte dieses E-Books urheberrechtlich geschützt. Du als Käufer erwirbst eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf deinen Lesegeräten. Unsere E-Books haben eine nicht direkt sichtbare technische Markierung, die die Bestellnummer enthält (digitales Wasserzeichen). Im Falle einer illegalen Verwendung kann diese zurückverfolgt werden.

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Viel Spaß beim Lesen!

Für uns alle. Superhelden unseres eigenen Lebens.

#dubistnichtallein

#vwievincent

#mutigundwahr

KAPITEL 1

Milo

Milo sah nervös auf die Uhr. Der Unterricht hatte vor genau drei Minuten und siebenundvierzig Sekunden begonnen. Seitdem stand er nun schon reglos vor der Klassenzimmertür. Drinnen im Raum herrschte immer noch Chaos. Gerade hatte der Lehrer mit lauter Stimme das erste Mal um Ruhe gebeten. Milo vermutete, dass es Herr Doktor Schneider war. Dieser Name stand zumindest auf dem Zettel, den er in seinen feuchten Händen hielt: Doktor Hans-Georg Schneider, Mathematik/Geografie. Klassenlehrer 10c. Klassenzimmer N114.

N wie Neubau. N wie der Neue.

Milo atmete tief ein und wieder aus. Seine Hände zitterten und er schwitzte. In seinem Magen breitete sich ein flaues Gefühl aus, je länger er hier stand. Am liebsten wäre er weggelaufen. Er schloss die Augen.

Ruhig bleiben, Milo, ermahnte er sich selbst und versuchte, all die positiven Gedanken hervorzukramen, die seine Großmutter ihm gestern via Skype noch mit auf den Weg gegeben hatte. »Jeder Neuanfang ist auch eine Chance, Milo. In deiner alten Klasse warst du total beliebt. Du findest bestimmt schnell neue Freunde. Sei einfach du selbst«, hatte sie ihm geraten.

Ihr Lächeln war so zuversichtlich gewesen, dass er selbst daran geglaubt hatte, dass heute ein guter Tag werden würde. Zumindest solange sie geskypt hatten. Aber schon in der Nacht waren ihm Zweifel gekommen. Es war nicht wirklich ein Kunststück, Milo zu sein, dort, wo seine Freunde waren. Es war etwas ganz anderes, den vielen Augen und dem strengen Urteil einer neuen Klasse ausgeliefert zu sein.

Aber es half ja alles nichts. Er lächelte, um sich selbst aufzumuntern, und griff nach dem Himba-Armband mit den drei kleinen Muscheln, das seine Großmutter ihm zum Abschied aus Namibia geschenkt hatte. Jede Muschel stand für etwas anderes: die erste für Mut, die zweite für Zuversicht und die dritte für die Liebe. Wenigstens hatte er seinen Glücksbringer dabei. Er schaute an sich herunter. Wie immer hatte er sich mit seinem Outfit Mühe gegeben: Weißes Hemd, eine beige, bis über die Knöchel hochgekrempelte Chino und helle Sneakers. Neutral, aber stylish. Am Dienstag war er extra noch beim Friseur gewesen, aber ganz kurz wollte er sich die Haare nicht schneiden lassen. Die Spitzen waren immer noch von der namibischen Sonne gebleicht. Er fand sich okay. Nicht so lässig wie Carl, sein kleiner Bruder, und ganz bestimmt auch nicht so auffallend gut aussehend, aber eben okay. Außerdem musste es reichen. Mehr hatte er einfach nicht zu bieten. Und er würde jetzt ja wohl kaum noch mal nach Hause fahren und sich umziehen, selbst wenn er gekonnt hätte. Nein, wenn er jetzt ginge, dann würde er nicht mehr hierher zurückkommen. Denn dann würde er in dem Zimmer, das sich vielleicht niemals wie seines anfühlen würde, ein paar Klamotten in einen Koffer werfen, ein Taxi zum Flughafen nehmen und nach Namibia zurückfliegen. Elf Stunden später wäre er in Windhoek. Sein wahres Zuhause. Kurz gönnte er sich die Fantasie, wie ihn alle am Flughafen abholen würden: seine Freunde Jake, Ferdi, Susan, Ellie und Mats und seine Großeltern natürlich.

Aber nein. Sein Zuhause war jetzt hier. Mit seinen Eltern und Carl. Milo schnaubte und legte seine Hand auf die Türklinke. Nein, es half alles nichts. Augen zu und durch. Ein letzter tiefer Atemzug und dann drückte er die Klinke nach unten.

Alle Gespräche verstummten sofort. Jeder einzelne Schüler starrte ihn an, selbst Doktor Schneider (wenn er es denn war) hatte mitten in der Bewegung innegehalten. Es sah so aus, als drohe er dem großen kräftigen Jungen mit den blonden Haaren in der ersten Reihe mit erhobener Hand. Der grinste nur. Schnell ließ Milo den Blick durch die Klasse schweifen, aber seine Augen fanden nicht ein einziges freundliches Gesicht, kein willkommen heißendes Lächeln, an dem er sich hätte festhalten können. Innerhalb von Sekundenbruchteilen fiel Milos restliches Selbstvertrauen in sich zusammen wie ein Kartenhaus bei einer Sturmbö. Er hatte sich noch nie in seinem Leben so fremd gefühlt.

»Äh. Ich …«

Herr Doktor Schneider ließ seine Hand sinken und wandte sich ihm widerwillig zu. Offensichtlich gefiel ihm diese Störung überhaupt nicht. Ob er überhaupt wusste, dass er ab heute einen neuen Schüler hatte?

»Ja?«, genervt zog er seine Augenbrauen nach oben.

»Ich äh, ich …«

»Ja, was denn? Du äh, du äh …«

Die Klasse lachte.

Milo schwitzte noch mehr. Das Bedürfnis zu fliehen, war kaum noch zu unterdrücken. Mühsam schluckte er den Kloß im Hals herunter.

Nicht heulen, Milo, sonst hast du gleich komplett verkackt. Dann brauchst du morgen überhaupt nicht mehr wiederzukommen!

Er schluckte noch einmal und räusperte sich kurz. Dann strich er über das Himba-Armband, um sich Mut zu machen, und schließlich blieb sein Blick an der überdimensionalen Weltkarte hängen, die an der hinteren Klassenzimmerwand hing. Unten links war Afrika. Und Namibia ein kleines, beinahe perfektes Dreieck an der Westküste.

»Ich bin Milo Zander. Ich soll … hier in diese Klasse …« Souverän ging anders. Aber immerhin waren es beinahe zwei vollständige Sätze gewesen.

»Zander? Wie der Fisch?« Der Junge aus der ersten Reihe, der Milo als Allererstes aufgefallen war, drehte sich nach hinten um und feixte.

»Hey, Leute! Wir haben einen Neuen in der Klasse! Einen neuen Fisch!« Die Ersten lachten.

Ein feuchtes Papierkügelchen traf Milo an der Wange und er zuckte zusammen. In seinen Ohren rauschte es. Oh Gott. Das fing noch schlimmer an, als er es sich ausgemalt hatte. Nicht heulen! Und bitte auch nicht ohnmächtig werden!

»Ruhe!«, donnerte Herr Doktor Schneider. »Ruhe, verdammt noch mal! Wir haben nicht einmal die erste Schulstunde hinter uns gebracht und schon bin ich wieder ferienreif! Max!« Er drehte sich zu dem blonden Jungen in der ersten Reihe um. »Du fängst wohl genau da an, wo du im letzten Schuljahr aufgehört hast, was? Ich warne dich: dass du in der zehnten Klasse bist, hat mehr mit Glück zu tun als mit dem bisschen Verstand, den du zwischen den Ohren hast! Ich will von dir jetzt nichts mehr hören, sonst bist du schneller aus diesem Klassenzimmer draußen, als du piep machen kannst!«

»Piep!«

Herr Doktor Schneider verdrehte die Augen und schnaubte, aber Max wusste offensichtlich, wie weit er gehen konnte, denn anstatt ihn tatsächlich vor die Tür zu setzten, wandte sich Herr Doktor Schneider seufzend wieder an Milo.

»Und du? Neuer! Zander! Es wäre schön gewesen, wenn das Sekretariat mich ein einziges Mal informiert hätte. Aber da kann ich wohl warten, bis ich schwarz werde. Setz dich dahinten in die letzte Reihe neben Sarah! Und ab morgen bist du pünktlich, verstanden?«

»Verstanden, Herr Doktor Schneider«, sagte Milo und warf sich seinen Rucksack über die Schulter, den er zwischen seinen Füßen abgestellt hatte. Nur weg hier und aus der Schusslinie von Schneider, Max und den beißenden Blicken der 10c. Er machte den ersten Schritt. Dann blieb er stehen.

»Ich heiße Milo, Herr Doktor Schneider. Milo Zander.« Verstanden?

Feindschaft auf den ersten Blick, dachte Milo. Vermutlich war es nicht unbedingt schlau gewesen, sich gleich zu Beginn beim Klassenlehrer unbeliebt zu machen. Aber neu oder nicht – auch Milo hatte seine Grenzen. Er spürte Schneiders Blick im Nacken, als er vorsichtig zwischen den ersten beiden Tischen hindurch nach hinten ging und sich dabei bemühte, nicht über die Taschen zu stolpern, die im Weg lagen.

Hätte er nicht ein bisschen mehr Glück mit seinem Klassenlehrer haben können? Wehmütig dachte er an Frau Stein, die seit der Grundschule seine Lehrerin an der Deutschen Schule in Windhoek gewesen war. Sie war zwar streng und anspruchsvoll, was die Leistung und das Benehmen ihrer Klasse anging, aber fair.

»Hey, Goldfisch, Vorsicht mit meinem Rucksack, ja? Sonst bringe ich morgen meine Katze mit in die Schule – die steht nämlich auf Fische wie dich!«, grölte dieser Max ihm hinterher.

Milo drehte sich kurz um, und sah ihm direkt in die Augen. Glitzernde Wut lag in Max’ Blick und eine Leere, die Milo beinahe noch mehr erschreckte. Dieser Typ stand auf Stress, so viel war klar. Besser, er hielt sich aus seiner Schusslinie heraus. Milo schluckte eine Erwiderung runter und ging, so schnell er konnte, in die hinterste Reihe. Vorbei an sich drehenden Köpfen, fliegenden Papierkügelchen, Gelächter und Menschen, aus deren Gesichtern nichts anderes sprach als Hohn, Ablehnung und Kälte.

Den Rest seines ersten Schultages verbrachte Milo hauptsächlich im Klassenzimmer und bemühte sich darum, so unsichtbar wie möglich zu sein. Wenn er auch insgeheim darauf gehofft hatte, dass sich vielleicht irgendjemand für ihn interessierte – und zwar nicht nur um herauszufinden, wie man ihn am besten quälen konnte –, so musste er diese Hoffnung schnell begraben. Nein, das Beste, was ihm passieren konnte, war wohl, dass sich niemand für ihn interessierte. Vor allem nicht dieser Max. Milo beglückwünschte sich selbst dazu, dass er geistesgegenwärtig genug gewesen war, sich ein Pausenbrot mitzunehmen, und bis zu Chemie in der fünften Stunde das Klassenzimmer nicht verlassen musste.

Wenigstens hatten sie nicht gleich am ersten Tag Sport. Das kam erst am Donnerstag auf ihn zu. Normalerweise hatte Milo Spaß im Sportunterricht, vor allem, wenn wie jetzt Basketball auf dem Lehrplan stand. Seine Sportart. Aber was machte er sich überhaupt Gedanken um morgen? Erst einmal musste er heute überstehen.

Das Theodor-Heuss-Gymnasium war so viel größer als seine alte Schule, in der er jeden Winkel, jedes Zimmer und definitiv jeden Schüler kannte. Hier sah alles und jeder gleich aus. Er hatte schon am Morgen Schwierigkeiten gehabt, überhaupt das Klassenzimmer zu finden, sich aber dann einfach nicht von seinem Platz wegbewegt. Das hatte zum einen den Vorteil, dass er sich nicht verlaufen konnte, und zum anderen, dass er in den Pausen nicht den Sticheleien von diesem Max ausgesetzt war, der das Klassenzimmer immer schon während des Klingelns verließ. Sich unsichtbar zu machen war ihm gut gelungen.

Zur Fünften hängte er sich auf dem Weg zum Chemieunterricht einfach an die anderen dran. Er durfte nur nicht seine Klasse aus den Augen verlieren. Ob er es wohl je schaffen würde, ihre Gesichter zu unterscheiden? Einen Freund zu finden? Namibia und seine Freunde dort nicht in jeder einzelnen Sekunde zu vermissen? Nun, er hatte mindestens ein ganzes Schuljahr vor sich, um das herauszufinden. Ein ganzes Jahr. Und dann würde er weitersehen. Dabei fiel es ihm schon schwer, über diesen allerersten Schultag hinauszudenken.

Ein Schritt nach dem anderen, Milo. Du schaffst das schon. Jeder und alles hat schließlich eine zweite Chance verdient, sagte seine Großmutter immer. Und morgen war auch noch ein Tag.

KAPITEL 2

Milo

»Milo?« Seine Mutter klopfte an die Zimmertür. Milo sah auf. Erst jetzt stellte er fest, dass es draußen langsam dunkel wurde. Anscheinend war der Nachmittag an ihm vorübergezogen, ohne dass er es bemerkt hatte.

»Ja?«

»Kommst du zum Abendessen?«

Er blinzelte. Milo hatte überhaupt keine Lust, den Platz vor seinem Computer zu verlassen. Seit Stunden saß er einfach nur da und starrte bewegungslos auf den Bildschirm im Stand-by-Modus. Er hatte keine Kraft, auch nur die Maus zu bewegen. Beinahe fühlte er sich, als hätte dieser erste Schultag ihn komplett gelähmt. Wenn er nur lange genug hier saß, loggte sich ja vielleicht doch noch einer seiner alten Freunde ein. Milo schaute auf die Uhr. Halb sieben. Wenn es hier halb sieben war, dann war es in Namibia halb acht. Ebenfalls Abend. Es war Mittwoch. Und somit waren garantiert alle an der Schule beim wöchentlichen Basketballtraining. Heute würde sich wohl keiner von seinen Freunden mehr bei ihm melden. Milo seufzte. In seinen Gedanken hörte er beinahe das Quietschen der Turnschuhe auf dem Hallenboden, das Geräusch, wenn der Ball vom Boden abprallte, und das Gelächter. Plötzlich hatte er sogar den Geruch der Turnhalle in der Nase. Er schloss die Augen und lächelte. Dass er sogar einmal Heimweh nach dem Turnhallengeruch haben würde, war schon auch irgendwie lustig. Wenn er nur dort sein könnte.

Sehnsüchtig dachte er an die fröhlichen Abende beim Training. An all das Geplänkel, die Neckereien und kleinen Kämpfe um den Sieg. Wobei, am Ende hatten immer alle irgendwie gewonnen: Jake und Ferdi hatten die meisten Körbe gemacht. Dafür war Susan superschnell und die winzige Ellie unheimlich wendig, wenn es darum ging, sich am Gegner vorbeizumogeln. Mats und er selbst waren Riesen, an denen kaum einer vorbeikam. Aber der absolute Superstar war Milos kleiner Bruder Carl. Von wegen klein. Er war zwar beinahe zwei Jahre jünger als er selbst, aber schon jetzt mindestens einen Kopf größer. Außerdem hatte er viel mehr Energie, war superschnell und wendig, und hatte noch dazu eine unglaubliche Sprungkraft. Wer Carl im Team hatte, war der Gewinner. Dabei war Carl selbst immer am erstauntesten, wenn seine Mannschaft gesiegt hatte. Er feierte jeden Korb, als sei er ein Wunder, und dabei war es ihm egal, ob es ein eigener oder einer der gegnerischen Mannschaft war.

Milo lächelte beim Gedanken an seinen kleinen Bruder. Er war so stolz auf ihn. Carl erzählte absolut jedem, ob er es wissen wollte oder auch nicht, dass er mal Profi werden wollte. Namibischer Basketballprofi selbstverständlich. Ob er wohl noch daran glaubte, obwohl sie hier bisher keinen Verein für ihn gefunden hatten und der Basketball seit ihrer Ankunft in Deutschland hinter der Eingangstür lag, ohne je benutzt zu werden? Carl schien auf gar nichts mehr Lust zu haben, seitdem sie in Deutschland waren. Am wenigsten auf Basketball.

Sie hatten hier noch nicht einmal eine Einfahrt, in der sie einen Korb aufstellen konnten. Anstelle des großzügigen Hauses und weitläufigen Gartens in Namibia wohnten sie hier in einem winzigen Häuschen, das Mama schon vor ein paar Jahren von ihrer Tante geerbt hatte.

Nichts gegen das Haus. Es war zwar klein und alt, aber Papa, Carl, Mama und er hatten es sich supergemütlich eingerichtet. Den ganzen Sommer über hatten sie Wände herausgerissen, alles neu gestrichen und nachdem eine neue Küche und ein neues Bad eingebaut worden war (was ihre Reserven komplett verschlungen hatte) und die Möbel, Decken und Teppiche, Bilder und Lampen aus ihrem alten Haus endlich angekommen waren, war es sogar ziemlich cool geworden. Aber auch sehr endgültig.

Nein, Milo hatte absolut keinen Hunger. Andererseits: Seine Mutter allein am Küchentisch sitzen zu lassen, ging irgendwie auch nicht. Sein Vater arbeitete gefühlte vierundzwanzig Stunden am Tag, und seitdem er diesen neuen Job als verantwortlicher Ingenieur bei einer Baufirma angenommen hatte, ging er in seiner Freizeit meist in den Keller, um, wie er sagte, endlich mal die restlichen Umzugskisten auszupacken. In Wahrheit gab es dafür keinen Grund, denn die meisten Kisten waren längst leer. Er wollte wohl einfach für sich sein.

Carl lag in seinem Bett und schlief. Wie sein erster Tag gewesen war, hatte Milo nicht herausfinden können. Als Milo von der Schule heimkam, hatte er schon im Bett gelegen und das »Nicht eintreten, Todesgefahr!«-Schild an seiner Tür aufgehängt. Es hatte zwar schon in Namibia an seiner Zimmertür gehangen, aber immer mit der »Hallo und herzlich willkommen, komm rein, wenn du was zu essen dabeihast«-Aufschrift nach vorne.

Milo gab sich einen Ruck. »Ich komme!« Er warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf den grauen Bildschirm und stand auf, um zu seiner Mutter in die Küche zu gehen. Vielleicht konnte er ihr ja erzählen, wie es heute gewesen war. Und vielleicht konnte sie ihn trösten, wusste irgendwas, das ihm Hoffnung geben konnte. Oder ganz vielleicht reichte es einfach schon, wenn sie ihn ansah, wirklich ansah, und nicht durch ihn hindurch, wie so oft in den letzten Tagen und Wochen.

»Mama?« Milo hatte beinahe aufgegessen und schob mit seiner Gabel nun das letzte Stückchen Huhn auf seinem Teller herum. Sie hatten während des Essens kaum ein Wort miteinander gewechselt und es hatte Milo einige Kraft gekostet, nicht aufzuspringen und davonzulaufen. Oder schlimmer noch, seine Mutter anzubrüllen und sie zu fragen, was ihr eigentlich einfiel, sein komplettes Leben in eine unendlich deprimierende Abfolge von Tagen zu verwandeln, von denen einer schlimmer werden würde als der nächste. Er schluckte. Wut und Traurigkeit rannen scharf seine Kehle hinab und brannten in seinem Magen wie Feuer.

»Ja?« Auch seine Mutter schien nicht wirklich hungrig zu sein. Sie pikte mit der Gabel in ihrem Salat, ohne wirklich etwas zu essen. Als sie ihn ansah, waren ihre Augen müde. So müde. Milo wusste, dass auch sie erschöpft und traurig war und seine Wut fiel in sich zusammen.

Nein, er wollte absolut nicht, dass sie sich auch noch um ihn Sorgen machen musste. »Ach, vergiss es.«

Milo versuchte zu lächeln, aber es fiel ihm schwer. Am liebsten würde er fragen, warum sie nicht einfach wieder zurückgehen konnten. Zurück nach Namibia und in ihr altes Leben. Aber er kannte die Antwort. Sie waren in Deutschland, weil sein Vater in Namibia seinen Job als Ingenieur verloren hatte und seine neue Arbeitsstelle eben hier war. Besser bezahlt. Sicherer. Und jetzt, nachdem beide Eltern ihr ganzes restliches Geld in den Umbau des Hauses gesteckt hatten, war eine Rückkehr nach Namibia sowieso unmöglich. Auch wenn die Großeltern mithalfen (und das würden sie sicher tun, schließlich lebten sowohl die Eltern seiner Mutter als auch die seines Vaters dort und wollten ihre Enkel gern in der Nähe haben) – aber das war einfach nicht drin. Nein, die Antwort hatte er oft genug in den letzten Wochen von ihnen gehört und mit der Frage quälte er sie nur. Und sich selbst sowieso. Vermutlich hatte seine Mutter noch nicht einmal die Energie, um Heimweh zu haben.

Seine Mutter griff nach Milos Hand. »Komm schon, Milo, was ist los? Erzähl mir doch ein bisschen von deinem ersten Tag?« Aufmunternd lächelte sie ihn an, aber ihre Augen blieben traurig. Milo kniff die Lippen aufeinander und zog seine Hand aus ihrer.

»Ach, der erste Tag … Nichts Besonderes, Mama.«

Früher wäre keine Lüge über seine Lippen gekommen. Es gab einfach auch keinen Grund. Heute log er seine Mutter mit Leichtigkeit an. Er redete sich ein, dass dies zu ihrem Schutz geschah.

»Und deine Klasse? Sind ein paar nette Jungs dabei?«

Max’ Bild erschien vor Milos Augen und er zuckte zusammen. Nur nicht an ihn oder gar an morgen denken. »Ach Mama, ich kenne ja noch keinen. Die sind bestimmt alle ganz … okay?« Für eine Sekunde schloss er die Augen. Hoffentlich kaufte sie ihm das ab. Seine Mutter war zwar sehr mit sich selbst beschäftigt, aber trotzdem hätte sie niemals zugelassen, dass eines ihrer Kinder gequält wird. Zu wissen, wie grässlich Milos erster Tag wirklich gewesen war, hätte für sie alles noch viel schlimmer gemacht. Und was konnte sie schon tun? Nichts. Gar nichts. Da musste er wohl alleine durch.

»Es geht mir gut.« Da, schon wieder. Als er den Zweifel in ihrem Blick las, legte er nach. »Alles gut.«

Er bemühte sich um ein glaubhaftes Lächeln, während sein Herz schmerzhaft den gleichen immer wiederkehrenden Takt schlug: Frag nach! Frag nach! Frag nach!

Enttäuscht und gleichzeitig erleichtert darüber, dass sie es nicht tat und dass er diesen schrecklichen Tag überstanden hatte, ohne zusammenzuklappen, stand er schließlich vom Tisch auf. »Muss los. Hausaufgaben. Sorry, Mama.«

Das schlechte Gewissen, weil er seine Mutter allein am Tisch sitzen ließ, breitete sich langsam aber stetig in seinem Magen aus. Gleichzeitig hielt er es nicht eine Sekunde länger aus. Diese beschissenen Lügen! Raus! Er wollte raus! Nach Hause! Zurück in sein altes Leben! Dass er nicht einfach zurückkehren konnte, zerriss ihm zuverlässig spätestens dann das Herz, wenn er in seinem Bett lag und die Augen schloss. Sein Verstand betete tagsüber immer die gleichen Argumente herunter und hielt seine Gefühle in Schach. Aber in der Nacht übernahmen sein Herz und die Sehnsucht nach zu Hause die Oberhand.

Manchmal, wenn er nachts aufs Klo musste, wusste er im ersten Moment nach dem Aufwachen nicht so richtig, wo er genau war, bis die Kälte vom Fußboden in seine Füße kroch und ihn endgültig aus seinem Namibiatraum aufweckte. Das war der absolute tägliche Tiefpunkt. Zumindest bis heute.

Nach dem Tag in der Schule war Milo allerdings klar, dass es immer noch schlimmer werden konnte. Viel schlimmer.

»Gute Nacht, Mama.« Er legte im Vorbeigehen seine Hand auf die Schulter seiner Mutter.

Kurz schmiegte sie ihren Kopf an seinen Arm und seufzte. »Gute Nacht, Schätzchen. Schlaf gut.«

Schätzchen. Ein Kosename, so oft beiläufig gebraucht, dass er komplett die Bedeutung verloren hatte. Sie hätte genauso gut »Gute Nacht, Fremder« sagen können. Oder einfach gar nichts.

Milo schleppte sich die Treppe hinauf, um in sein Zimmer im ersten Stock zu gelangen. Mittlerweile war Carl aufgewacht. Milo hörte irgendeinen Hardcore Rap durch die Tür. Verwundert blieb er stehen. Schien nicht so, als sei Carl besonders guter Laune.

»Carl?« Er klopfte. Nichts.

Carl hatte ihn bestimmt nicht gehört. Wie sollte er auch, bei dem Krach. Er klopfte lauter.

Keine Reaktion. Vorsichtig öffnete er die Tür und schaute durch den Spalt.

Er lag auf seinem Bett und starrte an die Decke. Auf seinem Bauch lag ein Sofakissen und er trug eine schwarze Mütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte.

»Hey! Carl!«, sagte Milo laut und machte ein paar Schritte auf seinen Bruder zu.

»Hau ab!«, antwortete Carl, ohne sich zu rühren.

Abrupt blieb Milo stehen. »Geht’s noch? Was soll ich?«

»Was ist? Was stehst du hier so rum? Bist du blind? Ich chille! Lass mich in Ruhe, Mann, und verpiss dich aus meinem Zimmer!«

Carl zog die Mütze noch tiefer in sein Gesicht und drehte sich zur Wand, während die Bässe unvermindert laut wummerten.

Milo kniff die Augen zusammen. Das war ja echt kaum auszuhalten. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten und sich in seinem eigenen Zimmer versteckt, aber er würde nicht gehen, ohne dass er wusste, was hier los war. Noch drei weitere Schritte und er stand an Carls Bett. Irgendwie roch es hier seltsam.

Milo setzte sich auf die Bettkante. »Sag mal, hast du sie noch alle? Was ist denn los mit dir? Und warum stinkt es hier so nach Rauch?«

Immerhin drehte sich Carl jetzt zu ihm um und schob die Mütze nach oben. Wütend starrte er Milo an.

»Kannst du nicht lesen? Ich will alleine sein, okay? Und ich hab überhaupt keinen Bock, über irgendwas zu reden. Du mit deinem ›Wo ist das Problem, kleiner Bruder‹-Getue gehst mir so was von auf den Sack!« Er setzte sich aufrecht hin und nahm seine Mütze in die Hand. Wütend fuhr er fort, während er Milo böse anstarrte. »Es gibt nämlich ein Problem: Ich finde es hier zum Kotzen. Ich finde die Schule zum Kotzen. Und weißt du was? Dich finde ich am allermeisten zum Kotzen. Dieses weichgespülte ›Wir kriegen das schon irgendwie hin, Carl …!‹ Ich kann es nicht mehr hören! Was willst du denn machen? Wie Superman alles zum Guten wenden? Ach, komm schon! Geh in dein Zimmer und träum weiter, Milo, und lass mich einfach nur in Ruhe!« Damit drehte er sich mit dem Gesicht wieder zur Wand.

Milo stand da wie vom Donner gerührt.

Ja, sie hatten sich früher ab und zu gestritten und sie waren ganz sicher auch in den letzten Jahren nicht immer einer Meinung gewesen, aber derart grob und aggressiv hatte er Carl noch nie erlebt. So wie er gerade drauf war, konnte Milo ihm allerdings auch nicht helfen.

Milo verließ Carls Zimmer ohne ein weiteres Wort. Nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte, lehnte er sich gegen die Wand und schloss für einen Moment die Augen.

Wie Superman, hatte Carl gesagt. Schön wäre es, wenn er dessen Eigenschaften tatsächlich hätte. Als Erstes würde er … ach was auch immer es war, Hauptsache, sein Bruder fand es cool und es brachte ihn wieder zum Lachen. Carl hatte recht, er würde wirklich gerne alle Probleme von jedem lösen. Aber stattdessen kam er noch nicht einmal mit seinen eigenen klar.

Sorry, Carl, bin kein Superheld.

Wenn, dann wäre er sowieso nicht Superman, sondern eher »V« aus seinem Lieblingsfilm »V wie Vendetta«. Dieser Typ, also V, kämpfte ganz allein für die Wahrheit und die Unterdrückten in England. Er war ein Mensch. Einer gegen alle. Oder vielmehr für alle. Es glaubte ihm nur keiner. V trug den ganzen Film über eine Guy-Fawkes-Maske. So eine weiße, mit einem Bärtchen über dem eingestanzten Grinsen. Irgendwann im vorletzten Jahr hatte Milos Vater ihm auch so eine Maske mitgebracht und seitdem hing sie über seinem Bett. Milo hatte sich manchmal vorgestellt, wie es wäre, V zu sein. Ein bisschen V war er sogar tatsächlich. Immerhin war sein zweiter Vorname Vincent. Milo – V – Zander.

Er grinste. Obwohl er den Film schon mindestens hundert Mal gesehen hatte, stürzte ihn das Ende jedes Mal wieder in eine kleine Krise.

Milo beschloss, dass es höchste Zeit war, ihn zum hundertundersten Mal anzuschauen.

Er griff nach der Guy-Fawkes-Maske und setzte sie auf. Ganz schön unpraktisch dieses Ding, dachte er, wenn man ein Held sein wollte und immer mit einer Hand die Maske halten musste.

KAPITEL 3

Milo

Am nächsten Morgen war Milo der Erste im Klassenzimmer. Er hatte sich ausgerechnet, dass es vermutlich angenehmer war, wenn er vor seinen neuen Klassenkameraden dort war und schon saß, wenn einer nach dem anderen hereinkam. So hatte er vielleicht die Möglichkeit, irgendjemand in dieser Klasse auszumachen, der nicht so war wie Max.

Seine neue Nebensitzerin Sarah schien okay zu sein. Gestern hatte sie zwar nichts mit ihm geredet, sondern nur ihre Sachen zur Seite geräumt, damit er Platz für seine hatte. Aber ganz kurz hatte sie ihn sogar angelächelt.

Ansonsten hatte er nicht viel wahrgenommen. Zu sehr war er damit beschäftigt gewesen, sich zusammenzureißen. Er hatte sich bemüht, die ganzen Fischsprüche und das Gelächter an sich abprallen zu lassen und sich dafür auf sein neues Mantra konzentriert: Es kann nur besser werden. Es kann nur besser werden. Es kann nur … Es musste einfach.

Und noch viel wichtiger: Was war nur los mit Carl?

Offensichtlich ging es ihm nicht gut, aber warum war er so wütend auf Milo? Am allermerkwürdigsten war auf jeden Fall, dass er nicht zum Abendessen gekommen war. Der Carl, den Milo kannte, ließ keine Mahlzeit aus. Er lag auch nicht schon am Nachmittag im Bett und schlief. Nein, der Carl, den Milo in Namibia kannte, war immer unterwegs gewesen. Und dieser Rauchgeruch – ekelhaft. Dabei war Carl überzeugter Sportler und militanter Nichtraucher. Rauchen passte absolut nicht zu ihm.

Das Klassenzimmer füllte sich langsam und der Geräuschpegel nahm zu, während seine neuen Mitschüler nach und nach eintrudelten und sich dabei meist über irgendwelche Videos, die sie gesehen oder Spiele, die sie gezockt hatten unterhielten. In Namibia wäre er einer von ihnen gewesen. Wobei Ellie, Jake und Susan V mittlerweile selbst so gut kannten, dass sie bei der Erwähnung des Films vermutlich die Augen verdreht hätten. Er grinste. Wenigstens hatte er sie in Gedanken immer bei sich. Ob hier auch jemand den Film kannte?

Ein merkwürdiges Gefühl, wenn keiner mit einem sprach. Als ob er unsichtbar wäre. Ob sich Carl genauso fühlte?

Milo nahm sich vor, am Nachmittag noch einmal mit seinem Bruder zu reden. Man konnte doch nicht von einem auf den anderen Tag ein anderer Mensch werden, oder?

Heute morgen war Carl mürrisch und wortkarg gewesen, und so waren sie schweigend nebeneinanderher zur Schule geradelt.

Carls Lachen fehlte Milo genauso wie die Sonne und die Wärme Namibias. Ach, er vermisste den ganzen Kerl. Es kam ihm beinahe so vor, als lägen nicht Tausende Kilometer zwischen ihm und dem Land, in dem er und Carl geboren und aufgewachsen waren, sondern als hätte dieser Umzug eine unüberbrückbare Distanz zwischen ihnen beiden geschaffen. Seltsam. Dabei lebten sie nach wie vor unter einem Dach, Zimmer an Zimmer, und doch weiter entfernt voneinander als je zuvor.

Hoffentlich hatte es seinen kleinen Bruder nicht ganz so schlimm erwischt wie ihn selbst. Wenn Milo nur dafür sorgen könnte, dass Carl zurechtkam, dann müsste er sich wenigstens um ihn keine Sorgen mehr machen. Das löste zwar seine eigenen Probleme nicht, aber …

Die Klassenzimmertür wurde aufgestoßen und drei Jungs betraten den Raum. Einer davon war Max. Die anderen beiden schienen seine besten Kumpels zu sein. Ein großer, dünner mit Brille und vielen Pickeln im Gesicht stieß Max in die Seite.

»Guck mal, der Fisch ist schon da!«, sagte er und kicherte albern. Der andere, ein kleiner schmächtiger, lachte laut über den lahmen Scherz. Offensichtlich war er mitten im Stimmbruch, denn seine Stimme schwankte von einem kieksigen hohen Ton zu einem rauen Krächzen.

»Hast du deine Katze mitgebracht, Chef?«, fragte er und grinste.

Milo traute seinen Ohren kaum. Chef?

»Quatsch, Tim, du Blödsack. Ich hab doch gar keine Katze!«, sagte Max und stieß Tim grob in die Seite. »Und wenn, würde sie doch so einen Blindfisch gar nicht anrühren!« Gehässig grinsend fläzte er sich auf seinen Stuhl, während sich Tim neben ihn setzte und ihn bewundernd ansah, als sei er das Beste, was einem am zweiten Tag im neuen Schuljahr passieren konnte. Der große Blonde ließ sich auf der anderen Gangseite nieder.

Alle drei drehten sich zu ihm um, während nach und nach die anderen Schüler eintrudelten.

»Und Neuer, wie läuft’s? Wo kommst du eigentlich her?«, fragte Max und es klang eher neugierig als gemein, auch wenn sich Milo gewünscht hätte, er hätte ihn mit seinem Namen angesprochen und nicht mit »Neuer« – obwohl, im Grunde hatte Max ja recht. Er war neu. Und seine Chance auf ein einigermaßen erträgliches Schuljahr tendierte gegen null.

Milo nahm sich trotzdem vor, vorerst die Hoffnung nicht aufzugeben. Er lächelte ein wenig schief, aber mehr als das war einfach nicht drin. Er räusperte sich. So richtig wollte ihm seine Stimme heute Morgen noch nicht gehorchen.

»Ich komme aus Namibia, aus der Nähe von Windhoek. Und ich heiße Milo.« Es konnte bestimmt nicht schaden, es zu erwähnen. Vielleicht hatten sie seinen Namen einfach nur vergessen. Oder auch nicht.

»Was du nicht sagst, Neuer. Aus Namibia? Das ist doch irgendwo in Afrika? Wie kommt’s dann, dass du so weiß bist? Du bist echt der weißeste Nigger, den ich je gesehen habe! Und ihr, Jungs?« Beifall heischend drehte er sich zu dem langen Blonden um. Ein paar andere aus der Klasse hatten sich um Max herumgesetzt und lachten.

Oh Gott. In was war er da nur reingeraten? Eines war auf jeden Fall völlig klar: Sie hatten nicht einfach nur einen schlechten Start gehabt. Max suchte regelrecht jemanden, den er quälen konnte. Am liebsten mit Publikum. Und anscheinend hatte er in Milo diesen jemand gefunden.

Sarah war noch nicht da und Milo saß ganz allein in der letzten Reihe. Die Bänke vor ihm waren alle leer. Jeder, der bisher diesen Raum betreten hatte, setzte sich sofort neben Max. Milo kam sich vor wie ein exotisches Tier im Zoo, das von neugierigen Besuchern angestarrt wurde. Ein fremdes ekliges Tier. Genauso schauten ihn alle an. Vielleicht war unsichtbar sein doch die bessere Variante?

Sollte er aufstehen und Max sagen, dass er ihn in Ruhe lassen soll, weil er sonst … sonst … sonst was? Oder sollte er ihm einfach erklären, dass es viele Deutsche in Namibia gab, dass dieses Land bis 1915 eine deutsche Kolonie war und Deutsch-Südwestafrika hieß? Dass seine Großeltern immer noch dort lebten und schon seine Eltern dort geboren wurden? Was auch immer er tun oder sagen würde, es war vermutlich sinnlos. Max schien es nicht darum zu gehen, wirklich etwas über ihn zu erfahren. Was auch immer Milo tat, Max würde es gegen ihn verwenden. Milos vage Hoffnung, dass sich die Situation zum Guten wenden konnte, verpuffte.

Warum passierte das hier? Wie konnte es sein, dass ein Typ, egal wie groß und stark er war, eine solche Macht über andere besaß? Dass er einen Menschen, den er und überhaupt niemand in der Klasse kannte, in die Ecke drängen und fertigmachen konnte? Ohne Grund, ohne Zweck – einfach nur aus purer Lust am Quälen?

Milo verzog das Gesicht. Er spürte, wie Tränen hinter seinen Augenlidern brannten, und es kostete ihn alle Kraft, sie dort zu halten. Was auch immer passierte, Milo würde Max gegenüber niemals Schwäche zeigen, schwor er sich. Seinen Stolz konnte ihm dieser Typ nicht nehmen.

Als sich die Tür wieder öffnete, kamen vier Mädchen kichernd und quatschend herein. Abrupt blieben sie stehen, als ihre fröhlichen Stimmen auf eisige Stille prallten. Auch die Gruppe um Max wandte sich ihnen zu. Milo atmete auf. Wenigstens für ein paar Sekunden hatte er Ruhe. Zwei weitere Mädchen betraten das Klassenzimmer. Eines war Sarah und das andere war … Milos Mund wurde trocken. Ihr langes, glattes honigfarbenes Haar reichte ihr beinahe bis zur Hüfte und umrahmte ihr offenes Gesicht. Ihre helle Haut betonte den Kontrast zu ihren großen, blauen Augen. Wie der Himmel über Namibia. Groß und weit. Unendlich tief und trotz des klaren Blaus von einer großen Wärme. Sie war schlank, trug eine enge weiße Jeans und eine weite weiße Bluse darüber, dazu weiße Sneaker. War sie gestern auch schon da gewesen? Und wenn ja, wie hatte er sie übersehen können? Keine Frage: Sie war wunderschön. Für einen kurzen Moment vergaß Milo alles um sich herum. Die Geräusche, die Mitschüler, selbst die Gespräche über ihn. Er konnte nicht anders, er musste das Mädchen einfach anstarren.

Der Einzige, der ihn die ganze Zeit nicht aus den zusammengekniffenen Augen gelassen hatte, war Max.

»Ah, ach so! Sieh einer an, das ist ja interessant! Unser Neuer steht auf Nike! Na, da hat er sich ja genau die Richtige ausgesucht. Nicht wahr, Nike?«

Milo zuckte zusammen, als Max aufstand und den Arm um das Mädchen legte. Bitte, lass sie nicht auf diesen Typen stehen, flehte er in Gedanken und atmete erleichtert auf, als Nike versuchte, Max’ Arm abzustreifen.

Nike.

Was für ein außergewöhnlicher Name. Hieß nicht eine griechische Göttin so? Milo erinnerte sich vage an eine Unterrichtseinheit in Geschichte und daran, dass er es damals schon lustig fand, dass es eine Göttin gab, die wie ein Sportartikelhersteller hieß. Oder vielmehr andersherum natürlich.

Währenddessen strich Max ihr mit der anderen Hand über die Wange.

»Lass den Quatsch, Max! Finger weg, Mann!« Nike versuchte, ihn wegzuschieben, aber Max war mindestens einen Kopf größer und vermutlich beinahe doppelt so schwer wie sie.

»Aber wieso denn, Prinzessin? Gefällt dir das etwa nicht?« Er grinste gemein und zog sie näher an sich. Noch ein bisschen mehr davon und Milo wäre aufgestanden. Egal, was er hier auszuhalten hatte, niemand durfte ein Mädchen so behandeln. Niemand!

»Nein, es gefällt mir nicht. Und jetzt hau ab, Mann!« Zum Glück hatte Nike es geschafft, Max’ Hände abzustreifen.

Kurz kniff Max wütend die Augen zusammen, bevor er wieder sein selbstgefälliges Grinsen aufsetzte. Milo sah ihm an, dass es ihm sehr wohl etwas ausmachte, vor der gesamten Klasse eine Abfuhr zu bekommen, auch wenn er so tat, als wäre das alles ein großer Spaß. Ja, Milo konnte in seinem Gesicht lesen, dass Max trotz dieser groben Aktion nicht damit gerechnet hatte, von Nike so deutlich abgewehrt zu werden. Jetzt war er frustriert und wütend. Und wer war wohl das beste Ziel für seinen Frust? Milo sog die Luft ein und versuchte, sich innerlich gegen eine weitere Attacke zu wappnen, denn Max war aufgestanden und nach hinten gekommen. Jetzt stand er direkt vor Milos Tisch.